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Mittwoch, 27. August 2025

Der Schut (1964) nach Motiven von Karl May

Angefixt durch "Das Kanu des Manitu" habe ich angefangen, meine Bluray-Box mit sämtlichen Karl May-Filmen anzusehen. Bisher waren das "Der Schatz im Silbersee" (1962), "Der Ölprinz" (1965) und "Der Schut" (1964). Gut fand ich sie alle, doch ohne Lex Barker, der in den Filmen in die Rolle von Karl May schlüpft und Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi mit phantasievollem und aufrechtem Heldenmut verkörpert, sind diese Filme für mich nicht komplett. 

"Der Schut" ist daher einer meiner Lieblinge der Reihe, die sich bis in die 2000er Jahre großer Beliebtheit erfreute und immer wieder gern zu Feiertagen im Fernsehen gezeigt wird. Ich war zwölf, als ich ihn zum ersten Mal bei Freunden sah, und der Film hat bis heute nichts von seiner Faszination verloren.

 


Inhalt: Im Balkan wird Kara Ben Nemsis Freund Henri Gallingré von einer Bande entführt, die für den Schut arbeitet (oberschurkisch und abgrundtief gelb: Rik Battaglia) und Lösegeld von der Familie zu erpressen versucht. Kara Ben Nemsi heftet sich mit Gallingrés Frau (Marianne Hold) und den beiden schrulligen Engländern Sir David Lindsay (Dieter Borsche mit Hamsterbackenbart) und dessen Diener Archie (Chris Howland) auf die Fersen der Halunken. Mit von der Partie ist natürlich auch Hadschi Halef Omar, der loyale, aber etwas tumbe Sidekick Kara Ben Nemsis (Karl May wäre nicht besonders amüsiert von letzterem), gespielt von Ralf Wolter. Gleichzeitig wird auch Tschita (Marie Versini) vom Hof ihres Vaters gekidnappt, weil das das Handwerk der Halunken ist, Entführungen. Und weil Befreiung und Rettung das Handwerk Kara Ben Nemsis ist, nimmt er parallel mit Gallingrés Schicksal das des Mädchens in die Hand, um sie zu ihrem Verlobten zurückzubringen, der sich dem Suchtrupp anschließt zu dem Anwesen des Schuts. Der Weg dahin ist so steinig wie das montenegro'sche Geröll in der Felsenlandschaft, die als Drehort diente, doch natürlich siegt am Ende das Gute (kein Spoiler, weil das immer so ist bei Karl May).
 
 
Meine Karl May-Box

 
Meinung: Als Lex Barker-Fan, der ihn bereits als Fünfjährige im Winnetou bewundert hat, bin ich voreingenommen. Neben "Winnetou I" ist "Der Schut" mein absoluter Karl May-Klassiker. Das liegt auch an dem edlen und schlauen Rappen Rih und dem schneidigen Kostüm des Helden. Er macht ja eigentlich in allem eine gute Figur, sogar im Lendenschurz. Trotzdem sind die nächsten Teile der Orient-Trilogie für mich weniger reizvoll, weil er andere Kleider trägt und aus Gründen auch ein anderes Pferd reitet. Kleinigkeiten, ich weiß, aber frau achtet auf so etwas. 
 
Mit zwei Stunden Laufzeit ist "Der Schut" vermutlich der längste der Reihe, und doch wird es aufgrund des hoch gehaltenen Spannungsbogens keine Minute langweilig. Auch die Schauspieler sind bis in die Nebenrollen fantastisch besetzt (Friedrich Ledebur als klappernder Mübarek lehrt den Zuschauer selbst das Klappern, so unheimlich wirkt er). Die Filme sind allesamt digital remastered, was sie zu einem besonderen Sehvergnügen macht. Die Bildqualiät fiel mir als erstes auf. Gestochen scharf, erkennt man sogar kleine dramaturgische Ausrutscher, wenn man darauf achtet, etwa ein fallender Dietrich, den der Bandit im Würgegriff Gallingrés fallen lässt und in der nächsten Szene wieder in der Hand hält. Die trüben das Gesamterlebnis aber keineswegs. 
 
 
"Sihdi, werde einer von uns!" "Hmm... Turban steht mir nicht."

 
Wir haben uns sehr gut unterhalten gefühlt. Manchmal waren Kara Ben Nemsis Superkräfte vielleicht ein wenig zu viel des Guten, aber hey, er ist Karl May, und der war in seinen Romanen eine noch größere Naturgewalt. Außerdem nimmt man einem so athletischen Schauspieler wie Lex Barker den Alleskönner durchaus ab, der in der Tat die meisten seiner Stunts selbst ausgeführt hat - sehr zum Verdruss der Produzenten, die um Leib und Leben ihres Stars fürchteten. Hat sich aber gelohnt, denn kein anderer am Set hatte wohl ein so inniges Verhältnis zu Pferden, die in den Orientfilmen eine größere Rolle spielen als Iltschi und Hatatitla in den Western.
 
Bewertung:  💫💫💫💫💫
 

Montag, 27. März 2023

Der dritte Mann (1949) ~ Klassiker des film noir mit Orson Welles

 Sicherlich gibt es viele Reviews zum dritten Mann - und vermutlich bessere als meines es werden wird, habe ich den Verlauf der Handlung doch nicht allzu konzentriert mitverfolgt. Trotzdem hat mich der Film beeindruckt, vielleicht sogar wider Willen, da ich häufig der Meinung bin, dass Klassiker in Film und Literatur überbewertet sind. Dieser hier hat mich weniger aufgrund der damals technischen Specialeffects wie der expressionistischen Kameraperspektiven und dem Showdown durch die Wiener Kanalisation fasziniert, sondern vielmehr aufgrund der Handlung (Harry Lime / Orson Welles ist Schwarzmarkthändler mit verheerenden Folgen), der unaufgeregten Erzählweise und dem atmosphärischen und authentischen Nachkriegs-Wien, das zu jener Zeit abwechselnd von den vier Siegermächten verwaltet wurde. 

Ziemlich raffiniert ist der dritte Mann obendrein, und dennoch irgendwie simpel. Das muss Graham Greene respektive Carol Reed erst mal einer nachmachen.


Bildquelle: Amazon


Bemerkenswert ist natürlich auch die Eingangsmusik von Anton Karas, der die gesamte Musik für den Film komponiert hat, obwohl er nur in einer Gaststätte spielte, in der Regisseur Carol Reed ihn sozusagen entdeckte und unsterblich machte mit der unverwechselbaren Zithermusik.

Handlung: Der Groschenroman-Autor Holly Martins (Joseph Cotton) ist finanziell am Ende. Durch einen Brief seines Jugendfreundes Harry Lime (Orson Welles), in dem dieser ihm einen lukrativen Job verspricht, reist er von den USA nach Wien, um dort unterrichtet zu werden, dass Harry kurz vor seiner Ankunft einen tödlichen Verkehrsunfall hatte. 

Auf der Beerdigung erzählt ihm der britische Major Calloway (Trevor Howard), dass Harry in üble Geschäfte verwickelt und sein Tod das Beste für alle gewesen sei. Martins ist entsetzt und bezichtigt den Major der Verleumdung. Doch der mysteriöse Tod des Freundes, bei dem ausschließlich dessen Bekannte anwesend waren, lässt ihn nicht los, und so beginnt er, auf eigene Faust Recherchen zu Harrys Ableben anzustellen. Dabei gerät er immer tiefer in die skrupellose Wiener Unterwelt der Nachkriegsjahre und sieht sich bald selbst als Teil in einer unmenschlichen Maschinerie, die unaufhaltsam über ihn hinwegrollt. Und wer ist der dritte Mann, der half, Harry Lime von der Straße zu tragen, nachdem er verunfallt war?

Zu allem Überfluss verliebt sich der verdruckste Martins auch noch in Harrys Ex-Freundin, der Schauspielerin Anna Schmidt (Alida Valli), und es geschieht ein Mord am Portier, bei dem Martins nur knapp seine Unschuld beweisen kann. 

Major Calloway verpflichtet ihn als sein "Chefspitzel". Längst scheint Harry Lime nicht mehr so unbescholten zu sein, wie Martins ihn aus vergangenen Tagen kannte. Er erfährt, dass Harry Schiebergeschäfte mit verschnittenen Medikamenten machte, die bei Kranken und Patienten im Spital zu schweren bleibenden Schäden oder zum Tod geführt haben. Entschlossen, dem ein Ende zu setzen, willigt Martins in die Suche nach Harry ein, als nach einer Exhuminierung des Grabes feststeht, dass nicht Harry, sondern ein früherer Informant des Majors dort seine letzte Ruhe gefunden hat.

Meinung: Beim Bewerten und Anschauen von Klassikern versuche ich immer zu ergründen, was den Klassiker zu einem solchen gemacht hat. Natürlich wurde eingangs schon von der innovativen Kameratechnik, der damals wagemutig gefilmten Verfolgungsjagd und den expressionistischen Bildern geredet. Hinzu kommt eine vielzitierte Rede über Kuckucksuhren aus der Schweiz (!!!), die Orson Welles hält, als Joseph Cotton ihn stellt und die verdeutlichen soll, dass Großes nur aus Kriegen und schlechten Zeiten hervorgehen kann. Wahrscheinlich hat er da gar nicht mal so unrecht, der gute Orson. Und trotzdem wünscht man sich, alle Länder wären wie die Schweiz (auch wenn es dort keine Kuckucksuhrmacher gab - die kommen ursprünglich aus dem Schwarzwald). Was genau den Film zu einem Meilenstein der Filmgeschichte macht, kann ich nicht sagen. Das ist aber auch gar nicht nötig, denn er gab Stoff zum Nachdenken und anschließenden Diskutieren, vielleicht sogar ein wenig Philosophieren.

Alles in allem habe ich mich gut unterhalten gefühlt. Es gab keine überdurchschnittlich dramatischen Momente - was ich als sehr wohltuend empfand - und dennoch blieb die Geschichte spannend und durchdacht.

Und last but not least hieß der Major wie mein Romanheld Mickey in "Affettuoso" und "Camera Obscura", das war ein weiterer Pluspunkt. Wenngleich ich meine, dass ich mir den Namen wohl aus dem großen Gatsby entliehen habe. Noch so ein Klassiker...


Bewertung: Vier von fünf Penicillinspritzen 💫💫💫💫



Mittwoch, 11. Januar 2023

Serie "Heidi" mit René Deltgen und Katia Polletin (1978)



Die Rede ist hier nicht von der bekannten Anime-Serie aus den frühen 1970er Jahren, sondern der Realverfilmung des Klassikers von Johanna Spyri, auch in Serienform mit 24 Folgen. Sie entstand vier Jahre später als die Zeichentrickserie, ist (leider) nicht so populär im Sinne von bekannt wie diese und wird von uns als Familie gerade begeistert gesuchtet und gefeiert. Erstaunlicherweise kann es jeder von uns kaum abwarten, bis es Abend wird und wir uns zu einem weiteren Hei(di)-light vor dem Fernseher treffen.
 
 

 

Die Handlung und Geschichte des Schweizer Alpenmädels Heidi ist wenig komplex und doch ungeheuer lehrreich. Als achtjährige Waise kommt sie auf die Alm zu ihrem Großvater, den man im Dörfli unten nur als "Alp-Öhi" kennt und fürchtet. Er soll jemanden umgebracht und auch sonst empörend viel auf dem Kerbholz haben. Außerdem meidet er die Bewohner des Dörflis und lebt das Dasein eines Eremiten. Nur der Geißen-Peter kommt hin und wieder, um Bärli und Schwänli, die Ziegen des Öhis, zu hüten. Entsprechend abwertend redet man über den Öhi  und will ihm das Kind wegnehmen oder zumindest dafür sorgen, dass es zur Schule geht und unten im Dorf wohnt. 

Wider Erwarten verstehen er und Heidi sich nach anfänglichen Angewöhnungsschwierigkeiten besser, als beide gedacht hätten. Heidi kann sich keinen Ort vorstellen, am dem sie glücklicher wäre als in den Bergen beim Großvater, und der Öhi entdeckt seine Freude daran, Heidi das Leben zu erklären und ein richtiges Naturmädl aus ihr zu machen. 

Bald jedoch endet die Idylle: Tante Dete holt Heidi als "Gespielin" für die kranke Klara Sesemann nach Frankfurt. Dort ist es vorbei mit frischer Luft, der Ungezwungenheit und Freiheit, musste Heidi beim Öhi doch nicht einmal das ABC lernen. Jetzt wird ihr Etikette eingetrichtert von Klaras Gouvernante Fräulein Rottenmeier, die im Bestreben, ihrem Dienstherrn (in den sie verliebt ist) zu gefallen, häufig besonders streng mit der armen Heidi umgeht. Außerdem glaubt sie, dass Heidi unzurechnungsfähig und zurückgeblieben ist. Nur der Diener Sebastian hat Mitleid und erweist Mamsell Adelheid mehrere Gefallen oder wird zu ihrem heimlichen Verbündeten.

Obwohl sie und Klara beste Freundinnen werden, vermisst Heidi ihre Berge und den Großvater so sehr, dass sie krank wird und zurückgeschickt werden muss. Aber sie freut sich sehr auf den angekündigten Besuch von Klara in die Schweiz zu ihr und dem Öhi - sehr zum Missfallen des eifersüchtigen Geißen-Peters, der sich zu einer folgenschweren Handlung hinreißen lässt, als der Besuch aus Deutschland endlich eintrifft...

 

Heidi erhält Post

Meinung: Wie gesagt, wir sind begeistert! Und das durch die Bank weg jeder, was wirklich etwas heißen will. Die Schauspieler sind authentisch und so treffend ausgewählt, dass man kaum glauben mag, dass sie nur in die ihnen zugedachten Rollen geschlüpft sind, angefangen von René Deltgen als Alp-Öhi über Brigitte Horney als Großmutter Sesemann und sämtliche "Nebencharaktere" wie der Geißen-Peter, seine Familie und die Dorfbewohner oder aber die Dienerschaft in Frankfurt. Die entzückende, erfrischende und natürlich spielende Titelheldin alias Katia Polletin wechselte danach das Fach und wurde Architektin. Ihre Heidi ist die bei weitem beste, die ich gesehen habe und der empathischen Vorlage am nächsten, ebenso wie die Handlung, die sich auch vor unbequemen Themen und essentiellen Fragen nicht scheut. Dazu gehört auch die tiefe Gläubigkeit von der freigeistigen und progressiven Oma Sesemann, die Heidi über ihr Heimweh hinweghilft und ihr sogar das Lesenlernen erleichtert. Nicht zuletzt beschließt Gott, Heidi wieder nach Hause zu schicken, aber erst, nachdem sie im Hause Sesemann Gutes bewirkt hat. Jedenfalls versteht es Heidi so, und tatsächlich hat sie recht damit.

Das Tempo ist schweizerisch beschaulich, mit wenig Aufregern und Dramen, wobei es auch davon einige gibt. Besonders schön ist freilich neben dem feinen Cast die imposante Landschaft mit den Bergen und die Sorgfalt, mit der die Kulisse ausgesucht wurden (es wurde im Engadin und naheliegenden historischen Altstädten rund um Frankfurt gedreht).

 Fazit: Einfach bezaubernd, liebevoll gemacht und zeitlos trotz der im TV oft angestaubten 1970er Jahre, ist "Heidi" eine tolle und ungewöhnlich tiefsinnige Unterhaltung für Groß und Klein, die noch nach dem Anschauen zu gegenseitigem Diskutieren einlädt. 

Wenn eine der unzähligen "Heidi"-Verfilmungen, dann diese! Und das am liebsten mehrmals hintereinander.

 

Bewertung:  💫💫💫💫💫

 

Fotos: Amazon


Freitag, 5. November 2021

"And then there were none" (2015) ~ Dreiteiler nach Agatha Christie

 Als Fan von Agatha Christie kann ich mich nicht wirklich bezeichnen, und trotzdem ist dieser Thriller aus ihrer Feder ein Meisterwerk aus Grusel, Psychologie und Spannung. Und die Besetzung aus namhaften Schauspielern top!

 


Handlung: Acht Personen, die sich nicht kennen, werden unter dem Vorwand, Gäste einer Party zu sein bzw. das Personal zu unterstützen, auf eine einsame Insel in Devon zu dem Anwesen des nie in Erscheinung tretenden Ehepaares Owen eingeladen. Das Haushälterpaar Rogers sind die einzig Verbliebenen der Bewohner, doch sie geraten bald in Verdacht, den Ankömmlingen schaden zu wollen - der draufgängerische Mr. Marston (Douglas Booth) wird mit Zyankali vergiftet und stirbt. Doch auch der Arzt Edward Armstrong (Toby Stephens) wird verdächtigt. 

In den nächsten Tagen gibt es unter den Gästen immer mehr Verunfallte, die unter mysteriösen Umständen das Zeitliche segnen und oft in merkwürdig skurrilen Situationen den Tod finden. Die junge Gouvernante Vera Claythorne (Maeve Dermody) findet heraus, dass die zehn Jadefiguren auf dem Tisch und der Kinderreim "Ten little Soldier Boys / Zehn kleine Negerlein" (der in jedem Zimmer der Gäste hängt) in direktem Zusammenhang mit den Ereignissen stehen. Zunächst wird ihre Theorie lächerlich gemacht, doch als der Diener und seine Frau als bisher Hauptverdächtige sterben, beginnt die Hysterie. Jeder verdächtigt jeden, man lässt sich nicht mehr aus den Augen, konspiriert untereinander und ist verzweifelt bemüht, die eigene Haut zu retten.

Wie der Titel jedoch schon verrät, bleibt am Ende keiner mehr übrig. Und jeder, der später auf die Insel kommt, wird sich wundern, denn keiner der Todesfälle kann aufgeklärt werden. Nur der Zuschauer weiß, welches Grauen sich dort abgespielt hat.

Meinung: Gekauft habe ich mir "And then there were none" seinerzeit wegen Toby Stephens, aber ich muss sagen, der Film ist auf allen Ebenen eine Perle. Auch die übrigen Darsteller sind überzeugend, das 1930er Jahre-Setting des herrschaftlichen Anwesens und die gesamte Ausstattung unglaublich authentisch, und überdies bietet die Geschichte psychologische Raffinesse at its best. Was mir an Agatha Christie-Stoffen nie so gefällt, ist die wie aus heiterem Himmel kommende Aufklärung der Tat, die meist von einem neunmalklugen Hercule Poirot oder der pfiffigen Miss Marple verklickert wird - hier ist das nicht so, und das nicht, weil beide Figuren in dieser Geschichte nicht vorkommen. Man wird überrascht, kann aber nachvollziehen, was geschehen ist bzw. wo die Ursachen liegen, die zu dem Grauen auf der Insel führen. Und der (im Deutschen nicht mehr politisch korrekte) Kinderreim ist so geschickt eingebaut in das Ganze, dass ich meinen Hut ziehe vor Mrs. Christies Können. 

Ein großer Bonus ist der Gänsehaut-Faktor, der mehrmals auftritt. Denn hier wird man Zeuge von seelischen Abgründen und Traumata, die jeden Protagonisten gefangenhalten und ihn letztendlich zerstören. Dazu gehören auch die eingefügten Rückblenden, die durch ihren wiederkehrenden Charakter oft ein wenig geisterhaft anmuten. Und ich mochte alle Schauspieler, die exzellent ihre Rollen spielen. Man merkt allen an, dass sie Spaß hatten.

Fazit: Ein makaberer und wirklich düsterer Thriller, der von der gewohnten, eher locker-flockig unterhaltsamen Christie-Kost abweicht, obwohl man Parallelen zu weiteren ihrer Werke feststellen kann. Psychologisch ausgefeilt wie immer, aber irgendwie dennoch anders. Absolute Empfehlung!

 

Bewertung:  💫💫💫💫💫



Mittwoch, 13. Februar 2019

Review Jane Eyre (BBC, 2006)

Auf diesen grandios umgesetzten Klassiker von Charlotte Bronte bin ich durch den englischen Schauspieler und Maggie Smith-Spross Toby Stephens gekommen, der mir von einer amerikanischen Freundin durch die Serie "Black Sails" vorgestellt wurde. Die Serie selbst fand ich eher durchschnittlich, wäre da nicht der rothaarige und knurrige Captn. Flint mit seinem dunklen Geheimnis gewesen. Der irgendwie interessante Typ machte mich neugierig auf weitere Filme, und daher ließ "Jane Eyre" nicht lange auf sich warten.




Zum Inhalt brauche ich wenig zu sagen. Das Waisenkind Jane (Ruth Wilson), verstoßen von ihrer hartherzigen Tante, nimmt eine Stelle als Gouvernante in Thornfield Hall an, dem Anwesen des rastlos reisenden Edward Fairfax Rochester (Toby Stephens). Obwohl beide am Tag ihrer ersten Begegnung gegenseitige Seelenverwandtschaft feststellen, tut sich vor allem der eigenbrötlerische und ungehobelt wirkende Rochester schwer, seine Gefühle für ein einfaches und viel zu junges Ding einzugestehen. Außerdem gibt es da noch eine Last im Nordturm, die er nicht über Bord bzw. die Burgzinne werfen kann. Jane hingegen glaubt trotz aller ihrer zur damaligen Zeit erstaunlichen Emanzipation, dass der Herr nur mit ihr spielen will. Schließlich hat er offenbar vor, eine Dame seines Standes, die schöne Blanche Ingram, zu ehelichen. Aber es kommt alles ganz anders... und doch wie erwartet.

Meinung: Es gibt viele Verfilmungen von Jane Eyre, und gewiss auch gute. Ein Beispiel für eine zwar ästhetisch ansprechende, aber eher blutleere Umsetzung des Stoffes ist die Kino-Version von 2011 mit Mia Wasikowska und Michael Fassbender, die an derselben Location gedreht wurde (Haddon Hall in Derbyshire). 

Für mich war die BBC-Version die gefühlvollste, schönste und farbenprächtigste. Das liegt vor allem an Toby Stephens, der mir als Nichtkenner des Buches zum ersten Mal gezeigt hat, dass ein Rochester nicht perfekt aussehen soll (und doch attraktiv ist), und dass er auch ziemlich barsch und unangenehm sein kann, ohne es zu beabsichtigen. Seine Unsicherheit überspielt er mit Zynismus, ironischem Selbsthass und vorgetäuschter Gleichgültigkeit.





Anders als der stets mitleiderregend leidende und lethargisch wirkende Michael Fassbender in derselben Rolle (sorry, der Vergleich muss erlaubt sein) meistert Toby Stephens Rochesters Ambivalenz von hart zu zart mit souveräner Sprunghaftigkeit, und es gelingt ihm dabei sogar, einen Hauch Animalismus zu versprühen, der dem Womanizer Edward Rochester wohl von Charlotte Bronte auf den Leib geschrieben wurde. Dass er mehrere unerfüllte Affären auf den West Indies und in Paris hatte, bei denen er stets der Dumme war, wurde in der züchtigen späteren Kinoversion nur angedeutet.

Apropos züchtig: zwar ist der Mehrteiler bereits ab sechs Jahren freigegeben, doch teilweise geht es für das viktorianische England recht heftig zur Sache. Die Szene, in der Jane nach der geplatzten Hochzeit ins Schlafzimmer flüchtet und Rochester sie bekniet, als Bruder und Schwester am Mittelmeer zusammenzuleben, zeigt deutlich, dass er nicht unbedingt vorhat, seinen edelmütigen  Plan in die Tat umzusetzen. Die Szene mitsamt Beleuchtung, das eindringliche Gesäusel und das engumschlungene (unverheiratete!) Paar auf dem Bett ist an knisternder Erotik kaum zu überbieten... (O; Und trotzdem zeigt sie am deutlichsten, wie ernst es Rochester mit seinem Angebot ist. Für mich war sie die beste im ganzen Film.




Zwei kleine Kritikpunkte habe ich, die sich aber nicht auf mein wohlwollendes Gesamturteil auswirken: die ein wenig kitschige Schluss-Szene mit dem Familienporträt war wichtig für Jane, die als kleines Kind davon ausgeschlossen wurde, aber für meinen Geschmack doch etwas dick aufgetragen. Keine Ahnung, ob sie im Buch eine ebenso wichtige Rolle spielt. Dann wäre sie nämlich zu entschuldigen.

Der zweite Punkt ist gravierender, hat mich glücklicherweise jedoch nicht besonders tangiert, da ich den Film zuerst im Original geguckt habe. Die Synchronisation ist so grauenvoll und holprig, dass ich mich gefragt habe, wie man derart dreist aus dem "drawing room" einen Zeichensaal und aus dem deutschen "Handschuh" einen denglischen "handshoe" machen kann, und das waren die auffälligsten Schnitzer neben mehreren. Dazu gehört auch Rochesters onkelhafte deutsche Stimme, die viel zu alt und gesetzt klang im Vergleich zu Mr. Stephens sexy kehligem Organ. Wer englisch kann, sollte sich den Film unbedingt im Original anschauen!

Bewertung: begeisterte

👍👍👍👍👍



Sonntag, 19. November 2017

Neue Lieblingsserie: Poldark (2015 - ?)

Lange habe ich mich trotz der interessanten Zeitperiode und der offenbar riesigen Fangemeinde gesträubt, die Neuauflage von "Poldark" nach den Romanen von Winston Graham aus den 1940er Jahren zu gucken. Ich fand, dass die Geschichte eher banal klang (Landadliger kehrt vom Krieg in Übersee heim und bringt sein verwahrlostes Gut auf Vordermann), und zudem war mir der Schauspieler Aidan Turner (die Hauptfigur Ross Poldark) als Zwerg Killi im Hobbit in eher durchschnittlicher Erinnerung. Das glutvolle Latino-Aussehen, naja, davon sollen andere schwärmen; ich steh' ja generell eher auf den nordischen Typ. Und auch nicht so wirklich auf Romanzen.

 


Vor kurzem gab es bei Amazon ein Triple-Angebot über die ersten Staffeln neuer Serien. Wir wählten Taboo, Königin Victoria und Poldark. Das erste war ein ziemlicher Reinfall, und ganz ehrlich, auf die Queen habe ich seit Poldark keine Lust mehr.

Ich warte jetzt sehnsüchtig auf Staffel 3 als DVD / Bluray-Box mit englischer und deutscher Tonspur, würde am liebsten die ersten beiden Staffel gleich nochmal gucken und überrasche damit mich selbst. Warum finde ich die Serie eigentlich so klasse, denn ganz ehrlich: viel Spannung und Unvorhergesehenes geschieht in Poldark nicht. Ganz im Stil des 18. Jahrhunderts wird geliebt und gelitten, geheiratet (freiwillig und unfreiwillig), intrigiert, geboren und gestorben, und man kann ziemlich sicher sein, dass keine fantastischen oder übersinnlichen Phänomene diese Routine und die Idylle von Cornwall auf Dauer trüben. Was mich aber doch sehr beeindruckt hat, waren neben den atmosphärischen Bildern und der Ausstattung vor allem die sorgfältig ausgearbeiteten und authentisch handelnden Charaktere. Und - ich gebe es zu - die wechselhafte Geschichte von Ross und Demelza.

Mit der bodenständigen Bergmannstochter kam endlich mal eine fiktive Frauenfigur, die ich mag. Sie sieht apart aus und hat eine natürliche Ausstrahlung, und sie liebt ihren ihr gegenüber manchmal unverständig reagierenden Ross, lässt sich aber nichts gefallen, ist kein Zuckerpüppchen und hat ihren eigenen Kopf. Zugleich ist sie verletzlich und braucht ihren Mann, den sie als ihren Seelenverwandten betrachtet und umgekehrt. Eitel Sonnenscheint herrscht bei den Poldarks darum keineswegs, doch ich freue mich immer auf Szenen, in denen sich die beiden necken und respektvoll miteinander umgehen, ohne den jeweils anderen auf ein Podest zu heben. Lebensnah, halt. So, wie eine Ehe sein sollte. Diesbezüglich macht Ross am Ende der zweiten Staffel Demelza eine bewegende Liebeserklärung.

Auch die weiteren Figuren sind mir ans Herz gewachsen. Besonders der gutherzige und erstaunlich progressive Landarzt Dwight Enys (Luke Norris) hat mich im Sturm erobert. Ich hoffe ja, dass ihm als frischgebackener Marineoffizier in der nächsten Staffel nichts allzu Schlimmes passiert; der Tod von Ross' Cousin Francis war schon ein richtiger Schock, dabei gehören er und seine Frau (und Ross' erste Liebe) Elisabeth eher zu den etwas statischeren Charakteren, mit denen ich nicht allzu viel anfangen konnte. Und doch, mit einem Trost an Demelzas Zweifel kurz vor dem tragischen Unfall im Bergwerk hat er es geschafft, mich zu Tränen zu rühren. Vielleicht ist das das Geheimnis, was für mich den Reiz der Serie ausmacht. Jede Figur hat ihre Fehler, aber auch Stärken, und vor allem: sie haben das Herz am rechten Fleck. Alle, bis auf den fiesen George Warleggan (Jack Farthing). Aber selbst er handelt nachvollziehbar in seinem Neid auf Ross und hat nicht nur dunkle Seiten, ist er doch ebenso wie sein Erzrivale für Elisabeth entflammt.

Viele Szenen und Dialoge überwältigen in ihrer Schönheit und Weisheit, ohne in Kitsch abzudriften, denn man spürt, dass die Charaktere tatsächlich meinen, was sie sagen oder tun. In anderen Serien wäre das wohl ein biederes und wenig zugkräftiges Konzept, doch bei Poldark funktioniert es. Ich freue mich jedenfalls sehr, nach Turn: Washington's Spies wieder eine Serie gefunden zu haben, bei der ich richtig mitfiebern kann. Von der tollen Landschaft Cornwalls will ich gar nicht erst reden; für viele Zuschauer ist sie der heimliche Star der Show.

Poldark ist nicht nur Unterhaltung auf hohem Niveau vor eindrucksvoller Kulisse, sondern irgendwie genauso erdverbunden wie die meisten ihrer Darsteller. Und das tut schon mal ganz gut bei dem ganzen Effekt-Overload mit Welten-Retten-Gedöns und dem Schenkelklopf-Sarkasmus der neuen Serien und Filme auf dem Markt. Liebenswert altmodisch eben.








Sonntag, 22. Januar 2017

Hannibal, die Serie (2013-2015)

Eine Weile hat es gedauert, bis ich mit "Hannibal" warm wurde. Trotz Mads Mikkelsen. Obwohl ich Serien nicht konsumiere, schaue ich mir gern welche an, da es - wie schön! - Fortsetzungen gibt. Wenn einem Figuren und Geschichte gefallen und zum Mitdenken und Interpretieren anregen, kann es (fast) nichts Unterhaltsameres geben.




Hannibal ist so eine Serie. Sie hat einige Gemeinsamkeiten zu "Sherlock", der allerdings für meinen Geschmack bereits in der dritten Staffel stark nachgelassen hat. Auch in Hannibal geht es um die Beziehung zweier Außenseiter, die voneinander nicht lassen können. Das Interessante für mich dabei sind weder die grotesken Fälle noch die inflationären Splatter-Elemente (durch die Hannibal Lecter gelegentlich seine Zuneigung zu FBI-Profiler Will Graham ausdrückt), sondern vielmehr der psychologische Aspekt, der schon allein durch Hannibals Beruf als ehemaliger Chirurg und praktizierender Psychologe gegeben ist. Doch ein Klient bringt seine kühle Professionalität ins Wanken: als Will Graham (Hugh Dancy), von seiner Arbeit beim FBI überfordert, bei Hannibal Therapiestunden nehmen muss, erkennt Hannibal einen Seelenverwandten in dem welpenhaft plüschigen, oft missverstandenen, aber um die Ecke denkenden Will, der sich selbst als Asperger-Autist beschreibt. Seine damit einhergehenden Fähigkeiten sind es, die das FBI auf ihn aufmerksam machten, da er ein hohes Maß an Beobachtung und Empathie besitzt und sich in die Denkweise eines Killers / Verbrechers hineinversetzen kann. Hannibal ist fasziniert.

Seine Faszination geht so weit, dass er eine Freundschaft zu Will anstrebt, die diesem gar nicht behagt - ahnt er doch als Einziger von Hannibals dunkler Seite, die ihn in fiebernden und wirren Alpträumen verfolgt. Er ist von dem charismatischen Psychotherapeuten wider Willen beeindruckt und unfähig, sich dessen manipulativem Einfluss zu entziehen. Wenn man Mads Mikkelsen seinen Hannibal spielen sieht, kann man ihm das auch kaum verdenken.

Nach außen hin kultiviert, elegant und souverän, besitzt Hanni-Mads eine Anziehungskraft, die er nicht nur bei Will skrupellos einsetzt, sondern bei allen, die ihm beim Erreichen seiner Ziele nützlich sein können. Anders als Will werden die übrigen Opfer allerdings selten bis gar nicht verschont.





Vielleicht ist die Serie hauptsächlich "Sick-Shit", mit den sehr kontroversen Themen und Gemetzeln, und bisweilen geht mir der übertrieben werbeästhetische Anspruch des Erfinders Bryan Fuller auf den Senkel und stiehlt Zeit, aber ganz ehrlich - "Hannigram" macht für mich die Serie sehenswert. Ich finde es recht mutig, eine solch ungewöhnliche Beziehung  in einer Fernsehserie zu porträtieren, selbst wenn es nie zu eindeutig körperlicher Intimität kommt. Mads Mikkelsen meistert die Gradwanderung vom unnahbaren Narzissten über den "antisozialen Gesellschaftsmensch" zum besitzergreifenden Welpen-Beschützer mit Bravour und einem unschlagbar charmanten Akzent.

In jeder Szene zwischen den beiden Männern flirrt die Luft vor Spannung. Es muss gar nicht viel passieren oder gezeigt werden, um zu verdeutlichen, dass es in Hannibal um eine zerstörerische Liebe geht, die keine Zukunft hat und die dennoch berührt, etwa wenn Hannibal zu epischen Klängen seine Gefühle für Will offenbart. Irgendwie tun einem dann beide leid, denn trotz Hannibals wüsten Neigungen bleiben sowohl er als auch Will nachvollziehbare Charaktere in ihrem Handeln.

Leider sieht es momentan für die Serie düster aus - die dritte Staffel war die vorläufig letzte, obwohl eine Miniserie nach den Motiven von Thomas Harris' "Das Schweigen der Lämmer" angedacht wird. Vielleicht war das Thema zu blutig-brisant und wurde zu ernst genommen, vielleicht haben sich viele Zuschauer geekelt (ich mich oft auch), aber ich hoffe sehr, dass es in nicht allzu ferner Zeit eine Fortsetzung gibt, in der beide Protagonisten das dramatische Finale überlebt haben.









Mittwoch, 19. Oktober 2016

Review "Die Insel der besonderen Kinder" (Tim Burton, 2016)

Endlich scheint mein Vorsatz zu klappen, öfter ins Kino zu gehen, so wie gestern in die Buchverfilmung von Ransom Riggs. Von dem Roman habe ich zwar öfter schon gehört, ihn aber nicht gelesen, daher weiß ich nicht, ob sich Tim Burtons neuestes Werk detailgetreu daran hält oder er sich einige Freiheiten erlaubt hat, die mir nicht ganz klar waren. Jedenfalls habe ich mich gut unterhalten, und der Film war originell, mit gigantischen Effekten und tollen Darstellern. Allerdings fehlte mir ein bisschen das gewisse Etwas, das die früheren Tim Burtons auszeichnet, wie z.B. "Edward mit den Scherenhänden."




Handlung: Der sechzehnjährige Jacob Portman lebt in Florida, ist ein Außenseiter und hat eine besondere Beziehung zu seinem Großvater Abe, der ihm als kleinem Jungen Geschichten erzählt hat, die Jakes Eltern für eine Ausschmückung der Geschehnisse im zweiten Weltkrieg halten. Eines Nachts findet der Enkel ihn ohne Augen hinter seinem Bungalow und kann gerade noch ein schreckliches Monster durch den Wald laufen sehen, das es offensichtlich auf den Großvater abgesehen hatte. Bevor er stirbt, teilt Abe Jake noch mit, dass er zu Miss Peregrine nach Wales gehen soll und sie ihm alles erklären wird.

Der Tod des geliebten Opas löst eine Depression in Jake aus, deretwegen er sich in psychiatrische Behandlung begeben muss. Da die Alpträume nicht nachlassen, rät die Psychologin Jake, eine Reise nach Wales zu unternehmen, um sein Trauma bewältigen zu können. Gemeinsam mit seinem Vater befolgt Jake den Rat und erlebt seltsame Dinge auf der Insel Cairnholmes. Er lernt die besonderen Kinder kennen - sie altern nicht und nehmen Jake mit in eine Zeitschleife, in der sich unaufhörlich ein Tag im September 1943 wiederholt; der Tag, an dem Miss Peregrines Kinderheim bombardiert wurde. Miss Peregrine stellt die Zeitschleife selbst her und kann so sich und die Kinder beschützen. Nicht jedoch vor einer Gruppe "Hollows", die einst ebenfalls besondere Kinder waren und durch eigene Experimente "misslungen" und nun böse sind. Sie sind auf der Jagd nach Augen, die sie essen müssen, um ihre Suche nach dem ewigen Leben fortsetzen zu können. Dank Jakes Fähigkeit, die an sich unsichtbaren Monster sehen zu können,  kommt es zum Kampf zwischen den Hollows und den besonderen Kindern. Als dieser nach dem Durchtreten diverser Zeitschleifen gewonnen wird, hat Jake seinen Großvater retten können, kann durch die Zeit reisen und hat außerdem die Liebe seines Lebens gefunden: die leichtgewichtige Emma, die nur dank Bleischuhen nicht den Boden unter den Füßen verliert.

Überhaupt sind alle Kinder in Miss Peregines Heim tatsächlich außergewöhnlich. Natürlich passt da auch der in der gewöhnlichen Welt als Sonderling geltende Jake hinein - wie sein Großvater vor ihm.





Meinung: Wie bereits erwähnt, fand ich den Film sehr unterhaltsam. Überraschend ist er und voller Ideen, die mich zum Staunen und auch zum Gruseln gebracht haben. Mein Highlight war das Schiffswrack RMS Augusta, das durch die luftige Emma und den vereinten Kräften der allesamt schnuckeligen Kinder wieder fahrtüchtig gemacht wurde. Wahnsinn, wie viel Detailgenauigkeit da drinsteckt! Aber irgendwas an der Geschichte war nicht ganz rund. Ich bin es eigentlich von Tim Burton gewohnt, dass er bittersüße Gefühle weckt (vielleicht auch durch Danny Elfmans zauberhaften Soundtrack, der hier fehlt), und das war in keiner einzigen Szene der Fall. Technisch super und einwandfrei gespielt, mangelt es der Insel der besonderen Kinder m. M. nach an Tiefe und märchenhaft rührenden Momenten. Auch war ich unzufrieden mit dem Schicksal des armen Victor, der später, als sich die Zeitschleife auf Cairnsholmes auflöst, mit keiner Silbe mehr erwähnt wird. Was hätte ich mich gefreut, wenn er ebenfalls den Hollows entkommen wäre! Vielleicht wird im Buch genauer auf ihn eingegangen ebenso wie auf Grandpa Portmans Vergangenheit. Aber um das herauszufinden, müsste ich es lesen... und ich bin mir nicht sicher, ob mir der Film in diesem Maß Lust darauf gemacht hat. Teilweise fand ich die Horror-Effekte für Kinder auch zu krass - ich konnte selbst kaum die Augen schließen in der Nacht aus Angst, jemand reißt sie mit rosaroten Tentakeln heraus.


Bewertung:

👍👍👍 und ein halber 👍




Montag, 29. August 2016

Review "Wuthering Heights" (1992) nach Emily Bronte

Momentan versuche ich mich an den englischen Klassikern. Es ist ein bisschen beschämend, wenn man als quasi anglophile Autorin die Brontes und Jane Austen nur vom Hörensagen kennt. Das im Titel genannte Buch habe ich tatsächlich irgendwann mal angefangen zu lesen - und wieder aufgegeben. So sehr es wohl zu Recht ein Klassiker ist, konnte es mich nicht wirklich fesseln. Da ich aber wie die Brontes eine Vorliebe habe für einsame, schaurige Gegenden, menschliche Abgründe und dramatische Wendungen, habe ich es bequemerweise mit der Verfilmung probiert, die sich nahe an die Vorlage hält. Ralph Fiennes als Heathcliff hat seinen Teil dazu beigetragen, aber nicht wirklich geholfen, was mein Verständnis für den Stoff respektive meine Begeisterung entfacht hätte. Ich glaube fast, es ist für mich kein Versäumnis, bei britisch-literarischem Allgemeinwissen nicht zu punkten. Außer für den unwahrscheinlichen Fall, ich säße mal bei einer Quizsendung auf dem heißen Stuhl.

 

 

Die doch recht simple Handlung hat sich mir nicht im Detail eingeprägt, leider. In Emily Brontes Roman geht es um Rache und alles verzehrende Liebe, die doch keusch bleiben muss, und ich fragte mich die ganze Zeit, weshalb, waren Catherine Earnshaw (Juliette Binoche) und Heathclifff doch gar keine leiblichen Geschwister, nicht einmal entfernt miteinander verwandt. Warum die Tussi ihn nicht haben wollte und stattdessen den faden Edward geheiratet hat, blieb mir ein Rätsel. Immerhin haben sich beide in schwülstigen Ergüssen seit Kindesbeinen ihre Liebe zueinander geschworen, und was macht's, dass Heathcliff ein Zigeuner ist? Oder habe ich etwas Wichtiges verpasst?


Jedenfalls kommt seine Rache für die stumme Zurückweisung über die gesamte Familie, wenn er nicht gerade die Diva spielt und sich gekränkt zurückzieht. Die Sprache fand ich gewöhnungsbedürftig, die Dialoge fast zu symbolträchtig für alles Kommende ("Wenn du mich noch einmal küsst, Heathcliff, dann sterbe ich." - und so war es.). Catherine segnet das Zeitliche natürlich im Kindbett wie alle anderen schwangeren Frauen im Roman. Siebzehn Jahre später ergreift Heathcliff die Gelegenheit, ihre Tochter zu kidnappen, nachdem er sich bereits Hareton, den Sohn von Catherines leiblichem Bruder Hindley, unter den Nagel gerissen hat, seines Zeichens legitimer Erbe von "Wuthering Heights", was dieser jedoch nicht weiß. Ziemlich perfide, vor allem, da Heathcliff Catherines Tochter aus Habsucht mit seinen eigenen Spross zwangsverheiratet, der dem frühen Tod geweiht ist wie alle Protagonisten. Denn Heathcliffs Handeln bleibt nicht ungesühnt: als ein zufälliger Besucher von einer merkwürdigen Erscheinung des Nachts im Anwesen berichtet, weiß er sofort, dass es sich um Catherines Geist handelt, die ihn zu sich lockt. Sein Ende wird als Unfall dargestellt, und für Catherines Catherine und Hindleys Hareton beginnt ein neues Leben... (und *das* wäre doch skandalöser als eine Verbindung zwischen Catherine Earnshaw I. und Heathcliff, oder? Immerhin sind die beiden Cousin und Cousine.)

Nun muss ich mir ein wenig weibliche Oberflächlichkeit zugestehen: Trotz der schlecht sitzenden Perücke oder den lieblos angeknüpften Extentions war Ralph Fiennes ein Hingucker in dem zeitgenössischen Gehrock. Außerdem war er zu Prä-Voldemort-Zeiten einer der international gefragtesten Schauspieler auf der Bühne und im Film, und auch das hat seinen Grund. Der verschlossene und eifersüchtige Heathcliff agiert und reagiert nicht sympathisch, aber nachvollziehbar, während mir Catherine wie eine Parodie einer Frau vorkam, die in den 1800ern unabhängig dargestellt werden sollte. Viel zu aufdringlich und spöttisch, und dabei keine Spur mitfühlend, finde ich, hat sie ihr Schicksal selbst heraufbeschworen. Sympathiepunkte gab es bei mir keine. Dass ihre Tochter charakterlich in diesselbe Kerbe schlägt, war mir ein bisschen zu klischeebeladen. Schwamm drüber. Sobald sie Haretons Kind zur Welt gebracht hat, wird sie eh ins Gras beißen... wetten?

"Wuthering Heights" war mir zu morbid und zu wenig hoffnungsvoll, obwohl ich immer noch glaube, dass ich Emily und Charlotte gern mal zum Tee eingeladen hätte und wir nett miteinander hätten plaudern können. Mir gefällt, dass sie glaubwürdig Männer wie Heathcliff und Mr. Rochester aus "Jane Eyre" porträtieren, die Fehler und Unsicherheiten hatten, was selbst heute noch - besonders für weibliche Schriftsteller - eher die Ausnahme ist. Auch die unheimlichen Elemente finden meine Zustimmung und wecken mein Interesse an ihren Werken. Insofern liegen die Brontes mir näher als z.B. Jane Austen mit ihrem perfekten Mr. Darcy. Aber um mir da ein genaues Urteil bilden zu können, werde ich wohl mal einen ihrer Romane lesen müssen. Oder eine der unzähligen BBC-Verfilmungen anschauen.

Bewertung:
👍👍👍







Freitag, 11. März 2016

Ein (teutonisch schwerfälliges) Versprechen (2013) - Review

Nach meinem Empfinden schlechte Filme rezensiere ich eigentlich ungern - vor allem, wenn mehrere Schauspieler darin mitwirken, die ich generell gerne sehe, wie in "Ein Versprechen" Rebecca Hall und Alan Rickman als Ehepaar. Das hätte trotz des großen Altersunterschiedes reizvoll sein können. War es aber nicht. Die beiden hatten kaum miteinander zu tun; dafür schiebt sich ein vampiristisch blutleerer Typ zwischen sie, dem Lachen oder eine Mimik überhaupt zu zeigen offenbar wehtut und der so arrogant und plump agiert, dass ich ihn an der Stelle der Fabrikantengattin sofort hochkant rausgeworfen hätte aus meinem Leben.

Wirklich, einer banalen und behäbigen Dreiecksgeschichte wie dieser aus der Feder des deutschen Schriftstellers Stefan Zweig hätte es gutgetan, der jungen Frau Charlotte Hoffmeister wenigstens einen charismatischen Liebhaber zur Seite zu stellen und kein Bübchen, das höchstens Teenagerherzen höher schlagen lässt, denen der blasse Richard Madden aus "Game of Thrones" ein Begriff ist (und der dort vielleicht besser spielt - das kann ich nicht beurteilen). Aber jetzt mal der Reihe nach

Inhalt: Deutschland, 1912. Ein junger blutleerer Typ namens Edward Friedrich bewirbt sich in der Gießerei des wohlhabenden Carl Hoffmeister und steigt schon bald zu dessen Privatsekretär auf. Was niemand weiß: der Chef ist todkrank und möchte seine "Schwäche" vor den Angestellten und seiner Familie geheimhalten. Nur Friedrich weiß "zufällig" durch einen Herzanfall in der Fabrik davon. Er verliebt sich außerdem in die lebensfrohe Gattin des Großindustriellen und macht sich im Kreis der Familie Hoffmeister bald lieb Kind unentbehrlich.

Carl bleiben die Avancen und begehrlichen Blicke, die zwischen Friedrich und Charlotte fallen, nicht verborgen. Er schickt Friedrich für zwei Jahre nach Mexiko, damit er dort die Fortschritte des neuen Werks überwacht. Der Krieg in Europa verzögert das Wiedersehen. Doch eigentlich stellt der altruistische und selbstlose Carl die Liebe der beiden auf die Probe, denn er gesteht Charlotte auf dem Sterbebett, dass es von Anfang an sein Plan gewesen war, die zwei vor dem Hintergrund seiner tödlichen Krankheit zusammenzubringen (Ach nee jetzt!).





Meine Meinung: Abgesehen davon, dass mir der Jüngling so überhaupt nicht gefiel, gibt es zum Film selbst wenig zu sagen. Die Ausstattung war schön und üppig, wie man das von Hollywood-Kostümfilmen gewöhnt ist, und dennoch ist der Nachgeschmack fade wie der ganze Film. Nichts Überraschendes geschieht, nichts Emotionales oder Berührendes (einzige Ausnahme: Charlotte schreckt von einem Alptraum hoch und wird von Carl liebevoll zurück in den Schlaf gewiegt), und wie sollte es auch, wenn das Drehbuch von deutscher Biedermeierei nur so strotzt und einer der Hauptdarsteller sich einzig darauf konzentrieren muss, sich gut in Szene zu setzen. Von ihm hätte ich gern weniger gesehen und stattdessen mehr von Alan Rickman. Es war nicht seine Glanzrolle, und in der Tat konnten weder er noch Rebecca Hall den Film retten, aber er ist ein toller Schauspieler, der Besseres verdient gehabt hätte als neben einem hölzernen Brad Pitt der Neuzeit zum Statisten zu verkommen.

Fazit: Langweilige Literaturverfilmung. Wechselt zwischen deprimierend, melodramatisch, schwerfällig und ist absolut kein Spaß. Hätte ich vorher gewusst, dass es sich um die Verfilmung eines Werkes von Stefan Zweig handelt, dessen Bücher in der Schule Pflichtlektüre sind (warum auch immer), ich hätte die Finger davon gelassen - trotz Rickman / Hall, die eine gute Chemie gehabt hätten, wäre man mehr darauf eingegangen. Allerdings wurde bei der öden Vorlage wahrscheinlich nicht mal Potential verschenkt...



Bewertung: 
👍👍



Samstag, 26. Dezember 2015

Vengeance is best served cold ~ Review "Der Graf von Monte Christo" (1979)

Mein schönstes Weihnachtsgeschenk war der Mehrteiler "Der Graf von Monte Christo" aus dem Jahr 1979, der nun nach langer Zeit der Vergessenheit auf DVD erschienen ist. Über die Feiertage haben wir uns die restaurierte Fassung in vier Teilen angesehen (auch die Originalfassung in sechs Teilen ist enthalten), und ich muss sagen, ich war restlos begeistert. Das leicht unscharfe und krass rotstichige Bild ist genau so gewöhnungsbedürftig wie die etwas billig und zeitgemäß wirkende 1970er Jahre Theaterausstattung, aber das tut der detailgenauen Umsetzung des Romans von Alexandre Dumas keinen Abbruch.

Der Inhalt dürfte Fans von Literaturklassikern hinlänglich bekannt sein, doch da es die immer seltener gibt, hier eine kurze Zusammenfassung:

Der Seemann Edmond Dantès wird während der Verlobung mit seiner Mercedes unter fadenscheinigen Anschuldigungen in Haft genommen und im Chateau d'If eingekerkert. Während seiner vierzehnjährigen Gefangenschaft lernt er den Abbé Faria kennen, mit dem er den Grund seiner Verhaftung rekonstruiert und schließlich - mit Hilfe von Farias Tod - in die Freiheit gelangt. Auf der Insel Monte Cristo findet er einen Schatz, von dem ihm Faria zu Lebzeiten erzählte und der ihn zum reichen Mann und Grafen macht. Fortan beschließt er, unerkannt und bisweilen in Verkleidungen an den Leuten Rache zu üben, die ihm Frau und Freiheit nahmen, aber auch diejenigen zu belohnen, die ihn seinerzeit unterstützt hatten wie den Reeder Morell, der vorhatte, den ersten Offizier Dantès zum Kapitän seines Schiffes zu befördern.

Das Schicksal spielt dem Grafen in die Hände, so scheint es. Durch geschickte Verbindungen und das Aufnehmen geschäftlicher Beziehungen zu seinen Widersachern gelingt es Dantès, seinen Plan mit der Präzision eines Uhrwerks auszuführen ("Heute haben wir den fünften September, 12 Uhr. Ich sehe Sie wieder in einem Monat um die gleiche Zeit").

Am Ende erklärt Mercedes - mittlerweile die Mutter eines erwachsenen Sohnes - sie habe ihn sofort erkannt, sei aber nicht mutig genug gewesen, es einzugestehen. Traurigerweise gibt es für die beiden keine gemeinsame Zukunft mehr.

Meinung: Obwohl mir die meisten Schauspieler unbekannt waren, flog mein Herz nach dem ersten Teil sofort dem elegischen, traurig blickenden, wortkargen und oft stoisch wirkenden Grafen zu. Es gibt viele Verfilmungen des Stoffes, der als Fortsetzungsroman von 1844 - 1846 in der Zeitung "Journal" erschien, aber kein Hauptdarsteller erreicht annähernd das Charisma und die tragische Persönlichkeitsveränderung wie sie der französische Schauspieler Jacques Weber zeigt. Einst lebensfroh und optimistisch, zehrt die unverschuldete Gefangenschaft an ihm und das, worum man ihn in dieser Zeit gebracht hat. Dazu kommt ein distanziert aristokratisches, entschlossenes Auftreten und ein Erscheinungsbild, das klischeehaft, aber auch faszinierend ist. Wenn ich mir einen Edelmann visuell vorstellen muss, dann so wie Jacques Weber als Graf von Monte Christo.

Auch ist seine Rache nie blutig oder impulsiv, sondern so geschickt eingefädelt, dass es nicht einmal an Überheblichkeit grenzt, wenn er am Schluss behauptet, er sei ein Werkzeug Gottes gewesen. Alle Widersacher - bis auf den Anführer des Komplotts gegen Edmond - verlieren durch eigenes Verschulden und Versagen ihr Leben. Doch die Veränderung durch die Abmachung mit dem Grafen ist für den habgierigen Bankier Danglars schlimmer als der Tod.




Fazit: Sehenswert für alle Abenteuerfans und Nostalgiefreunde. Es empfiehlt sich übrigens, die unrestaurierte Fassung anzusehen. Sie ist zwar weniger farbenfroh, aber vom Bild besser und augenfreundlicher als die neue Version. Ein Weihnachtsgeschenk, das mitten ins Schwarze getroffen hat!


Bewertung:             👍👍👍👍👍







Freitag, 17. April 2015

Tom Hiddleston wäre mein Carrick Escaray!

Jeder Autor träumt mehr oder weniger davon, dass sein Buch nach Hollywood verkauft wird und ein Film entsteht, was ja in den Köpfen der Erfinder auch irgendwie der Fall ist. Ohne Kopfkino und meiner Phantasie und der visuellen Vorstellung der Protagonisten könnte ich nicht schreiben, und ich bin sicherlich nicht die einzige Autorin, der es so geht. 

 


 Im Herbst kommt nun ein "Goth-Gruselschocker" in die Kinos, nämlich Crimson Peak von Gulliermo del Toro, mit Tom Hiddleston in der Hauptrolle. Die Bilder vom Set und Promofotos erinnern mich sehr stark an meinen Roman "Das Bildnis des Grafen", und ich hätte mir sooo gewünscht, dass der schmucke und charismatische Hauptdarsteller in die Rolle meines englischen Grafen geschlüpft wäre anstelle in die des nicht minder mysteriösen Thomas Sharpe.

Denn es ist irgendwie witzig: Das Porträt, das in der Galerie des Schlosses hängt, stelle ich mir genau so vor wie Tom Hiddleston im Film aussieht. Natürlich fehlt die weiße Strähne, eines der markanten Merkmale von Carrick, aber das wäre ja im Nu erledigt. Witzig auch, dass Tom Hiddleston in diesem Film dunkle Haare hat, wo er ursprünglich hell ist, und dass er bereits mit Jeremy Irons zwei Filme bzw. Serien gedreht hat, der - wie vielleicht aufmerksame Leser meines Blogs bereits wissen - das Vorbild war für den französischen Psychologen Gaspard Renoir, der versucht, das Geheimnis hinter dem Bildnis zu ergründen.

Leider wäre Mr. Irons mittlerweile ein bisschen zu graue Eminenz vom Dienst für Gaspard, aber auch das wäre nichts, was sich in der Filmindustrie nicht beheben ließe. Allerdings bin ich nicht sicher, ob man ihm mit Mitte Sechzig noch einen Endvierziger abnehmen würde. Andererseits - wirklich jung sah er ja nie aus, und dieses Elegische und Schwermütige hat er immer noch.

Bliebe von den Hauptfiguren nur noch Valentine Whitehurst, der traumatisierte junge Soldat, wegen dem Gaspard überhaupt erst in Yorkshire auftaucht. Der Schauspieler, den ich damals vor Augen hatte, war schon beim Schreibprozess nicht mehr im passenden Alter, aber bestimmt ließe sich jemand finden - kein Schönling, sondern jemand, der Arroganz, Sprunghaftigkeit und Verletzlichkeit unter einen Hut bringen kann. Vielleicht würde der Regisseur genau den richtigen auswählen. Ach ja, von was man als Autor so träumt...





Montag, 7. April 2014

Alfred Hitchcock ~ Rebecca (1940)

Dieser Film nach dem Roman von Daphne du Maurier ist wohl mein Lieblings-Hitchcock, wobei ich mich nicht als Kenner des Regisseurs bezeichnen möchte und nicht alle seine Filme gesehen habe. Ich mag die Geschichte. Knifflig, romantisch, überraschend, anrührend und von einer bitteren Wahrheit ist sie, die der neuen Mrs. de Winter (entzückend in ihrer Rolle als täppisches Lämmchen: Joan Fontaine)  bis fast zum Schluss verborgen bleibt.

 


Es geschieht nicht oft, dass ich mit der weiblichen Hauptfigur empfinde; bei "Rebecca" ist das der Fall. Klar, Laurence Olivier (noch jung und erstaunlich attraktiv) kommt anfangs ziemlich chauvimäßig daher, indem er seiner Monte Carlo-Bekanntschaft verbietet, erwachsen zu werden und sie mit einer Nonchalance und Selbstverständlichkeit herumkommandiert, die der emanzipierten Frau von heute die Nackenhaare aufstellen. Und die Tatsache, dass sich das Lämmchen das alles gefallen lässt und sogar noch dankbar für seinen scheinbar oft rüden Ton ist, gibt Verfechterinnen der Gleichberechtigung sicher den Rest.

Trotzdem. Im Lauf des Films wird klar, warum der melancholische Witwer Maxim de Winter so handelt, und warum er sich nach der schillernden, allseits beliebten Rebecca ein unscheinbares Mäuschen angelt. Die jedoch fühlt sich den Anforderungen auf dem mondänen Anwesen Manderley nicht gewachsen, und vor allem nicht der Konfrontation mit der Hauswirtschafterin Mrs. Danvers (grandios und subtil dämonisch: Judith Anderson), die Maxim de Winters verstorbene Ehefrau Rebecca vergöttert hat und es selbst nach deren rätselhaftem Tod noch tut, indem sie der unsicheren Nachfolgerin das Leben auf Manderley zur Hölle macht.

Erst durch eine Nacht, in der ein gekentertes Segelboot gefunden wird (das ironischerweise Je reviens heißt, wie uns die Romanvorlage verrät), gewinnt das scheue Rehlein / die neue Mrs. de Winter Selbstvertrauen und beginnt Maxims Verhalten zu verstehen, das sie bis hierher als Trauer um den Verlust seiner schönen, begehrenswerten ersten Frau gedeutet hat. Er erzählt ihr von Rebecca, wie sie ihn mit ihrer Schönheit geblendet und dann erpresst hat, als er sich scheiden lassen wollte. Zu spät hat er bemerkt, dass Rebecca nicht lieben kann und ihre Ehe zum Scheitern verurteilt war. In seiner neuen Bekanntschaft (Joan Fontaine bleibt namenlos und wird nur als Mrs. de Winter erwähnt) findet er Qualitäten, die Rebecca völlig abhanden gingen: Mitgefühl, Liebe, eine erfrischende Naivität und Ehrlichkeit. Zu dumm, dass er damit nicht früher vor ihr herausrückt, denn die arme Joan kämpft lange gegen die zwar verblichene, aber immer noch allgegenwärtige Rebecca an und fühlt sich in ihrem Schatten minderwertig und langweilig. Darin unterstützt sie die perfide Haushälterin mit allen Mitteln - bis diese sich selbst in ihrem Wahn, Rebeccas Position an der Seite von Maxim zu verteidigen, eine Grube gräbt.

 

Tama66 /Pixabay

 

Ein psychologisch ausgefeilter und atmosphärisch düsterer Klassiker, den man immer gerne anschaut und der von seiner Aktualität auch nach fast 75 Jahren (Oh Schreck - so alt schon!) nichts eingebüßt hat. Vielleicht wirkt er auf viele Rebeccas altbacken, aber für Zuschauer, die den Wert eines guten Herzens kennen und wissen, dass innere Werte mehr zählen als der bloße Schein, erzählt der Film eine berührende und komplexe Geschichte, die durchaus realistisch in Szene gesetzt wurde. Ach und ganz nebenbei: hübscher und graziler als Joan Fontaine konnte Rebecca auch nicht sein.

Und einen Trend gesetzt hat die kleine Schwester von Olivia de Havilland ebenfalls: die saloppe Strickjacke, die sie häufig im Film trägt, darf in keiner Garderobe einer modebewussten Frau fehlen und ist bis heute noch in vielen Ländern als "Rebecca"-Style bekannt.
 

Mein Lieblingsdarsteller war neben "Shere Khan" George Sanders übrigens Jasper der Cockerspaniel.


Bewertung: volle Punktzahl!

  👍👍👍👍👍






Donnerstag, 9. Januar 2014

Der Medicus. Mittelalter-Melodram (milde Spoiler)

Gute Vorsätze habe ich für das neue Jahr nur solche gefasst, die mir wortwörtlich gut tun. Das heißt, ich möchte mich nicht einschränken oder bestrafen, indem ich verzichte, sondern ich möchte gewinnen. In jeder Beziehung. Darum war einer meiner ersten Vorsätze, wieder öfter ins Kino zu gehen.

Einen Gefallen habe ich mir mit meinem ersten Leinwand-Film des Jahres 2014 nicht getan. "Der Medicus" besticht vielleicht mit internationalen Namen wie Ben Kingsley (eigentlich immer ein Garant für anspruchsvolle Unterhaltung) und großäugig blickenden Jünglingen, aber mehr hat er nicht zu bieten. Erstaunlich, wie lang zweieinhalb Stunden sein können, wenn man das Ende selbiger herbeisehnt.

Ich muss erwähnen, dass ich den Bestseller von Noah Gordon nicht kenne (ich Kulturbanause!), und das war vielleicht sogar noch mein Glück, denn sonst hätte ich mich unnötig im Sessel gewunden und meine Stuhlreihen-Nachbarn mit verächtlichen oder empörten Kommentaren genervt. Nicht einmal die Bilder haben mich beeindrucken können, von der zerfahrenen Story und dem nicht vorhandenen Plot ganz zu schweigen.  Statt auf der Leinwand hätte ich mir "Der Medicus" eher als einen Fernseh -Zweiteiler à la "Pilgerin" und "Wanderhure" vorstellen können - das hätte meinen Geldbeutel geschont und mich vor gähnender Langeweile bewahrt.




Von Charakterentwicklung oder ernsthafte Einblicke in die damals in Europa noch neuartige Medizin war nichts zu sehen und zu spüren, dafür zu viel von einem Gary Stu, wie er im Buche steht (Wundergabe, ungewöhnliche, aber der Wissenschaft dienliche Einfälle und Ideen und daher der Liebling des Hakims), während ein Klischee nach dem anderen herangezogen wurde, um die Beschwerlichkeit der Reise von England nach dem Orient zu betonen und die Unterschiede der Religionen.

Dass die jüdische Prinzessin aus dem Karawanenzug noch schwanger wird vom jugendlichen Held und ihr Retter und verabscheuter Ehemann der Pest zum Opfer fällt, war dann wirklich das Tüpfelchen auf dem I. Seifiger kann man einen Film kaum machen. Ich frage mich, ob im Buch das Ende genauso zuckrig und vorhersehbar ist. Rosamunde Pilcher im Mittelalter! Hilfe!

Die Schauspieler fand ich bis auf Sir Ben Kingsley wenig markant. Und irgendwie war dessen Schauspielkunst für den Schmarrn fast vergeudet. Der Hauptdarsteller Tom Payne war ja ganz nett anzusehen, aber das allein reicht eben nicht, um mich bei Stange zu halten. Es war deutlich zu merken, dass der Film zwar ambitioniert gedreht, aber der 850-seitigen Vorlage bei weitem nicht gerecht wurde. Als Autor hätte ich bei diesem Projekt mein Veto eingelegt. Aber vermutlich verkauft sich das über fünfzehn Jahre alte Buch jetzt wieder wie geschnitten Brot. Das ist dann ja auch was wert.

Bewertung:

👍


Bildquelle: Pinterest



Dienstag, 17. Dezember 2013

Smaugs Einöde ~ für mich eher blöde

Gerade komme ich aus dem Kino und mache mich mal wieder unbeliebt. Für mich war der zweite Teil der Hobbit-Trilogie von Peter Jackson nämlich eine Riesenenttäuschung. Nichts, überhaupt gar nichts rechtfertigt meiner Meinung nach den Hype um den Film. Wären die tollen Landschaftsaufnahmen nicht gewesen und die schönen Städte in den Wäldern und am Wasser, ich wäre nach der ersten halben Stunde eingenickt. Die Spinnen hatten ja noch einen gewissen Grusel-Faktor, bei dem ich verschreckt die Äuglein zugekniffen und mit Popcorn um mich geschmissen habe, um sie mir vom Leib zu halten, aber (fast) alles andere habe ich im ersten Teil besser bzw. schon mal gesehen. 
 
 


Eigentlich wollte ich mit den positiven Dingen anfangen. Das Unglück ist nur, dass es die in "Smaugs Einöde" kaum gab. Na schön, ich würde gerne wissen, in welchem Dojo die Elben ihre akrobatischen Kampfkünste erlernen und verfeinern und welches Glätteisen sie für ihre Wallemähnen verwenden. Orlando Bloom als Legolas und Lee Pace als sein Vater waren wirklich beeindruckend. Damit hat es sich aber auch schon.

Die erfundene "Liebesgeschichte" zwischen der Elbin Tauriel und dem komischen Zwerg war so überflüssig wie das Endlosgeschwätz der grottigen, mottigen Echse (irgendwann hätte ich ihr am liebsten die schlapprige Gurgel zugedrückt!), die in Sachen Hässlichkeit und Plumpheit dem Lindwurm Fuchur aus der Unendlichen Geschichte locker das Wasser reichen kann. Womit wir beim Hauptpunkt meiner Kritik angelangt wären: der Titelheld. Ich weiß nicht, ob es an der Synchronisation lag, oder ob Benny dem Vieh auch einen so unerträglich süffisanten und fast schon koketten Tonfall verleiht. So stellt man sich keinen gefährlichen Drachen vor, der dem bösen Sauron dient. Ehrlich gesagt, ich weiß auch nicht, ob ich Lust habe, es nachzuprüfen, sobald der Film auf DVD erscheint.

Und die Orks! Mir wurde schon richtig schlecht, wenn ich sie nur habe sehen müssen. Im ersten Teil mag das Schlachtengetümmel ja noch angebracht gewesen sein (obwohl ich mich auch da gelangweilt habe), aber jetzt war es einfach too much. Ich hatte den Eindruck, dass die drei Stunden halt irgendwie aufgefüllt werden mussten, und wenn es überflüssige Szenen sind, wenn juckt's? Mich.

Eine nicht minder unangenehme Überraschung war für mich Stephen Fry als der verlotterte Bürgermeister von Bree. Ich mag ihn einfach nicht, weder als Schauspieler noch als Rampensau. Zum Glück war seine Rolle dann eher klein. Zu groß dagegen die von Richard Armitage alias Thorin Eichenschild, der es fertig gebracht hat, dem zum Statisten verkommenen Hobbit die Schau zu stehlen mit markigen Sprüchen und Heldentum, das ihm aus jeder Pore trieft. Mal echt jetzt: für diese Miniauftritte als Stichwortgeber musste Martin Freeman extra nach Neuseeland reisen? Ich glaube, der wollte nur schönen bezahlten Urlaub machen. Vermutlich ist der anerkannte Frauenschwarm ein Superschauspieler - ich kenne ihn nur als Thorin und muss zu meiner Schande gestehen, dass ich ihn in dieser Rolle ziemlich lächerlich finde. Zu der Ehre des Schauspielers muss jedoch gesagt werden, dass wohl jeder mit Fleisch-Hand-Stulpen lächerlich wirkt.

Handlung, ach ja, die gab es auch ein bisschen. Teilweise sogar recht symbolträchtig, wenn man an die Geschichte und den uralten Streit um Land denkt. Als die Zwerge endlich ihr altes Reich wiedersehen, war das der Zeitpunkt im Film, der mich gerührt hat. Da habe ich sogar ein paar Tränchen verdrückt. Vertrieben zu werden und dann zurückzukehren, um festzustellen, wie sehr sich die Heimat verändert hat, ist wohl eine Situation, die jeder nachvollziehen kann.

Aber wenn noch einer sagt, Smaug sähe seinem aparten Sprecher ähnlich, dann fange ich an, eine Plaudertasche zu werden, bis ich denjenigen vom Gegenteil überzeugt habe oder Feuer spucke. Ach, und da fällt mir doch noch etwas Positives ein: der trockene Kommentar meiner Begleitung, als die Zwerge vor Smaugs Feuer flüchten: "Gleich gibt's Fruchtzwerge. Das kleine Steak für zwischendurch."


Bewertung: knappe
👍👍👍inkl. Elben-Bonus






Freitag, 27. September 2013

Der große Gatsby (1974 / ohne Leo, aber trotzdem sehenswert)

Herbstzeit - DVD-Zeit. Wenn's früh dunkelt, finde ich mich meist unversehens gegen neun Uhr auf dem Sofa unter meiner kuscheligen Patchworkdecke wieder. Weil im Fernsehen oft nichts Interessantes läuft, grabe ich vorher in meinem Videoschrank und stoße auf Filme, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie überhaupt noch habe.

 



Eines vorweg: Robert Redford ist nicht mein Typ, weder in "jung" noch in alt, und mit konventionellen Liebesgeschichten mit Happy End kann ich genauso wenig anfangen. Aber ich bin fasziniert von den Roaring Twenties und der Zeit davor. Und ich war es auch von Scott F. Fitzgeralds Roman "Der große Gatsby", den ich in meinen Teenagerjahren mehrmals gelesen habe, um mir daraufhin die Verfilmung anzusehen (auch mehrmals), obwohl ich die zum Gähnen fand.

Das Remake von Baz Luhrmann mit Leonardo DiCaprio hat mir den Film wieder ins Gedächtnis zurückgerufen. Angeschaut habe ich ihn mir nur ausschnittweise, wobei ich glaube, dass DiCaprio seine Sache ganz gut macht. Aber irgendwie sind mir Baz Luhrmann-Filme im Allgemeinen zu laut und zu grell.

Es hat ja schon seinen Reiz, Filme nach langer Zeit noch einmal zu gucken, um zu prüfen, ob man sie heute anders versteht als beim ersten Mal. Lustigerweise konnte ich mich trotz Überlänge an jede Szene erinnern, und einige Dialoge sogar auswendig hersagen. 

Michael_Luenen / Pixabay



Es braucht eine Weile, bis man sich an den geschraubten Erzählstil von Gatsbys neu zugezogenem Nachbar und Daisys Cousin Nick Carraway gewöhnt hat, und manche Einstellungen wie z.B. Gatsbys Rendezvous mit Daisy am Schwanenteich und dem gefühlt stundenlangen, unromantischen Saugkuss (Videoclip-Charakter!) hätte man sich sparen können. Aber von seiner Tragik hat die Figur Gatsby nicht verloren - im Gegenteil. Tragisch und bezeichnend war bei letzterwähnter Szene übrigens auch, dass er sich in seine alte Uniform zwängen musste, um von Daisy bewundert werden zu können.

Wie gesagt, ich mag Robert Redford nicht und finde ihn als Schauspieler und vor allem Womanizer ziemlich überschätzt. Zugegeben, er macht im Badeanzug eine passable Figur. Trotzdem hatte ich Mitleid mit Gatsby, und zwar richtig großes. Grausam, wenn man aus einfachen Verhältnissen stammt und sich nur aufgrund der Angebeteten abrackert und ein Riesen-Anwesen (mit beneidenswert tollem Swimming-Pool und Badehaus) vor ihre Nase stellt, um bei Gelegenheit zu zeigen, dass man es wert gewesen wäre. Und dann, als das Glück endlich wieder zum Greifen nah scheint, zerbricht es. Schlimmer noch, die Auserwählte und einzige Liebe stellt sich als oberflächlicher heraus als er selbst.

Als Nick Carraway zu dieser Feststellung gelangt, ist es für Gatsby bereits zu spät. Und irgendwie war das noch tragischer, als wenn sie es ihm selbst unverblümt ins Gesicht gesagt hätte. Gatsbys gesamtes freudloses Leben bestand aus Illusionen und der Anstrengung, Daisy durch angehäuften Reichtum und Protzigkeit für sich zu gewinnen - um jeden Preis. Dabei schreckt er auch vor Peinlichkeiten und Offenbarungen nicht zurück, während denen man sich innerlich windet. Wie kann man nur so hohl und naiv sein, fragt man sich als Zuschauer nicht nur ein Mal. Und ist doch schockiert, wie ihm seine Naivität schließlich gedankt wird.

Der Erzähler Nick Carraway bringt es auf den Punkt, nachdem Gatsby sich kurz vor dem "Attentat" mit Nick für den Nachmittag verabredet. They're a rotten crowd. You're worth the whole damn bunch put together, sind seine letzten Worte an ihn. Spätestens da merkt man, dass Gatsby in der hartherzigen, kalten, vergnügungssüchtigen Welt der Zwanziger Jahre keinen Platz mehr hat und seine Ideale veraltet und zum Scheitern verurteilt sind. Von daher überraschen einen die folgenden Minuten nicht mehr allzu sehr.

Oder vielleicht habe ich den Film schon zu oft gesehen, um mich noch überraschen zu lassen. Nein, eigentlich stimmt das nicht. Ich war schon überrascht. Nämlich davon, dass ich ihn besser fand als die paar Male davor.

Einen Extra-Stern gibt es für die fantastisch authentische Ausstattung und die mutigen Outfits von Robert Redford.


Bewertung:
👍👍👍👍👍





Mittwoch, 24. April 2013

Buchverfilmung ~ Hui oder Pfui?

Von passionierten Lesern erfolgreicher Belletristik gefürchtet und zugleich ersehnt: die früher oder später unvermeidliche Verfilmung des Lieblingsbuchs. Wie aufregend, wenn Bella und Edward zum "scheintoten" Leben erweckt werden und der schnuckelige kleine Hobbit in Leinwandgröße widerwillig auf einen Abenteuertrip geht (den fand ich sehr nett, obwohl ich kein Tolkien-Fan bin und mir das Buch extra vor der Premiere des Films besorgt habe, um wenigstens ein *bisschen* Ahnung zu haben).

 

MarandaP / Pixabay



Die Meinung über Buchverfilmungen ist allerdings keine allgemein wohlwollende - zumindest nicht nach meiner Erfahrung. Ich verstehe das eigentlich nie so ganz, obwohl meine Enttäuschung über den mickrigen, schlaffen, schweine-nasigen Lindwurm Fuchur aus der "Unendlichen Geschichte" keine Grenzen kannte, hatte ich ihn mir doch in meiner Phantasie bei der Lektüre des Buches majestätisch und elegant durch die Lüfte gleitend vorgestellt. Mein Urteil wurde auch von der Tatsache nicht gemildert, dass ich bei der Besichtigung der Bavaria-Studios auf dem hässlichen Schmuddelkopf sitzen durfte (er ist ja nicht mal komplett! Was für eine Vera***e!). Atréju wiederum fand ich richtig niedlich.

Dennoch. Sich den Film über sein Lieblingsbuch anzuschauen, bleibt jedem selbst überlassen. Mit einer Enttäuschung muss man rechnen, wenn man sich zuvor ein allzu genaues Bild der Figuren und der Handlung gemacht hat, und das tut man in der Regel, wenn man mitgefiebert hat. Natürlich kann ein Film in anderthalb Stunden nie das erzählen, was ein Buch auf über 500 Seiten tut.

Und besonders die Schauspieler können einem ganz schnell Illusionen rauben. Ich meine, warum ist der aktuelle James Bond blond, wenn er in den Romanen als dunkel beschrieben wird? Warum will man für "Shades of Grey" nicht gleich Kirsten Stewart und Robert Pattison verpflichten?

Abgesehen davon finde ich, dass es wirklich sehr gute und sehenswerte Verfilmungen gibt, die heute vielleicht bekannter sind als das Buch und / oder das Zeug zum Klassiker haben. Die Winnetou-Filme zum Beispiel. Da trifft für mich sogar der umgekehrte Fall zu: ich habe sie vor den Büchern konsumiert und war dementsprechend enttäuscht von der biederen Beschreibung meines Helden Old Shatterhand respektive Kara Ben Nemsi. Bart und landesübliche Kopfbedeckung wie Cowboyhut oder Fez? So fesch wie er ist, damit hätte Lex Barker nie die Herzen seiner Fans erobert (der Bart kommt glücklicherweise bereits in "Der Schatz im Silbersee" ab - das Testpublikum mochte ihn nicht, weil er zuviel von Barkers männlicher Physiognomie verdeckt hat).

Welches Buch *ich* mir auf Celluloid wünschen würde? Wahrscheinlich "Mere Mortals" oder "Die geheime Geschichte". Ich habe es noch nie geschafft, das Buch komplett zu lesen, aber die Story klingt spannend und vielversprechend mysteriös. Manchmal ist es einfach bequemer, ins Kino zu gehen und zu glotzen als lesen und die Phantasie zu bemühen... (O;







Freitag, 15. März 2013

Zuletzt gesehen: Parade's End

Also, ich liebe ja Filme. Und die viktorianisch / edwardianische Epoche (die ich vermutlich verkläre). Und Benedict Cumberbatch. Darum war es nur eine Frage der Zeit, bis ich mir Tom Stoppards Verfilmung des Klassikers von Ford Madox Ford zugelegt habe. Aber um ehrlich zu sein, die sechsteilige Miniserie der BBC stand nun recht lange im Regal, bevor ich mir gestern vornahm, sie anzuschauen. 

 


 

Eines vorweg: Zu richtiger Begeisterung konnte ich mich nicht hinreißen lassen. Kameraführung und besonders die opulente Ausstattung von Kostümen über Räume und Atmosphäre waren für mich als Fan der 1900 - 1920 Jahre natürlich ein Augenschmaus. Jedes Detail war einen zweiten Blick wert und genau so, wie man sich diese Zeit vorstellt. Das hätte man wirklich nicht schöner hinbekommen können, und ich war erstaunt, wie ästhetisch selbst die Landschaftsaufnahmen waren, sei das beim Golfen, beim Zugfahren oder Kutschenzockeln durch die diesigen Yorkshire-Moore. Wäre die Serie für einen Oscar nominiert gewesen, hätte sie vermutlich in der Kategorie "Bestes Setting" einen erhalten.

Die Darsteller dagegen waren eine Enttäuschung. Obwohl Benedict Cumberbatch kürzlich vielleicht zu Recht für seine Rolle als "the last of British Gentlemen" Christopher Tietjens ausgezeichnet wurde, gefällt er mir in anderen Produktionen viel besser. Dabei stand nicht einmal die Optik im Vordergrund (obwohl ich mich erst an sein biederes, untersetztes Aussehen, den ständig sauren Gesichtsausdruck (hat auch nicht viel zu lachen, der arme Mann) und den nuscheligen Yorkshire Akzent gewöhnen musste), sondern vielmehr die für mich gefühlte Emotionslosigkeit aller Figuren. Ich konnte nicht einmal ordentlich Mitleid für Mr. Tietjens entwickeln, der sich von seiner promiskuren Frau Sylvia manipuliert fühlt und sich dennoch aufgrund Konventionen und Traditionen nicht von ihr trennen will oder kann und nicht einmal sicher ist, ob das Kind, für das er sorgt, von ihm ist.

Kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs lernt er die Frauenrechtlerin Valentine Wannop kennen und verliebt sich in sie. Aber bis zu Folge Fünf passiert überhaupt gar nichts außer gepflegter Langeweile, und wenn Christopher und Valentine sich endlich mal treffen, platzt ihr Rendezvous durch dumme Zwischenfälle, bevor es überhaupt zur Sache geht. Fand ich irgendwie ziemlich gemein, die Zuschauer so hinzuhalten. Und als es dann soweit ist, wird auch schon der Abspann eingeblendet... Bummer!

Die beiden Frauen mochte ich überhaupt gar nicht. Sylvia war mir zu durchtrieben, und Valentine kam mir viel zu kindlich und altklug vor.

Ein bisschen hat mich die Serie an den Film "Der englische Patient" erinnert, mit dem ich trotz guter Kritiken auch nicht warm wurde. Perfekte Ausstattung, tolle Bilder, gutaussehende Schauspieler, eine ambitionierte Dreiecksgeschichte - aber leider ohne das gewisse Etwas.

Bewertung:


👍👍👍






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