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Sonntag, 24. Mai 2026

"Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" ~ Judith Kerr

Mit dem Buchtitel bin ich quasi aufgewachsen, ohne dass ich je näheres Interesse an dem Inhalt bekundet hätte. 1971 erschienen, wurde es zwei Jahre später in Deutschland als erster Teil einer Trilogie über eine Auswandererfamilie veröffentlicht. Worüber es ging, habe ich erst jetzt mit Erstaunen festgestellt, denn ich war auf etwas Ähnliches gefasst gewesen wie in fast allen anderen Romanen über den Zweiten Weltkrieg. Aber erstaunlicherweise hat dieser Jugendbuchklassiker wenig bis nichts Moralisierendes. Eine Mahnung zwischen den Zeilen ja, aber so subtil, dass die Zielgruppe es am besten in Begleitung von Erwachsenen liest. Vielleicht war "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" auch einmal Schullektüre; ich selbst weiß nichts davon.

 


 

Inhalt:  Zunächst eine Anmerkung: da der Roman autobiografische Züge hat, nenne ich die im Buch namenlose Familie der Einfachkeit halber Kerr.

Die Familie Kerr lebt in einem vornehmen Haus in Berlin. Die Mutter ist Komponistin, der Vater renommierter Theaterkritiker und Schriftsteller. Und auch ein vorausschauender Mann: Im Gegensatz zu vielen anderen erkennt er kurz vor Hitlers Wahl zum Kanzler die Zeichen der Zeit und emigriert mit seiner Familie in die Schweiz. Alle glauben nur an ein vorübergehendes Exil, und so lässt Anna ihr rosa Kaninchen aus ganz frühen Kindertagen zurück. In der Schweiz erlebt die Großstadtfamilie erst einmal einen Kulturschock. Doch die Menschen dort sind nett, und sie gewinnen bald Freunde, lernen Switzerdytsch und integrieren sich in das beschauliche Landleben. Auch wenn Anna hin und wieder gern nach Berlin zurückkehren möchte, ist es für sie am wichtigsten, dass die Familie zusammenbleibt. Denn wer keine Heimat mehr hat, sollte bei denen bleiben, die es gut mit einem meinen und einander lieben. 

Es kommen jedoch auch deutsche Gäste in die Pension, in denen die Kerrs logieren. Da Annas Vater berühmt ist, weiß man von der Herkunft der Familie, was bald zu Spielverbot mit anderen Kindern führt. Aber die Kerrs sind eine selbstbewusste Familie, die sich von dummen Nazis nicht einschüchtern lässt. Trotzdem überlegen sie, weiter nach Frankreich zu ziehen. Die Neutralität der Schweiz ist nicht immer gewährleistet, und der Vater verdient schlechter als in Deutschland, wo inzwischen seine Bücher verbrannt werden und ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt ist. Wieder müssen Anna und ihr Bruder Max eine neue Sprache lernen in Paris; und auch die Mutter, die lieber nach England gegangen wäre, tut sich schwer. Zudem hat sie keine Haushaltshilfe mehr und ist am Verzweifeln mit den heranwachsenden Kindern, die Kleidung brauchen. Zum Glück lernen sie auch hier hilfsbereite Menschen kennen. Außerdem hält aus Berlin Onkel Julius - eigentlich ein Freund des Vaters - mit ihnen Kontakt, um zu berichten, was in Deutschland passiert. Als sich die Lage zuspitzt und keine Briefe mehr kommen, wagt die Familie mit einem Filmmanuskript des Vaters im Gepäck den Sprung über den Ärmelkanal...

 

  

 

Meinung: Wie bereits erwähnt, wusste ich gar nicht, auf was ich mich einlasse im Buch, und war dann tatsächlich positiv überrascht von der unaufgeregten, kindlichen Erzählweise Annas, mit der sie tagebuchartig das Leben in verschiedenen Ländern wiedergibt. Es geschieht nichts unbedingt Dramatisches bis auf die scheinbar ferne Politik in Deutschland, und ich gebe zu, das habe ich irgendwie genossen. Wobei mir bei der fast banalen Art der Handlung etwas schleierhaft ist, weshalb das Buch zum Klassiker avancierte. Andererseits erkennt man schon, dass vor allem die Mutter sich plagt mit dem neuen Leben; die Eltern sind Künstler und demzufolge eher unpraktisch veranlagt. Eine Frau, die weder kochen noch den Haushalt führen kann, war zur damaligen Zeit wohl nicht üblich. Umso schöner, dass sich der unbeholfen gearbeitete Strickpullover als robustestes Kleidungsstück herausstellt. Auch Bruder Max bekommt das "Anders-Sein" zu spüren, während Anna erstaunlich gut mit der Situation als Flüchtling umgeht.

Was mir aufgefallen ist, und was ich doch etwas merkwürdig fand: Anna erklärt ihrer Freundin Elsbeth zwar schon zu Beginn, dass ihre Familie nicht besonders religiös ist; dennoch habe ich es vermisst, dass in Bezug zum Judentum ein Wort fällt. Vielleicht wollte Judith Kerr damit darauf aufmerksam machen, dass die Kerrs eingebürgerte Deutsche waren, es zwischen Menschen keine kulturellen Konflikte geben sollte und wir alle gleich sind, doch ein bisschen habe ich den jüdischen Witz und Bräuche / Feste vermisst. Vielleicht war die Familie tatsächlich soweit assimiliert, dass sie statt Chanukka Weihnachten feiert und die Bar-Mitzwa des dreizehnjährigen Max ausfiel - wahrscheinlich blieb keine Zeit dazu auf der Flucht. Diesem kleinen Kritikpunkt zum Trotz empfand ich den fast heiteren und kindlich-optimistischen Ton des Buches als wohltuend. Das Kaninchen hat Anna nie wiedergesehen. Ob ich die Fortsetzung in England lese, weiß ich noch nicht. Sympathisch war mir die Familie auf jeden Fall. Ein wenig hat sie mich an unsere erinnert. Vor allem die toughe Mama, die sich nicht unterkriegen lässt. Auch wenn meine ein As im Handarbeiten war... 

Bewertung:  💫💫💫💫

 

 

Freitag, 22. Mai 2026

"Damals war es Friedrich" ~ Hans Peter Richter

 Damals war es, in der vierten Klasse, als ich das Buch zum ersten Mal als Schullektüre gelesen habe. Erstaunlich eigentlich, dass es so früh war. Denn diese Geschiche trifft, und ganz sicher auch die Herzen und Gedanken von Neun-bis Zehnjährigen. Nicht, weil man weiß (oder wissen sollte), dass der Zweite Weltkrieg mit dem Holocaust das düsterste Kapitel der deutschen Geschichte ist und mehr als sechs Millionen Juden Existenz und Leben auf grausamste Weise verloren haben. Sondern weil hier ganz selbstverständlich eine Freundschaft beschrieben wird, die so alltäglich beginnt, dass das folgende Grauen sich erst nach und nach entwickelt, aber schon im Kleinen spürbar wird.

 



 

Inhalt: Der namenlose Ich-Erzähler und Friedrich Schneider sind nur eine Woche entfernt voneinander geboren und wachsen im selben Haus in einem Dorf auf. Sie werden Freunde, gemeinsam eingeschult, und sie unternehmen viel zusammen. Auch die Eltern lernen sich näher kennen und schätzen. Doch der 1. April 1933 bringt Veränderungen. Plötzlich ist Friedrichs Familie dem Vermieter Resch ein Dorn im Auge, und auch auf der Arbeit wird Herr Schneider ohne Angabe von Gründen gekündigt. 

Die Freundschaft der Jungs bleibt bestehen, trotz der Unannehmlichkeiten und Verleumdungen, die Friedrich hinzunehmen hat. Er folgt sogar stolz der Einladung seines Freundes zum sogenannten Jungvolk, doch dort erwartet ihn eine Überraschung, die auch dem Leser den Atem stocken lässt. 

Absurde Verbote und Angst bestimmen das Leben der bisher so freundlichen und unauffälligen Familie Schneider. Der Vater des Erzählers rät Herrn Schneider, Deutschland zu verlassen, doch dieser weiß nicht, wohin. All seine Verwandten seien Deutsche, die seit Generationen hier heimisch sind. Im Lauf des Gesprächs will der enttäuschte Herr Schneider wissen, weshalb sein Nachbar der Partei beigetreten ist. Der Vater des Erzählers gibt zu, dass es ihnen seitdem besser geht; er habe Arbeit und mehr Geld, um seiner Familie gelegentlich etwas bieten zu können. Die Schultüte des Ich-Erzählers war seinerzeit nur mit gezuckertem Zwieback gefüllt. Öffnen durfte er sie erst zuhause, damit die Familie nicht als arm denunziert wurde. Man erkennt das Dilemma und den Teufelskreis.

Die Demütigungen und die Unsicherheit im Alltag, die Zerstörung ihrer Wohnung und der offene Hass sind zu viel für Frau Schneider. Bei einem Überfall der Nazis wird sie so schwer physisch und physisch verletzt, dass sie sich nicht davon erholt und an den Folgen der Misshandlung stirbt. Friedrich und sein Vater schlagen sich mit Lampenreparaturen durch - die Arbeit als Abteilungsleiter im Kaufhaus Herschel Mayer hat Herr Schneider durch die Enteignung der meist von Juden geführten Kaufhäuser erneut verloren. Auch kleinere Geschäfte, Arztpraxen und jüdische Schulen werden geschändet und geplündert. Die Familie des Erzählers steht dem Leid ihrer Nachbarn hilflos gegenüber. Zwar setzen sie sich ein, wo es ihnen möglich scheint, doch auch sie können nicht verhindern, dass Herr Schneider und ein bei ihm versteckter Rabbi abgeholt werden. Nur Friedrich bleibt zunächst unauffindbar... 

 



 

Meinung: "Damals war es Friedrich" geht unter die Haut und hallt lange nach. Das liegt neben der ernsten Thematik vor allem an der etwas distanziert wirkenden Erzählweise eines Heranwachsenden, der sich trotz seiner Freundschaft zu Friedrich der Faszination und der Sogwirkung eines unmenschlichen Regimes oft schwer entziehen kann; manchmal sogar ohne es bewusst zu wollen, mitmacht und sich unversehens in der Masse wiederfindet, die in den Straßen randaliert, um jüdisches Eigentum zu zerstören. Das hat mich wirklich nachdenklich gemacht. Dieser Junge hatte keinen Grund, zum Mitläufer zu werden, und soweit ich seine Gesinnung verstanden habe, auch nicht die Veranlagung dazu. Und trotzdem steigert er sich in einen Rausch, der ihn später beschämt. Die Stellen, in denen erwähnt wird, dass Mutter, Sohn und Vater Schneider vor Fassungslosigkeit und Hilflosigkeit weinen, sind wahrscheinlich auch deshalb so erschütternd, weil der Stil eher nüchtern gehalten ist.

Die Frage, weshalb es soweit kommen konnte in Deutschland, wird in diesem Buch gut beantwortet. Mit 125 Seiten ist es eher kurz und wenig detailreich, dafür aber umso eindringlicher. Früher hat Friedrich zur Schullektüre gehört, heute offenbar nicht mehr. Schade. Denn gerade jetzt wäre es wieder nötig, solche Bücher zu lesen. Das ist keine Frage von Schuld aufdrücken auf Generationen, die den Krieg nicht erlebt haben. Es ist die Erinnerung, dafür zu sorgen, dass so etwas Unmenschliches nie mehr wieder geschieht. 

Bewertung:  💫💫💫💫💫

 

 

Freitag, 24. Februar 2023

Rezension "Es geschah im Nachbarhaus" ~ Willi Fährmann

 Dieses Jugendbuch entdeckte ich in einer Bücherkiste am Straßenrand. Nach einem kurzen Blick auf den Klappentext nahm ich es mit und fing bald an, mich damit zu beschäftigen. Die Thematik ist schwer verdaulich, und obwohl es im ausgehenden 19. Jahrhundert spielt, traurigerweise immer noch aktuell. Denn Vorurteile gegenüber "Anderen" sind trotz des "toleranten" Rucks in der Gesellschaft genauso präsent wie jeher.



Inhalt: Der Autor schildert einen "Kindsritualmord" in einer Stadt, der auf einer wahren Begebenheit aus Xanten beruht. Nach ein wenig Recherche fand ich heraus, dass der wirkliche Mann, den man 1891 so übel verleumdet hat, Adolf Buschhoff hieß und sogar mit einer Mordanklage bedroht wurde. Das Perfide daran: Er beteuerte, dass er nichts mit dem Tod des fünfjährigen Johann Hegmann zu tun hatte, und dennoch wollte man ihn schuldig sehen, weil er Jude war. Die Schikanen und Verleumdungen, denen er ausgesetzt war, hatten letztendlich sein Leben und das seiner Familie zerstört. 

Zur Geschichte: Der dreizehnjährige Sigi ist der Sohn des Viehhändlers Bernhard Waldhoff, der Geschäfte mit Juden und Nichtjuden in der ländlichen Stadt tätigt. Die Familie gilt als ehrlich, rechtschaffen und hat viele Freunde. Ihren Glauben halten sie zwar nicht geheim, doch keiner stört sich daran, auch wenn häufig die Frage gestellt wird "Warum seid ihr denn so anders?" 

Sigis Schwester Ruth ist mit Gerd liiert, einem Nichtjuden, der sie heiraten möchte. Doch als ein toter Junge in der Scheune eines Nachbarn gefunden wird, behauptet man, sie hätte einen schweren Sack über die Straße aus dem Hoftor der Waldhoffs gezerrt. Auch Sigi bekommt den Unmut der Bewohner zu spüren: Fremde Jungs verprügeln ihn, weil er ihnen nicht verrät, wo sein Vater wohnt. Zum Glück hält sein Freund Karl Ulpius zu ihm, der ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden hat. Aber auch er kann nicht verhindern, dass sich über den Waldhoffs erst fast unmerklich, dann unverhohlen Unheil zusammenbraut: beim eigentlich geselligen Schützenfest schlägt die Stimmung um und es kommt zu einem Eklat. Später wird ihr Haus mit Steinen beworfen und demoliert. Frau Waldhoff wird verletzt, Sigi vom Schulunterricht ausgeschlossen.

Als der Vater in Untersuchungshaft kommt, bessert sich die Lage etwas, doch Ruth muss eine bittere Enttäuschung hinnehmen.


MrsBrown / Pixabay


Bei all dem Schlimmen, das der Familie Waldhoff widerfährt, lernt Sigi jedoch auch den Wert von wahrer Freundschaft kennen: Karl und dessen Vater halten zu den Waldhoffs und verraten sie auch nicht, als sie aus der Stadt fliehen, in der sie als deutsche Bürger unbescholten lebten, verwurzelt waren und ein Geschäft aufgebaut hatten. 

Aufgrund der Ereignisse ändert Karl seinen Berufswunsch und wird Lehrer, der es sich zur Aufgabe macht, die tragische Geschichte der Waldhoffs als Mahnung an Schulen zu schildern. Der Epilog hat mich besonders betroffen gemacht. 

"Als in der Kristallnacht 1938 die Synagogen brennen, ist Karl siebenundfünfzig Jahre alt. In siebenunddreißig Lehrerjahren hatte er über sechshundert jungen Menschen das Schicksal der Waldhoff-Familie erzählt. Trotzdem ereignete sich die Nacht des Schreckens und der Schuld, und Schlimmeres geschah. Zu wenige Menschen waren wie Karl Ulpius."

Meinung: So schockierend das Buch ist, zeigt es vor allem eins: aus der Geschichte wird nicht gelernt. Dennoch gibt es Hoffnungsschimmer und Menschen wie Karl, der sich von der Hetze gegen die Waldhoffs nicht beirren lässt. Sigi bleibt sein Freund, und gerade die Randgeschichten, in denen diese Freundschaft zum Tragen kommt, haben mir gut gefallen. Der Stil ist eher nüchtern und knapp - ein typisches Element früherer Jugendbücher (es erschien erstmals im Jahr 1968) -, doch wenn Hannah Waldhoff ihrem Herd und den Küchenutensilen Auf Wiedersehen sagt und Karl die flüchtende Familie nachts ein Stück begleitet, um beim Abschied von Sigi das begehrte Hirschhornmesser geschenkt zu bekommen mit der Bitte, ihn doch noch irgendwann auf den Glockenturm mit hinaufzunehmen, dann sind diese Momente umso anrührender. 

Obwohl als Schullektüre empfohlen, kannte ich "Es geschah im Nachbarhaus" bisher nicht. Ich hoffe aber, dass ein so wichtiges Buch nie in Vergessenheit gerät.

 

Bewertung: 💫💫💫💫💫



Sonntag, 16. Mai 2021

Fazit: 2. Leserunde "Das Bildnis des Grafen" (06. April - 15. Mai 2021)

 Fertig ist sie, die Runde meines Debütromanes auf dem Büchertreff. Und vorab kann ich sagen, dass sie ganz gut gelaufen ist dafür, dass ich die ganze Zeit über ein eher mulmiges Gefühl hatte. Ich glaube, es lag daran, dass über das Buch selbst wenig diskutiert worden ist und stattdessen mehr Dinge zur Sprache kamen, mit denen die Teilnehmer nicht einverstanden waren, sei das ein "fehlerhaftes" Handeln einer Figur oder wie unsympathisch dieser und jener in der diskutierten Szene rüberkommt. Merkwürdigerweise habe ich wenig Positives zu Stil, Sprache und allgemein gehört, und das hat mich dann doch ein bisschen verunsichert bzw. mich glauben lassen, der Roman sei für die Runde langweilig. 

 


 

Hauptsächlich wurden eben Dinge angesprochen, die nicht so gut gefielen. Vielleicht war es deshalb in der Regel recht still. 

Am Ende habe ich doch noch ein paar Fragen gestellt, um herauszufinden, was meine Mitleserinnen gut und weniger gut fanden. Eigentlich mache ich das nicht, und trotzdem ist die Leserunde auf die Art doch zu einem guten Abschluss gekommen. Besonders schön war, dass eine Teilnehmerin schrieb, sie hätte durch "Das Bildnis des Grafen" Interesse am Judentum bekundet und möchte sich weiter mit dem Thema befassen. Überhaupt scheint der historische Aspekt mit der interessanteste gewesen zu sein, denn er wirft ein völlig neues Licht auf die Beziehung und Verflechtung der Familien Escaray und Whitehurst.

Das "Mystische" war ein wenig zu viel, "Grusel" zu wenig (ich finde viele Szenen richtig gruselig, ehrlich gesagt, besonders die mit Valentine und Carrick...), und die kriminologische Komponente hat sich logisch und gut aufgeklärt - wenn auch das Ende ein bisschen zu rosarot war. Auch das kann ich nicht gänzlich nachvollziehen; aber um nicht zu spoilern, werde ich an dieser Stelle nicht verraten, weshalb. Oh, und was mich doch sehr froh gemacht, tatsächlich erleichtert hat, war, dass alle einträchtig meinten, es hätte außer den Bösen keine wirklich unsympathische Figur in der Geschichte gegeben. Der junge Valentine ist auf Platz Eins in der Punkteskala, gefolgt von Renoir und dem Constable Melvin Gilfeather und Lilian Grimby. Letztere sind sogar zu besonderen Lieblingen einer Teilnehmerin avanciert. 

Irgendwie hat mir die Behauptung, meine Charaktere seien samt und sonders anstrengend, zu schaffen gemacht. Vor allem, da bisher der Psychologe Gaspard immer an vorderster Front der Sympathieträger stand und sich einige auch ein wenig in ihn verliebt haben. Ich persönlich möchte nämlich kein Buch lesen, in dem mir kein einziger Protagonist emotional nahekommt.



Das, was am Ende nicht so gefallen hat, wurde gut begründet, so dass es für mich akzeptabel und  auch nachvollziehbar war. Wie gesagt, ist es normal, dass man nicht jeden Leser dort abholen kann, wo er gerade steht, und auch, dass nicht jede/r einen Harry Potter schreiben kann und will. 

Ich glaube, dass ich Fragen, die anfielen, gut beantwortet habe und auch selbst einiges aus der Runde mitnehmen konnte. Insofern bin ich zufrieden. Da das Format und die Unhandlichkeit des Printbuches bemängelt wurden, empfehle ich weiteren Interessierten an meinem historischen Gruselkrimi allerdings die ebook-Ausgabe. (O;


Bilder: Christine Wirth



Montag, 10. Mai 2021

Ich bin ein Glückskind (weil Gewinner von Michael Wolffsohns neuem Kinder- und Jugendbuch)!

 Wie im vorigen Post bereits erwähnt, habe ich Ende April auf Facebook bei einer Buchverlosung von Michael Wolffsohns "Wir sind Glückskinder - trotz allem" teilgenommen und unter vielen Bewerbern eines von zehn signierten Exemplaren gewonnen, das mir am Samstag zugesendet wurde. Ich war total happy, denn ich schätze Herr Wolffsohn und seine ruhige Art sehr. Tatsächlich war meine erste verfasste E-mail an ihn, nachdem er im TV in einer Diskussion Fakten erläutert hat, die viele Zuschauer wütend gemacht haben und die ihm aufgrund seiner Auslegungen drohten. Seine freundliche Antwort an mich (die ich schon kurz darauf erhielt) habe ich in ausgedruckter Form immer noch. 

Auch einige seine Sachbücher über den Nahost-Konflikt habe ich gelesen. Er versteht es, auch Laien komplizierte Sachverhalte verständlich zu erklären.



Die "Glückskinder" möchte ich auf dem Büchertreff ab 31. Mai lesen und diskutieren, sofern sich genügend Teilnehmer/innen finden. Da ich gemerkt habe, dass viele jüngere Leute eigentlich nur vom Zweiten Weltkrieg und der Shoa aus der Schule wissen, hoffe ich sehr, dass die Runde realisiert werden kann und auch Leser dabei sind, die sich vorher wenig bis gar nicht mit der Geschichte und Kultur des Judentums und der Juden befasst haben. Ich glaube, dieses für Jugendliche konzipierte, mit 240 Seiten nicht allzu umfangreiche Werk wäre ein guter Einstieg dafür. Herr Wolffsohn räumt schon zu Beginn anhand seiner Familie mit ein paar Mythen auf. Essen alle Juden eigentlich kein Schweinefleisch? Die Saalheimers (Wolffsohns Familie mütterlicherseits) jedenfalls lieben "fränkische Blauzipfel", und das nicht mit Rinderersatz. Und Thea geht sogar auf eine katholische Schule, in der überdies Protestanten zugelassen sind! Sehr fortschrittlich für die 1930er Jahre. Wer hätte es gedacht: der Davidstern ist gar kein typisch jüdisches Symbol, sondern wurde auch von Brauereien gern als Erkennungsmerkmal in Gaststätten angebracht.

 Natürlich geht es nicht immer heiter zu für die "Glückskinder", denn "wie in jedem Leben eines jeden Menschen gibt es Freude und Leid". Das Hauptthema bildet der Zweite Weltkrieg, der plötzlich alles zerstört und viele - Juden sowie Nichtjuden - zum Auswandern bewegt. Auch die Saalheimers mit ihren drei kleinen Töchtern müssen gehen, obwohl sich Vater Justus Deutschland verbunden fühlt und sich anfangs nicht vorstellen kann, dass er wie seinerzeit Moses seine Familie vor dem wahnsinnigen ägyptischen Pharao schützen und befreien muss, indem er 1939 nach dem damaligem British-Palästina, sozusagen das gelobte Land, emigriert, in dem er kein Wort versteht.

Viel gelesen habe ich noch nicht und hebe mir das Buch bis Ende des Monats auf, aber ich habe den Eindruck, dass Michael Wolffssohn mit seiner Erzählkunst und einfachen Ausdrucksweise zugleich viele Leser ansprechen wird, die das Thema nur aus dem trockenen Geschichtsunterricht kennen, mit Zahlen statt Schicksalen und Gesichtern dahinter. Angereichert ist die Biografie seiner Familie mit Fotos aus Privatbesitz. 

Wer uns bei der Leserunde begleiten will und gerne diskutiert, ist herzlich eingeladen, sich hier anzumelden: *Klick*




Freitag, 7. Mai 2021

2. Leserunde zu "Das Bildnis des Grafen" (06. - 28. April 2021) ~ Teil IIII

Also, das Enddatum ist nun nicht mehr aktuell. Macht aber nichts. Es ist nicht so, dass ich in Zeitdruck wäre bei der Leserunde. Wenn ich mich auch hin und wieder doch dabei ertappe, wie gern ich die Diskussion ein bissl anstoßen würde - ich hätte keine Hemmungen, wenn es nicht mein eigener Roman wäre, da bin ich ziemlich sicher. So wirkt es irgendwie doof, daher lasse ich es sein.

Wir nähern uns dennoch dem Schluss, wobei ich nicht weiß, ob alle noch dabei sind, das Buch abgebrochen oder schon ausgelesen haben.

 

 

Momentan posten wir zu zweit, und ich hoffe, dass die weiteren zwei Teilnehmer noch kommentieren. Renoir steht nicht besonders gut da, weil er nach persönlichem Empfinden seinem jungen Patienten etwas "überzubraten" versucht. Eigentlich kann man ihm das gar nicht mal verübeln, denn er ist ziemlich überzeugt davon, auf der richtigen Fährte zu sein und das Geheimnis um Valentines Trauma zu lüften. Er weiß schließlich nicht das, was der Leser weiß: wäre es so, wie Renoir vermutet, würde die Geschichte vorhersehbar und ohne Clou verpuffen. Und das ist natürlich nicht im Sinn der Autorin. 

Mit dem treuen Butler Patrick Alguire betritt eine Figur die Bühne, die durch ihr Wissen und dem engen Kontakt zu Carrick Escaray von besonderem Interesse ist für Renoir, nachdem die anderen Dorfbewohner abweisend und schroff auf ihn und seine Neugier reagiert haben. Doch Patrick ist eine harte Nuss und nicht leicht zu knacken. Nicht aus Loyalität oder weil er zum "verrückten Einsiedler" geworden ist, sondern weil er Angst hat. Wovor, muss sich erst noch herausstellen.

 


Ich bin gespannt, wie das Ende bewertet wird und das Buch überhaupt, denn bisher habe ich zwar zur Handlung und zu Charakteren einige Meinungen gehört (ich glaube herausgelesen zu haben, dass Carrick und Valentine zumindest jetzt ein paar Sympathiepunkte einheimsen konnten), nicht aber, wie die Geschichte auf den einzelnen Leser wirkt. Was hoffentlich nicht vergessen wird, ist, dass "Das Bildnis des Grafen" auch mit Schauerelementen spielt, die sich rational nicht unbedingt erschließen, in sich jedoch Sinn ergeben und für Fans von Gruselromanen durchaus plausibel klingen. Na, falls diesbezüglich Fragen auftauchen: ich beantworte sie gern.

Meine nächste Leserunde ist übrigens schon geplant: Ab 31. Mai lese ich auf dem Büchertreff mit anderen Interessierten "Wir waren Glückskinder - trotz allem" von Michael Wolffsohn. Das Buch (mit Signatur) habe ich im Rahmen einer Facebook-Verlosung des dtv-Verlags unter Mitwirkung des Autors gewonnen. Ich Glückskind war total platt und habe mich wahnsinnig gefreut. Nun warte ich ungeduldig auf die Zusendung. Natürlich ist jede/r herzlich eingeladen, mitzulesen und zu diskutieren. Einfach den Link anklicken.



Freitag, 23. April 2021

2. Leserunde zu "Das Bildnis des Grafen" (06. - 28. April 2021) ~ Teil III

 Irgendwie schade. Die Leserunde ist die erste, welche ich als Autorin und Leserin begleite, die so gar nicht in Gang kommen will. Habe ich mich im letzten Beitrag noch hoffnungsvoll geäußert, so bin ich nun doch enttäuscht und sogar ein bisschen traurig über das scheinbar geringe Interesse, meinen Roman zu diskutieren. 

Im aufgestellten Zeitplan hängen wir ziemlich hinterher. Soweit ich weiß, ist kaum jemand über das siebte Kapitel hinaus. Daher habe ich nun vorgeschlagen, dass man im eigenen Tempo Beiträge schreibt. Ich glaube nicht, dass es etwas mit "beleidigter Leberwurst" oder Primadonna spielen zu tun hat. Jeder an meiner Stelle wäre wohl desillusioniert, wenn man sich auf eine für einen persönlich so spezielle Leserunde vorbereitet und sich lange im Vorfeld einen Schneekönig gefreut hat, der jetzt am Abtauen ist.

 

Detail der Fassade von Escaray Hall?
 

 Ich kann das generelle Schweigen im Walde ehrlich gesagt nicht verstehen. Klar, ich finde meine Geschichte toll und einzigartig, immer noch. Sonst hätte ich sie nicht veröffentlicht und mich gerne als begleitende Autorin zur Verfügung gestellt. Dass sie nicht jede/n so abholt wie mich und meine Fans, ist selbstverständlich und auch keine Überraschung. Oft machen ja auch gerade mittelmäßige Rezensionen neugierig auf ein Buch. Außerdem habe ich mich auch in Leserunden gut unterhalten, in denen ich das Buch zunächst mal oder bis zum Schluss nicht mochte.

Ich weiß nicht, woran es liegt, dass nur noch sporadisch Meldungen eintrudeln und auch auf meinen Vorschlag seit gestern kaum Reaktionen kamen - wenn nicht deshalb, weil die Geschichte langweilt und man mich nicht verletzen will, indem man mir sagt, dass der Roman nicht dem Geschmack des Großteils der Teilnehmerinnen entspricht. Damit könnte ich leben. Obwohl ich es natürlich schade fände und vielleicht doch im stillen Kämmerlein ein oder zwei Tränen verdrücken würde. Ich kann verstehen, wenn die Zeit fehlt und man sich entschuldigt, weil irgendetwas dazwischengekommen ist. Es wäre trotzdem ermutigend, mehr Interaktion zum Buch auf dem Thread zu haben.

Evtl. spielen auch einige Themen eine Rolle, die zu Reizthemen werden, weil sie nicht einfach sind und in Unterhaltungsliteratur nicht unbedingt erwartet werden. Der Erste Weltkrieg und das Judentum zum Beispiel. Letzteres hätte ich wohl zumindest im Klappentext erwähnen sollen. Nach meinem Empfinden habe ich es nicht überdosiert oder moralisiert und bin bei sensiblen Themen wie Glauben und Religion so weit wie möglich neutral geblieben als Autor, aber man weiß ja nicht, wie andere das sehen. Dass ich als Nebeneffekt aber auch am Judentum und dessen Geschichte Interesse wecken konnte mit meinem Roman, war schön.


Mrs. Brown  / Pixabay

 

Last but not least plagt mich ein wenig die Vorstellung, dass nur ein oder zwei Teilnehmer positiv über den Grafen und sein "Gefolge" denken. Sympathische Charaktere scheint es so gut wie keine zu geben im Buch. Nicht, dass ich es darauf anlege beim Schreiben, aber es ist kein sonderlich großes Vergnügen, einer Geschichte zu folgen, in der man sämtliche Protagonisten am liebsten zum Mond schießen möchte.

Ich weiß wirklich nicht, ob es nicht besser wäre, mich aus der Runde zurückzuziehen. Irgendwie merke ich, dass sie mir nicht gut tut und ich das Gefühl habe, "verkehrt" zu posten, selbst wenn es nicht so sein mag. Zwar versuche ich - auch auf Anraten meiner Lieben - "zen" zu sein und sie nicht so wichtig zu nehmen. Aber das ist gar nicht so leicht, hatte ich mich doch sehr über die Aufmerksamkeit gefreut, die dem Graf damit zuteil wurde.



Freitag, 8. November 2013

Schmerzlicher Blick in die Vergangenheit



 

In meiner Stadt gab es bis zum Jahr 1938 reges jüdisches Leben. Damals war sie noch kleiner als heute, doch sogar die noch kleineren Nachbarsorte hatten ihre eigenen Synagogen - ein jüdischer Friedhof findet sich ebenfalls nicht weit entfernt, der allerdings nur noch in Bruchstücken bzw. stark verwitterten Grabmälern vorhanden ist.

Demnächst jährt sich wieder die unselige Kristallnacht, die dafür sorgte, dass alles, was die Gemeinden an Kultur und Wissen durch die jüdischen Mitbürger bereicherte, buchstäblich über Nacht verschwand. Nicht nur war das ein düsteres Kapitel unserer jüngsten Geschichte; es hat Deutschland unleugbar ärmer an Vielfalt gemacht. 





 

Ich war auf dem Synagogenplatz, um Fotos zu machen, weil ich es wichtig finde, dass man nie vergisst, welches Verbrechen an der Menschheit hier begangen wurde - blind und taub gegen jede Form von Nächstenliebe, Zivilcourage  und Vernunft. Da ich selbst mich dem Judentum sehr verbunden fühle, war es emotional nicht leicht, mir den Schrecken zu vergegenwärtigen, den die Leute empfunden haben mussten, als sie Zeuge davon wurden, wie ihre Gotteshäuser in Flammen aufgingen. In allen betroffenen Städten stand damals ironischerweise die Feuerwehr einsatzbereit neben den niederbrennenden Synagogen, um das Überspringen des Feuers auf benachbarte *arische* Grundstücke zu verhindern.

Heute stehen auf dem Platz Bürogebäude, ein Friseurgeschäft und heruntergekommene Asylantenwohnblocks. Die Überbleibsel dessen, was ihn über ein Jahrhundert ausgemacht und sich bis vor fünfundsiebzig Jahren wie selbstverständlich ins Stadtbild eingefügt hat, wirkt jetzt beinahe exotisch. Mich hat das sehr nachdenklich und traurig gestimmt.




 

Irgendwie gab es mir Trost, dass die Gedenktafel darauf hinwies, dass sich die Gemeinde mit Beschämung und Trauer an diese Zeit erinnert. Und dass in größeren Städten Synagogen wieder aufgebaut wurden und werden. Schade nur, dass wir wohl nie wieder die Selbstverständlichkeit erreichen, friedlich und ohne Misstrauen und Vorurteile Seite an Seite zu leben.



Dienstag, 26. März 2013

Aus aktuellem Anlass...

... weise ich heute auf Pessach bzw. das Passafest hin, das dieses Jahr auf den 26. März bis 2. April fällt. Selbst wer mit dem Judentum nichts am Hut hat, wird erstaunt sein, wie viele Parallelen es zu dem christlichen Osterfest gibt.





Es soll ja Leute geben, die nicht einmal mehr über *dessen* Ursprung sicher sind - da hilft das Nachlesen dieses Artikels bestimmt. (O;


Pesach sameach vekascher! und ein frohes und gesegnetes Osterfest!


Bildquelle: Gellinger / Pixabay



Dienstag, 22. Januar 2013

Das ist doch nicht koscher! ~ Ja, was denn nun?

Die Kaschrut oder was darf man als orthodoxer Jude essen? *Klick*




Valentine Whitehurst, der junge Soldat in meinem Roman “Das Bildnis des Grafen”, ist jüdischer Herkunft, und sein Arzt und Psychologe Gaspard Renoir fragt sich beim gemeinsamen Weihnachtsmahl mit Lilian und Melvin nicht zu Unrecht, ob Yorkshirepudding koscher ist und von Valentine überhaupt verzehrt werden darf. In der Überschrift (Link) findet sich eine Vereinfachung der Regeln, die sehr viel komplizierter sind als nur das Verbot des Verzehrs von Schweinefleisch.


Quelle Foto: BRBurton23 / Pixabay