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Sonntag, 27. September 2015

Nostalgie, Wind und Sonnenschein

Heute bin ich trotz Sonntag recht früh aufgestanden. Eigentlich, weil ich beim Bäcker frische Semmeln holen wollte. Nach einem guten Frühstück entschieden wir uns zu einem morgendlichen Spaziergang, anstatt wie üblich die Rechner anzuschalten.

Auf unserer Runde kommen wir oft an einem Industriegebäude vorbei, auf dem hin und wieder museumsreife, aber fahrtüchtige Oldtimer stehen wie ein VW-Bus aus den 1950er oder ein amerikanischer Schlitten von 1930. Da wir sie bereits näher in Augenschein genommen haben und von den Angestellten auch nicht unbemerkt blieben, weiß ich, dass alte Automobile eine *Spielerei* vom Chef des Unternehmens sind. Der kam heute auch prompt vorbei, als wir uns ehrfürchtig einer grün lackierten, funkelnden Tin Lizzy mit offenem Verdeck auf dem Fuhrpark näherten, um sie gebührend zu bewundern.

Er fragte uns, ob wir Lust auf eine kleine Spritztour hätten, und mal ehrlich, wer hätte die nicht? Es war irgendwie total verrückt, da hinten raufzusteigen, den Chef beim Betätigen der altmodischen Kurbel vorne am Motor zu beobachten und dann mit sechzig Sachen durch die Stadt zu fahren. Ich hätte ja "Tuckern" gesagt, aber das wäre der verkehrte Ausdruck. Die Tin Lizzy ist rasant schnell, oder vielleicht kam es mir auch nur so vor, mit dem Fahrtwind in den Haaren und ziemlich exponiert auf dem hohen Sitz. Besonders die Kurven hatten es in sich, und wir mussten uns gelegentlich festhalten wie auf einer Achterbahnfahrt. (O;

Unser nostalgisches Gefährt zog natürlich sämtliche Blicke auf sich, während unser großzügiger Chauffeur ein paar technische Daten vom Stapel ließ, wenn wir nicht gerade lachten wie blöd vor unerwarteter Freude, uns wie Filmstars in einem Kostümschinken fühlten (hehe) oder er uns besorgt fragte, ob wir nicht frieren ("Nein, nein! Überhaupt nicht!").

Das Modell stammt von 1913, ist also über hundert Jahre alt, und trotzdem braucht man weder eine Genehmigung oder einen speziellen Führerschein, um solche Oldtimer im Verkehr zu lenken. Recht erstaunlich fand ich, dass es nicht einmal Sicherheitsgurte gab, denn wie gesagt: das Tempo, das wir vorlegten, war teilweise schon atemberaubend und hätte mit diesem Soundtrack unterlegt werden können:





Nach einer Stadtrundfahrt durch die Hauptstraße setzte er uns wieder am Ausgangspunkt ab. Ich war total geflasht und habe mich an die tausend Mal bedankt, denn im Museum kann man solche Fossilen ja ohne weiteres sehen - in einem sitzen und auch noch fahren dürfen bestimmt nur wenige.

Schade nur, dass wir beide keine Handys dabei hatten, um Fotos zu machen, die unser nostalgisches Erlebnis dokumentiert hätten.




Samstag, 26. September 2015

Bombastische Kostümfilme in den 1990ern

Irgendwie scheinen sie im letzten Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts groß in Mode gewesen zu sein, und das vermutlich nicht von ungefähr: Opulent ausgestattete Kostümschinken, die lange Zeit zuvor verpönt waren und Anfang der 1990er dank den Merchant / Ivory-Filmen eine neue, kurze Blütezeit und Renaissance erlebten. In meiner Videothek befinden sich noch etliche Filme dieses Genres und eben jener Zeit, was mich kürzlich beim Aussortieren selbst überrascht hat - aber nur ein bisschen. Zugegeben, von ein paar würde ich mich nicht trennen, und bei manchen tut es mir rückblickend fast leid, dass ich es getan habe.




Im Zuge meiner Aussortierungswut habe ich mir "Meine Unsterbliche Geliebte" mit Gary Oldman als Beethoven angesehen; ich mochte den Film früher und dachte, ich könnte ihn mir mal wieder zu Gemüte führen, da ich die Geschichte so gut wie nicht mehr kannte. Aus gutem Grund, wie mir dann dämmerte. Bis auf die bereits erwähnte sorgfältig authentische Ausstattung und dem Flair des 18. Jahrhunderts war der gesamte Film dermaßen grottig, dass ich mich wunderte, wie ich ihn mal gut finden konnte. Nicht einmal Gary Oldman konnte den Schmu retten, auch wenn er eine tolle Figur in Kniebundhosen machte. Im Gegenteil; er kam mir - wie alle anderen Schauspieler auch - zu dick aufgetragen in Gestik und Sprache vor. Alles wirkte grotesk und theatralisch bis zur Grenze der Glaubwürdigkeit, die scheinbar ohnehin nicht angestrebt wurde. Nicht schlimm in einem fiktionalen Werk, und doch hat mich der Film geärgert.

Merkwürdigerweise ging es mir fast genauso mit "Mary Shelley's Frankenstein", der gestern im Fernsehen lief. Aus demselben Jahr wie der Beethoven-Film, ließ er sich für mich auf dieselbe Formel reduzieren: Sämtliche Schauspieler nerven mit einem Over-Acting, das irgendwie deplatziert und melodramatisch wirkt - selbst in Szenen, in denen keine Melodramatik nötig oder weniger mehr gewesen wäre. Dass der Hauptdarsteller Kenneth Branagh einen Hang zur Selbstdarstellung hat und sich gerne in Szene setzt, ist ja kein Geheimnis und auch ok, wenn man sich daran gewöhnt hat.




Doch pathetisch-symbolische Hilfsmittel wie die blutrote, kilometerlange Schleppe der geliebten Adoptivschwester, minutenlanges Greinen im Close-Up und Robert de Niros gummiartige Frankenstein-Kreatur gingen mir nach spätestens einer halben Stunde auf den Senkel. Na gut, widerwillig amüsiert habe ich mich auch. Und mich gefreut, dass ich einige Schauspieler sah, die nur in den 1990ern gefragt waren und danach wieder in der Versenkung verschwanden wie beispielsweise der unheimlich blauäugige Aidan Quinn, den ich in weiteren Filmen sehr mag und der in Frankenstein einen kleinen Auftritt als Polarforscher hatte.

Auch hier gefielen mir die sorgfältige Kostümierung und das Setting, aber das mitunter videoclipartige Flair und Sir Kenneths demonstrativ zur Schau gestellter Waschbrettbauch waren mir einfach too much und haben die positiven Aspekte unangenehmerweise aufgewogen.

Ich frage mich, ob sich das Zuschauerverhalten bzw. meine Wahrnehmung geändert hat oder man allgemein in neueren Filmen subtiler agiert. Denn ehrlich: hochkarätige Mimen, als die zumindest Gary Oldman und Robert de Niro ja ehrfürchtig bezeichnet werden, stelle ich mir souveräner und weniger theatralisch vor. So ganz hinter einer Maske zu verschwinden und den Berserker oder das Enfant terrible zu geben, ist in meinen Augen keine allzu große Kunst.

Aber vermutlich bin das nur ich. Zu Gary Oldmans Ehre muss ich hinzufügen, dass ich ein Fan von ihm war / bin und ihn in anderen Rollen in weitaus besserer Erinnerung habe - vielleicht aber auch deshalb, weil die Figuren, die er dort spielt, keine teutonischen Wurzeln haben. Jedenfalls wandert "Immortal Beloved" demnächst auf meine Liste der ausgedienten Filme.





Sonntag, 20. September 2015

Ein Rotrock reist durch Raum und Zeit...

Meine aus Film und Fernsehen inspirierten Häkelpüppchen, die ich in der Freizeit anfertige, erweisen sich als äußerst reiselustig und haben dabei eine Menge zu erzählen.

Sherlock Holmes und Bilbo Beutlin sind gerade dabei, das Rätsel um einen in Portugal verschwundenen Ring zu lösen und halten mich bei ihrem Abenteuer in Bild und Text auf dem Laufenden - vielen Dank an Sabrina und ihren Papa! Jeden Tag freue ich mich auf Nachricht von ihnen und bewundere sie am Flughafen, in Orten mit höchst exotisch klingenden Namen, beim Garnelenpuhlen und Wein verkosten; das ist fast, als hätte ich einen Adventskalender im September. (O:


Bilbo und Sherlock vor ihrer Reise

Nun geht auch mein historischer Rotrock Major John André auf Reisen - und das, obwohl ich ihm tatsächlich eine kleine Träne nachgeweint habe. Ein Ersatz ist aber bereits vorhanden.

Sein Ziel heißt Chesterfield in Virginia / USA. Zum Glück sind die Animositäten zwischen Amerikanern und Briten heute weitgehend passé. Ich hätte ihm sonst verboten, dort erneut aufzukreuzen, hat man ihn doch anno 1780 mit gerade mal dreißig Jahren wegen Verrats zum Tod am Strang verurteilt.

Die Geschichte, die dem Grund seiner Reise vorausgeht, ist folgende: Vor kurzem hatte ich - stolz wie Oskar auf meine neueste Kreation - ein Foto auf Twitter gepostet, das den Major im Garten zeigt. Innerhalb von kurzer Zeit hatte das Foto einige Retweets und Favoriten und tatsächlich Anfragen, ob man ihn denn irgendwo erwerben könne. Mit einer so großen Nachfrage habe ich nicht gerechnet, war aber umso stolzer, dass er bei den Fans der Serie "Turn - Washington's Spies" so gut ankam. Einem davon habe ich ihn über meinen Etsy-Account verkauft - den habe ich noch, auch wenn ich momentan keine Artikel im Shop anbiete.




Kurz und gut, der Major hat nach ein paar wenigen 140 Zeichen-Nachrichten den Besitzer gewechselt. Erstaunlich übrigens, wie schnell und unkompliziert das mit Paypal auch im entfernten Ausland geht. Gleich am nächsten Tag habe ich ihn reisefertig gemacht, ihm ein letztes Goodbye-Bussi auf den blonden Schopf gedrückt und ihn zur Post gebracht.

Der absolute Clou der Geschichte ist der, dass der Fan, der ihn bestellt hat, nahe der Drehorte wohnt, an denen im Spätherbst die dritte Staffel der Serie weiter gefilmt wird (in der der Major vermutlich das Zeitliche segnet - *sniffle*). Nachdem ich ihn versendet und der Empfängerin mitgeteilt hatte, er sei unterwegs, schrieb sie mir zurück, dass sie vorhat, *meinen* selbst gehäkelten Rotrock JJ Feild zu überreichen, wenn sie ihn im Rahmen der Dreharbeiten treffen sollte!!! Wie aufregend ist das denn?! Das Fangirl in mir ist beinahe explodiert vor Freude.

Und selbst, wenn er es nicht in Mr. Feilds männlich-kräftige Hände schaffen sollte, so ist durch mein Amigurumi doch eine originelle Idee ins Rollen gekommen, genau wie die von Sabrina und ihrem Vater. Ich finde das richtig schön.


Freitag, 4. September 2015

Der Lieblingsfilm als Buch


Eigentlich fragt man ja umgekehrt: Welches Buch müsste verfilmt werden? Ich habe mir darüber Gedanken gemacht, welchen *Film* ich denn gerne als *Roman* erleben würde. Eingefallen ist mir dabei Third Star, ein Independentfilm mit Benedict Cumberbatch, der seit drei Jahren mein absoluter Lieblingsfilm ist.

Natürlich gibt es Drehbücher, doch die werden so geschrieben, dass sie nichts verraten, was man im späteren Film nicht ohnehin sieht. In meinem ausgewählten Film - den ich mittlerweile fast auswendig kenne - liest man als Zuschauer viel zwischen den Dialogen und dem Verhalten der vier Hauptcharaktere, und man kann sich in jeden der jungen Männer gut einfühlen. Es ist eine ruhige, zuweilen humorvolle und emotional fordernde Geschichte; nicht leicht zu verdauen, erzählt er von dem schwerkranken James, der mit seinen besten Freunden zu seinem Lieblingsplatz aufbricht, um dort sein Leben, das zukünftig von Schmerzen und Medikamenten bestimmt sein wird, zu beenden.

Das klingt erst mal furchtbar, doch der Film und die Schauspieler sind derart fantastisch und überzeugend, dass man am Schluss trotz komplett verbrauchter Kleenexbox überzeugt ist, James hat es auf seine Art richtig gemacht.

Als Erzähler meines Filmbuchs würde ich mir jedoch nicht James wünschen, sondern Miles, der bis vor dem Ausbruch von James' Krankheit dessen bester Freund und Seelenverwandter war. Für mich ist er die interessanteste und auch nachvollziehbarste Figur im Film. Verschlossen und fast arrogant am Anfang, gibt er sich eigentlich nur mit Bill ab, einem weiteren Kumpel, der zwar, wie alle im Leben, Fehler macht, sie aber mit einem Schulterzucken und Albernheiten abtut, während James ganz von Davy beschlagnahmt wird, der sich seit seiner Arbeitslosigkeit als James' "Krankenschwester" etabliert hat. Zwischen Miles und Davy gibt es bis zum Ende hin kaum Berührungspunkte und stattdessen mehr oder weniger versteckte Beleidigungen von beiden Seiten, was den Schluss nahelegt, dass ein wenig Eifersucht im Spiel ist.

Nur ganz selten lässt Miles die anderen seine Verzweiflung über den unvermeintlichen Verlust seines Freundes James sehen, den dasselbe Schicksal ereilt wie Miles' Vater, als Miles ein Teenager war. Das langsame Sterben einer ihm wichtigen Person ein zweites Mal mitansehen zu müssen, zehrt an ihm, doch er überspielt seine Gefühle mit Spott und Zynismus. Erst nach zwei Gesprächen unter vier Augen mit James zeigt er Verletzlichkeit, und offenbart auch das Geheimnis, das ihn über James' Tod hinaus weiter mit seinem besten Freund verbinden wird, obwohl er nicht vorhatte, es ihm zu sagen.

Seine Gedanken und Beweggründe sind in diesem wirklich grandiosen Film gut formuliert, was nicht zuletzt an JJ Feild liegt, dem die Rolle ein bisschen auf den Leib geschrieben wurde. Doch in einem Roman wäre man vermutlich unter Umständen überrascht, wie komplex der Charakter aufgebaut ist, mit welchen Problemen er konfrontiert wird und welcher emotionale Aufruhr in seinem Inneren tobt. Filme zeigen ja "nur" das Offensichtliche, und ich denke, Miles hätte viel zu erzählen, wenn er die Geschichte von sich, James und den gemeinsamen zwei Kumpels aufschreiben würde. Ein Buch fertiggestellt hat er ja schon... und was außer "Meine Güte, ist der schwer!" könnte er wohl auf dem letzten Bild gedacht haben? Bestimmt eine ganze Menge mehr.

Gibt es für euch einen Film, den ihr gerne als Buch hättet, um die Gedankenwelt von einem der Protagonisten besser zu ergründen? Ich bin gespannt. Antworten bitte im Kommentarbereich.