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Mittwoch, 22. April 2026

Kaspar Hauser - Mythos und das Kind Europas

Vermutlich habe ich es bereits erwähnt: durch Mamas Freundin Annchen, in deren Nachlass ich viele Bücher über den Findling Kaspar Hauser fand (unter anderen auch ihr eigenes in Briefen an ihn), habe ich mich ein bisschen in dieses faszinierende Thema eingefuchst. Die Recherchewerke, die ich mir als Erstes zur Brust nahm, haben mich jedoch nicht halb so begeistert wie "Briefe an Kaspar Hauser", denn aufgrund ihres Alters sind sie oft ermüdend, konfus und trocken verfasst.

 

Lest dieses Buch! / Gemini
 

Weil man in ihm lange einen badischen Erbprinzen vermutet hat (die letzte DNA-Analyse war 2024, allerdings ohne zufriedenstellendes Ergebnis), bewegt man sich als Leser u.a. in Adelskreisen, was für mich als Laie hin und wieder verwirrend wurde mit den vielen Namen und royalem Gedöns. Tatsächlich hat Annchen zwar eine andere Theorie verfochten, doch sie ist nicht weniger blaublütig: ihrer Meinung nach war der unter mysteriösen Umständen in Nürnberg zu Pfingsten 1828 aufgetauchte junge Mann ein Sohn Napoleon Bonapartes und Marie Louises von Österreich. Schon die Nennung der Mutter löste einen Aha-Effekt aus, hatte man bei Kaspar doch einen geheimnisvollen Zettel in Spiegelschrift gefunden mit den Initialen M.L.Ö.  

Annchen wurde mit ihrem Buch auf Veranstaltungen des Kaspar Hauser-Freundeskreises eingeladen, der sich wohl in Nürnberg und Ansbach traf, die Orte, an denen Kaspar wohnhaft war und wo Unterlagen, persönliche Ggegenstände und Kleidungsstücke von ihm aufbewahrt werden. Ich weiß noch, dass sie sich besonders gefreut hat, als man ihre Theorie nach ein paar Jahren des Klinkenputzens in Fachkreisen erörterte und man Annchen auf Einladungen aus ihrem Werk vorlesen ließ. Als ich sie damals zusammen mit Mama traf, schien es fast, als seien die Mittel zur Entmystifizierung des großen Rätsels seit fast 200 Jahren zum Greifen nah. Denn eins muss ich nun, da ich das Buch wieder bewusster und sachverständiger lese, betonen: Aus den Fingern gesaugt hat sich Annchen ihre Version mitnichten. Sie fußt auf den erstaunlichen Tatsachen, die man über Kaspar Hauser gemeinhin kennt und die kaum jemand anzweifeln wird, wie etwa das Versteck im dunklen Verlies (wobei ich noch nicht genau weiß, wie Annchen dazu steht...).

 

Pfiffig und wissbegierig: Annchen Kröger

Dass man ihn zuweilen auch als Schwindler betrachtet, der Aufmerksamkeit suchte und sich dann, als sie nachzulassen drohte, aus Frust darüber selbst umbrachte, ist eine kaum ernstzunehmende Spekulation. Jedenfalls bin ich gerade fleißig am Lesen und jeden Abend gespannt auf den nächsten Brief von Susanne/Annchen an Kaspar. Noch ist er als Dreijähriger bei seiner Mutter, doch es scheint mir, dass beide bald durch die Unruhen - das erschütterte Europa nach Napoleons verlorenem Russlandfeldzug, nach dem der Kaiser selbst nach Elba verbannt wird - getrennt werden und der kleine Napoleon François (Kaspars Taufname laut Annchen) verschleppt wird und dann lange Zeit in Dunkelheit mit seinen Holzpferdchen verbringen muss. 

So oder so, es ist schon schlimm, was man dem Kind angetan hat. Erstaunlicherweise scheint der Name Kaspar Hauser nicht mehr zum Allgemeinwissen zu gehören; viele, denen ich von meiner neuen "Leidenschaft" erzähle, kennen ihn und seine aufsehenerregende Geschichte gar nicht. Vielleicht rückt er in zwei Jahren zum 200sten Jubiläum wieder mehr ins kollektive Gedächtnis mit Fernsehdokumentationen und Verfilmungen. 

Bis dahin kann ich guten Gewissens Annchens Buch "Briefe an Kaspar Hauser - Für Frieden und Gerechtigkeit in Europa" empfehlen. Auf Amazon kostet die Ausgabe um die 40,00 Euro, doch wer interessiert ist, kann sich auch an mich wenden. In meinem Besitz habe ich einen Karton mit neuen ca. 20 Exemplaren, die ich gerne zum Pauschalpreis inklusive Porto von 10,00 Euro pro Stück deutschlandweit verschicke. Nicht nur, um Annchen einen Gefallen zu tun. Sondern weil ihr Buch und ihre Forschungsarbeit zum Thema lesenswert ist, nicht nur für Hauser-Experten. Bei Interesse meldet euch im Kommentarbereich.

Was wirklich geschehen ist damals mit Kaspar, wo er herkam und warum er beiseite geschafft werden musste, das wissen nur der Himmel, Kaspar selbst und seit letztem Jahr auch Annchen, die ihr "fünftes Kind" mittlerweile bestimmt persönlich kennengelernt hat. Sie hat sich mit so viel Herzblut dem Nürnberger Findling gewidmet, dass ich mir durchaus vorstellen kann, dass sie der unbequemen Wahrheit mit ihrem Buch ein Stück näherkam.

  

 

Montag, 13. April 2026

Kurzgeschichte: Die Nische der Ewigkeit

Inspiriert von einer kleinen Skulptur, die ich bei unserem letzten Friedhofbesuch entdeckt und fotografiert habe, folgt eine kleine Geschichte dazu. Ein bisschen sind Jakob und Elisa auch wie Papa und Mama.

 Die Nische der Ewigkeit

Man nannte sie im Dorf oft nur „die Unzertrennlichen“. Jakob und Elisa waren seit jener regnerischen Herbstnacht im Jahr 1958, als er ihr seinen viel zu großen Mantel auf dem Heimweg vom Erntedankfest anbot, kaum einen Tag getrennt gewesen.
Jakob war ein Mann der leisen Worte und der geschickten Hände. Er war Steinmetz. Elisa hingegen war wie der Sommerwind – immer in Bewegung, immer voller Lieder und kleiner Geschichten. Wenn Jakob im Garten arbeitete, saß Elisa oft auf der kleinen Steinmauer daneben. Sie sprachen nicht viel, aber sie lehnten sich aneinander. Es war, als würden ihre Schultern eine geheime Sprache sprechen, die keine Worte brauchte. „Solange wir uns anlehnen können“, sagte Elisa oft, „fällt keiner von uns um.“
 
 

 
 
Die Jahrzehnte zogen ins Land. Die Haare wurden weiß, die Schritte schwerer. Doch das Anlehnen blieb. Wenn Jakob sich nach einem langen Tag im Sessel niederließ, dauerte es keine Minute, bis Elisa ihren Kopf auf seine Schulter legte. In diesem Kontakt lag alles: die überstandene Krankheit der Kinder, die Sorgen um den Hof, das Glück der ersten Enkelkinder.
 
Als Elisa zuerst ging, fühlte es sich für Jakob an, als hätte man ihm die rechte Seite seines Körpers geraubt. Er war nun ein Stein, der drohte, das Gleichgewicht zu verlieren.
 
Er verbrachte Monate in seiner Werkstatt. Er wollte kein prunkvolles Grabmal mit goldenen Buchstaben. Er wollte das festhalten, was sie im Kern ausmachte. Er goss zwei kleine Figuren aus Bronze – schlicht, ohne Gesichter, fast abstrakt. Er formte sie so, dass die eine ihren Kopf sanft an die Schulter der anderen lehnte. Er gab ihnen keine Beine zum Fortlaufen, sondern einen festen Sockel zum Sitzen.
Er schuf eine Nische in einem dunklen, massiven Granitblock. Dort setzte er sie hinein. Es war ihr kleiner, geschützter Ort. Wenn es regnete, blieben sie trocken. Wenn die Sonne tief stand, warf sie einen warmen Schimmer auf die Patina der Bronze.
 
Einige Jahre später wurde Jakobs Name unter Elisas Namen auf den Stein gesetzt. Doch wer vor dem Grab steht, sieht nicht zuerst die Jahreszahlen. Man sieht die zwei kleinen Figuren.
 
Manchmal, wenn der Wind durch die Friedhofs-Zypressen streicht, sieht es so aus, als würden sie sich noch ein kleines Stück enger aneinanderschmiegen. Sie sitzen dort, in ihrer kleinen Nische der Ewigkeit, und erzählen jedem Passanten die gleiche, stille Geschichte: Dass die Liebe nicht darin besteht, einander anzustarren, sondern gemeinsam den Blick in die Unendlichkeit zu richten – und dabei niemals die Schulter des anderen loszulassen.
 
Bild und Text: Christine Wirth 
 
 

Samstag, 11. April 2026

Kurzgeschichte: Picos Weg ins Glück

In der hintersten Ecke einer Zoohandlung, weit weg von den singenden Kanarienvögeln und den leuchtend grünen Prachtwellensittichen, stand ein kleiner, schmutziger Käfig. Darin saß Pico.
Pico war ein Wellensittich, den auf den ersten Blick niemand mochte. Sein Gefieder, das ein stolzes Himmelblau hätte sein sollen, war stumpf und lückenhaft. Er litt unter einer chronischen Gefiederstörung, die ihn ständig zerzaust aussehen ließ, und ein leichter Tick ließ seinen Kopf ein wenig schief stehen.

 


Die Kunden gingen an ihm vorbei. "Der sieht aber krank aus", sagten die einen. "Ob der noch lange macht?", tuschelten die anderen. Man nannte ihn im Laden hinter vorgehaltene Hand den "hässlichen Pico". Sogar die anderen Vögel in der Voliere schienen ihn zu meiden; er wurde oft von den Futterplätzen weggeschubst und verbrachte seine Tage schweigend auf einer einsamen Stange. Pico war diffamiert – als schwach, als unansehnlich, als ein "Sorgenkind", das nur Arbeit macht.

Eines Nachmittags betrat Frau Wagner den Laden. Sie galt als eine etwas verschrobene, aber aufmerksame Dame mit einem Herz für Wesen, die das Leben gezeichnet hatte. Als ihr Blick auf den schiefen Kopf und die kahlen Stellen von Pico fiel, sah sie nicht die Krankheit. Sie sah die Intelligenz in seinen kleinen schwarzen Knopfaugen und die Einsamkeit in seiner Haltung.

"Ich nehme den Blauen dort hinten", sagte sie bestimmt. Der Verkäufer war überrascht und versuchte sie zu warnen: "Wissen Sie, er singt nicht und er wird wohl nie wieder richtig fliegen können." Doch Frau Wagner lächelte nur.

In Frau Wagners kleiner, sonnendurchfluteter Wohnung änderte sich alles. Es gab keine drängelnden Artgenossen und keine gaffenden Passanten mehr. Pico bekam frischen Thymian, hochwertiges Futter und – was am wichtigsten war – Zeit.

Frau Wagner sprach stundenlang mit ihm. Sie nannte ihn ihren "Himmelsstürmer". Zuerst blieb Pico misstrauisch. Er saß tagelang nur da und beobachtete. Doch die Wärme der Wohnung und die liebevolle Zuwendung bewirkten ein kleines Wunder. Obwohl sein Gefieder nie ganz nachwuchs und er beim Hüpfen immer noch ein wenig wackelte, begann Pico eines Morgens zu zwitschern. Es war kein gewöhnlicher Wellensittich-Gesang; es war eine leise, komplexe Melodie, die fast wie ein Flüstern klang.

Pico wurde zum Mittelpunkt in Frau Wagners Leben. Er lernte, auf ihrer Schulter zu sitzen, während sie las, und knabberte sanft an ihrem Ohrläppchen. Die "Krankheit", die ihn früher zum Außenseiter gemacht hatte, war nun nur noch ein Teil seiner einzigartigen Persönlichkeit. Die Leute, die Frau Wagner besuchten, sagten nicht mehr: "Was für ein kranker Vogel." Sie sagten: "Was für ein mutiger kleiner Kerl." Pico hatte bewiesen, dass ein zerzaustes Gefieder nichts über den Glanz der Seele aussagt. Er war endlich angekommen – in einem Zuhause, in dem er nicht trotz, sondern gerade wegen seiner Besonderheiten geliebt wurde.

Bild und Text: Christine Wirth