"Fairlight? Dann wird das nächste Anwesen Fairlight House sein, oder? Ja, es stimmt, man erzählt sich so einiges über den kauzigen Alten und seine Brut. Erwachsene Söhne, allesamt ledig. Der Jüngste ist wohl schwachsinnig. Mich soll's nicht wundern bei der Familie. Regelrechte Eigenbrötler. Wo hat man so etwas schon erlebt?"
"Es mag Ihnen ungewöhnlich scheinen, doch sehen Sie sich um“, erwiderte John Raeburn mit einem müden Grinsen. "Mindestens zehn Meilen bis zur nächsten Stadt, kein idealer Ort für Brautschauen, geschweige denn für eine Frau."
"Ja“, pflichtete Thorpe eifrig bei und knipste sein charmantestes Lächeln an. Er war ein im klassischen Sinne gutaussehender Mann und wusste um seine Anziehungskraft auf die holde Weiblichkeit, was er jedoch zu befangen und wohlerzogen war, auszureizen. Infolgedessen war er mit vierunddreißig Jahren der begehrteste Junggeselle in ganz Huddersfield.
"Die Lady Clayton soll es hier so unerträglich gefunden haben, dass sie freiwillig aus ihrem tristen Dasein schied, und sie war bei Gott keine zartbesaitete Seele. Wenn nur die Hälfte wahr ist von dem, was man munkelt, muss das eine wirklich verrückte Sippschaft sein."
Edward kicherte. "Genie und Wahnsinn liegen ja oft nahe beieinander. Oder wie Shakespeare so schön formuliert: 'Der Wahnsinn hat Methode.' Wenn Sie meine Meinung hören wollen, Gentlemen, die haben nicht nur Lady Claytons Leiche im Keller. Schade um die Frau. Ein Fluch soll seitdem auf dem Haus liegen, naja, das übliche Getratsche."
Ein donnerndes Krachen, verursacht durch ein weiteres Schlagloch, beendete die müßige Konversation abrupt, Vaughan fluchte deftig und machte ebenso sinnlose wie verzweifelte Anstalten, das Lenkrad aus der Verankerung zu reißen. Weiß der Himmel, was er damit bezweckte, dachte Raeburn mit einem Anflug von Zorn. Nicht zum ersten Mal fühlte er sich an einen kleinen linkischen Buben erinnert, der aus Trotz oder Ärger über seine eigene Unfähigkeit denselben an unschuldigen Opfern, im konkreten Fall an dem schmucken Phaeton, ausließ. Ein Kindskopf, dieser Vaughan. Und so ein unbeherrschtes Subjekt wollte approbierter Doktor werden. Raeburn kam sich vor wie auf einer Narrengesellschaft, Thorpe war nicht unbedingt ein ernsthafterer Zeitgenosse, ein Dandy. Doch vielleicht wurde er, Raeburn, mit Ende Vierzig langsam alt. Fest stand jedenfalls, dass sie sich verspäten würden, und zwar um wenigstens einen vollen Tag. Es gab wenig, was der Doktor so sehr hasste wie Unpünktlichkeit.
Den Kollegen amüsierte die Situation offenbar; er lachte und klopfte Vaughan auf die Schulter. "Nicht aufregen, Edward, alter Knabe. Sie ruinieren Dr. Sedgleys Eigentum."
"Das ist nicht mehr nötig."
Die raue Stimme, die von oben erscholl, ließ die drei zusammenzucken, Edward schrie leise auf. Spielend das Gefälle einer rutschigen Anhöhe nehmend, tänzelte ein prächtiger Rappe auf den Pfad, ein nervöses, schäumendes Tier, das von einem fast zierlich gebauten Mann meisterlich in Schach gehalten wurde. Er mochte Anfang Dreißig sein, vielleicht etwas jünger. Seine zerrissene Uniform war schmutzbespritzt, ebenso die hohen Füße seines verausgabten Pferdes, dessen Nüstern vom schnellen Lauf rot glühten. Auffallend waren die schlanken Hände und die bogenförmig geschwungenen Brauen des Reiters, die ihm ein merkwürdig trauriges und zugleich listiges Aussehen verliehen. Apart und nahezu hübsch war auch das von spärlichen Bartstoppeln eingerahmte, jungenhafte Gesicht mit den feinen Zügen, in dem die haselnussbraunen Augen irgendwie manisch glänzten. Er trug das dunkle Haar im Nacken kurz und an den Seiten länger, wie die Mehrheit der Herren seines Alters; ein starker Kontrast zu seinem übrigen, eher ungepflegten Äußeren. Das spöttische Lächeln, mit dem er die Gestrandeten bedachte, drückte auf beunruhigende Art Mitleid aus. Er schien Gefallen daran zu finden, sie einzuschüchtern. Eine kurze Musterung genügte, um den ängstlichen Vaughan zum Stottern zu verleiten, welcher beherzt zu einer Erwiderung auf den Kommentar ansetzte und ehrfürchtig verstummte, als der Reiter das – wie ihm vorkam – haushohe Ross bedrohlich auf ihn zulenkte und in schallendes Gelächter ausbrach. Edward spürte, wie ihm der Schweiß den Kragen hinunterrann und errötete. Rasch betupfte er seine Stirn mit einem Taschentuch und bezog Deckung hinter dem Heck des Autos. Thorpe fasste sich als erster.
"Was ist nicht nötig, Sir?"
Der Soldat wandte sich Thorpe überrascht zu, offenes Unverständnis über das Nachhaken des Gentlemans bekundend. Er postierte sein Pferd so, dass es sich wenige Zentimeter vor dem jungen Arzt versammelte. Dann beugte er sich vor, in der Absicht, direkt an dessen Ohr zu sprechen.
"Den Wagen zu ruinieren. Er ist bereits ruiniert. Von Technik verstehe ich nicht viel, aber ich glaube, ich erkenne das Geräusch einer gebrochenen Vorderradachse, wenn ich es höre."
Die Worte entlockten Vaughan, dem Übeltäter der Misere, ein abgrundtiefes Stöhnen.
"Ist er krank?" erkundigte sich der Reiter, nonchalant in Edwards Richtung nickend. "Das täte mir leid."
"Er ist nicht krank“, ließ sich Raeburn vernehmen. "Besäßen Sie die Freundlichkeit, uns die Straße nach London zu zeigen? Ich fürchte, wir haben uns gründlich verfahren."
"Oh, damit wollen Sie nach London? Ich gäbe mein letztes Hemd, um das zu sehen. Sind Sie Mechaniker, Zauberkünstler oder beides in einer Person?"
Souverän ignorierte Raeburn die letzte zynische Frage, der Mann war ihm entschieden zu neugierig. Er hatte sich noch nicht einmal vorgestellt.
"Möglicherweise gibt es in der Nähe ein Wirtshaus, wo wir die Achse austauschen könnten."
Wieder lachte der Fremde. "Wissen Sie, wo Sie sind? Hier gibt es weit und breit nichts außer Wald und Flur."
Thorpe wagte einen Vorstoß. "Was ist mit dem Fairlight Anwesen? Wohnt dort niemand?"
Ein strenger Zug bildete sich um die schmalen Lippen des Soldaten. Er versetzte dem Tier einen rohen Schlag mit den Zügeln und riss es um die Hinterhand.
"Das ist mein Ziel. Wenn Sie möchten, begleiten Sie mich", erbot er sich, plötzlich die Höflichkeit selbst.



























