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Samstag, 26. Dezember 2015

Vengeance is best served cold ~ Review "Der Graf von Monte Christo" (1979)

Mein schönstes Weihnachtsgeschenk war der Mehrteiler "Der Graf von Monte Christo" aus dem Jahr 1979, der nun nach langer Zeit der Vergessenheit auf DVD erschienen ist. Über die Feiertage haben wir uns die restaurierte Fassung in vier Teilen angesehen (auch die Originalfassung in sechs Teilen ist enthalten), und ich muss sagen, ich war restlos begeistert. Das leicht unscharfe und krass rotstichige Bild ist genau so gewöhnungsbedürftig wie die etwas billig und zeitgemäß wirkende 1970er Jahre Theaterausstattung, aber das tut der detailgenauen Umsetzung des Romans von Alexandre Dumas keinen Abbruch.





Der Inhalt dürfte Fans von Literaturklassikern hinlänglich bekannt sein, doch da es die immer seltener gibt, hier eine kurze Zusammenfassung:

Der Seemann Edmond Dantès wird während der Verlobung mit seiner Mercedes unter fadenscheinigen Anschuldigungen in Haft genommen und im Chateau d'If eingekerkert. Während seiner vierzehnjährigen Gefangenschaft lernt er den Abbé Faria kennen, mit dem er den Grund seiner Verhaftung rekonstruiert und schließlich - mit Hilfe von Farias Tod - in die Freiheit gelangt. Auf der Insel Monte Cristo findet er einen Schatz, von dem ihm Faria zu Lebzeiten erzählte und der ihn zum reichen Mann und Grafen macht. Fortan beschließt er, unerkannt und bisweilen in Verkleidungen an den Leuten Rache zu üben, die ihm Frau und Freiheit nahmen, aber auch diejenigen zu belohnen, die ihn seinerzeit unterstützt hatten wie den Reeder Morell, der vorhatte, den ersten Offizier Dantès zum Kapitän seines Schiffes zu befördern

Das Schicksal spielt dem Grafen in die Hände, so scheint es. Durch geschickte Verbindungen und das Aufnehmen geschäftlicher Beziehungen zu seinen Widersachern gelingt es Dantès, seinen Plan mit der Präzision eines Uhrwerks auszuführen ("Heute haben wir den fünften September, 12 Uhr. Ich sehe Sie wieder in einem Monat um die gleiche Zeit").

Am Ende erklärt Mercedes - mittlerweile die Mutter eines erwachsenen Sohnes - sie habe ihn sofort erkannt, sei aber nicht mutig genug gewesen, es einzugestehen. Traurigerweise gibt es für die beiden keine gemeinsame Zukunft mehr.

Meinung: Obwohl mir die meisten Schauspieler unbekannt waren, flog mein Herz nach dem ersten Teil sofort dem elegischen, traurig blickenden, wortkargen und oft stoisch wirkenden Grafen zu. Es gibt viele Verfilmungen des Stoffes, der als Fortsetzungsroman von 1844 - 1846 in der Zeitung "Journal" erschien, aber kein Hauptdarsteller erreicht annähernd das Charisma und die tragische Persönlichkeitsveränderung wie sie der französische Schauspieler Jacques Weber zeigt. Einst lebensfroh und optimistisch, zehrt die unverschuldete Gefangenschaft an ihm und das, worum man ihn in dieser Zeit gebracht hat. Dazu kommt ein distanziert aristokratisches, entschlossenes Auftreten und ein Erscheinungsbild, das klischeehaft, aber auch faszinierend ist. Wenn ich mir einen Edelmann visuell vorstellen muss, dann so wie Jacques Weber als Graf von Monte Christo.

Auch ist seine Rache nie blutig oder impulsiv, sondern so geschickt eingefädelt, dass es nicht einmal an Überheblichkeit grenzt, wenn er am Schluss behauptet, er sei ein Werkzeug Gottes gewesen. Alle Widersacher - bis auf den Anführer des Komplotts gegen Edmond - verlieren durch eigenes Verschulden und Versagen ihr Leben. Doch die Veränderung durch die Abmachung mit dem Grafen ist für den habgierigen Bankier Danglars schlimmer als der Tod.




Fazit: Sehenswert für alle Abenteuerfans und Nostalgiefreunde. Es empfiehlt sich übrigens, die unrestaurierte Fassung anzusehen. Sie ist zwar weniger farbenfroh, aber vom Bild besser und augenfreundlicher als die neue Version. Ein Weihnachtsgeschenk, das mitten ins Schwarze getroffen hat!


Bewertung:              






Donnerstag, 24. Dezember 2015

Review "Wilbur wants to kill himself" (2002)

Aufmerksam geworden bin ich auf diesen dänischen kleinen Film durch Jamie Sives, der mir mit seinem schnuckelig teddybärähnlichen Robbie Williams-Aussehen bereits als bierernster Lieutenant Charles Summers in "To the Ends of the Earth" in positiver Erinnerung geblieben ist. Er hat mich auch in dieser Produktion nicht enttäuscht, wobei ich finde, dass der Cast an sich das Beste an der Geschichte war, die zwar ein bisschen als Komödie und modernes Märchen verkauft wird, aber doch im Großen und Ganzen eher deprimierend als lustig auf mich gewirkt hat.




Inhalt: Die Brüder Harbour und Wilbur North betreiben einen Buchantiquitätenladen in Glasgow, der seit Generationen in Familienhand ist. Kunden können dort Bücher kaufen und auch anbieten (und ich wäre selbst mal gern hingegangen!). Der jüngere Bruder Wilbur (Jamie Sives) leidet seit frühester Kindheit an Depressionen, ausgelöst durch den Tod seiner Mutter, am dem er sich die Schuld gibt. Da er selbstmordgefährdet ist, kümmert sich der ältere Bruder Habour um ihn und wird durch seine ständigen Versuche, sich umzubringen, ordentlich auf Trab gehalten. Die anschließenden psychologischen Sitzungen organisiert er mit einer ebenso liebevollen Hingabe wie das Geschäft und einen Job für Wilbur. Abwechselnd arbeitet der als untauglicher Erzieher oder helfende Hand im Laden. Ihr Leben verändert sich, als aus der treuen, unscheinbaren Kundin Alice Harbours Frau wird. Sie zieht mit ihrer neunjährigen Tochter Mary in die Wohnung der Brüder und kann sich bald nicht mehr entscheiden, wen sie lieber mag: den verständnisinnigen, gutmütigen Harbour oder den ruppigen, sarkastischen, aber nähebedürftigen Wilbur. Da geschieht etwas, das die Geschicke der drei von Grund auf ändert...

Meinung: Die Schauspieler waren top! Es geschieht nicht oft, dass ein Film trotz der vorhersehbaren und - ganz ehrlich - ziemlich unoriginellen Handlung Momente hat, in denen es einem als Zuschauer die Kehle zuschnürt und man die Protagonisten einfach mal in den Arm nehmen möchte.

Ich mochte sogar die kleine Mary, die ihren neuen Papa und den dazugehörigen Onkel aufrichtig liebt, und die verhuschte Alice (Shirley Henderson aus den mauligen Kloszenen in "Harry Potter") konnte ich in ihrer Unentschlossenheit nachvollziehen. Auch die Brüder mochte ich; weder überzogen noch sentimental, spielen Jamie Sives und Adrian Rawlins ein überzeugendes Geschwisterpaar, das bis zu Alice' Erscheinen nur sich selbst hat und dementsprechend eng verbunden ist. Einige Witze waren ebenfalls gut platziert, so wie das Erforschen erogener Zonen, dem Wilbur so gar nichts abgewinnen kann ("Wenn ich am Ohr geleckt werden möchte, kaufe ich mir einen Hund!").

Aber der Verlauf des Films hat mich umso betroffener gemacht, gerade weil ich jede der Figuren sympathisch und liebenswert schrullig fand. Alle außer den steingesichtigen Psychologen Mads Mikkelsen ("Hannibal"), der auch für das gesundheitliche "Wohl" von Habour verantwortlich ist. Bis zuletzt habe ich gehofft, dass eine Wende zum Guten eintritt, etwas Überraschendes, eine Feel-Good-Stimmung - und hoffte vergebens. Eigentlich schade. Ich hätte es den zwei Jungs und Mädels von Herzen gegönnt, und irgendwann hätte es mit der Freundin für Wilbur bestimmt doch noch geklappt.

Bewertung:




Montag, 21. Dezember 2015

Weihnachtsaktion: "Das Bildnis des Grafen" fast geschenkt!

Für meine Fans, Leser und Follower habe ich mir für dieses Jahr eine besondere Aktion ausgedacht, ganz ohne Quizzfrage. Das Ebook zum "Bildnis des Grafen" gibt es über die Vorweihnachttage (21. Dez. - 24. Dez.) zu einem Sonderpreis von € 2,99.




Die 500 Seiten starke Geschichte passt ganz gut zur Jahreszeit und ist - wenn ich ehrlich bin - in aller Bescheidenheit mein Lieblingsbuch von mir. Es vermischt Grusel, Krimi, Historisches, Psychologie und Familiengeheimnisse auf originelle Weise und verblüfft immer wieder mit überraschenden, aber durchdachten Wendungen. Und es bietet einen Abstecher in die Anfänge des 20. Jahrhunderts, das für mich eine sehr spannende Epoche war, besonders vor dem Hintergrund des ersten Weltkrieges und der vielen technischen Neuerungen, auf die die Menschheit zugesteuert ist. Es war ein großes Vergnügen, diese Zeit schriftstellerisch zum Leben zu erwecken und dabei meine Interessen einzubauen, von denen ich hoffe, dass sie den einen oder anderen genau so inspirieren.

Wenn die Leseprobe unter "weitere Informationen" gefällt, dürft ihr euch gerne zu Amazon durchklicken und dort das Ebook vom 21. - 24. Dezember zum Sonderpreis herunterladen. Viel Spaß beim Schmökern und euch allen eine gesegnete und besinnliche Weihnachtszeit!





Dienstag, 8. Dezember 2015

Der Weiße Hai auf Wal(f)isch: "Im Herzen der See" Review

Über diesen Film bin ich gestolpert, als ich auf einem meiner Spaziergänge am Kino vorbei ging und dort das Plakat hängen sah. Klang erst mal verlockend: ein historischer Männerstreifen, der die Vorlage zu Herman Melvilles Klassikers "Moby Dick" erzählt und sich im Jahr 1820/21 wohl tatsächlich so ereignet hat.




Die Schauspieler (Chris Hemsworth, Cillian Murphy und ein paar andere) waren an meiner Entscheidung, den Film anzuschauen, nicht maßgeblich beteiligt. Aber ein oder zwei attraktive Kerlchen außer den computeranimierten Walen hätte "Im Herzen der See" durchaus vertragen können, um mich bei Stange zu halten. Ganz ehrlich: ich fand ihn trotz zahlreicher actionreicher Walkämpfe und unfreiwilligem Kannibalismus so tranig wie das Walöl, nach dem die "Essex" mit ihrer Mannschaft in See stach. Spätestens, als der erste arme Wal sein Leben lassen musste, war mir klar: das ist nicht mein Film - selbst der in der Vorschau eindringliche Spot über die Überlegenheit der Natur änderte daran nichts. Und da zog sich das überdramatisierte Gedöns noch über zwei Stunden hin.

Der Inhalt: Der Romanautor Herman Melville sucht Inspiration für sein neues Buch, und besucht zu diesem Zweck den einzig noch Lebenden der Katastrophe, der die Walfischbarkasse "Essex" entgegensegelte. Mr. Nicholson, damals noch ein Junge, ist ein verstockter alter Mann, gebeutelt von Trunksucht und unverarbeiteter Erinnerung an das, was vielen Schiffskameraden das Leben kostete: der riesenhafte weiße Wal, der die Jäger zu Gejagten über tausende von Seemeilen machte. Auch als Mr. Melville nach drei Tagen erschöpfenden Erzählens dessen Haus verlässt, fühlt sich Mr. Nicholson nicht besser, aber Ben Whishaw alias Herman Melville hat die Grundzüge seines Meisterwerks in der Tasche, das zu den Klassikern der Weltliteratur zählt. Und wir wissen immerhin, wer sich hinter Ismael verbirgt (aber nutzt uns das wirklich etwas, sofern dies nicht als Millionärsfrage auf dem heißen Stuhl gestellt wird?).





Meine Meinung: Obwohl ich Filme mit historischem Hintergrund wirklich mag und mich auch menschliches Verhalten in Extremsituationen interessiert, hätte ich mir "Im Herzen der See" sparen können.

Die Schauspieler agierten durch die Bank hölzern, und so etwas wie eine emotionale Connection zwischen mir und den sich abstrampelnden Männern kam nicht einmal im Keim auf. Selbst Szenen, die darauf abzielten, Emotionen zu vermitteln, wie der Abschied der beiden langjährigen Freunde Owen Chase und Matthew Joy, der schwer verletzt auf einer Pazifikinsel zurückblieb, haben bei mir ihre Wirkung verfehlt. Nur der harpunierte Wal, wie gesagt, da musste ich schon mit den Tränen kämpfen. Zum Glück hat der heldenhafte Chase (Hemsworth) aus dem "Abenteuer" seine Lektion gelernt, und auch der blasse und aufgeblasene Captain (dessen Namen - im Film und in Echt - mir entfallen ist), erfährt eine Minute der Läuterung. Und die epische Musik im Abspann mit dem Donnern war es wert, noch ein bisschen länger als nötig das Sitzfleisch zu strapazieren.

Trotzdem: wer gemeingefährliche Raubfische mit Sinn für Strategie mag und charakterstarke Figuren, sollte entweder bei Steven Spielberg "Der Weiße Hai" bleiben oder der grandiosen Moby Dick-Verfilmung mit Gregory Peck als obsessiver Käpt'n Ahab.


Bewertung: 



Freitag, 20. November 2015

Mini Major André in Colonial Williamsburg / Virginia

Meine Amigurumis führen ein aufregendes Leben. Das aufregendeste derzeit hat ohne Zweifel mein kleiner Major John André aus der Spionage-TV Serie "Turn - Washington's Spies", der im September in die USA zu seiner Adoptivmama Holly gereist ist.




Seitdem sind die beiden unzertrennlich und fahren so oft es ihre knapp bemessene Zeit zulässt ins eine Stunde entfernte Williamsburg, dem Hauptdrehort der Serie. Es gibt dort eine Art musealen Park, in dem man die frühe Geschichte Amerikas hautnah erlebt. Gebäude im Stil der Kolonialzeit, weitläufiges Gelände, Pferdekutschen und überall Schauspieler / bedeutende Persönlichkeiten aus der Geschichte in entsprechenden Kostümen und Uniformen kann man dort bewundern und sich mit ihnen auf Fotos verewigen, wenn man Glück hat.

Der kleine Major hat zwar immer noch nicht sein Vorbild, den großen Major André aka JJ Feild getroffen, aber auf seine Art ist er bereits ein Star in Colonial Williamsburg. Wie mir Holly berichtet, trägt er zu vielen Gesprächen unter Besuchern bei und wird sogar von den Schauspielern gebeten, sich mit ihnen knipsen zu lassen.




Ich platze fast vor Stolz und finde, dass er sich wirklich sehr gut macht inmitten den Blauröcken. Leider kenne ich mich in der Geschichte Amerikas nicht allzu gut aus und kann daher keine Angaben machen zu den berühmten Staatsmännern, die darauf bestanden haben, mit meinem kleinen André aufs Bild zu kommen. Es sind Col. Innes und der Marquis Lafayette, der im Unabhängigkeitskrieg als Franzose an der Seite der Amerikaner gekämpft und dem man vor dem Weißen Haus ein Denkmal gesetzt hat. So kommt der "Feind" Major John André doch noch zu späten Ehren... und wer hätte gedacht, dass mein kleines Kerlchen eine Art Maskottchen in Williamsburg wird?




Fotos mit freundlicher Genehmigung von Holly, 19. November 2015


Samstag, 17. Oktober 2015

Düsteres Schauermärchen: Crimson Peak

Seit Monaten sehnsüchtig erwartet, konnte ich gestern in einem Schuhkartonkino endlich den Goth Horror "Crimson Peak" sehen. Und muss gleich dazu sagen, dass klassische Horrorfans - die meisten der Zuschauer - enttäuscht den Saal verließen, da sich der Horror als Romanze entpuppte. Eine Enttäuschung, die ich nicht geteilt habe, wobei ich die in die Irre geleiteten Blutdurstigen schon verstehen konnte, wenn die Erwartungen von Gore und Splatter nicht erfüllt werden. Mir persönlich hat der Film derart gut gefallen, dass ich ihn mir bestimmt nicht zum letzten Mal angesehen habe. Zugegeben, Tom Hiddleston als Thomas Sharpe ist nicht ganz unschuldig daran, doch auch sonst war der Film optisch ein Genuss für mich. Die Kritik, dass dabei der Plot auf der Strecke bleibt oder zu vorhersehbar wäre, ist vielleicht berechtigt, doch ich habe eine Mischung aus verschiedenen Gruselklassikern selten so gelungen erlebt wie in Crimson Peak.




Die Handlung in Kürze (Warnung Spoiler): Mag auf den ersten Blick simpel sein, hat jedoch genügend Tiefe, seelische Abgründe und auch Wendungen, um den Film noch ein bisschen in sich nachklingen zu lassen. In erster Linie geht es in Crimson Peak nicht um Geister (hier eher eine Metapher für die Vergangenheit) oder Horroreffekte (die erstaunlich sparsam eingesetzt werden), sondern um Beziehungen, und das auf recht pikante Weise. Im Mittelpunkt stehen der Baronet Thomas Sharpe und seine Schwester Lucille, eine Art erwachsenes Geschwisterpaar à la Miles und Flora aus "Schloss des Schreckens". Gemeinsam finanzieren sie mit unlauteren Mitteln ihr marodes Anwesen Allerdale Hall in Cumbria / Nordengland. Thomas gibt vor, der ehrliche Geschäftsmann zu sein, während die skrupellose Lucille vor diversen Verbrechen und eingefädelter Heiratsschwindelei nicht zurückschreckt. Das ändert sich, als die Amerikanerin Edith Cushing als weiteres "Opfer", das diesmal von Thomas ausgesucht wird, in ihr Leben tritt.

Es kommt, wie es kommen muss: der schöne, elegische Baronet verliebt sich in Edith und macht damit Lucille einen Strich durch die kaltblütig aufgestellte Rechnung. Und nicht nur das, nein, es kommt noch ärger: er wagt es sogar, mit Edith in einer abgelegenen Poststation zu übernachten und Lucille auf Allerdale Hall allein zu lassen. An Lucilles Reaktion am nächsten Morgen lässt sich erahnen, wie es um das Verhältnis der vereinsamten Geschwister wirklich bestellt ist. Durch ihre traumatische Kindheit verbindet sie nicht nur kriminelle Energie, sondern etwas, das Lucille nicht bereit ist, zu teilen: die uneingeschränkte Bewunderung und Liebe des von ihr vergötterten Bruders. Ziemlich brisant, vor allem, da Edith die beiden in flagranti ertappt und herausfindet, dass es ein Kind gab. Sie verliert ihr Vertrauen zu Thomas und sieht sich eingesperrt in Allerdale Hall, langsam krank werdend und vergiftet durch Lucilles Raffinesse. Zum Glück wittert ihr New Yorker Jugendfreund Morgenluft, reist nach England und verhindert in letzter Minute das Schlimmste. Doch ohne Thomas, der sich gegen Ende des Films zwischen zwei Stühlen bzw. Frauen sieht, wäre Edith die Flucht aus dem Anwesen nie gelungen. Das Opfer, das er bringt, fordert einen hohen Preis.

Meine Meinung: Ok, erwischt. Ich mag Tom Hiddleston, daher muss es mir gestattet sein, ein bisschen zu schwärmen. Ich mochte ihn unheimlich in dieser Rolle, denn er hat etwas an sich, das stark, beschützerisch, sexy und verletzlich zugleich wirkt. Als Thomas Sharpe nimmt man ihm die innere Zerrissenheit ab, mit der er kämpft, und obwohl behauptet wurde, es gäbe kaum einen Funken Chemie zwischen ihm und Mia Wasikowska als Edith, fand ich die beiden nicht nur optisch ein schönes Paar. Auch die Dialoge zwischen ihnen haben mich gerührt und waren nicht selten von einer fast philosophischen Weisheit. Dazu kommen natürlich Mr. Hiddlestons elegantes Auftreten und seine eigenwillige Schönheit, die ihn für den rätselhaften Fremden geradezu prädestinieren (und das, obwohl Benedict Cumberbatch die erste Wahl des Regisseurs Guillermo del Toro gewesen wäre).

Der heimliche Star war für mich Jessica Chastain als Lucille. Anders als Thomas, weiß sie, was sie will, und geht dafür buchstäblich über Leichen. Die Kunst, dabei noch nachvollziehbar zu handeln und widerwillig Sympathien zu gewinnen, geht sicherlich auf das Konto der Schauspielerin und nicht auf das der fiktiven, grausamen Lucille. Denn irgendwie - und man wundert sich eigentlich, warum es so ist - tut sie einem am Ende leid. Ich hätte mir gewünscht, sie hätte das Angebot ihres Bruders angenommen, mit Edith zusammen in eine andere Stadt zu ziehen. Und dennoch gibt es für sie keinen anderen Ausweg, als zu verhindern, dass Edith nach Lucilles Verständnis einen Keil zwischen sie und Thomas treibt. Übrigens fand ich die beiden als Geschwister ziemlich gelungen.

Zum unvergleichlichen Kinoerlebnis beigetragen haben natürlich das verschwenderisch ausgestattete Setting und die opulenten Bilder, von denen keines aus dem Computer kam. Ich war fast zu nahe an der Leinwand, um jedes Detail gebührend zu bewundern. Auch die etwas altmodische Machart, die als Hommage an die Hammerfilme der 1960er zu verstehen ist, hat mir sehr gefallen. Weniger zündend und ein bisschen zu dick aufgetragen kamen mir die Geister im Haus vor, aber den Gesamteindruck und mein wohlwollendes Urteil von fünf Sternen können sie nicht schmälern.

Fazit: Nichts für den kommerziellen Massengeschmack und Hardcore-Horror-Fans, aber Nostalgiker und / oder Tom Hiddleston-Fans kommen voll auf ihre Kosten.



Freitag, 16. Oktober 2015

Liveübertragung aus dem Barbican Theatre: Hamlet ~ der Rest ist Weinen

Mit Spannung von mir erwartet - hauptsächlich deshalb, weil ich Fan des Hauptdarstellers bin - wurde Hamlet mit Benedict Cumberbatch, seit August im Programm des Barbican Theatre in London. Gestern war der *große* Tag. Der Tag der Liveübertragung in sämtliche Kinos in der ganzen Welt, u.a. auch in meiner Nähe.

Überrascht habe ich vor Ort festgestellt, dass nicht nur ein Kinosaal zur Übertragung diente, sondern fast der komplette Cineplex. Ziemlich unvorteilhaft in der Pause, wenn man stundenlang hinter den anderen, erstaunlich zahmen "Cumberbabes" in der Schlange vorm Damenklo steht. Glücklicherweise habe ich in weiser Voraussicht wenig getrunken und mich stattdessen über einen Eimer Popcorn her gemacht, der Hamlets Weltschmerz mit knisterndem Gemampfe gedämpft hat (ich Kulturbanause, ich!).

Ganz ehrlich: ich bin vermutlich einer der wenigen Cumberbatch-Fans, der sich kritisch über den Abend äußert. Das lag nicht an dem tollen, wandelbaren Bühnenbild, der abwechslungsreichen Kostümierung oder den großteils unleugbar überzeugenden Schauspielern - allen voran ein erstaunlich muskulöser, quirliger und fast agressiver Hamlet / Cumberbatch. Nein, es lag an dem Stück selbst, und teilweise an dem übertriebenen Gehabe mancher Darsteller wie z. B. Ophelia und den diversen Körperflüssigkeiten, mit denen ich meinen nach der Pause leeren Popcorneimer hätte füllen können.

Zu viel Tränen, Rotz und wieder Tränen, oder vielleicht waren die Schauspieler einfach überwältigt von der millionenfachen Aufmerksamkeit, die ihnen in den dreieinhalb Stunden zuteil wurde. Vielleicht lag es auch an Meister Shakespeare selbst und daran, dass ich Hamlet als eines seiner düstersten Stücke empfinde, die mit keiner befriedigenden Lösung aufwarten.

In meinen Teenagerjahren habe ich mich intensiv mit Hamlet beschäftigt, langatmige CDs von Aufnahmen der Gründgens-Inszenierung mit Maximillian Schell angehört und sogar den berühmten Monolog auswendig gelernt. Damals fand ich den grüblerischen, melancholischen Dänenprinzen faszinierend und nachvollziehbar. Heute wirkt er auf mich wie ein großes Emo-Kind, dem man sein Spielzeug weggenommen hat und das hilflos einer unglücklichen Verkettung von Umständen gegenübersteht. Sein Jammern und Weinen macht es nicht besser, und das, was mitunter mutig und witzig anmutet, wird schnell in Selbstzweifeln erstickt. Ein Macher ist Hamlet in der Tat nicht. Und dabei wird er von Mr. Cumberbatch mit so viel Verve porträtiert, dass er schon beinahe unfreiwillig komisch ist in seiner abgrundtiefen Verzweiflung und seinen Eskapaden beim Versuch, den giftmischerischen Heiratsschwindler respektive seinen geschwätzigen Onkel Claudius eines Verbrechens zu überführen, das ja auch wirklich von kapitaler (Wider-)Natur ist.

Glaubwürdiger in derselben Rolle, weil weitaus elegischer und trübsinniger, ist für mich ausgerechnet der Hamlet in einer Komödie, die in England als Klassiker gilt, nämlich ein unvergleichlich lethargischer Iain Glen in  Tom Stoppards Verfilmung von "Rosencrantz & Guildenstern are dead". Eigentlich tut es mir ein bisschen leid, das zu sagen, denn wie gesagt, ich fand Mr. Cumberbatch toll, und das, was er da seit Monaten ohne Unterbrechung auf der Bühne zeigt, verdient Achtung und Respekt und vor allem auch Lob. Psychisch und auch physisch ist sein Hamlet eine Meisterleistung.




Alles in allem war ich nach der deprimierenden  Tour-de-Force jedoch froh, das Kino verlassen zu können. Eine Erfahrung war es wert, aber kein Must-See. Zumindest nicht für mich.


Bildquelle: Pinterest


Freitag, 2. Oktober 2015

*Meine* kleinen Amigurumis: Große Weltenbummler

Wie bereits erwähnt, sind ein paar meiner Häkelpüppchen in der letzten Zeit auf Reisen gewesen bzw. immer noch in der großen weiten Welt unterwegs. Um mich nicht ganz aus den Augen zu verlieren, haben sie mir freundlicherweise mit Erlaubnis ihrer neuen Gastgeberinnen ein paar Impressionen von ihren Abenteuern geschickt.




Sherlock und Bilbo haben einen Auftrag zu lösen gehabt, der sie nach Portugal an die Algarve und von dort nach Spanien führte. Ob sie ihn bereits zu Bilbos Zufriedenheit erledigt haben, der Klient und Reisegefährte zugleich war, weiß ich noch nicht, doch es würde mich nicht überraschen, wenn die beiden trotz Sherlocks Superhirn und Bilbos Weltgewandtheit noch eine Weile an dem Nüsschen zu knabbern haben... alles ist sehr rätselhaft und mystisch da unten. Gut, dass sie nicht komplett alleine unterwegs waren und immer auf hilfsbereite Einheimische stießen, die ihnen auch mal großzügig ein Boot zur Verfügung gestellt haben, mit dem sie von der Insel aufs Festland rudern konnten. Es scheint ziemlich stürmische See gewesen zu sein...




Eine weitere spannende Sache war die fast unglaubliche Geschichte des Majors John André, der sich in der historischen US-Serie "Turn" trotz seiner englischen Herkunft zum Publikumsliebling hochgedient hat. Sein Darsteller JJ Feild ist daran nicht ganz unschuldig, denn wie ich mich mittlerweile mit eigenen Augen überzeugen konnte, spielt er den "Erzfeind" mit einer Raffinesse und einem Charme, dem vor allem weibliche Zuschauer nicht widerstehen können - auch US-amerikanische nicht. (O; 

Dass mein Foto des Amigurumi-Majors auf Twitter so gut ankam, war dennoch eine Überraschung und sorgte vor allem dafür, dass das Werk meiner Hände in die Hände eines Turn-Fans gelangte, der auch noch in der Gegend wohnt, in der im Spätherbst an der dritten Staffel gedreht wird.


In Chesterfield / Virginia

Obwohl  ich mich gemeinhin leicht von meinen selbstgemachten Dingen trenne, fiel es mir gerade beim Major ein bisschen schwer, der - wie Bilbo - ein Prototyp war. Zwar habe ich bereits einen Nachfolger gehäkelt, aber irgendwie tat der Abschied schon ein wenig weh, als ich daran dachte, wie weit seine Reise sein wird. Jetzt, nach knapp zwei Wochen, hat er sein neues Zuhause erreicht, und es ist schön, zu sehen und zu lesen, wie meine Twitter-Bekanntschaft sich über das Püppchen freut, das ja vielleicht in JJ Feilds Hände als kleines Fan-Souvenir wandern wird.

Aber selbst wenn es das nicht tut, so freut es mich ungemein, wenn andere sich über meine verrückten Einfälle freuen. Eigentlich gibt es kaum etwas Schöneres. Und ein Abschiedsschmerz über Wolle, Knöpfe und Füllwatte ist sowieso albern und beim Anblick von strahlenden Gesichtern und begeisterten Zeilen via Social Media schnell vergessen.


Fotos mit freundlicher Genehmigung von Sabrina und Holly

Sonntag, 27. September 2015

Nostalgie, Wind und Sonnenschein

Heute bin ich trotz Sonntag recht früh aufgestanden. Eigentlich, weil ich beim Bäcker frische Semmeln holen wollte. Nach einem guten Frühstück entschieden wir uns zu einem morgendlichen Spaziergang, anstatt wie üblich die Rechner anzuschalten.

Auf unserer Runde kommen wir oft an einem Industriegebäude vorbei, auf dem hin und wieder museumsreife, aber fahrtüchtige Oldtimer stehen wie ein VW-Bus aus den 1950er oder ein amerikanischer Schlitten von 1930. Da wir sie bereits näher in Augenschein genommen haben und von den Angestellten auch nicht unbemerkt blieben, weiß ich, dass alte Automobile eine *Spielerei* vom Chef des Unternehmens sind. Der kam heute auch prompt vorbei, als wir uns ehrfürchtig einer grün lackierten, funkelnden Tin Lizzy mit offenem Verdeck auf dem Fuhrpark näherten, um sie gebührend zu bewundern.

Er fragte uns, ob wir Lust auf eine kleine Spritztour hätten, und mal ehrlich, wer hätte die nicht? Es war irgendwie total verrückt, da hinten raufzusteigen, den Chef beim Betätigen der altmodischen Kurbel vorne am Motor zu beobachten und dann mit sechzig Sachen durch die Stadt zu fahren. Ich hätte ja "Tuckern" gesagt, aber das wäre der verkehrte Ausdruck. Die Tin Lizzy ist rasant schnell, oder vielleicht kam es mir auch nur so vor, mit dem Fahrtwind in den Haaren und ziemlich exponiert auf dem hohen Sitz. Besonders die Kurven hatten es in sich, und wir mussten uns gelegentlich festhalten wie auf einer Achterbahnfahrt. (O;

Unser nostalgisches Gefährt zog natürlich sämtliche Blicke auf sich, während unser großzügiger Chauffeur ein paar technische Daten vom Stapel ließ, wenn wir nicht gerade lachten wie blöd vor unerwarteter Freude, uns wie Filmstars in einem Kostümschinken fühlten (hehe) oder er uns besorgt fragte, ob wir nicht frieren ("Nein, nein! Überhaupt nicht!").

Das Modell stammt von 1913, ist also über hundert Jahre alt, und trotzdem braucht man weder eine Genehmigung oder einen speziellen Führerschein, um solche Oldtimer im Verkehr zu lenken. Recht erstaunlich fand ich, dass es nicht einmal Sicherheitsgurte gab, denn wie gesagt: das Tempo, das wir vorlegten, war teilweise schon atemberaubend und hätte mit diesem Soundtrack unterlegt werden können:





Nach einer Stadtrundfahrt durch die Hauptstraße setzte er uns wieder am Ausgangspunkt ab. Ich war total geflasht und habe mich an die tausend Mal bedankt, denn im Museum kann man solche Fossilen ja ohne weiteres sehen - in einem sitzen und auch noch fahren dürfen bestimmt nur wenige.

Schade nur, dass wir beide keine Handys dabei hatten, um Fotos zu machen, die unser nostalgisches Erlebnis dokumentiert hätten.




Samstag, 26. September 2015

Bombastische Kostümfilme in den 1990ern

Irgendwie scheinen sie im letzten Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts groß in Mode gewesen zu sein, und das vermutlich nicht von ungefähr: Opulent ausgestattete Kostümschinken, die lange Zeit zuvor verpönt waren und Anfang der 1990er dank den Merchant / Ivory-Filmen eine neue, kurze Blütezeit und Renaissance erlebten. In meiner Videothek befinden sich noch etliche Filme dieses Genres und eben jener Zeit, was mich kürzlich beim Aussortieren selbst überrascht hat - aber nur ein bisschen. Zugegeben, von ein paar würde ich mich nicht trennen, und bei manchen tut es mir rückblickend fast leid, dass ich es getan habe.




Im Zuge meiner Aussortierungswut habe ich mir "Meine Unsterbliche Geliebte" mit Gary Oldman als Beethoven angesehen; ich mochte den Film früher und dachte, ich könnte ihn mir mal wieder zu Gemüte führen, da ich die Geschichte so gut wie nicht mehr kannte. Aus gutem Grund, wie mir dann dämmerte. Bis auf die bereits erwähnte sorgfältig authentische Ausstattung und dem Flair des 18. Jahrhunderts war der gesamte Film dermaßen grottig, dass ich mich wunderte, wie ich ihn mal gut finden konnte. Nicht einmal Gary Oldman konnte den Schmu retten, auch wenn er eine tolle Figur in Kniebundhosen machte. Im Gegenteil; er kam mir - wie alle anderen Schauspieler auch - zu dick aufgetragen in Gestik und Sprache vor. Alles wirkte grotesk und theatralisch bis zur Grenze der Glaubwürdigkeit, die scheinbar ohnehin nicht angestrebt wurde. Nicht schlimm in einem fiktionalen Werk, und doch hat mich der Film geärgert.

Merkwürdigerweise ging es mir fast genauso mit "Mary Shelley's Frankenstein", der gestern im Fernsehen lief. Aus demselben Jahr wie der Beethoven-Film, ließ er sich für mich auf dieselbe Formel reduzieren: Sämtliche Schauspieler nerven mit einem Over-Acting, das irgendwie deplatziert und melodramatisch wirkt - selbst in Szenen, in denen keine Melodramatik nötig oder weniger mehr gewesen wäre. Dass der Hauptdarsteller Kenneth Branagh einen Hang zur Selbstdarstellung hat und sich gerne in Szene setzt, ist ja kein Geheimnis und auch ok, wenn man sich daran gewöhnt hat.




Doch pathetisch-symbolische Hilfsmittel wie die blutrote, kilometerlange Schleppe der geliebten Adoptivschwester, minutenlanges Greinen im Close-Up und Robert de Niros gummiartige Frankenstein-Kreatur gingen mir nach spätestens einer halben Stunde auf den Senkel. Na gut, widerwillig amüsiert habe ich mich auch. Und mich gefreut, dass ich einige Schauspieler sah, die nur in den 1990ern gefragt waren und danach wieder in der Versenkung verschwanden wie beispielsweise der unheimlich blauäugige Aidan Quinn, den ich in weiteren Filmen sehr mag und der in Frankenstein einen kleinen Auftritt als Polarforscher hatte.

Auch hier gefielen mir die sorgfältige Kostümierung und das Setting, aber das mitunter videoclipartige Flair und Sir Kenneths demonstrativ zur Schau gestellter Waschbrettbauch waren mir einfach too much und haben die positiven Aspekte unangenehmerweise aufgewogen.

Ich frage mich, ob sich das Zuschauerverhalten bzw. meine Wahrnehmung geändert hat oder man allgemein in neueren Filmen subtiler agiert. Denn ehrlich: hochkarätige Mimen, als die zumindest Gary Oldman und Robert de Niro ja ehrfürchtig bezeichnet werden, stelle ich mir souveräner und weniger theatralisch vor. So ganz hinter einer Maske zu verschwinden und den Berserker oder das Enfant terrible zu geben, ist in meinen Augen keine allzu große Kunst.

Aber vermutlich bin das nur ich. Zu Gary Oldmans Ehre muss ich hinzufügen, dass ich ein Fan von ihm war / bin und ihn in anderen Rollen in weitaus besserer Erinnerung habe - vielleicht aber auch deshalb, weil die Figuren, die er dort spielt, keine teutonischen Wurzeln haben. Jedenfalls wandert "Immortal Beloved" demnächst auf meine Liste der ausgedienten Filme.





Sonntag, 20. September 2015

Ein Rotrock reist durch Raum und Zeit...

Meine aus Film und Fernsehen inspirierten Häkelpüppchen, die ich in der Freizeit anfertige, erweisen sich als äußerst reiselustig und haben dabei eine Menge zu erzählen.

Sherlock Holmes und Bilbo Beutlin sind gerade dabei, das Rätsel um einen in Portugal verschwundenen Ring zu lösen und halten mich bei ihrem Abenteuer in Bild und Text auf dem Laufenden - vielen Dank an Sabrina und ihren Papa! Jeden Tag freue ich mich auf Nachricht von ihnen und bewundere sie am Flughafen, in Orten mit höchst exotisch klingenden Namen, beim Garnelenpuhlen und Wein verkosten; das ist fast, als hätte ich einen Adventskalender im September. (O:


Bilbo und Sherlock vor ihrer Reise

Nun geht auch mein historischer Rotrock Major John André auf Reisen - und das, obwohl ich ihm tatsächlich eine kleine Träne nachgeweint habe. Ein Ersatz ist aber bereits vorhanden.

Sein Ziel heißt Chesterfield in Virginia / USA. Zum Glück sind die Animositäten zwischen Amerikanern und Briten heute weitgehend passé. Ich hätte ihm sonst verboten, dort erneut aufzukreuzen, hat man ihn doch anno 1780 mit gerade mal dreißig Jahren wegen Verrats zum Tod am Strang verurteilt.

Die Geschichte, die dem Grund seiner Reise vorausgeht, ist folgende: Vor kurzem hatte ich - stolz wie Oskar auf meine neueste Kreation - ein Foto auf Twitter gepostet, das den Major im Garten zeigt. Innerhalb von kurzer Zeit hatte das Foto einige Retweets und Favoriten und tatsächlich Anfragen, ob man ihn denn irgendwo erwerben könne. Mit einer so großen Nachfrage habe ich nicht gerechnet, war aber umso stolzer, dass er bei den Fans der Serie "Turn - Washington's Spies" so gut ankam. Einem davon habe ich ihn über meinen Etsy-Account verkauft - den habe ich noch, auch wenn ich momentan keine Artikel im Shop anbiete.




Kurz und gut, der Major hat nach ein paar wenigen 140 Zeichen-Nachrichten den Besitzer gewechselt. Erstaunlich übrigens, wie schnell und unkompliziert das mit Paypal auch im entfernten Ausland geht. Gleich am nächsten Tag habe ich ihn reisefertig gemacht, ihm ein letztes Goodbye-Bussi auf den blonden Schopf gedrückt und ihn zur Post gebracht.

Der absolute Clou der Geschichte ist der, dass der Fan, der ihn bestellt hat, nahe der Drehorte wohnt, an denen im Spätherbst die dritte Staffel der Serie weiter gefilmt wird (in der der Major vermutlich das Zeitliche segnet - *sniffle*). Nachdem ich ihn versendet und der Empfängerin mitgeteilt hatte, er sei unterwegs, schrieb sie mir zurück, dass sie vorhat, *meinen* selbst gehäkelten Rotrock JJ Feild zu überreichen, wenn sie ihn im Rahmen der Dreharbeiten treffen sollte!!! Wie aufregend ist das denn?! Das Fangirl in mir ist beinahe explodiert vor Freude.

Und selbst, wenn er es nicht in Mr. Feilds männlich-kräftige Hände schaffen sollte, so ist durch mein Amigurumi doch eine originelle Idee ins Rollen gekommen, genau wie die von Sabrina und ihrem Vater. Ich finde das richtig schön.


Freitag, 4. September 2015

Der Lieblingsfilm als Buch


Eigentlich fragt man ja umgekehrt: Welches Buch müsste verfilmt werden? Ich habe mir darüber Gedanken gemacht, welchen *Film* ich denn gerne als *Roman* erleben würde. Eingefallen ist mir dabei Third Star, ein Independentfilm mit Benedict Cumberbatch, der seit drei Jahren mein absoluter Lieblingsfilm ist.

Natürlich gibt es Drehbücher, doch die werden so geschrieben, dass sie nichts verraten, was man im späteren Film nicht ohnehin sieht. In meinem ausgewählten Film - den ich mittlerweile fast auswendig kenne - liest man als Zuschauer viel zwischen den Dialogen und dem Verhalten der vier Hauptcharaktere, und man kann sich in jeden der jungen Männer gut einfühlen. Es ist eine ruhige, zuweilen humorvolle und emotional fordernde Geschichte; nicht leicht zu verdauen, erzählt er von dem schwerkranken James, der mit seinen besten Freunden zu seinem Lieblingsplatz aufbricht, um dort sein Leben, das zukünftig von Schmerzen und Medikamenten bestimmt sein wird, zu beenden.

Das klingt erst mal furchtbar, doch der Film und die Schauspieler sind derart fantastisch und überzeugend, dass man am Schluss trotz komplett verbrauchter Kleenexbox überzeugt ist, James hat es auf seine Art richtig gemacht.

Als Erzähler meines Filmbuchs würde ich mir jedoch nicht James wünschen, sondern Miles, der bis vor dem Ausbruch von James' Krankheit dessen bester Freund und Seelenverwandter war. Für mich ist er die interessanteste und auch nachvollziehbarste Figur im Film. Verschlossen und fast arrogant am Anfang, gibt er sich eigentlich nur mit Bill ab, einem weiteren Kumpel, der zwar, wie alle im Leben, Fehler macht, sie aber mit einem Schulterzucken und Albernheiten abtut, während James ganz von Davy beschlagnahmt wird, der sich seit seiner Arbeitslosigkeit als James' "Krankenschwester" etabliert hat. Zwischen Miles und Davy gibt es bis zum Ende hin kaum Berührungspunkte und stattdessen mehr oder weniger versteckte Beleidigungen von beiden Seiten, was den Schluss nahelegt, dass ein wenig Eifersucht im Spiel ist.

Nur ganz selten lässt Miles die anderen seine Verzweiflung über den unvermeintlichen Verlust seines Freundes James sehen, den dasselbe Schicksal ereilt wie Miles' Vater, als Miles ein Teenager war. Das langsame Sterben einer ihm wichtigen Person ein zweites Mal mitansehen zu müssen, zehrt an ihm, doch er überspielt seine Gefühle mit Spott und Zynismus. Erst nach zwei Gesprächen unter vier Augen mit James zeigt er Verletzlichkeit, und offenbart auch das Geheimnis, das ihn über James' Tod hinaus weiter mit seinem besten Freund verbinden wird, obwohl er nicht vorhatte, es ihm zu sagen.

Seine Gedanken und Beweggründe sind in diesem wirklich grandiosen Film gut formuliert, was nicht zuletzt an JJ Feild liegt, dem die Rolle ein bisschen auf den Leib geschrieben wurde. Doch in einem Roman wäre man vermutlich unter Umständen überrascht, wie komplex der Charakter aufgebaut ist, mit welchen Problemen er konfrontiert wird und welcher emotionale Aufruhr in seinem Inneren tobt. Filme zeigen ja "nur" das Offensichtliche, und ich denke, Miles hätte viel zu erzählen, wenn er die Geschichte von sich, James und den gemeinsamen zwei Kumpels aufschreiben würde. Ein Buch fertiggestellt hat er ja schon... und was außer "Meine Güte, ist der schwer!" könnte er wohl auf dem letzten Bild gedacht haben? Bestimmt eine ganze Menge mehr.

Gibt es für euch einen Film, den ihr gerne als Buch hättet, um die Gedankenwelt von einem der Protagonisten besser zu ergründen? Ich bin gespannt. Antworten bitte im Kommentarbereich.



Samstag, 22. August 2015

Sherlock Holmes meets the Hobbit...

... und sie gehen zusammen auf Reisen. Nein, nicht nach Mittelerde oder Baker Street in London, sondern nach Portugal und Spanien, wo der weltgewandte Bilbo dafür sorgen wird, dass Sherlock sich keinen Sonnenbrand der empfindlichen britisch-blassen Alabasterhaut einfängt und ihm die Drehorte von Game of Thrones zeigen wird.





Ein Sherlock- und Game of Thrones-Fan, den ich via Facebook kennengelernt habe, macht dort mit den beiden Urlaub, und besonders der abenteuerlustige Bilbo brennt darauf, seine Riesenfüße plattzulaufen. Vielleicht kann er Sherlock hin und wieder ein bisschen tragen und trösten, wenn den Ermüdungserscheinungen oder Heimweh plagen. Momentan wartet Sherlock ganz relaxt im Norden Deutschlands auf seinen Reisegefährten Herr Beutlin, der am Montag zu seinem Abenteuer aufbrechen wird, ehe es dann Anfang September ab in südliche Gefilde geht.




Ich finde die Idee richtig klasse und bin gespannt auf die Urlaubsfotos!

Übrigens: wer selbst einen kleinen Sherlock oder Hobbit als Maskottchen sein eigen nennen will, darf sich gerne an mich wenden. Auch wenn mich Bilbo - der ein Prototyp war, also mein erster Versuch - zuweilen mit seinem wilden Schopf zur Verzweiflung getrieben hat, weiß ich jetzt, wie's geht. Natürlich werden alle Figuren ein bisschen unterschiedlich, aber deswegen heißt es ja Handarbeit. Sherlock und Bilbo sind ca. dreißig Zentimeter groß, ihr Innenleben besteht aus waschbarer Füllwatte, und sie sind beide anschmiegsame Kuschler.


Sonntag, 16. August 2015

Affettuoso ~ mein neuestes, *altes* Werk

Gerade bin ich dabei, ein paar Geschichten aus meiner Festplatte auszugraben. Und zuweilen stoße ich dabei auf recht interessante Dinge. "Affettuoso", ein Manuskript, das nicht mehr ganz so taufrisch ist, gehört dazu.

Der Titel (Begriff aus der Musik: bewegt, wild) ist Programm. Es geht wirklich ziemlich bewegt zu in den Biografien der beiden Protagonisten Mickey und Joshua, denen der Ausbruch aus einem südkalifornischen Gefängnis gelingt. Beeinflusst hat mich damals der französische Schriftsteller Philippe Djian.





Nach einer gründlichen Überarbeitung habe ich mich entschlossen, die Geschichte zu veröffentlichen. Damals, als ich sie von meiner Buchhändlerin und Freunden lesen ließ, kam sie gut an. Besonders gefreut hat mich das Kompliment eines Mannes, der mich erstaunt gefragt hat, wie es sein kann, dass ich mich so gut in die Psyche des Ich-Erzählers Mickey hineinversetze, der doch viel älter und zudem ein Kerl ist. Man würde gar nicht merken, dass das Buch von einer Frau stammt.

Natürlich ist die Erzählperspektive keine Geschlechterfrage, aber es hat mich schon ein bisschen stolz gemacht, von einem Leser so etwas zu hören. Vielleicht ist "Affettuoso" eher ein *Männerroman*, wenn wir denn schon kategorisieren, doch ich denke, dass auch Frauen ihren Spaß an dem knappen, humorvollen Stil haben werden, der - wenn ich ganz ehrlich bin - heute nicht mehr so wirklich meiner ist.

Trotzdem gefällt mir die Geschichte nach wie vor, und da ich für Abwechslung bin, freue ich mich, sie hier vorstellen und bald als Buch in den Händen halten zu können. Sie geht gerade durch die Review-Phase und wird in den nächsten Tagen als Printausgabe und Kindleversion erscheinen.



Samstag, 25. Juli 2015

Goldene Schreibregel: Show don't tell

Jedem Autor läuft dieses Mantra früher oder später (besser früher)  über den literarischen Weg, und ich gestehe, dass ich mich lange Zeit gefragt habe, was damit eigentlich gemeint ist. Worin besteht der Unterschied zwischen Show und Tell? Ist das nicht irgendwie dasselbe? Warum ist das eine besser als das andere? In Büchern kann man doch *nur* erzählen, oder? Zeigen? Wie soll das denn gehen?

Nachdem ich mich jetzt endlich ein bisschen schlau gemacht habe, wurde mir klar, dass ich glücklicherweise diese Regel ganz intuitiv anwende in meinen Romanen und Erzählungen.

In Kürze: Es geht darum, zu umschreiben, wie etwas gerade geschieht oder empfunden wird, ohne zu verallgemeinern. "Show don't tell" soll dem Leser helfen, sich in den Charakter im Buch hineinzuversetzen, und zwar so, dass er nicht das Gefühl hat, etwas von außen "erzählt", sondern etwas von innen "gezeigt" zu bekommen. Ähnlich wie in einem Film, damit das Kopfkino eine Chance hat. Distanziert das Offensichtliche erzählt zu bekommen, ist wenig spannend und auf Dauer sogar ermüdend. Im Alltag machen wir es so, und das ist es vielleicht, was manche Autoren zum Haareraufen bringt, wenn der Lektor / Dozent ganz klar und hart befindet: Zu viel Tell!

Ein Beispiel aus meinem Roman "Das Bildnis des Grafen" verdeutlicht es. In dieser Szene lernt der eben in Yorkshire angekommene Psychologe Gaspard Renoir seinen neuen Arbeitgeber kennen, den Earl of Whitehurst.

Drinnen waren die Wände in heimelig rötlichgelbes Licht getaucht, welches das prasselnde Feuer im Schornstein reflektierte. Aus den Augenwinkeln nahm Renoir die exotische Einrichtung wahr; einzig der Ohrensessel vor dem Kamin verriet europäisches Handwerk. Links und rechts an der Wand begafften ihn afrikanische Masken und Skulpturen in ihrer ganzen Groteske, er zog abweisend die Schultern hoch und konnte nicht umhin, sich beobachtet zu fühlen. Ein Löwenfell und etliche Vergrößerungen gerahmter Photos rundeten den visuellen Trip auf den schwarzen Kontinent ab; vor einem Bild, das einen athletischen, strahlenden Mann mittleren Alters in Siegerpose auf einem erlegten, von zähnefletschenden Eingeborenen eingekreisten Löwen zeigte, blieb er stehen und wartete, bis der Hausherr sich ächzend aus seinem Sessel hievte und mit ausgestreckter Hand auf ihn zukam. Um die Identität des Herrn auf dem Bildnis brauchte Renoir nun nicht mehr zu rätseln. Für sein Alter – er musste auf die Siebzig zugehen – hielt der Earl seine immer noch attraktive Statur sehr aufrecht, tatsächlich überragte er den Arzt. Die buschigen Augenbrauen wölbten sich über dunklen Augen in gutmütigem Spott, als er ihm kraftvoll die Hand schüttelte. 

Diese Szene hätte ich auch anders schildern können, etwa so:  

Renoir betrat das exotisch ausstaffierte Zimmer, in dem der Earl of Whitehurst ihn erwartete und ihm zur Begrüßung kraftvoll die Hand schüttelte.

Hätte eigentlich ausgereicht. Und trotzdem wäre viel verloren gegangen. Der erste Abschnitt *zeigt* den Earl so, wie er auf Renoir wirkt: abenteuerlustig in seinen jungen Jahren, immer noch vital und ein geborener Siegertyp, der es gewohnt ist, seinen Willen durchzusetzen. Außerdem erfahren wir etwas über das Aussehen und die Vorlieben des Earl (Safari / Jagd), ohne zu verallgemeinern mit dem Satz "Er war groß und liebte offenbar die Jagd". Und als Bonus wissen wir durch Renoirs Körpersprache, wie er sich in Gegenwart des anderen Mannes fühlt, nämlich nicht wirklich selbstsicher.

Im zweiten Abschnitt *erzähle* ich neutral die Tatsachen und beschränke mich darauf. Irgendwie langweilig, oder? Allerdings - zu viel des Guten ist nicht immer wundervoll. Gelegentlich genügt eine sachliche Feststellung vollkommen, und ich finde es auch nicht verkehrt, wenn man sich kurz fasst; oft bewundere ich das sogar. Beschränkungen auf das Wesentliche können auch die Phantasie des Lesers beflügeln. Nur zur Regel sollte es nicht werden. Dafür gibt's ja "Show don't tell". Und ich bin froh, dass es sie gibt, die SdT-Regel, denn sonst wären Lesen und Schreiben keine emotionalen Angelegenheiten, die es uns ermöglichen, in andere Köpfe, Epochen und Welten einzutauchen.



Mittwoch, 15. Juli 2015

Bald 500 Daumen auf Facebook! Dafür ein Dankeschön!

Fast auf den Tag genau vor einem Jahr habe ich meine Autorenseite auf Facebook eingerichtet. Immer noch betreibe ich sie gern, auch wenn es gelegentlich nicht so einfach ist, einen neuen Beitrag zu verfassen, der themenrelevant ist. Ich erlaube mir daher auch, zwischendurch etwas zu posten, das mit meinen weiteren Hobbies zu tun hat oder im weitesten Sinn mit Schreiben und Büchern. Es macht Spaß und irgendwie gefällt mir auch, was sich in meiner Chronik mittlerweile so tummelt.

Die Likes und Kommentare habe ich natürlich meinen Fans zu verdanken. Ich möchte mich dafür revanchieren und stelle über das ebook-Portal Xinxii als Bonbon für eine Woche (15. - 22. Juli) meinen umfangreichen Gruselkrimi "Das Bildnis des Grafen" als kostenlosen Download zur Verfügung. Alles, was ihr tun müsst, ist, euch bei Xinxii registrieren (falls ihr nicht schon Mitglieder seid), und beim Ausloggen diesen Gutschein-Code einlösen (kopieren und in das entsprechende Feld einfügen):


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Ich wünsche viel Spaß, Rästelraten und Spannung mit Carrick Escaray, Gaspard Renoir und Valentine Whitehurst und würde mich sehr über Rückmeldungen entweder hier auf meinem Blog oder auf Facebook freuen! Natürlich dürft ihr auch gern eine Rezension auf den Online-Portalen eurer Wahl verfassen. (O:


Dienstag, 7. Juli 2015

Die dreizehnte Geschichte ~ Diane Setterfield

"Die dreizehnte Geschichte" ist eines jener Bücher, um die ich jahrelang herumschleiche und eigentlich nie so recht weiß, warum ich es nicht einfach mal zur Hand nehme und reinlese. Schadet niemandem, und es tut mir erst mal nicht weh. Und trotzdem gibt es einige solcher Romane, die zwar meinen Geschmack ganz gut treffen könnten, vor denen ich aber dennoch zurückschrecke. Vielleicht, weil ich befürchte, dass mich die Story zwischen den Buchdeckeln dann wochenlang nicht loslässt.

Ein bisschen so wird es mir jetzt wohl auch tatsächlich ergehen. Jedenfalls wird die ungewöhnliche Geschichte noch länger in mir nachhallen als die Zeit, in der ich sie buchstäblich verschlungen habe: Über 500 Seiten in drei Tagen (!), auf dem Markisen überdachten Balkon und mit wenig Unterbrechungen, die ich bei der sommerlichen Hitze von 39° Grad entweder zur Wasserauf- oder zur Wasserentnahme genutzt habe. So spannend waren die fiktiven Biografien der ebenso fiktiven Schriftstellerin Vida Winter, ihrer "Geisterschreiberin" Margaret Lea, den verwilderten Zwillingen und ihrer verruchten (toll, das Wort!) Abstammung, dass ich das Buch kaum zur Seite legen mochte.





Und auf merkwürdige Art ging es mir ähnlich wie der Erzählerin Miss Lea, die von Vida Winter engagiert wird, ihre Biografie niederzuschreiben: nach und nach wird man hineingezogen in den Bann von Angelfield, dem geheimnisvollen Anwesen in Yorkshire und dessen Bewohnern - einer so verrückt und verschroben wie der andere. Ereignisse und Tragödien spielen sich ab, die auf den ersten Blick keine sind, oder die man sich als Leser nicht erklären kann, bis es erst im letzten Drittel des Buches zu Erklärungen kommt, die plötzlich alle einen Sinn ergeben, und mit denen man nicht gerechnet hat bzw. nicht rechnen konnte, wenn man die Geschichte nicht bereits kennt. Und ich liebe so etwas! Dieses erstaunte "Uff! Wie konnte das denn...? Ach ja, natürlich!"

Einfach großartig, wie sich Vida Winters und Miss Leas Leben gleicht, ohne dass sie viel gemeinsam haben und sogar recht gegensätzlich sind. Bei Miss Lea hatte ich ständig das Lämmchen aus Daphne Du Mauriers "Rebecca" vor Augen (also Joan Fontaine^^), während die anfangs autoritär und selbstbewusst auftretende Vida Winter eine Grand Dame par exellence war. Zumindest an der Oberfläche, die im Lauf der Geschichte nicht nur äußerlich bröckelt. Und irgendwie erzählt "Die dreizehnte Geschichte" nicht nur zwei Lebensläufe, sondern auch von einer ungleichen Freundschaft, die sich erst entwickelt, dann aber aufgrund der Ähnlichkeit fast so etwas wie Ebenbürtigkeit erreicht zwischen den unterschiedlichen Frauen.

Die einzelnen Schicksale der weiteren Charaktere haben mich ebenfalls emotional sehr berührt; besonders das des etwas einfältig wirkenden, herzensguten Kuchenmeisters Aurelius. Aber auch John the-dig und Mrs. Dunne haben sich einen Platz in meinem Leserherz erobert. Am wenigsten warm wurde ich mit der kurzfristigen Gouvernante der Zwillinge, die gemeinsam mit dem Doktor "Experimente" an den beiden Mädchen ausprobiert und sich ein wenig wie ein weiblicher Gregor Mendelsohn aufführt, auch, um den Dorfarzt zu beeindrucken, wie sich später herausstellt. Und ihre Tagebucheintragungen in Kursivschrift waren sehr ermüdend. Trotzdem fand ich es schön, dass auch sie nicht einfach sang- und klanglos zwischen den Seiten verschwand. Selbst Kater Shadow, das "zierliche Gespenst", das der jungen Besucherin in Yorkshire auf Schritt und Tritt folgt, erhält ein ihm würdiges Ende.

Was mir - vielleicht erstaunlicherweise - nicht gar so gut gefiel, waren die ständigen Referenzen auf die ewig gleichen Klassiker. Dass Jane Eyre noch eine Bewandtnis mit dem Schicksal der Angelfields haben könnte, habe ich mir gedacht ohne das Buch zu kennen, doch die anderen Hinweise auf Sturmhöhe, Die weiße Frau und die übertriebene Bibliophilie beider Protagonisten erschienen mir zuweilen plakativ ("Was retten Sie zuerst? Bücher oder Menschen?"). Trotzdem ist dies mein einziger kleiner Kritikpunkt, der mich nicht davon abhält, diesem grandiosen, fantastisch geschriebenen und clever durchdachten Pageturner fünf Sterne zu geben.
 





Samstag, 27. Juni 2015

The Imitation Game ~ Ein streng geheimes Leben (2014)

Hmm... ich weiß nicht recht, wie ich anfangen soll, wenn es um meine Meinung zu diesem Film geht. Einerseits habe ich mich gefreut, ihn endlich auf DVD sehen zu können, und andererseits habe ich im Vorfeld bereits geahnt, dass das Thema zu trocken und "mathematisch" für mich ist. Vermutlich waren meine Erwartungen angesichts der vielen Jubelstimmen und Auszeichnungen einfach zu hoch.

Mit kopflastigen Genies kann ich im Allgemeinen wenig anfangen, wenn sie nicht tief im Inneren einen weichen Kern haben, den sie zuweilen auch zeigen oder lustige, menschliche und weise Sprüche auf Lager haben wie Albert Einstein. Und so, wie Benedict Cumberbatch das zu Unrecht in Vergessenheit geratene Entschlüsselungsgenie Alan Turing (1912 - 1954) dargestellt hat, kam bei mir für den Menschen dahinter wenig rüber. Nicht, dass er mir unsympathisch gewesen wäre mit seiner direkten und gelegentlich unfreiwillig komischen Art - das kann ich sogar nachvollziehen: die Szene, in der seine Kollegen ihn zum Essen einladen, war hinreißend!




Auch fand ich es bewunderswert, mit wie viel Verve er sich seiner Aufgabe widmet, und süß und liebenswert schrullig die Idee, seiner Maschine einen Namen zu geben (den seines einzigen Freundes in der Schule, mit dem er bereits damals einen geheimen Code entwickelt hat).

Damit hatte es sich an Persönlichem und Liebenswertem aber auch schon. Das geheime Leben blieb mir zu geheim. Und ich meine damit nicht seine homosexuellen Neigungen. Es war im Gegenteil recht wohltuend, dass der Fokus nicht darauf gelegt wurde, zumal man sie dem echten Turing faktisch nicht nachweisen konnte (was sein Schicksal fast noch tragischer macht). Nach dem Film bezweifle ich, dass er überhaupt sinnliche Empfindungen hatte, wenn es nicht um seine Arbeit ging.

Und das ist ein bisschen traurig, denn genauso hat sich der Film für mich angefühlt: distanziert und maschinenartig. Nicht einmal der Gefühlsausbruch am Ende hat mir geholfen, Alan Turing näher zu kommen. Wahrscheinlich war das so beabsichtigt vom Regisseur, doch wenn ich einen Film über eine historische Person sehe, möchte ich in der Lage sein, mit ihr zu fühlen, oder zumindest sie zu verstehen. Vielleicht auch entdecken, dass diese Person trotz aller erbrachten Leistungen Mensch ist.

Alan Turing wäre - geht man nach dem Film - wohl lieber eine Maschine gewesen. Intelligenz und Verstand zählen mehr als Herz und Emotionen, die man am besten unterdrückt. Natürlich gibt es Gründe, sich anderen zu verschließen, und selbst wenn keine Gründe da sind, liegt es mir fern, *Sonderlinge* wie Turing zu kritisieren. Ja, es ist ohne Zweifel lobens- und erzählenswert, was er getan hat. Die Menschlichkeit blieb dabei zwar auf der Strecke, aber hey, Hauptsache, wir haben heute alle einen Apple-Computer. (0;

Auch hätte der Drehbuchautor bedenken sollen, dass der Film in den 1940/50er Jahren spielt, und ein Coming-Out selbst von weltoffenen Zeitgenossen mitnichten auf die leichte Schulter genommen wurde (wer gab das außerdem damals schon zu?). Keira Knightleys nonchalantes "Na und? Wir sind halt beide anders", hätte in die heutige Zeit gepasst, aber keinesfalls in die miefigen 1950er. Ebenso merkwürdig war die Enttarnung des russischen Spions. Welcher Intelligenzbolzen ist denn so blöd und lässt die Bibel mit dem mit einem Eselsohr markierten Hinweis auf seine Identität offen auf dem Arbeitspult liegen?

Das Mantra, dass gerade kleine Leute Großes bewirken können, war wichtig und richtig, aber mit mehrmaligem Zitieren deutlich überstrapaziert. Ich möchte behaupten, dass Alan Turing kein kleiner Mann war, sondern eine Menschmaschine mit Visionen. Und wer sonst kann das von sich sagen?

Sonderling und Freak, na schön. Davon gibt es viele. Alan Turing gab es nur einmal. Und vielleicht sollte mir der Film deutlich machen, dass ich kein Alan Turing bin, aber dafür auf anderen Gebieten ein einzigartiger Freak. Also doch ganz okay, der Film. Nichts fürs Herz, aber streng geheim genommen irgendwie doch.

Bewertung: 


knappe



Sonntag, 21. Juni 2015

Review "Amazing Grace" (2006) mit Benedict Cumberbatch und Ioan Gruffudd

Mit dem Erwerb dieses Filmes habe ich schon länger geliebäugelt, spielen doch zwei meiner Lieblingsschauspieler darin die Rollen historisch bedeutender Männer: die von Englands jüngstem Premierminister William Pitt (Benedict Cumberbatch) und des gescheiterten Sängers und Parlamentariers Wilbur Wilberforce (Ioan Gruffudd), der nach einem erbitterten und scheinbar zunächst aussichtslosen Kampf gegen die Obrigkeit im Jahr 1833 - kurz vor seinem Tod - die Sklaverei in Großbritannien abgeschafft hat.

Gestern lief der Film im Fernsehen, und ich war natürlich sehr gespannt. Leider wurden meine Erwartungen nicht erfüllt. Zwar fand ich die Ausstattung beeindruckend und authentisch, aber irgendwie fehlte mir das gewisse Etwas. Die Freundschaft zwischen Wilbur und dem Premierminister kam mir zu kurz und war nach meinem Empfinden zu emotionslos. Es gab kaum Momente, in denen man sich als Zuschauer miteinbezogen gefühlt hat ins Geschehen. Wenn überhaupt, gab es nur den einen Augenblick, in dem Pitt auf dem Sterbebett fast erschreckend plakativ Wilburs Hand nimmt und ihm gesteht, dass er gerne seinen unerschütterlichen Glauben hätte, um keine Angst vor dem Tod haben zu müssen.

Über weite Strecken langweilig, wurden hauptsächlich Szenen im Oberhaus gezeigt, in dem hitzige politische Debatten stattfinden. Die zweifellos charismatische Figur Wilberforce blieb trotz seiner dargestellten Menschlichkeit blass, was ganz bestimmt nicht an Ioan Gruffudd lag, den ich in skurrilen walisischen Fernsehproduktionen sehr schätze.

Im Rückblick wurde eigentlich ständig auf dem Elend und der menschenverachtenden Behandlung der schwarzen Sklaven herumgeritten, was auf Dauer ermüdend und wenig erbaulich war. Natürlich ist dieses Thema kein einfaches, und ich denke, es belastet die ehemaligen Kolonialmächte bis heute, so dass eine Aufarbeitung in Form von diversen historisch belegten Spielfilmen nicht verkehrt ist - ähnlich wie man bei uns und vor allem in Hollywood das Dritte Reich aufgearbeitet hat (empfindsame Gemüter mögen mir den etwas derben Vergleich verzeihen). Aber bei aller historischer Recherche und politischer Detailgenauigkeit hätte ich mir von "Amazing Grace" mehr vom persönlichen Aspekt über die Männerfreundschaft gewünscht und somit ein bisschen mehr Unterhaltungswert. Auch wenn der Film wirklich schöne Bilder hatte.

Vom Titel, der sich auf das weltweit bekannte Gospel bezieht, hatte ich mir ebenfalls mehr versprochen. Naiv wie ich bin, dachte ich, dass Wilbur Wilberforce damit in ähnlicher Verbindung steht wie Joseph Mohr zu "Stille Nacht", doch wie ich es verstanden habe, hatte er es von einem Seemann, der jahrelang Sklaven von Afrika nach Jamaica transportiert und reumütig dieses Lied komponiert hat, als er bereits im Ruhestand war. Überhaupt musste man sich einiges zusammenreimen in der etwas wirren Story, oder aber ich habe nach einer halben Stunde geistig abgeschaltet, weil jede Szene der vorigen glich. Auch Erklärungen zu Wilburs Krankheit habe ich vermisst, und wie es dazu kam, dass er trotz Laudanum-Abhängigkeit und den ständigen Krämpfen seinen anfangs so properen Weggefährten William Pitt überlebt hat.

Fazit: Nicht unbedingt ein Muss, aber wahrscheinlich im Original und für die Engländer ein wichtiges historisches Zeitdokument.



Bewertung: und ein halber
                                                                                         für Benedicts coole Perücken.



Dienstag, 9. Juni 2015

Warum *stinkt* Eigenwerbung eigentlich?

In letzter Zeit fiel es mir auf, und darin sind wir uns bestimmt alle einig: Aufdringliche und ständige Werbung nervt. Besonders, wenn sie unerwartet irgendwo am Rand des Bildschirms aufpoppt und nur unter Mühen wieder zu beseitigen ist (oder gar nicht). Merkwürdigerweise sind die aggressivsten Werberiesen ohnehin gut laufende Ketten und Filialen. Trotzdem wird beworben bis zum Erbrechen, und mit den blödesten Sprüchen und absurdesten Versprechungen Kunden angelockt.

Es gibt aber auch die Art Werbung, die klein unter Bekannten und Freunden anfängt und hofft, zarte und später bunte Blüten zu treiben. Gemeint ist die Werbung der Selfmademen bzw. Selfpublisher, über die recht viele Leser insgeheim die Nase rümpfen, ohne je einen Blick in ihre Werke geworfen zu haben.

Eine tolle Werbemöglichkeit bietet für mich Facebook, was auch der Grund ist, weshalb ich es nicht gänzlich boykottiere (ok, ich pflege auch Kontakte mit netten Leuten, lerne neue Freunde kennen und unterhalte mich hin und wieder auch gern über "Belangloses"). Nicht nur meine Bücher, auch mein Geschäft und meine Tätigkeit bewerbe ich dort. Nicht pausenlos, aber regelmäßig. Weniger aus Spaß an der Freud', sondern weil ich davon leben muss. Es ist ein wenig mühsam, doch auf einer Plattform, auf der sich Millionen tummeln, war das nicht auszuschließen. Trotzdem finde ich es praktisch und unterhaltsam, auf so unkomplizierte Art recht viele Menschen zu erreichen.

Und da bin ich beim Punkt: einige können damit absolut nicht umgehen und reagieren extrem empfindlich. Entweder man wird entfreundet oder gerüffelt, weil man es wagt, ihnen mit Eigenwerbung auf die Nerven zu gehen. Wird man höflich ignoriert, hat man noch Glück gehabt. Obwohl ich selbst viel zu viele Aufforderungen zum "Gefällt mir" erhalte, versuche ich, entspannt damit umzugehen, solange sich diesselben Absender nicht häufen. Ich bilde mir sogar ein, dass wir trotz meinen gelegentlichen Absagen gute Freunde bleiben, soweit das virtuell möglich ist. Denn eines ist von meiner Seite aus sicher: ich will nicht auf Biegen und Brechen die Leute dazu bringen, meine Romane zu lesen, daher denke ich, dass Freunde und Kollegen das ähnlich sehen.

Schließlich steht es jedem frei, Werbeangebote abzulehnen; keiner wird gezwungen, etwas zu kaufen, für das er kein Interesse aufbringt. Doch bevor man das weiß und darüber wettert, könnte man zumindest einen kurzen Blick darauf werfen: es tut garantiert nicht weh. Und vielleicht ist das Angebot gerade das, wonach man schon lange sucht, sei das neuer Lesestoff, eigenwillige Kunst, individuelle Dienstleistungen oder einen biologisch abbaubaren Schimmelpilzvernichter. Viele Kaufentscheidungen werden ja erst in allerletzter Sekunde getroffen.

Ja, ich stehe dazu: Ich möchte etwas verkaufen, wie die meisten Menschen, die etwas zu bieten haben. Dass ich Indieautor bin, macht keinen Unterschied. Natürlich wäre es schön, wenn andere für mich werben würden oder ich mir große Kampagnen leisten könnte wie die großen Verlage für Verlagsautoren. Dann wäre Werbung anscheinend nicht halb so anrüchig. Aber muss ich deswegen mein Licht unter den Scheffel stellen? Bin ich nur sympathisch und "vertrauenswürdig", wenn ich mich mäuschenklein in eine Ecke drücke?

Auf das, was ich geschrieben habe, bin ich stolz. Es hat mir Freude bereitet, es zu erschaffen, und ich teile meine Freude gerne. Schade, wenn man dafür abgewatscht wird, weil man nach Wegen sucht, die Arbeit seiner Hände bekannt zu machen und zu hoffen, dass andere im besten Fall davon profitieren und selbst ein paar vergnügliche Stunden mit der eigenen Idee verbringen. Oder sich gern darüber unterhalten bzw. Fragen dazu haben.

Jedes Produkt, das hergestellt wurde, hat das Recht darauf, beworben zu werden, gleich ob von großen Firmen oder dem kleinen Mann von nebenan. Und wenn niemandem dabei geschadet wird oder Rufmord betrieben ("Meins ist viel besser als..."), sehe ich nichts Verwerfliches an Eigenwerbung.

Bei der Gelegenheit möchte ich mich bei allen bedanken, die meine Arbeit und mich mit Däumchen, Rezensionen, lieben Kommentaren, dem Teilen meiner Beiträge und Werbemöglichkeiten unterstützen!



Dienstag, 12. Mai 2015

Rezension Paperboy / Wörter auf Papier ~ Vince Vawter

Dieses mit ca. 220 Seiten eher schmale Büchlein für Jugendliche wurde mir von meiner Bloggerkollegin Frau Seitengeraschel empfohlen, die nicht nur meine Liebe zu Büchern teilt, sondern darüber hinaus auch einen ähnlichen Geschmack betreffs Büchern. Jedenfalls kennt sie einige meiner (literarischen) Vorlieben genau; daher habe ich mich unbesehen dazu hinreißen lassen, den Roman zu kaufen, der als Reminiszenz an 'Wer die Nachtigall stört' gefeiert wird.




Inhalt: Der elfjährige Victor Vollmer übernimmt in den Ferien einen Monat die Zeitungsroute seines Freundes Arthur, der bei Verwandten auf der Farm den Urlaub verbringt. Zunächst freut sich Victor darauf, denn er kann gut werfen - Baseball und, wie er feststellt - auch Zeitungen. Doch jeden Freitag ist Zahltag; der Tag, an dem die Zeitungsjungen ihren Wochenlohn einfordern. Das bedeutet, Victor muss reden. Wenn er etwas nicht mag, dann das, und er hat guten Grund dazu: Victor stottert. Doch Beobachtungsgabe, Mitgefühl und eine fast philosophische Weisheit, die ihm seine resolute aber herzensgute und lebenserfahrene Nanny *Mam* Nellie und später sein Kunde Mr. Spiro vermitteln, helfen ihm, an seiner Aufgabe zu wachsen. Am Ende des Sommers ist er zwar kein anderer Mensch, aber er hat viel über das Leben gelernt.

Meinung: Vince Vawter erzählt eine semibiografische Geschichte in Memphis der 1950/60er Jahre trotz fehlender Kommata so anrührend und plastisch, dass ich mir bei einigen Szenen verstohlen ein Tränchen aus dem Gesicht gewischt habe. Den Ich-Erzähler muss man einfach mögen; er ist ein Junge, der sich Gedanken macht über sich und die Welt und den Umgang miteinander. Warum werden Leute, die anders sind, verlacht oder berühren "normale" Leute in peinlicher, bestensfalls mitleidiger Weise? Warum dürfen Schwarze nur in Begleitung von Weißen vorne im Bus sitzen oder in den Zoo gehen? Und ist es nicht viel wichtiger, was der Mensch sagt, als wie er es sagt?

Mir gefielen alle Charaktere von der unglücklichen Faye Worthington bis Big Sack sehr gut, doch bemerkenswert fand ich auch, dass sich nicht alles um Victors Handicap dreht und er sich dabei ertappt, wie ungerecht er manchmal selbst handelt und urteilt, wenn er nur die Oberfläche sieht. Die spätere Freundschaft zu TV-Boy war für mich daher eines der heimlichen Highlights im Roman. Dazu trägt Mr. Spiro nicht unerheblich bei, ein einstiger Weltumsegler, der sich mit Büchern umgibt, gewählt spricht und seinem "Messenger" und "stuttering poet" das Gefühl gibt, ernst genommen zu werden.

Anrührend in verschiedenen Aspekten war für mich ebenfalls die Vater / Sohn-Beziehung, die zwar nicht den Zentralpunkt des Romans bildet (sofern dieser überhaupt vorhanden ist), aber in ihrer Ehrlichkeit und den Bemühungen des Vaters, seinem Sohn eine gute Zeit zu schenken, wohl gerade in den 1950er Jahren eher ungewöhnlich war und den Leser bewegt.

Ich habe die englische Ausgabe gelesen und mich hin und wieder doch gefragt, wie wohl ein Roman ins Deutsche übersetzt wurde, in dem es hauptsächlich um Sprache und damit verbundene Assoziationen und Redewendungen geht. Allein die fehlenden Kommata hätten mich bei einer Übersetzung wohl genervt; hier hat es nach der Erklärung einfach gepasst.

Fazit: Ein lesenswerter, über weite Strecken beschaulicher, atmosphärischer Roman ohne große Dramatik, ohne einer politischen Botschaft oder dem plakativen Aufruf zu mehr Toleranz - und doch steckt von jedem etwas darin; und vielleicht sogar ein bisschen mehr.

Übrigens: wusstet ihr, dass Darth Vader-Stimme und Schauspiel-Legende James Earl Jones Stotterer war?

Bewertung: