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Donnerstag, 10. September 2026

Nostalgie. Oder warum ich gern in die Vergangenheit schaue...

 Ja, es ist mir ein bisschen peinlich: ich bin Nostalgikerin. Besonders seit drei Jahren. Seit ich Mama verlor und somit keine Kindheit mehr habe. Denn vorher, da durfte ich hin und wieder Kind sein, selbst als Erwachsene. Mit Mama reden, sich eine Tasse Kaffee bringen lassen, um Rat fragen... das war für mich Kindheit. Leider gibt es sie nicht mehr, und das ist ein weitaus größerer Schmerz als es sich viele vorstellen können, die in der glücklichen Lage sind, beide Eltern noch zu haben. Ich bin froh, dass ich noch Papa habe. Aber es ist doch anders, wenn die Mama fehlt. Besonders, so glaube ich, für Töchter, die eine so gute Beziehung zu ihr hatten wie meine Schwester und ich.

 

Der erste Schultag mit selbstgemachter Zuckertüte
 

Auch wenn ich generell eher nostalgisch bin und frühere Zeiten evtl. verkläre (das will ich gar nicht abstreiten), so hat sich dieses Gefühl in den letzten drei Jahren verstärkt. Ich denke, ich bin genug Realist, um dennoch nach vorn zu schauen, aber irgendwie hilft es mir, in "der guten alten Zeit" zu schwelgen. Zugegeben, es macht mich oft auch traurig. Wir sind nicht mehr komplett ohne Mama, und die Zeit mit ihr war so wertvoll. Schade, dass man das dann doch erst im Nachhinein realisiert. Wobei ich immer dankbar war für meine Eltern. Und wenn ich zurückblicke, bin ich oft erstaunt über unser abwechslungsreiches und auch aufregendes Leben. Erst mal glaubt man, nicht viel erreicht zu haben, bis man genauer darüber nachdenkt, und einzelne Episoden sich als ungewöhnlicher herausstellen als man bisher dachte.

 

Auf Borkum

 

Vieles berichte ich in meinem Buch "Shalom Mamele". Hätte ich mir dazu mehr Zeit gelassen, wären mir bestimmt noch viele weitere Geschichten eingefallen. Einige Freunde und Bekannte regten nach der Lektüre dazu an, meine eigene Biografie zu schreiben. Ich glaube aber, dass es über mich nicht allzu viel mehr zu sagen gibt als im Buch. 

In der letzten Zeit blättere ich gern in alten Fotoalben, stöbere durch lose Fotos in Kisten und entdecke dabei so manche Schätze. Auch die Alben von Opa, die er uns ausdrücklich vererbt hat, habe ich gesichtet. Da bin ich besonders beeindruckt. Eigentlich ist sein ganzes langes Leben in diesen Alben dokumentiert. Er hat gern fotografiert, ist viel gereist und war selbst keineswegs kamerascheu, sondern konnte sich gut in Szene setzen. Und dabei hat er selbstsicher gelächelt, die Hände in die Hüften gestemmt und ein Knie fotogen und sportsmännisch angewinkelt. Wenn wir unbewusst posiert haben wie er (Mama, meine Schwester und ich), mussten wir oft verlegen lachen über das vorherrschende Keller-Gen. Trotzdem - heute sehe ich das milder. Ich finde sogar, dass dieses selbstbewusste Posieren ganz gute Fotos macht. Jedenfalls ist Opa immer gut drauf, im doppelten Sinne... 

 

Launiges Familientreffen am Sonntag auf der Terrasse

 

An unser altes Haus denke ich ebenfalls oft, das mit dem weitläufigen Garten ein kleines Paradies am Ende einer Sackgasse war, die in einen großen Platz mündete, auf dem wir im Kreis unermüdlich Fahrrad fuhren oder unsere selbstgebastelten Marionetten spazieren führten. Den Himmel stelle ich mir hin und wieder wie dieses Haus vor. Mit Menschen, die sich gut kennen und miteinander gern Gemeinschaft haben, aber auch wieder in ihre eigenen Wohnungen zurückkehren können. Im Idealfall solche, die ich bereits als Kind kannte. Vor kurzem starb der Vater meiner Sandkastenfreundin, die ich als Vierjährige in der Nachbarschaft kennengelernt hatte. Wir waren auf der Beisetzung, und ich habe etwas Erstaunliches bemerkt: Die Stücke, die gespielt wurden in der Friedhofskapelle, waren so, wie ich ihn bzw. seinen Musikgeschmack in Erinnerung hatte: Elvis Presley, James Last, Ricky King. Als wäre die Zeit stehengeblieben bei den Nachbarn. Und manchmal denke ich, wenn sie in meiner Kindheit stehengeblieben wäre, wäre das nicht das Schlimmste gewesen. Blöd, ich weiß. Aber ich empfinde es tatsächlich so, seit Mama nicht mehr da ist. Mir fehlt sie als Ermutigerin und zuverlässige Hilfe bei Herausforderungen, beruflich und privat. 


Sichtlich stolz auf die Reiterfräuleins 

 

In speziellen Facebookgruppen poste ich Beiträge von früher, und es erstaunt mich, dass es viele Menschen gibt, die auch nostalgisch veranlagt sind. Die sich nach Zeiten ohne Smartphone sehnen, obwohl man heute nicht mehr darauf verzichten kann. Vieles war auch damals nicht leicht, und trotzdem hatte man das Gefühl, dass der Alltag unbeschwerter war mit weniger Information und Reizüberflutung. Die steigende Anzahl von Autisten und ADHS-lern kommt nicht von ungefähr. Ständig glaubt man, etwas zu verpassen, und gleichzeitig wird gemahnt, den Augenblick zu genießen. Allein das zeigt, wie schwierig und paradox die Welt in den letzten Jahren geworden ist. Ich möchte nicht moralisieren oder jammern, denn die Uhr zurückdrehen geht nicht. Aber ein bisschen träumen und sich an Schönes erinnern, diesen Luxus gönne ich mir. Denn eine schönere, freiere Kindheit und Jugend hätte ich mir nicht wünschen können. Das ist mein kleiner persönlicher Schatz. Und ich weiß, der ist nicht selbstverständlich.

 

 

 

Dienstag, 31. März 2026

Ade, Mein Rollladenshop.de

Im verflixten siebten Jahr trennen wir uns, der Rollladenshop und ich. Seit Mitte des letzten Jahres weiß ich, dass die Teile, die wir bisher aus unserem Lager verschickt haben, komplett nach Berlin transferiert werden sollen und ich somit keinen Job mehr habe. Und trotzdem ist das Gefühl anders, wenn die Situation real wird. Letztes Wochenende war der Juniorchef aus Berlin da, um den Lagerbestand ordnungsgemäß einzukartonieren, zu beschriften und für den Transport vorzubereiten. Immerhin sind es über 600 km, die zurückgelegt werden im LKW. 

 

Im verpackten Kartongebirge vor leeren Regalen

 

Ganz ehrlich. Es trifft mich. Obwohl ich oft geschimpft habe und auch verstehen kann, warum es besser ist, alles an einem Ort zu haben. Und obwohl ich mich mit den technischen Details gar nicht so auskannte. Aber der Shop hat mir besonders nach Mamas unerwartetem Heimgang etwas Routine und Struktur gegeben. 

Jeden Tag, auch an Sonntagen, habe ich als erstes nach dem Frühstück die Bestellungen im Backoffice gecheckt, als Lieferschein ausgedruckt und dann die Artikel zusammengesucht, verpackt, die Pakete vermessen und gewogen und für den Versand etikettiert. Manchmal hatte ich Hilfe beim Verpacken, manchmal nicht. Die kleineren Teile waren kein Problem; bei den anderen, sperrigen oder denen, die zurechtgesägt werden sollten, musste ich halt warten, bis jemand Zeit hatte. Apropos Zeit: mir war immer wichtig, zeitnah zu senden und damit die Kundenzufriedenheit zu gewährleisten. Es ist nicht immer geglückt. Wir arbeite(te)n zu zweit, bestenfalls zu dritt, in der Zweigstelle; da war schon ziemlich was zu stemmen, denn das Geschäft floriert seit der Corona-Krise. Stemmen im wortwörtlichen Sinn, solange wir auch die maßgeschneiderten Rollläden angeliefert bekamen und - soweit der Kunde in der näheren Umgebung wohnte - auch ausfuhren. Bis in den Schwarzwald gingen unsere Touren. Das endete 2025, und nun ist auch das Zubehör dran. 

Angefangen hat es im September 2019 für mich. Da bestand der Shop bereits fünf Jahre (glaube ich). Ursprünglich als Hilfskraft eingestellt (nach meinem Verständnis), erweiterte sich mein Aufgabenbereich bald, und ich wurde offiziell die sogenannte Auftragsmanagerin. Das gefiel mir recht gut, denn nach einer eher untätigen Phase, in der ich aufgrund einer Depression nicht full time arbeiten konnte, war ich endlich mal wieder für etwas verantwortlich und ein "Rad im Getriebe".

 

Die neuen Kollegen, Ende 2021

 

Überfordert war ich eigentlich nie. Hatte Spaß mit Mikkel und Toby, die Büro und Werkstatt in Beschlag nahmen, ganz oben auf dem Endloskarton thronten und in Verpackungen raschelten, und irgendwie auch Spaß an der Arbeit mit SWR4 im Hintergrund, der Radiosender, den ich so zu schätzen gelernt habe. Auch wenn es nicht mein Traumjob war und ist. 

Noch kann ich mich ein bisschen wie im Urlaub fühlen (den ich lange nicht mehr hatte - wie lange, will ich gar nicht offenbaren!), doch es ist merkwürdig, nach all den Jahren Arbeitsleben auf einmal ohne Job dazustehen. Ich muss entsprechende Maßnahmen ergreifen, auf Ämter gehen, Formulare ausfüllen. All das ist totales Neuland für mich und auch ein bisschen einschüchternd. 

Erschwerend kommt meine Behinderung hinzu. Solange ich angestellt war, ging das gut über die Firma in der Familie, wo man meine Fähigkeiten besser einschätzen kann als anderswo. Tatsächlich hat mir das Ende meiner Arbeitszeit schon das heulende Elend beschert. Ich kam mir albern vor und habe mich in meinem Zimmer verkrochen, um niemanden sehen zu lassen, wie nah mir das geht. Es gab nicht zuletzt auch eine finanzielle Sicherheit. Mein Gehalt war nie riesig, doch beklagt habe ich mich nicht. Zu dem, was ich zum Leben brauche, hat es gereicht. (Ich höre aber Mama sagen, dass man manchmal auch ein bisschen mehr braucht... ich war ihr oft zu genügsam.)

 

Am Firmenrechner

 

Naja, ich denke, es wird irgendwie weitergehen. Wir haben schon viele Veränderungen gemeistert. Wobei ich im Rückblick ehrlich sagen muss, dass ich am liebsten noch unseren Kreativladen hätte, den wir 2013 schließen mussten und in dessen Räumen auch Büro und Lager vom Rollladenshop standen. Und dass Mama viel ermutigt hat, wenn wir vor neue Herausforderungen gestellt wurden, war ein wichtiger Faktor in Sachen "Wir schaffen das!" Richtig Fuß gefasst hat unsere Raumvermietung leider nicht in den zwölf Jahren, in denen wir sie anbieten, selbst da wir zufriedene, wiederkehrende Mieter haben.

.Ach so, da wäre noch mein "Nebenerwerb" als Autorin und Digital Creator auf Facebook. Zu meinem Pech läuft beides gerade nicht wirklich gut. Ich weiß nicht, wie ich meine Bücher noch vermarkten soll, damit ich mir eine Leserschaft aufbaue, was jetzt wichtiger wäre denn je. Zwar flattern ständig Emails über Strategien der Sichtbarkeit meiner Romane rein, aber nachdem ich einmal darauf eingegangen bin, kam mir das Ganze eigenartig und KI-generiert vor, angefangen beim Profilbild der Absender bis zum Inhalt der Mails. Vermutlich eine Art Abzocke. Die meisten kommen verdächtigerweise aus dem Ausland. Schade. Es wäre doch schön, wenn's mal jemand im Internet ehrlich meinen tät'. So wie ich im Rollladenshop. Den werde ich wirklich vermissen.

 

Dienstag, 17. Februar 2026

Mama im Himmel

Merkwürdig: Nun sind wir schon fast zweieinhalb Jahre ohne Mama, und meine Trauer will nicht weichen. Ich kann nicht einmal behaupten, sie sei weniger schwer. Es gibt mehr Tage, an denen sie nicht allzu weh tut, doch wenn, dann erwischt sie mich mit voller Wucht. 

Ich habe von Mama geträumt diese Woche; einen Traum, den ich vielleicht als Zeichen werten darf (ich bin sehr vorsichtig mit solchen Dingen). Ich war in unserem Haus im Rittersbruch, bin dort zum alten Kinderzimmer gegangen und sah sie auf meinem Bett sitzen. Sie war schön wie immer, jünger, so um die Vierzig, mit noch dunklem Haar. Als ich sie sah, fing ich an zu weinen und setzte mich zu ihr, um ihr zu sagen, dass sie uns so sehr fehlt. Sie meinte daraufhin, dass sie ja immer bei uns ist, auch wenn wir sie nicht sehen. Mein Traum war dann zu Ende, aber er war tröstlich. Am Morgen habe ich ihn Papa und Nicole erzählt. Beide mussten ein bisschen weinen. Ich hoffe, dass es trotzdem geholfen hat.

 

💕Am Jägersee, April 2021💕


Allein die Fotos anzuschauen, ist oft schmerzlich. Wie lustig, wie lebensfroh sie wirkt! Und sie war immer stolz im nicht überheblichen Sinn, dass sie sich und ihre Familie jung hielt. Tatsächlich haben wir selten bis nie einen Arzt gebraucht, solange Mama da war mit Rat und Tat. 

Heute habe ich zum ersten Mal seit 2023 versucht, frittierte Löffelküchle zu backen, die es bis dahin immer an Fasching gab und auf die wir uns alle unheimlich gefreut haben. Mama hat kein aufgeschriebenes Rezept; so habe ich es aus dem Internet gezapft. Sie wurden nicht halb so gut wie Mamas, aber ich war froh, dass ich mich aufgerafft habe - irgendwie sollte diese Tradition auch ihr zu Ehren weiterbestehen.

Wenn mich die Trauer zu sehr überkommt, schreibe ich meine Gedanken in Gedichtform nieder. Wahrscheinlich nerve ich damit schon, denn meist teile ich sie auf Facebook. Mit meinen Vorstellungen vom Himmel und wie es ihr dort geht, können anscheinend die wenigsten Freunde und Follower etwas anfangen. Macht aber nichts. Das neuste möchte ich hier her einfügen. 

Ich wünsche mir so sehr, dass sie fast dasselbe Umfeld hat wie hier, ohne Neid, Falschheit und Tücke vieler Mitmenschen. Gerade in letzter Zeit haben wir mitbekommen, dass es vielen Freunden nun leid tut, dass sie Mama oft belächelt und verletzt haben für ihre Überzeugungen - nicht nur, weil sie es ihr nun nicht mehr persönlich sagen können, sondern auch, weil sie gemerkt haben, dass sie ihrer Zeit voraus war und in vielem recht hat. Und ich denke, dass sie Jesus und vorausgegangene Freunde und Verwandte oft besuchen kommen und gute Gespräche mit ihr führen. Sie hat sich so gern ausgetauscht, neue Leute getroffen und war das kommunikativste Familienmitglied. Jesus wollte sie immer am besten kennen. Nun sieht sie ihn vielleicht täglich von Angesicht zu Angesicht. Eine etwas surreale Vorstellung ist das. Aber ich hoffe, ich komme auch dorthin und lerne ihn als liebevollen Kumpel kennen.

Hier kommt mein Gedicht:  

 

 Mama im Himmel

 


Was sie so macht, in höheren Sphären
Schade, dass sie es uns nicht kann erklären
Das Leben im Jenseits, ein ewiges Raten
Für die, die noch im Diesseits warten
 
Ich stelle mir vor, wie sie lacht und singt
Wo auch alle Lieben sind
Die hier auf Erden, bald vergessen
Gemeinsam an der Tafel essen
 
Nicht nur Feste und Freude soll es geben
Am Ort an dem wir ewig leben
Und was ich mir nicht denken kann
Da fängt die Überraschung an
 
Mit dem Verstand nicht zu begreifen
Lass ich die Gedanken schweifen
Vielleicht ist das Himmelreich
Doch ziemlich der Erde gleich
 
Ohne Leid und ohne Schmerz
Danach sehnt sich jedes Herz
In Frieden leben und geborgen
Fern von klein' und großen Sorgen
 
Alles, was uns Freude bringt
Auch im Jenseits nicht verklingt
Das Glück, das wir flüchtig nur empfinden
Wird im Himmel nie verschwinden
 
 
Text und Bild: Christine Wirth


 

Dienstag, 16. Dezember 2025

Lichterglanz allerorten. Weihnachten 2025. Wieder ohne Mama.

Während ich gerade durch die Stadt ging, um für Papa etwas in der Apotheke zu besorgen, fiel es mir auf: selten war die Stadt zur Weihnachtszeit so beleuchtet wie die letzten paar Jahre. Als gelte es, einen Wettbewerb zu gewinnen, und dabei habe ich nur einen kurzen Radius zurückgelegt. Die Bäume habe ich nicht gezählt, aber es sind mindestens drei große (über 10 Meter) und ganz viele kleine, verteilt auf Fußgängerzone und Marktplatz. 

 

Vor der ev. Stadtkirche

Was ich davon halten soll, weiß ich nicht. Vielleicht ist es letzten Endes doch ein positives Zeichen, auch wenn ich es schade finde, dass so viele Bäume für diesen einen Zweck gefällt werden. Denn der Weihnachtsbaum ist ja von heidnischen zum christlichen Symbol geworden; wenigstens nennt man ihn und das Christkind meist in einem Atemzug. Vielleicht bedeutet das, dass unsere Traditionen doch noch etwas wert sind und sich nicht verdrängen lassen. Lustigerweise habe ich selbst in türkischen Barbershops Minibäumchen blinken sehen. Aber das dient vermutlich nur der Aufmerksamkeit...

Unser Weihnachten dieses Jahr haben wir noch gar nicht geplant. Eine Freundin kommt über die Feiertage für eine Woche zu uns, dann sind wir immerhin zu viert und werden eventuell ein Festmenü mit Ente zaubern. In Weihnachtsstimmung bin ich allerdings absolut nicht. Mama fehlt einfach zu sehr. Nicht nur in diesen Tagen.

 

In Mosbach während dem Weihnachtsmarkt

 

Wir versuchen, ein bisschen den weihnachtlichen Gedanken aufleben zu lassen, die frohe Botschaft zu verinnerlichen. Dass Jesus kam, um uns Ewiges Leben zu schenken, das wahrhaft größte Geschenk, das man annehmen kann. Und manchmal auch das schwerste. Denn der Mut und der Frohsinn, die einen bei dieser Nachricht immer wieder packen müssten, sind (noch) nicht zu uns zurückgekehrt. Ich weiß nicht, ob das je sein wird. Je länger Mama fort ist, desto mehr wird mir bewusst, wie viel Halt und Kraft sie der Familie gegeben hat. 

Ich freue mich immer, wenn Papa vorschlägt, irgendwohin zu fahren auf einen Weihnachtsmarkt in unserer Nähe. Eigentlich sind wir alle keine Fans von Glühwein und kalten Füßen, doch ein Ausflug sorgt für Abwechslung, und manchmal haben wir auch fast so etwas wie Spaß. Ich weiß, das klingt ziemlich düster. Irgendwie ist es das auch. Ich würde mir sehr wünschen, die trübe Stimmung vertreiben zu können, etwas mehr von Mamas positiver Art zu haben, mit der sie dem Ernst den Stachel genommen hat, etwa mit Scherzen oder einem ermutigenden Wort. 

 

Im Florapark Wiesloch
 

Obwohl ich versuche, entspannt zu sein, merke ich, dass mir die Situation ziemlich an die Nieren geht und ich auch gesundheitlich noch angeschlagen bin wie der Rest von uns. Und irgendwie nerven mich dann auch die vielen Weihnachtsbäume in der Stadt. Übrigens sind die Läden trotz Blinken und wirklich oft wunderschöner und geschmackvoller Deko für die Vorweihnachtszeit erstaunlich menschenleer. Dabei geben sich die Inhaber so viel Mühe. Bitte, wenn ihr Geschenke kauft, kauft sie vor Ort und nicht im Internet. Auch wenn's bequemer ist. Die Händler freut's. Und Weihnachten ist die Zeit, Freude zu geben und zu empfangen. 

 

 

Freitag, 7. November 2025

"Shalom Mamele" im neuen Gewand

Es war abzusehen: mein "Bestseller" Shalom Mamele erhält ein neues Cover. Das fiel mir tatsächlich schwer, denn das Foto von Mama, das sie vor den (unsichtbaren) Triberger Wasserfällen zeigt, ist mein absolutes Lieblingsbild von ihr. Genauso möchte ich sie wiedersehen, wenn wir uns im Himmel begegnen: jung, verschmitzt, humorvoll und warmherzig. Denn all das, was sie sich ihr ganzes Leben lang bewahrt hat, ist auf diesem Foto vereint. Nicht, dass das auf anderen Fotos nicht der Fall wäre, aber ich mag ihren Gesichtsausdruck, der einem beinahe verschwörerisch zuzwinkert. 

 

Im Sommer 2022. Ohne KI. Liebe dich sehr, Mama! 

Und dann hab' ich die KI für Bildbearbeitung entdeckt und war geflasht von den Möglichkeiten auf einen Klick. Was dazu geführt hat, dass zunächst das Ebook und das Taschenbuch einen anderen Anstrich bekam. Wortwörtlich. Denn Farbe ist ein größerer Hingucker als eine Schwarzweißaufnahme, so schön sie auch ist. Das Cover zeigt jetzt Mama als "reife" Frau, die ihr kleines Ich im Arm hält. Beide sitzen auf einer bunten Blumenwiese mit Margariten, Klatschmohn und Kornblumen im Sonnenuntergang, und ich glaube, das gefällt Mama sehr! Ist sie doch so eine große Naturfreundin.

 

 

Ehrlich, ich habe geweint, als ich das Ergebnis der beiden Fotos nach der gewünschten Komposition sah. Und war auch verblüfft, wie ähnlich sich Mama sieht, sowohl als Kind als auch Erwachsene. Denn das genau zu treffen, ist für die KI dann doch oft etwas tricky. Sogar das geliehene Schildkröt-Püppchen vom Kindergarten hatte Platz auf dem Cover. Ich bin echt gespannt auf das Original. Autorenexemplare habe ich mir erst bestellt und muss also noch ein Weilchen warten, bis ich die Bücher in den Händen halten kann. 

Auf mein Lieblingsbild wollte ich dennoch nicht verzichten. Wie erstaunt war ich, als ich feststellte, dass Kolorieren zu den leichtesten Übungen der KI gehört... ich weiß, dass Mamas selbstgenähtes Blazerkostüm dunkelgrün war, und mehr brauchte meine künstliche Intelligenzbestie nicht zu wissen. Die Schrift, die irgendwie an Bücher der 1970er Jahre erinnert (was dann ja auch passend ist) und eine Vignette habe ich hinzugefügt, und fertig war das neue Cover für die gebundene Ausgabe. 

 



Edel sieht sie aus, oder? Ich werde ein paar der Exemplare wieder ins Bücherland bringen, und ich durfte sogar meinen Grafen dort auslegen. Er scheint allerdings durch seinen Umfang etwas abzuschrecken. Aber ach, ich freue mich, dass die netten Mädels mir die Möglichkeit geben. Leider liegen meine Romane ja nicht in jeder Buchhandlung aus. 


 

Freitag, 24. Oktober 2025

Gedicht vom Paradies


 
Im Paradies kuscheln der Löwe und das Lamm
Es gibt kein Bad Hair Day und keinen Kamm
Menschen streicheln Bären, Wölfe und Tiger
Auf Reisen steigen sie weder in Busse noch Flieger
 
 

 
 Sie beamen sich von Ort zu Ort
Bewegen sich wie Engel fort
Die Zeit, man sagt sie gibt's dort nicht
Doch jeder hat sie, ohne Pflicht 
 
In größter Harmonie sind wir vereint
Ob Mensch ob Tier, und keiner weint
Alle Wesen dieser Erde
sehnen sich dass dies bald werde
 
 
 
 


Donnerstag, 16. Oktober 2025

Meine Eltern Elvira und Werner

Es ist an der Zeit, ein bisschen etwas über meine wundervollen Eltern zu erzählen, die ich sehr liebe und auch bewundere. Nicht nur, weil sie mich gut erzogen haben (😊), sondern, weil sie ein sehr bewegtes Leben hatten schon bevor sie sich gefunden hatten. Meine Mama und mein Papa trennt ein Tag voneinander, und das ist gut so, denn Mama hätte keinen Partner akzeptiert, der jünger ist als sie... 😁

Wir mussten / durften nur zweimal im Jahr Geburtstag feiern, und das meist ohne große Party und Tamtam. Später waren die beiden oft im Urlaub, um in aller Stille zu feiern. 

 

Wanderung im April 2023

Kennengelernt haben sie sich als Kinder, doch wirklich gefunkt hat es dann an ihrem 18. Geburtstag, der von gemeinsamen Freunden ausgerichtet wurde. Ein bisschen klingt ihre Verbindung wie im Märchen, auch wenn sie gewiss wie alle Beziehungen neben den Höhen auch ihre Tiefen hatte. Ihre erste gemeinsame Wohnung hatten sie in Rosenheim, wo Papa am Holztechnikum studiert hat. Seitdem zog es sie immer wieder nach Oberbayern. Schade, dass sie nicht dort geblieben sind, denn auch wir Kinder lieben bayerisches Flair und die Berge. 

Meine Mama war das älteste von vier Kindern und musste auf die jüngeren Brüder aufpassen. In den 1960er Jahren zog sie in den Ort, in dem Papa wohnte. Laut eigenen Angaben war sie ein schüchternes, aber umschwärmtes Mädchen (was ich verstehen kann!), das Selbstbewusstsein erst lernen musste. Irgendwann als junge Erwachsene sagte sie sich, dass sie sich ändern möchte. Nicht mehr zu allem schweigen, peinlich berührt sein, schüchtern, brav und angepasst. 

Sie hat erneut zu Jesus gefunden, den sie bereits als Vierjährige in der Sonntagsschule als ihren Heiland angenommen hat. Ihr neu entfachter Glaube hat sie auf den Weg gebracht, sich für Menschen zu interessieren, ihre Geschichten anzuhören und sich mit Naturheilkunde und gesunder Ernährung zu befassen, was der Familie und auch anderen zugute kam. Ihr profundes Wissen auf diesem Gebiet fehlt mir unheimlich. Seit sie nicht mehr da ist, bin ich stressbedingt leider wieder häufiger krank, gerade in der kalten Jahreszeit. Glücklicherweise hat sie uns einiges mitgegeben, doch die Intuition, die Mama hatte, wenn es darum ging, Hausmittel anzuwenden, geht mir abhanden. 

 

Mama mit ihrem kleinen Ich (Gemini)

 

Angeeckt ist sie hin und wieder mit ihrer "radikalen" Einstellung zu Jesus und zum Glauben, und auch ihre Meinung zu anderen Dingen war nicht unbedingt populär, aber oft progressiv wie das Thema Ernährung, das sie schon in den frühen 1980er Jahren fasziniert und praktisch umgesetzt hat. Sie hat sich nie beirren lassen und vielen Menschen von Gott erzählt. Allein deswegen hat sie bestimmt einen besonderen Platz im Himmel und den schönsten Garten, mit Bergen und einem See, in dem sie baden und schwimmen kann. Da war sie unerschrocken. Egal, wie kalt das Wasser war, sie sprang hinein. Das gilt nicht nur im buchstäblichen Sinn. Mutig hat sie jedes Problem ("jede Herausforderung", sagt sie) angepackt und nach Lösungen gesucht. Sie war ein bisschen unser "Aushängeschild", das gern mit Menschen zusammen war, kommunikativ, kreativ und gern in Gesellschaft. In der elterlichen Wohnung blieben die Gäste manchmal jahrelang, weil sie sich so wohlfühlten, und weil Mama ihnen das Gefühl gab, daheim zu sein. Für uns Kinder war das nicht immer einfach, aber wir konnten uns später in unsere eigene Wohnung zurückziehen. Ich vermisse die Zeit sehr, in der immer Leben in der Bude war. Unser Haus - der ehemalige Laden - sei still geworden, sagen uns Freunde. Und sie haben recht. Wir versuchen, klarzukommen, doch es fällt uns schwer ohne Mama. Immer noch. Sie war es auch, die den Rest der Familie für den Glauben gewinnen konnte. Dafür sind wir ihr unendlich dankbar, auch wenn es in Anbetracht der letzten zwei Jahren schwierig war, das Vertrauen in Gott zu behalten. Aber wir werden uns wiedersehen und belohnt werden, das steht außer Zweifel.

 

Papa und der kleine Prinz (Gemini)

 

Papa und wir Kinder sind uns in den zwei Jahren näher gekommen. Das war eine Erfahrung, die uns trotz allem Schmerz und tiefer Trauer gutgetan und Trost gegeben hat. Er ist dankbar, dass wir uns um den Haushalt kümmern, denn als "kleiner Prinz", der er von Kindesbeinen an war, sind Männersachen für ihn besser zu bewältigen als Kochen, Putzen und Wäschewaschen. Als Schreiner war er nicht nur zeitlebens unser Handyman, wenn etwas kaputtging, sondern ist verantwortlich für Finanzen und Geschäftliches. Das ist bis heute so, obwohl wir wissen, dass wir uns auch mal damit beschäftigen sollten. Wenn Papa ein Hobby hat, das er nicht mit Mama teilt(e) wie Wandern, ist das sicher seine Vorliebe für Autos im Allgemeinen und BMW im Besonderen. 

Als Mama in den 1970ern einen Bastelladen eröffnete, stieg Papa nach seinem Beruf als Monteur und Vertreter einer Sägewerksfirma mit ein und erweiterte die Modellbau-Abteilung, um dort kompetent beraten zu können, wenn es um ferngesteuerte Schiffe, Segelflugzeuge und Benziner ging. Noch heute erinnert man sich an ihn am Ort liebevoll als den "Herrn Bastelwirth". Die Autos, die er fuhr, darunter vor allem Dienst- und Leasingwagen, kann er nach Jahr und Urlaub einordnen. Wenn wir eine Anekdote erzählen oder ihm ein Foto zeigen, heißt es meist: "Da hatten wir den gelben Mercedes, dann muss das in Anzère gewesen sein." Darüber haben wir uns immer köstlich amüsiert.

 

Im Schwarzwald, Mitte der 1960er.

 

Man hat so seine Familiengeschichten. Ich merke, dass ich mich häufig in diese Nostalgie hineinflüchte, seit Mama fort ist. Wir hatten so viele schöne Jahre zusammen, dass es wie ein Schock kam, wie abrupt sie endeten. Meine Dankbarkeit für die gemeinsame Zeit ist manchmal nahe daran, zu kippen, weil ich finde, dass es doch recht früh war. Vor allem, wenn ich bedenke, wie gern Mama 120 Jahre alt werden wollte. Es tut weh, daran zu denken. Ich hoffe, dass wir Papa noch lange haben und wir so weit es geht glücklich sein können. 

Anmerkung: Die Fotos von den Eltern als Erwachsene mit ihren kindlichen Ichs sind unter Verwendung von Familienaufnahmen und Gemini entstanden (ich bin KI gegenüber nach wie vor skeptisch, aber fasziniert von den Möglichkeiten, die sie bietet). 

 

 

Donnerstag, 18. September 2025

Die flotte Lotte

Ich denke gern an Lotte. Lotte war (oder ist?) ein Quarter-Haflingermix, auf dem ich in meinen Versuchen, das Reiten wieder ernsthaft anzufangen, mein Training absolviert habe. Sie wohnte in einem Ort ca. 15 km entfernt von mir, aber der Weg hat sich gelohnt. Meine Reitlehrerin / Lottes Besitzerin war sehr nett, und wir haben uns über alles Mögliche unterhalten, das nicht nur mit dem Reiten zu tun hatte. Sie hatte zwei Pferde, nämlich Lotte, und Caruso, ein brauner, riesiger Hannoveraner. Gemeinsam sind wir bei fast jeder Witterung durch die nahen Weinberge geritten. Nur wenn es sehr kalt war oder regnete, blieben wir in der Halle nahe des Stalls. Eine schöne Zeit war das. Aber auch lehrreich. Denn obwohl Lotte und ich laut meiner Reitlehrerin ein gutes Paar abgaben und ich sie auch wirklich mochte, habe ich nach drei Jahren festgestellt, dass ich keine Reiternatur bzw. kein Pferdemensch bin. 

So sehr ich Pferde liebe, so bin ich doch im Umgang mit ihnen nicht energisch genug und manchmal auch ungeduldig. Das hat mir Lotte vor allem am Boden gern gezeigt. Da war sie eine gute Lehrerin. Hier erfährt man, warum und wie:

 
 
 
Lotte und ich,
Das war eine Klasse für sich
Ging es um das von der Koppel holen
Blieb ich ihr oft gern gestohlen
 
Nicht einmal die Möhre konnt' sie locken
Eh' sie sich widerwillig ließ anpflocken
Bis die Trense war an Ort und Stelle
Schwitzte ich schon in der Pelle
 
Das Satteln gleich 'nem Kräftemessen
Hatte sie zu viel gegessen?
Nein, sie blähte ihren Bauch
Weil sie lieber knabberte am Strauch
 
Doch saß ich dann auf ihrem Rücken
Schnaubte sie voller Entzücken
Das war für mich das größte Glück
Ich lernte von ihr Stück für Stück
 
Lotte hat mir stets gezeigt
Dass man sich besser nicht versteigt
Zu glauben, Pferde seien unterlegen
Lotte war für mich ein Segen.
 
 

 
Text und Bilder: Christine Wirth
 

Montag, 12. Mai 2025

Danke!

Mein Blog als Tagebuch hat seit Mamas Heimgang einen etwas traurigen Tenor angenommen. Das tut mir leid, nicht zuletzt für mich selbst. Ich bin eigentlich ein fröhlicher und kreativer Mensch, dem es Freude macht, etwas zu erschaffen, woran andere ebenfalls Freude haben. Sei das ein Buch, eine Anekdote oder eine Unterhaltung, die für alle angenehm und inspirierend verläuft. Von Mama habe ich eine positive Einstellung zum Leben mitbekommen, die jetzt auf eine harte Probe gestellt wird.



  

Umso erstaunter und auch dankbar bin ich, wenn ich in der letzten Zeit meine Statistiken betrachte. An manchen Tagen hat mein Blog fast 200 Besucher. Häufig gelesen werden dabei die Berichte über Mama, und wie wir ohne sie zurechtkommen müssen. Vielleicht gibt es mehr Menschen in einer ähnlichen Situation, als ich es mir denken kann. Kommentare werden selten abgegeben - die meisten hat ohnehin mein Mamele verfasst, wenn ihr ein Artikel besonders gut gefiel. Später anonym, damit es nicht so auffiel. Goldig. 💖 Es hat mir nichts ausgemacht, im Gegenteil. 

Auch wenn ich nicht viel von meinen anderen Lesern und Leserinnen höre, so möchte ich mich von Herzen bedanken für euer Interesse an meinem Blog! Es ist nicht mehr so einfach, Themen zu finden, und da ich weniger lese, schreibe ich auch weniger Rezensionen. 

Vor kurzem sahen wir uns alte Tatort-Folgen mit Hansjörg Felmy als Kommissar Haferkamp an - das wäre vielleicht einen Artikel wert. Ich mochte seine Ex Ingrid, gespielt von Karin Eickelbaum. Bis auf eine oder zwei Folgen fanden wir sie durchweg spannend, obwohl die Verbrechen eher im kleinen Stil begangen wurden. Originell war auch der Einfall, die gewitzte Ex häufig als Sidekick einzusetzen, wenn der Kommissar auf konventionelle Weise nicht weiterkam. Und dass die beiden sich nach ihrer Scheidung besser verstanden als vorher. Sie hat mich ein bisschen an Mama erinnert. Es gibt zwanzig Felmy-Folgen, was für damalige Tatort-Kommissare viel war, die in den 1970ern noch öfter wechselten als später. Trotz seiner anfänglich biederen Art wurde uns Haferkamp sehr sympathisch. Meinetwegen hätten es mehr sein dürfen.

 

Bild: TV Spielfilm

 

Ansonsten hangeln wir uns von einem Tag zum nächsten. Manchmal unternehmen wir Tagestouren, das sind meine Highlights der Woche. Nicht zu vergleichen mit unseren Wanderungen, doch zur Stärkung packe ich dann auch hin und wieder so was wie ein Picknick zusammen, das wir dann auf einer Bank verzehren, wenn wir ein bisschen ausruhen müssen. Ende April sind wir nach Ludwigsburg zum "Blühenden Barock" gefahren. Das war wirklich schön, denn wir hatten auch ein Superwetter mit fast 30°. Da war das Spazierengehen fast anstrengend. Ein Karussell für Erwachsene gab es im Schlosspark, das aus dem 18. Jahrhundert rekonstruiert wurde, mit Kutschgondeln und lebensgroßen Pferden. Ich bin kaum hochgekommen, obwohl es eine Trittleiter gab. Dass man den Steigbügel benutzen konnte wie bei richtigen Pferden, daran habe ich nicht gedacht. Ich war froh, als ich oben saß, und noch froher, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Ein Erlebnis der besonderen Art. In früheren Zeiten haben sich auf diese Pferde tatsächlich die vornehmen Herren gesetzt, während unter der Plattform Strafgefangene das Karussell angekurbelt haben.

 


Dieses Foto hat der freundliche Herr an der Kasse für mich gemacht. Mein Lächeln fällt etwas verkrampft aus, und als ehemalige Reiterin hätte ich mich gern lässiger positioniert. Aber es war echt nicht so leicht, einen ausbalancierten Sitz zu erwischen.

Danke fürs Lesen und für eure Treue. Abonnenten habe ich nicht, auch keine Follower, aber dennoch freut es mich sehr, nicht ins Leere zu schreiben.





Samstag, 26. April 2025

Immer noch traurig...

Manchmal denke ich, ich bin nicht normal. Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht den Tränen nah bin, weil mir etwas mit Mama einfällt. Eine gute Erinnerung, die Wanderungen, ihre liebevolle Art, ihr Humor und ihr verschmitztes Lachen.
 
 
Wir imitieren Orgelpfeifen


 Alles, was mit ihr zu tun hat, macht mich traurig. Und dabei weiß ich, dass ihr das so gar nicht gefällt. Anfangs, ja, da trauert man. Aber dass es so lange anhält und womöglich nie vergeht, macht mir zu schaffen. Ich habe heute im Radio eine Frau gehört, die nach langer Ehe vor acht Monaten ihren Mann verloren hat. Sie erzählte es der Psychologin am anderen Ende der Leitung und brach plötzlich in Tränen aus - und ich mit ihr. Das war mir irgendwie peinlich, aber ich konnte sie so gut verstehen. Vorher war sie eine lebensbejahende, fröhliche Frau gewesen, sagte sie, und nun sei alles weg. Ich weiß nicht mehr, was die Psychologin geraten hat außer die Trauer zuzulassen und mit Bekannten zu reden, die sich anbieten. Wahrscheinlich meinte sie, dass der Schmerz irgendwann nachlässt, denn es sei ja erst vor kurzem geschehen im Vergleich zu der Dauer ihrer Ehe. Ich wünsche mir auch, dass er nachlässt, der Schmerz, ohne dass Mama zur Erinnerung verblasst (das kann eh nie passieren).

Hin und wieder überlege ich, Trauerportalen beizutreten oder einer entsprechenden Gruppe auf Facebook. Aber dort wird das Trauern nahezu zelebriert, und ich fürchte, dass mir das nicht hilft. Es ist sicher richtig, dass das Leben ohne den geliebten Menschen sich massiv verändert, und das nicht zum Guten. Dennoch hoffe ich, dass wir noch eine relativ gute irdische Zeit haben werden. Vielleicht bricht die Traurigkeit bei manchen Gelegenheiten wieder durch, aber das wäre besser, als ständig den Schmerz des Abschieds mit sich herumzutragen und beim nächstbesten Anlass loszuweinen. 

 

Mama auf Kur mit Kurschatten, 1970er

 

Ich denke auch, dass es schwierig ist, Trauer zu verstehen, wenn man kein besonders gutes Verhältnis zu den Eltern hat, was bei vielen meiner Bekannten der Fall ist. Manche haben / hatten sogar lange keinen Kontakt mehr zu Mutter und Vater. Daher mag ich auch gar nicht mehr darüber reden. Die Antwort auf meine Trauer ist fast immer die gleiche. "Ihr wart halt als Familie so eng beisammen." Das trifft auf die Jahre 2020 - 23 zu, und ich bin froh, dass es so war. Unsere Wanderungen sind so wertvoll gewesen, weil wir uns während der Corona-Zeit etwas geschaffen hatten, das uns im Elend der weltpolitischen und inneren Spaltung zusammengeschweißt hat. 

Mir fällt oft ein, wie abwechslungsreich Mamas Leben hier war. Wie viel sie gemacht, um wie viel sie sich gekümmert hat. Stillstand gab es bei ihr nie. Manchmal hätte sie sich vielleicht mehr Freizeit gewünscht, mehr Zeit mit ihrem Schatz und fürs Reisen, aber sie hat alles in Liebe getan. Wenn es ihr nicht leichtfiel, hat sie sich ermahnt, und ich weiß, ihre Hingabe und Liebe zu den Dingen, die sie anpackte, war immer authentisch. Nur mit dem Computer - da tat sie sich wirklich schwer. Aber es spricht für sie und ihre Neugier, dass sie es versucht hat. 

 

Mamas türkisfarbener Pullover


Da sie auch gern gehäkelt, gestrickt und genäht hat, wollte ich das auch wieder aufnehmen, habe es aber noch nicht geschafft. Der Gedanke, ich käme nicht weiter mit einem Schnittmuster und müsste im Internet nachschauen statt Mama zu fragen, die mir alles geduldig erklärt und gezeigt hat, ist immer noch schmerzlich. Der Pullover, den ich auf dem Foto trage, ist ihrer. Ich habe ihn aufgehoben als eine der wenigen Sachen, die noch im Haus sind von ihr. Es klingt vielleicht hart oder wehleidig, aber wir wollten alle nicht von persönlichen Habseligkeiten abhängig sein. Es gibt eine von Nicole zusammengestellte Familiengalerie im Eingangsbereich (überwiegend Fotos vom Wandern), und auch handschriftliche Aufzeichnungen (ihre schöne Schrift, die ich stets bewundert habe, bringt mich zum Weinen), Klamotten und Schuhe - ein paar wenige, die man nicht weitergeben kann. Mama nimmt uns das nicht übel, das weiß ich. Ich habe sie mehr im Herzen und weiß sie bei Gott als dass ich mich an etwas klammere, das ihr gehört hat hier auf Erden. Eine Freundin, der wir eine Patchworktischdecke von Mama geschenkt haben, sagt immer, wenn wir dort sind: "Und guckt, die Elvi ist auch wieder dabei." Obwohl auch sie weiß, wo Mama in Wirklichkeit ist, tröstet mich dieser flapsige Spruch jedes Mal. 

 


Es ist merkwürdig, dass jeder Mensch etwas hinterlassen will, wenn er geht. Auch Mama hat das gesagt, irgendwann mal, als es ihr nicht mehr so gut ging, selbst da sie es sicher besser wusste. Aber immerhin hat sie so viel bewegt hier, vieles ausprobiert und auch vielen Leuten in Gesundheitsangelegenheiten geholfen. Und das Allerwichtigste ist glaube ich, dass man seine Persönlichkeit entwickelt und sich und andere auf die Ewigkeit vorbereitet, ohne das Leben hier zu vernachlässigen. In der Ewigkeit geht der Spaß dann erst richtig los. Und das ist meine volle Überzeugung. Ohne Scheiß. Wenn ich bis dahin traurig sein muss, dann sei es so. Aber es wäre strenggenommen ein Rückschritt. 

Auf dem Autorenportal "Pagewizz" habe ich nach Joschis Heimgang vor dreizehn Jahren einen Artikel über Trauerbewältigung geschrieben - und muss heute erkennen, dass es doch ein Unterschied ist, wenn Mensch oder Tier unwiderbringlich nicht mehr da sind. Allerdings habe ich um Joschi viele Jahre getrauert, wenn auch nicht so schmerzerfüllt und ständig wie um Mama. 





 

 

Dienstag, 15. April 2025

Witzgedichte

Ein schlummerndes Talent habe ich vor kurzem in mir entdeckt. Ich kann dichten! Manchmal etwas holprig, aber ich finde das nicht schlimm, macht der Stil doch deutlich, dass ich frei von KI meine geistigen Ergüsse niedertippe. Und das erstaunlicherweise innerhalb weniger Minuten am Smartphone. Ich teile sie dann in meinem FB-Account, finde aber, dass ein paar es durchaus wert sind, auch im Blog Beachtung zu finden. Einige meiner Gedichte erzielen immerhin weit über hundert Likes. Das beliebteste bisher ist 

 

Die Reise ins Ich 

Wenn ich nun die Augen schließe
Und mich sanft verführen ließe
Von meinen Gedanken
Ohne Schranken
Wo würde ich landen?

 



 

In meinem Kopf, Herz oder Bauch
Vielleicht in manchen Abgründen auch
Die mir bisher fremd gewesen
Weil man sie nur hielt für Thesen
Oder wollte sie nicht lösen

Es gibt sie versteckt in mir
Und ganz sicher auch in dir
Doch ist da jemand, dem sie nicht verborgen
Der uns kennt und unseren Morgen
Wozu also sich sorgen?

Was mich bringt zu dem Schluss
Ohne Bedauern, Enttäuschung und Verdruss
Die Reise ins Ich
Ist philosophisch interessant
Aber für mich nicht relevant

 

Was mich beim Dichten selbst überrascht, ist der oft unbeabsichtigt tiefere Sinn. Aber meine Favoriten sind die echt albernen, z. B. das über meinen Teddybär, der sich in einen Präriehund verwandelt. Auch dieses Gedicht könnte beim Lesen zwischen den Zeilen einen ernsten Hintergrund enthalten. Wie passt man sich an fremde Sitten und Kulturen an? Meinem Teddy ist das im Gedicht besser gelungen als mir. 

Hier kommt es: 

 

In der Prärie

War ich noch nie
Drum hab ich meinen Bär genommen
Um nicht zu reisen so beklommen
Ganz allein so weit
Ging über meine Möglichkeit

Die Lage wurd' alsbald prekär
Er hielt sich für 'nen Präriebär
Nun habe ich ihn schon recht lang
Mir wurde um ihn etwas bang
Wie willst du denn hier überleben
Bei der Hitze, und das Land so eben!

Da hinten seh ich Berge
Es leben dort nach Tolkien Zwerge
Die haben Schätze ohne Ende
Was kümmert mich das flach' Gelände?
Gastfreundlich sind sie zwar nicht
Doch ich mach' ein Knuddelbärgesicht 

 



 

Du kommst jetzt mit, sag' ich sehr streng
Da macht es auf einmal Peng!
Der Bär, einst nett und rund
Verwandelt sich zum Präriehund
Ich heule jetzt mit den Kojoten
Sprach er und schüttelt in einer Drohgebärd' die Pfoten

Geschwind eilt er über die Weite
Bevor ich weiter mit ihm streite
Jetzt wart' ich einsam und verlassen
Am Lagerfeuer, um die Meute abzupassen
Zu deren Anführer man ihn erkoren
So hab ich meinen Bär verloren

Mit Marshmellows will ich ihn fangen
Die locken auch herbei die Schlangen
Hilfe, ruf' ich wie von Sinnen
Da kommen mein Bär und die Meute von hinnen
Was folgt, ist das Präriegesetze
Das man besser nicht verletze

Nach dieser unschönen Geschicht'
Erkennt mein Bär die notwendige Pflicht
Seinen Menschen zu bewahren
Vor weiteren Wildwest-Gefahren
Lass uns heimkehr'n, sagt er dominant
Die Prärie ist nicht dein Land



Weitere Gedichte werde ich hier nach und nach einstellen. Irgendwann starte ich dann eine Karriere als Poetin. 

 

Samstag, 15. März 2025

Trauer, wie lange?

Es fällt mir unglaublich schwer, mich an die Situation ohne Mama zu gewöhnen. Nie hätte ich mir vorstellen können, dass es das irgendwann einmal gibt, und wenn, dann erst, wenn beide Eltern weit über Neunzig sind und ich dann auch nicht mehr taufrisch und bereit für die Ewigkeit. Mama selbst wollte gut über Hundert werden. 

Eigentlich war mein Wunsch immer, dass wir alle mitsamt unseren Katzen von einem goldenen Wagen abgeholt werden würden wie einst der Prophet Elias in der Bibel. Das habe ich auch Mama erzählt, als es ihr schon nicht mehr so gut ging. Sie hat nicht gelacht. Es hat sie getröstet. Und wie gern hätte ich gehabt, dass dieser Wunsch in Erfüllung geht! Dass es nicht nach des Menschen Willen geht, sondern Gottes, das weiß ich nun. Selbst wenn dieser Wunsch niemandem schadet und man darum bittet.

 



Bald kommt der Frühling wieder, und ich empfinde keine Freude darüber. Mein Alltag, der früher eher unabhängig war, hat sich gewandelt. Und ich weine öfter. Immer noch. Manchmal wegen Kleinigkeiten. Dinge, die mich an Mama erinnern und an die ich mit Wehmut denke. Lieder, die sie gern gehört hat. Ihre schönen Hände, ihre gepflegten, unlackierten Fingernägel mit den hellen Halbmonden. Das Streicheln, wenn sie manchmal meine Hand nahm. Früher mochte ich das nicht immer; jetzt sehne ich mich danach. Nach ihrer jugendlich klingenden Stimme, in der oft ein Lachen mitschwang. Und nach ihrem unerschütterlichen Humor, der auch in schwierigen Zeiten da war und uns andere ermutigt hat. 

Aber nicht nur die Erinnerung bringt mich zum Weinen, sondern auch die Welt an sich, die mir jetzt unsicherer und unfreundlicher vorkommt ohne sie. Mitunter glaube ich sogar, dass Gott sie uns nahm, damit sie die Zwistigkeiten hier nicht mehr erleben muss, die ihr als sensibler Mensch zweifelsohne zugesetzt hätten. Zum Beispiel das Massaker am 7. Oktober 2023 in dem israelischen Kibbuz oder der jetzt salonfähige Antiamerikanismus wegen eines tatkräftigen Präsidenten, der immerhin Bewegung in viele Angelegenheiten bringt, die längst angepackt gehören. Aber wir hätten ja uns gehabt, um damit gemeinsam fertigzuwerden.

Viele meinen, es sei für mich besonders schwer, weil ich Mamas "Sorgenkind" gewesen sei. Das stimmt nicht. Es ist für uns alle schwer. Immer noch gehe ich nicht auf den Friedhof. Es kommt mir nicht richtig vor, richtig surreal, und ich bin froh, dass Nicole sich um die Bepflanzung dort kümmert, obwohl auch ihr der Gang nicht leichtfällt. Mama ist nicht mehr dort, das wissen wir alle. 

Sie lebt jetzt bei Jesus. Und ich bin sicher, wir sehen sie wieder. Doch bis dahin fehlt mir erst mal die Freude am Leben. Sie kommt auch nach nun anderthalb Jahren nicht wieder, was mich bedenklich stimmt und doch nicht wundert. Der Verlust von Mama verändert mich, macht mich ernster und nachdenklicher, vielleicht auch trauriger im Allgemeinen. Und manchmal fast depressiv, wogegen ich mich aber wehre, auch wenn es Tage gibt, an denen mir alles sinnlos erscheint. Ich möchte sie gern wieder umarmen, ihren heimeligen Duft einatmen und von ihr hören, dass alles gut ist. Kind sein. Das konnte ich bei Mama. Nirgends sonst. Um so vieles muss man sich kümmern, regelmäßig kochen, viel mehr putzen, der Job im Rolloshop, der wohl bald nicht mehr in der Form ausgeführt werden wird wie in den letzten Jahren, da sich vieles in der Firma verändert. Ich hoffe, dass er mir auf die eine oder andere Weise trotzdem erhalten bleibt, denn er bietet ein bisschen Ablenkung und beschäftigt mich.

 


Gern würde ich schreiben, dass ich mit schönen Gefühlen und in Liebe an Mama denke. Dass ich das Leben trotz des Verlustes noch genießen kann. Zumindest Ersteres trifft zu. Ich bin dankbar dafür, dass sie mich so lange begleitet hat. Ich wollte keine andere Mama haben. Es gibt keine Situation, von der ich sagen müsste, dass ich als Kind darunter gelitten oder sie sich falsch verhalten hätte. Und das ist etwas ganz Seltenes innerhalb von Familien. Im Gegenteil, sie hat uns immer unterstützt, wenn wir nach Hilfe fragten, uns aber auch zur Eigenständigkeit erzogen. Und später waren wir mehr Freundinnen als Mutter und Töchter. 

Ich bereue ein wenig, dass ich sie generell selten in die Arme genommen habe. Oder dass ich sie nicht mehr gesehen habe am letzten Tag im Krankenhaus. Vielleicht hätte ich doch wenigstens noch einmal Adieu sagen sollen, später. Doch ich konnte nicht. Ich möchte sie lebendig in Erinnerung behalten, mit ihrem herzlichen Lachen und ihrer Warmherzigkeit. Das versteht sie bestimmt. Aber es macht mich traurig, wie alles gelaufen ist. Auch wenn sie jetzt im Himmel ist und sich freut an Dingen, die sie hier nie zur Vollkommenheit erlebt hat; davon bin ich überzeugt. Möchte es sein, denn einen anderen Weg, sie wiederzusehen, gibt es nicht. Ich weiß, dass viele mich auslachen für diese Überzeugung. Genauso sicher weiß ich aber, dass sie wahr ist. Das gibt mir Hoffnung und Trost. Auch für Nicole und Papa. 



Freitag, 7. März 2025

Anderthalb Jahre nach Mama...

"Wie geht es euch eigentlich so ohne Elvira?" Das werden wir merkwürdigerweise nicht oft gefragt. Vielleicht weil man ahnt, dass es immer noch weh tut. Dass es vermutlich nie aufhören wird und wir sie vermissen. Jeden Tag. 

 

Happy Times im Sommer 2021

Es wird besser nach einem Jahr, hat man uns gesagt. Ich weiß nicht, ob das die Regel ist oder davon abhängt, wie eng und herzlich das Familienleben war. Unseres war gerade in den letzten Jahren durch die gemeinsamen Wanderungen und Corona sehr aufeinander abgestimmt. Das hatten wir schon während unserer "Bastel-Wirth"- Zeit perfektioniert, wenn dort auch eher auf beruflicher Basis. Doch auch in persönlichen Angelegenheiten konnten wir uns aufeinander verlassen und haben uns ergänzt. Dass es für Freunde und Bekannte schwer ist, darüber zu reden, ist darum verständlich. Es fehlt der kommunikative Teil, der Mittelpunkt, der Mama nun einmal war. Sie hat viel bewirkt durch ihre offene Art und dafür gesorgt, dass häufig Gäste im Haus waren, wenn auch in jüngster Zeit nicht mehr so sehr. Aber wie leer das Haus nun ohne sie geworden ist, schmerzt schon. Allerdings möchte ich nicht jammern, denn auch wir drei pflegen nun für unsere Verhältnisse intensiv Kontakte und gehen mehr raus, wenngleich wir dazu oft über unsere Schatten springen müssen (ach ja, der alte innere Schweinehund...).

 

Unterwegs im Herbst 2024

 

Aber es ist schön, Freunde zu haben. Menschen, die sich nach uns erkundigen und zum Kaffee kommen oder einfach mal anrufen. Papa hat über Facebook durch mein Buch "Shalom Mamele" eine nette Frau kennengelernt (nur freundschaftlich, versteht sich), und es tut ihm gut, mit ihr zu telefonieren - beinahe täglich. Da hat er Nicole und mich ziemlich überrascht. Aber es ist auch wichtig, sich mit jemandem im gleichen Alter auszutauschen. Nachdem es ihm körperlich in den letzten Monaten nicht gut ging, hat er nun mit einem Physioprogramm begonnen, das er diszipliniert durchzieht. Mittlerweile absolviert er sogar ein Workout an digital abgestimmten Geräten. Zweimal in der Woche geht er hin, was uns sehr stolz macht. Er merkt auch die Fortschritte und sagt, dass es ihm gut tut. Auf Anraten seiner Therapeutin zog sogar ein Hometrainer bei uns ein, auf den auch Nicole und ich uns gelegentlich schwingen. Durch das tägliche Kochen sind ein paar Pfunde zu viel auf den weiblichen Hüften, die wieder runter müssen. Papa dagegen sollte wieder etwas zunehmen. Aber ich glaube, da ist er auf einem guten Weg. Manchmal kommt er mir am stärksten von uns dreien vor, obwohl ich glaube, dass es - wie bei uns Töchtern - von Tag zu Tag wechselt. Heute war er beim Friseur. Auch das sind Kleinigkeiten, aber Schritte, für die wir dankbar sind. 

Nicole ist ebenfalls sehr tapfer. Sie sagt, Mama will nicht, dass wir in Trauer versinken und das Leben für uns nun keine Perspektive mehr bietet. Leider kommt es mir oft so vor. An die neue Situation wird sich wohl niemand von uns gewöhnen, aber man muss versuchen, damit zu leben und auch wieder Freude zuzulassen. Wenn es auch kleine Dinge sind.

 


 

Eines davon ist Roman, Mamas Römertopf. Ich würde am liebsten jeden Tag damit kochen, doch es ist recht zeitaufwendig, da er lange im Ofen stehen muss. Ich habe mich bereits an Kirschenplotzer rangewagt, von dem ich nicht wusste, dass es ihn auch als Auflauf gibt. Er hat allen geschmeckt, auch unserem Besuch. 

Schwierig für uns alle ist immer noch die Frage, warum und wie Mama gehen musste. Ich sagte gestern zu Nicole, dass es ihr so ungemäß war, sich nicht von uns zu verabschieden, kein Wort (oder nur wenige) mehr in den Wochen auf der hiesigen Intensivstation mit uns zu wechseln. Das ist mir immer noch rätselhaft. Ich merke dann, dass ich es nicht verarbeiten kann, den Schmerz und das Gefühl des Versagens, weil wir Mama ins Krankenhaus gebracht haben. Hätte Gott - wenn er sie nicht heilt - dann nicht wenigstens dafür sorgen können, dass sie dort nicht so würdelos behandelt wurde? Aus menschlicher Sicht wird es lange brauchen, bis ich damit klarkomme. Und ich hoffe, dass dieser Zeitpunkt nicht allzu fern ist. Oft tröste ich mich damit, dass sie das alles nicht mehr interessiert und sie jetzt ein Leben hat, von dem sie hier auf der Erde nur träumen konnte, obwohl sie so gern hier war. Doch das ändert leider nicht die Tatsache, dass ich mich mit unnötigen Fragen quäle. Nicht mehr so häufig wie zu Beginn, aber doch immer wieder. Und dann immer wieder in Tränen ausbreche. Wofür ich mich schäme. Denn ich weiß, Mama ist dann traurig. Zumindest würde sie es gern anders sehen. Ich glaube auch, dass sie sich über jedes echte Lachen von uns freut. Oder über Papas Tatkraft. Die Wohnung, die Nicole so schön gestaltet und putzt.

 

Mamas Segenswunsch für 2005

Eigentlich darf ich das gar nicht denken geschweige denn schreiben, aber ich sehne mich danach, in einer Welt zu sein, in der es Liebe und Frieden im Überfluss gibt. Da, wo Mama jetzt ist. Es ist merkwürdig, dass andere auf solche Eröffnungen oft ärgerlich bis geschockt reagieren. Ich finde, es ist ok, sich mit dem Ewigen Leben zu befassen. Wenn man es selten bis nie tut, wird man so kalt überrascht wie wir vor anderthalb Jahren. Aber wer sich vorbereitet auf ein sorgenfreies und glückliches Dasein mit Gott in der Ewigkeit - ohne es herbeizuführen, natürlich - der hat doch einen Halt, wenn alles um einen herum aus den Fugen ist.