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Donnerstag, 10. September 2026

Nostalgie. Oder warum ich gern in die Vergangenheit schaue...

 Ja, es ist mir ein bisschen peinlich: ich bin Nostalgikerin. Besonders seit drei Jahren. Seit ich Mama verlor und somit keine Kindheit mehr habe. Denn vorher, da durfte ich hin und wieder Kind sein, selbst als Erwachsene. Mit Mama reden, sich eine Tasse Kaffee bringen lassen, um Rat fragen... das war für mich Kindheit. Leider gibt es sie nicht mehr, und das ist ein weitaus größerer Schmerz als es sich viele vorstellen können, die in der glücklichen Lage sind, beide Eltern noch zu haben. Ich bin froh, dass ich noch Papa habe. Aber es ist doch anders, wenn die Mama fehlt. Besonders, so glaube ich, für Töchter, die eine so gute Beziehung zu ihr hatten wie meine Schwester und ich.

 

Der erste Schultag mit selbstgemachter Zuckertüte
 

Auch wenn ich generell eher nostalgisch bin und frühere Zeiten evtl. verkläre (das will ich gar nicht abstreiten), so hat sich dieses Gefühl in den letzten drei Jahren verstärkt. Ich denke, ich bin genug Realist, um dennoch nach vorn zu schauen, aber irgendwie hilft es mir, in "der guten alten Zeit" zu schwelgen. Zugegeben, es macht mich oft auch traurig. Wir sind nicht mehr komplett ohne Mama, und die Zeit mit ihr war so wertvoll. Schade, dass man das dann doch erst im Nachhinein realisiert. Wobei ich immer dankbar war für meine Eltern. Und wenn ich zurückblicke, bin ich oft erstaunt über unser abwechslungsreiches und auch aufregendes Leben. Erst mal glaubt man, nicht viel erreicht zu haben, bis man genauer darüber nachdenkt, und einzelne Episoden sich als ungewöhnlicher herausstellen als man bisher dachte.

 

Auf Borkum

 

Vieles berichte ich in meinem Buch "Shalom Mamele". Hätte ich mir dazu mehr Zeit gelassen, wären mir bestimmt noch viele weitere Geschichten eingefallen. Einige Freunde und Bekannte regten nach der Lektüre dazu an, meine eigene Biografie zu schreiben. Ich glaube aber, dass es über mich nicht allzu viel mehr zu sagen gibt als im Buch. 

In der letzten Zeit blättere ich gern in alten Fotoalben, stöbere durch lose Fotos in Kisten und entdecke dabei so manche Schätze. Auch die Alben von Opa, die er uns ausdrücklich vererbt hat, habe ich gesichtet. Da bin ich besonders beeindruckt. Eigentlich ist sein ganzes langes Leben in diesen Alben dokumentiert. Er hat gern fotografiert, ist viel gereist und war selbst keineswegs kamerascheu, sondern konnte sich gut in Szene setzen. Und dabei hat er selbstsicher gelächelt, die Hände in die Hüften gestemmt und ein Knie fotogen und sportsmännisch angewinkelt. Wenn wir unbewusst posiert haben wie er (Mama, meine Schwester und ich), mussten wir oft verlegen lachen über das vorherrschende Keller-Gen. Trotzdem - heute sehe ich das milder. Ich finde sogar, dass dieses selbstbewusste Posieren ganz gute Fotos macht. Jedenfalls ist Opa immer gut drauf, im doppelten Sinne... 

 

Launiges Familientreffen am Sonntag auf der Terrasse

 

An unser altes Haus denke ich ebenfalls oft, das mit dem weitläufigen Garten ein kleines Paradies am Ende einer Sackgasse war, die in einen großen Platz mündete, auf dem wir im Kreis unermüdlich Fahrrad fuhren oder unsere selbstgebastelten Marionetten spazieren führten. Den Himmel stelle ich mir hin und wieder wie dieses Haus vor. Mit Menschen, die sich gut kennen und miteinander gern Gemeinschaft haben, aber auch wieder in ihre eigenen Wohnungen zurückkehren können. Im Idealfall solche, die ich bereits als Kind kannte. Vor kurzem starb der Vater meiner Sandkastenfreundin, die ich als Vierjährige in der Nachbarschaft kennengelernt hatte. Wir waren auf der Beisetzung, und ich habe etwas Erstaunliches bemerkt: Die Stücke, die gespielt wurden in der Friedhofskapelle, waren so, wie ich ihn bzw. seinen Musikgeschmack in Erinnerung hatte: Elvis Presley, James Last, Ricky King. Als wäre die Zeit stehengeblieben bei den Nachbarn. Und manchmal denke ich, wenn sie in meiner Kindheit stehengeblieben wäre, wäre das nicht das Schlimmste gewesen. Blöd, ich weiß. Aber ich empfinde es tatsächlich so, seit Mama nicht mehr da ist. Mir fehlt sie als Ermutigerin und zuverlässige Hilfe bei Herausforderungen, beruflich und privat. 


Sichtlich stolz auf die Reiterfräuleins 

 

In speziellen Facebookgruppen poste ich Beiträge von früher, und es erstaunt mich, dass es viele Menschen gibt, die auch nostalgisch veranlagt sind. Die sich nach Zeiten ohne Smartphone sehnen, obwohl man heute nicht mehr darauf verzichten kann. Vieles war auch damals nicht leicht, und trotzdem hatte man das Gefühl, dass der Alltag unbeschwerter war mit weniger Information und Reizüberflutung. Die steigende Anzahl von Autisten und ADHS-lern kommt nicht von ungefähr. Ständig glaubt man, etwas zu verpassen, und gleichzeitig wird gemahnt, den Augenblick zu genießen. Allein das zeigt, wie schwierig und paradox die Welt in den letzten Jahren geworden ist. Ich möchte nicht moralisieren oder jammern, denn die Uhr zurückdrehen geht nicht. Aber ein bisschen träumen und sich an Schönes erinnern, diesen Luxus gönne ich mir. Denn eine schönere, freiere Kindheit und Jugend hätte ich mir nicht wünschen können. Das ist mein kleiner persönlicher Schatz. Und ich weiß, der ist nicht selbstverständlich.

 

 

 

Freitag, 15. Mai 2026

Der Bastian ~ Fernsehserie mit Horst Janson (1972)

Abends schauen wir Fernsehen zu dritt. Da ist es nicht immer einfach, jedem Geschmack gerecht zu werden. Nach "Der Alte" mit Siegfried Lowitz, "Derrick" und ein paar uralten Tatort-Folgen haben wir jetzt den Bastian entdeckt. Und finden die Serie aus der Feder von Barbara Noack toll in ihrer Unaufgeregtheit, mit der sie den turbulenten Alltag des Langzeitstudenten Bastian (ein erstaunlich junger Horst Janson) erzählt. Eine wichtige Rolle in seinem Leben spielt auch seine Oma, Martha Guthmann, die zu unserem heimlichen Liebling avanciert ist. Die renommierte Schauspielerin Lina Carstens war damals 80 Jahre alt, und sie wirkt so rüstig, unternehmungslustig und pfiffig, dass man sie einfach liebhaben muss.

 


 

Die einzelnen Folgen sind ca. 25 Minuten lang, so dass wir auch gern mal zwei am Stück angucken. Leider gibt es nur eine Staffel mit 13 Folgen, aber das ist das einzige Manko. Was uns besonders gut gefällt, ist natürlich der Nostalgiefaktor. München erkennt man schon noch, und trotzdem sah es so viel anders aus als heute (Marthas nach Schweden emigrierter Schwager Alois beklagt den technischen Fortschritt allerdings schon damals und fühlt sich fremd in seiner ehemaligen Heimat). Die U-Bahn war relativ neu und wurde wohl extra zum Olympiajahr '72 fertiggestellt - die Olympiade wird tatsächlich in zwei Folgen thematisiert. Süß, als Oma Guthmann das U-Bahn-Cruisen als neues Hobby entdeckt und dadurch zu spät zu einer Verabredung für den von Bastian verhassten Hosenkauf kommt. 

Was Bastian von vielen aktuellen (und vermutlich auch damaligen) Serien unterscheidet, ist, dass nichts wirklich Dramatisches geschieht. Es bleibt trotz aller Situationskomik und prekären Lagen, in die Bastian sich manövriert, irgendwie bayrisch gemütlich... und das, wo der Schauspieler und auch Lina Carstens gar keine Bayern sind. 

Weitere wichtige Figuren sind die ledige Susi (Monika Schwarz) mit neugeborenem Baby, die auf Wohnungssuche ist (schon damals schwer in München, doch mit Säugling ohne Vater ein Ding der Unmöglichkeit), und die Ärztin Katharina Freude (Karin Anselm), in die Bastian sich während eines Krankenhausbesuchs verliebt hat und ihr ziemlich hartnäckig auf den Fersen bleibt, obwohl sie findet, dass er zu jung für sie sei und außerdem ein "Traumtänzer". Zwar gehen sie in den Bergen wandern und kommen sich dort so nahe, dass Bastian den Eltern vorgestellt wird, doch da ist auch noch Bastians älterer und fleißiger Bruder Karli (Friedrich von Thun), der laut Bastian "viel eher dein Typ ist". Zu dumm, dass der aufgrund einer verbotenen Nacht-und Nebelaktion von Bastian und Susi auch noch die Bekanntschaft von Dr. Freude macht...

 

Das Baby im "Bäckerei-Wespenschutz"-Glaskasten

 

Das Flair, das "Der Bastian" verbreitet, ist für Nostalgiker wie mich einfach nicht zu toppen. Schlaghosen, Plastik allerorten (pfui eigentlich!), Bastians grüne, rostangefressene Ente, schrille Farben in der engen, vollgestopften Mansarde, die Bastian oft unfreiwillig teilen muss, und auch der Stachus, der aussieht wie auf einer Postkarte von der Wochenendkaffeefahrt der Großeltern in den 1970er Jahren, das sind kleine Highlights, auf die ich mich besonders freue. 

Natürlich ist auch Horst Janson ein Hingucker und unglaublich jung mit der blonden Mähne und der schlaksigen Figur, die zu der Zeit fast alle Schauspieler und Schlagerstars pflegten (was bestimmt nicht so leicht war, wie es aussah - andererseits war Fast Food noch nicht so omnipräsent wie heute. Man kommt trotzdem auf den Gedanken, es war in den 70ern eine Art Schönheitsideal für Männer um die Dreißig). Und irgendwie wünscht man sich, es gäbe mehr Bastians auf der Welt - Menschen, die das Leben nicht so ernstnehmen, nicht so pedantisch und tragisch und dabei ihr schelmisches, entwaffnendes Lächeln bewahren.

Vielleicht wirkt die Serie gemessen am aktuellen Fernsehgeschmack etwas brav und manche Szenen behäbig, doch wer auf ständige Action, Mord, Drama und Spannung verzichten kann und stattdessen gern in Nostalgie der Familienunterhaltung schwelgt und die frühen Siebziger (noch einmal) erleben will, für den ist der leichtlebige Bastian Guthmann mit seiner sich in alles einmischenden Oma Pflichtprogramm. Zu streamen gibt es die Serie in der ZDF-Schatzkiste auf Amazon Prime. Oder - für die Hardcore-Nostalgiker - ganz klassisch auf DVD.

 

Bewertung: 💫💫💫💫💫 

 

Bilder: Amazon

 

Montag, 23. Februar 2026

Rezension "Mondzauber" ~ Inger Edelfeldt

"Mondzauber" habe ich als Jugendliche gelesen. Mehrmals. Ich habe es geliebt, dieses Buch, das von den beiden Außenseiterinnen Kim und Juliane handelt. Der Stil, das fiel mir beim jetzigen Lesen auf, hat mich als angehende Schreiberin schwer beeinflusst. Habe ihn dann aber mit dem Austritt vom Teenageralter wieder abgelegt. Und es wundert mich, dass der Roman im Zuge der wieder aufkommenden Fantasy-Welle mit Vampiren, Werwölfen und Gestaltenwandlern nicht neu aufgelegt wurde. Vielleicht weil er dann doch ein bisschen zu realistisch / alltäglich ist und es genug Jugendbücher zum Thema gibt.

 


  

Inhalt: Die Erzählerin Kim Lagergren wird von ihren Altersgenossen mehr oder weniger geduldet oder ausgenutzt; richtige Freundinnen hat sie nicht, dazu hält sie sich selbst für zu "anders". Das ändert sich, als Juliane Lind neu in die Klasse kommt. Sie wirkt auf die "gewöhnlichen" Mädchen so unnahbar und arrogant, dass Kim Zeuge mehrerer Mobbingattacken gegen sie wird. Als sie sich endlich einen Ruck gibt und mit Juliane ins Gespräch kommt, erkennen sich die beiden allmählich als Seelenverwandte, die an schwarzer Magie interessiert sind. Sie nennen sich "Schwestern der Verdammnis", schließen einen Pakt und halten Séancen ab. Doch bald wissen sie nicht mehr, was Spaß oder Ernst ist... Als Julianes Peinigerin Gunilla, Anführerin der Mädchenclique, eines Tages nicht mehr in die Schule kommt und lange fort bleibt, machen sich die beiden trotz deren Unausstehlichkeit Sorgen. Hat ihr Zauber am Ende etwas bewirkt, das sie nicht beabsichtigt hatten?

Meinung: Ein Buch, das ich als Kind toll fand, trotz des brisanten Themas Okkultismus, kann ich auch als kindgebliebene Erwachsene nicht so schlecht finden. Ich mochte Kim und Juliane sofort in ihrer schrulligen Art. Sie sind albern und kindisch, schwärmen für unerreichbare "knusprige Junker", geben sich ihren Phantasien hin und idealisieren die Menschen, auf die sie ein Auge werfen, nach ihren makaberen Vorstellungen. Alles, was man als Teenie eben so macht (außer Beatles und Santana hören; das kam mir für zwei moderne Vierzehnjährige komisch vor. Andererseits habe ich in dem Alter auch die Rolling Stones, Bryan Ferry und David Bowie gehört).

Dazu sind sie alles andere als typisch und banal, und begeben sich auf gefährliche Wege, die ihnen zunächst nicht als gefährlich bewusst sind.

 

Pixabay / KI

 
Als Kim nach ihrem Teufelspakt und einer Voodoo-Session nicht schlafen kann und Alpträume hat, bittet sie Gott und Jesus Christus (!), sie zu retten. Dieses kleine, aber inbrünstige Gebet war für mich das Highlight des Buches. Ein Sinneswandel findet bei beiden Mädchen nicht sichtbar statt; genauso, wie auch die gegenseitige Anziehungskraft, fast schon erotischer Natur, ganz vampirmäßig verbrämt wird (Stichwort Dracula). Aber etwas ändert sich danach. Auch Juliane empfindet Reue über das, was die zwei getan haben. Sonderbar und sich treu bleiben sie trotzdem. Immerhin sind sie keine Schwestern der Verdammnis mehr. Und vielleicht - das ließ die Autorin offen - vielleicht finden sie irgendwann den Pfad von der Dunkelheit ins Licht. 

Ein bisschen mehr Klarheit hätte "Mondzauber" gutgetan, mehr Haltung zum Thema. Wird sich das Verhalten von Kim und Juliane ändern, haben sie ihre Lektion gelernt? Wahrscheinlich wollte die Autorin nicht belehrend sein oder ist selbst fasziniert von solchen Gedanken. Als erwachsener Leser war mir das Ende jedenfalls zu schwammig. Meinen Kindern würde ich es nicht zu lesen geben. Dennoch gibt es drei gute Knoblauchzehen.  

Bewertung: 💫💫💫



Montag, 19. Januar 2026

Knitz "Pilzi" Columbus

 Alle unsere Katzen waren und sind etwas ganz Besonderes, egal, wie lang oder kurz wir sie in der Familie hatten - es wird keine(r) vergessen, und ich bin auch sicher, dass wir sie eines Tages alle wiedersehen. Die ganze liebenswerte Bande, die jetzt schon in Mamas himmlischem Garten herumtollt: Oskar, Boris & Ivanka, Moritz, Gino, Columbus & Joschi. Obwohl ich mit letztgenanntem eine besonders innige Beziehung hatte, möchte ich diesen Artikel unserem Pilzi widmen, der eher durch ein Unglück zu uns kam und zu so einem großen Glück für uns wurde.

 

Der ca. fünf Wochen alte Knitz in meinem Zimmer

 Knitz war in mehrerer Hinsicht eine Premiere für uns. Er war das erste und einzige schwarzweißgetigerte Kätzchen, das wir hatten, in einem entzückenden gestreiften Body und mit entsprechendem Käppchen auf. Er wurde von unserer damaligen Angestellten gebracht, nachdem sein Brüderchen auf dem Bauernhof von einem Pferdefuß erwischt worden war und Knitz dieses Schicksal erspart bleiben sollte. Er sollte auch die Lücke füllen, die der spurlos verschwundene Joschi hinterlassen hatte (aber zwei Jahre später zu unserer großen Freude und Überraschung wieder zurückkehrte). Ich war nicht sehr begeistert. Warum, weiß ich nicht mehr. Mir ist aber in Erinnerung, dass ich das obige Foto aufgenommen habe, als ich allein mit ihm zuhause war und ihn aus seinem Karton-Refugium im Esszimmer mit in mein Zimmer trug, wo er neugierig alles mit tappernden Schrittchen erkundete. Ich habe sehr geweint, als ich ihn beobachtet habe, und Abbitte geleistet, dass ich ihn nicht sofort willkommen geheißen habe. Er war so süß und goldig und ein zähes und widerstandsfähiges Kerlchen! Viel zu früh getrennt von seiner Mama, bekam er bei uns das Fläschchen. Mama hat sich sehr darum gekümmert, dass er gut gedieh und es ihm an nichts fehlte. Als Herbstkätzchen hatte er häufig Schnupfen (der damals noch nicht so ernst und effektiv behandelt wurde wie heute), doch es ging ihm gut; der Schnupfen hat ihn erst sehr viel später mehr beeinträchtigt. 

Ein paar Mal wurde er beim Tierarzt vorstellig, der ihm eine Vitaminspritze gab und beim ersten Besuch die "ermutigenden" Worte sprach: "Wenn Sie ihn ein Jahr haben, ist es lang." 

 

Im Garten im Rittersbruch

Wir hatten dreizehn Jahre miteinander, in denen wir so viel Spaß mit dem charakterstarken und etwas spröden Columbus hatten. Columbus ist sein richtiger Name, weil er ein kleiner Entdecker war, doch knitz war er auch, so dass sich die Bezeichnung als Rufname durchgesetzt hat. Auch wenn er liebevolle und viele Kosenamen hatte. Und ein tolles Leben. Wie alle unsere Katzen bis auf Toby und Mikkel war er Freigänger, entfernte sich aber nie weit vom Haus (zumindest tagsüber). Trotz seiner Unabhängigkeit zog es ihn zu Papa hin, der seine wichtigste Bezugsperson wurde, mit ihm spielte bis die Hände bluteten (bei Knitz' spitzen Krallen nach ca. fünf Sekunden), und auf dessen Bauch er in der Mittagspause schlief. Und der ihn nach dem Umzug in die Grabengasse auch mal spaßhalber an die Linde warf, wo er sich wie mit Saugnäpfen an den Stamm krallte und wieder zurückkam, um den Spaß von vorn beginnen zu lassen. 

Einmal bekamen ihn wohl böswillige und grausame Kinder in die Hände, denn er verlor einen Teil seines Schwanzes, nachdem er sich verletzt mit letzter Kraft auf unsere Terrasse geschleppt hatte und dort jämmerlich weinte. Mit meinem Fahrrad habe ich Hilfe geholt, das daraufhin gestohlen wurde, weil ich es in der Eile nicht abgeschlossen habe. Das war mir dann aber fast egal. Hauptsache, Knitz wurde geholfen. Eigentlich wollte der Tierarzt den Schwanz abnehmen, doch Mama hat Protest eingelegt. Seitdem hatte er einen kleinen Knick im Schwanz, der ihn in seinen Aktivitäten und uns nie gestört hat. 

 

Auf dem Twingo in der Grabengasse
 

Es gibt einige Geschichten über Knitz, die uns zum Lachen bringen. Weil er so schlau und gewitzt war, nannten wir ihn auch Knitzi Kniggings, nach Prof. Higgins aus "My Fair Lady". Eine dieser Anekdoten habe ich in meinem Buch "Shalom Mamele" erzählt, doch es gibt viele mehr. 

Zum Beispiel als er einer Passantin auf High Heels wie im Bann hinterhergefußelt ist und aus dem Laden die Klänge von "Je T'aime" erschallten. Ich war nicht dabei, doch es wurde mir so plastisch geschildert, dass ich die Szene förmlich vor mir sehe. Vermutlich hat Knitz die Frau von hinten mit Nicole verwechselt, die die Haare ähnlich trug. 

Mit Joschi, der wie gesagt wieder auftauchte, wurde der dominante Knitz nie wirklich warm, so dass der gutmütige Joschi, obwohl er die älteren Rechte hatte, sich ihm untergeordnet und wenn Knitz schlief, seine Nähe gesucht hat, indem er sich leise dazugelegt hat. Das war sehr rührend. Sie hielten zusammen, wenn es darum ging, das Revier zu verteidigen. Da hat sich Joschi meist hinter Knitz versteckt, um im Notfall eingreifen zu können. Ich weiß nicht, ob das je nötig war, musste aber lachen, als ich ihre Taktik mal beim Nachbarskater beobachten konnte. 

 

Knitz und Joschi halten ein Nickerchen

 

 Beide waren wie Familienmitglieder, selbst für die Eltern. Knitz verschwand irgendwann in die Nacht hinaus, und Nicole, die ihm die Tür öffnete, meinte später, gehört zu haben, wie er "Auf Wiedersehen" sagte. Er kam nicht wieder. Wir haben ihn lange gesucht, mit Handzetteln und Anschlagsblättern (damals waren wir noch nicht bei Facebook oder Tasso), ob er vielleicht wegen seiner Neugier versehentlich eingesperrt worden war. Wir waren von ihm gewohnt, dass er regelmäßig im Haus und im Laden war, so dass wir bald die Hoffnung aufgaben. 

Vermisst haben wir ihn sehr lange, und selbst jetzt kommen mir die Tränen. Er war ein großer und wichtiger Zeil in meinem Leben, weil er mir gezeigt hat, dass nicht nur schwarze und getigerte Katzen liebenswert sind. Der rote Toby ist ihm ein bisschen ähnlich im Körperbau, vom Temperament und mit den großen Ohren, und manchmal denke ich, es steckt ein Teil Knitz in ihm, der uns sagen will, dass er uns ebensowenig vergisst wie wir ihn. Und Mikkel erinnert uns in vieler Hinsicht an Joschi.

 

Donnerstag, 30. Oktober 2025

Das Mädchen Friederike ~ Ines Widmann

Vor kurzem habe ich in einem Bücherregal gestöbert, das ich immer nur im Vorbeifahren sehe. Mitnehmen wollte ich eigentlich nichts, nur mal schauen. Zeit zum Lesen habe ich nicht mehr viel, und auch die Muße nicht, wenn ich ehrlich bin. Doch sehr zu meiner Freude fand ich drei alte Mädchenromane plus ein neuerer Roman über die Titanic. Ich muss dazu sagen, dass ich alte Bücher liebe. Nicht so sehr wegen der Sprache und den oft etwas umständlich erzählten Geschichten, sondern wegen der griffigen Haptik und der Covergestaltung. Das älteste ist kartoniert wie einst mein geliebter Wassermann von Otfried Preußler. So sieht es aus:

 


  

Mama hat ähnlich gemalt als Jugendliche, und die warmherzige Friederike ist ihr tatsächlich etwas ähnlich. Das Buch spielt in den späten 1950er Jahren, erschienen ist es 1963. Friederikes beste Freundin heißt sogar Elvira und ist dunkel "wie eine Zigeunerin" (Ups!). Wieder eine Referenz an Mama... 

Inhalt: Laura Niedling hat vor kurzem ihren Mann verloren und ist mit 65 Jahren auf sich allein gestellt. Ihre Ehe blieb kinderlos, und zu den Nachbarn hat sie aus Gründen keinen Kontakt. Da fällt ihr ein, dass der nach Kanada ausgewanderte Neffe ihres Mannes eine Tochter hat, die im Waisenhaus lebt. Sie macht Friederike ausfindig und möchte sie adoptieren, damit sie im Alter und im Haushalt Hilfe hat, aber auch, um nicht mehr allein zu sein. 

Friederike hat ein sonniges Gemüt, beim Lachen ein Grübchen in der Wange und tut ihr Bestes, um ihre Großtante zu unterstützen. Doch sie merkt auch, dass Tante Laura nicht ganz unschuldig ist daran, dass die Nachbarn sie meiden und sie ihre Isolation selbst gewählt hat. Nach und nach verändert sich das Zusammenleben zwischen den beiden und den Nachbarn, ohne dass Tante Laura es wirklich merkt. Denn Friederike ist pfiffig, hegt aber keine deutlichen Absichten, die Tante zu mehr sozialen Kontakten zu bewegen. Ihre Bemühungen, die dazu führen, sind eher zufällig. Oder ihre Gebete spielen eine Rolle, denn oft ist sie nicht gerade glücklich bei Tante Laura, hat es ihr im Waisenhaus bei all den anderen Mädchen, Elvira und der lustigen Tante Marta doch viel besser gefallen.

 

Herr Meier muss ein Setter sein...

 Meinung: Ich weiß nicht so recht, wie anfangen, so berührt hat mich die Geschichte auf mehreren Ebenen. Erst einmal Friederikes Ähnlichkeit zu Mama, die in derselben Zeit aufgewachsen und auch so alt ist wie die Romanheldin. Auch mag ich Bücher aus der Zeit, weil sie sich mit vielem decken, was die Eltern erzählt haben: Die Küche als einziger Wirk- und Wohnbereich, da die übrigen Zimmer nicht beheizt wurden, "Kinoabende" bei den Nachbarn in der Siedlung, die schon ein TV-Gerät hatten, und die Verantwortung im Haushalt, selbst wenn man erst zehn Jahre alt ist. 

Ich habe ein Faible für die 1950er bis 1970er Jahre, und "Friederike" lässt die 1960er richtig aufleben. Den Obstgarten und das idyllische Haus "Höhenruh", ihr neues Daheim, konnte ich fast riechen und besichtigen.

Friederike ist für Tante Laura fast so etwas wie der kleine Lord Fauntleroy für seinen eigenbrötlerischen Großvater, aber viel subtiler und frei von Kitsch. Manchmal hatte ich beim Lesen Tränen in den Augen. Ich mochte die unerschrockene, burschikose Friederike, die sich nie unterkriegen lässt, und die vor lauter Einsamkeit bei der einengenden Tante unerlaubt an einem Preisauschreiben teilnimmt, bei dem man einen Hund aus dem Tierheim gewinnen kann - undenkbar heutzutage! Sie ist mutig, hilfsbereit, freundlich, unvoreingenommen, aber sie erkennt Ungerechtigkeit gegen sich und gegen andere, und ist bereit, zu handeln. Auch ihrem neuen Freund Max hilft sie aus der Patsche, als er seinem Ferienjob aufgrund einer Verletzung nicht nachkommen kann. Und natürlich ist da noch Elvira, ihre kleine Schutzbefohlene, der sie ein Versprechen gegeben hat...

Für mich ist "Das Mädchen Friederike" ein Kleinod. Eine herzerwärmende Geschichte, die wohl nur noch antiquarisch zu erwerben ist. Oder auf Bücherflohmärkten und in öffentlichen Regalen. Für mich als kleine Nostalgikerin ein Glücksgriff.

Bewertung:  💫💫💫💫💫

 

 

Donnerstag, 16. Oktober 2025

Meine Eltern Elvira und Werner

Es ist an der Zeit, ein bisschen etwas über meine wundervollen Eltern zu erzählen, die ich sehr liebe und auch bewundere. Nicht nur, weil sie mich gut erzogen haben (😊), sondern, weil sie ein sehr bewegtes Leben hatten schon bevor sie sich gefunden hatten. Meine Mama und mein Papa trennt ein Tag voneinander, und das ist gut so, denn Mama hätte keinen Partner akzeptiert, der jünger ist als sie... 😁

Wir mussten / durften nur zweimal im Jahr Geburtstag feiern, und das meist ohne große Party und Tamtam. Später waren die beiden oft im Urlaub, um in aller Stille zu feiern. 

 

Wanderung im April 2023

Kennengelernt haben sie sich als Kinder, doch wirklich gefunkt hat es dann an ihrem 18. Geburtstag, der von gemeinsamen Freunden ausgerichtet wurde. Ein bisschen klingt ihre Verbindung wie im Märchen, auch wenn sie gewiss wie alle Beziehungen neben den Höhen auch ihre Tiefen hatte. Ihre erste gemeinsame Wohnung hatten sie in Rosenheim, wo Papa am Holztechnikum studiert hat. Seitdem zog es sie immer wieder nach Oberbayern. Schade, dass sie nicht dort geblieben sind, denn auch wir Kinder lieben bayerisches Flair und die Berge. 

Meine Mama war das älteste von vier Kindern und musste auf die jüngeren Brüder aufpassen. In den 1960er Jahren zog sie in den Ort, in dem Papa wohnte. Laut eigenen Angaben war sie ein schüchternes, aber umschwärmtes Mädchen (was ich verstehen kann!), das Selbstbewusstsein erst lernen musste. Irgendwann als junge Erwachsene sagte sie sich, dass sie sich ändern möchte. Nicht mehr zu allem schweigen, peinlich berührt sein, schüchtern, brav und angepasst. 

Sie hat erneut zu Jesus gefunden, den sie bereits als Vierjährige in der Sonntagsschule als ihren Heiland angenommen hat. Ihr neu entfachter Glaube hat sie auf den Weg gebracht, sich für Menschen zu interessieren, ihre Geschichten anzuhören und sich mit Naturheilkunde und gesunder Ernährung zu befassen, was der Familie und auch anderen zugute kam. Ihr profundes Wissen auf diesem Gebiet fehlt mir unheimlich. Seit sie nicht mehr da ist, bin ich stressbedingt leider wieder häufiger krank, gerade in der kalten Jahreszeit. Glücklicherweise hat sie uns einiges mitgegeben, doch die Intuition, die Mama hatte, wenn es darum ging, Hausmittel anzuwenden, geht mir abhanden. 

 

Mama mit ihrem kleinen Ich (Gemini)

 

Angeeckt ist sie hin und wieder mit ihrer "radikalen" Einstellung zu Jesus und zum Glauben, und auch ihre Meinung zu anderen Dingen war nicht unbedingt populär, aber oft progressiv wie das Thema Ernährung, das sie schon in den frühen 1980er Jahren fasziniert und praktisch umgesetzt hat. Sie hat sich nie beirren lassen und vielen Menschen von Gott erzählt. Allein deswegen hat sie bestimmt einen besonderen Platz im Himmel und den schönsten Garten, mit Bergen und einem See, in dem sie baden und schwimmen kann. Da war sie unerschrocken. Egal, wie kalt das Wasser war, sie sprang hinein. Das gilt nicht nur im buchstäblichen Sinn. Mutig hat sie jedes Problem ("jede Herausforderung", sagt sie) angepackt und nach Lösungen gesucht. Sie war ein bisschen unser "Aushängeschild", das gern mit Menschen zusammen war, kommunikativ, kreativ und gern in Gesellschaft. In der elterlichen Wohnung blieben die Gäste manchmal jahrelang, weil sie sich so wohlfühlten, und weil Mama ihnen das Gefühl gab, daheim zu sein. Für uns Kinder war das nicht immer einfach, aber wir konnten uns später in unsere eigene Wohnung zurückziehen. Ich vermisse die Zeit sehr, in der immer Leben in der Bude war. Unser Haus - der ehemalige Laden - sei still geworden, sagen uns Freunde. Und sie haben recht. Wir versuchen, klarzukommen, doch es fällt uns schwer ohne Mama. Immer noch. Sie war es auch, die den Rest der Familie für den Glauben gewinnen konnte. Dafür sind wir ihr unendlich dankbar, auch wenn es in Anbetracht der letzten zwei Jahren schwierig war, das Vertrauen in Gott zu behalten. Aber wir werden uns wiedersehen und belohnt werden, das steht außer Zweifel.

 

Papa und der kleine Prinz (Gemini)

 

Papa und wir Kinder sind uns in den zwei Jahren näher gekommen. Das war eine Erfahrung, die uns trotz allem Schmerz und tiefer Trauer gutgetan und Trost gegeben hat. Er ist dankbar, dass wir uns um den Haushalt kümmern, denn als "kleiner Prinz", der er von Kindesbeinen an war, sind Männersachen für ihn besser zu bewältigen als Kochen, Putzen und Wäschewaschen. Als Schreiner war er nicht nur zeitlebens unser Handyman, wenn etwas kaputtging, sondern ist verantwortlich für Finanzen und Geschäftliches. Das ist bis heute so, obwohl wir wissen, dass wir uns auch mal damit beschäftigen sollten. Wenn Papa ein Hobby hat, das er nicht mit Mama teilt(e) wie Wandern, ist das sicher seine Vorliebe für Autos im Allgemeinen und BMW im Besonderen. 

Als Mama in den 1970ern einen Bastelladen eröffnete, stieg Papa nach seinem Beruf als Monteur und Vertreter einer Sägewerksfirma mit ein und erweiterte die Modellbau-Abteilung, um dort kompetent beraten zu können, wenn es um ferngesteuerte Schiffe, Segelflugzeuge und Benziner ging. Noch heute erinnert man sich an ihn am Ort liebevoll als den "Herrn Bastelwirth". Die Autos, die er fuhr, darunter vor allem Dienst- und Leasingwagen, kann er nach Jahr und Urlaub einordnen. Wenn wir eine Anekdote erzählen oder ihm ein Foto zeigen, heißt es meist: "Da hatten wir den gelben Mercedes, dann muss das in Anzère gewesen sein." Darüber haben wir uns immer köstlich amüsiert.

 

Im Schwarzwald, Mitte der 1960er.

 

Man hat so seine Familiengeschichten. Ich merke, dass ich mich häufig in diese Nostalgie hineinflüchte, seit Mama fort ist. Wir hatten so viele schöne Jahre zusammen, dass es wie ein Schock kam, wie abrupt sie endeten. Meine Dankbarkeit für die gemeinsame Zeit ist manchmal nahe daran, zu kippen, weil ich finde, dass es doch recht früh war. Vor allem, wenn ich bedenke, wie gern Mama 120 Jahre alt werden wollte. Es tut weh, daran zu denken. Ich hoffe, dass wir Papa noch lange haben und wir so weit es geht glücklich sein können. 

Anmerkung: Die Fotos von den Eltern als Erwachsene mit ihren kindlichen Ichs sind unter Verwendung von Familienaufnahmen und Gemini entstanden (ich bin KI gegenüber nach wie vor skeptisch, aber fasziniert von den Möglichkeiten, die sie bietet). 

 

 

Mittwoch, 26. Februar 2025

Mein Bär

Dieses Gedicht ist für Hans, meinen Teddybär. Ich bekam ihn als Vierzehnjährige von meiner Oma Lisbeth geschenkt, nachdem ich ihr sagte, dass ich keinen klassischen Bär mit Gelenken und Brummstimme habe. Vorab durfte ich ihn in einem Clemens-Katalog aussuchen und wusste sofort: Der mit der Maske soll es sein. Seitdem begleitet mich Hans. 

Er war mit im Schüleraustausch in Paris, und er hat mich getröstet, wenn ich Kummer hatte. Gespielt habe ich naturgemäß nicht viel mit ihm. Aber ich würde ihn nicht hergeben, auch wenn ich mich von anderen Kuscheltieren längst getrennt und nur noch eine Handvoll habe, die entweder im Regal sitzen oder im Schrankfach schlafen. Nicht zuletzt ist er eine liebe Erinnerung an Oma Lisbeth, die mit ihrer fröhlichen und selbstironischen Art die Heldin meiner Kindheit war.

 

Mein Bär
 
Der Bär und ich, wir kennen uns schon lange
Begleiter, Freund und Tröster ist er.
Wenn ich traurig war, lag er sanft an meiner Wange.
Sein staubiges Fell roch nach Heimat und mehr.
 
 
 

 
 
Meine Kindheit ging vorbei, der Bär blieb, ihm war's einerlei.
Nun sitzt er stumm auf dem Regal, ernst und gelassen
Und manchmal krieg' ich ihn zu fassen
Dann denke ich, die Zeit, sie ändert sich.
Der Bär hat kein Problem mit der Vergangenheit
Er tröstet mich
Mit gleichbleibender Freundlichkeit.

 

Freitag, 6. September 2024

Mein Sommer im Freibad

 In diesem Sommer habe ich mir zum ersten Mal seit 2019 wieder eine Saisonkarte fürs Freibad gegönnt. Ich bin gerne hingegangen vor Corona, habe meine Bahnen geschwommen und mich dann noch etwas in der Sonne und im Schwimmbadcafé aufgewärmt. Das war immer fast wie Urlaub. Letztes Jahr fiel der Sommer für mich ins Wasser, und eigentlich hatte ich auch heuer keine große Lust auf Freibad. Aber ich hätte sonst kaum Bewegung gehabt, so dass ich mich dann doch mithilfe meiner Schwester überwunden habe. 


Und irgendwie hat es sich auch gelohnt: Die Jahreskarte hat sich amortisiert (vornehm!), und das will etwas heißen bei € 95,00. Ich finde nicht, dass es zu teuer ist, denn das Schwimmbad ist nach der Renovierung Ende der 2010er Jahre echt schön und freizeitwertig geworden. Aber wenn man nur kurz schwimmen möchte, muss man schon häufig hingehen. Na, immerhin ist uns das gelungen. Und es gab sogar eine Überraschung in Form eines Büchertauschregals. Ich weiß nicht, ob es schon letztes Jahr da war. Jedenfalls finde ich die Idee super. Wir brachten ziemlich viele unserer Bücher her, und zwei habe ich sogar mitgenommen. Das erste ist ziemlich skurril auf eine Art, die mir nicht behagt, aber das zweite hat mich bereits beim Erscheinen interessiert. Es heißt "Als wir uns die Welt versprachen" und erzählt die Geschichte von Edna, die in den späten 1930er Jahren als "Schwabenkind" von Südtirol nach Ravensburg kam, dort einen Jungen kennenlernt und als ältere Frau dieselbe Route über die Alpen zurücklegt, um Jacob zu finden und ihm außerdem seinen Papagei Emil wiederzugeben. Ich schreibe bestimmt noch eine Rezension dazu, denn das Buch mit seinen berührenden und atmosphärischen Passagen gefällt mir bisher außerordentlich gut. Außerdem erinnert mich Edna in ihrer Unerschrockenheit und Unvoreingenommenheit irgendwie an Mama. 

 

Im kinderleeren Kinderbereich

Insgesamt haben wir bei unseren Besuchen festgestellt, dass ziemlich wenig los war. Selbst an heißen Tagen gab es meist noch zwei freie Liegen, auch nachmittags. Natürlich mussten wir auch ein paar Mal mit dem Rasen vorlieb nehmen, doch in der Regel fanden wir schnell zwei Plätze direkt am Olympiabecken. Der ausbleibende Andrang hat mich dann auch tatsächlich mal zum Rutschen angestiftet. Das ist insofern erwähnenswert, als dass ich zum letzten Mal mit meinem Cousin auf dem Schoß die damals noch nicht renovierte Rutschbahn hinunterzockelte und dabei den ganzen Betrieb hinter uns aufhielt. Das war mir so peinlich, dass ich seitdem keinen Fuß mehr auf die Treppe zur Rutschbahn gesetzt habe. Zu Recht, dachte ich, als ich jetzt wieder die Stufen im Wendelgang erklomm. An meine mit dem Alter zunehmende Höhenangst hatte ich in meinem jugendlichen Überschwang nämlich keinen Gedanken verschwendet. Glücklicherweise war ich völlig allein und konnte mir Zeit lassen. Dennoch - zügig nach oben, nach Möglichkeit nicht zwischen die Stufen linsen, und mutig voran. Leider habe ich keinen fotografischen Beweis für meinen Ritt, doch es hat richtig Spaß gemacht. Wäre die Treppe nicht, hätte ich ihn bestimmt wiederholt.

 


Belohnt habe ich mich jedenfalls mit einem "deutschen" Cappuccino, der im Freibad wohl aus Tradition noch serviert wird, wo alle anderen Restaurants und Bars auf die aufgeschäumte internationale Variante schwören. Ich nicht. Daher freut es mich, dass man dort auf Wunsch noch einen Cappuccino mit Sprühsahnehäubchen erhält, das ich oft sogar extra mit Zucker bestreue und die Sahne genießerisch herunterlöffle. Ich weiß, dass Italiener und Kaffeespezialisten entsetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, aber ich mag ihn so. Nicht zuletzt, weil er ein wohlig-nostalgisches Gefühl auslöst.

 

Bademeistervertretung
 

Apropos nostalgisch: oft drehten wir eine Runde übers ganze Gelände und wurden ein bisschen wehmütig angesichts der vielen Veränderungen im Lauf der Zeit. Zwar ist das Freibad wirklich gut saniert und modern, doch manchmal fehlt einem doch das Alte, etwas Primitive. Das Kiosk mit dem Pommes-Imbiss, das jahrelang im hinteren Bereich vor einer kleinen Allee stand, wurde abgerissen, und ich denke gern daran zurück, wie ich gefühlt stundenlang auf den roten Plastikstühlen unter roten Sonnenschirmen saß und manchmal ein Schwätzchen mit der Besitzerin hielt. Überhaupt begebe ich mich wieder in gefährlich nostalgische Gewässer. Ich wäre gern anders, würde ununterbrochen und optimistisch vorwärtsschauen, aber gerade durch das letzte Jahr fällt mir das schwerer als ohnehin schon. 



Ob es nun im September noch ein paar heiße Tage gibt, dass wir vielleicht noch einige Male für "umsonst" gehen können? Es war nicht immer einfach, Zeit abzuzwacken für ein paar Stunden Sommerurlaub daheim, mit so viel Arbeit, die seit Mamas Heimgang kein Ende zu nehmen scheint. Aber ich bin froh, dass ich mir doch die Karte gekauft habe. Sonst hätte ich gar keine Ferien gehabt. 

 

Dienstag, 23. Januar 2024

Shalom Mamele. Königskinder sterben nicht. Sie gehen nach Hause.

Nie hätte ich gedacht, dass ich ein Buch wie dieses schreiben und veröffentlichen würde. Und nun, da ich's gewagt habe, bedauere ich, es nicht schon früher in Angriff genommen zu haben. Mama hätte so viel Freude gehabt, mir ihre Geschichte noch ausführlicher zu erzählen, und sie wäre so stolz auf ihre Tochter gewesen. Das ist sie sicherlich auch so, doch ich habe keinen sichtbaren Anteil mehr an ihrer Freude. Die Veröffentlichung hätte sie groß gefeiert. "Wir feiern viel zu selten", meinte sie oft.

 


 

Entstanden ist mein neues und persönlichstes Buch eher als eine Art Therapieprojekt. Auf Facebook bekam ich zum Teil sehr nette und verständnisvolle PNs bezüglich meiner Trauer. In vielen davon - wie auch in Kommentaren zu Beiträgen - riet man mir, unsere Geschichte als Familie aufzuschreiben. Ich war sehr skeptisch. Zum einen, weil ich dachte, es ginge nur um die unselige Krankenhausgeschichte, zum anderen, weil ich mir das nicht zutraute, ohne emotional zu zerbrechen. 

Doch erstaunlicherweise war das Gegenteil der Fall, nachdem ich mich an Mamas Rechner in ihrem schönen kleinen Arbeitszimmer setzte, in dem ich von ihren wunderschönen, farbenfrohen Bildern und Visionboards umgeben bin, um die ersten Zeilen über die Anfänge meiner Eltern zu tippen. Es ging richtig leicht und beschwingt, und häufig habe ich meine Trauer vergessen. Hin und wieder flossen Tränen, wenn mich eine Erinnerung besonders berührt hat. Aber das war ok. Es ist halt schade, dass ich diese Erinnerungen nicht mehr mit Mama teilen kann.

Wir haben so viel erlebt als Familie; viel mehr, als ich vermutet hatte. Und wir waren wirklich eine außergewöhnliche Kombination, wir vier. Unschlagbar. Das wurde mir beim Schreiben wieder bewusst. Wie viel Glück und Segen darauf lag und liegt, dass wir uns so gut verstehen und uns in Liebe begegnet sind. Unsere Krisen hatten wir selbstverständlich auch, doch wir haben sie immer gut gemeistert - bis auf die letzte. Auf die habe ich weitgehend verzichtet im Buch, denn es soll ein aufbauendes, Mut machendes Werk sein. Auch für Menschen, die durch diesselbe Phase im Leben laufen wie wir und die Welt nicht mehr verstehen. Es gibt da nichts zu verstehen. Erst im Himmel werden uns die Augen geöffnet, das ist sicher. Genauso sicher, wie Mama jetzt weiß, warum alles so sein musste. 



Die reich bebilderte Familienchronik ist auch eine Erinnerung und ein Geschenk für die vielen Gefährten, die im Lauf der Jahre ein Stück des Weges mit uns - und vor allem mit Mama als kommunikativstes Familienmitglied - gegangen sind. Viele sind darin erwähnt (ohne Nachnamen, und immer im Guten). Es ist erstaunlich, wie unterschiedlich alle waren: verschiedene Nationen, Alter, Geschlecht und kulturelle Herkunft. Mama hat nie Unterschiede gemacht. Jeder, der in unser Haus kam, war in erster Linie Mensch mit einer eigenen Geschichte, die es wert ist, angehört zu werden. Das hat mir immer sehr imponiert, wie vieles mehr an Mama. 

Jeder Mensch ist einzigartig, aber eine Frau wie Mama wird es im Ansatz hier auf Erden nicht mehr geben. Ihre Herzlichkeit und verschmitzte Fröhlichkeit, ihr Optimismus und ihr helles, heraussprudelndes Lachen, all das hatte nur sie. Obwohl sie es nicht immer leicht hatte im Leben, hat sie so viel bewirkt. Ich finde es deshalb legitim, dass sie als "Nicht-Promi" eine Biografie in Buchform erhält, die vielleicht auch Menschen, die sie nicht persönlich kannten, Mut gibt. Das fände sie schön, denn eine Ermutigerin ist sie immer gewesen.

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Samstag, 6. Januar 2024

"Menschengeschichten" von Hans Joachim Gelberg / Beltz & Gelberg

  Nachdem mir die 1972er Anthopologie "Geh und spiel mit dem Riesen" schon so gut gefallen hatte, wurde ich auf die beiden Folgebände aufmerksam, für die im Buch hinten geworben wurde. Eines der beiden habe ich nun über Booklooker erstanden. Es heißt "Menschengeschichten" und ist - so scheint es - eigens für mich geschrieben worden. Darum ist es kein Zufall, dass ich auf dem Foto das Covergirl abklatsche. Allein ihre (spekulative) Geschichte im Vorwort des Herausgebers hat mich nachdenklich-nostalgisch gestimmt. Und ganz unter uns, ich bin doch eh so eine. So eine hoffnungslose Nostalgikerin.

Obwohl ich erst angefangen habe mit dem Lesen, weiß ich jetzt schon, dass diese meine Lieblingsanthologie sein wird von den dreien, die ich bisher gesehen habe. Herrlich schräg die Geschichten, originell, witzig und vor allem nostalgisch und manchmal traurig. Man macht sich Gedanken in diesem Buch, die sich jeder einmal macht, die aber irgendwie zu unwichtig sind, um ihnen weiter Beachtung zu schenken oder sie weiterzuverfolgen. Gedanken über Erfahrungen, Zeit und Raum, über die Welt von Kindern und Erwachsenen und wie sie leben, aber vor allem über Menschen allgemein. 

Sehr gefallen hat mir ein Fotovergleich in dem der Fotograf 1945 eine Gruppe Leute ablichtete und dreißig Jahre später per Annonce dieselben Leute dazu aufrief, sich am selben Ort wieder fotografieren zu lassen. Das war unheimlich interessant, denn es waren nur wenige, die dem Ruf nicht folgten oder nicht kommen konnten. Selbst die Namen der Personen und ihre Beziehungen untereinander (sofern vorhanden) wurden festgehalten.

Apropos: viele alte Fotografien beinhaltet dieses Kleinod, oft als eine Art Lebenslauf. Für mich ein gefundenes Fressen. Ich liebe es, mich mit alten Dingen zu befassen, mich zu fragen, welche Geschichte in diesem Gegenstand oder jener Person steckt. Heute kurios anmutende Traueranzeigen von 1899, Hochzeitsbekanntgebungen und die Bedeutung von Parkbänken, all das wird neben vielem anderen unter die Lupe genommen. Irgendwie ist "Menschengeschichten" auch eine Sammlung über die Vergänglichkeit und den Wandel der Zeit, der schon immer spürbar war. Die auf den ersten Blick sinnlosen, aber durchaus reizvollen Geschichten wie im Vorgänger gibt es natürlich auch, etwa die Geschichte vom Mann, der sich durch die Parkprinzessin in einen Storch verwandelte.

Und als kleines Goodie und wie als Bonusmaterial, das die Theamtik unterstreicht, findet man in meiner gebraucht gekauften Ausgabe noch jede Menge gepresster Blumen. Das finde ich sehr charmant, weil auch eine Art Zeitdokument (wer trocknet und presst heute noch Blumen, um sie anschließend in Fotoalben oder Tagebücher - vorausgesetzt, man fotografiert und schreibt noch analog -  zu kleben? Viel zu aufwendig!). 


Vorwort mit Blume

 

Mit über 330 Seiten ist "Menschengeschichten" noch etwas umfangreicher als "Geh und spiel mit dem Riesen." Das freut mich sehr, denn der erste Band war recht schnell gelesen, auch wenn mein Tempo derzeit einer Schnecke zur Ehre gereicht. 

Wie schön, dass es diese Bücher noch gibt und man sie relativ preisgünstig auf Onlineplattformen erwerben kann. Tatsächlich scheint eine ganze Reihe davon erschienen zu sein, die sich "Kinderjahrbuch" nennen dürfen.

Für mich sind diese Anthologien eine echte Entdeckung, die ich selbst Kindern von heute noch ans Herz lege. Vielleicht wirkt die Sprache etwas altmodisch und sperrig, und einiges ist nicht mehr zeitgemäß. Aber gerade das macht den besonderen Reiz aus, zeigt es doch, dass jedes von Menschenhand erschaffene Werk vergänglich und irgendwann auch vergessen ist. Ich konnte zum Beispiel nichts mit Wolfdietrich Schnurres Erinnerungen an seinen Kittel anfangen, der zwar schrecklich und kratzig war, aber eine Bauchtasche vorne hatte, die für seinen Träger das Allerheiligste war und auch vom Rest der Freunde und Familie als solches nicht angerührt wurde. So nahm Herr Schnurre seine Kindheitschätze mit ins Erwachsenenalter. Ich mag solche Geschichten. Klein, fast banal aber bei näherer Betrachtung doch bedeutend und anrührend.

 

 

Wer ebenfalls wie ich nostalgisch angehaucht ist und sich gern mit der Vergangenheit befasst, in der es ihn / sie noch nicht gab - oder einfach mal neugierig ist auf die ungewöhnliche Aufmachung und die Geschichten in diesem Buch, der kann auf verschiedenen Plattformen danach stöbern. Es gibt es auch als handliche Taschenbuchausgabe, aber ich finde, man muss es als großes Hardcover besitzen und genießen. Bei Amazon gibt es derzeit nur die Taschenbuchausgaben, daher empfehle ich, auf Plattformen wie Booklooker danach zu suchen. Es lohnt sich! Als Familienlesebuch ist "Menschengeschichten" nämlich hervorragend geeignet und bietet eine Menge Diskussionsstoff.



Mittwoch, 26. April 2023

Ein lebenslanger Weggefährte: Harry Belafonte (1927 - 2023)

 Am 25. April starb mit 96 Jahren ein Ausnahmekünstler, der mich von der Wiege an begleitet hat. Das klingt ein bisschen komisch, ist aber tatsächlich so. Harry Belafonte zählt mit Neil Diamond, Simon & Garfunkel und ABBA zu den Lieblingsmusikern meiner Eltern, die Langspielplatten besaßen, welche mir schon als Baby und Kleinkind Vertrautheit geschenkt haben. Ihre Songs sang ich phonetisch nach, ohne zu wissen, von was die Texte handelten.

 

 

Es war mir auch egal, über *was* da gesungen wurde - der lebensfrohe Calypso-Rhythmus hat mich unglaublich mitgerissen, und die wehmütigen Lieder wie "Island in the Sun" oder "Try to Remember" treiben mir bis heute die Tränen in die Augen, wenn ich sie höre; Tränen des Glücks und der inneren Bewegung. 

Ich glaube, kein Musiker hat es geschafft, mich so zu berühren wie Harry Belafonte, der mir immer präsent war. Meine Eltern sahen ihn in den 1980er Jahren live und meinten, er sei auf der Bühne noch charismatischer als auf seinen Platten. Dass er nicht nur ein begnadeter Sänger war, sondern auch Bürgerrechtler, der gemeinsam mit Martin Luther King für die Freiheit der Schwarzen gekämpft und zudem Filme gemacht hat, wusste ich lange nicht, doch für mich war ohnehin klar, dass Mr. Belafonte ein außergewöhnlicher Mensch war. Allein die Tatsache, dass er mit seiner Musik Herzen froh machen konnte, rückte ihn für mich in die Nähe eines Zauberers. Seinem typischen Calypso-Sound und der warmen Stimme kann man sich einfach nicht entziehen. Sobald "Angelina" erklingt, "Mathilda" oder der "Banana Boat Song", überkommt mich das Bedürfnis, zu tanzen und herumzuspringen. Und das, wo ich absolut keine begabte Tänzerin bin. 

Sicherlich hat ein Mann wie Harry Belafonte ein viel größeres Vermächtnis hinterlassen als *nur* seine Musik. Vor kurzem habe ich eine Dokumentation über sein bewegtes Leben gesehen (das meinetwegen viel länger hätte dauern können), und war überrascht, wie vielseitig interessiert und engagiert er war. Auch, dass er als einer der wenigen ausländischen Künstler in der damaligen DDR auftreten durfte, fand ich enorm. Dass er als Kind Jamaika nicht mochte, wohin ihn die mittellose Mutter schickte und er erst später so etwas wie Verbundenheit mit der Insel empfand, die er mehrmals besingt und die eigentlich gar nicht so sonnig war, war ebenfalls neu für mich. 

 Doch was mir sehr imponiert und gefallen hat, war, dass er offenbar nie mit etwas haderte, das nicht zu ändern war, und dort, wo es Möglichkeiten gab, gehandelt hat. Sich als Brückenbauer zwischen Nationen und Völkern verstand, und dabei so bescheiden geblieben ist. Sein Talent für den unverwechselbaren Feelgood-Groove sah er genau so als Geschenk Gottes wie seine Wirkung als Botschafter für eine bessere Welt. Und für die hat er nicht nur gekämpft, sondern durch leise und ruhige Töne etwas verändert. In den Vordergrund hat er sich dabei nicht gedrängt, und das verdient besonderen Respekt und Hochachtung. 




Menschen wie er werden in der Zukunft vermisst werden. Nicht nur deshalb bedaure ich seinen Tod, der mir trotz seines gesegneten Alters immer noch unwirklich vorkommt. Aber seine Musik lebt ewig weiter. Und falls im Himmel noch kein Calypso getanzt wird, haben die Engel nun den perfekten Lehrmeister. Farewell, lieber Harry! 



Montag, 17. April 2023

Oskar der Familienvater ~ Cefischer

Einige meiner Kinder-und Jugendbücher sind wahre Schätze und werden sorgfältig aufbewahrt. In die wenigsten schaue ich noch hinein geschweige denn lese sie durch, doch Oskar möchte ich an dieser Stelle einfach mal einen Artikel widmen. Geschenkt bekam ich ihn, weil wir damals einen Kater desselben Namens hatten, unser erster. Zwar war er schwarz und nicht gestreift wie der Buchheld, doch eine Familie hatte er zeitweise auch, die im Hasenstall in der Garage genächtigt hat. Eigentlich Oskars Schlafplatz, wenn das Wetter schlecht war. Da hat er ganz schön dumm aus dem Fell geguckt. Ähnlich wie Cefischers Kater, der häufig aber auch ganz schön gewitzt war. Vor allem, wenn es ums (Achtung Triggerwarnung!) Trinken, Rauchen und Spielen ging. Oder um die konventionelle Kindererziehung zu umgehen. Ich habe es geliebt!

 


 Oskar hat eine fünfköpfige Kinderschar und eine rassige Kätzin zur Frau ("Mutti"), der er treu ist, selbst wenn er gern mal einer anderen hinterherschaut. Aber immer sehr subtil und so, dass die Gattin nichts davon merkt. Ähnlich verhält es sich mit seinen anderen Lastern, denen er frönt, wenn sie nicht zugegen ist bzw. er glaubt, davonzukommen. Umgekehrt ist aber auch die Kätzin mit allen Wassern gewaschen, und nicht selten tappt er beduselt in eine ihrer (raffiniert weiblichen) Fallen. Denn das Rasseweib nimmt zwar das Familienleben sehr ernst, ist aber durchaus emanzipiert. Die Erziehung und Freizeitgestaltung der fünf Racker wird ebenbürtig aufgeteilt. Kein Wunder, dass Oskar da schnell überfordert ist... doch bei allen Querelen ist er ein gutmütiger und gerechter, manchmal etwas begriffsstutziger Vater, der viel mit seinen frechen Kindern unternimmt. Und sich sogar einen Hund kauft.

Ich habe immer viel über die liebevoll gezeichneten Comicstrips gelacht, die in den 1950er Jahren bis in die 1960er in der Frankfurter Illustrierten erschienen sind. Ein bisschen erinnert mich Oskar auch an meinen Opa Karl, der zwar kein Casanova war wie Oskar, aber auch gern geraucht hat und draußen noch meist einen Hut trug (wie Oskar). Außerdem liebte er Katzen. Ich glaube, das Buch hätte ihm gefallen, wenn er es gekannt hätte.

Ich jedenfalls konnte Stunden mit Oskar zubringen und über seine Streiche und Einfälle lachen. Das Buch kam häufig mit in den Urlaub, weil ich nicht einmal in der Fremde auf Oskar verzichten wollte. Und irgendwie hatte ich laut meiner Kinderlogik dann ja auch unseren Kater mit dabei, der daheim blieb. 

Politisch korrekt ist der gewitzte Familienkater Oskar schon lange nicht mehr - allein die bereits erwähnten Eigenschaften, ein unverbrämter Chauvinismus und die fragwürdige Kindererziehung sorgen dafür, dass seine Alltagsgeschichten trotz seiner damaligen Beliebtheit nicht mehr aufgelegt werden und vermutlich nur noch antiquarisch erhältlich sind. Oder zu fast unerschwinglichen Preisen.

 Was ihn mir auch besonders lieb macht, sind die ausdrucksstarken und ansprechend rundlichen Zeichnungen mit sparsamer Farbgebung (da Zeitungen damals vorwiegend schwarzweiß gedruckt wurden), die Carl Ernst Fischer / Cefischer mit dem Mund malte, nachdem er bei einem Bombenangriff 1944 beide Arme verloren hatte. Mit Oskar hat er sich einen Alter Ego erschaffen, der so liebenswert ist, dass ich es schade finde, sein Werk in Vergessenheit geraten zu lassen. Daher lege ich das Buch jedem Katzen- und Retrofan ans Herz.

Wie gesagt, für mich ist dieses Buch ein Schatz. Ich habe die unten verlinkte Sonderausgabe von Bertelsmann, doch wer sich schlau macht, findet im Internet noch einige Perlen und Abenteuer des allzu menschlichen Katzenkaters.




Donnerstag, 26. Januar 2023

Faszination "Lost Places"

 Die Idee zu diesem Artikel flog mich an, als ich heute Morgen in meiner Facebook-Timeline ein Foto meines Autorenkollegen Martin Meyer sah, das mich nachdenklich werden ließ. Es zeigte ein verlassenes Strandkiosk (vermutlich), mit einem verschlossenen Eingang und einem verbarrikadierten Fenster, über dem als einziges verbliebenes "Lebenszeichen" eine Werbetafel der Marke "delial" angebracht war.

 

 

Ich konnte nicht anders, als ein Herzchen und einen sinnigen Kommentar über Nostalgie und morbide Melancholie vom Stapel zu lassen, verknüpfe ich doch zudem mit der Sonnencremefirma delial einen Dänemarkurlaub als Achtjährige, von dem ich einen Wasserball von eben jener Marke als Souvenir mitnahm. 

Ich weiß nicht, wie es anderen beim Betrachten solcher Plätze in echt oder auf Fotos geht: ich werde tatsächlich ziemlich sentimental, während meine Phantasie oder selten gar die persönliche Erinnerung auf Hochtouren läuft. Schon immer bin ich fasziniert von alten, ausgedienten oder museumsreifen Dingen und Sujets, wozu mit Abstrichen auch die Lost Places gehören. Wer mag darin gewohnt haben? Warum wurde dem Anwesen in scheinbarer Eile der Rücken gekehrt, ohne das Inventar mitzunehmen, das häufig unbestreitbar hochwertig ist? Welche Schicksale und welche einschneidenden Geschehnisse mögen dazu geführt haben, den Platz, den man über Jahre oder Jahrzehnte in Schuss hielt, nicht mehr wertzuschätzen?

In meiner Nähe gibt es ein Seehotel, verwaist und verlassen, wo die Sonnenschirme ganzjährig auf der Terrasse stehen, als müssten sie ihren Dienst verrichten, bis sie verrotten. Was damit werden soll, weiß niemand. Genausowenig wie mit tausenden anderen Immobilien, die entweder insolvent geworden sind oder keine Nachmieter gefunden haben. In meiner Stadt musste an Silvester letztes Jahr eine Bäckerei nach über 150 Jahren den Betrieb einstellen. Ich hoffe, dass sich bald neue Betreiber finden, die das Unternehmen mit viel Herzblut weiterführen, denn es ist bei weitem nicht das einzige Gebäude, das schon seit der Kindheit einen nicht unbedeutenden Teil in meinem Leben spielt(e). Das Hallenbad mit der eiskalten Steinbank, in dem ich als Grundschülerin Schwimmunterricht hatte, existiert nur noch unterirdisch. 

 


 

Mittlerweile gibt es so viele Lost Places auf der Welt - seien das Fabriken, Kliniken, Kinos, Tankstellen, Bahnhöfe oder Privathäuser, ja sogar komplette Städte -, dass vielerorts und im Internet Touren angeboten werden, auf denen man sie abklappern und besichtigen kann. Reizen würde mich das schon. Von innen und aus der Nähe sieht man solche Örtlichkeiten doch eher weniger, und ich meine, man braucht dazu eine besondere Genehmigung. Es scheint dennoch eine beliebte Freizeitbeschäftigung zu sein, Altes und Verlassenes zu erkunden. Manchmal scheint mir allerdings Trittsicherheit und Unerschrockenheit vonnöten oder wenigstens von Vorteil, denn gelegentlich sind die Lost Places bröckelnde Ruinen oder Klettergerüste. Außerdem würde ich mich wohl selbst in Begleitung gerade bei Nacht ordentlich gruseln.

Jedenfalls beflügeln solche Fotos den Geschichtenerzähler und den Nostalgiefan in mir und sorgen für eine Prise Wehmut gepaart mit Neugier, fast Sensationslust am Verfall. Trotzdem ist es traurig (wenn  auch angenehm schaurig), dass es so viele Orte gibt, an denen früher Unmengen von Leuten zusammenkamen (Hotels, Bahnhofshallen, öffentliche und soziale Einrichtungen), die ein beliebter Treffpunkt waren oder ein Tante-Emma-Laden, der bis zuletzt ums Überleben kämpfte. Die Schicksale der Lost Places scheinen endlos, und fast genauso endlos ist daher die Faszination derselben. Die Vergangenheit hat - zumindest für mich - viel zu erzählen und sollte nie ganz in Vergessenheit geraten. Aus ihr kann man lernen und zukünftige Fehler vermeiden, wenn man klug ist. Und was könnte man nicht alles bewerkstelligen, wenn man all den Lost Places auf irgendeine Weise wieder Leben einhauchte und sie renovieren würde. Vermutlich lohnt es aber den Aufwand nicht. 

 

 

Man neigt ohnehin dazu, Altes wegzuwerfen statt zu reparieren. Oder mit Graffiti zu beschmieren. Nicht, dass ich das bewerten möchte, denn mit Immobilien und veraltetem Baumaterial kenne ich mich nicht aus. Ein bisschen mehr Respekt hätten solche Häuser allerdings schon verdient. Allein schon, weil sie Geschichten erzählen, die nicht jeder versteht bzw. man sich seine Version dazu vorstellen  und die Phantasie auf Reisen schicken kann. 

Fotos: Tama66 / Pixabay

Montag, 12. Dezember 2022

Einen weiteren Schatz gehoben! Und eine philosophische Betrachtung über das Handwerk.

Seit einiger Zeit bin ich fleißig dabei, meine alten Kinder- und Jugendbücher zusammenzutragen. Das ist gar nicht so einfach, denn abgesehen davon, dass sie schon recht alt sind, hatte ich viele Bücher als Sondereditionen oder vom Schneider-Verlag, der seinerzeit sogar einen Hauslieferservice anbot (die "belesenen" Älteren erinnern sich). 

 


 Ein Märchenbuch aus den späten 1970ern, das ich besonders mochte, obwohl es nicht meines war, habe ich tatsächlich durch eine Online-Anfrage wiedergefunden. Ich war mehr als perplex und glücklich, es wieder in den Händen halten zu können, nachdem es mir fix über Booklooker geschickt worden war. Allerdings als "stark abgenutzt" was auf den ersten Blick überhaupt nicht zu erkennen war. Auf den zweiten bzw. beim Durchblättern dann schon: sämtliche hinteren Seiten lösten sich. Das finde ich zwar sehr bedauerlich, trotzdem überwiegt die Freude, wieder in dieses außergewöhnliche Buch reinlesen zu können und die unterschiedlichen, aber allesamt ausdrucksvollen Illustrationen zu bewundern. 

 

Die heiß aussehende Gänseliesel war mein Favorit...

Vielleicht finde ich jemanden, der Bücher bindet, damit es wieder zu altem Glanz kommt, den es mehr als verdient hat, weil ich so viel Spaß daran habe, nachdem ich gar nicht wirklich gehofft habe, mal wieder darin schmökern zu können. Und das nicht nur aus nostalgischen Gründen. Ich finde es auch vom ästhetischen Standpunkt aus interessant und ansprechend. Die Geschichten sowieso, da sie aus bekannten und weniger bekannten Märchen und Fabeln bestehen.

 

...und die Hexe aus Rapunzel ein frühkindliches Trauma.

 

 Leider sind Berufe wie Buchbinder und sonstige handwerklichen Begabungen im allgemeinen nicht mehr weit verbreitet. Ich frage mich manchmal, wie das in ein paar Jahrzehnten aussehen soll, wenn es keine Handwerker und Elektriker mehr gibt (was ich nicht hoffe). Mir wäre es sehr wichtig, das Handwerk zu boostern und attraktiv zu bewerben, damit die Berufswelt abwechslungsreich bleibt und ausgeglichen. Praktische Jobs und diesbezügliche Fachkräfte sind in meinen Augen genauso ehrenwert wie Lehrer oder Arzt. Oder IT-Manager.  Und bringen häufig die größere Befriedigung.

Wenn es nämlich so weitergeht, dass Handwerk keinen goldenen Boden mehr hat und es gerade mal noch als Hilfsarbeiterjob gilt, den man insgeheim belächelt, haust die Menschheit wahrscheinlich früher oder später wieder in Höhlen. Und das meine ich vollkommen ernst. 

Manchmal habe ich eh den Eindruck, dass wir uns irgendwie rückwärts entwickeln in bestimmten Bereichen. Natürlich kann ich mich täuschen, aber wenn ich mir die allgemeine Lage / die Gesamtsituation in Deutschland ansehe, gibt es wenig, was mich meine Meinung ändern lässt. Als ich dieses Blog begonnen habe, schrieb ich in meine "Über mich"-Seite, dass ich froh bin, in einer relativ sicheren Zeit zu leben. Würde ich heute nicht mehr behaupten. In neun Jahren hat sich viel getan. Zu dumm.




Montag, 28. November 2022

Der Weihnachtsflohmarkt. Jedes Jahr etwas Besonderes.

 Jedes Jahr am ersten Adventwochenende findet in meiner Stadt ein karitativer, riesengroßer Weihnachtsflohmarkt statt. Für mich das Highlight der Vorweihnachtszeit, da ich es liebe, in alten Dingen zu stöbern und mir mehr als einen Hauch Nostalgie um die Nase wehen zu lassen. Selbst wenn ich dort nichts finde, das ich mit nach Hause nehme, freue ich mich, als Besucher durch die (oft vollgestopften) Gänge zu schlendern.

 

Diesjährige Ausbeute

 

Zum ersten Mal hatte man den Markt dieses Jahr in die frisch renovierte Stadthalle umgesiedelt, und ich hatte den Eindruck, dass trotz der enormen Geräumigkeit weniger Waren angeboten wurden als sonst. Es gab viel Kram, Geschirr und Glaswaren, dafür weniger Bücher und Spielzeug. Sehr gern halte ich mich bei den Kinder- und Jugendbüchern auf, da es dort mit ein wenig Glück das eine oder andere Schätzchen gibt, das mir als kleines Mädchen viel bedeutet hat - und ich hatte viele Bücher. Eines davon war das blaue im Foto, das ich mitgenommen habe, ohne zu wissen, ob ich es besonders mochte. Aber die dezente Farbgebung und das Design haben mich sofort darauf gebracht, dass ich es gehabt haben muss und wohl mehrmals gelesen habe.

 


 

Und in der Tat sind die ABC-Geschichten, die sich das Ehepaar Anton und Lena ausdenkt, um Anton das Alphabet näherzubringen, keine Unbekannten. Ich weiß nicht, ob sie - abgesehen von der alten Rechtschreibung - überhaupt noch zeitgemäß sind, denn ältere Leute als Protagonisten sind nicht so wirklich die Zielgruppe für Leseanfänger, oder? Aber seinerzeit mochte ich sie sehr und finde sie immer noch rührend - Lena und Anton und die Geschichten. Letztere sind einfach, aber auch lehrreich und originell. Wer käme bei der C-Geschichte zum Beispiel auf die Stadt Cincinnati im US-Bundesstaat Ohio? 

Auf die anderen Bücher bin ich sehr gespannt und hoffe, dass ich bald zum Lesen komme. Erfahrungsgemäß habe ich nämlich eher im Sommer Zeit und Muße dazu.

Beinahe nicht fassen konnte ich mein Schnäppchenglück bei den Tassen. Wir haben die Gedecke "Fasan" und "Burgenland" von Villeroy & Boch mühsam auf Online-Börsen zusammengetragen und schon lange als Frühstücksgeschirr, aber die Tassen sind nicht mehr so schön, einige angeschlagen oder mit Sprüngen bzw. ominösen Kreuzchen versehen. Außerdem muss recht schnell immer die Spülmaschine angeworfen werden. Diese vier "Fasan"-Tassen sind wie neu und haben mich nur vier Euro gekostet. Und das, wo auf einschlägigen Online-Plattformen bereits sechs oder acht Euro pro Tasse verlangt wird.

Manchmal, oder eigentlich sehr oft, sind es halt doch die kleinen Dinge, die glücklich machen. 😍 In dem Sinne wünsche ich euch eine besinnliche und glückliche Adventszeit. Und vergesst nicht, dass sie nicht nur aus Kitsch, Kommerz und Last Christmas besteht...

Um ein wenig in Stimmung zu kommen, empfehle ich meinen Pagewizz-Artikel über Weihnachtslieder. *Klick* Wobei ich zugebe, dass er nicht mehr so ganz meinem Geschmack entspricht. Zwar höre ich immer noch gern Neil Diamond, Nat King Cole und Dean Martin, aber die deutschen, alten Kirchenlieder wie "Macht hoch die Tür" und "Es ist ein Ros' entsprungen" haben mittlerweile für mich auch ihren Reiz. Besonders die poetischen Texte verkünden die Botschaft von Weihnachten sehr treffend.