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Montag, 21. Juni 2021

Meinung und Fazit zu "Die Pendragon Legende" ~ Antal Szerb

Schade. Der anfangs spannende und originelle Roman hat mich merkwürdig unbefriedigt zurückgelassen. Enttäuscht auch. Ich konnte dem wirren Treiben um die Geheimnisse der Pendragons respektive der Earls of Gwynedd nicht mehr folgen, als sich die Ereignisse überschlagen und herauskommt, dass der Spion auf Llanvygan arglos alles der Drahtzieherin mitteilt, seit der ungarische Doktor walisischen Boden betreten hat. Was genau, ist mir immer noch ein Rätsel. Ging es nun um eine Verschwörung, die Suche nach dem ewigen Leben oder einfach um einen irren Drogentrip, den der Autor seinen Erzähler Janos Bátky erleben ließ? Ich kann es nicht sagen. Was mich umso mehr irritiert, da ich immer gerne mitfiebere und mitrate und oft auf der richtigen Fährte bin.

 



Vielleicht sind mir Bücher von solch hochgelobten Autoren einfach zu hoch und zu intellektuell, als dass ich sie durchschauen könnte. Oder es war zu heiß in den letzten Tagen mit 35° im Schatten. Hilfreich wäre wohl eine zweite Meinung, denn ich glaube schon, dass sich der gute Antal durchaus etwas dabei gedacht hat. Also wenn jemand das Buch gelesen und verstanden hat, scheut euch nicht, mir eure Erklärung im Kommentarbereich mitzuteilen, so absurd sie auch sein mag. (O;

Der negative Wendepunkt für mich kam mit dem Verschwinden Cynthias. Bátky, Osborne und die resolute Deutsche Lene Kretsch - Anhängerin der neuen Sachlichkeit - machen sich auf die Suche nach ihr, wobei sie sich trennen. Bákty wirft wohl irgendwas ein; anders sind mir die absonderlichen Visionen nicht erklärbar, die ihn heimsuchen, als er auf einen würfelförmigen Felsen in der Pampa trifft, in (!) dem sich Dinge abspielen, die ich ziemlich grausig fand. Es geht um Menschenopfer und finstere Mächte; etwas, das mir auch in schriftlicher Form nicht behagt. Der Ahnherr Asaph Pendragon entführt einen kleinen Jungen, den der aktuelle Earl Owain of Gwynedd rettet, indem er seine ehemalige Geliebte opfert, die den reichen Mr. Roscoe geheiratet hat, der den Earl später in seinem Testament bedenkt, wenn herauskommt, dass Roscoe unter "künstlich herbeigeführten Umständen" starb. Ein ziemliches Kuddelmuddel also, aus dem ich nicht schlau wurde. Was hatte Asaph Pendragon damit zu tun? Und ist er wahrhaftig wieder auferstanden, als mitternächtlicher Reiter und Beschützer des jetzigen Earls? Warum greift er zu solch drastischen Mitteln wie Menschenopfer und hält schwarze Messen ab? Und warum wollte man den akuellen Earl überhaupt aus dem Weg schaffen - ein Beweis für den Mord an Roscoe durch seine Witwe wurde doch nie erbracht? 

Fragen über Fragen, und ich hätte noch mehr. War Bátky nur zufällig da oder durch einen Wink des Schicksals? Ich weiß es einfach nicht und empfinde mein eifriges Lesen im Nachhinein als vergeudete Zeit (wobei ich genug habe - trotzdem fühle ich mich irgendwie verkohlt).

Fazit: Leider kein tolles. Ich habe mit Staunen festgestellt, dass ich den Roman während der Leserunde vor über zehn Jahren mit drei Sternen von fünf bewertet habe, was ich als ziemlich gut bezeichnen würde. Wahrscheinlich ist mir durch den gemeinsamen Austausch damals einiges klar geworden, das jetzt immer noch nebulös und völlig konfus erscheint. Da ich mich an überhaupt nichts mehr erinnern kann bis auf die Axolotl als Versuchstiere des Earls, muss ich bei meiner aktuellen Bewertung einen Stern abziehen. Es tut mir selbst leid, da ich wie gesagt zu Beginn gefesselt war von der Geschichte, auch viele Sätze gelungen fand und das Setting und die spukige Atmosphäre genau mein Ding sind. Eigentlich. 

In der "Pendragon-Legende" kam für mich zu viel (Pseudo-) Intellekt und ein gegen Ende zu fantastisches Element vor, das in die eher nüchtern gehaltene Erzählung nach meinem Empfinden nicht gepasst hat. Ganz abgesehen davon, dass mir der Protagonist nicht sympathischer wurde im Lauf der Geschichte, vergebe ich angestrengte zwei Sterne.


💫💫



Donnerstag, 17. Juni 2021

Ich lese gerade: "Die Pendragon Legende" von Antal Szerb

 Dies ist einer meiner seltenen Re-Reads. Vor zwölf Jahren habe ich es gemeinsam mit einer Freundin online gelesen und diskutiert und muss zu meiner Schmach gestehen, dass nichts, absolut nichts hängengeblieben ist. Und das, wo der Roman von 1934 (!) von einem Besuch auf einem unheimlichen Schloss in Wales handelt, auf das der Earl of Gwynedd den ungarischen, etwas umständlichen "Historiosoziologen" Janos Bátky einlädt.

 


 

Inhaltlich klingt es wirklich interessant: mehr zufällig (?) wird der Ich-Erzähler mit zwei anderen Männern von dem Earl eingeladen, der zudem Graf des Geschlechts Pendragon ist, dessen Familiengeschichte weit zurückreicht und einige höchst sonderbare Persönlichkeiten hervorgebracht hat, von denen die Bewohner des Dorfes glauben, sie trieben nachts auf der Ruine Pendragon ihr Unwesen. Kurz: es spukt auf Pendragon und auch auf Llanvygan wie auf jedem britischen alten Schloss, das etwas auf sich hält. Der Earl selbst ist ebenfalls ein schräger Vogel: Getreu dem Motto auf dem Familienwappen "Ich glaube an die Auferstehung des Fleisches" tüftelt er an einer Formel zum Ewigen Leben. Nicht von ungefähr, hat doch der berüchtigte Asaph Pendragon aka mitternächtlicher Reiter den alchimistischen Orden der Rosenkreuzer gegründet, die so geheim sind, dass die Freimaurer sich dagegen wie Plaudertaschen ausnehmen. Aber man weiß immerhin, dass sie dem ewigen irdischen Leben auf der Spur waren, nachdem sie herausgefunden hatten, wie man Gold herstellt.

Mit auf Schloss Llanvygan - dem Wohnsitz des Earls in unmittelbarer Nachbarschaft zu Pendragon - befinden sich der draufgängerische Maloney aus Connemara, der junge schöne Neffe des Earls, Osborne, und dessen Schwester Cynthia, in die Bátky sich verliebt. Zumindest nachdem sich herausstellt, dass sie ihm auf Bildungsebene und intellektuell offenbar nicht das Wasser reichen kann, weil sie Béla Bartok für einen Russen hält. Und spätestens hier fing der Kerl an, mir komplett unsympathisch zu werden. Seine sexistische und oberflächliche Meinung über Frauen würde in einem aktuellen Roman vermutlich zensiert bzw. entschärft werden, denn sie zieht nicht nur überzeugten Feministinnen die Birkenstöcke aus. Und ich bin in der Hinsicht wirklich nicht empfindlich.

Leider hat mir das den vielversprechenden Anfang etwas verdorben. Zwar lese ich überwiegend und bevorzugt über männliche Protagonisten, doch wer Frauen nur als hübsches Beiwerk versteht oder arglistige Ränkeschmiederinnen, kann nicht viel Menschenkenntnis besitzen. Mir kommt der belesene Janos Bátky mindestens ebenso hohl vor wie Cynthia, die ihn wahrscheinlich ohnehin an der Nase herumführt. Denn welche anständige Frau entflammt schon für einen so erbärmlichen Chauvi? Oder sie ist tatsächlich so dumm, wie Bátky vermutet.

Die eigentliche Geschichte gefällt mir bisher ganz gut. Irgendwie ist die Atmosphäre spooky und alles sehr rätselhaft, was auf Schloss Llanvygan und auch außerhalb bei der benachbarten Pendragon-Ruine geschieht. Etwas langatmig erzählt, vielleicht, aber solange mich eine Story fesselt und ich mehr wissen will, ist das ok. Als Maloney, Osborne und Bátky in der Nacht eine mysteriöse Entdeckung am See machen, hatte ich tatsächlich Gänsehaut. Es scheint fast schon so, als sei der Earl zumindest teilweise erfolgreich in seiner Forschung; das jedenfalls war mein Eindruck.

Ich bin jetzt bei ca. 100 Seiten (etwas mehr als ein Viertel des Buches) und lese mit gemischten Gefühlen weiter. Einerseits bin ich natürlich gespannt auf die Lösung des Geheimnisses vom Earl und warum man den ungarischen "Doktor" hat holen lassen, der ganz zu Beginn einen Drohanruf erhält; andererseits vergällen mir die eindeutige Arroganz und Besserwisserei des ach so schlauen Protagonisten ein bisschen die Lesefreude. Ob eine vollständige Rezension folgt, kann ich daher noch nicht sagen. Ein Fazit werde ich auf jeden Fall dalassen.



Mittwoch, 8. April 2020

Filme in Zeiten von Corona (V): "The Others" (2001)

Bei diesem Film mit einer fantastischen Nicole Kidman, der seit Jahren zu einem meiner Lieblingsfilme zählt, weiß ich gar nicht recht, ob ich ihn gut beschreiben kann, ohne allzu viel zu verraten. Ich versuche es trotzdem, denn wer auf Mystery-Thriller und Grusel ohne Splatter und Gore steht, der sollte sich "The Others" unbedingt ansehen! 




 Inhalt: Während des zweiten Weltkriegs: auf den abgeschiedenen Kanalinseln lebt die streng katholische Grace in einem alten Herrenhaus ohne Elektrizität mit ihren beiden Kindern Anne und Nicholas, die unter einer seltenen Krankheit leiden: sie reagieren allergisch auf Licht und müssen sich stets in abgedunkelten Räumen aufhalten, da sie sonst sterben könnten. Ihr Mann gilt als im Krieg verschollen, doch Grace weigert sich, seinen Tod zu akzeptieren und hofft auf seine Rückkehr. 

Nachdem die Dienerschaft das Anwesen quasi grundlos und über Nacht verlassen hat, gibt Grace eine Anzeige auf der Suche nach neuen Dienern auf. Bevor sie sie abschicken kann, klopfen drei Leute an ihre Tür, die behaupten, das Haus von früher zu kennen und die ihre Dienste anbieten. Schon bald merkt Grace, dass mit der rätselhaften Berta Mills, dem stummen Mädchen Lydia und dem Gärtner Tuttle etwas nicht stimmt. Seit deren Ankunft geschehen merkwürdige Dinge im Haus, die Grace mit der Zeit an ihrem Verstand zweifeln lassen. Doch Geister gibt es nicht. Oder doch?

Meinung:  "The Others" ist wirklich anders. Regie geführt hat Alejandro Amenábar, ein Spanier. Und ich meine, das ist zu erkennen, denn qualitativ erinnert der Film stark an "Crimson Peak" und "Das Waisenhaus". Der Horror kommt nicht mit dem Holzhammer daher, sondern subtil gänsehauterzeugend und allmählich, bis er sich zu einem überraschenden und bizarren Showdown verdichtet, mit dem vermutlich kein Zuschauer gerechnet hat. Auch das macht "The Others" einzigartig. Man ist einfach verblüfft und erstaunt über den raffinierten Schluss, der es eigentlich überflüssig macht, sich den Film ein zweites Mal anzusehen. Wären da nicht die tollen Leistungen der Schauspieler (allen voran Nicole Kidman und Fionnula Flanagan als Hauswirtschafterin Berta Mills und die Kinder, die ihre Parts als widerspenstige Anne und als der ängstliche Nicholas überzeugend spielen) und die düstere Atmosphäre des Herrenhauses, das einen sofort gefangen nimmt. Die Idee mit den Post Mortem-Fotos, die im ausgehenden 19. Jahrhundert groß in Mode waren, trägt viel zum unheimlichen Geschehen bei und lässt den Zuschauer grausig fasziniert auf spätere Google-Bildersuche gehen (zumindest mich). Gefallen hat mir auch Christopher Ecclestone als kurzzeitig heimkehrender Ehemann, der sich von seiner Familie verabschiedet, denn bleiben kann er nicht...

Einen kleinen Kritikpunkt habe ich, der allerdings nur ins Gewicht fällt, wenn man "The Others" nicht als reine Unterhaltung betrachtet, sondern vielleicht als Wahrheit des Regisseurs, der auch das Drehbuch schrieb. Vorsicht, jetzt kommt er doch noch, der winzige Spoiler: Es wird im Film viel von "verschiedenen Wahrheiten" geredet, und dass die von Grace derart verzerrt war und sie enttäuscht wird von dem, was sie ihren Kindern beibringt (sie lässt sie in der Bibel lesen, und ja, dabei ist sie ziemlich penetrant, streng und pedantisch), empfinde ich als gläubiger Mensch ein wenig geringschätzig. Die biblischen Geschichten am Ende als Märchen hinzustellen und Grace' Glauben derart krass zu desillusionieren, das war dann doch nicht so fein. Andererseits ist der Schluss plausibel, wenn man ihn vom Aspekt des alten Volksglauben ableitet.




 Fazit und Bewertung:  Da ich ein Fan von gut gemachten Schauergeschichten in Literatur und Kino bin und diese nicht so leicht zu finden sind, erhält der Film trotz dem etwas bitteren Nachgeschmack


💫💫💫💫




Samstag, 14. Oktober 2017

Meine Halloween-Favoriten

Bald ist Halloween, die Zeit des Gruselns. Manche gruseln sich ja schon, wenn das Wetter schlechter wird und die Dunkelheit früh anbricht - so wie ich. Bin ein absoluter Sommermensch und hätte nichts dagegen, sogar Weihnachten unter Palmen am Strand zu feiern. Schnee würde ich nicht wirklich vermissen. Das behaupte ich zumindest mal.

Aber ich gebe zu: der Herbst hat auch seine schönen Zeiten. Kuscheln auf dem Sofa, Tee trinken und ein gutes Buch lesen oder spannende Filme glotzen, das mache ich eher in der kalten Jahreszeit. Daher habe ich mal ein kleines Video zusammengebastelt, das meine literarischen und cineastisch-medialen Schmankerln vereint. Vielleicht findet ihr die eine oder andere Anregung für einen gelungenen Grusel-Herbst.





Wenn ihr eure eigenen Gruselschocker habt und mir ein Buch oder Film des Genres empfehlen möchtet, ruhig her damit im Kommentarbereich. Aber bitte kein Splatter/Gore und diverse "nervige Teenager verirren sich in altem Haus das ihnen Böses will"-Filme. (O;



Dienstag, 3. Oktober 2017

Die BBC-Serie "The Living and the Dead" ~ Grusel für Fortgeschrittene

An und für sich bin ich für Serien und Filme, in denen ich die Schauspieler nicht kenne oder nicht mag, nicht so sehr zu haben. Aber ich liebe Geschichten aus dem Viktorianischen, und wenn es dabei noch um Grusel und unheimliche Phänomene geht, ist mein Interesse unweigerlich geweckt. So auch bei "The Living and the Dead" mit Colin *Merlin* Morgan als Nathan Appleby und Charlotte Spencer als seine Frau Charlotte. Leider gibt es nur eine Staffel mit sechs Folgen, aber die hat es in sich!

Inhalt: Somerset, England, 1894: Der Psychologe und Farm-Neuling Nathan Appleby kehrt nach dem Tod seiner Mutter in das elterliche Anwesen Shepzoy zurück, um die dortige Landwirtschaft wieder aufleben zu lassen. Angestellte fürchten um ihren Job, doch er behält die Belegschaft komplett und sorgt mit seiner ehrgeizigen Frau dafür, dass sogar eine Eisenbahnstrecke nahe Shepzoy erschlossen wird. Es gibt Arbeit für alle, und die neuen Besitzer geben sich Mühe, zu lernen. Besonders Charlotte blüht als Gutsherrin auf. Doch mit der Familie Appleby zieht das Böse in die kleine Gemeinde. Das behaupten zumindest die Bewohner, und ganz von der Hand zu weisen ist ihre Befürchtung nicht. Unheimliche Dinge geschehen mit der Tochter des Reverends, die plötzlich von Geistern besessen zu sein scheint und in Absencen mit der Stimme von Nathans Sohn aus erster Ehe spricht. Der kleine Gabriel ertrank beim Spielen, als Nathan keine Zeit für ihn hatte. Seitdem plagen ihn Schuldgefühle und Vorwürfe.

Charlotte hofft, seiner Melancholie mit dem Ortswechsel ein Ende zu setzen, doch Nathan steigert sich immer mehr in die Vorstellung hinein, dass Gabriel ihm etwas sagen möchte und ihn sucht. Als er eine Zeichnung findet, die "einen Engel mit einem leuchtenden Buch" zeigt, ist er überzeugt, eine geheime Botschaft erhalten zu haben und begibt sich weiter auf Geistersuche. Tatsächlich erscheint ihm eine junge Frau mit einem Tablet aus dem Jahr 2016 (das Nathan 1894 natürlich nicht zu benennen wusste), die jedes Mal auf rätselhafte Weise verschwindet, sobald er mit ihr reden will. Nicht nur die jetzt schwangere und pragmatische Ehefrau leidet darunter; alte, morbide Geschichten kommen zutage, die sich in Shepzoy ereigneten und über die seinerzeit diskret das Mäntelchen des Schweigens gebreitet wurde. Die Ereignisse der Vergangenheit werden zur Gefahr für jeden der Bewohner, die nun um ihr Leben bangen oder gar zum Selbstmord getrieben werden. Das Dorf wendet sich gegen die Applebys, das Personal kündigt, und am Ende hat Nathan keinen größeren Wunsch, als wieder mit Gabriel vereint zu sein... aber ist das so einfach, wie es scheint?

Meinung: Beeindruckend atmosphärisches Setting, die passende schaurige Musik, schöne Bilder und wirklich tolle Darsteller in einer originellen und raffinierten Handlung haben mich zu einem Fan der kurzen, aber feinen und sorgfältig inszenierten Serie gemacht. Anfangs ist der Aufbau etwas gewöhnungsbedürftig, vor allem, wenn man bedenkt, wie rasant das Tempo einer Serie heute eigentlich ist, um die Zuschauer bei Laune zu halten. In Shepzoy drehen sich die Räder noch langsamer, und vielleicht ist das sogar beabsichtigt: das Personal steht Veränderungen und Fortschritt mit Misstrauen gegenüber; Charlotte, die fotografiert und Zugmaschinen einführt, daher unter Generalverdacht. Und irgendwann beginnt man zu verstehen, dass die Menschen damals in einer ähnlichen Situation des Umbruchs waren wie wir heute, in der die Technik den Ton angibt. Sozialkritisch ist "The Living and the Dead" also auch noch!





Besonders berührend fand ich die Episode mit dem Bergarbeiter-Buben Charlie, der von den roten Brüdern geholt wird, weil man ihn damals offenbar vergessen / er den Weg nicht gefunden hat. Teilweise konnte ich allerdings ein leichtes Unbehagen nicht abschütteln, etwa wenn Nathan mit einen Ouija-Brett hantiert oder die Pfarrerstochter Harriett hypnotisiert. Das war mir ein bisschen zu klischeehaft und letzteres außerdem zum Fremdschämen.

Die letzten beiden Folgen heben dann die Zeit vollständig auf. Erst war es merkwürdig, bis man die Zusammenhänge erkennt und einer dieser Aha!-Effekte einsetzt, die ich an Geschichten so sehr schätze. Wirklich eine super durchdachte Story, die man nicht nur zu Halloween anschauen kann.


Bewertung:
👍👍👍👍



Dienstag, 21. März 2017

El Orfanato: "Das Waisenhaus" von J. A. Bayona (2006)

In Spanien haben Grusel- und Horrorfilme Tradition. Dank namhafter Regisseure wie Gulliermo del Toro haben sie in den letzten Jahren wieder Aufwind erhalten und finden auch beim internationalen Publikum Anklang. Nicht nur "Pans Labyrinth" oder "Crimson Peak" haben das Zeug zum Gruselklassiker, sondern auch "Das Waisenhaus", bei dem del Toro als ausführender Produzent mitgewirkt hat. Das sieht man dem Film auch an - und vielleicht macht ihn gerade das für mich so besonders, denn das Setting, Musik und die Bilder erinnern stark an das märchenhaft anmutende Markenzeichen des spanischen Regisseurs.

Inhalt: Die ehemalige Waise Laura (Belén Rueda), Ende dreißig, erfüllt sich einen Herzenswunsch und zieht mit ihrem Mann Carlos und dem adoptierten Sohn Simon in das Haus ihrer Kindheit: ein schon lange leerstehendes Waisenhaus am Strand, das sie mit Carlos renoviert, um noch ein paar mehr Pflegekinder aufnehmen zu können, hat sie doch selbst bis zu ihrer Adoption eine glückliche Zeit mit ihren fünf Freunden dort verbracht.
 
Doch während der Einweihungsfeier gerät die Idylle aus dem Ruder: Simon, der sich gern mit imaginären Freunden umgibt, will Laura die versteckte Wohnung seines neuen Kumpels Tomas zeigen, statt die neuen Kinder zu begrüßen. Laura verliert die Nerven und ohrfeigt Simon, der ohnehin ziemlich merkwürdig und rebellisch ist, seit er Tomas' Bekanntschaft geschlossen hat. Kurz darauf sieht sie einen kleinen Jungen mit einem Sack über dem Kopf, der sich ihr gegenüber ebenfalls recht aggressiv verhält, als sie ihn anspricht. Danach sind er und auch Simon spurlos verschwunden. Noch seltsamer: Außer Laura scheint den schauderhaft maskierten Jungen niemand gesehen zu haben.

Eine monatelange Suche nach Simon beginnt, der an HIV leidet und ohne Medikamente nicht lange überlebensfähig ist. Laura sieht ihn zuletzt in der Bucht, in der er angeblich ein paar Tage zuvor mit Tomas gespielt hat, doch die Polizei kann ihn nicht finden. Außerdem taucht eine gruselig vertrocknete alte Frau auf, die sich vom Jugendamt ausgibt und Auskunft über Simon verlangt, in Wahrheit aber darauf aus ist, sich Zugang zum Haus zu verschaffen, um eine Tat zu vertuschen, die dreißig Jahre zurückliegt...

Für Laura gibt es da klar einen Zusammenhang, aber fast alles, was sie eigenmächtig in die Wege leitet, wird als das Hirngespinst einer verzweifelten Mutter gedeutet. Selbst der sanftmütige Carlos zerbricht an ihrer Hartnäckigkeit, Simon zu finden und zieht vorübergehend aus. Zeit für Laura, sich mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen. Was sie buchstäblich in den Tiefen des Hauses findet, ist der Alptraum jeder Mutter - und ihre Erlösung.





Meinung (Vorsicht: leichte Spoiler!): Dieser Film hat alles. Wirklich alles, was Fans von echtem, subtilem und zugleich handfestem Grusel gern sehen: Ein unheimliches Haus mit dunkler Vergangenheit, zwielichtige Erscheinungen (sind sie echt oder existieren sie nur in Lauras Phantasie und der von Geraldine Chaplin, die hier einen kurzen, aber obligatorischen Auftritt als Medium hat?), spannende Figuren und symbolträchtiges Spiel(-zeug), eine originelle und mystische Handlung und so große Gefühle, dass ich am Ende ganz ungeniert laut geschluchzt habe. Das Peter Pan-Motiv spielt eine Rolle, denn alle "imaginären" Kinder, mit denen Simon sich befreundet, werden nie erwachsen. Sie sind wild und wollen spielen, so wie früher mit ihrer Freundin Laura. Die hat nicht mehr mitbekommen, dass im Waisenhaus damals ein missgestalteter Junge versteckt worden war, den ihre Freunde in die Bucht gelockt und ihn aufgefordert hatten, den Sack vom Kopf zu nehmen. Aus Scham traut sich Tomas nicht und ertrinkt, als die Flut kommt.

Das Schicksal des kleinen Tomas hat mich neben der Familientragödie am meisten berührt, aber es gibt viele Momente und Details im Film, da möchte man einfach nur überwältigt applaudieren. Originaliät, schöne Bilder und nicht zuletzt die getragene Musik von Fernando Velazques machen den Film zu einem meiner All-Time-Favorites. Auch die Schluss-Szene mit Carlos und seinem wiedergefundenem Sankt Antonio-Amulett ist einfach nur wow. Taschentücher bereithalten!


Bewertung: 

👍👍👍👍👍




Sonntag, 5. März 2017

"Haunted" - Haus der Geister (1995)

Gemeinsam mit einigen Uralt-Klassikern war dieser Film wohl mein Einstieg ins Gruselgenre und hat meine Vorliebe für Schauergeschichten geprägt. Vor langer Zeit schon gesehen, habe ich die (leider qualitativ ausbaufähige) DVD mal wieder ausgegraben. Und irgendwie mag ich "Haunted" immer noch, was besonders den tollen Hauptdarstellern (allen voran Aidan Quinn mit seinem verwunderten Kinderblick) und der unheimlichen Atmosphäre geschuldet ist.





Inhalt: Amerika/England, 1925. Der Psychologieprofessor David Ash (Aidan Quinn) glaubt nicht an Übersinnliches, seit er als Kind seine Zwillingsschwester Juliet bei einem Unglück verloren hat, an dem er sich schuldig fühlt. In seinen Vorlesungen und auf Seáncen tut er alles, um den Schwindel um Tote im Jenseits zu widerlegen, die Kontakt zu den Lebenden aufnehmen möchten. Als ein Hilferuf von Nancy Webb (Anna Massey) aus Edbrook Hall in England kommt, reist er dorthin, um die alte Frau von ihren angeblichen Geistern zu befreien. Mit ihr im Anwesen leben drei Geschwister, die sich in jeder Hinsicht sonderbar benehmen. So ist Simon ein alberner Kindskopf, der nur wüste Streiche im Kopf hat, und der distanziert-joviale Robert (Anthony Andrews aus "Brideshead Revisited") scheint eine inzestuöse Beziehung zu Christina (Kate Beckinsale) zu unterhalten.

Und nicht nur das mutet sonderbar an in Edbrook Hall. Außer der überspannten "Nanny" und den spinnerten Eigenheiten der verschworenen Drei sieht und erlebt David einiges, was ihn an seinem rationalen Wissenschafterverstand (ver-)zweifeln lässt. Zu allem Überfluss verliebt er sich natürlich in die betörend schöne Christina und handelt sich damit nicht nur Roberts Eifersucht ein: Christina ist besitzergreifender, als David vermutet hätte... und warum geistert Davids Schwester Juliet eigentlich auf dem Anwesen herum?

Meinung: "Haunted" ist klassischer Grusel. Kein Klischee wird ausgelassen. Ein traumatisierter Protagonist wird in ein unheimliches Umfeld geworfen, das er mit allen Mitteln und seiner Vernunft  zu erklären versucht, und auch die geschwisterliche Überliebe ist in Schauergeschichten ein beliebtes, weil verstörendes Stilmittel (aktuelles Beispiel: Crimson Peak). Die Unfälle wie Gaslampenexplosion und brennender Keller, von denen David auf Edbrook Hall Zeuge wird, deuten auf die Vergangenheit des Spukhauses hin, und Nanny - obwohl hilflos und verängstigt und alles andere als über den Dingen schwebend - gehört schon selbst fast zum uralten Inventar. Ihre gequälte Erscheinung allein jagt einem bereits eine Gänsehaut über die Arme.

Einige Ungereimtheiten gibt es, bei denen ich mich als Zuschauer gefragt habe, wie das denn möglich ist (Sex mit Gespenstern - hallo?) - aber hey, es ist eine Geistergeschichte. Da ist praktisch alles erlaubt, oder? Und wenn der Film eine so überzeugend spooky Atmosphäre versprüht, Aidan Quinn mit seinen großen blauen Augen blinzelt und er am Ende sicher an der Hand seiner Schwester das zerstörte Anwesen verlässt, bevor sie sich endgültig mit weisen Worten von ihm verabschiedet, bin ich am Rand eines emotionalen Ausbruchs.

Fazit: Ein sehenswerter Film, wenn man es mit der Realität nicht so genau nimmt und sich einfach mal gut unterhalten und gruseln möchte.

Bewertung:
👍👍👍👍
 



Samstag, 22. Oktober 2016

Halloween Tipps in Buch und Film

Der Herbst hat uns ja wieder so richtig im Griff: prasselnder Regen, eisiger Wind und rotgolden leuchtende Blätter bestimmen Wetter und Straßenbild.

Und obwohl ich eindeutiger Sommermensch bin und nichts dagegen hätte, 365 Tage im Jahr in Shorts und Flipflops bei tropischen Temperaturen herumzuhüpfen, kann ich der düsteren Jahreszeit mit ein bisschen Mühe etwas Positives abtrotzen: die langen Schmöker- und Fernsehabende, am liebsten zu zweit unter einer Kuscheldecke und einer Kanne Tee.

Daher habe ich ein kleines Video mit meinen Lieblingen - passend zum Thema Halloween - zusammengestellt. Vielleicht kennt ihr ja den einen oder anderen noch nicht und werdet neugierig auf meine Tipps.





Welches ist denn euer Halloween-Schmankerl? Schreibt mir einen echt gruseligen Roman oder Film in den Kommentarbereich, wenn euch etwas einfällt.


Montag, 7. März 2016

The Awakening ~ Geister der Vergangenheit (2011) - Spoilerfrei -

Diesen Film mit Rebecca Hall und Dominic West in den Hauptrollen hatte ich vor kurzem schon einmal gesehen - und irgendwie nicht verstanden, weil ich den Kopf nicht freihatte oder schon zu müde war, um aufmerksam zu sein. Daher gab ich ihm gestern eine zweite Chance, die sich gelohnt hat.



Inhalt: England, kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Die junge Florence Cathcart ist "Geisterjägerin", die nicht an Geister glaubt. Neben Bücher schreiben, in denen sie die Existenz von Geistern mit wissenschaftlichen Argumenten abstreitet, besucht sie Häuser, in denen es vermeintlich spukt, um Betrügereien aufzudecken. Auch die damals schwer in Mode gekommenen Séancen lehnt sie rigoros ab und entlarvt jede Schwindelei - sehr zum Verdruss der Veranstalter und Besucher, die sich gerne an Illusionen klammern. Eines Tages steht der Lehrer Robert Malory vor ihrer Tür - nicht um sich ein Buch signieren zu lassen, wie Miss Cathcart annimmt, sondern um sie zu bitten, geisterhafte Phänomene an seiner Internatsschule aufzuklären. Ein entstellter Junge erschreckt dort angeblich die Mitschüler, und es gab sogar einen Jungen, der den Geist gesehen haben soll, nun aber unter ungeklärten Umständen ums Leben kam.

Florence lässt sich überreden und fährt mit ihm zu dem abgelegenen Gebäude, das früher in Privatbesitz war. Gleich bei ihrer Ankunft versichert ihr die Hauswirtschafterin Maud (Imelda Staunton), sie nach besten Kräften bei ihrer Aufgabe zu unterstützen, da sie ein großer Bewunderer ihrer Bücher sei.

Zunächst scheint es, als hätte Florence Erfolg. Der Mord entpuppt sich als tragischer Streich an einem Außenseiter. Doch die Phänomene suchen Florence weiter heim, als sie kurz nach der Aufklärung ihre Abreise ankündigt. Bald zweifelt sie an ihrem wissenschaftlich kühlen Verstand - und das nicht ohne Grund. Kann sie dem Bann des Hauses noch entkommen?








Meinung: "The Awakening" bietet alles, was m. M. ein wirklich gruseliger Gänsehautfilm haben muss: historisches, nebliges Setting, ein unheimliches Haus abseits der Zivilisation, eine unerwartete Handlung, tolle Schauspieler und Menschen, die traumatisiert sind und / oder schreckliche Geheimnisse verbergen. Nicht zu vergessen ein wirklich grandioser, unaufgeregter und wehmütiger Soundtrack, der viel zur düsteren Atmosphäre des Films beiträgt. Sehr amüsant fand ich auch die klassischen Referenzen an weitere Filme des Genres, wie das Herabrollen eines Balles von der Treppe und bedeutungsvolles altes Spielzeug - in diesem Fall ein mechanischer Plüschhase, der ein Kinderlied singt, und ein Puppenhaus, das wie aus dem Nichts heraus Szenen aus Florence' Vergangenheit zeigt.

Die Schauspieler haben mich durch die Bank überzeugt, und Rebecca Hall ist eine meine Lieblingsdarstellerinnen, seit ich sie in "Parade's End" an der Seite von Benedict Cumberbatch gesehen habe. Doch besonders hervorheben möchte ich den kleinen Thomas (Isaac Hempstead-Wright), der während der Ferien als einziger Junge im Schulgebäude bleiben muss - das glaubt zumindest Florence Cathcart.

Kinder in Filmen sind für mich meist ein Garant für Overacting und ziemlich nervig, aber Thomas bleibt eher im Hintergrund und hat außer zu Florence nur mit Maud Kontakt. Was das bedeutet, wird der jungen Geisterjägerin erst ganz zum raffiniert aufgebauten Schluss klar.

Fazit und Bewertung: Sehenswert für Fans von subtilem Grusel und spannenden, psychologischen und dennoch fantastischen Geschichten mit einem Hauch Nostalgie und geschichtlichem Hintergrund. Genau das Richtige für mich, daher volle Punktzahl:


👍👍👍👍👍





Mittwoch, 15. Juli 2015

Bald 500 Daumen auf Facebook! Dafür ein Dankeschön!

Fast auf den Tag genau vor einem Jahr habe ich meine Autorenseite auf Facebook eingerichtet. Immer noch betreibe ich sie gern, auch wenn es gelegentlich nicht so einfach ist, einen neuen Beitrag zu verfassen, der themenrelevant ist. Ich erlaube mir daher auch, zwischendurch etwas zu posten, das mit meinen weiteren Hobbies zu tun hat oder im weitesten Sinn mit Schreiben und Büchern. Es macht Spaß und irgendwie gefällt mir auch, was sich in meiner Chronik mittlerweile so tummelt.

Die Likes und Kommentare habe ich natürlich meinen Fans zu verdanken. Ich möchte mich dafür revanchieren und stelle über das ebook-Portal Xinxii als Bonbon für eine Woche (15. - 22. Juli) meinen umfangreichen Gruselkrimi "Das Bildnis des Grafen" als kostenlosen Download zur Verfügung. Alles, was ihr tun müsst, ist, euch bei Xinxii registrieren (falls ihr nicht schon Mitglieder seid), und beim Ausloggen diesen Gutschein-Code einlösen (kopieren und in das entsprechende Feld einfügen):


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Ich wünsche viel Spaß, Rästelraten und Spannung mit Carrick Escaray, Gaspard Renoir und Valentine Whitehurst und würde mich sehr über Rückmeldungen entweder hier auf meinem Blog oder auf Facebook freuen! Natürlich dürft ihr auch gern eine Rezension auf den Online-Portalen eurer Wahl verfassen. (O:


Freitag, 17. April 2015

Tom Hiddleston wäre mein Carrick Escaray!

Jeder Autor träumt mehr oder weniger davon, dass sein Buch nach Hollywood verkauft wird und ein Film entsteht, was ja in den Köpfen der Erfinder auch irgendwie der Fall ist. Ohne Kopfkino und meiner Phantasie und der visuellen Vorstellung der Protagonisten könnte ich nicht schreiben, und ich bin sicherlich nicht die einzige Autorin, der es so geht. 

 


 Im Herbst kommt nun ein "Goth-Gruselschocker" in die Kinos, nämlich Crimson Peak von Gulliermo del Toro, mit Tom Hiddleston in der Hauptrolle. Die Bilder vom Set und Promofotos erinnern mich sehr stark an meinen Roman "Das Bildnis des Grafen", und ich hätte mir sooo gewünscht, dass der schmucke und charismatische Hauptdarsteller in die Rolle meines englischen Grafen geschlüpft wäre anstelle in die des nicht minder mysteriösen Thomas Sharpe.

Denn es ist irgendwie witzig: Das Porträt, das in der Galerie des Schlosses hängt, stelle ich mir genau so vor wie Tom Hiddleston im Film aussieht. Natürlich fehlt die weiße Strähne, eines der markanten Merkmale von Carrick, aber das wäre ja im Nu erledigt. Witzig auch, dass Tom Hiddleston in diesem Film dunkle Haare hat, wo er ursprünglich hell ist, und dass er bereits mit Jeremy Irons zwei Filme bzw. Serien gedreht hat, der - wie vielleicht aufmerksame Leser meines Blogs bereits wissen - das Vorbild war für den französischen Psychologen Gaspard Renoir, der versucht, das Geheimnis hinter dem Bildnis zu ergründen.

Leider wäre Mr. Irons mittlerweile ein bisschen zu graue Eminenz vom Dienst für Gaspard, aber auch das wäre nichts, was sich in der Filmindustrie nicht beheben ließe. Allerdings bin ich nicht sicher, ob man ihm mit Mitte Sechzig noch einen Endvierziger abnehmen würde. Andererseits - wirklich jung sah er ja nie aus, und dieses Elegische und Schwermütige hat er immer noch.

Bliebe von den Hauptfiguren nur noch Valentine Whitehurst, der traumatisierte junge Soldat, wegen dem Gaspard überhaupt erst in Yorkshire auftaucht. Der Schauspieler, den ich damals vor Augen hatte, war schon beim Schreibprozess nicht mehr im passenden Alter, aber bestimmt ließe sich jemand finden - kein Schönling, sondern jemand, der Arroganz, Sprunghaftigkeit und Verletzlichkeit unter einen Hut bringen kann. Vielleicht würde der Regisseur genau den richtigen auswählen. Ach ja, von was man als Autor so träumt...





Sonntag, 21. September 2014

Knallharte Realität oder dichterische Freiheit?

Wie lege ich meinen Roman an? Als reine Fiktion, als Tatsachenbericht oder als etwas ganz Anderes, nie Dagewesenes à la Terry Pratchetts "Scheibenwelt" (ach halt, die gibt es schon!)? Und vor allem, was will der geneigte Leser? Was erwartet er? Spannung, Drama, Abenteuer, Grusel, Kuriositäten, Fakten, neue Welten oder eine Mischung von allem?

Diese Fragen stellt sich vermutlich jeder Autor früher oder später, der in der Branche der Unterhaltungsliteratur seine Werke veröffentlicht respektive es vorhat. Ich habe mich letzthin damit beschäftigt, weil in meinem historischen Kriminalroman "Das Bildnis des Grafen" Gruselelemente miteingeflochten wurden, die maßgeblich für die Geschichte und die Lösung des Geheimnisses zwischen den beiden Familien Whitehurst und Escaray sind.




Mit der Einteilung und Kategorisierung des Genres meiner Romane habe ich mich nie leicht getan, und ich glaube, ich weiß jetzt, woran es liegt: ich möchte mich nicht akademisch oder sklavisch daran halten, welche Elemente typisch und klassisch sind für einen Krimi, einen Fantasyroman oder einen Psycho-Thriller. 

Seien wir mal ehrlich. Irgendwann werden die "klassischen" Krimis mit dem ewig gleichen Muster wenig überraschend oder sogar langweilig: Inspektor / Kommissar(in) entdeckt grausiges Verbrechen, jagt den Täter und befragt dabei Verdächtige und Zeugen und bringt den Schurken am Ende zur Strecke. Das alles liest der Krimi-Fan in mehr oder weniger abweichenden Variationen, mal mit dem Schwerpunkt auf der traumatischen Kindheit des Täters, mal im Fokus der privaten Probleme des Ermittlers. Klar, das kann man ausschmücken und jeder Autor hat dabei einen Stil, der einzigartig ist. Außerdem ist das "Whodunnit"-Motiv nie ausgereizt und regt zum Miträtseln an. Trotzdem. Mein Fall ist das nicht unbedingt, dieses "So-muss-es-sein-und-nicht-anders". Jedenfalls nicht, wenn ich selbst am PC sitze und Geschichten erfinde.

Anne Perry, so toll sie schreibt, hat mich nach dem dritten Inspektor William Monk-Fall ziemlich kalt gelassen, weil mir das Schema F und die unterkühlte Art der Hauptfiguren schon bald unangenehm aufgefallen sind (ich habe dennoch fast jeden Monk gelesen - wahrscheinlich aus Loyalität).

Irgendwann hatte ich es satt, ständig in seitenlangen, immer gleich ablaufenden Gerichtsverhandlungen schwelgen zu müssen. Die Fälle waren entweder *too much* (wie Kindesmissbrauch) oder zu trockene Kost. Nie bricht sie aus ihrem Erfolgsmuster wie etwa mit überraschenden Wendungen aus und definiert es neu, die gute Frau Perry. Zugute halten muss man ihr, dass sie, wie viele andere Meister(innen) ihres Fachs, eine weltweite Fangemeinde hat, die es so von ihr erwartet. Vielleicht wären die Leser sogar enttäuscht, wenn Monk und Hester leidenschaftlich übereinander herfielen und sich in der Hitze des Gefechts einen feuchten Kehricht um den aktuellen Fall scheren würden.

Mir gefallen Wendungen in Büchern, mit denen ich nicht gerechnet habe. Freilich müssen sie logisch erklärt werden, doch auch wenn die Erklärung nicht sofort mit dem Holzhammer daherkommt, kann ich gut damit leben. Ich mag es, mitzudenken. Und obwohl ich weder Fantasy-Autor noch -Leser bin, schätze ich durchaus in einem historischen Roman nicht nur fundierte Recherche über die Gepflogenheiten, der Umgebung und der Sprache der damaligen Zeit, sondern auch phantastische Dinge, die sich der Autor ausgedacht hat und mit denen er somit die Regeln des genannten Genres bricht bzw. sie zu seinen Gunsten verändert, indem er zum Beispiel physikalische Gesetze außer Kraft setzt. Das relativ junge Genre "Steampunk" trifft diese Beschreibungen wohl ganz gut. Dort kommen nicht nur wunderliche Maschinen wie fliegende Stühle zum Einsatz; es werden Welten erschaffen, die halb Realität und halb Fantasy sind. Fantasy ohne Zwerge, Elfen und sonstiges Gelichter der Nacht, sondern eine Welt, in der (fast) alles möglich ist. Irgendwie gefällt mir die Vorstellung.

Was spricht dagegen, wenn in einen Roman, der in der Vergangenheit spielt und auf historischen Begebenheiten fußt, dennoch ein wenig Grusel und Mystik eingebaut wird? Wir kennen das aus "Das Durchdrehen der Schraube" von Henry James oder aus aktuellen Beispielen wie John Boynes "Haus der Geister". Diese Geschichten haben durchaus realen Charakter, daher kategorisiert man sie in die Genres "Klassiker" bzw. "historische Romane". Und das Gruseln und das Unerklärliche kommen trotzdem nicht zu kurz.

Ein besonders grandioser Phantast und realistischer Träumer war Karl May. Keines seiner Abenteuer hat er selbst erlebt, und bekannterweise bereiste er erst in hohem Alter die Schauplätze seiner Romane, aber er beschreibt seine Helden, die fremden Sitten und die damit einhergehende Exotik auf so anschauliche Art und Weise, dass man ihm seine Geschichten begeistert abnimmt und sogar seinen Alter Ego "Scharlie" / Kara Ben Nemsi trotz schier unerträglicher Aufschneiderei und Superkräfte irgendwie sympathisch findet. Noch größere Glaubwürdigkeit hat er sich unter seinen Fans dadurch verschafft, indem er die Villa Shatterhand erbaute und dort in seiner selbst erdichteten Realität weiterlebte.

Wenn ich ehrlich bin, wünsche ich mir mehr solcher Autoren und mehr Mut zu Originaliät, ohne zu fürchten, dass der Gedanke, der einem gerade durch den Kopf spukt, unglücklicherweise überhaupt nicht in das Genre passt, für das man bekannt ist oder bekannt werden will. Schreiben ist Handwerk, unbestreitbar, und wer die Regeln nicht kennt, muss sie erst erlernen und zumindest einige beherzigen. Aber Schreiben ist auch und vor allem Emotion, sich führen lassen und Einfallsreichtum in alle Richtungen. Und letztendlich zählt Schreiben zu den musischen und schönen Künsten, nicht zur unumstößlichen Wissenschaft. Deshalb würde ich sie nicht gar so bitterernst nehmen wollen und mit dem Zeigefinger rügen, wenn Neues probiert wird.

Eines der schönsten Komplimente, das ich bezüglich meiner Romane je erhalten habe, war übrigens das Prädikat "Ungewöhnlich - aber gut!" Solche Bücher möchte ich lesen. Und schreiben.