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Freitag, 21. August 2020

Bilanz zum bisherigen Corona-Jahr 2020

Zeit, mal wieder ein bisschen philosophisch zu werden, und dieses Jahr bietet bisher eine Menge dazu. Denn es ist ein Jahr, das keiner von uns ähnlich erlebt hat, gelten doch Pandemien in der westlichen Hemisphäre als so gut wie ausgerottet. Das Corona-Virus hat uns eines Besseren belehrt. Als wir so feucht-fröhlich ins neue Jahrzehnt hineingefeiert haben, jeder voller Pläne und Hoffnung, hatte noch niemand an Einschränkungen des öffentlichen Lebens und "social distancing" gedacht, obwohl das Virus bereits im Umlauf war. Lange wurde die Gefahr ignoriert, und als sie schließlich Europa erreichte und publik wurde, war meine erste Reaktion "Das kann doch nicht sein!" und "Falls doch, ist da etwas Merkwürdiges im Labor passiert, das man uns verschweigen möchte, damit nicht die ganze Welt in Panik verfällt."

 

Wirklich ernst genommen habe ich persönlich die Situation erst Mitte März, als plötzlich Veranstaltungen selbst in unserer kleinen Stadt auf unabsehbare Zeit verschoben oder komplett abgesagt wurden und ich in meiner Bankfiliale auf den herzigen Spruch stieß "Wir begrüßen Sie mit Herz, nicht mit der Hand". Mittlerweile ist diese Filiale seit Monaten nur noch für "Laufkunden" zugänglich, die Geld ein- oder auszahlen. Und natürlich betritt man sie mit Maske und maximal zu dritt. Ich habe damals ein bisschen geschmunzelt, als eine Freundin mir erzählte, in Italien sei das der Normalfall auch in Läden. Kurze Zeit später kam er dann auch zu uns, der unabwendbare Lockdown. Ein letzter Einkauf in der Kurzwarenabteilung meines Vertrauens, und wir hatten sie - oder besser, sie hatte uns - die Ausnahmesituation Corona. Zum Glück sind meine Familie und ich bei guter Gesundheit, ernähren uns ausgewogen und haben den festen Glauben in Gott, dass alles gut wird. Ich glaube, hätte ich auf all die (Fake-)News und Nachrichten Wert gelegt, wäre ich wohl ausgeflippt.

Gelitten haben wir unter dem Lockdown nicht wirklich, auch wenn mir die lokalen Einzelhändler, Gastronomen und Kulturschaffende, die auf ein Publikum und Tantiemen angewiesen sind, leid getan haben bzw. leid tun (kann es als ehemalige Einzelhandelskauffrau gut nachempfinden) und ich es immer noch tragisch finde, dass z.B. Schausteller nicht arbeiten dürfen und Schulkinder dauerhaft Masken tragen müssen. Überhaupt, die Kinder... aber das Thema würde ausufern, daher möchte ich es hier nicht vertiefen. 

Unser Online-Shop, über den wir Rollläden und Zubehör verkaufen, ging überraschend gut weiter, sogar besser, da viele Menschen wohl endlich Zeit hatten, etwas zu Hause in Angriff zu nehmen, was lange liegengeblieben ist. Das sah man ja auch in den Baumarktketten, die erstaunlicherweise geöffnet blieben; anders als kleine Läden, die jetzt mehr denn je um ihre Existenz ringen. Allerdings wurde man dort auch erfinderisch und bot einen Lieferservice an, markierte Schaufenster für die Kunden, damit die Ware genau beschrieben werden konnte und offerierte Tagesmenüs auf Rädern, teilweise sogar angeliefert mit Oldtimern vom Museum.

Bekannte von mir bestellten über Facebook ihre Püppchen-Doppelgänger. Wohl auch, um mich in den schweren Zeiten finanziell zu unterstützen und mich häkelmäßig zu beschäftigen. Die Auslandspost, mit der ich normalerweise verschicke, war ja praktisch lahmgelegt. Selbst jetzt kommen Päckchen ausschließlich mit horrend hochpreisigem Premiumversand nach den USA, wo meine Stammkundschaft sitzt. An dieser Stelle ein ganz herzliches Dankeschön an Sabina, Stefan und Klaus! Es war mir ein Vergnügen, euch bzw. euren Liebling im Miniformat zu kreieren.

Beffan für Hannah

 

Einfallsreich war man also, auch wenn es natürlich bis heute nicht an die üblichen Umsätze heranreicht. Trotzdem fand ich den Lockdown und die damit einhergehenden Regeln nicht so schlimm, bin ich ohnehin gern daheim und habe es mir dort gemütlich und kuschelig gemacht. Gerade in der kalten Jahreszeit war das keine Strafe. Auch wenn es abgedroschen klingt: es hatte auch etwas Gutes, mal runterzufahren und sich bewusst zu machen, in welchem Überfluss und Luxus wir leben, den wir als selbstverständlich und unser gutes Recht betrachten, genau wie die Freiheit, die derzeit kontrovers diskutiert wird. Aber im Großen und Ganzen finde ich, dass wir die Krise ganz gut meistern. Fast ein wenig Panik geschoben habe ich nur, als das Klopapier an der Börse hätte gehandelt werden können und so knapp war, dass ich mir wie ein Schatzsucher vorkam, als ich die letzte Packung auf der am Morgen gelieferten Palette abgreifen konnte. Der Run auf Klopapier - das "weiße Gold" - war in der Tat ein bisschen Weltuntergangsstimmung, wäre es nicht so hysterisch komisch gewesen und auch ärgerlich für die Zuspätgekommenen, zu denen ich lange gehört habe.

Kruzifix!

 

Als Corona anfing, den Alltag zu beherrschen mit Maskenpflicht, Verschwörungstheorien, Verharmlosungen und selbsternannten und beglaubigten Virologen, von denen jeder eine andere Meinung hat, habe ich gehofft, der Spuk sei spätestens im Sommer vorbei, wenn die Temperaturen steigen. Wie man sieht, habe ich mich ziemlich verrechnet. Denn jeder hat das Recht auf Urlaub und Fernreisen, vom dem der Deutsche freilich Gebrauch macht, Risiko hin oder her. Und so verbreitet sich das Virus munter weiter. Auch das ist etwas, das ich nicht verstehe. Die Sturheit, mit der auf Dinge beharrt wird, die in "normalen Zeiten" dazugehören. Vielleicht meint mancher, in diesem verrückten Jahr stehe ihm Urlaub und somit ein Stück Gewohnheit mehr zu denn je, aber mal ehrlich: sind überfüllte Strände und kulturelle Besuche unter einer Schwitzmaske, die man nur selten abnehmen darf, Erholung? Da bleibe ich lieber auf Balkonien und mache es mir zuhause schön. Hin und wieder gehen wir auswärts essen, denn das war schon früher eher die Ausnahme und daher immer ein Erlebnis. Was Kultur und Sehenswürdigkeiten angeht, haben wir das Familienwandern mit Picknick für uns entdeckt. Bei heißem Wetter suchen wir waldige Wege, und wir sind erstaunt, wie viele sehenswerte Plätze es in unserer Umgebung gibt und wie viel Spaß wir alle haben. Mittlerweile sind unsere Wandertage ein Highlight der Woche, auch wenn das Wetter in letzter Zeit etwas zu schwül war, um weite Touren zu unternehmen.

Mmmm... leckerlecker!

Ich bin optimistisch gestimmt, dass Corona bald der Vergangenheit angehört wie die Spanische Grippe vor hundert Jahren, die in Europa immerhin zwei Jahre lang grassiert hat. Allerdings habe ich auch unken gehört, Covid-19 würde nun zum Alltag werden wie andere, harmlosere Virenerkrankungen. Dann hoffe ich, dass genug geforscht wird, um die Menschen vor schweren Verläufen der Krankheit zu schützen. In erster Linie kann jeder selbst etwas dafür tun. Nicht nur die verordneten Maßnahmen einhalten, sondern das Immunsystem stärken mit Obst und Gemüse und evtl. Nahrungsergänzung. Wer Näheres zum Selbstschutz erfahren und eigenverantwortlich handeln möchte, kann sich gerne hier mal umsehen und schlau machen. Es lohnt sich, etwas Neues zu wagen und ausgetretene Pfade zu verlassen. Und nicht vergessen: immer flexibel und vernünftig bleiben, vor allem in Zeiten wie diesen. Die Demokratie geht uns deshalb nicht verloren, dafür aber hoffentlich bald Corona.

 

Donnerstag, 6. August 2020

Bonanza, die Kultwesternserie (1959 - 1973)

Bei der ganzen unübersichtlichen Vielfalt auf Amazon Prime, Netflix und sonstigen Streamingportalen gibt es eine Serie, die mich seit meinen Kindertagen treu und mal mehr und mal weniger intensiv begleitet. "Bonanza" mit den Cartwrights auf der Ponderosa hat von jeher eine solche Faszination auf mich ausgeübt, dass es mich auf mehreren Ebenen inspririert und möglicherweise auch einige meiner Ansichten und Vorlieben geprägt hat.
 

L. Greene, P. Roberts, D. Blocker, M. Landon & all those pretty horses
 
Die Serie, die sich bis vor wenigen Jahren als TV-Dauerbrenner erwies, folgt einem Konzept, das zunächst sonderbar anmutet: Der Rancher Ben Cartwright (Lorne Greene) - ursprünglich weltgewandter Seemann - lebt mit seinen erwachsenen drei Söhnen Adam (Pernell Roberts), Hoss (Dan Blocker) und dem impulsiven Nesthäkchen Little Joe (Michael Landon), von denen jeder eine andere - mittlerweile jeweils natürlich verstorbene -  Mutter hat, in Nevada Territory in den 60ern des 19. Jahrhunderts. Erwähnenswert, da immer wiederkehrende Figuren, sind auch der ewig nörgelnde chinesische Koch Hop Sing (Victor Sen Yung) und der mit den Cartwrights befreundete Sheriff Roy Coffee (Ray Teal).
 
Ihr riesengroßer Besitz muss im Pilotfilm mit Klauen und Zähnen verteidigt werden, und auch im Lauf der weiteren Folgen gibt es immer wieder Neider oder ungebetene Siedler, doch die Cartwrights lassen sich nicht mehr so schnell aus der Ruhe bringen wie zu Beginn und versuchen, vernünftig auf jeden Neuling oder Fremden einzuwirken bzw. unvoreingenommen mit ihm umzugehen. Denn Besitz ist eigentlich viel wertvoller und macht mehr Freude, wenn man ihn teilt. Und das ist neben den schönen Pferden und den feschen Cowboys eines der Geheimnisse des Erfolgs der Serie: es geht nicht (nur) um Wildwestromantik und Saloongerangel.

"Bonanza" greift eine Palette von Werten und Themen aus unterschiedlichen Sichtweisen auf (u.a. auch von namhaften Regisseuren), die von ihrer Aktualität und Brisanz trotz des Alters der Serie nichts verloren haben. Oft humorvoll, anrührend und manchmal auch schockierend und erstaunlich ungeschönt setzen sich die Cartwrights mit seelischen Abgründen ihrer Familie, Fremden und Freunden auseinander, wobei jede Figur nach ihren Eigenschaften typisch handelt (oder auch mal aus dem typischen Verhaltensmuster ausbricht). 
 
Bildquelle: Long Island Weekly
 
 
Der felsenfeste Zusammenhalt der Familie ist Dreh- und Angelpunkt der Serie, wobei ihm ein herber Dämpfer verpasst wurde, als Adam / Pernell aus künstlerischen und persönlichen Gründen nach der sechsten Staffel ausstieg und auch nicht wiederkam, wenngleich ihm diese Option offengehalten wurde. Immerhin war er ein Ladies' Man, der die weiblichen Zuschauer verzaubert hat mit seiner Liebe für die musischen Künste, einem unerschütterlichen Pragmatismus, seiner schmelzenden Baritonstimme der Vernunft (die er gelegentlich auch zu einer Ballade erklingen lassen durfte), blendendem Aussehen und einem ausgeprägten Beschützerinstinkt. Zwar war der Produzent David Dortort bemüht, nach dem Abgang von Mr. Roberts adäquaten Ersatz zu finden, u.a. mit Serien-"Zorro" Guy Williams, der als Cartwright-Cousin vorgestellt wird, und dem draufgängerischen David Canary, doch so richtig gefunzt hat es nie zwischen den "Gaststars" und dem Publikum. Erfolgreich blieb die Serie trotzdem, wenn auch kurzzeitig die Quote sank. Der junge Michael Landon schrieb bewegende Drehbücher, die gut ankamen. Mitunter baute er sogar die Erwähnung des abwesenden Bruders mit ein, der offiziell auszog, um nach Architektur Medizin in St. Louis zu studieren - was seiner späteren Karriere als "Trapper John MD" zugute kam. Auch wenn er bereits in der Serie seine rudimentären chirurgischen Kenntnisse erfolgreich an den Mann / kleinen Bruder bringen konnte ("My brother's keeper"). 
 
Apropos Gaststars. Nicht nur Regisseure wie Robert Altman, die später legendär wurden, hatten ihr Debüt oder ein Stelldichein in Bonanza. Viele berühmte Namen tauchen schon in den ersten Staffeln auf, wie etwa Leonard Nimoy und De Forest Kelley aus "Star Trek", Lee Van Cleef, Lee Marvin und James Coburn als Psychopathen, Yvonne de Carlo als Theaterdiva und Ida Lupino als historisch verbürgte Bergmannstochter Annie O'Toole. Obendrein haben auch Mark Twain und Charles Dickens Virginia City aufgemischt, wenn man den Machern glauben darf. Wahrscheinlich hat man zur Erstausstrahlung der Folgen als versierter Kinogänger und Geschichtsfan jede Woche eine tolle Überraschung erlebt.

Generationenübergreifend ist die Serie nicht nur in Bezug auf die Themen, sondern auch in der Dynamik und Konstellation innerhalb der Familie. Zwischen dem kühlen Adam und dem heißblütigen Joe kriselt es oft, doch genauso häufig verlässt sich Joe auf Adam, der ein großer Bruder ist, wie er im Buche steht: fürsorglich, belesen, patent lösungsorientiert, vernünftig und trotzdem irgendwie lässig. Mit dem freundlichen Riesen Hoss, der eigentlich Erik heißt, kommt dagegen jeder gut aus; mitunter wird seine Gutmütigkeit jedoch gnadenlos von Little Joe und dessen Flausen ausgenutzt. Außerdem hat auch Hoss unter seiner imposanten Schale einen sensiblen Kern. Für heutige Verhältnisse ist der Mittlere wohl die modernste der Cartwright-Figuren: er liebt Tiere mehr als Menschen, denn die enttäuschen einen nicht und sagen immer die Wahrheit. Überraschenderweise war Hoss der heimliche Publikumsliebling - vielleicht, weil sich die Mehrheit am besten mit ihm identifizieren konnte. Als Dan Blocker mit nur 43 Jahren 1972 an den Folgen einer Gallensteinoperation stirbt, muss die Serie bald darauf eingestellt werden.
 
Einen Pa wie Lorne Greene hätten sich damals fast alle Zuschauer gewünscht. Tatsächlich wurde er mehrmals zum TV-Vater des Jahres gewählt und blieb auch im wahren Leben mit Michael Landon in einem herzlichen Vater-Sohn-Verhältnis verbunden (ihre Gräber auf dem Hillside Memorial Park in Culver City / Kalifornien liegen nebeneinander). So sehr Michael Landon und Dan Blocker in ihren Figuren aufgingen, war Lorne Greene seinem Seriencharakter offenbar am innigsten verbunden: nahe eines Golfplatzes in Mesa / Arizona, wo er wohnte, ließ er 1963 nach den Plänen der Setdesigner und Innenarchitekten ein Dublikat der Ponderosa aufbauen, das heute noch als historisches Privathaus besichtigt werden kann.

"Hast du dir auch die Hände gewaschen und desinfiziert?"

 
Ich bin gerade bei der zweiten Staffel. Wie oft ich die einzelnen Folgen angeschaut habe, weiß ich nicht, aber mit jedem Mal werden sie besser. Selbst solche, die ich vergessen hatte, haben ihren Reiz und ihre "Moral". Schön finde ich, dass die Geschichten nie mit dem Holzhammer daherkommen oder etwas verurteilen, das auf den ersten Blick nicht den Regeln der Gesellschaft entspricht. Da sind die Cartwrights gut erzogen und Top Notch Gentlemen. Mit Gewalt werden Konflikte selten bis nie gelöst. Lieber mit Köpfchen, Freundlichkeit und Flexibilität. Erstaunlicherweise wurde Bonanza allerdings vom deutschen Fernsehen bei der Erstausstrahlung wegen "zu viel Brutalität" selektiert und nur wenige Folgen gezeigt. Ich glaube eher, dass einige Themen damals zu progressiv waren, um als seichtes Vorabendprogramm über die Mattscheibe zu flimmern. Auch Rassismus und Ressentiments gegenüber Andersdenkenden wurden behandelt und Cartwright-mäßig bearbeitet. Selbst Nachhaltigkeit und der Respekt vor der Natur kamen nicht zu kurz. Vielleicht wurde manchmal ein bisschen zu dick aufgetragen, oder die Jungs und besonders Little Joe hatten zuweilen postpubertäre Phasen, in denen sie entweder rebellisch den Rat des Ranchpatrons ablehnten oder verzweifelt suchten, doch ich empfinde das weder als Manko noch albern oder altmodisch. Denn Ben ist wirklich weise. Fast wie König Salomon. Der einzige, der seine Beschlüsse und Entscheidungen hin und wieder in Frage stellt, ist Adam, der allerdings meist auch als Partner auf Augenhöhe agiert und sich der väterlichen Übermacht nur allzu gern entzieht (etwa beim Zäunereparieren auf den unendlichen Weiden oder dem Bullenkauf in Placerville), während die beiden Jüngeren uneingeschränkt auf Pas Seite stehen. Sein Status als schwarzes Schaf manifestiert sich schon bald in der Kleidung. Waren die ersten Outfits noch abwechslungsreich und modisch mutig mit lila- und pinkfarbenen Hemden, trägt Adam über vier Staffeln nur noch protestlerisches Schwarz von Kopf bis Fuß. 
 

Der schöne Adam. Oder auch der George Clooney der 1860er

 
Obwohl der ganz junge Little Joe mit seinem prächtigen ersten Schecken "Cochise" mein Liebling ist und von allen am überzeugendsten leiden und wimmern und weinen kann, fasziniert mich Adam als Charakter in besonderem Maß, da er mehr Facetten zeigt als der Rest der Familie und oft für eine Überraschung gut ist - Lee Marvin gelang es sogar beinahe, seine Grundfesten zu erschüttern ("The Crucible / Adam Cartwright geht durch die Hölle"). Seiner sonoren Originalstimme könnte ich zudem stundenlang zuhören, und keiner hat tiefere Grübchen beim Lächeln. Als er als letzter der Bonanza-Hauptdarsteller im Alter von 81 Jahren im Januar 2010 starb, saß ich fassungslos vor den Radionachrichten und habe ein paar Tränchen um den Mann und seine verstummte Samtstimme vergossen. Ich hoffe, dass die Vier gemeinsam mit ihren markanten Pferden - die selbst zu Stars wurden in Bonanza und sogar Fanpost erhielten - wieder über eine himmlisch(e) weite Wiese galoppieren können wie im ikonischen Vorspann.
 
 
 
 
Zum Glück gibt es die komplette Serie digitally remastered und in einem schönen und praktischen Schuber auf DVD. So kann ich immer mal wieder ein paar Folgen gucken, wenn mich der Bonanza-Rappel befällt und Dinge entdecken, die mir vorher nicht aufgefallen sind, z. B. die Sorgfalt, mit der die Kulissen gestaltet wurden und die doch gelegentlich liebenswert provisorisch wirken. Oder mich ganz einfach auf der Ponderosa wie zuhause fühlen. Weil einen die Cartwrights immer wie einen alten Bekannten begrüßen. 

Wer noch etwas mehr über die verborgenen Talente der vier herausfinden möchte, kann sich gerne weiterklicken: Bonanza - mehr als eine Westernserie



Sonntag, 2. August 2020

Freiheit die ich meine...

Die Welt ist  - mal wieder - aus den Fugen und teilt sich. In Coronaleugner / Weltverschwörungstheoretiker und solche, die es mit der Vernunft noch halten, aber in derben Kraftausdrücken auf die anderen schimpfen. Auch das findet nicht unbedingt meine Zustimmung, doch diese Empörung kann ich besser verstehen als die Sturheit, mit der das Persönlichkeitsrecht verteidigt wird, das im Übrigen niemandem hier in Abrede gestellt wird. Corona ist kein Hirngespinst der Regierung, mitnichten. Das kann ich guten Gewissens behaupten, da ich in einem "Hot Spot" wohne, in dem es viele Infizierte und auch an der Pandemie Erkrankte und Verstorbene gibt.

Anfangs war ich ebenfalls skeptisch und wusste nicht, wie das Ganze einordnen, den Lockdown, die Klopapierknappkeit, Maskenpflicht, die Abstandsregeln (an die sich übrigens so gut wie keiner mehr hält).




Doch ich Schlafschaf halte mich an die Maßnahmen, so unbequem sie sein mögen, und wundere mich über Leute, die zu Tausenden in Berlin und auch vor meiner Haustür jeden Freitag mit uralten Hippie-Protestsongs für "Freiheit" und "Meinungsrecht" demonstrieren und sich dabei noch ironisch als zweite Corona-Welle bezeichnen. Ja, wir leben in einer Demokratie, in der jeder das Recht hat auf freie Entfaltung. Aber ist es den "Freiheitskämpfern" nicht klar, dass es damit zu Ende ist, wenn das, wofür sie kämpfen, verwirklicht wird? Rücksichtslosigkeit würde ohne das Gesetz / unsere Demokratie (denn sie ist und bleibt unsere Staatsform!) an der Tagesordnung sein. Alles, was getan wird, bliebe ohne Konsequenzen. Irgendwann sogar Mord und Totschlag, denn wenn jemand den anderen beleidigt hat, wäre es ja sein gutes Recht, Selbstjustiz zu üben. Ist das die Freiheit, die angestrebt wird?

In vielen drastischen Fällen ist die Polizei jetzt schon machtlos oder mischt sich nicht mehr ein, weil Respekt vor der Obrigkeit mit Füßen getreten und mit Fäusten niedergemacht wird. Vernünftige Argumente zählen nicht mehr, da man egoistisch auf seinen Standpunkt pocht, so unsinnig der auch sei. Erst heute wurde im Radio ein junger Mann befragt, weshalb er im Barber-Shop keine Maske trägt wie vorgeschrieben, worauf er allen Ernstes meinte, in Apotheken und Bäckereien trügen die Verkäufer hinter der Plexiglasscheibe ja auch keine... Bei so einer Antwort könnte einem schon mal die Maske - Verzeihung, der Kragen - platzen.

Mich macht das betroffen. Denn ich finde, dass alles, was das Gemeinwohl und das Wohl des Einzelnen gefährdet, falsch ist. Meinungsfreiheit hin oder her. Eine andere Meinung zu haben schadet nicht, wohl aber die Mittel, mit der diese Meinung oft durchgesetzt wird. Man widersetzt sich nicht nur der Demokratie, sondern auch der Schöpfung, die so gedacht ist, dass jeder in Frieden und gegenseitigem Respekt voreinander leben kann (leider schon lange nicht mehr, aber umso achtsamer sollten wir versuchen, es zu ermöglichen). Menschen sind verschieden, und dennoch wäre es so einfach, auf einen Konsens zu kommen, was die Pandemie betrifft, die real in allen Ländern der Erde grassiert. Oder haben sich die Regierungshäupter, Bill Gates und Konsorten alle abgesprochen, die Weltherrschaft zu übernehmen? Was würde das denn bringen? Kurz und knackig und vor allem nachvollziehbar beantworten kann das wohl keiner.




Ich bin für Freiheit. Für Meinungsverschiedenheit. In Ausnahmesituationen wie dieser ist es jedoch wichtig, an einem Strang zu ziehen, damit sich etwas ändert. Leider scheint das menschlich unmöglich zu sein. Für mich umso mehr Grund, auf Gott zu vertrauen und mich unter seinen Schirm zu setzen. Insofern habe ich keine Angst um mich und meine Familie oder überhaupt vor der Misere, in der wir momentan stecken. Angst macht alles schlimmer. Aber wenn ich dazu beitragen kann, dass die Angst weniger wird, dann trage ich zum symbolischen Schutz von anderen und mir selbst die (auch von mir höchst verabscheute) Maske in öffentlichen Einrichtungen und befolge Regeln, die in Krisenzeiten sinnvoll sind, wie etwa den Mindestabstand und Hygienekonzepte. Natürlich erfordert das Umgewöhnung, sogar ein bisschen Mühe. Aber mal ehrlich, man bricht sich doch kein Bein dabei. Wie gesagt, ich habe mich zu Beginn sehr gegen die Maskenpflicht gesträubt, mir dann aber welche genäht, die hübsch sind und mich leichter atmen lassen als die medizinische Variante. Dass beides nicht besonders viel nützt, ist mir bewusst, und trotzdem vermittelt es anderen - vielleicht ängstlicheren Naturen oder Risikogruppen - dass man die Pandemie ernst nimmt.

Die Bewunderung und den Respekt vor den sogenannten "Rebellen" habe ich schon lange verloren. Für mich sind das Egoisten, die selbstgefällig die Augen vor Tatsachen verschließen und unflexibel auf ihre Rechte beharren, die sie nach Corona wieder haben können. Schließlich sind wir demokratisch. Wer das nicht glaubt, der kann meinetwegen in einer Diktatur leben und dort für Freiheit kämpfen...


Freitag, 24. Juli 2020

"Alltagsmenschen" von Christel Lechner in Sinsheim

Wie überall auf der Welt leidet auch meine Heimatstadt unter der Coronakrise. Vielleicht mehr noch als ein paar andere. Für 2020 waren die Heimattage geplant; ein Programm übers Jahr mit Veranstaltungen, Festen, Zusammenkünften, besonderen Ereignissen. All das fiel der Pandemie zum Opfer. Schweren Herzens wurden die Heimattage abgesagt und können aufgrund des besonderen Datums (1250. Bestehen der Stadt) auch nicht nachgeholt werden. Selbst traditionell stattfindende Termine wie Fohlenmarkt und Stadtfest haben keine Chance, wäre das Risiko einer erneuten Covid-19-Welle doch viel zu hoch und angesichts der Menschenmassen, die sich dicht an dicht drängen, unausweichlich.


Alltagsmenschen?!

Wie schön ist es da, dass wenigstens ein geplantes Projekt realisiert werden kann in den düsteren Zeiten, bei dem die Corona-gebeutelten Menschen etwas zum Schmunzeln haben: die Künstlerin Christel Lechner sorgt seit dem 22. Juli für 50 neue Einwohner, denen ein warmer Empfang bereitet wurde.

Tatsächlich findet man sie an fast jeder Ecke der Innenstadt bzw. dort, wo man sie am wenigsten erwartet. Omis in Kittelschürzen beim Wäscheaufhängen, Badekappenträger am Flussufer, kugelige Opas in Pullundern, Westen und mit Hüten und Schirmmützen, eine lustige Polonaise vor der neu sanierten Stadthalle - Verzeihung - der "DoSi", eine tanzende Rentnergang vor der Musikschule, eine Sitzgruppe vor Restaurants und öffentlichen Toiletten. Fast schon ein bisschen unheimlich, die Überbevölkerung der überdimensionalen Alltagsmenschen, wenn sie nicht so unauffällig harmlos, nett und heiter den Funken der Normalität versprühen würden. Moment, sagte ich "Normalität"? Das stimmt für Sinsheim nicht mehr so ganz. Irgendwie erinnern mich die Figuren weniger an Alltag als an längst vergangene Zeiten, in denen die Senioren (auf die sich die Künstlerin spezialisiert hat - damals nannte man sie einfach "die älteren Herrschaften" oder politisch inkorrekt "die Alten") noch so aussahen.

Ein bisschen wehmütig bin ich die Figuren abgegangen. Und obwohl sie nett anzusehen sind und sich harmonisch ins Stadtbild einfügen und auch mit so viel Beifall eingemeindet wurden, wie es wohl keinen anderen fünfzig Exponaten eines Künstlers - ortsfremd oder lokal - gelungen wäre, kam ich doch oder gerade deswegen ins Grübeln.


Hier fliegen gleich die Löcher aus dem Käse...

Einerseits ist es nämlich offenbar Frau Lechners Anliegen, blasse, liebenswerte, leicht übergewichtige ältere Personen in unauffälligen Farben zu zeigen, die aus der Zeit gefallen zu sein scheinen und die Nostalgie "besserer" Tage heraufbeschwören, wogegen ja auch nichts zu sagen ist.

Andererseits wurde mir klar, wie wenig die Betonskulpturen mit der Gegenwart zu tun haben. Nicht einen Rolator oder Rollstuhl habe ich gesehen, keine Schwarzen, keinen "Anderen." Klar, ein Transgender oder Mitglieder aus anderen Randgruppen sind vielleicht dabei; solche, denen man es nicht sofort ansieht. Ist ja Interpretationssache, wie alles in der Kunst. Aber an der Oberfläche sind alle gleich, lächeln buddha-ähnlich vor sich hin und sind mit sich und der Welt zufrieden, kurz: jede Figur strahlt eine fast biedere Heiterkeit aus. Den vielgerühmten Individualismus sucht man vergebens. Und die Stadt jubelt. Alle sind Alltagsmenschen, alle finden sich in den Figuren wieder. Das ist schön und freut mich. Ehrlich.

Aber wenn wir noch ehrlicher sind, gibt es solche Bilderbuch-"Alltagsmenschen" nur noch wenige oder höchstens in Büchern und Filmen. Oder bis Mitte Oktober in meiner Stadt. Solange sie nicht den Vandalen anheimfallen.




Sonntag, 12. Juli 2020

Rezension Robinson Crusoe ~ Daniel Defoe

Dieser Klassiker, den ich schon lange lesen wollte und es jetzt endlich geschafft habe, hat mich in mehrerer Hinsicht positiv überrascht. Erstens dachte ich, dass es sterbenslangweilig sein müsste, über einsam Gestrandete und deren Reflektionen zu lesen. Zweitens ließ die im Vorwort als "erbaulich-belehrend" bezeichnete Lektüre auf eine Art Moralisierung des Lesers schließen - total yesteryear. Und drittens, wie würde man fast 300 Seiten überstehen, auf denen über ein 28 Jahre währendes Inselleben palavert wird? Keine meine Bedenken wurde bestätigt. Selbst die erbaulich-belehrende Seite ist erstaunlich anrührend und war für mich als gläubiger Mensch gut nachzuvollziehen, manchmal sogar fast wunderbar modern.


Alexander Selkirk, das Vorbild für Robinson. Foto: JTMorkis / Pixabay


Inhalt und Meinung: Gegen den Willen seiner Eltern zieht es den jungen Robinson hinaus in die weite Welt; am liebsten möchte er Seemann werden. Nach einigen Turbulenzen und dem Beackern einer brasilianischen Zuckerplantage wird ihm das geordnete Leben langweilig, und er zieht hinaus auf See. Von Piraten gekapert, wird er als Sklave verkauft, doch bald gelingt ihm die Flucht. Die Freundschaft zu einem Kapitän, der sich als sein Retter erweist, verhilft ihm zu einer neuen Seereise, auf der sein Schiff an einem Inselriff zerschellt und ihn als einzig Überlebenen an Land spült. Zunächst ist Robinson verzweifelt, doch er beginnt, das Beste aus seiner Lage zu machen. Dank der Vorräte aus dem Schiffswrack und dem, was auf der Insel wächst und gedeiht, baut er sich mit Eifer, Einfallsreichtum und Kreativität eine Existenz auf, von der außer den Tieren auf der Insel und ihm selbst niemand etwas weiß.

Nach einem überstandenen Fieber findet er zum Glauben und zu Gott. Trotz Rückschlägen in seinen Plänen und auch der schauderhaften Entdeckung nach knapp zwanzig Jahren, dass er wider Erwarten nicht allein ist, sondern mit Kannibalen seinen Wohnsitz teilt, die zu Opferritualen die Insel aufsuchen, verliert Robinson nie den Mut, verlässt sich auf die Vorsehung (nicht ohne die Vernunft außer Acht zu lassen), und ist auf seiner Insel bald glücklicher, als er es in England oder auf seiner Plantage je hätte sein können. Denn er weiß, dass er in Gottes Hand ist und ihm somit alles zum Besten dient. Sein modernes Gottvertrauen ohne Furcht vor Gott, sondern ihn als seinen Helfer und Beistand wissend, und wie er später seinem "Wilden" Freitag den Glauben erklärt, haben mich wohl am meisten beeindruckt. Dabei ergeht er sich weder in theologischen Fragen noch erzählt er etwas "vom Pferd", sondern begegnet Freitag auf Augenhöhe, wenn auch hin und wieder für heutige Verhältnisse ein wenig dünkelhaft. Doch selbst die Bräuche der Kannibalen, die "es nicht besser wissen", verurteilt er nicht, war Freitag doch selbst einer und ist ihm nun der treueste und einzige Freund.


Bild: grebmot / Pixabay

Im achtundzwanzigsten Jahr naht die Rettung in Gestalt eines Schiffes, auf dem zuvor eine Meuterei stattgefunden hat. Robinson, Freitag, dessen Vater und eine Handvoll Spanier, die mit den Kannibalen Handel treiben, helfen dem entmachteten Käptain, sein Schiff zurückzuerobern, woraufhin Robinson und Freitag die Insel verlassen. Zurück in Europa, erfährt Robinson, dass er aufgrund seiner ertragreichen Zuckerplantage in Brasilien ein gemachter Mann ist. Dankbar, dass es das Leben trotz allem Unglück so gut mit ihm meinte, bedenkt er seine Wohltäter mit Reichtum, gründet eine Familie und bleibt dennoch abenteuerlustig wie eh und je.

Ich hatte die "erwachsene" Ausgabe, die wahrscheinlich differenzierter und ausführlicher von Robinsons Gedankengängen als von seinen Taten und Abenteuern erzählt. Oft politisch gefärbt und das Leben im 17. Jahrhundert schildernd, kam mir der Roman gerade außerhalb der Insel recht exotisch vor. Verblüffend, dass der Sklavenhandel damals ein ganz normales Geschäftsmodell war, vor dem auch Weiße nicht gefeit waren, wenn sie erst einmal in die Fänge der Freibeuter und Händler kamen. Mit den etwas derben Ausdrücken und der Grausamkeit gegenüber Tieren war ich nicht immer einverstanden, doch insgesamt hat mir besonders Robinsons Zeit ohne menschliche Gesellschaft gefallen, in der er gelernt hat, sich dankbar und sogar privilegiert zu fühlen. Ein Klassiker, der nichts von seiner Aktualität verloren hat, wenn ihn Daniel Defoe wohl unter anderen Voraussetzungen schrieb und mit der Berücksichtigung der politischen Situation der im Wandel befindlichen westlichen Welt.

Defoes Inspiration zum Roman, der ungehorsame Seemann Alexander Selkirk, konnte nach "nur" vier Jahren Inselaufenthalt übrigens kaum mehr verständlich kommunizieren. Hätte er sich doch ein paar Papageien gehalten und ihnen das Sprechen beigebracht wie Robinson...  (O;

Bewertung:



Mittwoch, 8. Juli 2020

Am Lesen: Robinson Crusoe von Daniel Defoe

​Angeregt durch eine wirklich schöne Ausgabe von 1984 habe ich beschlossen, einen Klassiker anzufangen, den ich schon lange lesen wollte, bin ich doch großer Südsee-Fan und mag Bücher und Filme zum Thema historische Schiffe. Ich bin nun auf Seite 40 und hin und hergerissen. Einerseits machen mir die Schachtelsätze und das rasante Erzähltempo ein wenig zu schaffen, andererseits finde ich es erstaunlich und lehrreich, wie die Menschen im 17. Jh. gelebt haben und was für Weltanschauungen sie hatten - ganz anders als heute.




Auch was man bereits auf wenigen Seiten alles erfährt, macht mich staunen. Ich hatte z.B. nicht gewusst, dass es auch Sklaven unter Weißen gab, die sowohl von Weißen als auch von Schwarzen "gehalten" wurden, oder dass die schwarzen Sklaven als wertvoller erachtet wurden und mit Schmuck und Perlen erkauft, während die weißen meist von Freibeutern gekapert und häufig auf ensprechenden Märkten in Hafenvierteln verschachert wurden.

Robinson selbst ist bisher kein wirklicher Sympathieträger, im Gegenteil. Er weidet sich am Todeskampf eines Löwen, den er vom Wasser aus erschießt und ihm danach - wenn er ihn dummerweise schon nicht braten kann - das Fell abzieht. Auch seine Ausdrucksweise würde modernen Menschen die Haare zu Berg stehen lassen. Es ist von Negern und Mohren die Rede (da gab es offenbar tatsächlich einen Unterschied); etwas, das heute schwer geahndet wird. Wobei ich finde, dass man es mit der political correctness in einigen Bereichen übertreibt. Ich bin nicht sicher, ob man Klassiker diesbezüglich generell unverändert lässt oder ob meine Edition doch schon etwas angestaubt ist - denn nebenbei: was wäre Schillers Mohr ohne seine Schuldigkeit getan zu haben? Mir würde nicht einmal das politisch korrekte Synonym einfallen...

Kurzum, der Erzählstil und Robinsons Verhalten wirken höchst befremdlich; zumindest jetzt noch. Ich bin gespannt, ob das Tempo beschaulicher wird, wenn Robinson auf seiner Insel festsitzt. Auf jeden Fall hat der Roman schon jetzt ein besonderes Flair, das vor allem geschichtlich nicht uninteressant ist. Man fragt sich unwillkürlich, ob der Mensch in drei Jahrhunderten zu gefühlig geworden ist und in früheren Zeiten eine gewisse Härte vonnöten war, um überleben zu können. Das soll nicht heißen, dass ich Robinsons / Defoes Anschauungen verstehe (besonders der unfaire Löwenkampf hat mich empört), doch da mich die Geschichte bisher sehr an Errol Flynns Jugendjahre in seiner Biografie von 1959 erinnert, versuche ich, urteilsfrei zu lesen, ohne mir den Spaß an der unbestreitbar abenteuerlichen und originellen Geschichte nehmen zu lassen.


Heiko Brown / Pixabay

Auf jeden Fall bleibe ich dran. Vielleicht lernt Robinson ja noch von Freitag, dass die Hautfarbe nichts mit Hilfsbereitschaft und Respekt zu tun hat. Das ist sogar sehr wahrscheinlich und das Vorhersehbarste, sieht man davon ab, dass Robinson am Ende doch noch gerettet wird. Ganz wie seine reale Inspiration, der Seemann Alexander Selkirk, der zwar aufgrund von Streitigkeiten auf eine Insel verbannt, aber von dem berüchtigten Piratenkapitän Woode Rogers nach vier Jahren auf derselben 1709 gefunden und zur Zivilisation zurückgeführt wurde.


Mittwoch, 20. Mai 2020

Fazit zu "Die Nebel von Avalon" von Marion Zimmer Bradley

Puh, endlich geschafft! Ich habe das Buch nun nach Wochen zu Ende gelesen und möchte meine eher schlechte Bewertung gern begründen. Wie bereits gesagt, war das Thema nicht so meins, obwohl es sich immerhin um König Artus dreht. Der kam mir allerdings zu kurz im Schatten seiner machtvollen weiblichen Verwandtschaft, ebenso wie die Tafelritter nicht viel mehr als Staffage sind - meist simpel gestrickt obendrein. Lancelot hat als einziger noch ein wenig Potential, doch aus der Interpretation, er sei in Artus verliebt und daher in Gwenhywfar, die diesem nahe ist wie keiner sonst, hätte man m. M. nach mehr herausholen können, ohne sich in verbrämten Andeutungen zu ergehen... das wäre ein Plot gewesen, der mich interessiert hätte. Überhaupt, vieles, was beschrieben und erzählt wird, hätte man auf weniger Seiten abhandeln können. Oft habe ich mich gefragt, ob die Autorin sich zum Ziel gesetzt hat, über 1000 Seiten zu schreiben und daher in Details abschweift, die sich als nicht handlungsrelevant erweisen (uff, jetzt bin ich aber streng...).


Valiphotos /Pixabay


Aufgrund der ständig erwähnten Ähnlichkeit zwischen Lancelot und Mordred, die auch jeder Figur im Buch auffällt, hatte ich im letzten Drittel  noch auf einen Überraschungsmoment am Schluss gehofft - vergeblich.

Na gut, es ging in erster Linie um die Frauen, die Mystikerinnen und Zauberinnen und ihr Glaube an die Fruchtbarkeit, Mutter Erde und die Reinkarnation bzw. den Kreislauf der Göttin. Und das war irgendwie der Knackpunkt, denn das war mir doch zu penetrant. Ich würde nicht sagen, dass der Roman männerfeindlich oder feministisch ist, aber stellenweise kam mir der Roman vor wie ein psychedelischer Trip in die Tiefen der für mich völlig verstaubten Esoterikkiste. Man merkt dem Roman dann doch an, in welcher Zeit er verfasst wurde. In den 1980ern war es, glaube ich, schicker noch als heute, an die Wiedergeburt zu glauben, die damals in der westlichen Hemisphäre als exotisch und weise aufkam. Und darum geht es in dieser Reihe hauptsächlich, von der ich den letzten Band gelesen habe, ohne es zu wissen.

Den letzten Teil von "Die Nebel von Avalon" fand ich konfus und das Ende irgendwie übereilt und wenig spetakulär - immerhin stehen sich Vater und Sohn im Kampf gegenüber; da fehlte mir die Dramatik, wenn ich auch froh war, dass keine ausgiebigen Schlachtszenen geschildert wurden wie in Cornwells Artus-Trilogie. Stattdessen Geschwurbel über Visionen und Gesichte, die auf dem Rücken von Figuren prickeln, die mich genauso kalt gelassen haben wie der verpuffte Showdown.

Schade, aber immerhin bin ich jetzt um einen Klassiker belesener...

Fazit: Zwar gut geschrieben, aber langatmig und für meinen Geschmack zu frauenlastig.

Bewertung:



Donnerstag, 30. April 2020

Leseprobe aus "Affettuoso"

Es folgt ein kleiner Ausschnitt aus meinem "Roadmovie"- Roman "Affettuoso". Die Szene beschreibt Joshuas erste Schritte ohne Auge, das er nach einem Unfall mit einem Oldtimer verloren hat. Mickeys Knastkumpan, mit dem ihm die Flucht gelang, ist Epileptiker und darf eigentlich keinen Wagen führen. Doch wie das so ist: der Reiz am Verbotenen war stärker. Mickey (der Erzähler) macht sich Vorwürfe, obwohl ihn keine Schuld trifft. Er hat Joshua aber auch trotz oder gerade aufgrund seiner Unzulänglichkeiten fest ins große Herz geschlossen.


DesCor / Pixabay


• Hör mal, Alter, sagte Richard. Moira und ich haben uns überlegt, ob du im Hotel pennen willst, solange Joshua weg ist, es wird ja allmählich auch was kalt da draußen, und wir hausen in `nem Luxusappartement, ich lass was meine Connections spielen, dann ist das kein Problem, wenn du auf’m Sofa ratzt und dich friedlich verhältst.
• Klar, sagte ich. Ist gebongt. Danke.
Ich war wirklich froh; im Strandhaus fraß ich manchmal vor Einsamkeit schier einen Besen, ich zögerte das so lang wie möglich raus und werkelte bis in die frühen Morgenstunden wie besessen in der Tankstelle.
Ich brauste auch mal mit der Intruder raus zum Unfallort und errichtete ein kleines Holzkreuz für Joshuas Auge; das war albern, ich weiß, doch ich glaubte, dass ich ihm das schuldig war, dem Auge.
Das Zimmer mochte ein Luxusappartement sein, es besaß immerhin eine winzige Kochnische nebst Kaffeemaschine, so war ich befähigt, mich durch die schlaflosen Nächte zu putschen, denn die Wände waren verflixt dünn, ich hörte Geräusche von allen Seiten, außerdem dröhnte der Kirchturm wie aufgezogen, irgendwo röllerten paarungswütige Katzen, und bestimmt flitzte demnächst ein Schnellzug mit Schallgeschwindigkeit durch meine Gehörgänge.
Zu dritt rückten wir in der Klinik an, als Joshua entlassen wurde, sie hatten ihn nur kurz dabehalten, da die Notfallstation von Bettenmangel bedroht war. Moira stöckelte auf ihn zu und riss ihn Besitz ergreifend an sich. Unterdessen bedankte ich mich bei Dr. Alvardo, Richard hatte hinter mir Position bezogen und rollte nervös den Bund seines rot-weiß-blaugestreiften Muscleshirts auf und zu.
• Er wird in der ersten Zeit vermehrt auf Ihre Hilfe angewiesen sein, sagte Dr. Alvarado. Haben Sie Geduld, es ist eine große Umstellung für Sie alle.
• Wie fühlt man sich so als Capt’n Hook, fragte Richard, Joshua grinste.
• Ich wollte lieber Tinkerbell sein. Die kann fliegen und schüttelt Feenstaub aus’m Röckchen.
Es waren auf den ersten Blick Banalitäten, die zu schier unüberwindlichen Hürden avancierten, es fing bei den Treppenstufen der Klinik an, Joshua weigerte sich, nach unten zu gehen, er hatte das Gefühl, in ein Loch zu fallen, das waren Dinge, in die man sich erst hineinversetzen musste, um zu verstehen, dass Treppenstufen eine ernste Gefahr darstellten.
• Lasst uns den Lift nehmen, schlug Richard vor, doch die Idee verwarf ich gleich wieder, in Fahrstühlen flippte Joshua vollkommen aus, er hatte als Kind mal in einem einen traumatischen Anfall gekriegt.
Er umkrampfte das Geländer und schlang den rechten Arm um Moiras Taille, er setzte jedes Mal einen Fuß neben den anderen, bevor er die nächste Stufe in Angriff nahm, Richard und ich, hinter ihnen, ahmten unabsichtlich seinen Gang nach.
• Mir ist schlecht, sagte er, wir hatten noch `ne Menge Stufen vor uns, Richard sagte:
• Moira, vergiss unser Meeting mit den Tennisfreunden nicht.
• Zum Teufel mit dem verpissten Meeting, fauchte sie. Wir stecken in Schwierigkeiten, Dick!
Sie knickte ein bisschen in der Hüfte ein, Joshua merkte, dass er sie zu sehr belastete; er taumelte auf mich zu und hängte sich an meinen Hals.
• Danke für die Unterstützung, Mädels, sagte ich. Den Rest schaffen wir allein.
Richard, der Gute, wollte seinen Fauxpas ausbügeln, er tätschelte flüchtig Joshuas Po. Wenn du Probleme hast, Junge, kannst du jederzeit zu mir kommen, klar?
Hand in Hand hüpften sie die Treppe hinunter, insgeheim glücklich, einer ihnen fremden Welt zu entkommen.
• Wir haben alle Zeit der Welt, beruhigte ich Joshua. Lass dich nicht entmutigen. Das ist eben so, am Anfang.
Er sagte nichts, sondern rückte noch ein Stück näher an mich ran, ich hatte Schiss, mit der Schulter irgendwie der verpflasterten empfindlichen Naht zu schaden. Joshua, sagte ich. Ich kann dich tragen. Willst du, dass ich das tue?
Er nickte gedemütigt, und ich hob ihn hoch.


Samstag, 25. April 2020

Ich lese gerade... Die Nebel von Avalon ~ Marion Zimmer Bradley

Von diesem Buch habe ich eigentlich nur Gutes gehört, und auch meine Tante hat es mir mit strahlenden Augen und dem Satz "Du liest doch so gerne Artus-Geschichten" überreicht. Das war schon vor ein paar Wochen, und seitdem lese ich immer wieder ein Stück, ohne dass der Funke wirklich überspringt. Mittlerweile bin ich beim vierten Teil (der letzte), und frage mich, was an dem Roman so Besonderes sein soll. Immerhin zählt er mittlerweile ja zu den Klassikern im Fantasygenre.





Die Handlung wird hauptsächlich aus Morgaines Sicht geschildert, wobei ihre Erziehung in Avalon und ihr Hin und Her zwischen dem alten heidnischen und dem neu aufkommenden christlichen Zeitalter im Fokus stehen. Ihre Aufgabe nach dem Plan ihrer Tante Viviane bzw. der großen Göttin ist es, Halbbruder Artus, mit dem sie beim Beltanefest ein Kind gezeugt hat, zu überreden, die alten Riten von Britannien wiederaufleben zu lassen, oder ihm im Fall seiner Verweigerung das in Avalon geschmiedete Zauberschwert Excalibur abzunehmen und ihn als König zu stürzen. Dazwischen schwankt sie zwischen ihrer Liebe zu Cousin Lancelot, der ihr im Jugendalter einen Korb gibt, findet sich hässlich und unwürdig der großen Göttin und zweifelt an sich selbst, während sie sich in besseren Tagen zum Vamp und zur Nachfolgerin der Herrin vom See aufschwingt, nachdem Viviane, ihre überdimensionale Ziehmutter und Mutter von Lancelot, hinterhältig an Artus' Hof ermordet wurde.

Das Buch wird auf der Rückseite als die "wunderbarste Artus-Interpretation" gepriesen, aber ganz ehrlich, ich habe schon bessere gelesen. Die Protagonistin ist mir unsympathisch, und eigentlich auch alle weiteren Charaktere im Buch. Wahrscheinlich soll Morgaine eine emanzipierte Frau sein, aber für mich wirkt sie ebenso schwach und oberflächlich wie die hyperfromme Gwynhwyfar (was für eine Schreibweise!), der bisexuelle Lancelot (eine recht mutige Interpretation) und Artus selbst. Ihr weltlicher Alltag als Herrscherin von Nordwales und Kammerzofe auf Camelot besteht aus Spinnen, Weben, Waschen, Verkuppeln und Hofklatsch, also nichts Aufregendes, und das oft seitenlang. Da war ich versucht, querzulesen. Sie verurteilt das Christentum mit krassen Worten, die ihr die Autorin in den Mund und die Gedanken legt, und das ist ein Punkt, der mich bei Romanen, in denen Religion thematisiert wird, über die Maßen stört. Besonders, da ihre eigene Religion um die große Göttin und Mutter Erde irgendwie auch eine ziemliche Enttäuschung ist, die ihren ständig fastenden Priesterinnen Verbote auferlegt und ihnen vorschreibt, was sie tun müssen, um der Göttin zu gefallen. Denn obwohl Morgaine in deren Sinn handelt, tut sie es nicht ohne ständige Zweifel und Bedenken, auch wenn sie dafür über Leichen geht.


GregMontani / Pixabay


Allerdings muss ich dem Buch zugute halten, dass es verflixt gut geschrieben ist. Ich hätte schon längst abgebrochen, wenn die Geschichte mich aufgrund des schnörkellosen aber bildreichen Stils nicht sofort irgendwie gefangen genommen hätte. Ich lese es noch zu Ende und lasse dann eine Bewertung da. Ich glaube, eine ausführliche Rezension würde mich bei dem Umfang von über 1100 Seiten ein bisschen überfordern... (O;


Samstag, 18. April 2020

Filme in Zeiten von Corona (VI) "The Lost Prince" (1999)

Nachdem mir "Perfect Strangers" von Stephen Poliakoff so gut gefallen hat, ging ich auf die Suche nach weiteren Produktionen von ihm und bin auf "The Lost Prince" gestoßen, ein Biopic des jüngsten Sohnes von King George V. und Queen Mary und offenbar auch die Inspiration zu "Perfect Strangers".

Lange war die Existenz des kleinen Johnnie (1905 -1919), Onkel der heutigen Queen Elizabeth, ein Geheimnis; mit vier Jahren wurde er offiziell zum Epileptiker erklärt und litt anscheinend unter einer milden Form von Autismus, ehe er im Alter von 13 Jahren starb und  - grausamerweise zur Erleichterung der Familie - in Vergessenheit geriet, bis man gegen Ende des 20. Jahrhunderts in Frankreich auf Erinnerungsstücke im Nachlass seines ältesten Bruders Edward stieß (der, der Wally Simpson einer königlichen Laufbahn vorzog).





Inhalt: Es gibt ein schwarzes Lämmchen in der königlichen Familie, und das ist Prinz John. Er ist nicht wie seine fünf Geschwister, passt sich nicht dem höfischen Leben an und sagt geradeheraus, was er denkt, auch und gerade zu Anlässen, bei denen ein Kindermund zur damaligen Zeit schweigen soll, besonders ein royaler. Das Lernen fällt ihm schwer, und aus heiterem Himmel befallen ihn epileptische Anfälle, die jeden, der davon Zeuge wird, "traumatisieren". Die Ärzte, die nach einem solchen Anfall gerufen werden, raten u.a. darum dringend, ihn "in Isolation" zu geben (ein aktueller Bezug zu Corona!). Lange fackeln ist Queen Marys (streng und gewohnt furchteinflößend: Miranda Richardson) Sache nicht, und so schickt sie ihn mit dem treuen Kindermädchen Lalla von Sandringham aufs Land in ein kleines Cottage. Dort lebt er fern von königlichen Pflichten gemeinsam mit Lalla (Gina McKee), einem müßigen Gehilfen und einem Hauslehrer, dem irgendwann der Geduldsfaden mit seinem unwilligen Schüler reißt und der sich freiwillig zur Armee meldet. 

Bruder George besucht ihn hin und wieder und hält den engsten Kontakt zu ihm, denn er liebt Johnnie nicht nur, er bewundert ihn und freut sich über seine Fortschritte. Anders als George und die übrigen Geschwister ist Johnnie frei, sich selbst zu sein und muss sich nicht verstellen, um in die Gesellschaft zu passen. Politik, der von Cousin Bill angezettelte Erste Weltkrieg, Internat, Etikette, lästige Treffen mit dem Rest der weit verzeigten königlichen Verwandtschaft - all das bleibt Johnnie erspart. Er ist glücklich auf dem Land mit Lalla, seinem Grammophon, seiner Malerei und seiner Trompete. Doch zumindest im Film er ist sich seines Standes wohl bewusst und zeigt sich als Teenager höflich aber auch majestätisch bestimmend während der seltenen Besuche seiner zugeknöpften Eltern, die sich heimlich für ihn schämen. 

Meinung: Nach dem grandiosen und emotional packenden "Perfect Strangers" war "The Lost Prince" zunächst eine herbe Enttäuschung. Viel zu (monarchisch) steif, zu wenig erzählerisch, zu wenig Sympathie mit den Schauspielern; selbst die Kinderdarsteller - obwohl gut gewählt - konnten mich nicht überzeugen. Erst am Ende des Zweiteilers flossen Tränen im vertrauten Poliakoff-Modus. Und zwar nicht nur deshalb, weil es uns für heutige Verhältnisse herzlos vorkommt, Kinder, die anders sind, zu vernachlässigen und ihnen nicht helfen zu wollen oder zu können (die Erforschung und Behandlung von Epilepsie steckte noch in den Kinderschuhen), sondern auch vor Rührung. 


Prince John. Bildquelle: Wikimedia Commons

Mir wurde erst später klar, dass Johnnie eigentlich am besten dran war von allen Beteiligten, nämlich dann, als ich ein wenig genauer über ihn recherchiert habe. Trotz seiner Neigung zum Autismus hatte Johnnie Freunde und einfache Leute in seinem "Exil", denen er wichtig war und die ihm ein gutes Leben ermöglicht haben. Die aufrichtig um ihn getrauert haben, als er nach einem schweren Anfall im Schlaf gestorben ist. Die echte Lalla bewahrte zeitlebens ein Foto von ihm auf, das über ihrem Kamin hing. Sie hat nie geheiratet und eigene Kinder bekommen, denn, wie sie auch zu Queen Mary unter Tränen im Film sagt, war Johnnie etwas Besonderes. 

Trotz der etwas schwerfälligen und manchmal wirren Erzählweise empfand ich wieder eine bittersüße Traurigkeit, die mich beim Anschauen solcher Filme nach wahren Begebenheiten oft überkommt. Dass sie nicht von Beginn an da war, liegt wohl an der zurückhaltenden und eisigen royalen Atmosphäre der Geschichte. Man sagt, dass George V. und Queen Mary sich trotz ihrer Liebe nur brieflich verständigten, weil sie Sprechen als ungehörig und notwendiges Übel erachteten. Selbst Georgie, der seinem Bruder am nächsten steht, wirkt steif und hölzern aufgrund der Erziehung und der Zukunft, die ihn als Marineoffizier erwartet. Ich bin allerdings auch wahrlich kein Fan von irgendwelchen Royals und kenne mich mit den Gepflogenheiten, Schrullen und Dramen bei Hofe nicht aus. Insofern war "The Lost Prince" eine Neuentdeckung und hat mich sogar neugierig auf weitere Informationen über Prince John gemacht. Denn interessant und außergewöhnlich war er allemal.

Bewertung: nach reiflicher Überlegung knappe vier 





Sonntag, 12. April 2020

Gesegnete Ostern trotz (oder gerade wegen) Corona

Allen meinen Lesern wünsche ich ein frohes und gesegnetes Osterfest. Und da viele meinen, es ginge "nur" um Osterhasen, die die Eier verstecken und man sie heuer leider nicht im Freien suchen kann, möchte ich die Ostergeschichte aus dem Lukas-Evangelium posten. Wer daran glaubt, braucht keine buntbemalten Eier und auch kein Festessen mit der Verwandtschaft aus Nah und Fern. Denn Jesus hat allen ein Geschenk gemacht, das so viel größer ist als alles Glück und Unglück dieser Welt. 💖💖

In diesem Sinne geht in euch und an die frische Luft und seid gewiss, dass nichts euch schaden kann, wenn ihr mit Jesus geht.


Pixabay

1 Am Sonntagmorgen dann, in aller Frühe, nahmen die Frauen die wohlriechenden Öle, die sie sich beschafft hatten, und gingen zum Grab.

2 Da sahen sie, dass der Stein vom Grabeingang weggerollt war.

3 Sie gingen hinein, doch der Leichnam von Jesus, dem Herrn, war nicht mehr da.

4 Während sie noch ratlos dastanden, traten plötzlich zwei Männer in strahlend hellem Gewand zu ihnen.

5 Die Frauen fürchteten sich und wagten sie nicht anzusehen; sie blickten zu Boden.
 Die beiden sagten zu ihnen: »Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?

6 Er ist nicht hier; Gott hat ihn vom Tod auferweckt! Erinnert euch an das, was er euch schon in Galiläa gesagt hat:

7 'Der Menschensohn muss den Menschen, den Sündern, ausgeliefert und ans Kreuz genagelt werden und am dritten Tag vom Tod auferstehen.'«

8 Da erinnerten sich die Frauen an seine Worte.

9 Sie verließen das Grab und gingen zu den Elf und allen Übrigen, die bei ihnen waren, und berichteten ihnen alles.

10a Es waren Maria aus Magdala und Johanna und Maria, die Mutter von Jakobus, sowie die anderen Frauen, die mit ihnen am Grab gewesen waren.

Quelle:  Deutsche Bibelgesellschaft

Mittwoch, 8. April 2020

Filme in Zeiten von Corona (V) "The Others" (2001)

Bei diesem Film mit einer fantastischen Nicole Kidman, der seit Jahren zu einem meiner Lieblingsfilme zählt, weiß ich gar nicht recht, ob ich ihn gut beschreiben kann, ohne allzu viel zu verraten. Ich versuche es trotzdem, denn wer auf Mystery-Thriller und Grusel ohne Splatter und Gore steht, der sollte sich "The Others" unbedingt ansehen! 




 Inhalt: Während des zweiten Weltkriegs: auf den abgeschiedenen Kanalinseln lebt die streng katholische Grace in einem alten Herrenhaus ohne Elektrizität mit ihren beiden Kindern Anne und Nicholas, die unter einer seltenen Krankheit leiden: sie reagieren allergisch auf Licht und müssen sich stets in abgedunkelten Räumen aufhalten, da sie sonst sterben könnten. Ihr Mann gilt als im Krieg verschollen, doch Grace weigert sich, seinen Tod zu akzeptieren und hofft auf seine Rückkehr. 

Nachdem die Dienerschaft das Anwesen quasi grundlos und über Nacht verlassen hat, gibt Grace eine Anzeige auf der Suche nach neuen Dienern auf. Bevor sie sie abschicken kann, klopfen drei Leute an ihre Tür, die behaupten, das Haus von früher zu kennen und die ihre Dienste anbieten. Schon bald merkt Grace, dass mit der rätselhaften Berta Mills, dem stummen Mädchen Lydia und dem Gärtner Tuttle etwas nicht stimmt. Seit deren Ankunft geschehen merkwürdige Dinge im Haus, die Grace mit der Zeit an ihrem Verstand zweifeln lassen. Doch Geister gibt es nicht. Oder doch?

Meinung:  "The Others" ist wirklich anders. Regie geführt hat Alejandro Amenábar, ein Spanier. Und ich meine, das ist zu erkennen, denn qualitativ erinnert der Film stark an "Crimson Peak" und "Das Waisenhaus". Der Horror kommt nicht mit dem Holzhammer daher, sondern subtil gänsehauterzeugend und allmählich, bis er sich zu einem überraschenden und bizarren Showdown verdichtet, mit dem vermutlich kein Zuschauer gerechnet hat. Auch das macht "The Others" einzigartig. Man ist einfach verblüfft und erstaunt über den raffinierten Schluss, der es eigentlich überflüssig macht, sich den Film ein zweites Mal anzusehen. Wären da nicht die tollen Leistungen der Schauspieler (allen voran Nicole Kidman und Fionnula Flanagan als Hauswirtschafterin Berta Mills und die Kinder, die ihre Parts als widerspenstige Anne und als der ängstliche Nicholas überzeugend spielen) und die düstere Atmosphäre des Herrenhauses, das einen sofort gefangen nimmt. Die Idee mit den Post Mortem-Fotos, die im ausgehenden 19. Jahrhundert groß in Mode waren, trägt viel zum unheimlichen Geschehen bei und lässt den Zuschauer grausig fasziniert auf spätere Google-Bildersuche gehen (zumindest mich). Gefallen hat mir auch Christopher Ecclestone als kurzzeitig heimkehrender Ehemann, der sich von seiner Familie verabschiedet, denn bleiben kann er nicht...

Einen kleinen Kritikpunkt habe ich, der allerdings nur ins Gewicht fällt, wenn man "The Others" nicht als reine Unterhaltung betrachtet, sondern vielleicht als Wahrheit des Regisseurs, der auch das Drehbuch schrieb. Vorsicht, jetzt kommt er doch noch, der winzige Spoiler: Es wird im Film viel von "verschiedenen Wahrheiten" geredet, und dass die von Grace derart verzerrt war und sie enttäuscht wird von dem, was sie ihren Kindern beibringt (sie lässt sie in der Bibel lesen, und ja, dabei ist sie ziemlich penetrant, streng und pedantisch), empfinde ich als gläubiger Mensch ein wenig geringschätzig. Die biblischen Geschichten am Ende als Märchen hinzustellen und Grace' Glauben derart krass zu desillusionieren, das war dann doch nicht so fein. Andererseits ist der Schluss plausibel, wenn man ihn vom Aspekt des alten Volksglauben ableitet.




 Fazit und Bewertung:  Da ich ein Fan von gut gemachten Schauergeschichten in Literatur und Kino bin und diese nicht so leicht zu finden sind, erhält der Film trotz dem etwas bitteren Nachgeschmack





Sonntag, 5. April 2020

Filme in Zeiten von Corona (IV) "Topkapi" (1964)

Bevor ich etwas zum Rififi-Ableger von Jules Dassin schreibe, muss ich kurz erklären, dass ich als Teenager eine Schwäche für Maximilian Schell hatte und ihn bis heute neben David Bowie als einen der vielfältigsten und bemerkenswertesten Künstler unserer Zeit betrachte. In meiner Schell-Phase habe ich sämtliches Material über den Mann gesammelt, den ich damals richtig sexy fand, u.a. auch Filme von und mit ihm, die heute kaum jemand mehr kennt. Dazu gehört leider auch die Gangsterkomödie "Topkapi", in der neben Maximilian Schell ein weiteres Multitalent namens Peter Ustinov glänzt. Zudem erfreut sich die Kernsequenz des Films vieler Nachahmer und Reminiszenzen in neueren Filme, wie z.B. in Mission Impossible mit Tom Cruise.




Inhalt: In einem psychedelisch gefärbten und gewöhnungsbedürftig anmutenden Vorspann führt die exaltierte Klepto- und Nymphomanin Elizabeth Libb (ein bisschen overacting von Melina Mercouri) durch das Topkapi-Museum in Instanbul und zeigt uns das Objekt ihrer Begierde, bei dessen Anblick nicht nur ihre Augen feucht werden.

Gemeinsam mit ihrem Komplizen und Gelegenheitsliebhaber Walter Harper/Häberli (Maximilian Schell) will sie den unschätzbar wertvollen Dolch des Sultans im Glaskasten aus dem Museum entwenden. Dazu fertigt sie eine Kopie des Dolchs an, um sie mit dem echten zu ersetzen. Die Hauptarbeit geht an den eleganten Walter, der als Schweizer präzise wie ein Uhrwerk den bombensicheren Coup austüftelt. Nicht nur seine unleugbare Herkunft wirkt anziehend auf Elizabeth - beide sind wohl ein wenig außergewöhnlich in ihren sexuellen Vorlieben, was in den 1960er Jahren natürlich nur mehr oder weniger vage angedeutet werden kann, etwa mit komplizierten Knoten, die  - höhö! - beim Pfadfinderlager erlernt wurden.

Der Coup wird von dem an der türkisch-griechischen Grenze lebenden Arthur Simpson (Peter Ustinov) unbeabsichtigt vereitelt, den sich das kinky Paar gemeinsam mit drei weiteren Beteiligten als neutralen Amateurdieb erwählt. Dummerweise fliegt er mit dem Gangsterwagen beim Zoll auf und soll fortan für den türkischen Geheimdienst spionieren, um zu beweisen, dass er keiner terroristischen Organisation angehört. Ein Katz-und-Maus-Spiel beginnt, bei dem der arme Arthur nicht nur einmal an die Grenzen seiner physischen und psychischen Belastbarkeit kommt.


"Vernünftig ausgeben. Zwei Packungen Klopapier, verstanden?"


Meinung: Lang lang ist's her, dass dieser Film zu meinen Top-Favoriten zählte, auch wenn er nach wie vor einen ganz eigenen Charme hat und - abgesehen von Mercouri, die mich in ihrer Penetranz wirklich genervt hat - bis in die Nebenrollen der türkischen Polizisten und Geheimagenten grandios besetzt ist. Die Bilder sind toll und atmosphärisch, teilweise erstaunlich historisch und fangen das Flair des Mittelmeerraums in der 1960ern ein. Fast wirken einzelne Szenen von der Bevölkerung und von maroden Häusern wie in einem alten Reisemagazin. Ein bisschen primitiv und angestaubt auch, nicht nur die Bilder, sondern auch die Methoden, mit denen der Geheimdienst seine Pflicht erfüllt. Ich musste schmunzeln, als Arthur vom Geheimdienst angewiesen wird, wie er seine Meldungen betreffs der Tätigkeit der Gangster übermitteln muss: in einer leeren Zigarettenschachtel, die er auf die Straße wirft und die dann von einem VW Käfer aufgesammelt wird. Da würde selbst der junge Connery-Bond den Kopf schütteln, oder? Sei's drum, es war irgendwie nett und garantiert wanzenfrei.

Ein Highlight ist natürlich die Szene des raffinierten Diebstahls, die minutenlang ohne Musik oder Dialog gedreht wurde. Da hält man als Zuschauer unweigerlich den Atem an und bangt mit Julio, der nicht nur aufgrund seiner athletischen Fähigkeiten ausgewählt wurde, sondern dem es zudem noch zum Vorteil gereicht, dass er stumm ist und somit nicht aufschreien kann, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert. Das war schon sehr clever und schweizerisch gedacht von Walter. Überführt werden die sympathischen Ganoven dann doch trotz aller Akribie und Arthurs widerwilliger Hilfe, nämlich von einem Spatz. Und so sagt der Geheimdienstchef Ali Tufkan beim Treffen mit der Bande mit einem süffisanten Grinsen, dass ihm ein kleines Vögelchen etwas gezwitschert hätte. Jetzt wissen wir, wo die Redewendung herkommt... (O;

Fazit und Bewertung: Früher habe ich "Topkapi" geliebt. Oft angeschaut auch, denn die Dialoge kenne ich selbst nach Jahren noch. Aber wenn ich ehrlich bin, hat sich mein Geschmack anscheinend ein wenig geändert, oder es war in der Tat *nur* Herr Schell, der meine Faszination für den Film ausgelöst hat. Kein Zweifel, der Film ist unterhaltsam und zu Unrecht mehr oder weniger in Vergessenheit geraten. Doch die Machart und die markigen Sprüche sind schon sehr speziell und nicht das, was man zeitlos nennen würde. Zumindest für mich schien der Film an einigen Stellen etwas altbacken, was aber auch daran liegen mag, dass es schon ewig her ist, als ich ihn zum ersten Mal gesehen habe. Trotzdem gebe ich gute



und einen halben obendrauf für den schmissigen Soundtrack und den originellen Abspann.


Bildquelle: Amazon