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Samstag, 22. Juli 2017

Keine Nacht dir zu lang ~ Barbara Vine

Nachdem mich "Es scheint die Sonne noch so schön" so beindruckt hat, habe ich mir ein paar mehr Romane von Barbara Vine/Ruth Rendell gegönnt. Von "Keine Nacht dir zu lang", dem nächsten,  wurde ich nicht enttäuscht.




Inhalt: Suffolk, Anfang der 1990er Jahre: Der 25-jährige Tim Cornish - gutaussehend, aber wenig an Beziehungen zu Mädchen oder Herzensangelegenheiten überhaupt interessiert - belegt einen "Creative Writing"-Kurs. Sein schwuler Dozent bietet ihm eine Wohngemeinschaft mit seinem Untermieter Dr. Ivo Steadman an. Für Tim eine Offenbarung, denn er fühlt sich sofort von dem etwas älteren Mann angezogen. Gegen seine Gewohnheit lässt er alle Schüchternheit fahren und küsst ihn schon beim ersten Treffen auf den Mund. Seine Gefühle werden erwidert. Nach ernsthaften Zweifeln über die Existenz seiner sexuellen Begierden meint Tim, die wahre Liebe endlich gefunden zu haben. Die kühlt allerdings ab, als Ivo sich in den nächsten Wochen als etwas herablassend ihm gegenüber herausstellt und ihm während eines gemeinsamen Essens fast beiläufig seine Gefühle offenbart. Er liebe Tim und wolle nie mehr ohne ihn sein. Tim, an seine Freiheit gewöhnt, fühlt sich plötzlich gefangen.

Auf einer von Ivo beruflich bedingten Kreuzfahrt durch Alaska und einem Aufenthalt ohne ihn in Seattle kommt ihm der Gedanke, sich von Ivo zu trennen. Isabel, zunächst nur eine Reisebekanntschaft, verstärkt diesen Wunsch. Im Gegensatz zu Ivo engt sie ihn nicht ein, sie ist gebildet wie Ivo, ohne dabei lehrerhaft zu sein und ihn wie ein launisches Kind zu behandeln (das Tim strenggenommen allerdings auch ist). Seine Liebe zu Isabel und die Verzweiflung und Angst vor einem eifersüchtigen Ivo treiben ihn zu einem Schritt, über den er später tiefe Reue empfindet. Zuhause angekommen, beginnt er, sich die Geschehnisse von der Seele zu schreiben - und wird dabei immer wieder von Ivo verfolgt.

Meinung: Dieser Roman zählt erstaunlicherweise zu den weniger beliebten der Autorin, was für mich nicht wirklich nachvollziehbar ist. Der kluge Aufbau der Geschichte, ein angenehmer und hin und wieder humorvoller Stil, Spannung bis zuletzt, und die Aha-Erlebnisse im letzten Drittel sind die Zutaten, die mich über einem Buch die Zeit vergessen lassen. Auch mochte ich den an der Oberfläche kühlen Ivo sehr, obwohl er tatsächlich etwas arrogant und vielleicht fast so narzisstisch wirkt wie der Haupterzähler Tim Cornish. Der sieht aus wie ein junger Robert Redford (eine Umschreibung, die mich ein bisschen gestört hat), und hatte daher schon im Vorfeld schlechte Karten bei mir. Ein bisschen zäh war der Mittelteil, in dem sich Tim in seiner Liebe zu Isabel irgendwie zum Deppen macht und sich in Alkohol und Selbstmitleid suhlt.

Auf einen Punkt, der von vielen Kritikern angeprangert wird, möchte ich eingehen: ganz sicher hat die Autorin mit "Keine Nacht dir zu lang" kein Plädoyer für Heterobeziehungen schreiben wollen. Dafür ist die Geschichte zu komplex, zu vielschichtig und zu wenig analytisch bzw. beurteilend im Hinblick auf die Beziehungen Ivo/Tim und Tim/Isabel. Wie Tim selbst in seiner Beichte sagt, würde er der wahren Liebe kein geschlechtliches Label aufdrücken wollen. Die Überraschung darüber, warum er sich letztendlich in beide verliebt hat, ist Barbara Vine gut gelungen. Ich dachte in diesem Augenblick: das war's, Peng! Die Story ist erzählt. Und trotzdem gab es noch einige weitere Wendungen und unausgesprochene Geheimnisse, auf die ich nie gekommen wäre.


arvid97 / Pixabay


Psychologisches Geschick, seelische Abgründe und eine auf den ersten Blick gewöhnliche und doch so originelle Dreiecksbeziehung haben den Roman zu einem großen Lesevergnügen für mich gemacht.


Bewertung:  

  und ein halber




Donnerstag, 13. Juli 2017

Ein besonderer Junge ~ Philippe Grimbert

Weiter geht's mit meinem Lese-Sommer. So für zwischendurch und das durchwachsene Wetter habe ich ein kleines Büchlein gelesen, das mich in seiner Kürze sehr beeindruckt hat - obwohl ich mit dem poetischen, fast lyrischen Stil anfangs ein bisschen meine Probleme hatte. Im Nachhinein konnte "Ein besonderer Junge" jedoch nicht anders geschrieben sein, und wenn ich ehrlich bin, habe ich beim Schlusssatz ein paar Tränchen verdrückt.




Inhalt: 1970er Jahre: Der Student Louis ist ein Träumer und lebt in den Tag hinein. Ein abgebrochenes Psychologiestudium liegt hinter ihm, und mit der Juristerei kann er sich auch nicht so recht anfreunden. Seine Vorliebe für Bücher und seine bevorzugte Position, allein zu sein, machen es ihm schwer, Kontakt zu anderen zu knüpfen. Seine Eltern nennen ihn einen Sonderling oder, wenn sie es nett meinen, einen "besonderen Jungen." In den Semesterferien wird er auf eine Anzeige am schwarzen Brett der Universität aufmerksam, in dem ein Aufpasser für einen schwierigen Jugendlichen gesucht wird. Der genannte Ort ist es, der Louis schließlich dazu bringt, seine Scheu zu überwinden: in Horville verbrachte er regelmäßig die Sommerferien mit seinen Eltern, und er fand seinen einzigen Freund dort, den übermütigen und seelenverwandten Antoine, dem am letzten Urlaubstag sein Übermut zum Verhängnis wurde.

In Horville angekommen, lernt Louis die sarkastische, sexuell frustrierte  Helene und deren sechzehnjährigen Sohn Iannis kennen. Helene bezeichnet sich als Erotik-Autorin und möchte einen Roman schreiben, weswegen sie Ruhe braucht und nicht von Iannis abgelenkt werden möchte, der rund um die Uhr betreut werden muss: er spricht nicht, lebt in seiner eigenen Welt, verweigert den Toilettengang so lange wie möglich und neigt zu Selbstverletzung und Panikattacken. Für Louis stehen alle Anzeichen zunächst auf Flucht, doch Iannis verändert ihn ohne Worte und ohne große Gesten. Ganz allmählich entwickelt sich eine Beziehung zwischen den beiden, die in ihrer Sparsamkeit und in den Gedankengängen des Ich-Erzählers Louis rätselhaft und rührend ist. Und als Louis sich nach acht Wochen verabschieden muss, zeigt ihm Iannis auf eigene Art seinen Schmerz darüber.


credits: reginaspics / pixabay


Meinung: Ein wenig klischeehaft klingt sie, die Geschichte zweier besonderer Jungen, die zueinander finden. Und ist es dabei absolut nicht. Es ist auch keine Rain Man-Variante, obwohl Iannis Autist ist. Louis ist fasziniert von seinem "Anders-Sein", von seinem schaukelnden Gang, seiner Schönheit, seiner ungefilterten Wildheit. Und er erkennt, dass Iannis Fähigkeiten hat, die ihn in den Augen der anderen unheimlich erscheinen lassen. So ergründet er z.B. Louis' Geheimnis um dessen Ferienbekanntschaft Antoine, und er spürt das Verlangen seiner Mutter, Louis zu verführen. All das äußert sich auf eine Weise, die mitunter bizarr anmutet und gerade darum erstaunlich originell und trotzdem glaubhaft für Iannis' Charakter wirkt.

 Durch den knappen und lyrischen Stil war es mir nicht wirklich möglich, "dabeizusein", aber eigentlich hat der Roman ein Eintauchen ins Geschehen nicht nötig. Gefühle kommen trotz des geringen Umfangs der Geschichte und den häufig etwas bemüht kunstvoll formulierten Sätzen nicht zu kurz. Wie gesagt, am Ende habe ich ein bisschen geweint, und das sagt viel über Louis und Iannis und ihr Verhältnis zueinander aus. Lesenswert!

Bewertung:


Samstag, 8. Juli 2017

Es scheint die Sonne noch so schön ~ Barbara Vine

Passend zur Hitzewelle (die ich genieße!) habe ich zu einem Buch gegriffen, das schon jetzt zu meinen Jahreshighlights zählt und ein richtiger Pageturner ist: obwohl ich eher langsam lese, hatte ich die spannende und einfallsreiche Geschichte innerhalb von drei Tagen verschlungen.




Inhalt: Im Jahr 1986 kehrt der 29-jährige Adam Verne-Smith aus dem Urlaub mit Frau und Tochter zurück und findet durch die Presse heraus, dass auf seinem ehemaligen Landsitz Wyvis Hall in Suffolk ein grausiger Fund gemacht wurde. Die neuen Besitzer hatten bei der Bestattung ihres Hundes einen Tierfriedhof entdeckt, in dem sich neben den verblichenen Hausgenossen vergangener Jahrzehnte auch das Skelett einer jungen Frau und eines Babys befanden. Die Ermittlungen der Polizei laufen auf Hochtouren, und Adam gerät in Panik: vor zehn Jahren lebte er zwei Monate mit seinem Freund Rufus, der verrückten Zosie, der mütterlichen Vivien und Shiva, dem sanftmütigen Inder, in einer Art Hippie-Kommune auf Wyvis Hall, das er von seinem Großonkel überraschend geerbt hatte. Seit dieser Zeit hatten sich die fünf nie wieder gesehen und geschworen, so zu tun, als seien sie Fremde, sollten sie sich zufällig über den Weg laufen. Der Fund jedoch ändert die Situation. Adam nimmt Kontakt zu Rufus auf, der inzwischen ein erfolgreicher, aber dem Alkohol übermäßig zusprechender Gynäkologe ist, um ihn um Rat zu fragen, was zu tun sei - genauso wie in jenem ungewöhnlich heißen Sommer des Jahres 1976, der das Leben der jungen Leute nachhaltig geprägt hat - und zwar nicht zum Guten.

Meinung: Erzählt wird die Geschichte abwechselnd auf zwei Zeitebenen und aus der Perspektive von Adam Verne-Smith, Shiva dem Inder und dem abgeklärten Rufus Fletcher. Das war gelegentlich etwas verwirrend, und mehrere Male musste ich einen Absatz zweimal anfangen, um zu verstehen, ob ich nun in den 1970ern oder 1980ern war. Doch das ist mein einziger Kritikpunkt, wenn es denn überhaupt einer ist. Selten habe ich in jüngster Zeit Bücher gelesen, in denen die Atmosphäre und die Charaktere derart gut und bildhaft beschrieben wurden und in die man sich hineinversetzen konnte, als fläzte man sich in der aufgeheizten und dennoch nonchalanten Stimmung mit den drei Jungs und den zwei Mädels auf der riesigen Terrasse von Wyvis Hall. Ein Roman fürs Kopfkino, der mich vor allem durch die Figuren überzeugt hat. Keiner ist gut oder böse, weder besonders sympathisch noch hassenswert. Jeder handelt nach seinen Eigenschaften nachvollziehbar. Besonders der experimentierfreudige, ambivalente und lässige Rufus hat mir gut gefallen. Eher unfreiwillig nimmt er die Rolle des "Vaters" der zusammengewürfelten Kommune ein, während Vivien - stark beeinflusst durch fernöstliche Philosophien, typisch für die damalige Zeit - für Shiva und Zosie eine Art Mutterersatz wird. Wirkliche Gefühle gibt es unter den Fünf, die sich erst auf dem Anwesen kennenlernen, nicht, auch wenn sich Adam zu Rufus hingezogen fühlt und erschrocken reagiert, als Rufus ihn in einer Nacht mit Joints und zu viel Wein auf die Probe stellt. Gerade die psychologische Komponente und die Beziehung der Protagonisten untereinander fand ich bemerkenswert, gemeinsam mit dem untrüglichen Geschick der Autorin, dabei nie in Kitsch oder Klischees abzudriften und eine Geschichte zu erzählen, die bis zum Ende atemberaubend spannend bleibt, auch nachdem die Opfer schon längst feststehen.





Mir kam beim Lesen der Verdacht, dass ältere Bücher irgendwie origineller und frischer sind als die heutigen, aber das mag ein Trugschluss sein, da mich die meisten Neuerscheinungen bisher nie in der Weise fesseln konnten wie es "Es scheint die Sonne noch so schön" gelungen ist. Ein wirklich toller, kurzweiliger Roman und bestimmt nicht mein letzter von Barbara Vine.


Bewertung: 




Freitag, 30. Juni 2017

Der freundliche Mr Crippen ~ John Boyne

Eigentlich weiß ich nicht, weshalb ich dieses Buch gelesen habe, nachdem "Haus der Geister" eine solche Pleite für mich war. Vielleicht, weil John Boyne meist ungewöhnliche Themen in der Vergangenheit aufgreift, ohne dabei penetrant und trocken in jedem zweiten Satz in historische Details zu gehen. Der Stoff und die Zeit, in denen seine Romane spielen, interessieren mich, und so habe ich Dr. Crippen doch noch eine Chance gegeben.

Inhalt: Juli 1910. Im belgischen Antwerpen bricht die SS Montrose zu einer Atlantiküberquerung nach Kanada auf. An Bord sind Mr Robinson und sein Sohn Edmund, die schon bald das Misstrauen der übrigen Passagiere und des Käptains erregen. Tatsächlich fliegt die Maskerade der beiden früh auf, nachdem Käptain Kendall die beiden im Dunkeln erwischt und feststellt, dass die Robinsons nicht das sind, was sie zu sein scheinen. Spekulationen nehmen ihren Lauf, und als Scotland Yard - alarmiert durch den vagen Verdacht, Crippen hätte seine Frau getötet - die Verfolgung aufnimmt, scheint das Schicksal des freundlichen Mr Robinson besiegelt.




Meinung: Die Geschichte beruht auf einem wahren Fall, von dem Boyne in Rückblenden und von der Überfahrt gleichermaßen mit künstlerischer Freiheit erzählt. Das ist an sich nicht verwerflich, im Gegenteil. Doch leider gewinnen die detailverliebt beschriebenen Charaktere nicht an Tiefe, geschweige denn dass ich Sympathie für sie empfunden habe. Die verschiedenen Erzählperspektiven sollten anscheinend für Spannung sorgen; mich haben sie oft verwirrt und ein bisschen geärgert. Allerdings gewöhnt man sich mit der Zeit daran. Nicht gewöhnt habe ich mich an die Vorhersehbarkeit der Story und die plumpen "tierischen" Vergleiche (grinsende Katze beim Anblick einer Schale Milch, schielende Ratte auf der Suche nach Käse, Känguru mit Verdauungsproblemen, um nur ein paar zu nennen). Auch war mir vieles zu ausführlich; unfreiwillig komische und unwichtige Dinge wie "schmerzverzerrte Augen" oder weitschweifende Details, die nicht im Entferntesten der Handlung dienen, haben mich gestört (wobei erstgenannter Kritikpunkt vielleicht auf das Konto des Übersetzers geht).

ACHTUNG SPOILER: Eingedenk des Frauenbildes, das Boyne in diesem Roman vermittelt, überrascht es nicht weiter, wer der wahre Mörder von Crippens unausstehlicher Gattin Cora ist. Der duldsame, langweilige Doktor, der keiner Fliege etwas zuleide tun kann, opfert sich am Ende für die einzige Liebe seines Lebens. Mit der Charakterisierung des in England immer noch recht bekannten "Frauenmörders" konnte ich mich trotz seines Gentlemantums und Edelmuts nicht anfreunden. Zu schwach, zu fad, zu passiv. Dagegen sind die Frauenzimmer richtige Furien: hohl, oberflächlich, machtgeil. Außer Ethel LeNeve. Aber die sieht ja auch aus wie ein Junge. 

Ein paar Logikfehler fielen mir auf, von denen mir besonders die Hutschachtel mit Coras Überresten Kopfzerbrechen bereitet hat. Müsste die nicht irgendwann anfangen, einen hmmm... üblen Geruch zu verströmen? Und wie kann eine zierliche Frau eine viel schwerere Frau auf die beschriebene Weise ermorden, zudem noch mit Fachkenntnissen, die man Dr. Crippen zuschrieb? Das war mir dann doch zu viel der künstlerischen Freiheit.

Berührt hat mich einzig das Nachwort des Autors, in dem er berichtet, dass sowohl Dr. Hawley Crippen als auch seine Geliebte sechzig Jahre später auf ihren Wunsch hin mit dem jeweiligen Foto ihrer großen Liebe bestattet wurden. Ich hoffe nur, die Anekdote ist nicht erfunden. (O;

Fazit: Mein vermutlich letztes Buch von John Boyne. Schade, trotz allem. Immerhin bin ich aus Ermangelung einer neuen Lektüre bis zum Schluss drangeblieben, was ich nach der ersten Hälfte ursprünglich nicht vorhatte, daher vergebe ich zwei Sterne.







Donnerstag, 22. Juni 2017

Rezension "Der Engelmacher" von Stefan Brijs

Dieser Roman ist mein erster eines niederländischen Autors, und obwohl ich die Geschichte originell und über weite Strecken spannend fand, wird das in der nächsten Zeit wohl so bleiben. Nicht, dass ich ihn nicht verstanden habe oder madig machen möchte, aber das Thema war mir gegen Ende hin doch zu schwerverdaulich.

Inhalt: Herbst 1984. In das Dorf Wolfheim an der deutsch-belgischen Grenze zieht der sonderbare und stoische Arzt Dr. Victor Hoppe mit drei Säuglingen ein, welche die neugierigen Bewohner erst zu Gesicht bekommen, als der scheue, aber äußerlich markante Doktor zu einem Notfall gerufen und daraufhin von dem dankbaren Vater des Jungen zu einem Drink ins Gasthaus eingeladen wird. Er nimmt die Einladung widerwillig an und auf das Drängen der Bewohner die Kinder mit, die großes Erstaunen, aber auch Ekel auslösen: alle drei sehen genau gleich aus, nicht wie "normale" Babys und ähneln dem Doktor bis auf die im Kindesalter operierte Hasenscharte. Die Bewohner beschließen, Victor Hoppe bei der Erziehung zu helfen, doch der lehnt ab. Erst die pensionierte Lehrerin Charlotte Maenhout scheint gut genug als Kindermädchen für Michael, Raphael und Gabriel und unterrichtet die ungewöhnlich intelligenten Kinder Zuhause, denn sie besitzt fundierte Kenntnisse im Allgemeinwissen. Wissen - das wichtigste für Victor Hoppe. Käme er nur nicht immer in Konflikt mit seinem Glauben, der zu einer Katastrophe führt, die das eigentliche Drama erst einleitet...







Meinung: Der Engelmacher gliedert sich in drei Teile: Die Ankunft des Doktors in Wolfheim, seine Kindheit in streng katholischen Institutionen und seine Zeit an den Universitäten, an denen er auf eigene Verantwortung im Alleingang Zellforschung betreibt und damit Unmögliches scheinbar möglich macht. Immer wieder springt der Autor dabei in die Gegenwart; ein Kunstgriff, der gut gelöst ist, denn trotz der vielen Zeitebenen verliert man nie den Faden und kann den Geschehnissen gut folgen. Auch die persönliche Entwicklung von Victor Hoppe ist nachvollziehbar, der aufgrund eines Asperger-Syndroms (das in den 1980er Jahren noch weitgehend unbekannt war) weder Metaphern oder Gefühle noch Ironie zu deuten weiß und daher alles, was er hört und liest, wörtlich nimmt. Diese Charaktereigenschaft fand ich sehr spannend, denn sie hat mir geholfen, Victor Hoppe bis zuletzt zu verstehen, so schrecklich seine Motive und sein Handeln auch sind. Für Victors Denkweise, die Prägung in seiner Kindheit und seiner Gegenwart ergibt alles, was er tut, einen Sinn. Die Referenz an Victor Frankenstein fällt mir übrigens erst jetzt ein...

Der dritte Teil war es dann, der mir die Spannung ein wenig verhagelt hat. Dort geht es in der Hauptsache um religiösen Wahn, dem Victor anheimfällt, und das nicht nur als Konkurrent zum Schöpfer, sondern als eine Art Seelenverwandter von Jesus, der nach Victors Verständnis von Gott genauso missverstanden wurde wie er selbst von seinem Vater und allen, die nicht an seinen Erfolg glaubten. Das war für meine Begriffe ein bisschen zu weit hergeholt und irgendwie auch ziemlich grässlich. Die Figuren und vor allem Victors Denken waren jedoch trotz aller Kritik plausibel dargestellt, daher vergebe ich


  und ein halber



Montag, 15. Mai 2017

Mads Mikkelsen "Die Jagd" (Jagten), 2012, von Thomas Vinterberg

Diesen Film habe ich mir mehrmals angesehen, auch in der Originalsprache Dänisch. Er wurde mehrfach prämiert, hat tolle Darsteller und erzählt eine ungewöhnliche Story mit ungeschönter Offenheit, und dennoch hat man als Zuschauer das Gefühl, nicht recht zu wissen, wie man den Film bewerten soll. Ich versuche es trotzdem.




Inhalt: Der 42-jährige Lukas lebt geschieden von Frau und Sohn in einem kleinen Dorf, in dem jeder jeden kennt. Es wird gerne Hygge gemacht, das Geheimrezept der glücklichen Dänen. Man trifft sich, lacht und trinkt miteinander und macht allerhand Blödsinn. Einer Arbeit geht Lukas neben Hygge natürlich auch nach: er ist Kindergärtner, nachdem die Schule, an der er unterrichtet hat, schließen musste. Seinen neuen Job liebt er und ist mit ganzem Herzen dabei. Vielleicht ein bisschen zu sehr, denn Clara - Tochter seines besten Kumpels Theo - verliebt sich in ihn. Sie macht ihm Geschenke und küsst ihn während einer ausgelassenen Spielrunde auf den Mund. Lukas stellt sie zur Rede, doch die Kleine ist beleidigt und hat außerdem einen großen Bruder, der mit einem Freund Internetpornos guckt. Das macht schlau. Sie erzählt der Kindergärtnerin Grethe etwas, das dem gutmütigen Lukas keiner zugetraut hätte. Die allmähliche Ausgrenzung und die oft handgreiflichen Drohungen der übrigen Bewohner scheinen berechtigt zu sein, als alle anderen Kinder plötzlich von ähnlichen Erfahrungen berichten. Hündin Fanny muss dafür mit dem Leben bezahlen, und das ist erst der Anfang.


The infamous professional hug: Lukas und Sohn Markus

Nur sein heimlich zu ihm ziehender Teenager-Sohn und dessen Patenonkel halten zu ihm und lassen sich von der allgemeinen Feindseligkeit nicht einschüchtern. Nachdem Lukas in U-Haft genommen wird, stellt sich heraus, dass das Haus, in dem er die Kinder missbraucht haben soll, keinen Keller hat, obwohl der von jedem Kind detailiert beschrieben wird. Aber ist das der Beweis für Lukas' Unschuld? Und wem glaubt man mehr? Einem Erwachsenen, der seine Unschuld beteuert, oder einem Kind, das sich schließlich aus Scham oder Angst nicht mehr erinnern kann und als Missbrauchsopfer betrachtet wird, selbst wenn es eingesteht, eine Dummheit erzählt zu haben?


"Ich schau' auf die Straße, du guckst auf die Linien, ok?" Lukas und Clara


Meinung: Wie bereits erwähnt, ist das Thema des Films eines, das Beklemmung hinterlässt und zum Nachdenken anregt. Nicht, weil Mads Mikkelsen als Lukas einfach gnadenlos sympathisch ist oder man die kleine Clara gern schütteln möchte, was nicht einmal der Fall ist. Sie erzählt eine Lüge, über deren Konsequenzen sie sich nicht bewusst ist; und wie sollte sie? Als sie später versucht, es wiedergutzumachen, verrennt sie sich dabei noch mehr.





"Die Jagd" ist kein Plädoyer für unschuldige *Täter* in einer ähnlichen Situation wie Lukas. Denn vielleicht hätte sich dann am Ende alles aufgeklärt und alle könnten sich wieder hyggelig zusammensetzen und die Sache vergessen. So aber leidet man mit Lukas und fragt sich während des gesamten Films, wie man sich an Stelle der Eltern verhalten hätte. Lukas jedenfalls erlebt die totale soziale Ausgrenzung, und das Misstrauen, das ihm seit der Geschichte mit Clara entgegenschlägt, bleibt. Kein noch so überzeugendes Argument oder Indizien seiner Unschuld können sein Stigma als vermeintlicher Kinderschänder ausradieren.


Meine Brille ist von Fielmann.


Der Schluss, der zeitlich zehn Monate nach seiner Anklage und Freilassung angesetzt ist, zeigt Lukas als stolzen Vater, der seinem Sohn zu dessen Reife eine Jagdflinte schenkt - ein Anlass, der, ganz im Zeichen von Hygge, ausgiebig gefeiert wird. Alles ist wieder gut: die Freundin ist zurückgekehrt, Lukas' Ruf wiederhergestellt. Scheinbar zumindest. Doch die jahrzehntelange Freundschaft zwischen Lukas und Theo und Hygge gehören der Vergangenheit an.

Fazit: Ein unter die Haut gehender, aber schwer verdaulicher Film mit grandiosen Schauspielern zwischen fünf und fünfzig, und ein ungewöhnlich sensibler und verletzlicher Mads Mikkelsen. Auch die schönen Bilder und der Soundtrack überzeugen. Trotz des sich nie einstellenden Hygge-Gefühls vergebe ich die volle Punktzahl.





Freitag, 5. Mai 2017

Die Püppchen-Mama im Fangirl-Himmel

Fans der US-Serie "Turn - Washington's Spies" werden meine Aufregung verstehen, wenn sie sich die Fotos im Beitrag ansehen und die Abenteuer meines kleinen Major John André halbwegs verfolgt haben, der mittlerweile sogar einen eigenen Twitter-Account hat, auf dem er von seinen Reisen berichtet.

"Gotcha!"

Unter anderem besucht er mit seiner Adoptivmama Holly des öfteren die Drehorte der Serie in Colonial Williamsburg und ist dort bereits zu einem den Schauspielern fast ebenbürtigen Bekanntheitsgrad aufgestiegen.

Am ersten Mai sind beide wieder dorthin gefahren in der Hoffnung, ein paar der Hauptdarsteller zu treffen, die gestern den allerletzten Drehtag hatten. Die lange Wartezeit wurde belohnt: nach zwei Stunden trafen His Excelleny George Washington (Ian Kahn) ein, sein Adjutant und André-Gegenspieler Ben Tallmadge (Seth Numrich), dessen Kumpel Caleb Brewster (der sehr herzliche Australier Daniel Henshall, der sein Püppchen-Doppelgänger über Twitter kennengelernt hat) und später auch der John André-Kollaborateur Benedict Arnold (Owain Yeoman).


"Haven't seen that one before, have I?"

 Eigentlich war ich nie wirklich ein Fan von Ben / Seth - irgendwie war er mir zu glatt und zu hübsch - aber seit dem Selfie oben bin ich es! Denn kaum hatte er das Püppchen entdeckt und als John André erkannt, riss er es der völlig überrumpelten Holly aus der Hand, nahm sein Smartphone und schickte ein Foto von sich und dem kleinen Major an seinen leider seit Staffel 3 nicht mehr anwesenden Kollegen JJ Feild!!! Dieses Selfie wurde danach noch einmal von Hollys Smartphone aufgenommen, damit die Fans und natürlich meine Freundin auch etwas davon haben.

Ich habe fast geheult vor Rührung, als Holly es mir erzählt hat... alle waren begeistert und entzückt von meinem kleinen Major, der ja nun fast am Ziel seiner Reise war, nämlich seinem großen Vorbild vorgestellt zu werden. Das beweisen auch die Fotos, die ich mit freundlicher Genehmigung von Holly hier poste.


"Phew! I'm safe. Holly won't let him capture me again."


Schon ziemlich verrückt, denn ich habe nicht wirklich daran geglaubt, dass die Schauspieler mal mit einer meiner "Turn"- Kreationen auf Tuchfühlung gehen. Wenn ich die Bilder betrachte, regt sich schon ein bisschen Stolz auf meine Arbeit und Bewunderung für meine Freundin, die als Besitzerin meines Püppchens zur Premiere der vierten und letzten Staffel gehen wird und sich das Treffen mit den Stars mehr als verdient hat!


"Pointing with fingers is not polite, General."

Holly und der kleine Major setzen auf jeden Fall ihre Reisen ins historische Amerika fort, wobei André demnächst vermutlich einen Zwischenstopp in Europa machen muss, um sich divenmäßig die kunstvolle Frisur richten zu lassen, die nach zwei Jahren Sturm- und Drangzeit doch etwas in Unordnung geraten ist. Eigentlich hatte ich ihm auch angeboten, sich ein bisschen mehr herauszuputzen, nachdem er nun so berühmt ist, aber er meinte, Abzeichen und Epauletten seien ihm auf seiner abenteuerlichen Mission nur hinderlich.


"Look at that sneaky traitor smile!"


Beim Klick auf den Link unten erhaltet ihr mehr Informationen über die Serie. Amazon Prime-Kunden (zu denen ich nicht gehöre, *sniff*) können die gesamte Staffel anschauen und sicher meine und Hollys Faszination für den britischen Gentleman-Spion Maj. John André verstehen... ich hoffe ja immer noch, dass trotz des immer beliebter werdenden Streamings die Serie hierzulande komplett auf DVD und Blu Ray erscheint.


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Freitag, 31. März 2017

Review "Rain Man" (1988)

Dieser Film ist einer meiner Lieblingsfilme seit Jahren. Wie oft ich ihn gesehen habe, weiß ich nicht, aber fast sämtliche Dialoge kann ich auswendig. Wahrscheinlich hat er meine Liebe für "buddy movies" genauso geprägt wie das Motiv der Roadmovies, und trotzdem ist er so viel mehr. Gestern habe ich ihn mir nach langer Zeit wieder angeschaut, und er hat nichts von seinem Charme und Zauber verloren, auch wenn er mittlerweile schon fast dreißig (!) Jahre alt ist. Das 1980er Jahre-Flair, bestehend aus Yuppie-Style, rosa Jogginghosen und Föhnfrisuren hat das Ganze irgendwie authentischer wirken lassen und trug viel dazu bei, dass ich mir wie auf einer kleinen Zeitreise vorkam.


Die geniale Geschichte ist simpel und schnell erzählt. Charlie Babbitt (Tom Cruise in seiner besten Rolle) ist ein skrupelloser Luxuskarossen-Händler in Los Angeles, geht lieblos mit seiner Freundin Susanna (Valeria Golino) um, schikaniert alle, die sich ein Bein für ihn ausreißen und merkt es nicht einmal. Auf dem Weg nach Palm Springs zum Wochenendurlaub erhält er die Nachricht, dass sein Vater verstorben ist, mit dem er sich seit langem überworfen und keinen Kontakt mehr hat. Unverzüglich fliegt er an die Ostküste in der Hoffnung auf ein fettes Erbe. Doch alles, was er erhält, ist ein 1949 Buick, der ihn perfiderweise an die unglückselige Trennung von Daddy erinnert, und die preisgekrönten Rosenbüsche. Die drei Millionen Dollar Vermögen sollen an eine Stiftung gehen, von der ein unbekannter Nutznießer profitiert. Charlie findet heraus, dass sich hinter diesem Nutznießer sein autistischer Bruder Raymond (Oscar-prämiert: Dustin Hoffman) verbirgt, der seit seinem zwanzigsten Lebensjahr in der Anstalt Wallbrook in Cincinnati für geistig Behinderte lebt, und von dem Charlie nichts wusste. Raymond als Druckmittel gegen den Anstaltsleiter Dr. Bruner benutzend, plant er, mit dem Bruder nach L.A. zu fliegen. Kurzerhand kidnappt er ihn, weil ihm schließlich immerhin "die Hälfte zusteht".


"Schnatter Schnatter - Schaut mal! Menschen!"

Doch Raymond weigert sich, in ein Flugzeug zu steigen und hegt auch sonst Misstrauen gegen schnelle Verkehrswege: die Reise wird im Buick auf der Landstraße von Ost nach West durchgezogen. Susanna, die mit Charlies Plan nicht einverstanden ist und ohnehin die Nase voll hat von ihrem egoistischen Freund, macht Schluss, und so bleibt Charlie nichts anderes übrig, als drei Tage mit dem absonderlichen Raymond alleine unterwegs zu sein. Drei abenteuerliche Tage, in denen er allmählich lernt, seinen Bruder zu verstehen, seine ungewöhnlichen Fähigkeiten zu nutzen und ihn sogar zu lieben, als er erfährt, dass Raymond sein imaginärer Freund "Rain Man" war, der ihn als Baby beruhigt hat, wenn er sich vor etwas fürchtete. Und selbst wenn Raymond nicht auf "normale Art" zeigen kann, was er empfindet, entwickelt er ebenfalls eine Zuneigung zu seinem neuen "Oberboss".


Fred Astaire und Ginger Rogers

Meinung: Es gab eine Phase, da fand ich einige Szenen und das Ende kitschig. Heute sehe ich das nicht mehr so. Im Gegenteil: anders als viele weitere Filme, die sich mit Behinderungen befassen, hat "Rain Man" wenig Sentimentales an sich, was vor allem an der großartigen Leistung von Tom Cruise liegt. Charlie Babbitts etwas robuste und erfrischende Art, Raymond so zu behandeln wie jeden in seinem Umfeld, und seine kaum merkliche "change of heart" ist etwas, das mir sehr gut gefällt. Auch seine Findigkeit im Ungang mit Raymond und die erstaunliche Geduld, die er von Anfang an aufbringt - nicht ohne sich gelegentlich über die festgefahrenen Rituale aufzuregen ("Dieser Autismus ist ein Haufen Scheiße! Und du kannst mir nicht erzählen, dass du da nicht irgendwie übertreibst!") - machen ihn für mich zum Star des Films. Ihm unterlaufen Fehler, die die Ärzte in Wallbrook nie gemacht hätten, weil sie Raymond - einen Behinderten - mit Samthandschuhen anfassen und ihn nicht fordern wie Charlie Babbitt. Aber er erkennt den Menschen in Raymond; und mehr noch, seine Familie, die er nie hatte. Dass er am Ende ohne die anderthalb Millionen und vor allem ohne Raymonds Vormundschaftsrecht dasteht, ist bitter, doch Charlie Babbitt hat dennoch gewonnen: einen Bruder und seelische Reife.


"Sein Haar ist ganz weich."


Sehr interessant sind übrigens auch die Extras auf der DVD. Besonders beeindruckt hat mich die Schilderung des Co-Drehbuchautors von Eltern mit autistischen Kindern, die nach dem Anschauen des Films auf ihn zugingen und erzählten, dass die Geschwister, die sich bisher für den autistischen Bruder/die Schwester geschämt hatten, nun stolz darauf seien, ihn / sie zu beschützen, wie der coole Charlie Babbitt/Tom Cruise seinen Bruder Raymond/Dustin Hoffman. Ich glaube, dass man das große Spektrum des Asperger/Autismus-Syndroms heute etwas anders bzw. differenzierter betrachtet, die Wissenschaft weiter und die Porträtierung von Raymond ein Mix aus vielen ist. Trotzdem liebe ich diesen Film immer noch. Er ist anrührend, leise, tiefsinnig, dramatisch, humorvoll und an keiner Stelle langweilig. Außerdem sieht man viel von den USA, staunt oft, wie dörflich und gemütlich es in vielen Orten zugeht und ist fast traurig, wenn man im Abspann zum wehmütigen Soundtrack von Hans Zimmer noch einmal die Schnappschüsse sieht, die Rain Man mit seiner Kamera auf der denkwürdigen Reise geknipst hat.







Fazit: Ein heimlicher Klassiker für die ganze Familie. Wer ihn nicht kennt, sollte das unbedingt nachholen.

Bewertung: