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Mittwoch, 8. Juli 2020

Am Lesen: Robinson Crusoe von Daniel Defoe

​Angeregt durch eine wirklich schöne Ausgabe von 1984 habe ich beschlossen, einen Klassiker anzufangen, den ich schon lange lesen wollte, bin ich doch großer Südsee-Fan und mag Bücher und Filme zum Thema historische Schiffe. Ich bin nun auf Seite 40 und hin und hergerissen. Einerseits machen mir die Schachtelsätze und das rasante Erzähltempo ein wenig zu schaffen, andererseits finde ich es erstaunlich und lehrreich, wie die Menschen im 17. Jh. gelebt haben und was für Weltanschauungen sie hatten - ganz anders als heute.




Auch was man bereits auf wenigen Seiten alles erfährt, macht mich staunen. Ich hatte z.B. nicht gewusst, dass es auch Sklaven unter Weißen gab, die sowohl von Weißen als auch von Schwarzen "gehalten" wurden, oder dass die schwarzen Sklaven als wertvoller erachtet wurden und mit Schmuck und Perlen erkauft, während die weißen meist von Freibeutern gekapert und häufig auf ensprechenden Märkten in Hafenvierteln verschachert wurden.

Robinson selbst ist bisher kein wirklicher Sympathieträger, im Gegenteil. Er weidet sich am Todeskampf eines Löwen, den er vom Wasser aus erschießt und ihm danach - wenn er ihn dummerweise schon nicht braten kann - das Fell abzieht. Auch seine Ausdrucksweise würde modernen Menschen die Haare zu Berg stehen lassen. Es ist von Negern und Mohren die Rede (da gab es offenbar tatsächlich einen Unterschied); etwas, das heute schwer geahndet wird. Wobei ich finde, dass man es mit der political correctness in einigen Bereichen übertreibt. Ich bin nicht sicher, ob man Klassiker diesbezüglich generell unverändert lässt oder ob meine Edition doch schon etwas angestaubt ist - denn nebenbei: was wäre Schillers Mohr ohne seine Schuldigkeit getan zu haben? Mir würde nicht einmal das politisch korrekte Synonym einfallen...

Kurzum, der Erzählstil und Robinsons Verhalten wirken höchst befremdlich; zumindest jetzt noch. Ich bin gespannt, ob das Tempo beschaulicher wird, wenn Robinson auf seiner Insel festsitzt. Auf jeden Fall hat der Roman schon jetzt ein besonderes Flair, das vor allem geschichtlich nicht uninteressant ist. Man fragt sich unwillkürlich, ob der Mensch in drei Jahrhunderten zu gefühlig geworden ist und in früheren Zeiten eine gewisse Härte vonnöten war, um überleben zu können. Das soll nicht heißen, dass ich Robinsons / Defoes Anschauungen verstehe (besonders der unfaire Löwenkampf hat mich empört), doch da mich die Geschichte bisher sehr an Errol Flynns Jugendjahre in seiner Biografie von 1959 erinnert, versuche ich, urteilsfrei zu lesen, ohne mir den Spaß an der unbestreitbar abenteuerlichen und originellen Geschichte nehmen zu lassen.


Heiko Brown / Pixabay

Auf jeden Fall bleibe ich dran. Vielleicht lernt Robinson ja noch von Freitag, dass die Hautfarbe nichts mit Hilfsbereitschaft und Respekt zu tun hat. Das ist sogar sehr wahrscheinlich und das Vorhersehbarste, sieht man davon ab, dass Robinson am Ende doch noch gerettet wird. Ganz wie seine reale Inspiration, der Seemann Alexander Selkirk, der zwar aufgrund von Streitigkeiten auf eine Insel verbannt, aber von dem berüchtigten Piratenkapitän Woode Rogers nach vier Jahren auf derselben 1709 gefunden und zur Zivilisation zurückgeführt wurde.


Mittwoch, 20. Mai 2020

Fazit zu "Die Nebel von Avalon" von Marion Zimmer Bradley

Puh, endlich geschafft! Ich habe das Buch nun nach Wochen zu Ende gelesen und möchte meine eher schlechte Bewertung gern begründen. Wie bereits gesagt, war das Thema nicht so meins, obwohl es sich immerhin um König Artus dreht. Der kam mir allerdings zu kurz im Schatten seiner machtvollen weiblichen Verwandtschaft, ebenso wie die Tafelritter nicht viel mehr als Staffage sind - meist simpel gestrickt obendrein. Lancelot hat als einziger noch ein wenig Potential, doch aus der Interpretation, er sei in Artus verliebt und daher in Gwenhywfar, die diesem nahe ist wie keiner sonst, hätte man m. M. nach mehr herausholen können, ohne sich in verbrämten Andeutungen zu ergehen... das wäre ein Plot gewesen, der mich interessiert hätte. Überhaupt, vieles, was beschrieben und erzählt wird, hätte man auf weniger Seiten abhandeln können. Oft habe ich mich gefragt, ob die Autorin sich zum Ziel gesetzt hat, über 1000 Seiten zu schreiben und daher in Details abschweift, die sich als nicht handlungsrelevant erweisen (uff, jetzt bin ich aber streng...).


Valiphotos /Pixabay


Aufgrund der ständig erwähnten Ähnlichkeit zwischen Lancelot und Mordred, die auch jeder Figur im Buch auffällt, hatte ich im letzten Drittel  noch auf einen Überraschungsmoment am Schluss gehofft - vergeblich.

Na gut, es ging in erster Linie um die Frauen, die Mystikerinnen und Zauberinnen und ihr Glaube an die Fruchtbarkeit, Mutter Erde und die Reinkarnation bzw. den Kreislauf der Göttin. Und das war irgendwie der Knackpunkt, denn das war mir doch zu penetrant. Ich würde nicht sagen, dass der Roman männerfeindlich oder feministisch ist, aber stellenweise kam mir der Roman vor wie ein psychedelischer Trip in die Tiefen der für mich völlig verstaubten Esoterikkiste. Man merkt dem Roman dann doch an, in welcher Zeit er verfasst wurde. In den 1980ern war es, glaube ich, schicker noch als heute, an die Wiedergeburt zu glauben, die damals in der westlichen Hemisphäre als exotisch und weise aufkam. Und darum geht es in dieser Reihe hauptsächlich, von der ich den letzten Band gelesen habe, ohne es zu wissen.

Den letzten Teil von "Die Nebel von Avalon" fand ich konfus und das Ende irgendwie übereilt und wenig spetakulär - immerhin stehen sich Vater und Sohn im Kampf gegenüber; da fehlte mir die Dramatik, wenn ich auch froh war, dass keine ausgiebigen Schlachtszenen geschildert wurden wie in Cornwells Artus-Trilogie. Stattdessen Geschwurbel über Visionen und Gesichte, die auf dem Rücken von Figuren prickeln, die mich genauso kalt gelassen haben wie der verpuffte Showdown.

Schade, aber immerhin bin ich jetzt um einen Klassiker belesener...

Fazit: Zwar gut geschrieben, aber langatmig und für meinen Geschmack zu frauenlastig.

Bewertung:



Donnerstag, 30. April 2020

Leseprobe aus "Affettuoso"

Es folgt ein kleiner Ausschnitt aus meinem "Roadmovie"- Roman "Affettuoso". Die Szene beschreibt Joshuas erste Schritte ohne Auge, das er nach einem Unfall mit einem Oldtimer verloren hat. Mickeys Knastkumpan, mit dem ihm die Flucht gelang, ist Epileptiker und darf eigentlich keinen Wagen führen. Doch wie das so ist: der Reiz am Verbotenen war stärker. Mickey (der Erzähler) macht sich Vorwürfe, obwohl ihn keine Schuld trifft. Er hat Joshua aber auch trotz oder gerade aufgrund seiner Unzulänglichkeiten fest ins große Herz geschlossen.


DesCor / Pixabay


• Hör mal, Alter, sagte Richard. Moira und ich haben uns überlegt, ob du im Hotel pennen willst, solange Joshua weg ist, es wird ja allmählich auch was kalt da draußen, und wir hausen in `nem Luxusappartement, ich lass was meine Connections spielen, dann ist das kein Problem, wenn du auf’m Sofa ratzt und dich friedlich verhältst.
• Klar, sagte ich. Ist gebongt. Danke.
Ich war wirklich froh; im Strandhaus fraß ich manchmal vor Einsamkeit schier einen Besen, ich zögerte das so lang wie möglich raus und werkelte bis in die frühen Morgenstunden wie besessen in der Tankstelle.
Ich brauste auch mal mit der Intruder raus zum Unfallort und errichtete ein kleines Holzkreuz für Joshuas Auge; das war albern, ich weiß, doch ich glaubte, dass ich ihm das schuldig war, dem Auge.
Das Zimmer mochte ein Luxusappartement sein, es besaß immerhin eine winzige Kochnische nebst Kaffeemaschine, so war ich befähigt, mich durch die schlaflosen Nächte zu putschen, denn die Wände waren verflixt dünn, ich hörte Geräusche von allen Seiten, außerdem dröhnte der Kirchturm wie aufgezogen, irgendwo röllerten paarungswütige Katzen, und bestimmt flitzte demnächst ein Schnellzug mit Schallgeschwindigkeit durch meine Gehörgänge.
Zu dritt rückten wir in der Klinik an, als Joshua entlassen wurde, sie hatten ihn nur kurz dabehalten, da die Notfallstation von Bettenmangel bedroht war. Moira stöckelte auf ihn zu und riss ihn Besitz ergreifend an sich. Unterdessen bedankte ich mich bei Dr. Alvardo, Richard hatte hinter mir Position bezogen und rollte nervös den Bund seines rot-weiß-blaugestreiften Muscleshirts auf und zu.
• Er wird in der ersten Zeit vermehrt auf Ihre Hilfe angewiesen sein, sagte Dr. Alvarado. Haben Sie Geduld, es ist eine große Umstellung für Sie alle.
• Wie fühlt man sich so als Capt’n Hook, fragte Richard, Joshua grinste.
• Ich wollte lieber Tinkerbell sein. Die kann fliegen und schüttelt Feenstaub aus’m Röckchen.
Es waren auf den ersten Blick Banalitäten, die zu schier unüberwindlichen Hürden avancierten, es fing bei den Treppenstufen der Klinik an, Joshua weigerte sich, nach unten zu gehen, er hatte das Gefühl, in ein Loch zu fallen, das waren Dinge, in die man sich erst hineinversetzen musste, um zu verstehen, dass Treppenstufen eine ernste Gefahr darstellten.
• Lasst uns den Lift nehmen, schlug Richard vor, doch die Idee verwarf ich gleich wieder, in Fahrstühlen flippte Joshua vollkommen aus, er hatte als Kind mal in einem einen traumatischen Anfall gekriegt.
Er umkrampfte das Geländer und schlang den rechten Arm um Moiras Taille, er setzte jedes Mal einen Fuß neben den anderen, bevor er die nächste Stufe in Angriff nahm, Richard und ich, hinter ihnen, ahmten unabsichtlich seinen Gang nach.
• Mir ist schlecht, sagte er, wir hatten noch `ne Menge Stufen vor uns, Richard sagte:
• Moira, vergiss unser Meeting mit den Tennisfreunden nicht.
• Zum Teufel mit dem verpissten Meeting, fauchte sie. Wir stecken in Schwierigkeiten, Dick!
Sie knickte ein bisschen in der Hüfte ein, Joshua merkte, dass er sie zu sehr belastete; er taumelte auf mich zu und hängte sich an meinen Hals.
• Danke für die Unterstützung, Mädels, sagte ich. Den Rest schaffen wir allein.
Richard, der Gute, wollte seinen Fauxpas ausbügeln, er tätschelte flüchtig Joshuas Po. Wenn du Probleme hast, Junge, kannst du jederzeit zu mir kommen, klar?
Hand in Hand hüpften sie die Treppe hinunter, insgeheim glücklich, einer ihnen fremden Welt zu entkommen.
• Wir haben alle Zeit der Welt, beruhigte ich Joshua. Lass dich nicht entmutigen. Das ist eben so, am Anfang.
Er sagte nichts, sondern rückte noch ein Stück näher an mich ran, ich hatte Schiss, mit der Schulter irgendwie der verpflasterten empfindlichen Naht zu schaden. Joshua, sagte ich. Ich kann dich tragen. Willst du, dass ich das tue?
Er nickte gedemütigt, und ich hob ihn hoch.


Samstag, 25. April 2020

Ich lese gerade... Die Nebel von Avalon ~ Marion Zimmer Bradley

Von diesem Buch habe ich eigentlich nur Gutes gehört, und auch meine Tante hat es mir mit strahlenden Augen und dem Satz "Du liest doch so gerne Artus-Geschichten" überreicht. Das war schon vor ein paar Wochen, und seitdem lese ich immer wieder ein Stück, ohne dass der Funke wirklich überspringt. Mittlerweile bin ich beim vierten Teil (der letzte), und frage mich, was an dem Roman so Besonderes sein soll. Immerhin zählt er mittlerweile ja zu den Klassikern im Fantasygenre.





Die Handlung wird hauptsächlich aus Morgaines Sicht geschildert, wobei ihre Erziehung in Avalon und ihr Hin und Her zwischen dem alten heidnischen und dem neu aufkommenden christlichen Zeitalter im Fokus stehen. Ihre Aufgabe nach dem Plan ihrer Tante Viviane bzw. der großen Göttin ist es, Halbbruder Artus, mit dem sie beim Beltanefest ein Kind gezeugt hat, zu überreden, die alten Riten von Britannien wiederaufleben zu lassen, oder ihm im Fall seiner Verweigerung das in Avalon geschmiedete Zauberschwert Excalibur abzunehmen und ihn als König zu stürzen. Dazwischen schwankt sie zwischen ihrer Liebe zu Cousin Lancelot, der ihr im Jugendalter einen Korb gibt, findet sich hässlich und unwürdig der großen Göttin und zweifelt an sich selbst, während sie sich in besseren Tagen zum Vamp und zur Nachfolgerin der Herrin vom See aufschwingt, nachdem Viviane, ihre überdimensionale Ziehmutter und Mutter von Lancelot, hinterhältig an Artus' Hof ermordet wurde.

Das Buch wird auf der Rückseite als die "wunderbarste Artus-Interpretation" gepriesen, aber ganz ehrlich, ich habe schon bessere gelesen. Die Protagonistin ist mir unsympathisch, und eigentlich auch alle weiteren Charaktere im Buch. Wahrscheinlich soll Morgaine eine emanzipierte Frau sein, aber für mich wirkt sie ebenso schwach und oberflächlich wie die hyperfromme Gwynhwyfar (was für eine Schreibweise!), der bisexuelle Lancelot (eine recht mutige Interpretation) und Artus selbst. Ihr weltlicher Alltag als Herrscherin von Nordwales und Kammerzofe auf Camelot besteht aus Spinnen, Weben, Waschen, Verkuppeln und Hofklatsch, also nichts Aufregendes, und das oft seitenlang. Da war ich versucht, querzulesen. Sie verurteilt das Christentum mit krassen Worten, die ihr die Autorin in den Mund und die Gedanken legt, und das ist ein Punkt, der mich bei Romanen, in denen Religion thematisiert wird, über die Maßen stört. Besonders, da ihre eigene Religion um die große Göttin und Mutter Erde irgendwie auch eine ziemliche Enttäuschung ist, die ihren ständig fastenden Priesterinnen Verbote auferlegt und ihnen vorschreibt, was sie tun müssen, um der Göttin zu gefallen. Denn obwohl Morgaine in deren Sinn handelt, tut sie es nicht ohne ständige Zweifel und Bedenken, auch wenn sie dafür über Leichen geht.


GregMontani / Pixabay


Allerdings muss ich dem Buch zugute halten, dass es verflixt gut geschrieben ist. Ich hätte schon längst abgebrochen, wenn die Geschichte mich aufgrund des schnörkellosen aber bildreichen Stils nicht sofort irgendwie gefangen genommen hätte. Ich lese es noch zu Ende und lasse dann eine Bewertung da. Ich glaube, eine ausführliche Rezension würde mich bei dem Umfang von über 1100 Seiten ein bisschen überfordern... (O;


Samstag, 18. April 2020

Filme in Zeiten von Corona (VI) "The Lost Prince" (1999)

Nachdem mir "Perfect Strangers" von Stephen Poliakoff so gut gefallen hat, ging ich auf die Suche nach weiteren Produktionen von ihm und bin auf "The Lost Prince" gestoßen, ein Biopic des jüngsten Sohnes von King George V. und Queen Mary und offenbar auch die Inspiration zu "Perfect Strangers".

Lange war die Existenz des kleinen Johnnie (1905 -1919), Onkel der heutigen Queen Elizabeth, ein Geheimnis; mit vier Jahren wurde er offiziell zum Epileptiker erklärt und litt anscheinend unter einer milden Form von Autismus, ehe er im Alter von 13 Jahren starb und  - grausamerweise zur Erleichterung der Familie - in Vergessenheit geriet, bis man gegen Ende des 20. Jahrhunderts in Frankreich auf Erinnerungsstücke im Nachlass seines ältesten Bruders Edward stieß (der, der Wally Simpson einer königlichen Laufbahn vorzog).





Inhalt: Es gibt ein schwarzes Lämmchen in der königlichen Familie, und das ist Prinz John. Er ist nicht wie seine fünf Geschwister, passt sich nicht dem höfischen Leben an und sagt geradeheraus, was er denkt, auch und gerade zu Anlässen, bei denen ein Kindermund zur damaligen Zeit schweigen soll, besonders ein royaler. Das Lernen fällt ihm schwer, und aus heiterem Himmel befallen ihn epileptische Anfälle, die jeden, der davon Zeuge wird, "traumatisieren". Die Ärzte, die nach einem solchen Anfall gerufen werden, raten u.a. darum dringend, ihn "in Isolation" zu geben (ein aktueller Bezug zu Corona!). Lange fackeln ist Queen Marys (streng und gewohnt furchteinflößend: Miranda Richardson) Sache nicht, und so schickt sie ihn mit dem treuen Kindermädchen Lalla von Sandringham aufs Land in ein kleines Cottage. Dort lebt er fern von königlichen Pflichten gemeinsam mit Lalla (Gina McKee), einem müßigen Gehilfen und einem Hauslehrer, dem irgendwann der Geduldsfaden mit seinem unwilligen Schüler reißt und der sich freiwillig zur Armee meldet. 

Bruder George besucht ihn hin und wieder und hält den engsten Kontakt zu ihm, denn er liebt Johnnie nicht nur, er bewundert ihn und freut sich über seine Fortschritte. Anders als George und die übrigen Geschwister ist Johnnie frei, sich selbst zu sein und muss sich nicht verstellen, um in die Gesellschaft zu passen. Politik, der von Cousin Bill angezettelte Erste Weltkrieg, Internat, Etikette, lästige Treffen mit dem Rest der weit verzeigten königlichen Verwandtschaft - all das bleibt Johnnie erspart. Er ist glücklich auf dem Land mit Lalla, seinem Grammophon, seiner Malerei und seiner Trompete. Doch zumindest im Film er ist sich seines Standes wohl bewusst und zeigt sich als Teenager höflich aber auch majestätisch bestimmend während der seltenen Besuche seiner zugeknöpften Eltern, die sich heimlich für ihn schämen. 

Meinung: Nach dem grandiosen und emotional packenden "Perfect Strangers" war "The Lost Prince" zunächst eine herbe Enttäuschung. Viel zu (monarchisch) steif, zu wenig erzählerisch, zu wenig Sympathie mit den Schauspielern; selbst die Kinderdarsteller - obwohl gut gewählt - konnten mich nicht überzeugen. Erst am Ende des Zweiteilers flossen Tränen im vertrauten Poliakoff-Modus. Und zwar nicht nur deshalb, weil es uns für heutige Verhältnisse herzlos vorkommt, Kinder, die anders sind, zu vernachlässigen und ihnen nicht helfen zu wollen oder zu können (die Erforschung und Behandlung von Epilepsie steckte noch in den Kinderschuhen), sondern auch vor Rührung. 


Prince John. Bildquelle: Wikimedia Commons

Mir wurde erst später klar, dass Johnnie eigentlich am besten dran war von allen Beteiligten, nämlich dann, als ich ein wenig genauer über ihn recherchiert habe. Trotz seiner Neigung zum Autismus hatte Johnnie Freunde und einfache Leute in seinem "Exil", denen er wichtig war und die ihm ein gutes Leben ermöglicht haben. Die aufrichtig um ihn getrauert haben, als er nach einem schweren Anfall im Schlaf gestorben ist. Die echte Lalla bewahrte zeitlebens ein Foto von ihm auf, das über ihrem Kamin hing. Sie hat nie geheiratet und eigene Kinder bekommen, denn, wie sie auch zu Queen Mary unter Tränen im Film sagt, war Johnnie etwas Besonderes. 

Trotz der etwas schwerfälligen und manchmal wirren Erzählweise empfand ich wieder eine bittersüße Traurigkeit, die mich beim Anschauen solcher Filme nach wahren Begebenheiten oft überkommt. Dass sie nicht von Beginn an da war, liegt wohl an der zurückhaltenden und eisigen royalen Atmosphäre der Geschichte. Man sagt, dass George V. und Queen Mary sich trotz ihrer Liebe nur brieflich verständigten, weil sie Sprechen als ungehörig und notwendiges Übel erachteten. Selbst Georgie, der seinem Bruder am nächsten steht, wirkt steif und hölzern aufgrund der Erziehung und der Zukunft, die ihn als Marineoffizier erwartet. Ich bin allerdings auch wahrlich kein Fan von irgendwelchen Royals und kenne mich mit den Gepflogenheiten, Schrullen und Dramen bei Hofe nicht aus. Insofern war "The Lost Prince" eine Neuentdeckung und hat mich sogar neugierig auf weitere Informationen über Prince John gemacht. Denn interessant und außergewöhnlich war er allemal.

Bewertung: nach reiflicher Überlegung knappe vier 





Sonntag, 12. April 2020

Gesegnete Ostern trotz (oder gerade wegen) Corona

Allen meinen Lesern wünsche ich ein frohes und gesegnetes Osterfest. Und da viele meinen, es ginge "nur" um Osterhasen, die die Eier verstecken und man sie heuer leider nicht im Freien suchen kann, möchte ich die Ostergeschichte aus dem Lukas-Evangelium posten. Wer daran glaubt, braucht keine buntbemalten Eier und auch kein Festessen mit der Verwandtschaft aus Nah und Fern. Denn Jesus hat allen ein Geschenk gemacht, das so viel größer ist als alles Glück und Unglück dieser Welt. 💖💖

In diesem Sinne geht in euch und an die frische Luft und seid gewiss, dass nichts euch schaden kann, wenn ihr mit Jesus geht.


Pixabay

1 Am Sonntagmorgen dann, in aller Frühe, nahmen die Frauen die wohlriechenden Öle, die sie sich beschafft hatten, und gingen zum Grab.

2 Da sahen sie, dass der Stein vom Grabeingang weggerollt war.

3 Sie gingen hinein, doch der Leichnam von Jesus, dem Herrn, war nicht mehr da.

4 Während sie noch ratlos dastanden, traten plötzlich zwei Männer in strahlend hellem Gewand zu ihnen.

5 Die Frauen fürchteten sich und wagten sie nicht anzusehen; sie blickten zu Boden.
 Die beiden sagten zu ihnen: »Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?

6 Er ist nicht hier; Gott hat ihn vom Tod auferweckt! Erinnert euch an das, was er euch schon in Galiläa gesagt hat:

7 'Der Menschensohn muss den Menschen, den Sündern, ausgeliefert und ans Kreuz genagelt werden und am dritten Tag vom Tod auferstehen.'«

8 Da erinnerten sich die Frauen an seine Worte.

9 Sie verließen das Grab und gingen zu den Elf und allen Übrigen, die bei ihnen waren, und berichteten ihnen alles.

10a Es waren Maria aus Magdala und Johanna und Maria, die Mutter von Jakobus, sowie die anderen Frauen, die mit ihnen am Grab gewesen waren.

Quelle:  Deutsche Bibelgesellschaft

Mittwoch, 8. April 2020

Filme in Zeiten von Corona (V) "The Others" (2001)

Bei diesem Film mit einer fantastischen Nicole Kidman, der seit Jahren zu einem meiner Lieblingsfilme zählt, weiß ich gar nicht recht, ob ich ihn gut beschreiben kann, ohne allzu viel zu verraten. Ich versuche es trotzdem, denn wer auf Mystery-Thriller und Grusel ohne Splatter und Gore steht, der sollte sich "The Others" unbedingt ansehen! 




 Inhalt: Während des zweiten Weltkriegs: auf den abgeschiedenen Kanalinseln lebt die streng katholische Grace in einem alten Herrenhaus ohne Elektrizität mit ihren beiden Kindern Anne und Nicholas, die unter einer seltenen Krankheit leiden: sie reagieren allergisch auf Licht und müssen sich stets in abgedunkelten Räumen aufhalten, da sie sonst sterben könnten. Ihr Mann gilt als im Krieg verschollen, doch Grace weigert sich, seinen Tod zu akzeptieren und hofft auf seine Rückkehr. 

Nachdem die Dienerschaft das Anwesen quasi grundlos und über Nacht verlassen hat, gibt Grace eine Anzeige auf der Suche nach neuen Dienern auf. Bevor sie sie abschicken kann, klopfen drei Leute an ihre Tür, die behaupten, das Haus von früher zu kennen und die ihre Dienste anbieten. Schon bald merkt Grace, dass mit der rätselhaften Berta Mills, dem stummen Mädchen Lydia und dem Gärtner Tuttle etwas nicht stimmt. Seit deren Ankunft geschehen merkwürdige Dinge im Haus, die Grace mit der Zeit an ihrem Verstand zweifeln lassen. Doch Geister gibt es nicht. Oder doch?

Meinung:  "The Others" ist wirklich anders. Regie geführt hat Alejandro Amenábar, ein Spanier. Und ich meine, das ist zu erkennen, denn qualitativ erinnert der Film stark an "Crimson Peak" und "Das Waisenhaus". Der Horror kommt nicht mit dem Holzhammer daher, sondern subtil gänsehauterzeugend und allmählich, bis er sich zu einem überraschenden und bizarren Showdown verdichtet, mit dem vermutlich kein Zuschauer gerechnet hat. Auch das macht "The Others" einzigartig. Man ist einfach verblüfft und erstaunt über den raffinierten Schluss, der es eigentlich überflüssig macht, sich den Film ein zweites Mal anzusehen. Wären da nicht die tollen Leistungen der Schauspieler (allen voran Nicole Kidman und Fionnula Flanagan als Hauswirtschafterin Berta Mills und die Kinder, die ihre Parts als widerspenstige Anne und als der ängstliche Nicholas überzeugend spielen) und die düstere Atmosphäre des Herrenhauses, das einen sofort gefangen nimmt. Die Idee mit den Post Mortem-Fotos, die im ausgehenden 19. Jahrhundert groß in Mode waren, trägt viel zum unheimlichen Geschehen bei und lässt den Zuschauer grausig fasziniert auf spätere Google-Bildersuche gehen (zumindest mich). Gefallen hat mir auch Christopher Ecclestone als kurzzeitig heimkehrender Ehemann, der sich von seiner Familie verabschiedet, denn bleiben kann er nicht...

Einen kleinen Kritikpunkt habe ich, der allerdings nur ins Gewicht fällt, wenn man "The Others" nicht als reine Unterhaltung betrachtet, sondern vielleicht als Wahrheit des Regisseurs, der auch das Drehbuch schrieb. Vorsicht, jetzt kommt er doch noch, der winzige Spoiler: Es wird im Film viel von "verschiedenen Wahrheiten" geredet, und dass die von Grace derart verzerrt war und sie enttäuscht wird von dem, was sie ihren Kindern beibringt (sie lässt sie in der Bibel lesen, und ja, dabei ist sie ziemlich penetrant, streng und pedantisch), empfinde ich als gläubiger Mensch ein wenig geringschätzig. Die biblischen Geschichten am Ende als Märchen hinzustellen und Grace' Glauben derart krass zu desillusionieren, das war dann doch nicht so fein. Andererseits ist der Schluss plausibel, wenn man ihn vom Aspekt des alten Volksglauben ableitet.




 Fazit und Bewertung:  Da ich ein Fan von gut gemachten Schauergeschichten in Literatur und Kino bin und diese nicht so leicht zu finden sind, erhält der Film trotz dem etwas bitteren Nachgeschmack





Sonntag, 5. April 2020

Filme in Zeiten von Corona (IV) "Topkapi" (1964)

Bevor ich etwas zum Rififi-Ableger von Jules Dassin schreibe, muss ich kurz erklären, dass ich als Teenager eine Schwäche für Maximilian Schell hatte und ihn bis heute neben David Bowie als einen der vielfältigsten und bemerkenswertesten Künstler unserer Zeit betrachte. In meiner Schell-Phase habe ich sämtliches Material über den Mann gesammelt, den ich damals richtig sexy fand, u.a. auch Filme von und mit ihm, die heute kaum jemand mehr kennt. Dazu gehört leider auch die Gangsterkomödie "Topkapi", in der neben Maximilian Schell ein weiteres Multitalent namens Peter Ustinov glänzt. Zudem erfreut sich die Kernsequenz des Films vieler Nachahmer und Reminiszenzen in neueren Filme, wie z.B. in Mission Impossible mit Tom Cruise.




Inhalt: In einem psychedelisch gefärbten und gewöhnungsbedürftig anmutenden Vorspann führt die exaltierte Klepto- und Nymphomanin Elizabeth Libb (ein bisschen overacting von Melina Mercouri) durch das Topkapi-Museum in Instanbul und zeigt uns das Objekt ihrer Begierde, bei dessen Anblick nicht nur ihre Augen feucht werden.

Gemeinsam mit ihrem Komplizen und Gelegenheitsliebhaber Walter Harper/Häberli (Maximilian Schell) will sie den unschätzbar wertvollen Dolch des Sultans im Glaskasten aus dem Museum entwenden. Dazu fertigt sie eine Kopie des Dolchs an, um sie mit dem echten zu ersetzen. Die Hauptarbeit geht an den eleganten Walter, der als Schweizer präzise wie ein Uhrwerk den bombensicheren Coup austüftelt. Nicht nur seine unleugbare Herkunft wirkt anziehend auf Elizabeth - beide sind wohl ein wenig außergewöhnlich in ihren sexuellen Vorlieben, was in den 1960er Jahren natürlich nur mehr oder weniger vage angedeutet werden kann, etwa mit komplizierten Knoten, die  - höhö! - beim Pfadfinderlager erlernt wurden.

Der Coup wird von dem an der türkisch-griechischen Grenze lebenden Arthur Simpson (Peter Ustinov) unbeabsichtigt vereitelt, den sich das kinky Paar gemeinsam mit drei weiteren Beteiligten als neutralen Amateurdieb erwählt. Dummerweise fliegt er mit dem Gangsterwagen beim Zoll auf und soll fortan für den türkischen Geheimdienst spionieren, um zu beweisen, dass er keiner terroristischen Organisation angehört. Ein Katz-und-Maus-Spiel beginnt, bei dem der arme Arthur nicht nur einmal an die Grenzen seiner physischen und psychischen Belastbarkeit kommt.


"Vernünftig ausgeben. Zwei Packungen Klopapier, verstanden?"


Meinung: Lang lang ist's her, dass dieser Film zu meinen Top-Favoriten zählte, auch wenn er nach wie vor einen ganz eigenen Charme hat und - abgesehen von Mercouri, die mich in ihrer Penetranz wirklich genervt hat - bis in die Nebenrollen der türkischen Polizisten und Geheimagenten grandios besetzt ist. Die Bilder sind toll und atmosphärisch, teilweise erstaunlich historisch und fangen das Flair des Mittelmeerraums in der 1960ern ein. Fast wirken einzelne Szenen von der Bevölkerung und von maroden Häusern wie in einem alten Reisemagazin. Ein bisschen primitiv und angestaubt auch, nicht nur die Bilder, sondern auch die Methoden, mit denen der Geheimdienst seine Pflicht erfüllt. Ich musste schmunzeln, als Arthur vom Geheimdienst angewiesen wird, wie er seine Meldungen betreffs der Tätigkeit der Gangster übermitteln muss: in einer leeren Zigarettenschachtel, die er auf die Straße wirft und die dann von einem VW Käfer aufgesammelt wird. Da würde selbst der junge Connery-Bond den Kopf schütteln, oder? Sei's drum, es war irgendwie nett und garantiert wanzenfrei.

Ein Highlight ist natürlich die Szene des raffinierten Diebstahls, die minutenlang ohne Musik oder Dialog gedreht wurde. Da hält man als Zuschauer unweigerlich den Atem an und bangt mit Julio, der nicht nur aufgrund seiner athletischen Fähigkeiten ausgewählt wurde, sondern dem es zudem noch zum Vorteil gereicht, dass er stumm ist und somit nicht aufschreien kann, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert. Das war schon sehr clever und schweizerisch gedacht von Walter. Überführt werden die sympathischen Ganoven dann doch trotz aller Akribie und Arthurs widerwilliger Hilfe, nämlich von einem Spatz. Und so sagt der Geheimdienstchef Ali Tufkan beim Treffen mit der Bande mit einem süffisanten Grinsen, dass ihm ein kleines Vögelchen etwas gezwitschert hätte. Jetzt wissen wir, wo die Redewendung herkommt... (O;

Fazit und Bewertung: Früher habe ich "Topkapi" geliebt. Oft angeschaut auch, denn die Dialoge kenne ich selbst nach Jahren noch. Aber wenn ich ehrlich bin, hat sich mein Geschmack anscheinend ein wenig geändert, oder es war in der Tat *nur* Herr Schell, der meine Faszination für den Film ausgelöst hat. Kein Zweifel, der Film ist unterhaltsam und zu Unrecht mehr oder weniger in Vergessenheit geraten. Doch die Machart und die markigen Sprüche sind schon sehr speziell und nicht das, was man zeitlos nennen würde. Zumindest für mich schien der Film an einigen Stellen etwas altbacken, was aber auch daran liegen mag, dass es schon ewig her ist, als ich ihn zum ersten Mal gesehen habe. Trotzdem gebe ich gute



und einen halben obendrauf für den schmissigen Soundtrack und den originellen Abspann.


Bildquelle: Amazon



Samstag, 4. April 2020

Filme in Zeiten von Corona (III) "Sag kein Wort" (2001)

Eigentlich hatte ich diesen Film aus der Kategorie "typische Psychothriller aus den 1990/2000ern" bereits aussortiert, um ihn zum Verkauf anzubieten. Warum, wurde mir jetzt wieder klar.


Inhalt: Die achtjährige Tochter des New Yorker Psychologen Nathan Conrad (irgendwie creepy in der Rolle: Michael Douglas) wird von Sean Bean und Komplizen entführt. Zur Freigabe wollen die Gangster kein Geld in Millionenhöhe, sondern eine Zahl aus dem Kopf von Elizabeth (ein bisschen nervig wie immer, dann aber auch wieder überzeugend: Brittany Murphy), einer jungen Frau, die nach einer scheinbar grundlosen Attacke auf einen Mann in der Psychiatrie sitzt und vor sich hindämmert. Conrad hat acht Stunden Zeit, ihr den Code zu entlocken, sonst wird er seine Tochter Jessie nie wiedersehen. Der Anfang ist schwierig, doch Elizabeth fasst Vertrauen zu Nathan (warum auch immer), und er hat bessere Karten als der Kollege (Oliver Platt), dessen Freundin ebenfalls entführt wurde - weil auch er Kontakt zu Elizabeth hat und sie ursprünglich seine Patientin ist. Im Gegensatz zum Kollegen erweist sich Conrad  trotz aller Druckmittel cool und patent. Am Ende gelingt es ihm, den Spieß umzudrehen und in einem Westernmäßig inszenierten Showdown den Kopf der Bande zu überwältigen. Es ist wahrscheinlich kein Megaspoiler, wenn ich an dieser Stelle verrate, dass Sean Bean ein Ende findet, das an Horror kaum zu überbieten ist.





Meinung: Obwohl ich Michael Douglas ganz gern sehe und ihn für einen tollen Schauspieler halte, hätte ich mir als Erstes eine andere Besetzung gewünscht. Gefunkt hat es zwischen Douglas und Murphy gar nicht - ihr Verhältnis als Arzt und Patientin war trotz Händchenhalten und tröstenden Umarmungen so klinisch und karg wie die unglaublich versiffte Anstalt, in der Elizabeth untergebracht war (Ehrlich, *das* sollte eine Einrichtung aus dem 21. Jahrhundert sein?!).

Und ständig tanzte mir Harrison Ford vor Augen, der in den zwei besagten Jahrzehnten den Archetyp des aufrechten, guten und gewitzten Amerikaners gepachtet hatte und wahrscheinlich eine bessere Figur als Psychiater abgegeben hätte. Im Vergleich mit Mr. Ford war Michael Douglas meiner Meinung nach die klassische Fehlbesetzung. Dazu gehörte auch die jovial-anbiedernde "Guter-Onkel-Masche", mit der er Patienten jeden Geschlechts und Frau und Tochter umgarnt. Fand ich echt zu plakativ für einen Psychologen, beinahe schon gruselig. Apropos Frauen: die müssen neben tough vor allem sexy sein. Sowohl die ermittelnde Polizistin als auch die zur Untätigkeit verdammte Mrs. Conrad im Bett mit Gipsbein sahen aus wie einem Hochglanzmagazin entsprungen, mit den weiblichen Kurven an den richtigen Stellen. Da bekam ich fast ein bisschen Komplexe. Die Zeiten haben sich zum Glück auch in Hollywood ein wenig geändert.

Die Story an sich ist temporeich und auch ziemlich originell. Was sich hinter der Zahlenkombination verbirgt, derer Sean Bean & Co. habhaft werden wollen, und wie es zudem dazu kam, da musste ich tatsächlich den Hut ziehen. Allerdings gab es für mich auch einige Lücken im Plot, etwa woher die Gauner wussten, dass Elizabeth sich die Zahl gemerkt hatte. Vielleicht bin ich bei der Szene aber auch einfach mal kurz eingenickt oder war für kleine Mädchen.

Jedenfalls bin ich von Michael Douglas ein besseres und subtileres Spiel gewöhnt.

Bewertung: Kein Reißer, obwohl ich mir vorstellen kann, dass es viele Fans dieser Art Filme gibt, auch wenn sie ein bisschen angestaubt wirken. Ich meine mich zu erinnern, dass mich "Sag' kein Wort" beim ersten Mal Anschauen recht gut unterhalten hat, daher





Sonntag, 29. März 2020

Filme in Zeiten von Corona (II) "Perfect Strangers" (Miniserie, 2001)


Diese britische Produktion von Regisseur Stephen Poliakoff ist ein Juwel in unserer Sammlung und leider nur in der Originalsprache erhältlich. Leider deshalb, weil ich sehr viele Leute kenne, die diese Art von Filmen mögen, aber kaum oder wenig Englisch verstehen. Besorgt habe ich mir die DVD seinerzeit wegen meinem Lieblingsschauspieler JJ Feild, der allerdings einen sehr kleinen Auftritt hat. Dass Toby Stephens eine größere Rolle spielt und die beiden sogar Brüder mimen, habe ich erst beim zweiten Anschauen bemerkt.




Inhalt: Daniel Symon (Matthew MacFadyen) ist über ein Wochenende mit seinen Eltern (Michael Gambon und Jill Baker) zu einem großen Familientreffen in einem Londoner Hotel eingeladen, wo er Leute trifft, die er trotz Blutsbande zum ersten Mal sieht. Der Patriach Ernest und dessen Schwägerin Alice (Lindsay Duncan) haben das Fest akribisch und mit individuellen Terminen unter den Mitgliedern organisiert; Ernest und Stephen, der "Archivmann", interessieren sich für Ahnenforschung und möchten daher bei dieser Gelegenheit alles über ihre weitverzweigte Familie herausfinden. Letzterer ist dabei geradezu besessen von Familienstammbäumen und macht Ahnenforschung sozusagen zu seiner Berufung. Weshalb das so ist, erfährt der Zuschauer übrigens später in Stephens berührendem Teil der Symons-Familienereignisse.

Daniels Vater Raymond ist nicht begeistert vom Treffen, war sein Vater doch das schwarze Schaf, dessen Geld ihm zwischen den Fingern zerronnen ist, als Raymond als Nachfolger das Möbelgeschäft mit unkonventionellen Methoden weiterzuführen versucht hat. Innerhalb der Familie ist er daher der Pechvogel, dem absolut nichts gelingen will. Besonders deutlich wird das in seiner im betrunkenen Zustand gehaltenen Rede des "Familienkaraoke", die fast alle peinlich berührt, besonders den Sohn.

Umso faszinierter ist Daniel von seinen mondänen Cousins Rebecca (Claire Skinner) und Charles (Toby Stephens), die als Geschwister eine ungewöhnlich innige Beziehung zueinander pflegen. Schnell fühlt er sich trotz der Klassenunterschiede mit ihnen verbunden, während Charles und Rebecca ihn ebenfalls als Dritten im Bunde willkommen heißen und ihm sogar teuere Geschenke wie einen Ledermantel machen. Daniel kann sich die Großzügigkeit und Zuneigung der Upperclass-Geschwister nicht recht erklären, doch er spürt, dass ihnen beiden etwas fehlt. Was, wird ihm erst klar, als er die Kopie des Familienstammbaumes von Ernest genauer untersucht...

Überhaupt, die Familie. Das sind schon richtig schräge Vögel mit vielen Leichen im Keller. Da sind die drei alten Schwestern mit ihrem unerschöpflichen Vorrat an Keksen, die Daniel und seiner Mutter ihre fast unglaubliche Geschichte erzählen. Violet und Edith sollen im Krieg Wolfskinder gewesen sein, die stumme und apathische Grace leidenschaftlich verliebt?  Auch "Archivmann" Stephen lebt mit einem Geheimnis, von dem Daniel nichts wusste, und nicht zuletzt sein Vater Raymond und er selbst. An seine eigene Geschichte kann Daniel sich nicht einmal erinnern, doch während er denen seiner Verwandten lauscht, kommt er ihr nach und nach immer mehr auf die Spur. Und sie ist nicht weniger skurril als die der anderen...


Rebecca und Charles


Meinung: Einfühlsam, bittersüß, zum Nachdenken, perfekt inszeniert mit brillanten Darstellern und nicht zuletzt höchst unterhaltsam, das ist für mich "Perfect Strangers." Halb autobiografisch lässt Stephen Poliakoff die Episoden innerhalb der Familie Symon Revue passieren, und das mit einer Leichtigkeit und einem Gefühl für die vielen Protagonisten, dass man vor Ergriffenheit einfach mal kurz ein paar Tränchen fließen lassen möchte. Dafür sorgt auch der atmosphärisch komponierte Soundtrack. Anfangs wirken alle bis auf den bambiäugigen und sympathisch linkisch auftretenden Daniel ein bisschen gaga, doch im Lauf der Geschichten, die häufig einen tragischen und unerwarteten Verlauf nehmen, wird ihr Verhalten verständlich und die Figuren liebenswert, was selbst Daniel bemerkt.

Da ich selbst an solch groß organisierten Familientreffen teilgenommen habe, konnte ich mich sehr gut in Daniel hineinversetzen, auch wenn die Kontakte zu den Verwandten bei mir eher oberflächlich blieben, während Daniel neue Erkenntnisse und sogar Freunde gewinnt.

Wie gesagt, es ist schade, dass es diese kleine Serie nur auf Englisch gibt. Der Stoff, den sich Poliakoff vornimmt, ist keineswegs belangloses Geschwafel um britische Familientraditionen und -werten (was man erwarten könnte), sondern universell und wirklich toll umgesetzt. Ich glaube, jeden spricht etwas darin an oder man kann sich in einem der Symons wiederfinden. Denn irgendwie sind die "Perfect Strangers" gar keine Fremden, sondern Menschen wie du und ich.

Bewertung: Auch wenn JJ Feild als Richard ein echt hartes Schicksal widerfährt und er nur in Rückblenden und auf Fotografien auftaucht, verdient die Serie bei mir die volle Punktzahl von


 


Montag, 23. März 2020

Filme in Zeiten von Corona (I) "The Yearling" (1946)

Über das Corona-Virus möchte ich mich hier nicht auslassen. Die Auswirkungen davon bekommt jeder von uns mehr als genug zu spüren. Von einer Ausgangssperre sind wir aufgrund einiger unvernünftiger Baggage nicht mehr weit entfernt - viele haben sich jedoch auch freiwillig und klaglos häusliche Quarantäne auferlegt. Obwohl ich in einem "Krisengebiet" wohne, ändert sich für mich vorerst nicht allzu viel; eine "Partylöwin" bin ich nie gewesen und schließe den Tag lieber mit einem Film und einem Glas Wein ab. In den dennoch harten Corona-Zeiten habe ich mir vorgenommen, nun einige Filme anzusehen, die schon lange in meinem Archiv stehen. Der erste ist "The Yearling" mit Gregory Peck (*Schmacht*), Jane Wyman und Claude Jarman Jr.




Inhalt: 1848: Der Farmer Ezra "Penny" Baxter lebt mit seiner Frau Ora und dem zwölfjährigen Sohn Jody in einem Sumpfgebiet Floridas, das die Familie gemeinsam bewirtschaftet und urbar zu machen versucht. Mit zur Plantage gehört ein kleiner Viehbestand und Jagdhunde zur Selbstversorgung. Das Leben der Baxters ist hart, besonders für Ora, die vor Jody drei Kinder verloren hat und dem "nichtsnutzigen" Sohn keine echte Liebe entgegenbringen kann / will, aus Angst, ihn ebenfalls zu verlieren. Ganz anders als Ezra, der den verträumt wirkenden Jody häufig zur Feldarbeit mitnimmt und trotz aller Anstrengung bemüht ist, ihm eine unbeschwerte Jugend zu ermöglichen.

Jody wünscht sich nichts mehr als einen Spielgefährten. Zwar hat er in dem in unmittelbarer Nachbarschaft wohnenden, fragilen und phantasievollen Fodderwing (ätherisch: Donn Gift) einen Freund, doch aufgrund der nicht unbeträchtlichen Entfernung sehen sich die beiden selten. Während eines Nachspiels von einem Tauschhandel mit Fodderwings Familie kommt zum zweiten Mal nach einer Bärenjagd Dramatik auf: Ezra wird von einer Klapperschlange gebissen und erschießt ein zufällig auftauchendes Reh, dem Jody als Erste-Hilfe-Maßnahme Herz und Leber entnehmen muss. Dabei entdeckt er später ein kleines Bambi, das verzweifelt nach seiner Mutter blökt. Jody überredet seine Eltern, das Kitz behalten und großziehen zu dürfen. Als er Fodderwing um einen besonderen Namen für den Findling fragen möchte, muss er beim Besuch der Nachbarn feststellen, dass der zarte, tierliebende Junge unerwartet verstorben ist.

Es gibt viele Tränen im "Yearling". Diese Szene und das darauffolgende Gebet, das Ezra während der Beerdigung des kleinen Fodderwing spricht, waren für mich neben der Schlussszene die bewegendsten. Einer von Fodderwings unzähligen Brüdern erzählt Jody, dass Fodderwing Jodys Reh "Flag" genannt hätte, und genauso heißt es fortan. Zunächst geht alles gut, und alle bis auf Ora, die den neuen Mitbewohner mehr oder weniger duldet, sind glücklich. Doch als Flag in die Pubertät kommt, wird er flegelhaft und vernichtet mehrmals die mühsam eingesäte und sorgsam abgesteckte Ernte. Sämtliche Maßnahmen wie hohe Zäune greifen nicht, so dass Ma Baxter irgendwann die Geduld verliert und Flag anschießt. Dabei verletzt sie ihn so schwer, dass Jody ihn erlösen muss. Zornig und hasserfüllt läuft er davon und irrt durch die Sümpfe. Nach vier Tagen, in denen er Hunger leidet und sich nach seinem Pa sehnt, kehrt er zurück und versöhnt sich mit den Eltern, nachdem er ein berührendes Mann-zu-Mann-Gespräch geführt hat. Ora, die nicht aufgehört hat, nach Jody zu suchen, schließt ihn erleichtert und zum ersten Mal liebevoll in die Arme.

Meinung: Altmodisch, nahezu antiquiert wirkt der Film, angefangen von der patriotisch-pathetischen Widmung an die amerikanischen Siedler im Vorspann über die Gottesfurcht der Familie bis hin zu der gewöhnungsbedürfig salbungsvollen deutschen Synchronisation - und dennoch sind es gerade diese Faktoren, die den besonderen Reiz von "The Yearling" ausmachen. Der gutaussehende Hauptdarsteller ist ohnehin einer davon (den Reizen), und seine Interaktion mit dem Jungen und auch die zu Jane Wyman ist glaubwürdig und trotz ihrem etwas rauen Umgang als Ehepaar vertraut, partnerschaftlich und liebevoll, fast zärtlich. Man nimmt den beiden ab, dass sie durch entbehrungsreiche und harte Zeiten gehen bzw. gegangen sind. Gregory Peck verkörpert das Idealbild des aufrechten, patenten Pioniers perfekt und vor allem sympathisch. Er ist nicht unfehlbar und manchmal sogar ein bisschen schlitzohrig, etwa beim Handel mit dem unbrauchbaren Hund, der folgenschwere Konsequenzen hat. Mit Ora und Jody, der anfangs etwas verwöhnt und weinerlich daherkommt, musste ich dagegen erst warm werden. Trotzdem sind die Schauspieler durch die Bank weg großartig und nachvollziehbar. Der außergewöhnliche Fodderwing, der nur einen kurzen Auftritt hat, bildet da keine Ausnahme.

Man könnte den Titel des Filmes auch auf Jody anwenden: im Jahr des Rehes verändert er sich, lernt Verantwortung zu übernehmen und wird erwachsen, als er die Entscheidung trifft, nicht zur See fahren zu wollen, sondern gemeinsam mit der Familie weiterhin die Farm zu betreiben.

Vielleicht erscheint "The Yearling" - immerhin über 70 Jahre alt und zu einer Zeit gedreht, die wir uns heute nicht mehr vorstellen können - für heutige Verhältnisse etwas zu schwülstig, zu fromm und ein wenig behäbig, und andererseits täte es uns allen gut, ein bisschen mehr wie die Familie Baxter zu sein und Gott zu danken für ein nicht immer leichtes, aber schönes Leben. Mir jedenfalls hat der Film so gut gefallen und mich so berührt, dass ich ihm die volle Punktzahl gebe.




Bewertung:

Mittwoch, 11. März 2020

Review "Goodbye Christopher Robin" (2017)

Eher zufällig, weil nach einem Missverständnis gekauft, bin ich auf diesen kleinen feinen Film gestoßen. Ich hatte gedacht, es handle sich um die Version mit Ewan McGregor, die ein Jahr später produziert wurde. Etwas verwirrend, aber ich bin nicht unglücklich darüber, denn die Geschichte war unterhaltsam, anrührend und auch künstlerisch anspruchsvoll in schönen Bildern erzählt.




Inhalt: Winnie the Pooh kennt jedes Kind. Weniger bekannt ist die Biografie seines Schöpfers Alan A. Milne (dargestellt von Domhnall Gleeson), der im Ersten Weltkrieg ein Shellschock-Trauma erleidet und seitdem von einer Schreibblockade heimgesucht wird. Nach der Geburt des Sohnes Christopher Robin, den alle Billy Moon nennen, entschließt sich die kleine Familie aufs Land zu ziehen, wo sie das Kindermädchen Olive "Nou" (wunderbar: Kelly MacDonald) engagieren. Sie wird Christophers beste Freundin.

Als Milnes Frau Daphne genug hat von der Untätigkeit ihres Mannes und vorübergehend zurück nach London reist, nähern sich Vater und Sohn allmählich einander an, die bis dahin ein eher distanziertes Verhältnis hatten. Bei Spaziergängen im nahegelegenen Wald erwecken sie Christophers Stofftiere zum Leben und erfinden Geschichten über und mit ihnen. Abends liest Milne seinem Sohn selbstverfasste Gedichte vor und wird gefragt, ob er nicht auch ein Buch für ihn - Billy Moon - schreiben könnte. Fortan werden die Geschichten im Wald in Schrift und Bild mit der Hilfe eines befreundeten Zeichners dokumentiert. Nach der Veröffentlichung wird "Winne the Pooh" ein Bestseller und Christopher Robin eine Art erster Harry Potter, so groß ist der Medienrummel um ihn. Das einzige, was ihm hilft, mit der Situation fertigzuwerden, ist sein Trost, dass er nicht Christopher Robin, sondern Billy Moon ist. Doch bald fühlt er sich überfordert und manipuliert, zumal seine geliebte Nou den Haushalt verlässt, um zu heiraten, nicht ohne zuvor den Eltern die Leviten zu lesen.

Milne schwört reumütig, niemals wieder eine Geschichte über Winnie the Pooh und seinen Sohn zu schreiben, aber der Schaden ist bereits angerichtet. Christopher Robin fühlt sich ungeliebt und unverstanden ohne sein Kindermädchen. Im Internat wird er aufgrund seines Starruhms gemobbt und verspottet. Als er seine Schulbildung beendet, gehen Daphnes schlimmste Befürchtungen und Prophezeiung seit der Geburt des Sohnes in Erfüllung: er meldet sich zum Militär und zieht in den zweiten Weltkrieg. Mit der Nachricht, er sei verschollen und vermutlich gefallen, stürzen die Eltern in Verzweiflung.


Bildquelle: MadalinCalita / Pixabay


Meinung: Zunächst war ich ein bisschen enttäuscht, dass der kleine Christopher Robin (Will Tiltson) nicht wie der in der Disney-Verfilmung aussah. Das war aber bald vergessen, denn er hat süße Grübchen und macht seine Sache wirklich gut. Gemeinsam mit dem ätherisch und fast zerbrechlich wirkenden Domhnall Gleeson dominiert er den Film, wandert mit ihm durch beeindruckend inszenierte Fantasiewelten und nennt seinen Vater (fast hippiemäßig) liebevoll Blu wie seine Mutter Daphne. Er hilft ihm, sein Kriegstrauma zu überwinden, da die Streifzüge durch den Wald häufig ein jähes Ende finden, etwa durch einen Bienenschwarm oder eine freundschaftlich angehauchte Balgerei. Ganz toll fand ich die Szenen, in denen Skizzen und Realbilder geschickt miteinander verwoben werden. Überhaupt, technisch ist der Film erstaunlich und perfekt. Die psychologische Komponente kam mir dennoch und trotz der guten schauspielerischen Leistungen irgendwie zu kurz. Mir schien, als könne man sich nicht richtig entscheiden, ob nun der Vater oder der Sohn im Mittelpunkt steht. Ich hätte gern mehr darüber erfahren, warum Christopher Robin wirklich so verbittert war, dass er auch später nie Tatiemen aus dem Verkauf des Produkts "Winne the Pooh" angenommen hat und ob der Bär ihm tatsächlich derart die Kindheit ruiniert hat. Für mich sah Milnes Handeln jetzt nicht nach grob fahrlässiger Kindesmisshandlung aus. Allerdings tat mir der Kleine schon leid, etwa bei einem Telefongespräch zwischen dem Vater in den Staaten und Christopher zuhause in England, das ohne dessen Wissen für die Öffentlichkeit aufgezeichnet wurde.

Interessant und für mich neu waren die Hintergrundinfos wie z.B. der Bär zu seinem Namen kam oder dass Pooh schon zu Lebzeiten ein Megastar war und nicht erst von Walt Disney groß rausgebracht wurde. Es ist bis heute das beliebteste Kinderbuch der Welt. Und ich mochte die mir bis dahin unbekannten Schauspieler in ihren Rollen, allen voran Domhnall Gleeson, der mich optisch oft an eine Mischung zwischen Benedict Cumberbatch und David Bowie als Thin White Duke erinnert hat.




Fazit: Sehenswerter Familienfilm, dem ich als Zufallstreffer gerne vier Sterne gebe.





Sonntag, 1. März 2020

"Kramer gegen Kramer" (1979) Review (weitgehend spoilerfrei)

Diesen Film habe ich - damals noch auf Videocassette - als Souvenir aus Liverpool während meines Englandurlaubs mitgenommen, nebst einem Dustin Hoffman-Starbuch. Den fand ich nämlich total klasse, nicht nur als Schauspieler. Besonders seine schwarzen Haare hatten es mir angetan... (O:

Seitdem gehört "Kramer vs. Kramer" zu meinen Evergreens, die ich immer wieder gucken und mitsprechen kann. So wie gestern nach recht langer Zeit mal wieder. Und es hat mich verwundert, dass es noch keine Rezension dazu auf meinem Blog gibt, was ich hiermit nachzuholen gedenke.




Inhalt: Der erfolgreiche Werbefachmann Ted Kramer lebt für seinen Job. Abends kommt er oft spät nach Hause, tüftelt an neuen Ideen und hat wenig Zeit für seine Frau Joanna (Meryl Streep) und den kleinen Sohn Billy (Justin Henry). Bis Joanna ihn vor vollendete Tatsachen stellt: Buchstäblich zwischen Tür und Angel eröffnet sie ihm, sich von ihm zu trennen, und da ihr Grund der ist, sich selbst finden zu müssen und sie sich für eine wenig geeignete Mutter hält, beschließt sie schweren Herzens, Billy in der Obhut seines Vaters zu lassen. Dieser glaubt zunächst an einen Scherz oder eine vorübergehende Phase, doch Joanna, unglücklich in ihrer Ehe und entfremdet von Ted, macht Nägel mit Köpfen. Sie zieht aus, wohin, weiß keiner. Nicht einmal die Nachbarin und Freundin Margarethe Phelps (Jane Alexander), die der Familie freundschaftlich verbunden bleibt und Ted im Lauf der Geschichte besser kennenlernt.

Von nun an bleibt Ted nichts anderes übrig, als Job und Familie unter einen Hut zu bringen. Nach anfänglichen Hindernissen und Missverständnissen werden Vater und Sohn ein eingespieltes Team, und Ted erlebt die Höhen und Tiefen eines alleinerziehenden Elternteils, wobei liebgewonnene Rituale wie das abendliche Vorlesen die alltäglichen Dramen wie der böse Sturz vom Klettergerüst auf dem Spielplatz überwiegen. Kurz, Ted und Billy sind happy. Obwohl der Kleine sich nach Streitigkeiten mit Daddy hin und wieder nach der Mutter sehnt, wird der Vater zu seiner wichtigsten Bezugsperson.

Nach achtzehn Monaten taucht Joanna wieder auf, behauptet, sich mithilfe einer Psychologin vollkommen geändert zu haben und fordert ihren Sohn zurück. Ein erbitterter Kampf um das einzige Kind beginnt... und scheint aussichtslos, als Ted gekündigt wird.

Bildquelle: www.IMDb.com

Meinung: Selbst nach mehrmaligem Anschauen hat der Film für mich etwas Magisches. Das liegt neben dem authentischen (weil echten) 1970/80er Jahre-Flair und dem im Vergleich zu heute fast noch beschaulich anmutendem New York vor allem an dem großartigen, intensiven Spiel der beiden Hauptakteure Dustin Hoffman und Justin Henry. Es hat mich überrascht, zu erfahren, wie tief die Beziehung zwischen den beiden tatsächlich auch hinter der Kamera war. Dustin Hoffman nahm den Siebenjährigen beiseite und ließ ihn seinen Text improvisieren, wobei Szenen aus dem Drehbuch mit solchen ersetzt wurden, wie sie Hoffman mit seiner eigenen Tochter erlebt hatte (die aufmüpfige Chocolate-Chip Icecream-Auseinandersetzung ist eine davon). "Kramer vs Kramer" lebt von der Charakterentwicklung aller Figuren, und ich mag auch die sehr humorigen Passagen, die zu Beginn noch häufiger sind als später. Etwa wenn Ted Billy verspätet vom Kindergeburtstag abholt und Billy vorwurfsvoll feststellt: "All the other mothers were there before you." Meryl Streep darf in dem Film nur wenig glänzen, aber das tut ihm keinen Abbruch...

Es sind die kleinen Momente, die anrühren und von denen man als Zuschauer der wachsenden Beziehung Zeuge wird. Das stille gemeinsame Frühstück zum Beispiel oder das Fahrradfahrenüben im Central Park mit einem vor Stolz strahlenden Papa. Aber besonders schön und vielleicht meine Lieblingsszene ist die, als Ted versucht, Billy zu erklären, warum Joanna sie beide verlassen hat, nachdem Billy sich sorgenvoll erkundigt, ob sein Dad ihn nun auch allein lässt, weil er ungehorsam war. Ich glaube, eine so herzzereißende Szene habe ich zwischen einem Kind und Erwachsenen im Film noch nicht gesehen. Oder ist es doch die, in der Billy Ted weinend fragt, wer ihm von nun an seine Gute-Nacht-Geschichten vorlesen wird?

Jedenfalls bin ich nach wie vor begeistert von dem Film. Er wirkt trotz seiner mittlerweile einundvierzig Jahre in der Thematik kein bisschen antiquiert, sondern immer noch frisch, aktuell und sehr originell, da hier mal ein Vater verzweifelt um sein Kind kämpft, das ihm anfangs eher eine Bürde war bzw. das er kaum wahrgenommen hat und dessen Bedürfnisse ihm nach und nach in Fleisch und Blut übergehen. Der Schluss ist ebenso originell und unerwartet, so dass man sich doch fragt, ob ein Sinneswandel wie der von Joanna in der Realität möglich wäre. Andererseits war er für alle Kramers anscheinend das Beste.

Bewertung: Von mir gibt es die volle Punktzahl, und das wirklich nicht nur wegen der schönen schwarzen Haare von Mr. Hoffman...