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Dienstag, 11. Februar 2020

"Ein Spiel zu viel" ~ Leseprobe ~

Es ist mal wieder Zeit für eine Leseprobe. Diesmal aus" Ein Spiel zu viel", meinem Roman über eine Clique junger Schauspieler zu Beginn des 20. Jahrhunderts in England.

Vor der Veröffentlichung hatte ich lange überlegt, in welchem Genre die Erzählung am besten aufgehoben wäre  - und bin mir bis heute nicht ganz schlüssig. Historisch verbürgte Elemente werden weniger beleuchtet, dafür die Beziehung der fünf jungen Männer untereinander und ihre jeweiligen Charaktere. Ein zentraler Punkt in der Geschichte ist die Verbindung des impulsiven Galen zu dem charismatischen "Anführer" der Truppe, Irving Van Sander, und wie sie sich wandelt, als Galen etwas über ihn herausfindet, das lange Zeit ein Geheimnis bleibt und die bis dahin mehr oder weniger harmonische Gruppendynamik verändert.




Insofern bezeichne ich den Roman gern als historischen Psycho-Thriller, auch wenn es keinen Serienmörder im engen Sinn oder allzu blutige Szenen gibt. Vielmehr handelt der Roman von Verlustängsten und wohin sie jemanden treiben können, der sich seiner selbst nicht sicher ist und Bestätigung in der seelischen und physischen Abhängigkeit Anderer sucht. Oder wozu man fähig ist, wenn man jemanden nicht loslassen kann.

In der ausgewählten Leseprobe kehrt Galen zum zweiten Mal zu seinem früheren Adoptivvater Raphael Blake zurück, nachdem er einige persönliche Sachen geholt hat, um für einen längeren Zeitraum bei ihm zu wohnen und eine Schuld abzuarbeiten. Beide wissen nicht eindeutig um die Identität ihres Gegenübers, da sie durch unglückliche Umstände recht früh wieder voneinander getrennt wurden und Galen als Sechsjähriger in den Gassen Londons verschwand. Erst nach und nach lernen sie sich besser kennen. Wenn das der eifersüchtige Irving wüsste...


Freitag, 10. Januar 2020

Bimbo oder ein Trip in die Kindheit

Über Weihnachten und dem Dreikönigstag haben wir mal wieder etwas gemacht, das eigentlich völlig in Vergessenheit geraten ist und früher irgendwie bei Festen oder besonderen Anlässen im Kreis der Familie zum guten Ton gehört hat: mein Vater hat die alten Diafotos und Super 8-Filme vom Speicher herausgekramt. Als technikversierter Mensch war es früher sein Hobby, zu fotografieren und zu filmen und Material wie Projektor und Spulen sorgfältig aufzubewahren. Bald haben solche visuellen Ausrüstungen Museumsqualität; zumindest wirken sie in der digitalen Welt des Internets schon ein bisschen altertümlich.




Ich hatte befürchtet, dass die Dias verblichen und die Filme vom Alter brüchig sind und war positiv überrascht, wie frisch die Farben auf beiden Medien noch leuchten. Fast als hätte man sie gestern erst geknipst bzw. produziert. Und ich hatte noch etwas viel Wichtigeres festgestellt. Nämlich wie glücklich und frei und bunt meine Kindheit war. Auf den Bildern lache ich viel, beim Malen und Schaukeln, beim Spielen und Unsinn machen mit meiner Schwester, zu der ich - wie auch zu meinen Eltern - bis heute einen super Draht habe. Dass das nicht selbstverständlich ist, weiß man im Alltag oft gar nicht zu schätzen. Die nostalgische Reise auf der Leinwand hat mir aufs Neue bewusst gemacht, wie viel wir als Familie erlebt haben, ob im Urlaub oder zuhause, und wie schön das Leben sein kann. Es war nicht immer alles eitel Sonnenschein, aber die Film- und Diaabende haben gezeigt, wie viele schöne Momente es gab, und nur ein Bruchteil davon hat mein Papa mit der Kamera festgehalten.


Seltener Kinderkummer: Bimbo muss trösten.

Besonders berührt haben mich neben den plötzlich auftauchenden Erinnerungen und Geschichten die damalige Mode, das Handarbeitsgeschick meiner Mutter (fast alle unsere Hemden, Jacken und Hosen waren liebevoll auf unsere Lieblingsfarben abgestimmt und selbstgemacht) und mein Spielzeug. Ich hatte nicht so viel, wie ich immer dachte, dafür aber über Jahre heißgeliebte Stücke wie Bimbo der Affe und Bububär, ein roter Plastikbär (oder eine Maus?), dessen große Ohren ich damals als Zahnring zweckentfremdet hatte. Im Gegensatz zu Bimbo ist er mir irgendwann abhanden gekommen, doch er bleibt unvergessen wie mein Kater Oskar und meine Großeltern, die ich hoffentlich in einem späteren Leben wiedersehe (Bububär wird wohl nicht dabeisein, aber was soll's?).

Ganz durch sind wir noch nicht mit unseren Familienschätzen; zwei oder drei Filme gibt es noch zu gucken. Die Zeit verflog so schnell beim Anschauen der Bilder und Filme, und es war ein ganz sonderbares Gefühl, sich mal wieder als Baby und Kind zu sehen. Eine Prinzessin war ich nie und wurde auch nie zu einer gemacht; mir hat es viel besser gefallen, auf Baustellen im Dreck zu spielen, zu toben und dabei Latzhosen zu tragen. Im Rückblick ist das auch Freiheit und Dankbarkeit meinen Eltern gegenüber, die uns nie etwas aufgezwungen haben. Vielleicht war ich deshalb zwar immer schon ein bisschen der Schelm in der Familie, aber (fast) immer brav, ohne langweilig zu sein. Und dafür kann ich meinen Eltern nicht genug danken.


Bimbo und ich heute.



Freitag, 6. Dezember 2019

"Arctic" mit Mads Mikkelsen (2019)

Ein Mann vieler Worte ist Mads Mikkelsen in seinen Filmrollen nie. Zumindest nicht in denen, die ich kenne. Darum ist ihm "Arctic" wie auf den Leib geschrieben, in dem er - wenn es hochkommt - vielleicht eine Handvoll verschiedener Sätze sagt. Schade eigentlich, denn ich höre seine nuschelig-brummige Stimme sehr gern. Allerdings verdient es meine Hochachtung, wie man aus einem Film, der von einem einzigen Schauspieler in einer Art Freiluftkammerspiel getragen wird, einen derart packenden Abenteuertrip machen kann, dass ich auf meinem kuscheligen Sofa Gänsehaut bekomme und mich vor Spannung am heißen Tee verschlucke.




Inhalt und Meinung: Der Polarforscher Overgard ist schon längere Zeit in der Arktis mit seinem Flugzeug gestrandet. Jeden Tag schaufelt er unter enormer Kräftezehrung ein riesiges "SOS" in den Schnee, doch seine Hoffnung auf Hilfe hat er weitgehend aufgegeben. Seine Zehen sind trotz dicker Wollsocken erfroren, er ernährt sich von rohem Fisch und testet immer mal wieder das Funkgerät, das beim Absturz des Fliegers gelitten hat. Verzweifelt wirkt er nicht, eher stoisch und fast resigniert.

Doch bei einem seiner zur Routine gewordenen Ausflüge zur nächsten Hügelkette naht Rettung: ein Helikopter schwebt heran. Overgard kann sein Glück kaum fassen, als im nächsten Moment ein Schneesturm den Heli herumwirbelt, ihn abdriften und am nächsten Felsen zerschellen lässt. Eine junge Frau überlebt schwerverletzt. Und da findet eine geistige Wendung in Overgard statt: er kümmert sich um die Frau, die ihn nicht versteht und während des gesamten Filmes nur ein oder zwei Worte spricht, da sie mehr oder weniger ohne Bewusstsein vor sich hindämmert.

"Es ist alles gut. Sie sind nicht allein" und "Drücken Sie meine Finger!" sind anscheinend die einzigen kommunikativen Brücken, die Overgard ihr bauen kann. Rührend, obwohl er meist nicht viel Gefühl zeigt: er besorgt das Foto ihrer Familie aus dem Helikopter und steckt es in ihre Brusttasche oder legt es ihr in die Hand.  Auch ein Feuerzeug befindet sich im Helikopter, und so kann er mithilfe seines Campingkochers endlich Feuer machen und mit der Frau eine köstliche Forellensuppe teilen. Die Mimik von Mads Mikkelsen - sparsam und trotzdem beredt - sagt in Situationen wie dieser mehr als Worte es getan hätten.


Mjam... Lecker Sushi.


Mit der Verantwortung für einen zweiten, hilflosen Menschen setzt erneut der Überlebenswille ein. Overgard beschließt, nach Norden zu gehen, von wo aus Helikopter nach vermissten Personen suchen. Die Route rechnet er sich anhand einer Karte aus, packt die junge Frau auf einen Schlitten und marschiert los, ohne einen Blick zurückzuwerfen.

Doch der Weg erweist sich als schwierig und gefährlich. In der Szene, in der er den Schlitten und anschließend die im Schlafsack vermummelte ohnmächtige Frau bergan über vereistes Geröll zieht, leidet man als Zuschauer vermutlich mehr als der entkräftete Overgard. Damit nicht genug. Die Höhle, die er und seine vor sich hindämmernde Begleitung zur Nacht aufsuchen, ist nicht unbewohnt. So viel sei gesagt: es sind keine gastfreundlichen und hilfsbereiten Innuit, die Overgard einen Besuch abstatten. Man zittert und bangt und fühlt sich selbst elend, wenn in dem eher ruhig erzählten Film Dinge geschehen, die einfach nicht sein dürfen und die so tückisch über den armen Mann hereinbrechen und irgendwie doch vorhersehbar sind.


Keuch... Schnauf...


Zwei wirkliche Schockmomente gab es für mich, bei denen ich mich gefragt habe, was denn jetzt eigentlich tatsächlich passiert ist. Alle beinahe übermenschlichen Anstrengungen führen nämlich nicht zum Ziel, und ich glaube, dass Overgard - so sehr er sich um die Frau bemüht - nach ein paar Tagen des Herumirrens feststellt, dass ihm eine weitere Person eher hinderlich ist, wobei diese Szene in der Tat Interpretationssache bleibt: er lässt die apathische Frau in einer windgeschützten Eisnische zurück, nachdem sie nicht mehr auf Befehl seine Finger drückt. Doch diesmal dreht er sich um, sieht unerwarteterweise ein Heidekraut aus dem Schnee sprießen und - fällt in ein schneebedecktes Loch im Boden. Da lagen meine Nerven bereits blank. Bevor ich aber zu viel verrate, lege ich jedem, der gut gemachte Survivalfilme mit Tiefgang und überwältigende Naturaufnahmen mag, "Arctic" ans Herz. Obwohl ich mich als Fan von Mads Mikkelsen bezeichne (der Mann ist selbst mit Zottelbart und im unförmigen Michelinanzug sexy!), habe ich nicht damit gerechnet, einen so fesselnden und undramatisch dramatischen Film zu sehen, in dem Mads Mikkelsen vermutlich die Rolle seines Lebens spielt. Von mir gibt es satte fünf




Bildquelle: Amazon


Donnerstag, 26. September 2019

Warum ich kein Greta-Anhänger bin... und auch kein "Hater".

Man kommt ja nicht drum rum, sich Gedanken über sie und ihre Omnipräsenz zu machen. Seit einem Jahr stürmt sie die Medien, um die Welt in Sachen Klimaschutz aufzurütteln: die junge Schwedin Greta Thunberg. Am von ihr initiiertem "Friday for Future" wird regelmäßig demonstriert, selbst in den entlegendsten Käffern. Auch vor meinem Haus.

Bildquelle: Mysticsartdesign / Pixabay


Auf den ersten Blick finde ich das gut. Oder besser gesagt, fand ich gut. Anfangs. Nämlich für diejenigen, die wahrscheinlich bis Greta nichts über Umweltschutz und Klimawandel gehört hatten bzw. sich nicht / wenig darum scherten. Das gibt es doch sicher auch, oder? Zwar ein wenig merkwürdig, wenn man bedenkt, dass Umweltschutz seit über dreißig Jahren ein Thema ist, aber ok. Wenn Greta eine Veränderung im eigenen Denken (und Handeln) in Bezug auf Respekt für den Planeten bewirkt, dann bravo.

Was mir jedoch negativ auffällt, ist Gretas grenzenlose Wut, ihre Hoffnungslosigkeit, ihre Weltuntergangsstimmung und vor allem die Schuldzuweisungen an alle, die ihrer Meinung nach für den Zustand der Erde verantwortlich sind.

Eindrucksvoll bewiesen hat sie das während ihrer Rede vor den Vereinten Nationen. Sich selbst und ihre Generation klammert sie dabei aus, denn sie ist ja noch ein "Kind" (sonderbar, wenn sich eine Sechzehnjährige so bezeichnet), das nichts weiter tun kann, als auf die Missstände aufmerksam zu machen, die ihre Träume und Kindheit zerstört haben. Ja, irgendwie bewundere ich sie auch dafür. Für diese "Ich bin Kind mir steht alles zu"-Einstellung. Aber selbst mit sechzehn und als Asperger-"Patient" sollte man reif genug sein, sich klarzumachen, dass jeder Mensch für sich selbst verantwortlich ist. Jeder Schritt zählt. Nicht nur die der großen Politik. Die im Übrigen in Sachen Klimaschutz nicht so untätig ist, wie Greta ihr das vorgeworfen hat. Man muss nur die Augen offenhalten und sich informieren. Wer will, kann etwas ändern. Kann ausbrechen aus dem "Nach-mir-die-Sintflut"-Massenverhalten, indem man bewusst einkauft und auf Nachhaltigkeit achtet. Man wird dann zwar schnell als Freak angesehen, aber hey, das passiert Greta ja alle naslang. Und irgendwann macht das eigene Verhalten evtl. Schule und findet Beifall, wer weiß?

Jüngst habe ich einen Bericht über Greta von dem von mir sehr geschätzten Journalisten Henryk M. Broder gelesen, der mit gewohnt scharfem Blick das Medien-Phänomen Thunberg betrachtet und analysiert. Mit allen Punkten, die er anführte, war ich nicht einverstanden, und doch ist mir aufgegangen, dass der Artikel im Kern unbequeme Wahrheiten enthält, die man nicht gerne hört.

Und ich dachte mir, dass Greta, ohne es zu beabsichtigen, die Meinungen selbst unter umweltbewussten Menschen weiter spaltet statt sie zu einigen und ihre Energie zu bündeln für das große Ziel, die Erde zu retten. Bei allem Respekt für ihre Taten und Reden kommt es mir vor, als kämpfe sie ohne Bandagen und ein Lächeln gegen den Rest der Welt. Oder auch gegen Windmühlen. Denn mit Drohungen und Schmähungen, die sich dann auch in den Hass-Kommentaren der Greta-Anhänger und Greta-Gegnern spiegeln, hat noch niemand etwas zum Positiven verändert.

Mittwoch, 11. September 2019

Altes Eisen und keine Wertschätzung mehr?

Diese Woche habe ich etwas zum Thema Nachhaltigkeit erlebt, das mich doch sehr nachdenklich gemacht hat.

Ich besitze eine Tisch-Drehpendeluhr aus den 1970er Jahren der Firma Kundo, Erbstück meines Opas. Obwohl sie keinen besonderen Wert hat, mag ich sie und möchte sie trotz ihres etwas nervigen Schlagwerks nicht missen. Das liegt vermutlich daran, dass ich mit dieser Uhr schöne Stunden bei meinen Großeltern verbinde. Irgendwie war sie immer da und hat trotz ihrer geringen Größe gravitätisch das gesamte Wohnzimmer dominiert. Jetzt steht sie bei uns im Esszimmer, und manchmal schaue ich - wie früher - gern dem beruhigend meditativen Kreisen der Drehpendel zu.




Vor etwa zehn Jahren habe ich sie zum Juwelier gebracht, da das Schlagwerk verstummt war und sie nicht mehr korrekt lief. Schon damals gab es die Herstellerfirma nicht mehr, doch der Chef - ein Tüftler und Uhrenliebhaber - versprach mir ganz enthusiastisch, sich darum zu kümmern, obwohl ich versicherte, dass der halbstündlich erschallende Klang nicht unbedingt wieder hergestellt werden musste. Dennoch. Er wurde, mitsamt allem anderen, was nicht in Ordnung gewesen war: Nachmittags konnte ich eine fast wie nagelneue Uhr wieder abholen.

Mittlerweile spinnt sie wieder. Geht bis zu einer Stunde nach oder schlägt vierzehnmal (!) hintereinander. Da ich beim Juwelier so gute Erfahrungen gemacht hatte, ging ich dort wieder hin in der Hoffnung, man könne ihre Altersmacken ein zweites Mal beheben.

Der Senior-Chef ist allerdings nicht mehr da oder war gerade anderweitig beschäftigt, und der Nachfolger hat sich kaum die Mühe gemacht, der Uhr fünf Minuten zu widmen, nachdem er lapidar festgestellt hatte, dass diese Art Uhren nicht für Reparaturen gemacht wurde (weil's ja wohl ein billiges G'lump ist, mit dem man damals ältere Leute auf Kaffeefahrten gelockt hat).

Mehr oder weniger durch die Blume gab er mir zu verstehen, dass ich mir entweder eine neue kaufen, oder, wenn ich so sehr an der alten hänge, mich im Internet schlaumachen, eine andere bestellen und das Uhrwerk austauschen soll. Damit und mit einem schief eingesetzten Batteriedeckel in meiner Uhr hat er sich dann wieder ohne ein Wort des Abschieds in sein Kabuff zurückgezogen.

Mir kam der Gedanke, dass die unselige Konsumwegwerfgesellschaft wohl auch deswegen entstanden ist, weil es immer weniger Handwerker gibt, die sich mit Mechanik auskennen und es selbst für fachkundige Verkäufer zu aufwendig und teuer ist, alte Dinge wertzuschätzen und zu reparieren. Das fand ich schon traurig.

Meiner Uhr hat der Ausflug in die Stadt wohl gefallen: seitdem läuft sie auf mysteriöse Weise wieder auf ein paar Minuten genau. Mal sehen, wie lange noch. In Ehren gehalten wird sie übrigens so oder so.


Sonntag, 11. August 2019

Lokalmatador ~ Ich und meine Püppchen in der Zeitung!

Ende Juli kam die überraschende Anfrage meiner lokalen Zeitung, ob ich nicht Lust hätte, ein Interview zu meinen Häkelpüppchen zu geben. Ich war zunächst verblüfft, habe mich aber riesig darüber gefreut. Mit der jungen und frischen Journalistin verbindet mich eine Freundschaft, die schon recht lange andauert, so dass ich zwar ein bisschen aufgeregt war, als sie mit einem Großdruck von Seth Numrich und meinem Mini-Major fürs Foto ankam, aber ich immerhin gewiss war, dass sie sich - anders als unbedarfte Reporter - mit meiner Geschichte rund um die Häkelfigürchen auskennt.


Sabina und ich


Das war ein großes Plus, denn unser Interview ging fast eine Stunde lang, in der ich manchmal selbst nicht recht schlau wurde aus meinem Geschwafel. Zum Glück ist meine Freundin Sabina eine aufmerksame Zuhörerin. Tonaufnahmen hat sie keine gemacht, sondern sich alles in Stichworten liebenswert altmodisch auf einen kleinen Block notiert. Herausgekommen ist ein super informativer und langer Artikel, der beinahe alles wiedergibt, was mir so eingefallen ist. Ich hätte wohl noch mehr erzählen können, so unglaublich hat sich die Geschichte meiner Kreationen entwickelt und so viele kleine Anekdoten gibt es über sie.

Der Artikel ist nun - welche Ehre - in der Wochenendausgabe meiner Zeitung zu lesen. Eine halbe Seite groß, mit Bildern und dem Link zu meinen Etsy Shop. Es ist das erste Mal, dass ich mit einem Thema, das mein eigenes ist, in der Öffentlichkeit erscheine. Ziemlich aufregend, und ich habe halb erwartet, dass mich von nun an jeder in der Stadt anspricht... naja, es ist vielleicht besser, wenn es nicht so ist. Ich denke jedenfalls, dass es nicht allzu lange dauert, bis der volksnahe Bürgermeister auf mich zukommt und einen ganz speziellen Wunsch äußert... (O;

Hier ist der Link zum Bericht:
Meine Püppchen sind auch Therapie




Mittwoch, 7. August 2019

Die Macht des Grals (Gwydion, Band II) ~ Peter Schwindt


Inhalt: Im zweiten Band der Gwydion-Reihe erfährt der jugendliche Held etwas über seine mysteriöse Herkunft, die mit dem Auftauchen eines lang verschollenen Ritters offenbar wird. Dieser folgt Gwyn auf dem Rückweg in sein Dorf, ist aber verwirrt und im Fieberwahn. Als Gwyn zuhause ankommt, leisten er und seine Schwester Muriel Erste Hilfe, doch schon bald wird klar, dass nur ein versierter Heilkundiger den Ritter retten kann: Merlin auf Camelot. Also macht sich Gwyn wieder auf den Weg dorthin, denn das Schicksal des Ritters lässt ihn nicht kalt. Der stellt sich bald als der legendäre Lancelot vom See heraus, der geschlagene vierzehn Jahre auf der Suche nach dem Gral war und unterwegs nicht nur seine Aufgabe, sondern auch das Gedächtnis verloren hat.

Gwyn, der jetzt Merlins Schüler ist, und sein Freund Rowan werden von Merlin beauftragt, Medizin und Kräuter bei einer Wald- und Wiesenzauberin zu besorgen, um Lancelots Überlebenschancen zu sichern. Doch Artur ist nicht erfreut, seinen einstigen ersten Ritter und besten Freund wieder an der Tafelrunde zu wissen und lässt den Rat einberufen. Mit Ausnahme von Sir Kay - Rowans Vater und Arturs Milchbruder - und Artur selbst, stimmen die Ritter für eine Wiederaufnahme.

Der genesende Lancelot muss eine Bewährungsprobe bestehen, bei der ihm Gwyn als neu zugeteilter Knappe unerwarteterweise unter die Arme greift. Und es scheint, dass er mit seinem Auftauchen nicht nur einen Keil zwischen den König und seine Gemahlin treibt (das Verhältnis zwischen Lancelot und Gwynivere ist hier nur - fürs Erste - Nebensache), sondern ein Geheimnis am Wirken ist, das den Leser neugierig auf den dritten Band macht...





Meinung: "Die Macht des Grals" fand ich noch spannender und aufregender als "Der Weg nach Camelot." Ich musste mich zwar wieder erst an das Methusalem-Alter der Tafelrunde und an einen gebrechlichen Lancelot gewöhnen, doch Peter Schwindt versteht es, die Sage mit eigener Interpretation so unterhaltsam zu gestalten, dass ihm die für mich etwas übertrieben betagten Ritter verziehen seien. Schließlich wird das hohe Alter in den Folgebänden wohl noch erklärt bzw. aufgeklärt. Hoffe ich zumindest.

Schön zu lesen waren die Beziehungen zwischen den Protagonisten, und auch das Mystische im Wald und auf der lange verlassenen Burg, auf der der Geist eines uralten britannischen Königs seiner Erlösung harrt, hat mir gut gefallen. Der junge Gwyn entpuppt sich zusehens als Visionär und Merlin ebenbürtig, nicht nur, weil der ihm durch Aileens Zofe Katlyn Zugang zum Lesen und Schreiben verschafft. Obwohl die Teenager-Romanze mich nicht so wirklich anspricht, hoffe ich sehr, dass Gwyn mit der etwas unscheinbaren Katlyn zusammenkommt und nicht der oberflächlichen Prinzessin erliegt, für die nun Gwyn der Held ist und die ihren versprochenen Rowan ohne Wimpernzucken in den Wind schießt. Das wird sich vermutlich rächen.

Arturs eher düstere Rolle in dem Ganzen ist mir übrigens immer noch rätselhaft. Aber irgendwie macht das direkt den Reiz der Figur und der Handlung aus.

Fazit: Wieder ein großes Lesevergnügen für Jung und Junggebliebene, vor allem denen, die sich ein bisschen mit der Artus-Sage auskennen und ihre Helden von einer Seite erleben, die ein völlig anderes Licht auf sie wirft. Originell und auf jeden Fall fünf Sterne wert.


Bewertung:


Sonntag, 28. Juli 2019

Der Weg nach Camelot (Gwydion, Band I) ~ Peter Schwindt

Mal wieder mache ich einen Abstecher in den Jugendbuchsektor. Und muss sagen, dass ich nach der enttäuschenden Wolfgang Hohlbein-Trilogie um die Sage von König Artus wirklich positiv überrascht bin.

Von Anfang an empfindet man Sympathie mit dem jugendlichen Protagonisten Gwyn, dem Schweinehirt aus Cornwall, dessen sehnlichster Wunsch es ist, Ritter zu werden und in der legendären Tafelrunde zu dienen, die jeder eigentlich nur für ein Märchen hält. Es ist erstaunlich, wie häufig der Ausgangspunkt dieser Geschichten sich ähnelt und was jeder Autor nach seiner eigenen Phantasie daraus weiterstrickt.






Inhalt: Als Gwyn eines Abends vom Schweinehüten nach Hause kommt, findet er sein Dorf verwüstet vor. Die Sachsen haben seine Familie überfallen, zu der außer Gwyns Vater sein älterer Bruder Elwin und Schwester Muriel gehören. Elwin wird den Hof erben, also stiehlt sich Gwyn heimlich fort, da es ihn ohnehin in die weite Welt hinaustreibt. Unterwegs begegnet er dem alten und etwas tollpatschigen Humbert Llwanwick, der einst davon träumte, einer von Artus' Gefolgsleuten zu werden, jedoch in Ungnade fiel.

Gwyn schließt sich ihm mehr oder weniger freiwillig als Knappe an und erlebt Abenteuer, die ihn manchmal wünschen lassen, zu seinem geruhsamen Leben als Bauernbub zurückkehren zu können. Welcher Wunsch ist wohl stärker, nachdem er sich am Ziel seiner Träume glaubt, nämlich an Artus' Hof Ruhm einzuheimsen und dessen Enkelin Aileen zu gewinnen? Und was hat Ritter Humbert mit Gwyns verstorbener Mutter Valeria zu tun, deren Namen er in seiner Todesstunde rief? Kann der böse Mordred, der in dieser Reihe Vater einer Tochter ist, daran gehindert werden, den Untergang Camelots herbeizuführen und somit das bedrohte Britannien wieder in die Dunkelheit stürzen?


Meinung: "Der Weg nach Camelot" von Peter Schwindt ist der Auftakt zu einer vierteiligen Reihe, die man auf jeden Fall an einem Stück lesen sollte. Denn in Gwyns jungem Leben gibt es einige Geheimnisse, die im ersten Band aufgerollt, aber nicht gelöst werden. So kann ich es kaum abwarten, zu erfahren, was es mit Ritter Llanwick und Valeria auf sich hat. Das Rätsel um Gwyns Einhorn-Medallion scheint mir da weniger knifflig, obwohl sich der Zauberer Merlin in der Hinsicht sehr bedeckt gibt.

Das Buch ist spannend und jugendgerecht geschrieben, wobei letzteres mich teilweise etwas gestört hat, etwa wenn Gwyns Knappenkameraden sich betont schnippisch und männlich geben oder die toughe Aileen auf Mordreds schwerfälligem Schlachtross das sächsische Heer austrickst. Aber Schwamm drüber, Großmäuligkeit und weiblicher Heldenmut sind bei (literarischen) Teenagern schließlich keine Seltenheit. Gut gefallen hat mir Gwyn, der eigentlich immer besonnen handelt und sich nicht ins Bockshorn jagen lässt.

Ein Wermutstropfen, der mich allerdings nicht davon abhält, den zweiten Band in Angriff zu nehmen, ist die Tatsache, dass Artus bereits ziemlich alt sein muss bzw. Gwyn nicht einmal wusste, dass der König noch lebt. Ich mag die Vorstellung eines jungen, frischen Königs, der erst später altern darf, wenn die Reihe sich dem Ende zuneigt.

Allerdings hat es damit sicher auch etwas Mysteriöses auf sich. Vielleicht haben Artus und seine Tafelrunde noch eine zweite Chance erhalten und doch bereits den heiligen Gral sichergestellt, der Ewiges Leben verheißt. Das und mehr gilt es nun herauszufinden.


Bewertung:


Mittwoch, 12. Juni 2019

Verlosung meiner "Kurzen" als Print bis zum 19. Juni

Es wird mal wieder Zeit für eine Verlosung. Um ehrlich zu sein, gehe ich sie mit gemischten Gefühlen an. Die Erfahrung hat mir gezeigt, dass Bücher, die ich verschenkt habe, nur selten gelesen bzw. eines Feedbacks an mich würdig sind. Was ich ein bisschen schade finde.

Vielleicht sind die LeserInnen ja zu höflich, um Kritik zu üben, aber solange die nicht grundlos ist oder superpersönlich wird (was ich auch schon erlebt habe), ist es vollkommen in Ordnung, auf etwas hinzuweisen, das einem nicht so gut gefallen hat. Der umgekehrte Fall ist natürlich wünschenswert. Wie schön ist es  für Autoren, wenn die Begeisterung für ein eher unbekanntes Buch nicht nur im stillen Kämmerlein stattfindet. Auch das ist schon vorgekommen, wenn auch eher selten.

*Klick* zum Vergrößern

Oder meine Romane liegen vergessen auf den SUBs, die - wie wir ja wissen - oft die gefühlten Ausmaße eines Mount Everest haben. Ich warte nicht mehr auf Rezensionen auf dem großen A oder in einschlägigen Blogs und Foren, nachdem mir klar wurde, dass sich damit viele LeserInnen unter Druck gesetzt fühlen. Eine Rückmeldung an mich als Autorin wäre nett. Das kann auch ein kurzer Kommentar auf dem Blog oder bei Facebook sein.

Ich hoffe, das klang jetzt nicht miesig oder negativ. Denn schließlich meine ich es gar nicht so und wünsche mir viele Interessierte an meinem kleinen Gewinnspiel. (O:

Was müsst ihr tun, um teilzunehmen? Wählt ein Buch aus dem Bild aus und schreibt mir in der Kommentarfunktion, warum ihr es lesen möchtet. Infos und Leseproben zu den Büchern findet ihr z. B. auf meiner Homepage.

Am 19. Juni um 19.00 Uhr wirbelt dann die Glücksfee und benachrichtigt den Gewinner. Eure Daten werden nicht gespeichert und nur zum Zweck des Gewinnspiels verwendet, gehen also nicht an Dritte.

ACHTUNG: Verlost wird *ein* Buch an den Gewinner mitsamt der Goodies, nicht alle Romane auf dem Foto.



Dienstag, 30. April 2019

BUGA 2019 Bundesgartenschau in Heilbronn

Merkwürdig, wie sehr man seine Prioritäten im Lauf des Lebens verändert. Bis vor einigen Jahren hätte ich nie gedacht, dass ich einmal ein begeisterter Blumenfan sein würde. Ein bisschen kenne ich mich mittlerweile auch aus in der Fauna und Flora und freue mich, wenn ich eine seltene Pflanze benennen kann.

Karl, das unbeliebte Maskottchen

Gestern haben wir spontan einen Familienausflug nach Heilbronn zur Bundesgartenschau geplant, und ich war fast närrisch vor Freude. Die eher negative Publicity und den Boykottaufruf aufgrund fahrlässig ertrunkener Entenküken und dem für viele Leute grotesken Gartenzwerg Karl kann ich nicht nachvollziehen. Natürlich ist das mit den Entchen tragisch und hätte vermieden werden können, aber ganz ehrlich, mit Absicht ist es bestimmt nicht geschehen, und den kleinen Karl-Kerl in verschiedenen Variationen im Gelände fand ich recht niedlich.




Vielleicht waren aber auch die doch recht saftigen Eintrittspreise, der Montag und das durchwachsene Wetter schuld am geringen Publikumsverkehr. Aber gerade darum und weil wir als Familie endlich mal wieder etwas gemeinsam unternommen haben, war der Tag etwas Besonderes für mich. Von 11.00 Uhr bis 16.00 Uhr gab es wogende Blumenmeere, riesenhafte Wüstenkakteen, Gartenzwerge im Materialmix und verschiedene Ökosysteme und neue Technologien nach dem Vorbild der Natur zu bestaunen. Selbst als Kaiser konnte man auf dem hölzernen Thron posieren oder sich auf dem Kletterspielplatz tummeln.

Die Genussmeile musste natürlich auch abspaziert werden, nur um dann festzustellen, dass man in der alten Reederei am Anfang der Meile lieber mal schwäbische Spezialitäten wie das "Böckinger Feldgschrei" ausprobiert hätte. Das entpuppte sich ein bisschen als Enttäuschung, denn das Wurzelgemüse mit Spätzle und Rindfleisch wurde in einem bedienunfreundlichen Einweckglas serviert (man kann's auch übertreiben mit der sprichwörtlichen Sparsamkeit).


Ein Highlight. Kakteen wie im Südwesten der USA.

Das ist allerdings mein einziger Kritikpunkt, und irgendwie war es dann doch ganz originell und witzig, sobald man sich daran gewöhnt hatte. Geschmeckt hat es auch, und das ist ja die Hauptsache. Immer wieder stießen wir auf Ruheoasen wie Strandkörbe (wo leider kein Cappuccino serviert wurde), gewaltige Ruhekissen auf den Rasenflächen und Hängematten. Schön war auch die Markthalle, in der exotische Gewächse und Verkaufsläden untergebracht sind.




Entzücken rufen natürlich die Dauergäste hervor. Und zwar nicht unbedingt die menschlichen Bewohner inmitten des Geländes in unterschiedlich gestalteten "Riesenbienenkörben", die eine Art isolierte Stadt bilden und wohl das Wohnen der Zukunft sind, sondern die vielen Enten, Gänse und Schwäne, die nun mit ihrem Nachwuchs umherwatscheln und sich von den Besuchern scheinbar nur wenig bis gar nicht gestört fühlen.

Die BUGA in Heilbronn findet noch bis Mitte Oktober statt. Ich würde es jedem empfehlen, ob Blumenfreund, mit Familie oder Single. Auf keinen Fall die Kamera vergessen. Und den pinkfarbenen Karl als Schlüsselanhänger. Wetten, dass der irgendwann Kult ist?


Auch Papa kommt auf seine Kosten: Schippern im Schiff-Shuttle.


Mittwoch, 17. April 2019

Mein Sous zum Brand von Notre Dame

Gruselig war's. Kaum wurde der Brand des Unesco-Kulturerbes entdeckt, war ich live dabei. Über Facebook. Und las Kommentare wie "Hoffentlich ist es nicht so schlimm, wie es aussieht." Ach nee, dachte ich, das haben die bald unter Kontrolle. Pustekuchen. Flammen schlugen immer höher, und als der dünne Spitzturm brach, war das wie ein Aufschrei. Ich war fassungslos. Fast am Weinen. Die Kathedrale habe ich zweimal besucht, einmal als Austauschschülerin in Paris, dann als Erwachsene während eines Wochenendtrips dorthin, der mich zu "Vom Ernst des Lebens" inspiriert hat.


Quelle: Christine, damals 14 und Kulturmuffel

Ein bisschen haben mich die Besucher damals genervt. "Du musst unbedingt das Rosenfenster fotografieren!" hieß es, und ich dachte mir, dass es schon so oft geknipst worden sein muss, dass mein Bild nur langweilig werden kann. Wurde es auch, und viel zu dunkel, weil man während des Schüleraustausches in Kirchen und Museen nicht mit Blitz fotografieren durfte und das Smartphone noch nicht erfunden war. Auch mein Außenporträt ist kein Meisterwerk, aber immerhin ein Beweis: ich war da. Und daher nehme ich mir das Recht heraus, zu trauern um ein Gebäude, das jahrhundertelang die Menschen zum Staunen gebracht, erfreut und getröstet hat. Mich lange nicht, denn Notre Dame ist weit weg, ich bin kein Kirchgänger und eigentlich eher pragmatisch veranlagt, was Gebäude betrifft, solange ich nicht selbst darin wohne.

Trotzdem verstehe ich die Trauer der Franzosen und Pariser, und ja, ich verstehe auch die Bereitschaft, Millionen zum Wiederaufbau zu spenden. Architektonische Meisterwerke wie Notre Dame prägen ein Volk, gehören zur Kultur. Kein Erdenbewohner seit 1345 hat Paris je ohne die Kathedrale erlebt bis zum 15. April 2019. Und plötzlich ist sie innerhalb weniger Stunden zerstört, eine scheinbar unverwundbare Trutzburg, ein wunderschönes Beispiel der Gotik und Tempel des christlichen Glaubens. Da kann man schon mal an eine Symbolik denken, die mit den abendländischen Werten und deren Untergang zu tun hat. Das fand ich aber übertrieben, ebenso wie sofort aufbrandende Verschwörungstheorien und die Empörung über die millionenschweren Spenden, die in den Wiederaufbau fließen sollen.


Wird es je wieder so sein? Quelle: kirkandmimi / pixabay

Die Tragödie von Notre Dame hat das Land erschüttert, und die Welt nahm Anteil. Ist die Aussicht auf eine baldige Rekonstruktion nicht ein Trost, der gewährt werden kann und vielleicht auch sollte? Natürlich könnte man mit den Spenden, die mein mathematisches Vorstellungsvermögen weit übersteigen, etwas für die Menschen tun. Menschen, die leiden und in Not sind. Menschen sind immer mehr als Stein, Holz und Blei.

Und trotzdem, irgendwie kommt es mir richtig vor, Notre Dame erhalten bzw. rekonstruieren zu wollen. Die Erklärung ist vielleicht naiv und simpel, aber nichtsdestoweniger wichtig. Für die Pariser ist sie das Herz ihrer Stadt, und für alle Anreisenden und Touristen eine Station, in der sie Ruhe finden können. Und auch ein wenig Ehrfurcht vor der Vergangenheit und der Vergänglichkeit. Denn dass nichts von Menschenhand für die Ewigkeit hält, hat uns der Montag vor zwei Tagen deutlich bewiesen.



Samstag, 9. März 2019

Review "The Machine" (2013)

Tja, es hat mich wieder mal erwischt: nach Benedict Cumberbatch, JJ Feild und Mads Mikkelsen darf sich nun Toby Stephens meiner heißen Fangirl-Begeisterung erfreuen... da er hauptsächlich Theaterschauspieler ist und kein Hollywoodsuperstar, sind die Filme rar gesät, die man hierzulande auf DVD kaufen kann. Was mich sogar dazu verleitet hat, einen Science-Fiction-Streifen anzusehen, ein Genre, dem ich normalerweise so gar nichts abgewinnen kann.




Inhalt: England, in naher Zukunft. Der Informatiker Vincent McCarthy arbeitet an einem geheimen Projekt, das sich zum Ziel setzt, überlegene Menschmaschinen mit künstlicher Intelligenz zu erschaffen, um im (erfundenen) drohenden Krieg mit Fernost diese als Waffen einzusetzen. Testobjekte sind unheilbar verwundete Soldaten, die scheinbar verschwinden, jedoch in geheimen Bunkern des britischen Militär als Maschinen "weiterleben", bis der Prototyp perfektioniert ist. Als Vincents neue Assistentin Ava (Caity Lotz) unerwartet lebensgefährlich verletzt wird, beschließt Vincent, aus ihr eine denkende Maschine zu machen. Doch er hat andere Pläne mit ihr als sein Chef Thomson. Seine Tochter Mary hat das Rett-Syndrom, und er hofft, sie durch seine Arbeit heilen zu können.

Die Maschine / Ava erweist sich als Glücksgriff für Vincent, jedoch nicht für das Militär. Sie denkt nicht nur, sie fühlt. Zuneigung zu ihrem Meister. Schlecht für das Militär, schlecht für die Menschheit. Emotionale Maschinen sind eine ernstzunehmende Bedrohung und führen zur Ausrottung der Menschheit, meint Vincents Vorgesetzter, und ganz unrecht hat er damit wohl nicht. Vincent muss Avas "Bewusstsein" schweren Herzens wieder ausschalten. Als die restlichen Roboter einen Aufstand proben, kommt es zum Tumult. Vincent rettet die gespeicherten Daten von Ava und der mittlerweile an den Folgen einer OP verstorbenen Mary, die fortan gesund und munter auf einer Backup-Diskette weiterexistiert und die nun die ihrer Identität und Empfindungen beraubte Maschine nach gemeinsamer Flucht Mama nennt, denn Ava ist sie ja nun auch nicht mehr.




Meinung: Zugegeben, das Ganze klingt ein bisschen wirr. Ich bin kein Fan von Dystopien und der Entwicklung von künstlicher Intelligenz, und trotzdem hat mich der Film gut unterhalten. Besonders die erste Hälfte war oft humorvoll und berührend. Toby Stephens ist beeindruckend und richtig sexy in Henley-Shirts als der Einzelgänger Vincent, dem jedes Mittel recht ist, um ein Heilmittel für seine Tochter zu finden.

Und sein brummelndes "Don't be afraid. It's ok. Let go", ist wohl die heißeste Liebeserklärung, die man einem Roboter machen kann. (O; Auch Caity Lotz mochte ich, denn die Maschine ist nach der Einspeicherung von Avas Daten kein tougher und mordlustiger Cyborg, sondern wirkt in manchen Situationen komisch und hilflos, fast überfordert. Menschlich halt. Süß, als sie Vincent fragt, ob er wiederkommt und er verspricht, mit ihr ein paar Puzzlespiele zu lösen und Musik zu hören. Ebenso die Geschichte mit dem Sonnenuntergang, der später noch einmal in Szene gesetzt wird. Da kam fast ein wenig Romantik auf, was für das Genre doch eher ungewöhnlich ist.

Das Ende fand ich ein wenig meh, weil überstürzt und eigenartig, denn ganz ehrlich: lohnt sich ein Leben auf der Festplatte, wenn man jederzeit nach Lust und Laune wieder runtergefahren werden kann? Wird Vincent noch den Cybersex revolutionieren, nachdem er mit der Maschine weit und breit der einzige Mensch ist? Oder gibt es eine Fortsetzung, in der Vincent sich selbst zur Maschine umoperiert? Egal, mir hat's gut gefallen, obwohl ich den Film ohne den Hauptdarsteller nie angeschaut hätte. Für Sci-Fi-Nerds und Blade Runner-Fans ist er aber definitiv eine Empfehlung wert!



Bewertung: 


Mittwoch, 13. Februar 2019

Review Jane Eyre (BBC, 2006)

Auf diesen grandios umgesetzten Klassiker von Charlotte Bronte bin ich durch den englischen Schauspieler und Maggie Smith-Spross Toby Stephens gekommen, der mir von einer amerikanischen Freundin durch die Serie "Black Sails" vorgestellt wurde. Die Serie selbst fand ich eher durchschnittlich, wäre da nicht der rothaarige und knurrige Captn. Flint mit seinem dunklen Geheimnis gewesen. Der irgendwie interessante Typ machte mich neugierig auf weitere Filme, und daher ließ "Jane Eyre" nicht lange auf sich warten.




Zum Inhalt brauche ich wenig zu sagen. Das Waisenkind Jane (Ruth Wilson), verstoßen von ihrer hartherzigen Tante, nimmt eine Stelle als Gouvernante in Thornfield Hall an, dem Anwesen des rastlos reisenden Edward Fairfax Rochester (Toby Stephens). Obwohl beide am Tag ihrer ersten Begegnung gegenseitige Seelenverwandtschaft feststellen, tut sich vor allem der eigenbrötlerische und ungehobelt wirkende Rochester schwer, seine Gefühle für ein einfaches und viel zu junges Ding einzugestehen. Außerdem gibt es da noch eine Last im Nordturm, die er nicht über Bord bzw. die Burgzinne werfen kann. Jane hingegen glaubt trotz aller ihrer zur damaligen Zeit erstaunlichen Emanzipation, dass der Herr nur mit ihr spielen will. Schließlich hat er offenbar vor, eine Dame seines Standes, die schöne Blanche Ingram, zu ehelichen. Aber es kommt alles ganz anders... und doch wie erwartet.

Meinung: Es gibt viele Verfilmungen von Jane Eyre, und gewiss auch gute. Ein Beispiel ist die Kino-Version von 2011 mit Mia Wasikowska und Michael Fassbender, die an derselben Location gedreht wurde (Haddon Hall in Derbyshire). Für mich war die BBC-Version die schönste und farbenprächtigste. Das liegt vor allem an Toby Stephens, der mir als Nichtkenner des Buches zum ersten Mal gezeigt hat, dass ein Rochester nicht perfekt aussehen soll (und doch attraktiv ist), und dass er auch ziemlich barsch und unangenehm sein kann, ohne es zu beabsichtigen. Seine Unsicherheit überspielt er mit Zynismus, ironischem Selbsthass  und vorgetäuschter Gleichgültigkeit.





Anders als der stets mitleiderregend leidende Michael Fassbender in derselben Rolle (sorry, der Vergleich muss erlaubt sein) meistert Toby Stephens Rochesters Ambivalenz von hart zu zart mit souveräner Sprunghaftigkeit, und es gelingt ihm dabei sogar, einen Hauch Animalismus zu versprühen, der dem Womanizer Edward Rochester wohl von Charlotte Bronte auf den Leib geschrieben wurde. Dass er mehrere unerfüllte Affären auf den West Indies und in Paris hatte, bei denen er stets der Dumme war, wurde in der züchtigen späteren Kinoversion nur angedeutet.

Apropos züchtig: zwar ist der Mehrteiler bereits ab sechs Jahren freigegeben, doch teilweise geht es für das viktorianische England recht heftig zur Sache. Die Szene, in der Jane nach der geplatzten Hochzeit ins Schlafzimmer flüchtet und Rochester sie bekniet, als Bruder und Schwester am Mittelmeer zusammenzuleben, zeigt deutlich, dass er nicht unbedingt vorhat, seinen edelmütigen  Plan in die Tat umzusetzen. Die Szene mitsamt Beleuchtung, das eindringliche Gesäusel und das engumschlungene (unverheiratete!) Paar auf dem Bett ist an knisternder Erotik kaum zu überbieten... (O; Und trotzdem zeigt sie am deutlichsten, wie ernst es Rochester mit seinem Angebot ist. Für mich war sie die beste im ganzen Film.




Zwei kleine Kritikpunkte habe ich, die sich aber nicht auf mein wohlwollendes Gesamturteil auswirken: die ein wenig kitschige Schluss-Szene mit dem Familienporträt war wichtig für Jane, die als kleines Kind davon ausgeschlossen wurde, aber für meinen Geschmack doch etwas dick aufgetragen. Keine Ahnung, ob sie im Buch eine ebenso wichtige Rolle spielt. Dann wäre sie nämlich zu entschuldigen.

Der zweite Punkt ist gravierender, hat mich glücklicherweise jedoch nicht besonders tangiert, da ich den Film zuerst im Original geguckt habe. Die Synchronisation ist so grauenvoll und holprig, dass ich mich gefragt habe, wie man derart dreist aus dem "drawing room" einen Zeichensaal und aus dem deutschen "Handschuh" einen denglischen "handshoe" machen kann, und das waren die auffälligsten Schnitzer neben mehreren. Dazu gehört auch Rochesters onkelhafte deutsche Stimme, die viel zu alt und gesetzt klang im Vergleich zu Mr. Stephens sexy kehligem Organ. Wer englisch kann, sollte sich den Film unbedingt im Original anschauen!

Bewertung: begeisterte




Dienstag, 1. Januar 2019

Happy New Year (und neues Video)!

Allen meinen Lesern wünsche ich ein erfolgreiches, glückliches und gesundes 2019! 
Ich hoffe, ihr hattet ein tolles 2018 und blickt optimistisch in die Zukunft!


Alexas_Fotos / Pixabay


Mein persönliches Resümeé des vergangenen Jahres ist sehr positiv. Ich habe viele Überraschungen erlebt, die meisten davon schön und unverhofft. Besonders gefreut hat mich der Siegeszug meiner Häkelpüppchen. Als ich vor über drei Jahren damit anfing, hätte ich nie zu träumen gewagt, dass meine Kreationen mittlerweile in vielen Staaten der USA, England und Deutschland zuhause sind.

Ein total beglückendes Gefühl ist es, wenn ich auf sozialen Netzwerken wie Twitter und Facebook erfahre, wie viel Freude die kleinen Kerlchen und Kerlinnen ihren neuen Besitzern bereiten - sogar mit therapeutischer Wirkung. Und ich lerne mit jedem Püppchen neu dazu. Sei das über die Biografie der verlangten Minis oder handwerkliches Geschick. Eine meiner Kundinnen hat mir sogar Kurzwaren zu Weihnachten geschenkt - den ganzen weiten Weg über den Atlantik.

Waren die Püppchen am Anfang eher auf wesentliche Merkmale beschränkt, gehe ich jetzt gern mal ins Detail. Ein super Nebeneffekt ist die Tatsache, dass ich durch die entstehenden Amigurumis auch neue Serien kennenlerne, die mich begeistern, so wie vor kurzem "Versailles". Das fand ich schon sehr cool!





Aufträge nehme ich über meinen Etsy-Shop gerne entgegen (Link oben in der Navigationsleiste).



Samstag, 15. Dezember 2018

"Ausnahmsweise doppelgleisig" kostenloser Download

Für alle Kindle-Besitzer gibt es zum dritten Adventswochenende meinen humorvollen Schutzengelroman statt für € 2,99 zum Preis von € 0,00. Einfach unten auf den Link klicken. Die Aktion läuft bis zum Montag, den 17. Dezember. Ich freue mich über interessierte LeserInnen!

Inhalt und Leseprobe:

Die Ehe des erfolgreichen Unfallchirurgen Branko Schuster steht auf der Kippe; er und seine Frau Annika leben getrennt voneinander, da er jahrelang ein Verhältnis mit der wesentlich jüngeren Krankenschwester Carolin Cremer hatte.
Auf der Beerdigung seiner dreiundachtzigjährigen Mutter sieht er einen Mann bei Annika und der gemeinsamen Tochter Jana stehen, von dem er annimmt, es sei Annikas neuer Lebensgefährte. Doch der Fremde folgt ihm, stellt sich als Seraphin Engel vor und scheint ein wenig wunderlich zu sein. Er redet von einer Aufgabe, die mit Branko zu tun hat und lässt sich durch nichts vertreiben. Branko nimmt ihn vorläufig bei sich auf, weiht jedoch am nächsten Morgen seinen Vorgesetzten Dr. Wolf-Horvath ein, der die psychiatrische Abteilung leitet. Allerdings gibt es keinen Insassen dieses Namens, auch in der näheren Umgebung nicht. Branko nimmt den Fremden wieder mit nach Hause, der sich erstaunlich anhänglich und hilfsbereit zeigt. Er hilft Branko, seinen schwierigen Klinikalltag zu meistern und hat außergewöhnliche Fähigkeiten.
Bald erregt Brankos ständiger Begleiter allgemeine Aufmerksamkeit und stellt nicht nur dessen Leben völlig auf den Kopf… 




Auf der Heimfahrt beruhigte sich Branko; sein Aussetzer war ihm nun peinlich, und er war Seraphin dankbar, dass er so gelassen darauf reagiert hatte. Der saß verzückt neben ihm und beobachtete jeden Handgriff Brankos. Seine Begeisterung fürs Autofahren und das gleichzeitige Versäumnis, es je gelernt zu haben, bewogen Branko dazu, ihn zu einer Probefahrt aufzufordern.
„Was?“ Seraphin fiel aus allen Wolken, als Branko den Wagen rechts an den Straßenrand fuhr und anhielt. „Ich darf ans Steuer?“
„Natürlich! Ich bring’s dir bei, das hab’ ich doch versprochen. In der Stadt fahr’ ich wieder, aber hier herrscht ja so gut wie kein Verkehr. Vielleicht bist du mit Autos auch so ein Naturtalent wie mit Kindern. Wenn du einen Fehler machst, ist das auch nicht tragisch, ich sitz’ ja gleich nebendran und kann eingreifen.“
Sie wechselten die Sitze, und Branko stellte sich auf eine gemächliche Tour mit vielen Getriebevergewaltigungen und Motorabsaufungen ein. Der BMW war sowieso schon alt, er würde sich demnächst einen neuen kaufen. Er war es Seraphin schuldig, ihm seine Freundschaft zu beweisen. „Mit dem linken Pedal gibst Gas, das aber nur ganz vorsichtig antippen für den Anfang. In der Mitte liegt die Bremse, rechts kuppelst... wenn du einen anderen Gang einlegst, verstehst du? Also wenn du langsamer oder schneller fährst. Und wenn du den Zündschlüssel umdrehst, dann ganz vorsichtig mit Gefühl die Kupplung...“
Verdutzt unterbrach er sich. Seraphin wendete den Wagen, fuhr einmal im Kreis und spritzte dann mit hundert Sachen über die Landstraße. Trotz des Tempos fuhr er sicher und völlig unbefangen. „Wahnsinn“, schrie er und johlte vor Freude. „Das ist der Wahnsinn! Nicht so schnell wie früher, aber immerhin.“
„Du bist schon mal Auto gefahren“, argwöhnte Branko, der sich nicht sicher war, ob er in die Euphorie miteinstimmen sollte oder es mit Anfängerglück zu tun hatte.
„Nein!“ beteuerte Seraphin lachend. „Wirklich nicht! Aber es ist eine Mordgaudi! Lass uns das öfter machen!“
Schließlich entspannte sich Branko, der Bursche war tatsächlich ein Genie. So, wie er den Wagen steuerte, würde er sich sogar im Getümmel der Stadt durchbeißen, da hatte er überhaupt keine Zweifel. Es hatte fast den Anschein, als hauche Seraphins Fahrstil dem BMW neue Lebensgeister ein. So geschmeidig war er nicht mal als Neuwagen gelaufen, und Branko kannte sich aus mit Autos.
Dasselbe Vertrauen, als Seraphin die Beruhigungsspritze für den kleinen Buben erbeten hatte, erfüllte ihn. Grenzenloses Vertrauen, in das er sich werfen konnte ohne den rivalisierenden Geltungsdrang, es besser zu können.

Ein Schwertransporter, der Baumstämme geladen hatte, veranlasste Seraphin zu einer gedrosselten Geschwindigkeit. Branko ermahnte ihn eindrücklich, nicht zu überholen. Die Sicht nach vorne war schlecht und der Lieferwagen extrem lang.
„Ooch“, maulte Seraphin und trommelte mit den schlanken Fingern ungeduldig auf das Lenkrad. „Der versaut mir den ganzen Spaß.“ Mehrmals fingierte er ein Überholmanöver, drehte dann aber auf Brankos barschen Befehl wieder in die Mitte der einspurigen Straße.
„Warte bitte“, sagte er. „Vielleicht biegt er ja bei der nächsten Kreuzung ab.“
Plötzlich geschah etwas so unerwartetes, dass sich Branko später kaum daran erinnern konnte. Die Ladefläche des Lkw klappte auf, ein ungesicherter Baumstamm geriet über den anderen ins Rollen und bewegte sich zielstrebig auf sie zu. All das geschah so fix, dass das Auge nicht fähig war, das Gesehene an das Gehirn weiterzuleiten. Trotzdem empfand Branko besagten Sekundenbruchteil wie in Zeitlupe, er starrte entsetzt auf den widerspenstigen Baum, der sich ihrer Windschutzscheibe unaufhaltsam näherte und bildete sich ein, die Altersringe zählen zu können. Gleich würde es krachen und sie beide vor dem lieben Herrgott stehen.
Geistesgegenwärtig schlug Seraphin das Lenkrad ein und bretterte mit hoher Geschwindigkeit über die relativ steile Böschung. Vor Brankos Augen wirbelten Sterne, sein Magen verkrampfte sich und gab den Schweinsbraten wieder her, als das, was eigentlich der Schwerkraft gehorchend unten sein musste und affenartig schnell nach oben schwenkte. Der Wagen überschlug sich über einem Felsbrocken, dopste ein paar Mal über die unebene Erde und blieb dann stehen. Erst da gestattete Branko seinen Sinnen, zu entschwinden.
 

Samstag, 17. November 2018

"Versailles" Serie über den Sonnenkönig Louis XIV

Herumgeschlichen bin ich um "Versailles" ja schon früher - und ich meine nicht damals als Fünfzehnjährige während des Schüleraustausches in Frankreich. Die drei Staffeln umfassende Serie hat mich nach "Turn: Washington's Spies" irgendwie angeschrien, geguckt zu werden. Da ich aber weder besonders frankophil bin noch die Schauspieler kenne, bin ich standhaft geblieben.




Bis ich Ende Oktober den Auftrag erhielt, den Bruder des Königs gemeinsam mit seinem lebenslangen Liebhaber als Püppchen herzustellen. PNs gingen hin und her, und irgendwann schreibt mein Kunde (auch ein Turn-Fan): "You should watch the show. It's so good!"

Empfohlen bekommen, getan. Anfangs eher wenig begeistert, hatte ich mehr Mühe, die ungewohnten französischen Namen zu behalten als der etwas zähen Story zu folgen, die sich vor allem um Hofintrigen und einen zügellosen und geltungssüchtigen Sonnenkönig (George Blagden) in seinen ersten eigenmächtigen Regierungsjahren dreht, in denen er rebellisch sein Schloss außerhalb der Stadt Paris verlegt und seinen gesamten Hofstaat zwingt, mit ihm dort zu leben.






Und plötzlich, nach etwa der Hälfte der ersten Staffel, hat es geklickt. Ich kann nicht genau mal sagen, was es war, das mich zu einem so großen Fan der Serie gemacht hat, dass ich es kaum erwarten kann, bis die dritte und letzte Staffel auf blu-ray erscheint. Die bombastische Anfangssequenz, die tollen Perücken und die üppige Ausstattung sind es wohl nicht, obwohl es unbestreitbar dazugehört. Auch die Geschichte bietet (vorerst) keine Überraschungen oder besonders emotionalen Momente. Aber die Schauspieler sind fantastisch!


"O là là! Très chic! Zut alors! Allons-y!"
 
Nach kurzer Eingewöhnungszeit sind mir besonders das "odd couple" Phillippe und der Chevalier de Lorraine ans Herz gewachsen. Die zwei haben etwas Erfrischendes in ihrem Umgang miteinander, das ich so in einer Serie noch nicht gesehen habe, zumal auf albernes "Rumgetucke" komplett verzichtet wird. Ihre Beziehung erlebt Höhen und Tiefen, die sogar in Duellierversuchen ausartet. Trotz Philippes Homosexualität musste er nach höfischer Etikette nämlich verheiratet sein, was zuweilen sehr am vorgetäuschten Selbstbewusstsein des frivolen Chevaliers nagt. Überhaupt: die Figuren sind nicht immer das, was sie zunächst scheinen. Auch der von sich selbst überzeugte Louis zweifelt tief im Inneren und wird im Lauf der Zeit menschlicher, wenn auch nicht unbedingt sympathisch. Muss aber auch nicht sein. Das wäre vielleicht langweilig. Obwohl - (verkappte) Schurken und vor allem Giftmischer gibt es in Versailles mehr als genug. Und was die wahren Romanzen angeht, so werden sie unter den Höflingen nur dezent angedeutet (außer die von Monsieur und dem Chevalier) oder bleiben unerfüllt. Auch etwas, das ich als Schnulzenbanause sehr schätze. Umso bittersüßer sind dann die ernstgemeinten, die nicht sein dürfen.


"Gemach, Bruder! Nur noch 11 Tage bis zur dritten Staffel."

Gleich nach Turn avanciert "Versailles" zu meiner Lieblingsserie. Ein bisschen grenzwertig empfinde ich die dargestellte Gewalt bei Folterszenen, die von dem stoischen Polizeichef Fabien Marchal (meinem heimlichen Liebling) angewendet wird. Teilweise musste ich weggucken, während mich die traurigen Szenen tatsächlich häufig zu Tränen gerührt haben. Besonders kurios: als Henriette, Philippes erste Frau und Lieblingsmätresse des Königs, mit einer rätselhaften Vergiftung im Sterben liegt und offen ihre Angst vor dem Tod eingesteht, musste ich ein Taschentuch holen, obwohl sie eine der Figuren war, mit der ich die gesamte erste Staffel lang nicht warm wurde. Die Königin dagegen - ein Kind von Traurigkeit trotz heißblütiger spanischer Abstammung - hat irgendwie mein Mitgefühl. Sie ist die einzige, die sich dem dekadenten Treiben auf Versailles bisher hartnäckig verweigert und den Klerus in den abgeschiedenen Palast holt, und das, fürchte ich, wird noch schwerwiegende Konsequenzen haben.


"Ich hab' die Haare schön(er)."

Ich freue mich jedenfalls, die zweite Staffel zu Ende zu sehen und dann Ende des Monats mit der dritten und leider letzten anzufangen. Allerdings habe ich die Erfahrung gemacht, dass geplant abgeschlossene Serien qualitativ meist besser sind als solche, die man bis zur Ödnis ausschlachtet. Eine klare Empfehlung von mir!


Bildquelle: Amazon