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Samstag, 6. Januar 2024

"Menschengeschichten" von Hans Joachim Gelberg / Beltz & Gelberg

  Nachdem mir die 1972er Anthopologie "Geh und spiel mit dem Riesen" schon so gut gefallen hatte, wurde ich auf die beiden Folgebände aufmerksam, für die im Buch hinten geworben wurde. Eines der beiden habe ich nun über Booklooker erstanden. Es heißt "Menschengeschichten" und ist - so scheint es - eigens für mich geschrieben worden. Darum ist es kein Zufall, dass ich auf dem Foto das Covergirl abklatsche. Allein ihre (spekulative) Geschichte im Vorwort des Herausgebers hat mich nachdenklich-nostalgisch gestimmt. Und ganz unter uns, ich bin doch eh so eine. So eine hoffnungslose Nostalgikerin.

Obwohl ich erst angefangen habe mit dem Lesen, weiß ich jetzt schon, dass diese meine Lieblingsanthologie sein wird von den dreien, die ich bisher gesehen habe. Herrlich schräg die Geschichten, originell, witzig und vor allem nostalgisch und manchmal traurig. Man macht sich Gedanken in diesem Buch, die sich jeder einmal macht, die aber irgendwie zu unwichtig sind, um ihnen weiter Beachtung zu schenken oder sie weiterzuverfolgen. Gedanken über Erfahrungen, Zeit und Raum, über die Welt von Kindern und Erwachsenen und wie sie leben, aber vor allem über Menschen allgemein. 

Sehr gefallen hat mir ein Fotovergleich in dem der Fotograf 1945 eine Gruppe Leute ablichtete und dreißig Jahre später per Annonce dieselben Leute dazu aufrief, sich am selben Ort wieder fotografieren zu lassen. Das war unheimlich interessant, denn es waren nur wenige, die dem Ruf nicht folgten oder nicht kommen konnten. Selbst die Namen der Personen und ihre Beziehungen untereinander (sofern vorhanden) wurden festgehalten.

Apropos: viele alte Fotografien beinhaltet dieses Kleinod, oft als eine Art Lebenslauf. Für mich ein gefundenes Fressen. Ich liebe es, mich mit alten Dingen zu befassen, mich zu fragen, welche Geschichte in diesem Gegenstand oder jener Person steckt. Heute kurios anmutende Traueranzeigen von 1899, Hochzeitsbekanntgebungen und die Bedeutung von Parkbänken, all das wird neben vielem anderen unter die Lupe genommen. Irgendwie ist "Menschengeschichten" auch eine Sammlung über die Vergänglichkeit und den Wandel der Zeit, der schon immer spürbar war. Die auf den ersten Blick sinnlosen, aber durchaus reizvollen Geschichten wie im Vorgänger gibt es natürlich auch, etwa die Geschichte vom Mann, der sich durch die Parkprinzessin in einen Storch verwandelte.

Und als kleines Goodie und wie als Bonusmaterial, das die Theamtik unterstreicht, findet man in meiner gebraucht gekauften Ausgabe noch jede Menge gepresster Blumen. Das finde ich sehr charmant, weil auch eine Art Zeitdokument (wer trocknet und presst heute noch Blumen, um sie anschließend in Fotoalben oder Tagebücher - vorausgesetzt, man fotografiert und schreibt noch analog -  zu kleben? Viel zu aufwendig!). 


Vorwort mit Blume

 

Mit über 330 Seiten ist "Menschengeschichten" noch etwas umfangreicher als "Geh und spiel mit dem Riesen." Das freut mich sehr, denn der erste Band war recht schnell gelesen, auch wenn mein Tempo derzeit einer Schnecke zur Ehre gereicht. 

Wie schön, dass es diese Bücher noch gibt und man sie relativ preisgünstig auf Onlineplattformen erwerben kann. Tatsächlich scheint eine ganze Reihe davon erschienen zu sein, die sich "Kinderjahrbuch" nennen dürfen.

Für mich sind diese Anthologien eine echte Entdeckung, die ich selbst Kindern von heute noch ans Herz lege. Vielleicht wirkt die Sprache etwas altmodisch und sperrig, und einiges ist nicht mehr zeitgemäß. Aber gerade das macht den besonderen Reiz aus, zeigt es doch, dass jedes von Menschenhand erschaffene Werk vergänglich und irgendwann auch vergessen ist. Ich konnte zum Beispiel nichts mit Wolfdietrich Schnurres Erinnerungen an seinen Kittel anfangen, der zwar schrecklich und kratzig war, aber eine Bauchtasche vorne hatte, die für seinen Träger das Allerheiligste war und auch vom Rest der Freunde und Familie als solches nicht angerührt wurde. So nahm Herr Schnurre seine Kindheitschätze mit ins Erwachsenenalter. Ich mag solche Geschichten. Klein, fast banal aber bei näherer Betrachtung doch bedeutend und anrührend.

 

 

Wer ebenfalls wie ich nostalgisch angehaucht ist und sich gern mit der Vergangenheit befasst, in der es ihn / sie noch nicht gab - oder einfach mal neugierig ist auf die ungewöhnliche Aufmachung und die Geschichten in diesem Buch, der kann auf verschiedenen Plattformen danach stöbern. Es gibt es auch als handliche Taschenbuchausgabe, aber ich finde, man muss es als großes Hardcover besitzen und genießen. Bei Amazon gibt es derzeit nur die Taschenbuchausgaben, daher empfehle ich, auf Plattformen wie Booklooker danach zu suchen. Es lohnt sich! Als Familienlesebuch ist "Menschengeschichten" nämlich hervorragend geeignet und bietet eine Menge Diskussionsstoff.



Dienstag, 12. Dezember 2023

"Geh und spiel mit dem Riesen" von Hans Joachim Gelberg / Beltz & Gelberg

Mit dem Lesen ist es derzeit nicht weit her bei mir. Alle Aktivitäten, die Konzentration erfordern, fallen mir unglaublich schwer. Ich hätte nicht gedacht, dass es eine Traurigkeit gibt, die weit über das hinausgeht, was ich bisher erfahren habe. Ich hoffe, dass dieser Zustand sich bald bessert und meine gewohnte Tagesenergie zurückkehrt. Auch das fällt mir auf: mein Akku ist recht schnell leer; meist kurz nach dem Mittagessen. Danach wird es zunehmend anstrengender, Dinge zu erledigen wie Einkauf, Haushalt, Arbeit. Jeder Tag gleicht mehr oder weniger dem anderen, und ich bin froh, wenn ich abends die Brille aufsetzen und die Beine von mir strecken kann.

 

 

Umso stolzer bin ich auf mich, dass ich es geschafft habe, den alljährlichen Weihnachtsflohmarkt zu besuchen und dort einen Keramik-Knoblauchtopf und zwei Bücher erstanden habe. Eines davon ist "Geh und spiel mit dem Riesen". Eine echt kuriose und fast anarchistisch anmutende Sammlung von Kurzgeschichten, geschrieben von damals noch jungen Autoren wie Michael Ende, Ilse Kleberger und Otfried Preußler, die als erstes Buch mit dem Kinderliteraturpreis ausgezeichnet wurde. Meines ist tatsächlich die Originalausgabe von 1972, und dafür noch prima in Schuss, sieht man von einzelnen Stockflecken und zerbröselnden Herbstblättern als Lesezeichen mal ab. 

Nach anfänglichen Startschwierigkeiten und "WTF?!"-Momenten gefällt mir die Anthologie nun richtig gut. Jeden Abend lese ich bis zu drei Geschichten und bin erstaunt, wie zeitlos und manchmal modern sie sind. Meist albern zwar, da die Autoren und Autorinnen einfach schreiben sollten, was ihnen in den Kopf kam, ohne pädagogischen Lehrauftrag. Aber gerade darin liegt der Reiz und irgendwie auch der tiefere Sinn. 

Meine Lieblingsgeschichten bisher sind die Titelgeschichte, die von dem kleinen Josef und seinem Traum handelt (nicht der biblische Josef), "Macht nichts" von Michael Ende, der ein riesiges, einsilbiges Kind trifft, das ihn am Ende Kopf und Kragen kostet, und so einige Comics und Fotogeschichten. Letztere finde ich besonders als Zeitdokument interessant. Ich habe aber zugegebenermaßen auch eine kleine Schwäche für die 1970er Jahre... damals gab es natürlich noch keine political correctness, und so bin ich doch ein paar Mal über heute verpönte Begriffe wie "Neger" und "Zigeuner" gestoßen. Gestört haben sie mich nicht, zumal sie in keinem beleidigenden Kontext verwendet wurden, sondern tatsächlich eher Bewunderung ausdrücken.

 Überhaupt war die Zeit vor fünfzig Jahren noch weniger kompliziert, vielleicht sogar naiv; so will es mir zumindest scheinen. Immerhin - von Computern für den Hausgebrauch bzw. das Büro ist schon die Rede. Und vom überarbeiteten Buchhalter Herr Brümmel, der selbst im Privatleben nur noch Zahlen sieht und feststellt, dass sich etwas ändern muss, wenn er noch Freude im Leben haben will. Darum streicht er sein Büro rebellischrot an und feiert seinen Geburtstag, um die kleinen Dinge endlich zu würdigen, die ihm bis dato entgangen waren vor lauter Arbeit. Das mochte ich auch sehr. Und die Zeichnung von Herrn Brümmel hat mich ein bisschen an "unseren" Herr Trapp erinnert. Obwohl der Lehrer werden wollte und nie gearbeitet hat...

Auf seine eigenwillige Art ist "Geh und spiel mit dem Riesen" sicherlich ein Kinderbuchklassiker. Wenn schon nicht inhaltlich, so hat den Titel wahrscheinlich jeder Buchaffine schon gehört. Für heutige Verhältnisse ist das Buch vermutlich ein wenig zu kafkaesk, sprich bizarr und anarchisch, denn verglichen mit Neuerscheinungen für Jugendliche hat es etwas Wildes, Unberechenbares. Zum Nachdenken regt es trotzdem oder gerade deshalb an. 

Ältere, nostalgische Kinder wie ich haben jedenfalls ihren Spaß daran. Viele Bücher, die ich auf jenem Flohmarkt gekauft habe, gebe ich weiter, weil sie entweder nicht meinem Geschmack entsprachen oder ich genau weiß, dass ich sie nicht mehr zur Hand nehmen werde - dieses hier gehört nicht dazu. Größe und Haptik finde ich übrigens auch sehr ansprechend. Ein weiterer Pluspunkt ist der orangefarbene Einband, ein Markenzeichen von Beltz & Gelberg. Ich weiß gar nicht, ob es den Verlag noch gibt, habe jedoch auch noch ein Kinderbuch von Erwin Moser in jenem charakteristischen Einband. Vielleicht sollte ich mir die Abenteuer von Mehli dem Mehlkäfer mal wieder zu Gemüte führen. Ich habe es geliebt. Und Ameise Melonko.