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Montag, 13. April 2026

Kurzgeschichte: Die Nische der Ewigkeit

Inspiriert von einer kleinen Skulptur, die ich bei unserem letzten Friedhofbesuch entdeckt und fotografiert habe, folgt eine kleine Geschichte dazu. Ein bisschen sind Jakob und Elisa auch wie Papa und Mama.

 Die Nische der Ewigkeit

Man nannte sie im Dorf oft nur „die Unzertrennlichen“. Jakob und Elisa waren seit jener regnerischen Herbstnacht im Jahr 1958, als er ihr seinen viel zu großen Mantel auf dem Heimweg vom Erntedankfest anbot, kaum einen Tag getrennt gewesen.
Jakob war ein Mann der leisen Worte und der geschickten Hände. Er war Steinmetz. Elisa hingegen war wie der Sommerwind – immer in Bewegung, immer voller Lieder und kleiner Geschichten. Wenn Jakob im Garten arbeitete, saß Elisa oft auf der kleinen Steinmauer daneben. Sie sprachen nicht viel, aber sie lehnten sich aneinander. Es war, als würden ihre Schultern eine geheime Sprache sprechen, die keine Worte brauchte. „Solange wir uns anlehnen können“, sagte Elisa oft, „fällt keiner von uns um.“
 
 

 
 
Die Jahrzehnte zogen ins Land. Die Haare wurden weiß, die Schritte schwerer. Doch das Anlehnen blieb. Wenn Jakob sich nach einem langen Tag im Sessel niederließ, dauerte es keine Minute, bis Elisa ihren Kopf auf seine Schulter legte. In diesem Kontakt lag alles: die überstandene Krankheit der Kinder, die Sorgen um den Hof, das Glück der ersten Enkelkinder.
 
Als Elisa zuerst ging, fühlte es sich für Jakob an, als hätte man ihm die rechte Seite seines Körpers geraubt. Er war nun ein Stein, der drohte, das Gleichgewicht zu verlieren.
 
Er verbrachte Monate in seiner Werkstatt. Er wollte kein prunkvolles Grabmal mit goldenen Buchstaben. Er wollte das festhalten, was sie im Kern ausmachte. Er goss zwei kleine Figuren aus Bronze – schlicht, ohne Gesichter, fast abstrakt. Er formte sie so, dass die eine ihren Kopf sanft an die Schulter der anderen lehnte. Er gab ihnen keine Beine zum Fortlaufen, sondern einen festen Sockel zum Sitzen.
Er schuf eine Nische in einem dunklen, massiven Granitblock. Dort setzte er sie hinein. Es war ihr kleiner, geschützter Ort. Wenn es regnete, blieben sie trocken. Wenn die Sonne tief stand, warf sie einen warmen Schimmer auf die Patina der Bronze.
 
Einige Jahre später wurde Jakobs Name unter Elisas Namen auf den Stein gesetzt. Doch wer vor dem Grab steht, sieht nicht zuerst die Jahreszahlen. Man sieht die zwei kleinen Figuren.
 
Manchmal, wenn der Wind durch die Friedhofs-Zypressen streicht, sieht es so aus, als würden sie sich noch ein kleines Stück enger aneinanderschmiegen. Sie sitzen dort, in ihrer kleinen Nische der Ewigkeit, und erzählen jedem Passanten die gleiche, stille Geschichte: Dass die Liebe nicht darin besteht, einander anzustarren, sondern gemeinsam den Blick in die Unendlichkeit zu richten – und dabei niemals die Schulter des anderen loszulassen.
 
Bild und Text: Christine Wirth 
 
 

Dienstag, 9. September 2025

An Mama

Vor zwei Jahren war der schlimmste Tag in meinem Leben. Mama ging nach Hause zu Jesus. Ich spreche bis heute nicht von ihrem "Tod" und weigere mich auch, in der Vergangenheitsform von ihr zu erzählen. Weil ich weiß, dass beides nicht zutrifft. Ihr echtes Leben hat mit dem himmlischen Dasein erst begonnen, und die Eigenschaften, die sie hier auf Erden hatte, gehen dort nicht verloren; selbst ihre "Fehler" waren liebenswert und bestimmt keine, die Gott ihr genommen hat: allen voran die Freude am Reden, von der sie sagte, dass es ihre Schwäche sei. Für mich, die ich nicht viel rede, war es eine bewunderswerte Stärke. Denn abgesehen davon, dass ihr nie die Gesprächsthemen ausgingen, konnte sie auch zu einem Unrecht nicht schweigen. Dazu gehört nicht nur Eloquenz, sondern auch Mut. Wo andere sich zurückzogen und lieber den Mund hielten (auch ich), hat Mama sich nie gescheut, ihren aufzumachen.

 


Einige meinen vielleicht, ich würde sie glorifizieren, auch in meinem Buch "Shalom Mamele". Da hörte ich hin und wieder Stimmen, die sie "so nicht gekannt hatten." Andere wiederum sagten mir, dass sie genau so sei und ich sie unglaublich treffend beschrieben habe. Als Tochter, die ich bin, habe ich meinen Eindruck von ihr mir gegenüber gegeben, und der war immer positiv und schön. Ich bin voller Dankbarkeit, dass ich so tolle Eltern habe. 💕💕💕 Das einzige Negative, das mir einfällt, war der Arrest in der Besenkammer, als ich etwa fünf oder sechs Jahre alt war. Ich muss sie da schon sehr genervt haben, und es tat ihr hinterher auch leid. Einmal habe ich sie darauf angesprochen, viele Jahre später. Sie konnte sich nicht mehr daran erinnern... Immer war sie da für mich, teilte Freude und Sorgen und half, wann und wo immer man sie darum bat. 

Ich denke, man glaubt mir deshalb oft nicht, weil es Menschen wie sie nicht viele gibt. Menschen mit unsichtbaren Flügeln schon auf der Erde. Sie ließ mich meine eigenen Schlachten kämpfen, doch wenn ich nicht mehr weiterwusste, war sie zur Stelle. Zuverlässig, voller Liebe und Wärme. Wobei ihr wichtig war, meine Eigenständigkeit zu respektieren. 

 


 

Ich würde mir wünschen, dass einiges, was ich über sie schrieb und noch schreibe, von ihr gelesen werden könnte. Dass sie es auf irgendeine Weise erfährt, wie wertvoll sie mir ist als Mama, und vor allem als Freundin, die sie uns Kindern immer sein wollte und auch war. Dass ich sie so sehr liebe und sie nicht vergessen möchte, ihre Stimme, ihren Duft, ihre Berührungen. Ich träume selten von ihr (schade!), aber wenn, dann sind es Träume, die mir Mut machen, weil wir wieder zusammen sind, ganz selbstverständlich. Zum Beispiel unterwegs in den Urlaub. Ohne ein "Bis wir uns wiedersehen!" - obwohl auch das schön wäre und ich die in meiner Trauergruppe ein bisschen beneide, die "eindeutige" Zeichen erhalten.

Die letzten Wochen waren für uns als Familie kräftezehrend und ein Alptraum. Bis heute können wir nicht darüber sprechen, ohne zu weinen. Bilder und Situationen bleiben im Kopf, und manchmal scheinen sie uns zu überwältigen. Die Ohnmacht und Hilflosigkeit, die wir dem Krankenhaus gegenüber fühlten in der Zeit, kann man schlecht erklären. Warum es so war, ist uns ein Rätsel. Antworten bekommen wir in dieser Welt vermutlich nicht mehr. Darum spielt Akzeptanz eine große Rolle, und die anzunehmen, ist nach dem, was passiert ist, schwer. Wir hatten es immer gut als Familie. Selbst durch Krisen gingen wir - wenn schon nicht gestärkt, dann doch um eine Erfahrung reicher. Auf diese hätten wir gern verzichtet. Mama fehlt, und das wird hier nie aufhören. 

 



So schön wie es auf dieser Welt sein kann (wir haben es erlebt), ist mir doch klar, dass es etwas jenseits davon gibt, ein Ort, zu dem Mama uns vorausgegangen ist und in dem es so schön ist, dass wir Menschen uns den Himmel nicht vorstellen können, bis wir eines Tages selbst ankommen. Und irgendwie passt das trotz aller quälenden Fragen: Sie war uns häufig um eine Nasenlänge voraus, egal, um was es sich handelte.
 

 

 

 

 

Freitag, 18. Oktober 2024

Warum spricht niemand über Mama?

 Mein Leben hat sich verändert ohne Mama. Kein Zweifel, nicht zum Besseren. Ich bin oft sehr traurig, und oft weine ich auch. Sie fehlt mir unendlich. Viel mehr, als ich es mir je hätte vorstellen können, habe ich mich doch nie als "Mama-Kind" betrachtet. 


Demnächst auch als Hörbuch.

 

Sie war / ist mir viel mehr als Mama. Als es mir aufgrund meiner Depression so schlecht ging, wollte sie meine Freundin sein. Und das ist sie. Je länger sie fehlt, desto mehr wird mir bewusst, wie wertvoll nicht nur ihre Liebe und Fürsorge waren, sondern auch ihr Wissen in ganzheitlicher Naturmedizin. Mit dem sie letztendlich dem Grund meiner Depression auf die Schliche kam. 

Ihr Lachen, das oft so laut war, dass man es im Nachbarhaus hören konnte. Und ihr Talent, mit Menschen umzugehen. Neugierig und offen zu sein für andere, ihre jeweiligen Geschichten und Nöte. Sie hat das Leben so vieler Leute berührt, und wenn es nur war, um sich gut mit ihr zu unterhalten. Ihre Offenheit hat sie mit vielen verschiedenen Frauen und Männern zusammengebracht. Ihr Witz und ihr Humor waren besonders. Wenn man in geselliger Runde saß, konnte man sich auf Mama als anpassungsfähige Gesprächspartnerin verlassen. Auch, weil sie an allem interessiert war, was man ihr erzählte, seien das geistliche Dinge oder die Schwärmerei für einen Popstar. Tatsächlich hat sie es nie abgelehnt, sich mit meinen albernen Teenagersorgen zu befassen. Oder Anrufe entgegenzunehmen von Menschen, die fünfmal am Tag mit ihr sprechen wollten, weil sie alleine nicht weiter wussten. Ihre Sensibilität hat möglicherweise mit dazu beigetragen, dass sie irgendwann überfordert war. Doch es war ihr nie zuwider, anderen zu helfen und sie anzuhören. Außerdem verfügt sie durch ihren Glauben an Jesus über eine große Anziehungskraft, die unser Haus zum Leuchten gebracht hat.

 

Auf unserer Terrasse im Rittersbruch
 

Umso mehr schmerzt es mich, dass fast niemand aus unserem Bekannten- und Verwandtenkreis mit uns über sie spricht. Es ist, als würde man es vermeiden. Oder als hätte man sie vergessen. Verstehen kann ich das nicht. Sie war kein unauffälliges Mäuschen, das zwar lieb, aber ansonsten nicht weiter erwähnenswert gewesen wäre. Im Gegenteil. Für viele war sie unbequem mit ihren Überzeugungen und ihrer Meinung. Aber nie feindselig oder unversöhnlich. Und für noch viel mehr war sie eine helfende Hand, für manche sogar ein Engel.

Oder fürchtet man, wir könnten davon emotional überwältigt werden? Ich würde mich freuen, wenn jemand mal über Mama sprechen würde. Nette Erinnerungen mit uns teilen. Neulich war eine ihrer Freundinnen zu Besuch, mit der sie oft telefoniert hatte. Sie erzählte meiner Schwester, dass sie manchmal weint, wenn sie an Mama denkt, weil sie ihr so sehr fehlt. Dass sie sich oft fragt, was Mama ihr in ihrer aktuellen Situation geraten hätte. Und ehrlich, das hat gut getan! Selbst wenn es die Freundin traurig macht, zeigt es doch, dass sie ihr wichtig ist. Mama sagte irgendwann im letzten Jahr zu Nicole: "Was bleibt denn von mir, wenn ich mal nicht mehr hier bin?" Sie hat viel hinterlassen, ihre Aufzeichnungen, ihre Bücher über Gott und über Naturheilkunde. Das, was sie uns als ihren Töchtern weitergegeben hat. Aber am allerwichtigsten ist das liebevolle Angedenken, das ich bei unseren Freunden und Verwandten irgendwie vermisse. 

 

Im Art-Café, Dezember 2022

Allerdings: noch viel wichtiger ist ihr Platz im Himmel, und den hat sie sicher, das weiß ich. Ein Platz in meinem Herzen wird sie immer haben. Und durch mein Buch, das demnächst auch als Hörbuch erscheint, können sie viele weitere Menschen kennenlernen und lesen / hören, was für eine besondere Mama sie ist. Wer sie dann nicht ins Herz schließt, dem kann ich auch nicht helfen...


Samstag, 11. September 2021

Zwanzig Jahre 9/11. Der 11. September 2001

 Vor ein paar Jahren habe ich bereits einen Artikel zum Thema geschrieben, in dem ich berichtet habe, was ich zu der Zeit gemacht habe und ich mich so plastisch daran erinnere, als wäre es erst gewesen. Vielen, die damals schon alt genug waren, geht das so, wenn nicht allen. Regelmäßig an diesem Tag hört und liest man die Frage "Wie habt ihr den 11. September erlebt?" Die Welt schien in dem Moment stillzustehen oder unterzugehen. Irgendwie tat sie das auch. Die Welt, wie ich sie kannte, war nach dem Einsturz der Twin Towers in New York nicht mehr diesselbe.




Die Nachwirkungen (die bis heute spürbar sind), haben wir vor allem als Einzelhandelsgeschäft erfahren. Lange wollten wir es nicht wahrhaben, bis wir 2013 dann einen radikalen Schluss-Strich zogen und den Laden zumachten. Ich träume manchmal übrigens immer noch davon, hinter der Theke zu stehen und die Kunden zu beraten, die im Traum in Scharen kommen.

 Aber auch privat und in Punkto Sicherheit hat sich einiges geändert. Mir kommt es vor, als sei man nicht mehr so unbeschwert wie vor dem 11. September. Und als sei das mittlerweise akzeptiert und normal geworden. Vielleicht ist das nur mein persönlicher Eindruck und altersbedingt (ich war damals noch jung), doch unbestritten ist, dass Veränderungen eingetreten sind - nach meiner Meinung keine positiven. An Verschwörungstheorien, die immer noch hartnäckig aufrechterhalten werden, glaube ich nicht. Es war ein perfides Verbrechen, das begangen wurde an unschuldigen, nichtsahnenden Menschen. An Helden wie den Rettungskräften und den beherzten Passagieren, die verhinderten, dass die Terroristen mit der Flugmaschine ins Pentagon einschlugen und die dabei ihr Leben ließen.

Was es alles bedeutet hat, wurde mir erst ziemlich viel später klar. Politisch und wirtschaftlich hat der Anschlag einen Riss in die Welt getrieben. Unruhe gestiftet, die es zwar schon immer gab zwischen Völkern, die aber jeden betraf / betrifft, der Augen und Ohren offenhält. Der 11. September war der Wendepunkt zu einer Entwicklung, die demokratische Rechte und die Grundsätze der westlichen Welt mit Füßen tritt. Darum sprießen nun Stilblüten im gesellschaftlichen Miteinander, die teilweise überflüssig sind und das, was man "Luxusprobleme" nennt. So sehe ich es zumindest. 

Mir hat die alte Skyline mit dem World Trade Center von Manhattan übrigens besser gefallen als Ground Zero. Auch deswegen, weil ich im Internet kaum mehr Fotos gefunden habe, die ich für meinen New York-Roman hätte verwenden können, der Mitte der 1990er angesiedelt ist.



Montag, 16. Dezember 2013

Abschied von Peter O'Toole (1932 - 2013)

Als ich gestern von Peter O'Tooles unerwartetem Tod im Videotext erfuhr, hat mich das schon getroffen. Ich kann mich jetzt nicht als ausgesprochenen Fan bezeichnen, aber es gab eine Phase, in der ich mich ausführlich mit dem irischen Schauspieler befasst und auch viele seiner Filme angeschaut habe.




Lawrence von Arabien besitze ich immer noch auf DVD und würde den Film nie hergeben. Obwohl ich der über dreistündigen Handlung nie so ganz folgen konnte, fand ich die epische Musik, die atemberaubenden Landschaftsaufnahmen der Wüste und besonders Peter O'Toole / Lawrence einfach unwiderstehlich und gigantisch gut. Wie blau seine Augen waren, und wie golden sein Haar! Dazu das Draufgängertum, in dem er Errol Flynn nicht unähnlich war (eine Persiflage an ihn folgt 1982 in der Klamotte "My favourite Year" - auch heißgeliebt von mir in meiner Peter O'Toole-Phase).

Irgendwie macht es mich immer ein bisschen traurig, wenn alte Hollywood-Größen gehen. Sie wachsen halt nicht nach. Schauspieler mit dem Charisma eines O'Toole, Errol Flynn, Gene Kelly oder Gregory Peck findet man heutzutage nur noch vereinzelt, wenn überhaupt.

Auch die Geschichten, die die alte Garde der Schauspielrecken zu erzählen hatte, suchen wohl ihresgleichen. Peter O'Tooles Biografie zu lesen war für mich unterhaltsamer als jeder Abenteuerroman, auch wenn vielleicht einiges dazugedichtet wurde oder man im Lauf der Zeit Dinge verklärter oder dramatischer sieht, je nachdem, wie man sie sehen will.

Anfang des letzten Jahrhunderts aufzuwachsen, hat die Leute doch sehr geprägt. Es gab viele Verbote und Gebote, die man heute als lächerlich empfindet. Hängengeblieben ist bei mir, dass Peter O'Toole ein umerzogener Linkshänder war - man bezeichnete die linke Hand als die böse Hand - und aus diesem Grund bis ins Teenageralter im Schlaf das Bett nassgemacht hat. Aber selbst solche Geschichten beschreibt er mit einem Augenzwinkern. Okay, er hatte sicher auch dunkle Seiten - das Trinken war wohl eine davon. Was eben ein waschechter Ire ist...

Es hat mir trotzdem leid getan. Mit 81 Jahren ist man heute noch nicht wirklich alt oder lebenssatt. Peter O'Toole, der letztes Jahr seinen Abschied von der Theaterbühne bekannt gegeben hat, war es offenbar. "Ich habe die Leidenschaft verloren" soll er gesagt haben, und wenn ich ehrlich bin, ist das so ungefähr der traurigste Grund, um abzutreten. Verständlich zwar, aber wer sagt denn, dass sie nicht wiederkommen kann, die Leidenschaft?

ChinChin, Peter O'Toole. Du warst einer der Größten!

P.S. : Ich warte auf ein Biopic mit Tom Hiddleston in der Hauptrolle! (O;




 


Freitag, 8. November 2013

Schmerzlicher Blick in die Vergangenheit



 

In meiner Stadt gab es bis zum Jahr 1938 reges jüdisches Leben. Damals war sie noch kleiner als heute, doch sogar die noch kleineren Nachbarsorte hatten ihre eigenen Synagogen - ein jüdischer Friedhof findet sich ebenfalls nicht weit entfernt, der allerdings nur noch in Bruchstücken bzw. stark verwitterten Grabmälern vorhanden ist.

Demnächst jährt sich wieder die unselige Kristallnacht, die dafür sorgte, dass alles, was die Gemeinden an Kultur und Wissen durch die jüdischen Mitbürger bereicherte, buchstäblich über Nacht verschwand. Nicht nur war das ein düsteres Kapitel unserer jüngsten Geschichte; es hat Deutschland unleugbar ärmer an Vielfalt gemacht. 





 

Ich war auf dem Synagogenplatz, um Fotos zu machen, weil ich es wichtig finde, dass man nie vergisst, welches Verbrechen an der Menschheit hier begangen wurde - blind und taub gegen jede Form von Nächstenliebe, Zivilcourage  und Vernunft. Da ich selbst mich dem Judentum sehr verbunden fühle, war es emotional nicht leicht, mir den Schrecken zu vergegenwärtigen, den die Leute empfunden haben mussten, als sie Zeuge davon wurden, wie ihre Gotteshäuser in Flammen aufgingen. In allen betroffenen Städten stand damals ironischerweise die Feuerwehr einsatzbereit neben den niederbrennenden Synagogen, um das Überspringen des Feuers auf benachbarte *arische* Grundstücke zu verhindern.

Heute stehen auf dem Platz Bürogebäude, ein Friseurgeschäft und heruntergekommene Asylantenwohnblocks. Die Überbleibsel dessen, was ihn über ein Jahrhundert ausgemacht und sich bis vor fünfundsiebzig Jahren wie selbstverständlich ins Stadtbild eingefügt hat, wirkt jetzt beinahe exotisch. Mich hat das sehr nachdenklich und traurig gestimmt.




 

Irgendwie gab es mir Trost, dass die Gedenktafel darauf hinwies, dass sich die Gemeinde mit Beschämung und Trauer an diese Zeit erinnert. Und dass in größeren Städten Synagogen wieder aufgebaut wurden und werden. Schade nur, dass wir wohl nie wieder die Selbstverständlichkeit erreichen, friedlich und ohne Misstrauen und Vorurteile Seite an Seite zu leben.



Mittwoch, 11. September 2013

Jahrestag ~ World Trade Center Anschlag

Vermutlich wissen die meisten noch, was sie gerade gemacht haben oder wo sie waren, als sie vom dem furchtbaren Anschlag auf das World Trade Center in New York erfuhren - die deutlichste Kriegserklärung des Islamismus an die westliche Welt.





Ich habe damals gerade im Lager unseres Ladens Naturbast in Bündeln abgepackt - nicht gerade die dankbarste Arbeit. Eine Kollegin kam herein und sagte in alarmierendem Ton: "Weißt du, was mir Kunde X gerade erzählt hat?"

 Zuerst musste ich ernsthaft nachdenken, welches Datum wir hatten, da ich an einen Aprilscherz geglaubt hatte. Schon komisch. Doch als ich im Verkaufsraum war, waren bereits hitzige Diskussionen und Spekulationen im Gang - das zweite Flugzeug war, wenn ich mich recht erinnere - noch nicht eingeschlagen. Und trotzdem schien man schon zu ahnen, welche Konsequenzen der Anschlag nach sich ziehen würde.

Ich dachte beklommen an die vielen Menschen, die im World Trade Center arbeiten und an die Insassen des Flugzeugs und wie schrecklich das alles war - um zu bedenken, welche weltweite Bedrohung der Vorfall darstellte, dazu war ich politisch noch zu unbedarft. Zumindest in dem Augenblick.

Zuhause ließ ich bewusst den Fernseher aus. Was aber nicht viel gebracht hat: man hörte es überall, die Hiobsbotschaft von den ins World Trade Center crashenden Flugzeugen, die Flugzeugentführung zum Pentagon, bei der es ebenfalls viele Todesopfer zu beklagen gab. Tagelang. So lange und ausdauernd, dass ich irgendwann doch den TV eingeschaltet habe.

Besonders schlimm und tragisch hat sich mir die Szene der freiwillig aus dem Gebäude springenden Menschen eingeprägt und das verzweifelte Winken mit Tüchern, um die Rettungskräfte auf sich aufmerksam zu machen. Dass die Amateurvideos und Stimmaufnahmen mit Enyas "Only Time" unterlegt wurden, hat es nicht erträglicher gemacht (und ich kann die Künstlerin verstehen, dass sie deswegen "sauer" ist - auch wenn der Song Mut gibt und es das war, war gerade gebraucht wurde. Dennoch assoziiert seitdem jeder, der alt genug ist oder nicht hinterm Mond lebt, dieses schöne Lied mit dem schrecklichen Ereignis).




Und tatsächlich hat der gewaltsame und unerwartete Fall der Symbole der westlichen Welt zumindest nach meiner Meinung einen Zeitenwechsel eingeläutet. Nicht der viel verabscheute Euro, nicht das Millenium. Es war der Einsturz der Twin Towers. Danach war nichts mehr wie vorher. Weil wir gemerkt haben, dass westliche Werte nicht unangreifbar sind. Dass es Menschen gibt, die soviel Hass darauf schüren, dass ihnen ihr eigenes Leben und tausende andere völlig egal sind, wenn sie nur auf ihr Ziel hinarbeiten, westliche Ideale zu zerstören.

Heute jährt er sich der Angriff zum zwölften Mal. Ich möchte nicht monieren oder philosophieren, aber doch an die vielen Opfer erinnern, die so sinnlos am 11. September 2001 starben. Und beten und hoffen, dass etwas Vergleichbares nie wieder passiert.

Bildquelle: FrankWinkler / Pixabay

 

 

Dienstag, 20. August 2013

Oma Dorle

Meine Oma mütterlicherseits hat heute Todestag. Sie ist nicht alt geworden - gerade mal Anfang 60, und schon länger nicht mehr da als mein halbes Leben. Und trotzdem habe ich noch lebhafte und gute und schöne Erinnerungen an sie - in den letzten Jahren leider nicht mehr, als sie schon von ihrer Krankheit, Schmerzen und Medikamenten gezeichnet war. Leider habe ich sie dann auch nicht mehr häufig besucht; etwas, das mir heute ein bisschen wehtut.

 

Oma macht Party

 

 Ich habe sie gern in Erinnerung, wie sie vorher war: Warm und weich und nach Kernseife duftend und so richtig zum Anlehnen und Reinfallen-lassen, wenn man Kummer oder sich das Knie aufgeschrammt hatte. Zu meiner Zeit waren das die Omas noch, weich und altmodisch, mit Kittelschürze und Brille und gern auch mit mehr auf den Rippen als notwendig. Ich komme mir gerade richtig alt vor, wenn ich bedenke, wie die Großmütter heute aussehen - wenn sie sich überhaupt "Oma" nennen lassen.

Nicht nur im Aussehen war meine Oma Dorle eine Wolke. Als gelernte Hauswirtschafterin war sie unübertroffen und gnadenlos perfekt im Handarbeiten, Putzen, Kochen, Backen und Ordnung halten. Ihre Mittwochvormittage, in denen sie bei uns zuhause mein Zimmer blitzblank geputzt hat, waren immer heiß ersehnt von mir.^^  Wenn ich von der Schule kam, wusste ich schon in wohliger Vorfreude, dass ich mal wieder eine ganz neues Raumgefühl erleben würde. Auch, wenn ich mittlerweile weiß, dass meine Mama häufig darunter gelitten hat, ihren Gutsherrenanforderungen nicht gerecht geworden zu sein.

Von ihrer Kochkunst und der Küche will ich gar nicht reden, und tu' es jetzt doch: ihre selbstgeschabten Spätzle und der Sauerbraten mit Endiviensalat (mit Vorliebe von uns in die Bratensoße getunkt) lassen mir heute noch das Wasser im Mund zusammenlaufen. Bei Familienfeiern musste dieses Gericht unbedingt auf den Tisch. Speziell für mich hat sie öfter Griesknöpflen gebacken, weil das nicht jeder mochte - und auch daran denke ich mit Wehmut. Weil, egal, woher man das Rezept bekommt oder wer es zubereitet: so wie bei Oma schmeckt's nie mehr.

 

Sauerbraten und Spätzle à la Oma

 

 Schade, dass ich beide Omas recht früh verloren habe. Vor kurzem starb die Mutter meiner angeheirateten Tante mit 91 Jahren, die für mich irgendwie ein kleiner Oma-Ersatz war. Wir haben uns nicht oft gesehen, aber sie war so nett, gewitzt, unternehmungslustig und fit bis ins hohe Alter, und zudem so, wie ich mir eine Oma vorstelle. Irgendwie ein bisschen traurig, dass es die Kittelschürzen-Generation wohl bald nicht mehr geben wird.


Donnerstag, 18. April 2013

Faszination Erster Weltkrieg

Viele der Geschichten in meinen Romanen haben den Ersten Weltkrieg zum Thema. Nicht vordergründig, denn ich bin kein Fan von blutigen, sinnlosen Gemetzeln, auch wenn ich zuweilen in Rückblenden literarische Abstecher auf die Schlachtfelder in Flandern und Frankreich mache und durch entsprechende Filme und Bücher den Hauch einer Ahnung habe, wie furchtbar das gewesen sein muss. Doch die Zeit und die psychischen und politischen Nachwirkungen auf Land und Leute faszinieren mich mehr. Besonders im Vereinigten Königreich, wo dieser Krieg als "The Great War" Einzug in die Geschichtsbücher gefunden hat, kam es zu Umwälzungen und Veränderungen: die glorreiche viktorianische Epoche gehörte endgültig der Vergangenheit an, und die Verluste, die England erlitten hatte, waren durch die Giftgasangriffe höher als je zuvor in einem Krieg. Noch heute gilt der "Great War" in England als beinahe verheerender und denkwürdiger als der folgende in den 1940er Jahren.




Aber auch persönlich bin ich davon ein wenig betroffen. Mein Ur-Großvater väterlicherseits fiel kurz vor Kriegsende nahe Verdun, gilt aber offiziell als verschollen. Keiner weiß genau, wo er begraben liegt - man nimmt an, dass ihn eine Granate Bein und Arm gekostet hat und er verblutet ist.

Das Einzige, das sich heute noch als Erinnerung an ihn im Familienbesitz befindet, ist sein imposanter Regiments-Bierkrug - mit vom Zahn der Zeit abgebrochenem Adler und symbolisch eingeschlagenem Boden als Zeichen dafür, dass der Soldat in Ehren fürs Vaterland  gestorben ist und kein anderer je aus dem Gefäß trinken darf (eine zweifelhafte Ehre, aber naja, so war die Zeit). Bis vor kurzem dachte ich, er wäre unabsichtlich beschädigt worden.

Meine Oma - ein kleines Mädchen noch beim Abschied des Vaters - kam nie wirklich über seinen Tod hinweg. Sie war das einzige Kind ihrer Eltern und hat ihn sehr geliebt.  Ich habe ihr einmal das Chanson "Sag mir wo die Blumen sind?" kindlich ahnungslos vorgesungen, weil mir die Melodie so gut gefallen hat, und werde nie vergessen, dass sie anfing zu weinen. Für mich war das ein großer Schock. Ich kannte meine Oma nur lachend und lustig, selbstironsch oft, aber traurig habe ich sie vorher und nachher nie wieder erlebt, und ich habe mich schrecklich geschämt, dass ich der Auslöser dafür war - auch wenn ich nichts dafür konnte.

Meine Cousins haben ihr häufig angeboten, in die Champagne zu fahren, um das Soldatengrab ausfindig zu machen. Aber sie hat stets abgelehnt. Lieber hat sie im Alter von über siebzig mit dem Freund ihres Sohnes (mein Papa) eine spontane Segelfliegertour gemacht.




Ich selbst war im Rahmen eines Schüleraustausches bei Paris in der Gegend und auch in Verdun und der Gedenkstätte Douaumont, doch die Zeit war zu knapp, um die riesigen Friedhoffelder abzugrasen in der Hoffnung, den Namen meines Urgroßvaters dort zu entdecken. Vielleicht hätte es meine Oma doch getröstet, ein Foto zu sehen, auf dem seine letzte Ruhestätte verewigt ist - wenn es sie denn überhaupt gibt. Viele Soldaten wurden anonym bestattet.

Der Spruch Zeit heilt alle Wunden traf nicht auf meine Oma zu, zumindest nicht, was den Tod ihres Vaters anging. Und irgendwie kann ich das verstehen. Aber ich habe nie gemerkt, dass sie deswegen bitter gewesen wäre; etwas, das ich an meiner Oma sehr bewundere.




Mittwoch, 23. Januar 2013

In Gedenken

Eigentlich könnte dieser Eintrag für viele - besonders Nicht-Tierbesitzer - albern sein, darum schreibe ich ihn für mich selbst in Gedenken an meinen wundervollen, süßen, unnachahmlichen Kater "Bärle / Hoschi / Hoboken / Joggele / Hosenmann / der große Bauer" Joschi, der sich heute vor einem Jahr von uns verabschiedet hat.

Er fehlt mir immer noch sehr, gemeinsam mit den kleinen Ritualen, die im Umgang mit ihm meinen Alltag aufgehellt haben. Inzwischen überwiegen die guten und schönen Erinnerungen an ihn und nicht die trostlose Traurigkeit über die Lücke, die nicht mehr gefüllt werden kann. Mein Joschi war wirklich special. Ein Geschenk. Richtig toll. Jeder sagt das über "sein" Tier, und mit Recht.


Joschi im November 2011


Ich hatte nie Ärger mit ihm, dafür viele unvergessene Jahre, die einen Großteil meines Lebens ausgemacht haben. Wenn ich über ihn schreibe und daran denke, klopft mir das Herz. Kein anderer Kater, sollte ich je wieder einen haben, wird mich umklammern wie er und mir (und nur mir (O;) mit seiner rauen Zunge den Hals abschlecken. Einmal war er nachts versehentlich eingesperrt und sein Katzenklo nicht in Reichweite - da hat er sich zu helfen gewusst und bauernschlau in die Dusche gemacht, wo seine Hinterlassenschaft schnell und problemlos entsorgt werden konnte. Nie hat er irgendetwas kaputt gemacht oder zerbrochen (man hört ja allerhand chaotisch-berüchtigte Geschichten mit Katzen und Porzellanvasen respektive Christbäumen), und es war doch nie langweilig mit ihm.

Seine liebenswerten Eigenheiten und Macken haben ihm Charakter verliehen, aber er war vor allem gutmütig, verschmust und sehr zuvorkommend und geduldig gegenüber "seinen" Menschen und kleinen Kindern, die mit ihm spielen wollten und ihn dabei derber anfassten, als er es gewohnt war. Ein Katzen-Gentleman vom Schnurrhaar bis zum schwarzen Fußballen. Gegenüber Fremden ein wenig misstrauisch, aber das war uns ganz recht. Immerhin mussten wir zwei Jahre von den insgesamt zweiundzwanzig ohne ihn sein. Seine abenteuerliche Geschichte gibt es hier: Mein Kater Joschi.

Auf seinem kleinen, mit Steinen abgesteckten Grab im Garten unter der Linde haben bis vor kurzem Stiefmütterchen geblüht. Zuerst wollte ich kein *sichtbares* Grab für ihn (er ist ohnehin nicht mehr dort, sondern zusammen mit seinem Kumpel im Katzenhimmel), aber jetzt gibt mir die Bepflanzung und Pflege doch ein wenig Trost. Und irgendwann, da bin ich mir sicher, sehen wir uns wieder.