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Montag, 13. April 2026

Kurzgeschichte: Die Nische der Ewigkeit

Inspiriert von einer kleinen Skulptur, die ich bei unserem letzten Friedhofbesuch entdeckt und fotografiert habe, folgt eine kleine Geschichte dazu. Ein bisschen sind Jakob und Elisa auch wie Papa und Mama.

 Die Nische der Ewigkeit

Man nannte sie im Dorf oft nur „die Unzertrennlichen“. Jakob und Elisa waren seit jener regnerischen Herbstnacht im Jahr 1958, als er ihr seinen viel zu großen Mantel auf dem Heimweg vom Erntedankfest anbot, kaum einen Tag getrennt gewesen.
Jakob war ein Mann der leisen Worte und der geschickten Hände. Er war Steinmetz. Elisa hingegen war wie der Sommerwind – immer in Bewegung, immer voller Lieder und kleiner Geschichten. Wenn Jakob im Garten arbeitete, saß Elisa oft auf der kleinen Steinmauer daneben. Sie sprachen nicht viel, aber sie lehnten sich aneinander. Es war, als würden ihre Schultern eine geheime Sprache sprechen, die keine Worte brauchte. „Solange wir uns anlehnen können“, sagte Elisa oft, „fällt keiner von uns um.“
 
 

 
 
Die Jahrzehnte zogen ins Land. Die Haare wurden weiß, die Schritte schwerer. Doch das Anlehnen blieb. Wenn Jakob sich nach einem langen Tag im Sessel niederließ, dauerte es keine Minute, bis Elisa ihren Kopf auf seine Schulter legte. In diesem Kontakt lag alles: die überstandene Krankheit der Kinder, die Sorgen um den Hof, das Glück der ersten Enkelkinder.
 
Als Elisa zuerst ging, fühlte es sich für Jakob an, als hätte man ihm die rechte Seite seines Körpers geraubt. Er war nun ein Stein, der drohte, das Gleichgewicht zu verlieren.
 
Er verbrachte Monate in seiner Werkstatt. Er wollte kein prunkvolles Grabmal mit goldenen Buchstaben. Er wollte das festhalten, was sie im Kern ausmachte. Er goss zwei kleine Figuren aus Bronze – schlicht, ohne Gesichter, fast abstrakt. Er formte sie so, dass die eine ihren Kopf sanft an die Schulter der anderen lehnte. Er gab ihnen keine Beine zum Fortlaufen, sondern einen festen Sockel zum Sitzen.
Er schuf eine Nische in einem dunklen, massiven Granitblock. Dort setzte er sie hinein. Es war ihr kleiner, geschützter Ort. Wenn es regnete, blieben sie trocken. Wenn die Sonne tief stand, warf sie einen warmen Schimmer auf die Patina der Bronze.
 
Einige Jahre später wurde Jakobs Name unter Elisas Namen auf den Stein gesetzt. Doch wer vor dem Grab steht, sieht nicht zuerst die Jahreszahlen. Man sieht die zwei kleinen Figuren.
 
Manchmal, wenn der Wind durch die Friedhofs-Zypressen streicht, sieht es so aus, als würden sie sich noch ein kleines Stück enger aneinanderschmiegen. Sie sitzen dort, in ihrer kleinen Nische der Ewigkeit, und erzählen jedem Passanten die gleiche, stille Geschichte: Dass die Liebe nicht darin besteht, einander anzustarren, sondern gemeinsam den Blick in die Unendlichkeit zu richten – und dabei niemals die Schulter des anderen loszulassen.
 
Bild und Text: Christine Wirth 
 
 

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