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Mittwoch, 24. März 2021

Mein Lese-Highlight der letzten Jahre: "Haus der Schatten" von S.Y. Blank

 Nach einiger Überlegung habe ich mich entschlossen, mein derzeit absolutes Lieblingsbuch vorzustellen, das ich bereits kurz nach dessen Erscheinen im Jahr 2016 auf Amazon rezensiert habe, nicht aber auf meinem Blog. Dabei hat die ungewöhnlich berührende, aufregende und buchstäblich magische Geschichte es verdient, weiterverbreitet zu werden und anspruchsvolle Leser und Leserinnen zu unterhalten, ihnen Gänsehaut zu bescheren und sich in Cumberland Ende des 19. Jahrhunderts mit dem jungen Protagonisten Giles zu verlieren und zu gruseln. Leider gibt es solche Bücher viel zu wenig, wobei es sicher auch schwierig ist, eine ähnlich atmosphärische und vielschichtige Lektüre vor allem unter Neuerscheinungen zu finden. 

Hier kommt also meine Rezension. Schaut euch die weiteren, sehr ausführlichen auf Amazon an und dann nichts wie ab nach Marmond House! Allerdings möchte ich hier auch eine kleine Warnung aussprechen. Für allzu zartbesaitete Gemüter/innen (hehe!) ist "Haus der Schatten" in mehrerer Hinsicht evtl. starker Tobak.

 

 

Handlung: Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von einem der beiden Jungen, Giles Favell, der zu Beginn im Waisenhaus in London lebt. Kurz nach seinem fünfzehnten Geburtstag erhält er die Nachricht, dass ein Baron aus Cumberland ihn adoptieren möchte. Für Giles ein Rätsel, ist er doch fast schon zu alt und gilt zudem als schwer vermittelbar, da er unter *dämonischen* Krampfanfällen leidet, die kein Doktor erklären kann. 

Auf Marmond House lernt er den gleichaltrigen Victor Cavendish kennen, der ebenfalls vom Baron adoptiert wurde und von einem Trauma in der Kindheit gezeichnet ist: er spricht kein einziges Wort, findet jedoch Wege, sich mit Giles zu verständigen. Bald werden die beiden Freunde und mehr. Sie fühlen sich zueinander hingezogen und stellen viele Gemeinsamkeiten fest. Beide bewundern und verehren ihren neuen Erziehungsberechtigten Baron Duncan Asquith, der ihnen Akzeptanz und Zuneigung entgegenbringt und sich sehr um seine zukünftigen Erben kümmert. 

Duncans Charisma und Charme zu erliegen, ist nicht schwer, und dennoch spüren Victor und Giles, dass ihn etwas bedrückt, das er ihnen nicht sagen kann oder will. Die anfangs offensichtliche Idylle wird durch unheimliche Geschehnisse im Haus erschüttert; etwas geht darin vor, das vor allem für den rational denkenden Giles nicht greifbar ist. Er tut die Phänomene als Halluzinationen ab, bedingt durch seine Krankheit. Doch auch Victor, ein sensibler Träumer, ist beunruhigt, zumal sich der Baron in Bezug auf das Haus sehr verschlossen gibt. Wie zum Ausgleich dafür tut er alles, damit die beiden sich wohl fühlen; er öffnet nach ihrem Dafürhalten verbotene Türen und zeigt ihnen inmitten des Schreckens von Marmond House eine sinnliche und schöne, fast paradiesisch anmutende Welt, von der die beiden in der Einsamkeit ihres früheren Daseins nie zu träumen gewagt hätten.

Der vielseitig begabte und meist souverän auftretende Duncan ist nicht nur ihr Vormund, sondern wird verständnisvoller Arzt, Berater, Vertrauter und später ihr Liebhaber, der die beiden ermutigt, sich selbst zu sein und sich so anzunehmen, wie sie sind. Was Giles und Victor auf Marmond widerfährt und was sie entdecken, ist ein Wechselbad der Gefühle. Dazu trägt auch Lady Christina Ashbrooke bei, eine frivole Mitbewohnerin, die sich ständige Wortgefechte (und mehr) mit Duncan liefert und ihm das Leben zur Hölle macht. Giles und Victor verstehen nicht, weshalb sie dem Haus nicht einfach endgültig den Rücken kehrt, bis ihnen klar wird, dass sie wie Duncan und dessen verschwiegene Dienerschaft auf rätselhafte Weise in Marmond gefangen ist. Sind die Jungen nur Mittel zum Zweck, und ist Duncan ein ganz anderer als der, der er vorgibt zu sein? Die Hinweise darauf jedenfalls verdichten sich, je mehr Giles in die Familiengeschichte der Asquiths und seiner eigenen vordringt.

Meinung: 'Haus der Schatten' war für mich als Schauergeschichten- und Gay Romance-Fan ein besonderes Vergnügen. Die Geschichte ist atmosphärisch, originell, berührend und besonders in Bezug auf den medizinischen Aspekt adäquat zeitgenössisch recherchiert. Viel Wert wurde ebenfalls auf niveauvolle und prickelnde Erotik gelegt; etwas, das ich sehr schätze. Die Charaktere sind wundervoll beschrieben, jede Figur mit ihren Fehlern auf ihre Art nachvollziehbar und liebenswert, selbst die zänkisch-derbe Christina, die mein heimlicher Favorit war. Doch vor allem die Jungs und der ambivalente Duncan sind mir ans Herz gewachsen. Durch den Detailreichtum und die sorgfältige Schreibe geht sofort das Kopfkino an, und man fühlt und leidet, freut und gruselt sich mit dem sympathischen Erzähler, der es wahrhaftig nicht leicht hat und sich trotzdem keine andere Zukunft vorstellen kann als mit Victor und Duncan auf Marmond House. Das Ende war für mich stimmig und passend zur gesamten dichten Atmosphäre des Romans.

Fazit: Empfehlenswert für alle, die das Ungewöhnliche lieben und die noch gerne über eine Geschichte nachdenken, wenn die Buchdeckel längst geschlossen sind. Denn sie hat viel mehr zu bieten als gepflegten Grusel und entführt den Leser in eine Welt, die man trotz all ihrer Unheimlichkeiten nur ungern wieder verlässt. 

 

 Bewertung:   💫💫💫💫💫

 


Donnerstag, 18. März 2021

Passfotos selber machen ~ ganz bequem daheim.

 Der Notarbesuch vor knapp zwei Wochen brachte es an den Tag: mein Pass läuft im April ab. Ich war ein wenig bestürzt. Nicht, weil ich den Perso dringend bräuchte, sondern weil ein ungültiger Pass den baldigen Gang zum Fotografen impliziert, und ganz ehrlich - ich hasse das! Beim Fotografen habe ich mich nie wohl gefühlt, und mit den biometrischen Fotos schon gar nicht. Auf meinem alten Pass erkenne ich mich daher nicht wieder und habe ihn verschämt in der hintersten Tasche meines Portemonnaies stecken. Jedesmal, wenn ich ihn vorzeigen musste, hatte ich Zweifel, dass die Amtsperson mir meine Identität abnimmt, so fremd und schlimm finde ich das Bild.

 

Das neue Foto. 100 Prozent Bio(-metrie).
 

Im Zeitalter von hochauflösenden Smartphonekameras und Corona dachte ich, müsste es doch möglich sein, eigene Passbilder im stillen Kämmerchen zu machen, die man entweder direkt ausdrucken kann oder bei speziellen Anbietern als physisches Objekt zurückgeschickt bekommt. Und siehe da: das gibt es tatsächlich! Schickt man das Foto ein, wird es auf biometrische Standards und optimale Farbgebung geprüft, auf unschmeichelhaftes Perso-Format geschnitten und dem Kunden zugeschickt. 

Ich habe drei Anbieter ausprobiert, bis es endlich geklappt hat. Dafür war https://www.online-passfoto.de/ der schnellste und unkomplizierteste, denn das Foto hat auf Anhieb gepasst und die strengen Standards erfüllt. Kein Wunder, mittlerweile hatte ich Übung; so oft wie ich vorher Modell gesessen habe. Aber es hat sich gelohnt. Die Position ist ja nicht so wirklich dazu geeignet, sich ins rechte Licht zu rücken bzw. sich von seiner Schokoladenseite zu zeigen, aber ich bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis und empfehle den Online-Dienst gern weiter.

Tipps und Kriterien zum biometrisch perfekt ausgerichteten Foto sind folgende: 

- Ganz wichtig: das Gesicht wird frontal abgebildet. Von beiden Gesichtshälften muss gleich viel zu sehen sein. Wenn möglich, freundlich aussehen, ohne zu lächeln (schwierig!). Ein bisschen die Mundwinkel hochbiegen ist erlaubt - aber wirklich nur ein kleines bisschen. Der Mund selbst bleibt geschlossen.

- Der Hintergrund sollte hell und einfarbig sein, kann jedoch gegebenenfalls vom Anbieter retuschiert werden. Ich habe mich vor eine weiße Wand gesetzt. 

- Die Kamera muss auf Augenhöhe sein, der Kopf gerade erhoben und die Schultern sollten entspannt sein, d.h. nicht hochgezogen oder gedreht.

- Wenn man keinen zweiten Mann zur Hand hat, der die Kamera hält, kann man sie auch auf einen Tisch vor sich platzieren. Zu achten ist dabei auf die richtige Höhe (evtl. Buchstabel oder Schachteln zu Hilfe nehmen und das Handy daraufstellen und Selbstauslöser mit Timer aktivieren).

- Licht muss von vorne kommen, damit keine Schatten im Gesicht zu sehen sind. Am besten eine Lampe vor sich stellen oder sich selbst vor ein Fenster. Tageslicht ist empfohlen. Ich habe eine Lampe benutzt, die normalerweise bei Videokonferenzen hilfreich ist und auch beim Film eingesetzt wird. Und beim Selfie knipsen. (O;

 ~*~

Jetzt wünsche ich viel Erfolg und viel Spaß mit dem selbstgeschossenen Passfoto, das zumindest ich garantiert nicht mehr zu verstecken brauche.

Hier noch einmal der Link zum Anbieter, bei dem nach meiner positiven Erfahrung die gesamte Familie ihre Passbilder fertigen lässt: 

https://www.online-passfoto.de

Zum Schluss noch ein Hinweis in eigener Sache: Wenn ihr den Gang zum hiesigen Fotografen nicht so scheut wie ich, lasst dort ein Passbild machen und unterstützt den lokalen Einzelhandel, wo immer es geht. Der hat es momentan schwer genug.




Freitag, 12. März 2021

Buchtrailer 2021

Ohne viele Worte stelle ich hier das neue Video zu meinen erschienenen Romanen vor. Es sind neun, und manchmal denke ich, dass es Zeit wäre, das Maß vollzumachen, mich also an den zehnten zu setzen. Leider will die Muse nicht so wie der Kopf. Das Gefühl des Flows einer Geschichte im Entstehungsprozess vermisse ich gelegentlich. Und dabei würde es an Ideen gar nicht mal unbedingt mangeln. Trotzdem habe ich vor der Leistung, es auf neun Geschichten geschafft zu haben, schon Respekt - das muss ich mir einfach mal sagen. Man lobt sich ja sonst nicht. 
 
 

 
 Rückblickend wundert es mich, dass ich in so vielen Genres unterwegs war / bin, wobei ich glaube, dass ich mich am liebsten in der edwardianischen Epoche verlustiert habe und die Gattungen nicht einmal klar abgegrenzt sind, sondern miteinander verfließen. So wie beim Grafen Krimi, Mystery und historisch.
 
Aber auch an den "Kurzgeschichten" hatte ich Spaß. Und mir fällt auf, dass ich teilweise sogar durch Mitmenschen inspiriert wurde, von denen ich es nicht vermutet hatte. 


 

 

Zum Beispiel der kürzlich verstorbene Herr Trapp. Vielleicht war er unbewusst das Vorbild für den neurotischen Rupert Grayson in "Vom Ernst des Lebens"; auch wenn ich es eigentlich vermeide, Bekannte bzw. deren Eigenschaften in meinen Romanen zu verwenden, denn die Wiedererkennungsgefahr wäre mir doch zu groß. 

Obwohl Rupert sehr viel jünger ist, hat er einige Charakterzüge, die denen von Herrn Trapp ähnlich sind. Daher ist es möglicherweise kein Zufall, dass dieses Buch das einzige neben den gesammelten Werken Kurt Kusenbergs ist, das er je gelesen hat. (O;

 


Montag, 8. März 2021

Rezension "Giovannis Zimmer" ~ James Baldwin

 

Ohne zu wissen, dass es sich bei dem Buch um einen Klassiker handelt, habe ich es aufgrund der Thematik und des ansprechenden Covers gekauft. Anfangs fühlte ich mich stilistisch und auch thematisch sehr an André Acimans "Ruf mich bei deinem Namen" erinnert.

 


 Auch dieses ist mit ca. 200 Seiten nicht besonders lang, aber ungewöhnlich poetisch, und handelt von zwei jungen Männern, die einander begehren. 

 Handlung: Der Amerikaner David - Ich-Erzähler des Romans - wächst ohne Mutter, dafür mit dem vergnügungssüchtigen, schwach wirkenden Vater und dessen unverheirateter Schwester auf. Er beschreibt seine Kindheit und Jugend in den 1940er Jahren mit blumigen, aber beeindruckenden Sätzen als problematisch und schuldbeladen. Hauptsächlich deswegen, weil er als Teenager mit einem Jungen geschlafen hat; ein Makel in seinen Augen, von dem er sich nicht reinwaschen kann. So bald wie möglich verlässt er die Familie und zieht nach Paris, wo es ihn in einschlägige Clubs und zu Männern zieht, obwohl er sich sagt, heterosexuell zu sein. Durch seinen ältlichen Gönner Jacques lernt er den Italiener Giovanni kennen, der für den ebenfalls schwulen Guillaume als Barkeeper arbeitet, und hinter dem eigentlich Jacques her ist. Eigentlich sind beide - Jacques und Guillaume - hinter den dort schwärmenden jungen Männern her. Doch David ist es, der Giovanni bekommt. Trotz seiner Verlobten Hella, die nach Spanien gereist ist, um über Davids und ihre Beziehung nachzudenken.

Sie verbringen einige Monate zusammen, in denen David abermals von Schuld geplagt wird und Giovanni sich vom charmanten, etwas überheblichen Sonnyboy zu einem ständig weinenden, schwachen Etwas entwickelt, als er erkennt, dass David ihn nicht wirklich liebt. Als Hella zurückkommt, findet David nicht den Mut, ihm zu sagen, dass er abreisen und Giovanni verlassen wird. Endlich überwindet er sich und stellt Giovanni vor vollendete Tatsachen - mit folgenschweren Konsequenzen.

Meinung: Zuerst mochte ich das Buch. Stil und Protagonisten sind beeindruckend und manchmal sogar so originell, dass ich beim Lesen abwechselnd erstaunt oder versonnen vor mich hinlächeln musste. Doch je weiter man liest, desto deprimierender und verkopfter wird "Giovannis Zimmer", und desto unsympathischer werden einem David und Giovanni. Ersterer kann seinen Schuldkomplex nicht überwinden und empfindet am Ende nicht einmal mehr etwas für Hella, die er bald unansehnlich findet. Letzterer ist ein schwacher Charakter, dem ich mehr Glück gegönnt hätte, der aber nach Davids Entscheidung, sich von Giovanni zu trennen, den fatalen Fehler begeht, sich dem lüsternen Guillaume auszuliefern und daraufhin empfindlich gedemütigt auf spontane Rache sinnt. 

Da "Giovannis Zimmer" als hochgelobter und berühmtester Roman Baldwins gewürdigt wird, entging mir vermutlich unter den ganzen philosophischen Betrachtungen und der emotionslos geschilderten Liebe beider Protagonisten etwas Wichtiges, das es mir unmöglich macht, in die Würdigung miteinzustimmen. Schade eigentlich, denn der Anfang war vielversprechend. Mir persönlich war zu wenig Gefühl und zu wenig Handlung, dafür zu viel Geschwafel zwischen den Seiten. Ich hätte mir etwas mehr Interaktion gewünscht, oder etwas, das die Zuneigung der beiden irgendwie persönlich macht. Über Giovannis Zimmer findet der Leser heraus, dass es klein und schmutzig ist und Giovanni es mit allen Mitteln verändern möchte, seit David es mit ihm teilt. Die Metapher fand ich schön, aber leider lieblos abgehandelt. 

Fazit: Nicht so meins. Vielleicht liegt es daran, dass mir als Frau Gefühl gefehlt hat, ein bisschen mehr Details und mehr Einsicht in Davids Psyche, die mir rätselhaft geblieben ist - mehr als Schuld und Zerrissenheit scheint darin kein Platz zu haben. Insgesamt wohl zu Recht zu seiner Zeit (1956) ein gewagtes Werk und Befreiungsschlag zugleich und heute ein Klassiker, hat mich der Roman nicht vom Hocker reißen können.

Bewertung:

 💫💫💫



Donnerstag, 4. März 2021

In Gedenken an Heinz-Dieter Trapp

 Am Montag starb ein Bekannter von mir mit Mitte Siebzig an Corona, der lange Zeit im Haus meiner Eltern gelebt hat, genauer gesagt von 2005 bis 2018. Er kam im Rahmen des Projekts "Betreutes Wohnen" als Patient einer psychiatrischen Einrichtung zu uns, nachdem die "Vorbesitzerin" ihn nicht mehr verpflegen konnte / wollte. 

 

Foto: Karl Schramm


Und in der Tat erwies sich Herr Trapp (den ich nie "Heinz-Dieter" nennen konnte, wenngleich er es uns mehrmals anbot) als ziemlich eigenartig. Obwohl als schizophren diagnostiziert, hatte ich eher den Eindruck, er gehörte dem Asperger-Spektrum an, auch und gerade, weil er häufig von seinem "Wahn" sprach - etwas, das Schizophrene meines Wissens nach nicht tun. 

Er liebte klassische Musik, Beethovens Fidelio und Don Pasquale und Märklin-Eisenbahnen. Mehr interessierte ihn eigentlich nicht, und im Lauf der dreizehn Jahre gab es nichts anderes, mit dem man ihn begeistern oder seinen Horizont hätte erweitern können. Menschen, die ihn nicht näher kannten, hatten ihn, seine kleine dünne Gestalt und sein Auftreten als höflich und auch "goldig" bezeichnet. Er wusste zu formulieren und schenkte großzügig Sekt und Weinbrandbohnen - Dinge, die er selbst mochte. Er tat es auch dann noch, wenn man seine Aufmerksamkeiten ablehnte. Vielleicht im Bemühen, Ärger abzuwenden, den er selbst immer wieder heraufbeschwor. 

Allerdings wäre mir lieber gewesen, er hätte sich etwas mehr Mühe gegeben, sich in ein soziales Zusammenleben zu integrieren. Denn mitunter war er sehr nervend in seiner mehr als schrulligen Art. Empathie ging ihm völlig ab. Seine Gespräche kreisten ständig um sich selbst und die erwähnten Themen, ohne auf sein Umfeld einzugehen. Ich kann mich an Vorfälle erinnern, die mich fast zur Weißglut getrieben haben, und ich bin im Allgemeinen ein geduldiger Mensch.

Trotzdem tat es mir leid, von seinem Tod zu erfahren. Nachdem er in eine andere Familie an einen anderen Ort kam, die weniger nachsichtig mit ihm und seinen Macken war, blieb er dort nicht lange und hatte wohl eine regelrechte Odyssee vor sich; etwas, das ihm zutiefst widerstrebte, saß er doch am liebsten den ganzen Tag in seinem Zimmer, ohne einen Finger zu rühren. Da er sich nie körperlich betätigte und sein jahrzehntelanger Medikamentenkonsum enorm war, machten offenbar gegen Ende seine Muskelfunktion und sein geschwächter Körper schlapp. Sein ereignisloses, aber für ihn erfülltes Leben endete auf der Intensivstation. Das hätte ich ihm nie gewünscht und auch nicht erwartet. Die Nachricht - heute Mittag telefonisch überbracht von einer seiner Betreuerinnen - hat mich doch sehr erschüttert. Ich frage mich, ob er jetzt Beethoven beim Komponieren zusehen kann. Und wer seine Eisenbahnen erbt. Wer an ihn denkt, wem er wichtig war. Nicht zuletzt deshalb möchte ich ihm hier ein Andenken bewahren. 

Als wir uns im November 2019 sahen, machte er mir sogar ein für ihn in zweifacher Hinsicht ungewöhnliches Kompliment: mein Roman "Vom Ernst des Lebens" hatte er laut eigenen Worten zweimal gelesen, wo er ansonsten nur Kurt Kusenberg als Autor kennt und liest. Seine weiteren Bücher stehen / standen sauber verschweißt im Regal. Da war ich wider Willen richtig gerührt.

Den Wunsch, in einem gläsernen Schneewittchensarg bestattet zu werden, wird man ihm wohl nicht gewähren. Aber den braucht er im Himmel ja nicht. Und ich hoffe sehr, dass er jetzt dort und glücklich ist. Vielleicht begegnet er ja auch unserem Joschi, der nach schönen jungen Frauen, der Musik und Modelleisenbahnen hoch in seiner Gunst stand.



Freitag, 12. Februar 2021

Leserunde zu "Das Bildnis des Grafen"

 Wer hätte es gedacht?! Mein Roman "Das Bildnis des Grafen" tritt zum zweiten Mal nach 2013 als Kandidat einer Leserunde auf dem Büchertreff an! Initiiert wurde sie von einer Teilnehmerin der "Jane Eyre"-Leserunde, nachdem ich angeboten hatte, das Buch als Autorin zu begleiten. In den Fokus bzw. ins Bewusstsein rückte der immerhin über zehn Jahre alte Graf durch die positive Meinung einer Leserin, die den kostenlosen Download genutzt hat. Sie wird leider nicht an der Leserunde teilnehmen, da sie schon über die Hälfte gelesen hat und nicht warten möchte (was ich verstehe). Jedenfalls vielen herzlichen Dank dafür!

 Ich werde mich ein wenig mehr zurückhalten als beim ersten Mal; zumindest nehme ich es mir vor (in die Tat umzusetzen ist nicht immer so einfach, vor allem, wenn Fragen auftauchen, die ich ganz gerne beantworten würde, die aber nicht gezielt an mich gerichtet sind... (O;)

 


Ich freue mich unheimlich auf die LR, die Ende März / Anfang April startet. Mir ist es ganz recht, dass der Zeitpunkt noch etwas hin ist, denn ich muss mich erst wieder ein bisschen "einlesen", auch wenn das vielleicht albern klingt. Es ist schon merkwürdig, dass man selbst als Schriftstellerin zuweilen vergisst, wie genau die Geschichte abläuft, die aus der eigenen Feder geflossen ist. Außerdem ist sie gar nicht so einfach und setzt Offenheit in Richtung Mystik und den jüdisch-christlichen Glauben voraus, der gelegentlich mit historischem Hintergrund thematisiert wird. Und dann gibt es noch den kriminalistischen Aspekt, der neben der Psychologie den Kern der Geschichte bildet und aus dem Hauptprotagonisten Renoir so etwas wie einen Ermittler wider Willen bzw. einen Seelenklempner auf Abwegen macht. Man muss schon sehr aufmerksam lesen und am Ball bleiben. 

Ein Buch für zwischendurch ist "Das Bildnis des Grafen" garantiert nicht. In erster Linie ein Kriminalroman, birgt es doch manche phantastische Elemente, die verschieden interpretierbar sind. Da Valentine, der heimgekehrte junge Soldat, unter postraumatischen Belastungsstörungen leidet, könnte man sie auch als Halluzinationen bzw. Visionen betrachten. Insgesamt ist alles auf den ersten Blick geheimnisvoll und rätselhaft, selbst für den hinzugezogenen französischen Psychologen, der eigentlich nur vom Earl geschickt wurde, um aus Valentine wieder "einen Menschen und anständigen Erben zu machen". Erst nach und nach kommt Licht ins Dunkel. 

Überdies streift der Roman neben der Solidarität des gemeinsam Erlebten auch den emotional wachsenden Zusammenhalt von Arzt und Patient, der nicht selten in beinahe zärtlichen Gesten gipfelt und Renoir an seiner Professionalität als Therapeut zweifeln lässt. Manche Leser/innen haben diese Handlungen als homoerotisch gedeutet. Dazu möchte ich sagen, dass es für meine traumatisierten Figuren wichtig ist, nach der Zeit der emotionalen Abstumpfung im Krieg menschliche Nähe zu erfahren, unabhängig vom Geschlecht. Weder Renoir noch Valentine sind ineinander verliebt, doch sie lernen durch den jeweils anderen, Gefühle wieder zuzulassen und zu vertrauen. Beide sind durch eine ähnliche Situation gegangen, so dass es mir richtig schien, die Grenzen von Alter und Stand zwischen ihnen ein bisschen zu verwischen. Vielleicht sind sie am ehesten Seelenverwandte oder - wie Renoir es ganz zu Beginn ihrer Bekanntschaft für sich selbst ausdrückt - Verbündete. Nicht nur im Hinblick auf das Familiengeheimnis, das es zu enträtseln gilt.

 

Valentine

Ich weiß, dass der Roman bei einigen Lesern und Leserinnen nicht so gut ankam, wie ich mir das gewünscht hätte und er auf Amazon neben guten Rezensionen leider auch recht schlechte Kritiken bekommen hat. Vielleicht bin ich deshalb auch ein bisschen aufgeregt, obwohl dies mittlerweile die dritte Leserunde mit einem meiner Romane ist und ich daher kein Lampenfieber mehr haben sollte und ich natürlich mit Kritik umgehen kann. Trotzdem scheint der Graf für Kontroverse unter den Lesern zu sorgen. Einerseits finde ich das ganz gut, andererseits halten gerade die schlechten Meinungen viele davon ab, der Geschichte eine Chance zu geben. Und obwohl auch Frauenfiguren wie Lilian und Pauline eine tragende Rolle spielen, liegt das Augenmerk auf der Beziehung zwischen dem Psychologen Gaspard Renoir und seinem Patienten Valentine Whitehurst. Nicht, dass das ein Manko wäre, doch ich stelle immer wieder fest, dass weibliche Leser gern eine Frau durch eine Geschichte begleiten. Ich hoffe, eine Identifikationsfigur fehlt nicht allzu sehr...




Dass mein Trailer bei einigen Usern die Neugier geweckt hat, freut mich besonders. Ich hoffe sehr auf eine rege Teilnahme und dass sich jeder gut unterhält. Auf dem Büchertreff kann man sich *hier* anmelden. Demnächst wird es dann einen Thread geben, auf dem die Leserunde stattfindet. Interessierte sind herzlich willkommen! Den Roman gibt es bei Amazon als Print und ebook. Mitglieder von Kindle Unlimited können ihn kostenlos herunterladen.



Montag, 8. Februar 2021

Galerie und "Mein Rollladenshop" mit drei "L"

Seit im WIRTHs HAUS aufgrund Corona keine Raumvermietung, keine Veranstaltungen und keine Workshops mehr stattfinden können, haben wir unsere Räumlichkeiten ein wenig verändert bzw. den Platz für uns vergrößert. 


Ein Teil des neuen spacigen Ateliers

 

Das Atelier zog in Raum II, wo Nicole sich nun nach Belieben ausbreiten und austoben kann mit Farbe, Pinsel und Leinwänden, und das sieht richtig toll aus und freut mich sehr für sie, da es hinter der Eingangstür im vorderen Bereich recht eng war. 

Da insgesamt mehr Platz ist, haben wir alle drei Bereiche, d.h. Raum I, II und das Art Café, zu einer Galerie verwandelt, die man auch als Laufkunde besichtigen und besuchen kann (unter Einhaltung der Hygienekonzepte). Es lohnt sich auf jeden Fall. Wer möchte, kann beim Anschauen und dem Versinken in die Farbenpracht der vielseitigen Bilder auch einen Kaffee oder Cappuccino schlürfen.

 

Im Art Café mit den originellen Lockdown Friends

 

Unser Online-Rolloshop konnte durch den Umzug des Ateliers auch ein bisschen großzügiger und übersichtlicher gestaltet werden unter Einsparung von Ecken und Wänden. Das gefällt mir besonders gut, denn jetzt komme ich ohne weiteres auch an die kleinsten oder hochgelegenen Zubehörteile, ohne mich verrenken zu müssen. Zwar hat unser Lager immer noch den typischen Werkstatt-Charme, aber es soll ja auch kein Verkaufsraum sein. Und irgendwie war bei uns ohnehin das meiste bisher provisorisch, selbst als wir unser Ladengeschäft noch hatten. Obwohl wir natürlich bemüht sind, eine heimelige Atmosphäre zu schaffen und uns das immer gut gelungen ist. 

 Ich bin allerdings jedesmal heimlich amüsiert, wenn Kunden aus der Umgebung vorbeikommen, um quasi "vor Ort" einzukaufen. Es irritiert dann doch sehr, eine Art Depot zu betreten statt einen Verkaufsraum mit ausgepreister Ware. Und die urige Schreinerwerkstatt - seit Jahrzehnten unverändert - hat schon viele erstaunte und bewundernde Blicke geerntet. Ich glaube aber, dass die meisten Kunden das ungezwungene Ambiente zu schätzen wissen. Besonders, wenn sie erkennen, dass jemand Ahnung hat von der Materie. Und der Großteil bestellt sowieso übers Internet.


Guten Tag! Ich bin Ihre virtuelle Assistentin.

Die Arbeit im Shop macht mir erstaunlich viel Spaß, obwohl sie nicht viel mit Kreativität zu tun hat. Vielleicht, weil ich etwas Nützliches tue, nachdem ich lange Zeit keine richtige Beschäftigung hatte und ich nicht recht wusste, was mit mir anfangen. Überfordern tut mich der Job nicht; in der Regel wird am Montag vom Hersteller angeliefert, und wenn es gut läuft, sind wir innerhalb von zwei bis drei Tagen fertig und die verpackten Rollos an den Endkunden verschickt. Kleinere Bestellungen, die über die ganze Woche laufen, sind im Nu erledigt. Zeit für andere Dinge oder kleine Pausen und eine Tasse Kaffee gibt es eigentlich immer. Und wir sind froh und dankbar, dass wir den Shop haben. Ohne ihn wären wir nicht so gut durch die Krise gekommen. Man merkt eben doch, dass in Zeiten des Lockdowns viel zuhause getan wird bzw. man verstärkt online einkauft.

 

*Klick dich zum Shop*

Für uns hat sich der Rolloshop wirklich als Segen entpuppt, auch wenn ich technisch nicht versiert bin und noch nie einen Rollladen eingebaut habe. Aber dafür sind ja die Männer da... (O; Wobei wir Mädels auch ganz stolz sind, dass wir die mitunter recht schweren Rollladenpanzer stemmen können. Eine Art "Work"-Workout machen, ohne ins Fitness Studio gehen zu müssen, sozusagen.

Trotz Lockdown freuen uns immer auf (mit Maske versehene) Besucher, selbst da das "WIRTHs HAUS" momentan offiziell für Raumvermietungen bis auf Weiteres geschlossen ist. Es ist es schön, wenn hin und wieder jemand vorbeikommt, ein bisschen mit uns plaudert und sich an den Bildern erfreut. 

Die können übrigens auch im Internet bewundert und erworben werden auf der  

Seite von Nikky





Dienstag, 2. Februar 2021

Filme in Zeiten von Corona (VII): "Forever Young" (1992)

Früher mal war ich Mel Gibson-Fan. Er hatte als jüngerer Mann so etwas Bubenhaft-Schelmisches, und die schönsten erstaunt blickenden babyblauen Augen. Und einen Body, bei dem Frau zweimal hinguckt. (O; Heute ist das nicht mehr so, aber ich habe mich an einen Film erinnert, den ich damals ganz toll fand und gern mal wieder gesehen hätte. Außerdem war ich nach der Lektüre von Jane Eyre in der Stimmung für etwas Romantik.

 


Handlung: 1939. Daniel MacCormack ist Testpilot und verliebt in seine Sandkastenbekanntschaft Helen. Fast nichts tut er ohne sie. Als er endlich den Plan fasst, ihr im Diner einen Heiratsantrag zu machen, ist er zu wieder mal zu schüchtern - Helen geht, überquert die Straße und wird überfahren. Schwer verletzt und im Koma ist sie unerreichbar für den trauernden Daniel. Er entschließt sich, das streng geheime Experiment seines Freundes Harry Finley als Probant voranzutreiben: er lässt sich einfrieren, vorläufig für ein Jahr. Ohne Helen macht in seinem Leben ohnehin nichts mehr wirklich Sinn. 

Das Experiment ist so geheim, dass es in Vergessenheit gerät, als die Lagerhalle mit Daniels tiefgekühltem Luxusbody durch ein Unglück Feuer fängt, in dessen Flammen sein Freund Harry beim Versuch umkommt, ihn zu retten. Erst 1992 finden ihn durch Zufall Nat Cooper (Baby-Frodo Elijah Wood) und sein Freund Felix. Sie erklären Daniel die moderne Welt und helfen ihm, Angehörige von Harry zu suchen in der Hoffnung, mehr Erkenntnisse über das Experiment zu gewinnen. Als sie endlich Kontakt zu Harrys Tochter herstellen können, gibt es auch ein unerwartetes Lebenszeichen von Helen.

Doch leider ist Daniel nicht mit Superkräften ausgestattet wie der ebenfalls in Kriegszeiten eingefroren und wieder aufgetaute Captain America; da er biologisch bereits Mitte Achtzig ist, altert er in kurzer Zeit. Ein Wettlauf mit der Zeit und dem auf Daniel aufmerksam gewordenen FBI beginnt.

Meinung: Gleich vorweg, ich fand den Film nicht mehr so toll wie damals, als ich ihn zum ersten Mal gesehen habe. Storytechnisch ist er eher dünn und vorhersehbar, wenn er auch nach wie vor ans Herz geht. Immerhin habe ich mich gut unterhalten. 

Irgendwie wirken schon die Bilder von 1992 nostalgisch; es gab noch kein Internet (zumindest keins, das im Film auftritt) und höchstens die heute fast gänzlich aus der Mode gekommenen Anrufbeantworter, mit denen sich Daniel herumschlagen muss und die nicht einmal mehr dem Zuschauer ein schwaches Lächeln entlocken. Dass es in der Airbase keine Unterlagen mehr von 1939 gibt, scheint mir auch nicht ganz glaubhaft... andererseits, da hätte sich ein beachtlicher Batzen Papierkram angehäuft im Archiv.

Die wissenschaftliche Komponente ist haarsträubend ("Wenn wir wissen, wie man Menschenleben verlängert, können wir zum nächsten Sonnensystem reisen.") und hat auch keinen richtigen Platz im Film. Nicht, dass es interessiert hätte...

Und das Old Age-Make-Up war grauenhaft! Der gealterte Mel Gibson sah aus wie Christopher Walken als (theoretische) Tucke. Allerdings fand ich Daniel in seiner Treue zu Helen und seinem Wunsch, sie  wiederzusehen, schon rührend. Auch, dass er gegenüber Nats alleinstehender Mutter Claire (Jamie Lee Curtis) ritterliche Qualitäten beweist, war goldig.

Außerdem  würde ich zu gerne mal das atmosphärische Diner in Busformat besuchen, in dem Daniel auf Helen wartet, um ihr die entscheidende Frage zu stellen und sich stattdessen mit leckerem Blaubeerkuchen vollstopft. Manche Dialoge haben sich tatsächlich in meinen Kopf "eingebrannt", was eine witzige Entdeckung war. Obwohl ich den Film lange Zeit vergessen hatte, konnte ich viele Sätze mitsprechen. Alles in allem ist "Forever Young" ein runder, fantastisch angehauchter Romantikfilm, der zeigt, das Liebe ewig halten kann.

Bewertung:

  💫💫💫



Freitag, 29. Januar 2021

"Jane Eyre" Charlotte Bronte ~ Fazit zur Leserunde und Rezension

Unsere Leserunde neigt sich allmählich dem Ende zu. Obwohl der offizielle Schluss Anfang Februar ist, habe ich den Roman bereits beendet. Und muss sagen, dass - so selten ich an Online-Leserunden teilnehme - ich doch immer wieder gern Geschichten diskutiere und dabei neue Einsichten von Mitlesern gewinne, was ich als großes Plus betrachte.

 


Zur Handlung selbst sage ich nicht viel; zum einen ist sie vermutlich den meisten bekannt und zum anderen habe ich sie in meinem Artikel über die BBC-Serie schon hinlänglich ausgeführt. Denn Überraschendes hat sich mir in Bezug auf den Verlauf von Jane Eyres dramatischer Biografie nicht geboten. Das war aber alles andere als öde. Bücher haben den Vorteil, dass sie detailreicher und aus der Perspektive der Protagonisten erzählt werden und nicht dem Zeitlimit von Spielfilm-Länge unterliegen. Das macht sie automatisch auch persönlicher. 

Und persönliche Ansichten hat Jane so einige. Sie war mir nicht immer sympathisch, manchmal etwas blasiert und herablassend sogar und schnell mit ihrem Urteil, aber zu Recht ist sie eine der bemerkenswertesten und stärksten Frauenfiguren in der Literatur. Besonders beeindruckt hat mich ihr unerschütterlicher Glaube an Gott, der immer stärker wird und an dem sie festhält in stürmischen Zeiten und auch, wenn ihre Entscheidung gefragt ist, die nicht immer so ausfällt wie ihr eigener Wille. Oder wenn das Glück bzw. ihr Gebieter und geliebter Rochester zum Greifen nah ist und doch so fern. 

Als Leser spürt man deutlich die Entwicklung, die mit der Freundschaft zu der gläubigen Helen Burns ihren Anfang nimmt und später zur Sicherheit und Konstante in Janes turbulentem Leben wird. Ihre Entscheidungen trifft erst oft die Vernunft vor dem Herzen; das erfährt Rochester auf schmerzhafte Weise. Obwohl er sie überall sucht und suchen lässt und sich verzweifelt nach ihr sehnt, bleibt Jane über ein Jahr unauffindbar.

 Zuflucht findet sie währenddessen bei St. John Rivers und seinen Schwestern, die sich als Cousin und Cousinen von Jane herausstellen. 

Hier hat es Charlotte Bronte meiner Ansicht nach ein bisschen zu gut gemeint mit den schicksalhaften "Zufällen", doch ich glaube, das ist mein einziger Kritikpunkt - gemeinsam mit dem, dass mir in diesen Kapiteln der feurige, impulsive Rochester gefehlt hat und stattdessen mit seinem krassen Pendant in der schönen, aber eisigen Gestalt von St. John "ersetzt" wurde, der Jane ebenfalls gerne als Gefährtin und Ehefrau hätte - zu gänzlich anderen Zwecken als Rochester. Zum Glück kann ihm Jane in letzter Minute widerstehen, denn verfallen ist sie seiner eindringlichen und logischen Art fast, und ich fürchtete schon, die Mini-Serie hätte zugunsten der Romantik ein Happy End gedichtet, das im Roman so nicht vorkommt. Überhaupt, wirklich romantisch ist das Verhältnis Rochster / Eyre vordergründig nicht; zumindest nicht bis vor der geplanten Hochzeit. Aber gerade das hat mir gut gefallen. Ihre Liebe ist nicht rosarot, keine Wolke Sieben, und dennoch spüren beide, dass sie ohne den anderen nicht sein können.

Jane hört ihren geliebten Rochester rufen, als St. John seinen x-ten sachlichen Antrag macht. Viele halten diese Passage und das, was Rochester später dazu sagt, für esoterisch oder zumindest spooky, doch so, wie es erklärt war, sprach es für mich für eines der Dinge zwischen Himmel und Erde, die mehr sind als sich die Schulweisheit erträumen lässt. Da hatte ich tatsächlich Gänsehaut.

 

 

Man muss mir verzeihen, dass ich beim Lesen Ruth Wilson und Toby Stephens als die Protagonisten vor Augen hatte und daher und weil ich die Geschichte schon kannte, ein bisschen voreingenommen war. Das spricht aber auch für die tolle und hohe Qualität der Verfilmung und die feinfühlige Art, wie die Figuren in der BBC-Produktion dargestellt sind. Vielleicht werden sie dadurch sogar noch greifbarer und verständlicher. Mir fiel auf, dass Rochester im Roman während der Leserunde kaum Sympathiepunkte sammeln konnte. 

Das wäre sicher anders gewesen, wenn man den gequälten, aber trotzdem charismatischen, robust und sinnlich wirkenden Stephens-Rochester gesehen hätte. Vielleicht kommt das Mitgefühl noch am Ende, denn er erkennt seine Fehler in einem ruhigen und trotzdem emotionalen Showdown, bei dem ich den Tränen nahe war vor Rührung und Erleichterung.

Fazit: Ein schöner, anspruchsvoller und dichter Roman mit interessanten Charakteren. Für heutige Verhältnisse vielleicht etwas altmodisch und *fromm*, aber für mich als gläubiger Mensch enthält "Jane Eyre" viel Wahrheit und war gerade in Bezug auf die Liebesbeziehung realistischer als viele andere Bücher. Nicht zuletzt hat er mich und mehrere andere Leserinnen rätseln lassen, gut unterhalten und zum Nachdenken gebracht.

 

Bewertung

 
💫💫💫💫 und ein halber 💫



Montag, 25. Januar 2021

Gratis Download "Das Bildnis des Grafen" vom 25. - 30. Januar

Es gibt wieder mal eine Aktion zu meinem *schaurigen* Debütroman "Das Bildnis des Grafen". Auf der Ebook-Plattform Xinxii könnt ihr in den nächsten fünf Tagen das Buch mithilfe des Gutscheincodes 

370246

kostenlos herunterladen. Einfach auf meine Autorenseite dort gehen und beim Abschließen des Einkaufs den Coupon einlösen. Oder direkt auf der Buchseite aktivieren. Allerdings solltet ihr schnell sein; die Downloads sind begrenzt.

 

Ich wünsche viel Spaß beim Lesen und würde mich über Feedback hier auf meinem Blog, via Facebook oder Rezensionen auf Amazon / euren Bücherblogs sehr freuen!

 


Donnerstag, 14. Januar 2021

Leserunde "Jane Eyre" von Charlotte Bronte

Irgendwie habe ich in der kalten Jahreszeit immer das Problem, dass ich zu faul zum Lesen bin. Ich weiß nicht, woran es liegt, dass ich lieber auf dem hochsommerlichen Balkon zu einem Buch greife und ab September eher vor der Glotze oder dem PC abhänge. Jedenfalls wollte ich dem zumindest zeitweise ein Ende machen. Eine gute Gelegenheit, die winterliche Leseträgheit zu überwinden, ist die Teilnahme an einer Online-Leserunde, bei der eine kleine Anzahl Leser dasselbe Buch diskutiert.
 


Da ich erst zur Weihnachten "Jane Eyre" geschenkt bekam und dieser Roman vor kurzem zur Debatte auf dem Bücherforum stand, habe ich mich flugs angemeldet und bin nun tatsächlich schon über die Hälfte und meinen "Mitstreiterinnen" damit um einige Kapitel voraus. Ich bin eher eine langsame Leserin, und somit hat mich mein ungewohnt rasantes Tempo selbst überrascht. 

Neu ist die Geschichte für mich ja auch nicht - im geschriebenen Wort wirkt sie aber natürlich nochmal anders. Ob besser, kann ich (noch) nicht sagen, was mir wieder einmal beweist, wie akribisch und sorgfältig die BBC-Miniserie umgesetzt wurde. Wahrscheinlich ist deshalb auch meine Meinung über den sarkastischen und etwas rechthaberischen Rochester milder als sie es wäre, wenn er für mich nicht die Züge von Toby Stephens hätte - der perfekte Schauspieler für den perfekten Rochester (keine Widerrede!). Und daher schon dreimal nicht hässlich... (O:

Andererseits finde ich ihn von allen Charakteren im Roman am glaubwürdigsten, auch ohne Mr. Stephens markant interessantes Gesicht. Er ist launenhaft, manchmal geschwätzig und hat ein Faible für derbe Scherze, doch zugleich wirkt er belesen, klug und zurückhaltend. Und er betrachtet Jane - eine einfache Gouvernante weit unter seinem Stand - als "Freundin". Die meisten anderen Figuren erscheinen mir auf gewisse Weise eindimensional und wenig überraschend. Stereotyp halt. Wobei man bedenken muss, dass der Roman 1847 veröffentlicht wurde und Charlotte Bronte vielleicht gar keine Stereo-, sondern Arche- und Prototypen erschaffen hat mit dem dogmatischen strengen Mr. Brocklehurst und der verbittert bösen Tante Reed oder der sanftmütigen, tiefgläubigen Helen (die ich geliebt habe, trotz ihrer schier unglaublichen Reife für die zarten dreizehn Jahre, die sie zählt).

Doch zurück zu Rochester. Dass er sich nach seiner Odyssee durch die halbe Welt die Titelheldin als Gefährtin wünscht, ist absehbar und auch nur gerecht, wenn man bedenkt, wie sehr die kleine Pragmatikerin Jane für ihn entflammt und ihre Empfindung in schöne, aber völlig unkitschige Worte fasst, wenn sie ihren geliebten Herrn beobachtet. Das gefällt mir gut im Roman, denn die Gefühle und Reflektionen kommen in einer Verfilmung, so gut sie auch sein mag, naturgemäß zu kurz.

Charlotte Brontes Gespür für ihre Figuren muss man wirklich bewundern. Manchmal wird sie zwar ein wenig weitschweifig und verliert sich gerne in etwas hochgestochenden Konversationen ihrer Protagonisten, für die neben der Liebe vor allem die Vernunft regiert, aber auch das schiebe ich mal gutmütig auf das Alter des Klassikers. Und auf Janes erstaunlich emanzipierte Art, mit Rochester umzugehen.

Bisher machen mir der Roman und auch die nette Runde der Teilnehmerinnen richtig Spaß. Und es spornt zum Lesen an. Mit "Jane Eyre" habe ich allerdings auch Glück - eine geheimnisvolle, sprachlich und psychologisch ausgefeilte Geschichte in einem abgelegenen Herrenhaus mit unheimlichen Elementen - das ist genau mein Ding! Bin gespannt, ob ich so euphorisch bleibe. Denn sobald es zu romanzig wird, bin ich meist nicht mehr so angetan, das weiß ich...








Sonntag, 10. Januar 2021

Zum Gedenken an Opa Paul

Heute hätte mein Opa Geburtstag. Über hundert Jahre wäre er schon, und ich wette, er hätte sich gefreut, so alt zu werden. Denn mein Opa war ein lebenslustiger Mensch, bis zuletzt. Allerdings - er möge mir verzeihen - nicht unbedingt liebenswert, zumindest nicht, solange er der "alte" Opa war. Er war das, was man am ehesten mit "Opportunist" beschreibt: jemand, der seinen Vorteil auf Kosten anderer sucht, und Leute, die nicht seiner Meinung waren oder er als schwach empfand, hat er offen verachtet oder hinter deren Rücken schlecht gesprochen. Als Kind habe ich das nicht gemerkt; ich war gern bei meinen Großeltern. Erst später wurde mir bewusst, dass meine Oma diejenige war, die mich oft in Schutz vor seinen Spötteleien genommen hat. Eigentlich habe ich ihn nämlich bewundert. Bis ins hohe Alter war er viel unterwegs - hoch zu Ross, mit dem Fahrrad, und später - nach Omas frühem Tod - mit seiner Lebensgefährtin auf Fernreisen um die ganze Welt. Dafür nahm er einige Unannehmlichkeiten in Kauf, vor denen ich selbst in jungen Jahren zurückgeschreckt wäre.

 

In Thailand mit der Reisegruppe

Am Ort kannte man ihn wie einen bunten Hund. Gartenarbeit und seine Rosen waren neben lautem Singen im Liederkranz und auf Ausflügen seine zweite Leidenschaft, und er half häufig den Nachbarn bei der Pflege derselben. Immer auf seine Art, die natürlich keine Kompromisse duldete. Da er keinen Führerschein besaß, musste man ihn sofort und wenn er es wollte, überall hinfahren oder Botengänge für ihn erledigen. Wirklich nicht sympathisch. Und trotzdem denke ich ein bisschen mit Wehmut an ihn. In seinen letzten Jahren hat er sich nämlich geändert und dank meiner Mutter viel aus seinem Leben aufgearbeitet, das für sein bestimmendes Wesen verantwortlich war. Trotz Demenz war es ihm möglich, seine Kriegserlebnisse zu rekapitulieren und die schleichende Vergessenheit mit pflanzlichen Mitteln und dem Gebet seiner Tochter zu besiegen, so dass er am Ende seines Lebens völlig klar war. 

Ins Detail möchte ich nicht gehen, aber ich fand es sehr bemerkenswert, dass er meine Schwester und mich kurz vor seinem Tod mit 92 Jahren allein sprechen wollte. Unter Tränen hat er sich entschuldigt für all das, was er uns angetan hat - bewusst oder unbewusst. Ich war erschüttert, denn ich hatte meinen Opa nie weinen gesehen. Und mir fiel ein, wieviel Gutes auch in ihm gesteckt hat. Sein Lieblingsspruch war "Wo man singt, da lass dich ruhig nieder; schlechte Menschen haben keine Lieder."



Geprägt hat er auch das Keller'sche Weihnachtsfest mit dem schönen Lied "Heil'ge Nacht o gieße du", das er gemeinsam mit den drei Söhnen in studioreifer Baritonlage jedes Jahr zum Besten gab, obwohl es gar kein Weihnachtslied war. Auf seinem Krankenbett hat er das mit meiner Mutter gesungen, nachdem er sich im Pflegeheim nicht ruhigstellen lassen wollte, ins Krankenhaus überwiesen wurde und dort um ein Haar eine Magensonde gelegt bekam. 

Daraufhin nahm meine Mutter ihn mit nach Hause, und wir pflegten ihn mithilfe dreier netter Männer aus Polen, die im Schichtwechsel bei Opa in seinen eigenen vier Wänden blieben und ihm zur Hand gingen. Bis zuletzt blieb Opa geistig wach, obwohl die Nächte oft schwer waren und die Familie auf den Plan riefen, um mit Opa zu beten oder ihn zu besänftigen, wenn er Alpträume und Visionen vom Krieg hatte und um sich schlug. 

Wenn er gut drauf war, nahm ich ihn zu meinem Reitunterricht mit, wo er seine Geschichten als Kavallerist und Reitlehrer mit der ihm eigenen Übertreibung erzählen durfte und alle Mädels dort um den kleinen Finger gewickelt hat. Ein Charmeur war er nämlich, wenn es um Frauen ging... und natürlich ein Experte in Sachen Pferde.

 

Fesch auf dem Zuchthengst Jugol

 

Manchmal vermisse ich ihn. Ich habe auch ehrlich getrauert und viel geweint, nachdem er nicht mehr da war. Innerhalb der Familie gab es den Ausspruch, dass Opa uns alle überlebt. Leider war es nicht so. Aber ich habe den Trost, dass er sich in seinen letzten Wochen zu Gott gewandt hat und ich ihn ganz bestimmt im Himmel wiedersehe, wo er mich mit einem aufmunternden "Auf, Auf, Aaa-auf!" begrüßt.

In dem Sinn, Opa Paul, alles Gute zu deinem Geburtstag!









Mittwoch, 23. Dezember 2020

's ist scho' wieder Weihnachten...

Auf den Jahresrückblick möchte ich verzichten. In einigen Beiträgen habe ich bereits berichtet, wie für mich das Jahr 2020 war. Im Großen und Ganzen nicht gar so schlecht, wie man vermuten könnte. Für vieles war ich dankbar, habe mich über kleine, einfache Dinge gefreut. Ein schönes Lied im charmanten 1970er Jahre Countrystyle im Frühstücksradio zum Beispiel, das mich auch jetzt noch zum Weinen bringt (wobei das morgens keine besonders große Kunst ist - kurz nach dem Aufstehen und vor der ersten Tasse Kaffee ist meine emotionalste Tageszeit). Oder mehr Zeit mit meiner Familie, Wanderungen und Kurzfahrten durch die Umgebung, die ich dadurch ein wenig besser kennengelernt habe. Begegnungen auf der Straße, die zwar kurz, aber herzlich waren. Nächstes Jahr kann ich euch hoffentlich wieder alle umarmen / auf einen Kaffee einladen!

 

 

Gerne würde ich wieder etwas Weihnachtliches posten wie jedes Jahr. Heute ist in der Tat der erste Tag, an dem ich trotz Dauerregen so etwas wie Feiertagsstimmung empfinde und ein bisschen Weihnachten. Auch wenn die Straßen aufgrund des Lockdowns ungewöhnlich menschenleer und trist wirken. Wie lange das noch anhält, steht in den Sternen. Offiziell sollen die Geschäfte noch bis Mitte Januar geschlossen bleiben. Ein bisschen bin ich auch froh, dass wir unseren Bastel- und Geschenkeladen schon vor sieben Jahren dichtgemacht und das WIRTHsHAUS neu konzipiert haben. Die Raumvermietungen und Workshops laufen derzeit zwar auch nicht, aber als Einzelhandelsunternehmen mit einem Riesenlagerbestand hätte uns Corona das Genick gebrochen. So hatten wir immerhin noch unseren Onlineshop, der uns gut über Wasser hält und es uns jetzt am Jahresende sogar ermöglicht, den damals aufgenommenen Kredit für das neue Konzept weitgehend zu tilgen. Das war vielleicht die schönste Neuigkeit in einem ansonsten eher unerfreulichen Jahr. 

Aber eine noch schönere Neuigkeit / Nachricht gibt es, die nie alt wird und immer wunderbar und unglaublich scheint. Die der Geburt von Jesus, der als Mensch und Gott zugleich die Welt verändert und allen Menschen Hoffnung und ewiges Leben geschenkt hat, die an ihn glauben. Aus meiner Erfahrung heraus kann ich sagen, dass es mir viel leichter fällt, mit der Pandemie umzugehen und damit fertigzuwerden, wenn ich all meine Sorgen auf ihn werfe. Ohne das wäre ich vermutlich schon lange verzweifelt. Aber wenn man sicher weiß, dass Gott nur das Beste für die Menschen will und sich persönlich unter seinen Schutz stellt, gibt es nichts, wovor man Angst haben müsste.

 


 Und wo ich gerade von Schenken spreche: Materiell so reich beschenkt wie dieses Jahr wurde ich zu Weihnachten, glaube ich, seit meiner Kindheit nicht mehr. So viele Leute haben an mich gedacht! Nachbarn, Kunden, Freunde und unsere Lieferanten haben Aufmerksamkeiten vorbeigebracht oder mit der Post geschickt. Das war wirklich etwas Besonderes und hat in der speziellen Situation richtig gutgetan, in der man sich zuweilen doch recht abgeschnitten fühlt von der Außenwelt. 

Ich wünsche euch, dass ihr ein besinnliches Weihnachtsfest feiern könnt - vielleicht bewusster als die Jahre zuvor. Auch wenn Corona viel verhindert und verändert hat, so kann man es doch als Chance ergreifen, gewisse Dinge mal anders zu machen, zu entschleunigen und sich auf das zu konzentrieren, was wichtig ist im Leben. Evtl. sogar Konsequenzen ziehen für die Zukunft, denn die Erde ist nicht selbstverständlich und unter allen Umständen für uns da, wenn wir sie nicht gut behandeln oder sorglos weitermachen wie bisher. Und ihr wisst ja: Am Ende wird alles gut, und wenn es nicht gut wird, ist es nicht das Ende. Das sagte bekanntermaßen der kluge Oscar Wilde, und der hatte fast immer recht.



Sonntag, 20. Dezember 2020

Unsere kleine Farm (Little House on the Prairie) ~ Lieblingsserie seit Jahren endlich auf Blu Ray!

Auf Weihnachten hin habe ich mir ein besonderes Geschenk gemacht. Eine Blu Ray-Box voller Kindheitserinnerungen nämlich. "Unsere kleine Farm" hat mich von klein auf begleitet, ähnlich wie Bonanza. Und bis heute kann ich mich dem Zauber der Serie nicht entziehen, vielleicht sogar im Gegenteil. Vieles, was ich als Kind zwar schön fand, aber nicht wirklich verstanden habe, wirkt auf mich nun noch schöner und wahrer als damals. Zu Recht ist die Serie ein Klassiker, der fast fünfzig Jahre nach der Erstausstrahlung immer noch in ausgewählten Fernsehprogrammen läuft und nostalgische Erwachsene und Kinder glücklich und nachdenklich macht mit den berührenden, tiefsinnigen Geschichten rund um die gnadenlos sympathische Siedlerfamilie Ingalls (Michael Landon als patenter und warmherziger Pa, Karen Grassle als mitfühlende Ma, Mary Sue Anderson als die kluge Mary, Melissa Gibert als vorwitzige Laura und das liebenswert täppische Nesthäkchen Carrie, das von den Zwillingen Lindsay und Sidney Greenbush verkörpert wird).



Ich konnte es natürlich nicht abwarten und habe sofort nach Erhalt der Box angefangen, in Erinnerungen zu schwelgen. Die Abende werden zu Nächten, in denen ich mich mitfreue und mitleide, wenn Pa und Ma und ihre süßen Mädels von den Wäldern Wisconsins aufbrechen auf die Suche nach einem Zuhause, das sie in der kleinen Siedlung Walnut Grove in Minnesota finden. Dort erleben sie allerhand Abenteuer, werden aber auch vor Herausforderungen gestellt, die sie mit dem Glauben an das Gute und ihr Vertrauen zu Gott meistern. Die Folgen sind so vielschichtig, universell und abwechslungsreich, dass sich jeder Zuschauer in einer der Figuren wiederfinden kann und die eine oder andere Situation ähnlich erlebt hat. Da wäre zum Beispiel Lauras erster Liebeskummer oder die von Spielen ausgeschlossene Olga, die ein zu kurzes Bein hat, um das sich Pa Charles kümmert, indem er Olga einen Spezialschuh anfertigt, mit dem sie endlich keine Außenseiterin mehr sein muss. Ach, das war so schön anzusehen, wie sie ihm in stummer Dankbarkeit in die Arme fällt, nachdem sie ihre ersten Schritte mit dem neuen Schuh getan hat.

Auch die übrigen Bewohner von Walnut Grove sind meist wohlwollend und herzlich. Da ist der Sägewerkbetreiber Hanson, der sich einen freundlichen Uhrenwettstreit mit Doc Baker liefert, die moralisch korrekte Witwe Synder, die sich in den rauhbeinigen Isiah Edwards verliebt und mit ihm in den Mittagspausen ganz undamenhaft einen bechert, die geltungssüchtige Kolonialwarenhändlerin Hariett Oleson und ihr gutmütiger Mann Nels mit deren verwöhnten Bälgern Nellie und Willie, die Mary und Laura aufgrund ihrer einfachen Herkunft sticheln und triezen, sowie immer wieder neu auftauchende renommierte Gaststars, die einem trotz eines kurzen Auftrittes schnell ans Herz wachsen. Etwa Ernest Borgnine als Jonathan, der sich als Lauras Schutzengel herausstellt, als sie ihren kleinen verstorbenen Bruder in den Bergen sucht und ihn gegen sich selbst für Gott eintauschen möchte, weil Pa sich immer einen Jungen gewünscht hat. 

Die spirituell angehauchten Episoden sind wohl meine favorisierten, doch auch der Alltag der Ingalls ist alles andere als eintönig oder langweilig, oft sogar dramatisch, und nicht immer nimmt alles ein gutes Ende. Obwohl die Serie im späten 19. Jahrhundert spielt und von vielen vielleicht als spießig, altmodisch oder (zu Unrecht) "Heile-Welt-Vorgaukelei" abgetan wird, finde ich ihre Botschaft von Nächstenliebe und Respekt und Würde für jeden Menschen heute wichtiger denn je.

 

Patchwork gibt's bei den Ingalls nur auf Stoffen

 

Zwar kann ich mich schwer entscheiden, wen ich eigentlich am liebsten mag und am interessantesten finde im Ingalls-Universum (die Olesons als Kaufmannsfamilie waren mir nie so unsympathisch wie sie konzipiert waren, auch wenn ich ihren sagenhaften Ruf als reichste Bürger der Stadt nie wirklich nachvollziehen konnte), aber ich glaube, es sind doch Pa Charles und Ma Caroline. Vielleicht, weil ich als Kind immer dachte, dass sie meinen Eltern so ähnlich sind. Und irgendwie sind sie es tatsächlich. Wie Pa hat auch mein Vater in einem Sägewerk gearbeitet und ist ein patenter Handwerker, während meine Mutter in allem das Gute sieht und sich nicht unterkriegen lässt. 

Ma verlässt sich in vielen Angelegenheiten auf Pa, doch wenn es hart auf hart geht, steht sie ihren Mann. Das mag ich an ihr besonders. Sie ist keine toughe Tussi oder wehleidige Zicke wie die meisten aktuellen weiblichen Serienfiguren, sondern packt mit an, ohne dabei ihren femininen Charme einzubüßen. Außerdem ist sie unglaublich hübsch durch ihre positive Ausstrahlung. Obwohl sich Michael Landon und Karen Grassle offenbar hinter der Kamera nicht ganz so gut verstanden wie davor, kann man kaum glauben, dass sie nicht auch in echt das Dreamteam der Fernsehgeschichte waren / sind. Die Kinder sind mit der Serie übrigens großgeworden und gründen in späteren Staffeln ihre eigenen "little houses."

Apropos Dreamteam und Über-Pa Charles Ingalls: Dass Michael Landon - Hauptdarsteller, Autor, Regisseur und Produzent vieler Episoden - nicht so perfekt war wie in seinen Serien, sondern eigenwillig und bisweilen auch rücksichtslos seine Vorstellungen durchgesetzt hat und ein Mensch mit Fehlern war, kann man ihm meiner Meinung nach nicht vorwerfen. Was für mich zählt, ist sein Werk; das, was er der Nachwelt hinterlassen hat. Etwas einzigartig Schönes, das viele Menschen glücklich macht und ihnen Hoffnung gibt. Und das macht ihn für mich irgendwie tatsächlich zu einem Engel auf Erden.

 

Bildquelle: Pinterest


Donnerstag, 26. November 2020

Corona- oder Herbstblues? Vielleicht ein bisschen von beidem...

Seit Corona bzw. März läuft das Jahr 2020 ja irgendwie auf Sparflamme. Aufgrund der vielen Verordnungen und ständig wechselnden Maßnahmen ließen sich Arbeit und Freizeit kaum aktiv gestalten, wie zum Beispiel mit Fernurlaub (nicht dass ich den jedes Jahr hätte oder bräuchte), Treffen, Konferenzen und Feiern und kulturellen Besuchen von Kino, Theater oder Konzerten. Stattdessen gilt Home Office, "social distancing", Mundschutzmaske auf beim Einkauf und in der Schule und mehr oder weniger Aufmüpfigkeit der Regierung gegenüber, weil man sich seiner Grundrechte beraubt fühlt. Wenigstens sind die Freitagsdemonstrationen vor unserem Haus untersagt, in denen die Menschen ohne Maske und Abstand symbolisch die Demokratie zu Grabe tragen (ich lasse das mal unkommentiert...).


 

Glücklicherweise bin ich gern in meiner schnuckeligen Wohnung und brauche nicht ständig Action oder andere Menschen um mich herum, damit ich mich nicht langweile. Auch bin ich einer gewissen Routine nicht abgeneigt und kann darin sogar Positives entdecken. Kino und kulturelle Verantstalungen vermisse ich wohl am meisten, aber auch einfach mal Bummeln in der Stadt. Erst jetzt wird mir bewusst, wie oft ich das früher gemacht habe. So ganz unbeschwert losrennen ist nun nicht mehr ("Hab' ich denn auch die Maske einstecken?").

Spazieren gehen wir nach wie vor, denn frische Luft ist auch ohne Corona wichtig. Besonders die längeren an Sonntagen mit der Familie genieße ich. Letztens hatten meine Eltern Geburtstag, und wir haben Gans im nahegelegenen Restaurant bestellt und im Atelier bei Kerzenlicht gemeinsam mit Onkel und Tante gefeiert. Ich habe zwar kein Foto, aber sie war riesig und sehr lecker! Kein Geburtstag wie sonst, möchte man sagen. Der bleibt bestimmt noch lange in Erinnerung. Irgendwie war es auch urig und schön. 

 

Nach der Party

 

Und trotzdem wünsche ich mir nichts mehr, als dass wir bald wieder zur Normalität zurückkehren können. Viele unken ja, dass dies erst der Anfang wäre oder Covid-19 nun dauerhaft zum Alltag gehören würde und nur eine Impfung entsprechenden Schutz brächte. Bei letzterem Punkt bin ich skeptisch. Immerhin infizieren sich viele Grippe-Geimpfte immer noch mit den Viren. Und überhaupt: von Impfungen halte ich aus gutem Grund nicht besonders viel. Lieber booste ich mein Immunsystem mit anderen Mitteln. Hier bin ich dankbar, die Möglichkeit zu haben, auf natürlichem Weg gesund und fit zu bleiben. Als Familie greifen wir alle auf Produkte von Ringana und Juice Plus zurück, die sich für uns bewährt haben und zudem umweltfreundlich und nachhaltig hergestellt werden - vom Inhalt bis zur Verpackung. 

Der Mundschutz für Unterwegs und im zwischenmenschlichen Umgang außerhalb der Familie muss freilich sein, auch wenn ich ihn nicht wirklich kleidsam oder effektiv finde. Allerdings bin ich über die aggressive Reaktion mancher Maskengegner, vor allem auf sozialen Medien-Plattformen, schon erstaunt. Klar, sich das Teil über das halbe Gesicht zu streifen und damit rumzulaufen ist kein Vergnügen, aber ich bin optimistisch, dass es nur vorübergehend ist, schon allein der Schulkinder wegen. Manchmal fürchte ich allerdings, dass der gesellschaftliche Abstand und das Maskentragen beibehalten werden könnten, wenn sich herausstellt, wie viel weniger Ansteckungen klassischer Erkältungskrankheiten es in diesem Jahr gegeben hat. Das fände ich schade, zumal man hört, dass sich viele mittlerweile an die Maßnahmen und vermummten Leute in den Straßen gewöhnt haben. Dann wären wir auf dem besten Weg dazu, Bakterien und Viren, die uns ständig umschwirren und eine starke Abwehr aktivieren, zu unseren Feinden zu erklären und uns somit zu Sagrotan-Weichlingen, die jedes Staubkörnchen fürchten.

 

Hrrmmpf...
 

Alles in allem bin ich gerade ein bisschen melancholisch drauf und schiebe es auf den Herbst, in dem ich immer am liebsten in den Winterschlaf-Modus fallen würde. Denn jammern steht mir eigentlich nicht zu. Unser online-Rollladenshop floriert nach wie vor, so dass wir auch keine wirtschaftlichen Einbrüche beklagen müssen wie viele andere Unternehmer und Gastronomen vor Ort. Manchmal, d.h. normalerweise einmal pro Woche, liefern wir die Ware sogar selbst an, wenn sie zu lang oder sperrig ist für die Post oder im Umkreis von 50 km bestellt wurde. Im Sommer sind wir sogar an die bayerische Grenze gefahren. Auch das ist etwas, das mir sehr viel Freude macht, kommt man doch raus und sieht etwas anderes. Fast so wie Urlaub. (O;

 


Und zum Schluss empfinde ich große Dankbarkeit, dass ich privilegiert bin. Das klingt vielleicht ein bisschen schwülstig, aber wenn man genau darüber nachdenkt oder Lebensgeschichten aus dem Bekanntenkreis oder aus den Medien erfährt, ist es wahr. Eine Freundin aus Nigeria hat uns Dinge erzählt, die wir uns hier gar nicht vorstellen können oder mögen. Dass sie ihr Geburtsdatum nicht weiß, ist dabei schon nebensächlich. In ihrem Land wurde sie aufgrund ihres christlichen Glaubens und der Politik ihres Mannes verfolgt, und sie musste mit fünf Kindern fliehen, die heute in der ganzen Welt verteilt sind. Im Nachhinein, sagt sie, war es gut so, und sie ist trotz dem Erlebten eine fröhliche Frau, die gerne lacht und sich in unsere Herzen geschlichen hat. Und dennoch gewinnt ein vorübergehender Lockdown angesichts einer solchen Geschichte eine völlig andere Dimension. Ich finde, man sollte so etwas bedenken, bevor man sich hier über ein Wanken der Demokratie und Einschränkung der persönlichen Freiheit beschwert.






Sonntag, 1. November 2020

Tribut an Sir Sean Connery (1930 - 2020)

Die sozialen Medien waren voll davon: gestern ist der einzig wahre James Bond von seiner Majestät nach Hause in den Himmel gerufen worden, weil seine Mission auf Erden erfüllt war. Mit 90 Jahren ist er laut seiner Familie friedlich im Schlaf gestorben, und das ist sicher ein Abgang, den sich jeder wünscht. Von daher konnte das meine Traurigkeit ein wenig mildern. Und traurig war ich. Nicht, weil mit Sean Connery ein großer Schauspieler der alten Garde die Welt verlassen hat und ich mit 20 Jahren total verknallt war in den alten Knochen. Und auch nicht, weil ich James Bond-Filme eigentlich doof finde und mir nur die mit Sean Connery irgendwie gefallen haben. Einige Szenen sind mir noch so vor Augen, dass ich beim Gedanken daran schon grinsen muss (legendär die metaphorisch und in echt abgestandene Champagnerflasche aus "Goldfinger"). Nein, es liegt wohl daran, dass er für mich immer so etwas unheimlich Vertrautes hatte. In meiner Familie mütterlicherseits gibt es optisch den selben ausdrucksstarken Typ; tatsächlich erinnert mein Onkel ein wenig an ihn, und Uropa Fritz muss ihm anscheinend noch ähnlicher gewesen sein (leider gibt es keine Fotos).

Filme habe ich erstaunlicherweise nicht allzu viele mit ihm gesehen, obwohl mich "Die Wiege der Sonne" während eines Fluges nach Teneriffa meine Flugangst hat vergessen lassen. Tatsächlich gibt es einige, die mich beeindruckt haben wie Hitchcocks "Marnie" (1964), in der er sich als Psychologe versucht, und der im Urwald unter Eingeborenen hausende "Medicine Man" (1992). Auch der detektivische Mönch William von Baskerville aus "Der Name der Rose" (1986) und Indiana Jones' pfiffiger Vater auf der Suche nach der Bundeslade bleiben mir unvergesslich. 

Viele dieser Filme hätte ich ohne den charismatischen Schotten nie angeschaut. Selbst durch Cameoauftritte hat er jeden Film veredelt, etwa die meiner Meinung nach eher mittelmäßigen Blockbuster "Robin Hood - König der Diebe" und "Der letzte Ritter." Immer mit dabei hatte er dieses schelmische Zwinkern, das ihn schon als James Bond auszeichnet. Vielleicht war vor allem das sein Geheimnis. Humor und ein bisschen Chauvinismus, der keinem wehtut, Selbstironie und eine positive und unerschütterliche Präsenz haben ihn schon zu Lebzeiten zur Legende gemacht. Ich glaube nicht, dass es Talent war oder die Auswahl seiner Rollen, denn die waren sehr unterschiedlich. Es gibt keine Rolle (außer James Bond vielleicht), mit der man ihn und seine Verdienste in Verbindung bringt. Selbst die, für den er einen Oscar als bester Nebendarsteller erhalten hat, geht unter. Oder kann sich noch irgendwer an "Die Unbestechlichen" erinnern?

Eigentlich brauchte es nur Sean Connery, um ihn zu dem zu machen, was er war, und das ist das größte Ziel, das ein Mensch in den Herzen seiner Mitmenschen erreichen kann. Mit seiner Ausstrahlung und der athletischen und imposanten Erscheinung war er nicht nur ein Mann, dem die Frauen zu Füßen lagen, sondern ein Held mit Ecken und Kanten. Ich glaube, es gibt niemanden, der Sean Connery nicht mag. Auch oder gerade deshalb, weil er nicht immer politisch korrekt war. Das finde ich sehr viel sympathischer und erfrischender als das Massenverhalten, nur um ja niemandem auf den Schlips zu treten.

 Auf Facebook las ich einen Nachruf mit einem Zitat von Connery, das mich tief bewegt hat und folgendermaßen lautet: 

 "I haven't found anywhere in the world where I want to be all the time. The best of my life is the moving. I look forward to going."

Falls es tatsächlich von ihm stammt und er es so oder ähnlich gesagt hat, dann steht der großen Reise nun nichts mehr im Weg. Und ich hoffe sehr, dass es dort nicht nur einen Golfplatz gibt, sondern auch das, wonach er immer gesucht hat. Ein Platz zum Verweilen und Glücklichsein. Und vielleicht ein paar Bond-Girls, die ihm seinen geschüttelten Martini servieren.

 Auf Wiedersehen, Sir Sean! RIP möchte ich nicht sagen, denn so vital und rüstig wie er im hohen Alter noch war, würde ein "Ruhe in Frieden" gar nicht zu ihm passen.



Donnerstag, 15. Oktober 2020

Review "My Brother's Keeper" (Adam Cartwright und sein Problem) ~ Bonanza, Staffel Vier / Folge 28 (1962)

Nachdem ich nun über den Sommer bis in den Herbst hinein meinem Bonanza-Marathon gefrönt habe, picke ich mir eine meiner Lieblingsfolgen heraus. "My Brother's Keeper" ist einer unter Fans ziemlich kontrovers diskutierte Episode, die Little Joe und seinen großen Bruder Adam in den Mittelpunkt stellt.

Manche finden sie gut, und noch mehr Zuschauer kritisieren sie aufgrund vermeintlicher Logikfehler, Adams Widerwillen gegen den unzivilisierten Wilden Westen und einer wie folgt "fanfictionesken" 

Handlung: Die Cartwright-Brüder Adam und Joe sind in den Bergen unterwegs, um einen Wolf zu jagen, der ihre Rinder reißt. Als Adam die Jagd aufgeben will, widerspricht Joe und reitet auf eigene Faust weiter. Ein Schuss aus dessen Gewehr lässt Adam zu ihm aufschließen. Er sieht den Wolf zwischen zwei Felsen, feuert die Waffe und trifft seinen Bruder, der ihm in die Schussline läuft. Das Chaos macht den Wolf angriffslustig, und der verletzte Joe muss mit einem angemalten Schäferhund ringen, bis ihn Adam erlöst, indem er die Bestie mit dem Gewehr erschlägt. Und dann nimmt das Drama seinen Lauf. Zu Hilfe eilende Gäste, die Weisheiten parat haben, die Adam bei dem ganzen Trubel so gar nicht brauchen kann, ein unabkömmlicher Doktor im Umkreis von 50 (!) Meilen und Siedler, die die Cartwrights mit einer Wundermedizin für Little Joe erpressen, machen Adam als ältestem und verantwortungsvollem Bruder das Leben auf der Ponderosa noch schwerer als es ohnehin ist. Kein Wunder, dass er sich hin und wieder zu sarkastischen Bemerkungen gegenüber den Hausgästen hinreißen lässt, die so manchen Zuschauer vor den Kopf stoßen. Die Bemerkungen, nicht die Hausgäste (oder doch?).


"Du hast ihn getroffen, Adam. Und mich."

 

Zu wissen ist dabei, dass Adam als einziger der drei Brüder im Osten studiert hat und der Schauspieler Pernell Roberts im Allgemeinen extrem unzufrieden war mit seiner Charakterisierung in der Serie und dem Großteil der Drehbücher. Er verließ die Serie trotz hoher Quoten und einer Gage von mehreren tausend Dollar pro Folge nach sechs Staffeln. Noch heute kennt man in Hollywood den Spruch "To pull a Pernell", wenn man einer erfolgreichen Sache den Rücken kehrt und sich stattdessen selbst verwirklichen möchte. 

Dafür, dass sich der am Theater klassisch ausgebildete Mr. Roberts nicht wohl gefühlt hat als Adam Cartwright, füllt er die Rolle des Ältesten allerdings überzeugend aus - meiner Meinung nach besonders dem Jüngsten gegenüber, zu dem er ein auf den ersten Blick etwas herablassendes, aber besonderes Verhältnis hat. Irgendwie ist er tatsächlich seines Bruders Hüter, was in dieser Folge am besten zum Ausdruck kommt. Von seiner Ruhe und patenten Vorgehensweise war ich immer sehr beeindruckt, und die verlassen ihn auch in einer Extremsituation wie dieser nicht. Zwar plagen ihn Schuldgefühle, die Sehnsucht nach einer besseren Welt im Osten Amerikas, die irischen, wohlmeinenden Hausgäste und die skrupellosen Siedler vom Hochland, doch er verliert nie die Fassung und vermittelt dem fiebernden Joe eine Sicherheit, die für mich vor allem durch die schöne unaufgeregte Stimme trägt. Daher sollte man sich die Folge nach Möglichkeit im Original ansehen. Wer gut Englisch kann, wird auch einen inhaltlichen Unterschied in den Szenen zwischen Adam und Joe im Delirirum feststellen, der nicht unerheblich ist. 

 

Black is the new / old Sexy

 

Ganz toll finde ich auch Michael Landon als kranker und verletzter Little Joe. Er hatte ohnehin ein Talent fürs Dramatische, ohne over the Top zu sein, und wurde daher im Lauf der Serie öfter angeschossen, vom Pferd zertreten und mit Pfeilen niedergestreckt. In "My Brother's Keeper" nimmt er sich sehr zurück und ist eigentlich mehr oder weniger eine Nebenfigur, und trotzdem glaubt man keinen Moment, dass ihm nicht wirklich etwas wehtut und er in seinen Fieberträumen authentisch verzweifelt und herzzerreißend nach der Hilfe des großen Bruders fleht.

In Fan-Kreisen wird behauptet, dass sich die beiden privat nicht leiden konnten aufgrund ihrer unterschiedlichen Einstellung zu Bonanza, doch in meinen Augen haben sie eine Chemie untereinander, die in vielen Szenen nicht nur in dieser Folge häufig mit Blicken und einem Lächeln untermauert wird. Nicht zuletzt macht diese Chemie die Episode zu einer wirklich sehenswerten, selbst wenn sie einige Handlungslöcher haben mag und als Steilvorlage für haufenweise Fanfiction dient. Was ja an sich nichts Schlechtes ist.

Von psychologischer Warte betrachtet (die in mehreren Folgen erstaunlich oft beleuchtet wird), ist "My Brother's Keeper" eine der interessantesten, da sie sich mit einer Hauptfigur befasst und nicht - wie meist in den späteren Staffeln üblich - mit den Problemen eines für eine Folge neu eingeführten Charakters. Was man über Adams Gesinnung über den Wilden Westen vor allem im Gespräch mit Sheila und seinem Bruder Hoss erfährt, ist nicht überraschend und trotzdem ein wenig befremdlich, selbst da es aus früheren Folgen klar ersichtlich ist, wie wenig er mit Gewalt und Ungerechtigkeit konform geht. Auch, wenn ihm - wie in dieser Folge - nichts anderes übrig bleibt, als sich und die Familie mit einer Waffe zu verteidigen. Viele bemängeln Pernell Roberts' / Adams angebliche Gleichgültigkeit in Bezug auf seinen kleinen Bruder, da er nicht an dessen Bett bleibt. Ich würde sagen, dass die nach außen distanzierte Art zur Figur passt, abgesehen davon, dass es dramaturgisch ein wenig fad gewesen wäre, ihn ständig an Little Joes Bett Schlaflieder singen zu hören (oder auch nicht...).


"Ächzi..."

 

Natürlich gibt es noch Mr. Reardon mit seiner naseweisen Tochter, die sich - auch klar - heimlich in den sensiblen Adam verliebt, und den habgierigen Dowd samt Kumpane, die auf bequeme und illegale Weise zu Geld kommen möchten und den Cartwrights ihren Reichtum neiden. Das sind bewährte, sich wiederholende Motive der Serie, aber irgendwie machen sie auch Sinn und wirken glaubhaft. Am Ende wird alles gut, denn nachdem Adam der Situation Herr geworden ist, kehrt Pa Ben Cartwright von einem Telegramm alarmiert aus Placerville zurück (meinetwegen hätte man auf Lorne Greenes polternden Auftritt zum Schluss verzichten können), und Little Joe erholt sich nach einer weiteren Nacht vom Fieber der Wolfsbisse, da ihm endlich die Medizin verabreicht werden konnte. Die Kugel hatte der große Bruder bereits fachgerecht gleich nach der Ankunft auf der Ponderosa entfernt (auch das eine spannende und gut gespielte Szene, die Kultstatus unter Fans genießt).

 

Viele Männer weinen in stiller Verzweiflung. Sagt Mr. Reardon.
 

Insgesamt ist "My Brother's Keeper" eine herausragende Folge von Bonanza, sei es zum Guten oder zum Schlechten. Für mich persönlich zum Guten, und das nicht nur, weil ich mir mit Adam und Joe gemeinsam im Zentrum mehr Folgen gewünscht hätte. Der Stoff ist ungewöhnlich, vielleicht sogar trashig, beliebig interpretierbar und sorgt schon deshalb für Diskussionen auf einschlägigen Internet-Portalen. Ich bin schon erstaunt, dass eine so alte Serie in der Tat noch viele begeisterte Fans hat, die online miteinander über ihre Lieblings-TV-Familie kommunizieren. Allein das zeugt von einer Qualität, die man bei aktuellen Serien selten findet. 

Von mir gibt es daher fünf Cowboyhüte bzw. Sterne!

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Szenenfotos: Corina Conny Zöller, Julie Ackles / Facebook