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Sonntag, 20. Dezember 2020

Unsere kleine Farm (Little House on the Prairie) ~ Lieblingsserie seit Jahren endlich auf Blu Ray!

Auf Weihnachten hin habe ich mir ein besonderes Geschenk gemacht. Eine Blu Ray-Box voller Kindheitserinnerungen nämlich. "Unsere kleine Farm" hat mich von klein auf begleitet, ähnlich wie Bonanza. Und bis heute kann ich mich dem Zauber der Serie nicht entziehen, vielleicht sogar im Gegenteil. Vieles, was ich als Kind zwar schön fand, aber nicht wirklich verstanden habe, wirkt auf mich nun noch schöner und wahrer als damals. Zu Recht ist die Serie ein Klassiker, der fast fünfzig Jahre nach der Erstausstrahlung immer noch in ausgewählten Fernsehprogrammen läuft und nostalgische Erwachsene und Kinder glücklich und nachdenklich macht mit den berührenden, tiefsinnigen Geschichten rund um die gnadenlos sympathische Siedlerfamilie Ingalls (Michael Landon als patenter und warmherziger Pa, Karen Grassle als mitfühlende Ma, Mary Sue Anderson als die kluge Mary, Melissa Gibert als vorwitzige Laura und das liebenswert täppische Nesthäkchen Carrie, das von den Zwillingen Lindsay und Sidney Greenbush verkörpert wird).



Ich konnte es natürlich nicht abwarten und habe sofort nach Erhalt der Box angefangen, in Erinnerungen zu schwelgen. Die Abende werden zu Nächten, in denen ich mich mitfreue und mitleide, wenn Pa und Ma und ihre süßen Mädels von den Wäldern Wisconsins aufbrechen auf die Suche nach einem Zuhause, das sie in der kleinen Siedlung Walnut Grove in Minnesota finden. Dort erleben sie allerhand Abenteuer, werden aber auch vor Herausforderungen gestellt, die sie mit dem Glauben an das Gute und ihr Vertrauen zu Gott meistern. Die Folgen sind so vielschichtig, universell und abwechslungsreich, dass sich jeder Zuschauer in einer der Figuren wiederfinden kann und die eine oder andere Situation ähnlich erlebt hat. Da wäre zum Beispiel Lauras erster Liebeskummer oder die von Spielen ausgeschlossene Olga, die ein zu kurzes Bein hat, um das sich Pa Charles kümmert, indem er Olga einen Spezialschuh anfertigt, mit dem sie endlich keine Außenseiterin mehr sein muss. Ach, das war so schön anzusehen, wie sie ihm in stummer Dankbarkeit in die Arme fällt, nachdem sie ihre ersten Schritte mit dem neuen Schuh getan hat.

Auch die übrigen Bewohner von Walnut Grove sind meist wohlwollend und herzlich. Da ist der Sägewerkbetreiber Hanson, der sich einen freundlichen Uhrenwettstreit mit Doc Baker liefert, die moralisch korrekte Witwe Synder, die sich in den rauhbeinigen Isiah Edwards verliebt und mit ihm in den Mittagspausen ganz undamenhaft einen bechert, die geltungssüchtige Kolonialwarenhändlerin Hariett Oleson und ihr gutmütiger Mann Nels mit deren verwöhnten Bälgern Nellie und Willie, die Mary und Laura aufgrund ihrer einfachen Herkunft sticheln und triezen, sowie immer wieder neu auftauchende renommierte Gaststars, die einem trotz eines kurzen Auftrittes schnell ans Herz wachsen. Etwa Ernest Borgnine als Jonathan, der sich als Lauras Schutzengel herausstellt, als sie ihren kleinen verstorbenen Bruder in den Bergen sucht und ihn gegen sich selbst für Gott eintauschen möchte, weil Pa sich immer einen Jungen gewünscht hat. 

Die spirituell angehauchten Episoden sind wohl meine favorisierten, doch auch der Alltag der Ingalls ist alles andere als eintönig oder langweilig, oft sogar dramatisch, und nicht immer nimmt alles ein gutes Ende. Obwohl die Serie im späten 19. Jahrhundert spielt und von vielen vielleicht als spießig, altmodisch oder (zu Unrecht) "Heile-Welt-Vorgaukelei" abgetan wird, finde ich ihre Botschaft von Nächstenliebe und Respekt und Würde für jeden Menschen heute wichtiger denn je.

 

Patchwork gibt's bei den Ingalls nur auf Stoffen

 

Zwar kann ich mich schwer entscheiden, wen ich eigentlich am liebsten mag und am interessantesten finde im Ingalls-Universum (die Olesons als Kaufmannsfamilie waren mir nie so unsympathisch wie sie konzipiert waren, auch wenn ich ihren sagenhaften Ruf als reichste Bürger der Stadt nie wirklich nachvollziehen konnte), aber ich glaube, es sind doch Pa Charles und Ma Caroline. Vielleicht, weil ich als Kind immer dachte, dass sie meinen Eltern so ähnlich sind. Und irgendwie sind sie es tatsächlich. Wie Pa hat auch mein Vater in einem Sägewerk gearbeitet und ist ein patenter Handwerker, während meine Mutter in allem das Gute sieht und sich nicht unterkriegen lässt. 

Ma verlässt sich in vielen Angelegenheiten auf Pa, doch wenn es hart auf hart geht, steht sie ihren Mann. Das mag ich an ihr besonders. Sie ist keine toughe Tussi oder wehleidige Zicke wie die meisten aktuellen weiblichen Serienfiguren, sondern packt mit an, ohne dabei ihren femininen Charme einzubüßen. Außerdem ist sie unglaublich hübsch durch ihre positive Ausstrahlung. Obwohl sich Michael Landon und Karen Grassle offenbar hinter der Kamera nicht ganz so gut verstanden wie davor, kann man kaum glauben, dass sie nicht auch in echt das Dreamteam der Fernsehgeschichte waren / sind. Die Kinder sind mit der Serie übrigens großgeworden und gründen in späteren Staffeln ihre eigenen "little houses."

Apropos Dreamteam und Über-Pa Charles Ingalls: Dass Michael Landon - Hauptdarsteller, Autor, Regisseur und Produzent vieler Episoden - nicht so perfekt war wie in seinen Serien, sondern eigenwillig und bisweilen auch rücksichtslos seine Vorstellungen durchgesetzt hat und ein Mensch mit Fehlern war, kann man ihm meiner Meinung nach nicht vorwerfen. Was für mich zählt, ist sein Werk; das, was er der Nachwelt hinterlassen hat. Etwas einzigartig Schönes, das viele Menschen glücklich macht und ihnen Hoffnung gibt. Und das macht ihn für mich irgendwie tatsächlich zu einem Engel auf Erden.

 

Bildquelle: Pinterest


Donnerstag, 15. Oktober 2020

Review "My Brother's Keeper" (Adam Cartwright und sein Problem) ~ Bonanza, Staffel Vier / Folge 28 (1962)

Nachdem ich nun über den Sommer bis in den Herbst hinein meinem Bonanza-Marathon gefrönt habe, picke ich mir eine meiner Lieblingsfolgen heraus. "My Brother's Keeper" ist einer unter Fans ziemlich kontrovers diskutierte Episode, die Little Joe und seinen großen Bruder Adam in den Mittelpunkt stellt.

Manche finden sie gut, und noch mehr Zuschauer kritisieren sie aufgrund vermeintlicher Logikfehler, Adams Widerwillen gegen den unzivilisierten Wilden Westen und einer wie folgt "fanfictionesken" 

Handlung: Die Cartwright-Brüder Adam und Joe sind in den Bergen unterwegs, um einen Wolf zu jagen, der ihre Rinder reißt. Als Adam die Jagd aufgeben will, widerspricht Joe und reitet auf eigene Faust weiter. Ein Schuss aus dessen Gewehr lässt Adam zu ihm aufschließen. Er sieht den Wolf zwischen zwei Felsen, feuert die Waffe und trifft seinen Bruder, der ihm in die Schussline läuft. Das Chaos macht den Wolf angriffslustig, und der verletzte Joe muss mit einem angemalten Schäferhund ringen, bis ihn Adam erlöst, indem er die Bestie mit dem Gewehr erschlägt. Und dann nimmt das Drama seinen Lauf. Zu Hilfe eilende Gäste, die Weisheiten parat haben, die Adam bei dem ganzen Trubel so gar nicht brauchen kann, ein unabkömmlicher Doktor im Umkreis von 50 (!) Meilen und Siedler, die die Cartwrights mit einer Wundermedizin für Little Joe erpressen, machen Adam als ältestem und verantwortungsvollem Bruder das Leben auf der Ponderosa noch schwerer als es ohnehin ist. Kein Wunder, dass er sich hin und wieder zu sarkastischen Bemerkungen gegenüber den Hausgästen hinreißen lässt, die so manchen Zuschauer vor den Kopf stoßen. Die Bemerkungen, nicht die Hausgäste (oder doch?).


"Du hast ihn getroffen, Adam. Und mich."

 

Zu wissen ist dabei, dass Adam als einziger der drei Brüder im Osten studiert hat und der Schauspieler Pernell Roberts im Allgemeinen extrem unzufrieden war mit seiner Charakterisierung in der Serie und dem Großteil der Drehbücher. Er verließ die Serie trotz hoher Quoten und einer Gage von mehreren tausend Dollar pro Folge nach sechs Staffeln. Noch heute kennt man in Hollywood den Spruch "To pull a Pernell", wenn man einer erfolgreichen Sache den Rücken kehrt und sich stattdessen selbst verwirklichen möchte. 

Dafür, dass sich der am Theater klassisch ausgebildete Mr. Roberts nicht wohl gefühlt hat als Adam Cartwright, füllt er die Rolle des Ältesten allerdings überzeugend aus - meiner Meinung nach besonders dem Jüngsten gegenüber, zu dem er ein auf den ersten Blick etwas herablassendes, aber besonderes Verhältnis hat. Irgendwie ist er tatsächlich seines Bruders Hüter, was in dieser Folge am besten zum Ausdruck kommt. Von seiner Ruhe und patenten Vorgehensweise war ich immer sehr beeindruckt, und die verlassen ihn auch in einer Extremsituation wie dieser nicht. Zwar plagen ihn Schuldgefühle, die Sehnsucht nach einer besseren Welt im Osten Amerikas, die irischen, wohlmeinenden Hausgäste und die skrupellosen Siedler vom Hochland, doch er verliert nie die Fassung und vermittelt dem fiebernden Joe eine Sicherheit, die für mich vor allem durch die schöne unaufgeregte Stimme trägt. Daher sollte man sich die Folge nach Möglichkeit im Original ansehen. Wer gut Englisch kann, wird auch einen inhaltlichen Unterschied in den Szenen zwischen Adam und Joe im Delirirum feststellen, der nicht unerheblich ist. 

 

Black is the new / old Sexy

 

Ganz toll finde ich auch Michael Landon als kranker und verletzter Little Joe. Er hatte ohnehin ein Talent fürs Dramatische, ohne over the Top zu sein, und wurde daher im Lauf der Serie öfter angeschossen, vom Pferd zertreten und mit Pfeilen niedergestreckt. In "My Brother's Keeper" nimmt er sich sehr zurück und ist eigentlich mehr oder weniger eine Nebenfigur, und trotzdem glaubt man keinen Moment, dass ihm nicht wirklich etwas wehtut und er in seinen Fieberträumen authentisch verzweifelt und herzzerreißend nach der Hilfe des großen Bruders fleht.

In Fan-Kreisen wird behauptet, dass sich die beiden privat nicht leiden konnten aufgrund ihrer unterschiedlichen Einstellung zu Bonanza, doch in meinen Augen haben sie eine Chemie untereinander, die in vielen Szenen nicht nur in dieser Folge häufig mit Blicken und einem Lächeln untermauert wird. Nicht zuletzt macht diese Chemie die Episode zu einer wirklich sehenswerten, selbst wenn sie einige Handlungslöcher haben mag und als Steilvorlage für haufenweise Fanfiction dient. Was ja an sich nichts Schlechtes ist.

Von psychologischer Warte betrachtet (die in mehreren Folgen erstaunlich oft beleuchtet wird), ist "My Brother's Keeper" eine der interessantesten, da sie sich mit einer Hauptfigur befasst und nicht - wie meist in den späteren Staffeln üblich - mit den Problemen eines für eine Folge neu eingeführten Charakters. Was man über Adams Gesinnung über den Wilden Westen vor allem im Gespräch mit Sheila und seinem Bruder Hoss erfährt, ist nicht überraschend und trotzdem ein wenig befremdlich, selbst da es aus früheren Folgen klar ersichtlich ist, wie wenig er mit Gewalt und Ungerechtigkeit konform geht. Auch, wenn ihm - wie in dieser Folge - nichts anderes übrig bleibt, als sich und die Familie mit einer Waffe zu verteidigen. Viele bemängeln Pernell Roberts' / Adams angebliche Gleichgültigkeit in Bezug auf seinen kleinen Bruder, da er nicht an dessen Bett bleibt. Ich würde sagen, dass die nach außen distanzierte Art zur Figur passt, abgesehen davon, dass es dramaturgisch ein wenig fad gewesen wäre, ihn ständig an Little Joes Bett Schlaflieder singen zu hören (oder auch nicht...).


"Ächzi..."

 

Natürlich gibt es noch Mr. Reardon mit seiner naseweisen Tochter, die sich - auch klar - heimlich in den sensiblen Adam verliebt, und den habgierigen Dowd samt Kumpane, die auf bequeme und illegale Weise zu Geld kommen möchten und den Cartwrights ihren Reichtum neiden. Das sind bewährte, sich wiederholende Motive der Serie, aber irgendwie machen sie auch Sinn und wirken glaubhaft. Am Ende wird alles gut, denn nachdem Adam der Situation Herr geworden ist, kehrt Pa Ben Cartwright von einem Telegramm alarmiert aus Placerville zurück (meinetwegen hätte man auf Lorne Greenes polternden Auftritt zum Schluss verzichten können), und Little Joe erholt sich nach einer weiteren Nacht vom Fieber der Wolfsbisse, da ihm endlich die Medizin verabreicht werden konnte. Die Kugel hatte der große Bruder bereits fachgerecht gleich nach der Ankunft auf der Ponderosa entfernt (auch das eine spannende und gut gespielte Szene, die Kultstatus unter Fans genießt).

 

Viele Männer weinen in stiller Verzweiflung. Sagt Mr. Reardon.
 

Insgesamt ist "My Brother's Keeper" eine herausragende Folge von Bonanza, sei es zum Guten oder zum Schlechten. Für mich persönlich zum Guten, und das nicht nur, weil ich mir mit Adam und Joe gemeinsam im Zentrum mehr Folgen gewünscht hätte. Der Stoff ist ungewöhnlich, vielleicht sogar trashig, beliebig interpretierbar und sorgt schon deshalb für Diskussionen auf einschlägigen Internet-Portalen. Ich bin schon erstaunt, dass eine so alte Serie in der Tat noch viele begeisterte Fans hat, die online miteinander über ihre Lieblings-TV-Familie kommunizieren. Allein das zeugt von einer Qualität, die man bei aktuellen Serien selten findet. 

Von mir gibt es daher fünf Cowboyhüte bzw. Sterne!

 💫💫💫💫💫

 

Szenenfotos: Corina Conny Zöller, Julie Ackles / Facebook



Donnerstag, 6. August 2020

Bonanza, die Kultwesternserie (1959 - 1973)

Bei der ganzen unübersichtlichen Vielfalt auf Amazon Prime, Netflix und sonstigen Streamingportalen gibt es eine Serie, die mich seit meinen Kindertagen treu und mal mehr und mal weniger intensiv begleitet. "Bonanza" mit den Cartwrights auf der Ponderosa hat von jeher eine solche Faszination auf mich ausgeübt, dass es mich auf mehreren Ebenen inspririert und möglicherweise auch einige meiner Ansichten und Vorlieben geprägt hat.
 

L. Greene, P. Roberts, D. Blocker, M. Landon & all those pretty horses
 
 
Die Serie, die sich bis vor wenigen Jahren als TV-Dauerbrenner erwies, folgt einem Konzept, das zunächst sonderbar anmutet: Der Rancher Ben Cartwright (Lorne Greene) - ursprünglich weltgewandter Seemann - lebt mit seinen erwachsenen drei Söhnen Adam (Pernell Roberts), Hoss (Dan Blocker) und dem impulsiven Nesthäkchen Little Joe (Michael Landon), von denen jeder eine andere - mittlerweile jeweils natürlich verstorbene -  Mutter hat, in Nevada Territory in den 60ern des 19. Jahrhunderts. Erwähnenswert, da immer wiederkehrende Figuren, sind auch der ewig nörgelnde chinesische Koch Hop Sing (Victor Sen Yung) und der mit den Cartwrights befreundete Sheriff Roy Coffee (Ray Teal).
 
Ihr riesengroßer Besitz muss im Pilotfilm mit Klauen und Zähnen verteidigt werden, und auch im Lauf der weiteren Folgen gibt es immer wieder Neider oder ungebetene Siedler, doch die Cartwrights lassen sich nicht mehr so schnell aus der Ruhe bringen wie zu Beginn und versuchen, vernünftig auf jeden Neuling oder Fremden einzuwirken bzw. unvoreingenommen mit ihm umzugehen. Denn Besitz ist eigentlich viel wertvoller und macht mehr Freude, wenn man ihn teilt. Und das ist neben den schönen Pferden und den feschen Cowboys eines der Geheimnisse des Erfolgs der Serie: es geht nicht (nur) um Wildwestromantik und Saloongerangel.

"Bonanza" greift eine Palette von Werten und Themen aus unterschiedlichen Sichtweisen auf (u.a. auch von namhaften Regisseuren), die von ihrer Aktualität und Brisanz trotz des Alters der Serie nichts verloren haben. Oft humorvoll, anrührend und manchmal auch schockierend und erstaunlich ungeschönt setzen sich die Cartwrights mit seelischen Abgründen ihrer Familie, Fremden und Freunden auseinander, wobei jede Figur nach ihren Eigenschaften typisch handelt (oder auch mal aus dem typischen Verhaltensmuster ausbricht). 
 
Der felsenfeste Zusammenhalt der Familie ist Dreh- und Angelpunkt der Serie, wobei ihm ein herber Dämpfer verpasst wurde, als Adam / Pernell aus künstlerischen und persönlichen Gründen nach der sechsten Staffel ausstieg und auch nicht wiederkam, wenngleich ihm diese Option offengehalten wurde. Immerhin war er ein Ladies' Man, der die weiblichen Zuschauer verzaubert hat mit seiner Liebe für die musischen Künste, einem unerschütterlichen Pragmatismus, seiner schmelzenden Baritonstimme der Vernunft (die er gelegentlich auch zu einer Ballade erklingen lassen durfte), blendendem Aussehen und einem ausgeprägten Beschützerinstinkt. Zwar war der Produzent David Dortort bemüht, nach dem Abgang von Mr. Roberts adäquaten Ersatz zu finden, u.a. mit Serien-"Zorro" Guy Williams, der als Cartwright-Cousin vorgestellt wird, und dem draufgängerischen David Canary, doch so richtig gefunzt hat es nie zwischen den "Gaststars" und dem Publikum. Erfolgreich blieb die Serie trotzdem, wenn auch kurzzeitig die Quote sank. Der junge Michael Landon schrieb bewegende Drehbücher, die gut ankamen. Mitunter baute er sogar die Erwähnung des abwesenden Bruders mit ein, der offiziell auszog, um nach Architektur Medizin in St. Louis zu studieren - was seiner späteren Karriere als "Trapper John MD" zugute kam. Auch wenn er bereits in der Serie seine rudimentären chirurgischen Kenntnisse erfolgreich an den Mann / kleinen Bruder bringen konnte ("My brother's keeper"). 
 
Apropos Gaststars. Nicht nur Regisseure wie Robert Altman, die später legendär wurden, hatten ihr Debüt oder ein Stelldichein in Bonanza. Viele berühmte Namen tauchen schon in den ersten Staffeln auf, wie etwa Leonard Nimoy und De Forest Kelley aus "Star Trek", Lee Van Cleef, Lee Marvin und James Coburn als Psychopathen, Yvonne de Carlo als Theaterdiva und Ida Lupino als historisch verbürgte Bergmannstochter Annie O'Toole. Obendrein haben auch Mark Twain und Charles Dickens Virginia City aufgemischt, wenn man den Machern glauben darf. Wahrscheinlich hat man zur Erstausstrahlung der Folgen als versierter Kinogänger und Geschichtsfan jede Woche eine tolle Überraschung erlebt.

Generationenübergreifend ist die Serie nicht nur in Bezug auf die Themen, sondern auch in der Dynamik und Konstellation innerhalb der Familie. Zwischen dem kühlen Adam und dem heißblütigen Joe kriselt es oft, doch genauso häufig verlässt sich Joe auf Adam, der ein großer Bruder ist, wie er im Buche steht: fürsorglich, belesen, patent lösungsorientiert, vernünftig und trotzdem irgendwie lässig. Mit dem freundlichen Riesen Hoss, der eigentlich Erik heißt, kommt dagegen jeder gut aus; mitunter wird seine Gutmütigkeit jedoch gnadenlos von Little Joe und dessen Flausen ausgenutzt. Außerdem hat auch Hoss unter seiner imposanten Schale einen sensiblen Kern. Für heutige Verhältnisse ist der Mittlere wohl die modernste der Cartwright-Figuren: er liebt Tiere mehr als Menschen, denn die enttäuschen einen nicht und sagen immer die Wahrheit. Überraschenderweise war Hoss der heimliche Publikumsliebling - vielleicht, weil sich die Mehrheit am besten mit ihm identifizieren konnte. Als Dan Blocker mit nur 43 Jahren 1972 an den Folgen einer Gallensteinoperation stirbt, muss die Serie bald darauf eingestellt werden.
 
Einen Pa wie Lorne Greene hätten sich damals fast alle Zuschauer gewünscht. Tatsächlich wurde er mehrmals zum TV-Vater des Jahres gewählt und blieb auch im wahren Leben mit Michael Landon in einem herzlichen Vater-Sohn-Verhältnis verbunden (ihre Gräber auf dem Hillside Memorial Park in Culver City / Kalifornien liegen nebeneinander). So sehr Michael Landon und Dan Blocker in ihren Figuren aufgingen, war Lorne Greene seinem Seriencharakter offenbar am innigsten verbunden: nahe eines Golfplatzes in Mesa / Arizona, wo er wohnte, ließ er 1963 nach den Plänen der Setdesigner und Innenarchitekten ein Dublikat der Ponderosa aufbauen, das heute noch als historisches Privathaus besichtigt werden kann.

"Hast du dir auch die Hände gewaschen und desinfiziert?"

 
Ich bin gerade bei der zweiten Staffel. Wie oft ich die einzelnen Folgen angeschaut habe, weiß ich nicht, aber mit jedem Mal werden sie besser. Selbst solche, die ich vergessen hatte, haben ihren Reiz und ihre "Moral". Schön finde ich, dass die Geschichten nie mit dem Holzhammer daherkommen oder etwas verurteilen, das auf den ersten Blick nicht den Regeln der Gesellschaft entspricht. Da sind die Cartwrights gut erzogen und Top Notch Gentlemen. Mit Gewalt werden Konflikte selten bis nie gelöst. Lieber mit Köpfchen, Freundlichkeit und Flexibilität. Erstaunlicherweise wurde Bonanza allerdings vom deutschen Fernsehen bei der Erstausstrahlung wegen "zu viel Brutalität" selektiert und nur wenige Folgen gezeigt. Ich glaube eher, dass einige Themen damals zu progressiv waren, um als seichtes Vorabendprogramm über die Mattscheibe zu flimmern. Auch Rassismus und Ressentiments gegenüber Andersdenkenden wurden behandelt und Cartwright-mäßig bearbeitet. Selbst Nachhaltigkeit und der Respekt vor der Natur kamen nicht zu kurz. Vielleicht wurde manchmal ein bisschen zu dick aufgetragen, oder die Jungs und besonders Little Joe hatten zuweilen postpubertäre Phasen, in denen sie entweder rebellisch den Rat des Ranchpatrons ablehnten oder verzweifelt suchten, doch ich empfinde das weder als Manko noch albern oder altmodisch. Denn Ben ist wirklich weise. Fast wie König Salomon. Der einzige, der seine Beschlüsse und Entscheidungen hin und wieder in Frage stellt, ist Adam, der allerdings meist auch als Partner auf Augenhöhe agiert und sich der väterlichen Übermacht nur allzu gern entzieht (etwa beim Zäunereparieren auf den unendlichen Weiden oder dem Bullenkauf in Placerville), während die beiden Jüngeren uneingeschränkt auf Pas Seite stehen. Sein Status als schwarzes Schaf manifestiert sich schon bald in der Kleidung. Waren die ersten Outfits noch abwechslungsreich und modisch mutig mit lila- und pinkfarbenen Hemden, trägt Adam über vier Staffeln nur noch protestlerisches Schwarz von Kopf bis Fuß. 
 

Der schöne Adam. Oder auch der George Clooney der 1860er

 
Obwohl der ganz junge Little Joe mit seinem prächtigen ersten Schecken "Cochise" mein Liebling ist und von allen am überzeugendsten leiden und wimmern und weinen kann, fasziniert mich Adam als Charakter in besonderem Maß, da er mehr Facetten zeigt als der Rest der Familie und oft für eine Überraschung gut ist - Lee Marvin gelang es sogar beinahe, seine Grundfesten zu erschüttern ("The Crucible / Adam Cartwright geht durch die Hölle"). Seiner sonoren Originalstimme könnte ich zudem stundenlang zuhören, und keiner hat tiefere Grübchen beim Lächeln. Als er als letzter der Bonanza-Hauptdarsteller im Alter von 81 Jahren im Januar 2010 starb, saß ich fassungslos vor den Radionachrichten und habe ein paar Tränchen um den Mann und seine verstummte Samtstimme vergossen. Ich hoffe, dass die Vier gemeinsam mit ihren markanten Pferden - die selbst zu Stars wurden in Bonanza und sogar Fanpost erhielten - wieder über eine himmlisch(e) weite Wiese galoppieren können wie im ikonischen Vorspann.
 
 
 
 
Zum Glück gibt es die komplette Serie digitally remastered und in einem schönen und praktischen Schuber auf DVD. So kann ich immer mal wieder ein paar Folgen gucken, wenn mich der Bonanza-Rappel befällt und Dinge entdecken, die mir vorher nicht aufgefallen sind, z. B. die Sorgfalt, mit der die Kulissen gestaltet wurden und die doch gelegentlich liebenswert provisorisch wirken. Oder mich ganz einfach auf der Ponderosa wie zuhause fühlen. Weil einen die Cartwrights immer wie einen alten Bekannten begrüßen. 

Wer noch etwas mehr über die verborgenen Talente der vier herausfinden möchte, kann sich gerne weiterklicken: Bonanza - mehr als eine Westernserie
 



Mittwoch, 20. November 2013

*Glücks-Bringer*

Die Themenwoche der ARD bietet mir heute meinen Aufhänger zum Beitrag. Was ist eigentlich Glück, und wann sind wir bzw. bin ich besonders glücklich?

Abgesehen vom Offensichtlichen (Liebe, Familie, Gesundheit, Kreativität, Freude, Spaß und Erfolg haben, gutes Essen auf dem Tisch...) sind das bestimmte Erinnerungen, die entweder ein vertrauter, angenehmer Geruch hervorruft oder ein Lied zu einer denkwürdigen Gelegenheit, das Streicheln und Schnurren einer Katze, das Betrachten von Fotos, und auch Musik und Filme. Besitz eher weniger.





Läuft seltenerweise z. B. gerade "His Latest Flame" im Radio, fangen meine Füße zu zucken an. Obwohl der Text ein schwerer Schlag ist für den armen Elvis, springen meine Endorphine auf und ab wie wild und manchmal bin ich so ergriffen von seiner Stimme, dass ich kaum Luft bekomme.^^ Ich finde, dieser Song ist das Beste, was der King je abgeliefert hat, und das will für einen Fan wie mich eine Menge heißen.

Sehnsüchte und Glücksgefühle weckt "Bora Bora" von Tony Marshall. Wie er das Flair der Insel eingefangen hat, finde ich überhaupt nicht kitschig oder schwülstig, sondern einfach nur zum Heulen schön. Wahrscheinlich will ich deswegen auch irgendwann mal dort hin (und bin dann enttäuscht, dass ich mir den Strand nicht zum Zimmer nehmen kann). Schlager sind an sich nicht so mein Ding, aber dieser trifft mitten in mein mitunter extrem sentimentales Herzchen.

Dann wären da noch eindeutige *Glücksmacher* von meinen Lieblingsinterpreten Chris Issak und Buddy Holly - sicher bin ich nicht die Einzige, die bei "Dancin'" verschwenderisch Hormone ausschüttet - glücklicher Natur, versteht sich. Dazu trägt auch der hypnotische Rhythmus bei. Man kann sich fast in eine Art Trance tanzen.

Ein Zufall ist es wahrscheinlich nicht, dass an Chris Isaak auch ein echt guter Elvis-Imitator verloren gegangen ist.




Wissenschaftlich erwiesen ist übrigens, dass das Hauptthema von "Pirates of the Caribbean" die meisten Zuhörer glücklich macht. Es spielt scheinbar nicht einmal eine Rolle, ob sie die Filmtrilogie (für mich immer drei Teile - der vierte zählt nicht!) mit dem täppischen Capt'n Sparrow gesehen haben oder nicht. Irgendeine geheime Zutat hat die Melodie, die jeden zum Grinsen bringt. Da hat der Komponist Hans Zimmer sozusagen buchstäblich einen Glückstreffer gelandet. Vielleicht sollte man sich mit "He's a Pirate" als Motivations-Song in sämtlichen öffentlichen Einrichtungen berieseln lassen.

Gute Filme und Serien gehören ebenfalls zum Glück - jedenfalls zu meinem. Auf die dritte Sherlock-Staffel muss ich ja leider bis Anfang 2014 warten *schnüffi*, und so habe ich neulich beschlossen, meinen Kanada-Export von "Little House on the Prairie" (Unsere kleine Farm) nach Jahren mal wieder anzuschauen. Allein der Gedanke, dass jetzt erst mal für eine Weile was Gescheites im Fernsehen bzw. auf  DVD läuft, macht mich glücklich. Ich liebe die sympathische Pionierfamilie Ingalls, und ich mag die tiefsinnigen Geschichten, die alles andere vorgaukeln als heile Welt, dabei aber immer eine optimistische Grundstimmung vermitteln, ohne ins Moralinsaure abzudriften.

Michael Landon war schon früh so etwas wie ein Vorbild für mich, und wenn ich jetzt im "reifen" Alter das auf mich wirken lasse, was er zu Lebzeiten geschaffen hat, dann muss ich sagen, war er seiner Zeit weit voraus und auf seine Art ein Pionier. Ein philosophischer nämlich - amerikanische Mentalität hin oder her!

Ach ja - natürlich bin ich auch glücklich, wenn ich eine Geschichte zu Ende gebracht habe. Meistens. Es passiert auch, dass ich traurig bin, weil ich meine Figuren und die Zeit, in die ich sie gesetzt habe, nun verlassen muss. Aber das ist eher selten der Fall. Oft überwiegt doch das gute Gefühl, etwas begonnen und beendet zu haben.

Und bevor ich es vergesse, werde ich selbst ein bisschen philosophisch: Glück hat viel mit Dankbarkeit zu tun.