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Donnerstag, 6. August 2020

Bonanza, die Kultwesternserie (1959 - 1973)

Bei der ganzen unübersichtlichen Vielfalt auf Amazon Prime, Netflix und sonstigen Streamingportalen gibt es eine Serie, die mich seit meinen Kindertagen treu und mal mehr und mal weniger intensiv begleitet. "Bonanza" mit den Cartwrights auf der Ponderosa hat von jeher eine solche Faszination auf mich ausgeübt, dass es mich auf mehreren Ebenen inspririert und möglicherweise auch einige meiner Ansichten und Vorlieben geprägt hat.
 

L. Greene, P. Roberts, D. Blocker, M. Landon & all those pretty horses
 
Die Serie, die sich bis vor wenigen Jahren als TV-Dauerbrenner erwies, folgt einem Konzept, das zunächst sonderbar anmutet: Der Rancher Ben Cartwright (Lorne Greene) - ursprünglich weltgewandter Seemann - lebt mit seinen erwachsenen drei Söhnen Adam (Pernell Roberts), Hoss (Dan Blocker) und dem impulsiven Nesthäkchen Little Joe (Michael Landon), von denen jeder eine andere - mittlerweile jeweils natürlich verstorbene -  Mutter hat, in Nevada Territory in den 60ern des 19. Jahrhunderts. Erwähnenswert, da immer wiederkehrende Figuren, sind auch der ewig nörgelnde chinesische Koch Hop Sing (Victor Sen Yung) und der mit den Cartwrights befreundete Sheriff Roy Coffee (Ray Teal).
 
Ihr riesengroßer Besitz muss im Pilotfilm mit Klauen und Zähnen verteidigt werden, und auch im Lauf der weiteren Folgen gibt es immer wieder Neider oder ungebetene Siedler, doch die Cartwrights lassen sich nicht mehr so schnell aus der Ruhe bringen wie zu Beginn und versuchen, vernünftig auf jeden Neuling oder Fremden einzuwirken bzw. unvoreingenommen mit ihm umzugehen. Denn Besitz ist eigentlich viel wertvoller und macht mehr Freude, wenn man ihn teilt. Und das ist neben den schönen Pferden und den feschen Cowboys eines der Geheimnisse des Erfolgs der Serie: es geht nicht (nur) um Wildwestromantik und Saloongerangel.

"Bonanza" greift eine Palette von Werten und Themen aus unterschiedlichen Sichtweisen auf (u.a. auch von namhaften Regisseuren), die von ihrer Aktualität und Brisanz trotz des Alters der Serie nichts verloren haben. Oft humorvoll, anrührend und manchmal auch schockierend und erstaunlich ungeschönt setzen sich die Cartwrights mit seelischen Abgründen ihrer Familie, Fremden und Freunden auseinander, wobei jede Figur nach ihren Eigenschaften typisch handelt (oder auch mal aus dem typischen Verhaltensmuster ausbricht). 
 
Bildquelle: Long Island Weekly
 
 
Der felsenfeste Zusammenhalt der Familie ist Dreh- und Angelpunkt der Serie, wobei ihm ein herber Dämpfer verpasst wurde, als Adam / Pernell aus künstlerischen und persönlichen Gründen nach der sechsten Staffel ausstieg und auch nicht wiederkam, wenngleich ihm diese Option offengehalten wurde. Immerhin war er ein Ladies' Man, der die weiblichen Zuschauer verzaubert hat mit seiner Liebe für die musischen Künste, einem unerschütterlichen Pragmatismus, seiner schmelzenden Baritonstimme der Vernunft (die er gelegentlich auch zu einer Ballade erklingen lassen durfte), blendendem Aussehen und einem ausgeprägten Beschützerinstinkt. Zwar war der Produzent David Dortort bemüht, nach dem Abgang von Mr. Roberts adäquaten Ersatz zu finden, u.a. mit Serien-"Zorro" Guy Williams, der als Cartwright-Cousin vorgestellt wird, und dem draufgängerischen David Canary, doch so richtig gefunzt hat es nie zwischen den "Gaststars" und dem Publikum. Erfolgreich blieb die Serie trotzdem, wenn auch kurzzeitig die Quote sank. Der junge Michael Landon schrieb bewegende Drehbücher, die gut ankamen. Mitunter baute er sogar die Erwähnung des abwesenden Bruders mit ein, der offiziell auszog, um nach Architektur Medizin in St. Louis zu studieren - was seiner späteren Karriere als "Trapper John MD" zugute kam. Auch wenn er bereits in der Serie seine rudimentären chirurgischen Kenntnisse erfolgreich an den Mann / kleinen Bruder bringen konnte ("My brother's keeper"). 
 
Apropos Gaststars. Nicht nur Regisseure wie Robert Altman, die später legendär wurden, hatten ihr Debüt oder ein Stelldichein in Bonanza. Viele berühmte Namen tauchen schon in den ersten Staffeln auf, wie etwa Leonard Nimoy und De Forest Kelley aus "Star Trek", Lee Van Cleef, Lee Marvin und James Coburn als Psychopathen, Yvonne de Carlo als Theaterdiva und Ida Lupino als historisch verbürgte Bergmannstochter Annie O'Toole. Obendrein haben auch Mark Twain und Charles Dickens Virginia City aufgemischt, wenn man den Machern glauben darf. Wahrscheinlich hat man zur Erstausstrahlung der Folgen als versierter Kinogänger und Geschichtsfan jede Woche eine tolle Überraschung erlebt.

Generationenübergreifend ist die Serie nicht nur in Bezug auf die Themen, sondern auch in der Dynamik und Konstellation innerhalb der Familie. Zwischen dem kühlen Adam und dem heißblütigen Joe kriselt es oft, doch genauso häufig verlässt sich Joe auf Adam, der ein großer Bruder ist, wie er im Buche steht: fürsorglich, belesen, patent lösungsorientiert, vernünftig und trotzdem irgendwie lässig. Mit dem freundlichen Riesen Hoss, der eigentlich Erik heißt, kommt dagegen jeder gut aus; mitunter wird seine Gutmütigkeit jedoch gnadenlos von Little Joe und dessen Flausen ausgenutzt. Außerdem hat auch Hoss unter seiner imposanten Schale einen sensiblen Kern. Für heutige Verhältnisse ist der Mittlere wohl die modernste der Cartwright-Figuren: er liebt Tiere mehr als Menschen, denn die enttäuschen einen nicht und sagen immer die Wahrheit. Überraschenderweise war Hoss der heimliche Publikumsliebling - vielleicht, weil sich die Mehrheit am besten mit ihm identifizieren konnte. Als Dan Blocker mit nur 43 Jahren 1972 an den Folgen einer Gallensteinoperation stirbt, muss die Serie bald darauf eingestellt werden.
 
Einen Pa wie Lorne Greene hätten sich damals fast alle Zuschauer gewünscht. Tatsächlich wurde er mehrmals zum TV-Vater des Jahres gewählt und blieb auch im wahren Leben mit Michael Landon in einem herzlichen Vater-Sohn-Verhältnis verbunden (ihre Gräber auf dem Hillside Memorial Park in Culver City / Kalifornien liegen nebeneinander). So sehr Michael Landon und Dan Blocker in ihren Figuren aufgingen, war Lorne Greene seinem Seriencharakter offenbar am innigsten verbunden: nahe eines Golfplatzes in Mesa / Arizona, wo er wohnte, ließ er 1963 nach den Plänen der Setdesigner und Innenarchitekten ein Dublikat der Ponderosa aufbauen, das heute noch als historisches Privathaus besichtigt werden kann.

"Hast du dir auch die Hände gewaschen und desinfiziert?"

 
Ich bin gerade bei der zweiten Staffel. Wie oft ich die einzelnen Folgen angeschaut habe, weiß ich nicht, aber mit jedem Mal werden sie besser. Selbst solche, die ich vergessen hatte, haben ihren Reiz und ihre "Moral". Schön finde ich, dass die Geschichten nie mit dem Holzhammer daherkommen oder etwas verurteilen, das auf den ersten Blick nicht den Regeln der Gesellschaft entspricht. Da sind die Cartwrights gut erzogen und Top Notch Gentlemen. Mit Gewalt werden Konflikte selten bis nie gelöst. Lieber mit Köpfchen, Freundlichkeit und Flexibilität. Erstaunlicherweise wurde Bonanza allerdings vom deutschen Fernsehen bei der Erstausstrahlung wegen "zu viel Brutalität" selektiert und nur wenige Folgen gezeigt. Ich glaube eher, dass einige Themen damals zu progressiv waren, um als seichtes Vorabendprogramm über die Mattscheibe zu flimmern. Auch Rassismus und Ressentiments gegenüber Andersdenkenden wurden behandelt und Cartwright-mäßig bearbeitet. Selbst Nachhaltigkeit und der Respekt vor der Natur kamen nicht zu kurz. Vielleicht wurde manchmal ein bisschen zu dick aufgetragen, oder die Jungs und besonders Little Joe hatten zuweilen postpubertäre Phasen, in denen sie entweder rebellisch den Rat des Ranchpatrons ablehnten oder verzweifelt suchten, doch ich empfinde das weder als Manko noch albern oder altmodisch. Denn Ben ist wirklich weise. Fast wie König Salomon. Der einzige, der seine Beschlüsse und Entscheidungen hin und wieder in Frage stellt, ist Adam, der allerdings meist auch als Partner auf Augenhöhe agiert und sich der väterlichen Übermacht nur allzu gern entzieht (etwa beim Zäunereparieren auf den unendlichen Weiden oder dem Bullenkauf in Placerville), während die beiden Jüngeren uneingeschränkt auf Pas Seite stehen. Sein Status als schwarzes Schaf manifestiert sich schon bald in der Kleidung. Waren die ersten Outfits noch abwechslungsreich und modisch mutig mit lila- und pinkfarbenen Hemden, trägt Adam über vier Staffeln nur noch protestlerisches Schwarz von Kopf bis Fuß. 
 

Der schöne Adam. Oder auch der George Clooney der 1860er

 
Obwohl der ganz junge Little Joe mit seinem prächtigen ersten Schecken "Cochise" mein Liebling ist und von allen am überzeugendsten leiden und wimmern und weinen kann, fasziniert mich Adam als Charakter in besonderem Maß, da er mehr Facetten zeigt als der Rest der Familie und oft für eine Überraschung gut ist - Lee Marvin gelang es sogar beinahe, seine Grundfesten zu erschüttern ("The Crucible / Adam Cartwright geht durch die Hölle"). Seiner sonoren Originalstimme könnte ich zudem stundenlang zuhören, und keiner hat tiefere Grübchen beim Lächeln. Als er als letzter der Bonanza-Hauptdarsteller im Alter von 81 Jahren im Januar 2010 starb, saß ich fassungslos vor den Radionachrichten und habe ein paar Tränchen um den Mann und seine verstummte Samtstimme vergossen. Ich hoffe, dass die Vier gemeinsam mit ihren markanten Pferden - die selbst zu Stars wurden in Bonanza und sogar Fanpost erhielten - wieder über eine himmlisch(e) weite Wiese galoppieren können wie im ikonischen Vorspann.
 
 
 
 
Zum Glück gibt es die komplette Serie digitally remastered und in einem schönen und praktischen Schuber auf DVD. So kann ich immer mal wieder ein paar Folgen gucken, wenn mich der Bonanza-Rappel befällt und Dinge entdecken, die mir vorher nicht aufgefallen sind, z. B. die Sorgfalt, mit der die Kulissen gestaltet wurden und die doch gelegentlich liebenswert provisorisch wirken. Oder mich ganz einfach auf der Ponderosa wie zuhause fühlen. Weil einen die Cartwrights immer wie einen alten Bekannten begrüßen. 

Wer noch etwas mehr über die verborgenen Talente der vier herausfinden möchte, kann sich gerne weiterklicken: Bonanza - mehr als eine Westernserie



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