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Sonntag, 12. Juli 2020

Rezension Robinson Crusoe ~ Daniel Defoe

Dieser Klassiker, den ich schon lange lesen wollte und es jetzt endlich geschafft habe, hat mich in mehrerer Hinsicht positiv überrascht. Erstens dachte ich, dass es sterbenslangweilig sein müsste, über einsam Gestrandete und deren Reflektionen zu lesen. Zweitens ließ die im Vorwort als "erbaulich-belehrend" bezeichnete Lektüre auf eine Art Moralisierung des Lesers schließen - total yesteryear. Und drittens, wie würde man fast 300 Seiten überstehen, auf denen über ein 28 Jahre währendes Inselleben palavert wird? Keine meine Bedenken wurde bestätigt. Selbst die erbaulich-belehrende Seite ist erstaunlich anrührend und war für mich als gläubiger Mensch gut nachzuvollziehen, manchmal sogar fast wunderbar modern.


Alexander Selkirk, das Vorbild für Robinson. Foto: JTMorkis / Pixabay


Inhalt und Meinung: Gegen den Willen seiner Eltern zieht es den jungen Robinson hinaus in die weite Welt; am liebsten möchte er Seemann werden. Nach einigen Turbulenzen und dem Beackern einer brasilianischen Zuckerplantage wird ihm das geordnete Leben langweilig, und er zieht hinaus auf See. Von Piraten gekapert, wird er als Sklave verkauft, doch bald gelingt ihm die Flucht. Die Freundschaft zu einem Kapitän, der sich als sein Retter erweist, verhilft ihm zu einer neuen Seereise, auf der sein Schiff an einem Inselriff zerschellt und ihn als einzig Überlebenen an Land spült. Zunächst ist Robinson verzweifelt, doch er beginnt, das Beste aus seiner Lage zu machen. Dank der Vorräte aus dem Schiffswrack und dem, was auf der Insel wächst und gedeiht, baut er sich mit Eifer, Einfallsreichtum und Kreativität eine Existenz auf, von der außer den Tieren auf der Insel und ihm selbst niemand etwas weiß.

Nach einem überstandenen Fieber findet er zum Glauben und zu Gott. Trotz Rückschlägen in seinen Plänen und auch der schauderhaften Entdeckung nach knapp zwanzig Jahren, dass er wider Erwarten nicht allein ist, sondern mit Kannibalen seinen Wohnsitz teilt, die zu Opferritualen die Insel aufsuchen, verliert Robinson nie den Mut, verlässt sich auf die Vorsehung (nicht ohne die Vernunft außer Acht zu lassen), und ist auf seiner Insel bald glücklicher, als er es in England oder auf seiner Plantage je hätte sein können. Denn er weiß, dass er in Gottes Hand ist und ihm somit alles zum Besten dient. Sein modernes Gottvertrauen ohne Furcht vor Gott, sondern ihn als seinen Helfer und Beistand wissend, und wie er später seinem "Wilden" Freitag den Glauben erklärt, haben mich wohl am meisten beeindruckt. Dabei ergeht er sich weder in theologischen Fragen noch erzählt er etwas "vom Pferd", sondern begegnet Freitag auf Augenhöhe, wenn auch hin und wieder für heutige Verhältnisse ein wenig dünkelhaft. Doch selbst die Bräuche der Kannibalen, die "es nicht besser wissen", verurteilt er nicht, war Freitag doch selbst einer und ist ihm nun der treueste und einzige Freund.


Bild: grebmot / Pixabay

Im achtundzwanzigsten Jahr naht die Rettung in Gestalt eines Schiffes, auf dem zuvor eine Meuterei stattgefunden hat. Robinson, Freitag, dessen Vater und eine Handvoll Spanier, die mit den Kannibalen Handel treiben, helfen dem entmachteten Käptain, sein Schiff zurückzuerobern, woraufhin Robinson und Freitag die Insel verlassen. Zurück in Europa, erfährt Robinson, dass er aufgrund seiner ertragreichen Zuckerplantage in Brasilien ein gemachter Mann ist. Dankbar, dass es das Leben trotz allem Unglück so gut mit ihm meinte, bedenkt er seine Wohltäter mit Reichtum, gründet eine Familie und bleibt dennoch abenteuerlustig wie eh und je.

Ich hatte die "erwachsene" Ausgabe, die wahrscheinlich differenzierter und ausführlicher von Robinsons Gedankengängen als von seinen Taten und Abenteuern erzählt. Oft politisch gefärbt und das Leben im 17. Jahrhundert schildernd, kam mir der Roman gerade außerhalb der Insel recht exotisch vor. Verblüffend, dass der Sklavenhandel damals ein ganz normales Geschäftsmodell war, vor dem auch Weiße nicht gefeit waren, wenn sie erst einmal in die Fänge der Freibeuter und Händler kamen. Mit den etwas derben Ausdrücken und der Grausamkeit gegenüber Tieren war ich nicht immer einverstanden, doch insgesamt hat mir besonders Robinsons Zeit ohne menschliche Gesellschaft gefallen, in der er gelernt hat, sich dankbar und sogar privilegiert zu fühlen. Ein Klassiker, der nichts von seiner Aktualität verloren hat, wenn ihn Daniel Defoe wohl unter anderen Voraussetzungen schrieb und mit der Berücksichtigung der politischen Situation der im Wandel befindlichen westlichen Welt.

Defoes Inspiration zum Roman, der ungehorsame Seemann Alexander Selkirk, konnte nach "nur" vier Jahren Inselaufenthalt übrigens kaum mehr verständlich kommunizieren. Hätte er sich doch ein paar Papageien gehalten und ihnen das Sprechen beigebracht wie Robinson...  (O;

Bewertung:



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