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Freitag, 24. Juli 2020

"Alltagsmenschen" von Christel Lechner in Sinsheim

Wie überall auf der Welt leidet auch meine Heimatstadt unter der Coronakrise. Vielleicht mehr noch als ein paar andere. Für 2020 waren die Heimattage geplant; ein Programm übers Jahr mit Veranstaltungen, Festen, Zusammenkünften, besonderen Ereignissen. All das fiel der Pandemie zum Opfer. Schweren Herzens wurden die Heimattage abgesagt und können aufgrund des besonderen Datums (1250. Bestehen der Stadt) auch nicht nachgeholt werden. Selbst traditionell stattfindende Termine wie Fohlenmarkt und Stadtfest haben keine Chance, wäre das Risiko einer erneuten Covid-19-Welle doch viel zu hoch und angesichts der Menschenmassen, die sich dicht an dicht drängen, unausweichlich.


Alltagsmenschen?!

Wie schön ist es da, dass wenigstens ein geplantes Projekt realisiert werden kann in den düsteren Zeiten, bei dem die Corona-gebeutelten Menschen etwas zum Schmunzeln haben: die Künstlerin Christel Lechner sorgt seit dem 22. Juli für 50 neue Einwohner, denen ein warmer Empfang bereitet wurde.

Tatsächlich findet man sie an fast jeder Ecke der Innenstadt bzw. dort, wo man sie am wenigsten erwartet. Omis in Kittelschürzen beim Wäscheaufhängen, Badekappenträger am Flussufer, kugelige Opas in Pullundern, Westen und mit Hüten und Schirmmützen, eine lustige Polonaise vor der neu sanierten Stadthalle - Verzeihung - der "DoSi", eine tanzende Rentnergang vor der Musikschule, eine Sitzgruppe vor Restaurants und öffentlichen Toiletten. Fast schon ein bisschen unheimlich, die Überbevölkerung der überdimensionalen Alltagsmenschen, wenn sie nicht so unauffällig harmlos, nett und heiter den Funken der Normalität versprühen würden. Moment, sagte ich "Normalität"? Das stimmt für Sinsheim nicht mehr so ganz. Irgendwie erinnern mich die Figuren weniger an Alltag als an längst vergangene Zeiten, in denen die Senioren (auf die sich die Künstlerin spezialisiert hat - damals nannte man sie einfach "die älteren Herrschaften" oder politisch inkorrekt "die Alten") noch so aussahen.

Ein bisschen wehmütig bin ich die Figuren abgegangen. Und obwohl sie nett anzusehen sind und sich harmonisch ins Stadtbild einfügen und auch mit so viel Beifall eingemeindet wurden, wie es wohl keinen anderen fünfzig Exponaten eines Künstlers - ortsfremd oder lokal - gelungen wäre, kam ich doch oder gerade deswegen ins Grübeln.


Hier fliegen gleich die Löcher aus dem Käse...

Einerseits ist es nämlich offenbar Frau Lechners Anliegen, blasse, liebenswerte, leicht übergewichtige ältere Personen in unauffälligen Farben zu zeigen, die aus der Zeit gefallen zu sein scheinen und die Nostalgie "besserer" Tage heraufbeschwören, wogegen ja auch nichts zu sagen ist.

Andererseits wurde mir klar, wie wenig die Betonskulpturen mit der Gegenwart zu tun haben. Nicht einen Rolator oder Rollstuhl habe ich gesehen, keine Schwarzen, keinen "Anderen." Klar, ein Transgender oder Mitglieder aus anderen Randgruppen sind vielleicht dabei; solche, denen man es nicht sofort ansieht. Ist ja Interpretationssache, wie alles in der Kunst. Aber an der Oberfläche sind alle gleich, lächeln buddha-ähnlich vor sich hin und sind mit sich und der Welt zufrieden, kurz: jede Figur strahlt eine fast biedere Heiterkeit aus. Den vielgerühmten Individualismus sucht man vergebens. Und die Stadt jubelt. Alle sind Alltagsmenschen, alle finden sich in den Figuren wieder. Das ist schön und freut mich. Ehrlich.

Aber wenn wir noch ehrlicher sind, gibt es solche Bilderbuch-"Alltagsmenschen" nur noch wenige oder höchstens in Büchern und Filmen. Oder bis Mitte Oktober in meiner Stadt. Solange sie nicht den Vandalen anheimfallen.




Kommentare:

  1. Du hast mir aus dem Herzen geschrieben.

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  2. Vielen Dank für deinen Kommentar! Mittlerweile habe ich ein paar mehr kritische Stimmen gehört. Für das "besondere" Jahr finde ich es einen recht gelungenen Gag, aber ich würde mir fast wünschen, dass nach der Ausstellungsdauer keine weiteren Figuren Sinsheimer werden.

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