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Samstag, 29. Juli 2017

Major John André (not) at your service

Der kleine Major John André aus den USA ist gerade auf einem Besuch in Deutschland, um sich von seiner Erfinderin, also mir, aufhübschen zu lassen. Wer wollte ihm einen Hauch männlicher Eitelkeit verübeln, nachdem er doch zu twitterweitem Ruhm gelangt ist und auch in historischen Parks und bei Kollegen im Mittelpunkt steht. Da muss die Frisur sitzen und das Köpfchen hocherhoben sein.


Auf du junger Wandersmann...


Am 17. Juli hat ihn seine Mama auf die Reise per Express geschickt, doch nach den berechneten fünf Geschäftstagen war er immer noch nicht bei mir. Ich dachte mir zuerst, dass er als Königstreuer wohl einen Abstecher nach Heidelberg zu William und Kate machen wollte (die auf dem Neckar ruderten) und war erst beunruhigt, als Holly mir mitteilte, dass er scheinbar in Frankfurt am Zoll feststeckt. Was tun? Erst mal habe ich die Sendeverfolgung ermittelt und festgestellt, dass er als "verdächtige" Ware bereits Frankfurt und Speyer passiert hatte und sein derzeitiger Aufenthaltsort unbekannt war. Panik! Das Püppchen ist meiner Freundin sehr wichtig, und selbst mir tat es in der Seele weh, daran zu denken, dass ihm als verdächtige Ware am Zoll evtl. der beknopfte Bauch aufgeschlitzt worden war.

Besuche und Anrufe von Post- und Zollamt, dazwischen Nachrichten an die besorgte Holly, hielten mich zwei Tage auf Trab. Und das, wo ich so ungern telefoniere! Gestern jedenfalls konnte ich ihn am Binnenzollamt Bruchsal abholen - ca. zwei Stunden Fahrt hin und zurück. Zum Glück ging dort alles glatt. Der Fehler lag im Formular (wie so oft). Holly, eher unbedarft mit Überseesendungen, hatte keine korrekten Angaben gemacht und ihn versehentlich als Handelsware mit einem Wert von 50 Dollar deklariert. Wir haben alles aufgeklärt (Kommentar der Zollbeamtin: "Ich muss das ja nicht verstehen."), und endlich durfte ich einen etwas miefigen, grauen, platten Major mit nach Hause nehmen. Unser Wiedersehen habe ich mir etwas anders vorgestellt.

Daheim habe ich ihn erst mal gründlich gewaschen und ihn somit vom Duft der großen weiten Welt befreit. Fast ein bisschen schade, hafteten doch so viele berühmte Handabdrücke an ihm. Ich habe mich allerdings gefragt, welches Parfüm der gute Seth Numrich benutzt...


Wie ein begossener Pudel schaut er aus nach dem Bad, der Arme!


 

In zeitnaher Absprache mit Holly wurde dann sein wackeliger Kopf wieder geradegerückt (ich gehe besser nicht ins Detail, wie das geschehen ist), und seine Frisur neu gestaltet, aber nicht zu sehr anders als der vorige Blondschopf. Alles in allem ging die Spa-Behandlung recht schnell, leise und unkompliziert über die Bühne, was wieder einmal beweist, dass der kleine John André ein echter Profi in Sachen geheimer Mission ist - zumindest nachdem wir ihn aus den Fängen des Feindes befreit hatten. (O;

Am Montag geht es zurück nach Virginia, wo am 12. August die Final-Party von Turn:Washington's Spies stattfindet. Da darf er natürlich nicht fehlen! Und ich hoffe, Holly freut sich genauso wie ich über ihren wieder blitzeblank geputzten und aufrechten Hauptmann...


"I'm the king of the world!"

  

Ein bisschen wird es mir schon schwerfallen, mich ein zweites Mal von ihm zu trennen. Obwohl er verglichen mit meinen weiteren Püppchen fast ein wenig simpel gestrickt - pardon! -gehäkelt ist, hat er doch einen gewissen Charme, dem man ziemlich bald erliegen kann. Vielleicht liegt es aber auch an seiner unbändigen Abenteuerlust und seinem selbstbewussten Heldenmut. Beides soll Männer ja bekanntlich attraktiv machen. Travel safe, Major André!



Samstag, 22. Juli 2017

Keine Nacht dir zu lang ~ Barbara Vine

Nachdem mich "Es scheint die Sonne noch so schön" so beindruckt hat, habe ich mir ein paar mehr Romane von Barbara Vine/Ruth Rendell gegönnt. Von "Keine Nacht dir zu lang", dem nächsten,  wurde ich nicht enttäuscht.




Inhalt: Suffolk, Anfang der 1990er Jahre: Der 25-jährige Tim Cornish - gutaussehend, aber wenig an Beziehungen zu Mädchen oder Herzensangelegenheiten überhaupt interessiert - belegt einen "Creative Writing"-Kurs. Sein schwuler Dozent bietet ihm eine Wohngemeinschaft mit seinem Untermieter Dr. Ivo Steadman an. Für Tim eine Offenbarung, denn er fühlt sich sofort von dem etwas älteren Mann angezogen. Gegen seine Gewohnheit lässt er alle Schüchternheit fahren und küsst ihn schon beim ersten Treffen auf den Mund. Seine Gefühle werden erwidert. Nach ernsthaften Zweifeln über die Existenz seiner sexuellen Begierden meint Tim, die wahre Liebe endlich gefunden zu haben. Die kühlt allerdings ab, als Ivo sich in den nächsten Wochen als etwas herablassend ihm gegenüber herausstellt und ihm während eines gemeinsamen Essens fast beiläufig seine Gefühle offenbart. Er liebe Tim und wolle nie mehr ohne ihn sein. Tim, an seine Freiheit gewöhnt, fühlt sich plötzlich gefangen.

Auf einer von Ivo beruflich bedingten Kreuzfahrt durch Alaska und einem Aufenthalt ohne ihn in Seattle kommt ihm der Gedanke, sich von Ivo zu trennen. Isabel, zunächst nur eine Reisebekanntschaft, verstärkt diesen Wunsch. Im Gegensatz zu Ivo engt sie ihn nicht ein, sie ist gebildet wie Ivo, ohne dabei lehrerhaft zu sein und ihn wie ein launisches Kind zu behandeln (das Tim strenggenommen allerdings auch ist). Seine Liebe zu Isabel und die Verzweiflung und Angst vor einem eifersüchtigen Ivo treiben ihn zu einem Schritt, über den er später tiefe Reue empfindet. Zuhause angekommen, beginnt er, sich die Geschehnisse von der Seele zu schreiben - und wird dabei immer wieder von Ivo verfolgt.

Meinung: Dieser Roman zählt erstaunlicherweise zu den weniger beliebten der Autorin, was für mich nicht wirklich nachvollziehbar ist. Der kluge Aufbau der Geschichte, ein angenehmer und hin und wieder humorvoller Stil, Spannung bis zuletzt, und die Aha-Erlebnisse im letzten Drittel sind die Zutaten, die mich über einem Buch die Zeit vergessen lassen. Auch mochte ich den an der Oberfläche kühlen Ivo sehr, obwohl er tatsächlich etwas arrogant und vielleicht fast so narzisstisch wirkt wie der Haupterzähler Tim Cornish. Der sieht aus wie ein junger Robert Redford (eine Umschreibung, die mich ein bisschen gestört hat), und hatte daher schon im Vorfeld schlechte Karten bei mir. Ein bisschen zäh war der Mittelteil, in dem sich Tim in seiner Liebe zu Isabel irgendwie zum Deppen macht und sich in Alkohol und Selbstmitleid suhlt.

Auf einen Punkt, der von vielen Kritikern angeprangert wird, möchte ich eingehen: ganz sicher hat die Autorin mit "Keine Nacht dir zu lang" kein Plädoyer für Heterobeziehungen schreiben wollen. Dafür ist die Geschichte zu komplex, zu vielschichtig und zu wenig analytisch bzw. beurteilend im Hinblick auf die Beziehungen Ivo/Tim und Tim/Isabel. Wie Tim selbst in seiner Beichte sagt, würde er der wahren Liebe kein geschlechtliches Label aufdrücken wollen. Die Überraschung darüber, warum er sich letztendlich in beide verliebt hat, ist Barbara Vine gut gelungen. Ich dachte in diesem Augenblick: das war's, Peng! Die Story ist erzählt. Und trotzdem gab es noch einige weitere Wendungen und unausgesprochene Geheimnisse, auf die ich nie gekommen wäre.


arvid97 / Pixabay


Psychologisches Geschick, seelische Abgründe und eine auf den ersten Blick gewöhnliche und doch so originelle Dreiecksbeziehung haben den Roman zu einem großen Lesevergnügen für mich gemacht.


Bewertung:  

👍👍👍👍  und ein halber 👍





Donnerstag, 13. Juli 2017

Ein besonderer Junge ~ Philippe Grimbert

Weiter geht's mit meinem Lese-Sommer. So für zwischendurch und das durchwachsene Wetter habe ich ein kleines Büchlein gelesen, das mich in seiner Kürze sehr beeindruckt hat - obwohl ich mit dem poetischen, fast lyrischen Stil anfangs ein bisschen meine Probleme hatte. Im Nachhinein konnte "Ein besonderer Junge" jedoch nicht anders geschrieben sein, und wenn ich ehrlich bin, habe ich beim Schlusssatz ein paar Tränchen verdrückt.




Inhalt: 1970er Jahre: Der Student Louis ist ein Träumer und lebt in den Tag hinein. Ein abgebrochenes Psychologiestudium liegt hinter ihm, und mit der Juristerei kann er sich auch nicht so recht anfreunden. Seine Vorliebe für Bücher und seine bevorzugte Position, allein zu sein, machen es ihm schwer, Kontakt zu anderen zu knüpfen. Seine Eltern nennen ihn einen Sonderling oder, wenn sie es nett meinen, einen "besonderen Jungen." In den Semesterferien wird er auf eine Anzeige am schwarzen Brett der Universität aufmerksam, in dem ein Aufpasser für einen schwierigen Jugendlichen gesucht wird. Der genannte Ort ist es, der Louis schließlich dazu bringt, seine Scheu zu überwinden: in Horville verbrachte er regelmäßig die Sommerferien mit seinen Eltern, und er fand seinen einzigen Freund dort, den übermütigen und seelenverwandten Antoine, dem am letzten Urlaubstag sein Übermut zum Verhängnis wurde.

In Horville angekommen, lernt Louis die sarkastische, sexuell frustrierte  Helene und deren sechzehnjährigen Sohn Iannis kennen. Helene bezeichnet sich als Erotik-Autorin und möchte einen Roman schreiben, weswegen sie Ruhe braucht und nicht von Iannis abgelenkt werden möchte, der rund um die Uhr betreut werden muss: er spricht nicht, lebt in seiner eigenen Welt, verweigert den Toilettengang so lange wie möglich und neigt zu Selbstverletzung und Panikattacken. Für Louis stehen alle Anzeichen zunächst auf Flucht, doch Iannis verändert ihn ohne Worte und ohne große Gesten. Ganz allmählich entwickelt sich eine Beziehung zwischen den beiden, die in ihrer Sparsamkeit und in den Gedankengängen des Ich-Erzählers Louis rätselhaft und rührend ist. Und als Louis sich nach acht Wochen verabschieden muss, zeigt ihm Iannis auf eigene Art seinen Schmerz darüber.

Meinung: Ein wenig klischeehaft klingt sie, die Geschichte zweier besonderer Jungen, die zueinander finden. Und ist es dabei absolut nicht. Es ist auch keine Rain Man-Variante, obwohl Iannis Autist ist. Louis ist fasziniert von seinem "Anders-Sein", von seinem schaukelnden Gang, seiner Schönheit, seiner ungefilterten Wildheit. Und er erkennt, dass Iannis Fähigkeiten hat, die ihn in den Augen der anderen unheimlich erscheinen lassen. So ergründet er z.B. Louis' Geheimnis um dessen Ferienbekanntschaft Antoine, und er spürt das Verlangen seiner Mutter, Louis zu verführen. All das äußert sich auf eine Weise, die mitunter bizarr anmutet und gerade darum erstaunlich originell und trotzdem glaubhaft für Iannis' Charakter wirkt.

 Durch den knappen und lyrischen Stil war es mir nicht wirklich möglich, "dabeizusein", aber eigentlich hat der Roman ein Eintauchen ins Geschehen nicht nötig. Gefühle kommen trotz des geringen Umfangs der Geschichte und den häufig etwas bemüht kunstvoll formulierten Sätzen nicht zu kurz. Wie gesagt, am Ende habe ich ein bisschen geweint, und das sagt viel über Louis und Iannis und ihr Verhältnis zueinander aus. Lesenswert!

Bewertung:
👍👍👍👍



Samstag, 8. Juli 2017

Es scheint die Sonne noch so schön ~ Barbara Vine

Passend zur Hitzewelle (die ich genieße!) habe ich zu einem Buch gegriffen, das schon jetzt zu meinen Jahreshighlights zählt und ein richtiger Pageturner ist: obwohl ich eher langsam lese, hatte ich die spannende und einfallsreiche Geschichte innerhalb von drei Tagen verschlungen.




Inhalt: Im Jahr 1986 kehrt der 29-jährige Adam Verne-Smith aus dem Urlaub mit Frau und Tochter zurück und findet durch die Presse heraus, dass auf seinem ehemaligen Landsitz Wyvis Hall in Suffolk ein grausiger Fund gemacht wurde. Die neuen Besitzer hatten bei der Bestattung ihres Hundes einen Tierfriedhof entdeckt, in dem sich neben den verblichenen Hausgenossen vergangener Jahrzehnte auch das Skelett einer jungen Frau und eines Babys befanden. Die Ermittlungen der Polizei laufen auf Hochtouren, und Adam gerät in Panik: vor zehn Jahren lebte er zwei Monate mit seinem Freund Rufus, der verrückten Zosie, der mütterlichen Vivien und Shiva, dem sanftmütigen Inder, in einer Art Hippie-Kommune auf Wyvis Hall, das er von seinem Großonkel überraschend geerbt hatte. Seit dieser Zeit hatten sich die fünf nie wieder gesehen und geschworen, so zu tun, als seien sie Fremde, sollten sie sich zufällig über den Weg laufen. Der Fund jedoch ändert die Situation. Adam nimmt Kontakt zu Rufus auf, der inzwischen ein erfolgreicher, aber dem Alkohol übermäßig zusprechender Gynäkologe ist, um ihn um Rat zu fragen, was zu tun sei - genauso wie in jenem ungewöhnlich heißen Sommer des Jahres 1976, der das Leben der jungen Leute nachhaltig geprägt hat - und zwar nicht zum Guten.

Meinung: Erzählt wird die Geschichte abwechselnd auf zwei Zeitebenen und aus der Perspektive von Adam Verne-Smith, Shiva dem Inder und dem abgeklärten Rufus Fletcher. Das war gelegentlich etwas verwirrend, und mehrere Male musste ich einen Absatz zweimal anfangen, um zu verstehen, ob ich nun in den 1970ern oder 1980ern war. Doch das ist mein einziger Kritikpunkt, wenn es denn überhaupt einer ist. Selten habe ich in jüngster Zeit Bücher gelesen, in denen die Atmosphäre und die Charaktere derart gut und bildhaft beschrieben wurden und in die man sich hineinversetzen konnte, als fläzte man sich in der aufgeheizten und dennoch nonchalanten Stimmung mit den drei Jungs und den zwei Mädels auf der riesigen Terrasse von Wyvis Hall. Ein Roman fürs Kopfkino, der mich vor allem durch die Figuren überzeugt hat. Keiner ist gut oder böse, weder besonders sympathisch noch hassenswert. Jeder handelt nach seinen Eigenschaften nachvollziehbar. Besonders der experimentierfreudige, ambivalente und lässige Rufus hat mir gut gefallen. Eher unfreiwillig nimmt er die Rolle des "Vaters" der zusammengewürfelten Kommune ein, während Vivien - stark beeinflusst durch fernöstliche Philosophien, typisch für die damalige Zeit - für Shiva und Zosie eine Art Mutterersatz wird. Wirkliche Gefühle gibt es unter den Fünf, die sich erst auf dem Anwesen kennenlernen, nicht, auch wenn sich Adam zu Rufus hingezogen fühlt und erschrocken reagiert, als Rufus ihn in einer Nacht mit Joints und zu viel Wein auf die Probe stellt. Gerade die psychologische Komponente und die Beziehung der Protagonisten untereinander fand ich bemerkenswert, gemeinsam mit dem untrüglichen Geschick der Autorin, dabei nie in Kitsch oder Klischees abzudriften und eine Geschichte zu erzählen, die bis zum Ende atemberaubend spannend bleibt, auch nachdem die Opfer schon längst feststehen.

Mir kam beim Lesen der Verdacht, dass ältere Bücher irgendwie origineller und frischer sind als die heutigen, aber das mag ein Trugschluss sein, da mich die meisten Neuerscheinungen bisher nie in der Weise fesseln konnten wie es "Es scheint die Sonne noch so schön" gelungen ist. Ein wirklich toller, kurzweiliger Roman und bestimmt nicht mein letzter von Barbara Vine.


Bewertung: 

👍👍👍👍👍




Freitag, 30. Juni 2017

Der freundliche Mr Crippen ~ John Boyne

Eigentlich weiß ich nicht, weshalb ich dieses Buch gelesen habe, nachdem "Haus der Geister" eine solche Pleite für mich war. Vielleicht, weil John Boyne meist ungewöhnliche Themen in der Vergangenheit aufgreift, ohne dabei penetrant und trocken in jedem zweiten Satz in historische Details zu gehen. Der Stoff und die Zeit, in denen seine Romane spielen, interessieren mich, und so habe ich Dr. Crippen doch noch eine Chance gegeben.

Inhalt: Juli 1910. Im belgischen Antwerpen bricht die SS Montrose zu einer Atlantiküberquerung nach Kanada auf. An Bord sind Mr Robinson und sein Sohn Edmund, die schon bald das Misstrauen der übrigen Passagiere und des Käptains erregen. Tatsächlich fliegt die Maskerade der beiden früh auf, nachdem Käptain Kendall die beiden im Dunkeln erwischt und feststellt, dass die Robinsons nicht das sind, was sie zu sein scheinen. Spekulationen nehmen ihren Lauf, und als Scotland Yard - alarmiert durch den vagen Verdacht, Crippen hätte seine Frau getötet - die Verfolgung aufnimmt, scheint das Schicksal des freundlichen Mr Robinson besiegelt.




Meinung: Die Geschichte beruht auf einem wahren Fall, von dem Boyne in Rückblenden und von der Überfahrt gleichermaßen mit künstlerischer Freiheit erzählt. Das ist an sich nicht verwerflich, im Gegenteil. Doch leider gewinnen die detailverliebt beschriebenen Charaktere nicht an Tiefe, geschweige denn dass ich Sympathie für sie empfunden habe. Die verschiedenen Erzählperspektiven sollten anscheinend für Spannung sorgen; mich haben sie oft verwirrt und ein bisschen geärgert. Allerdings gewöhnt man sich mit der Zeit daran. Nicht gewöhnt habe ich mich an die Vorhersehbarkeit der Story und die plumpen "tierischen" Vergleiche (grinsende Katze beim Anblick einer Schale Milch, schielende Ratte auf der Suche nach Käse, Känguru mit Verdauungsproblemen, um nur ein paar zu nennen). Auch war mir vieles zu ausführlich; unfreiwillig komische und unwichtige Dinge wie "schmerzverzerrte Augen" oder weitschweifende Details, die nicht im Entferntesten der Handlung dienen, haben mich gestört (wobei erstgenannter Kritikpunkt vielleicht auf das Konto des Übersetzers geht).

ACHTUNG SPOILER: Eingedenk des Frauenbildes, das Boyne in diesem Roman vermittelt, überrascht es nicht weiter, wer der wahre Mörder von Crippens unausstehlicher Gattin Cora ist. Der duldsame, langweilige Doktor, der keiner Fliege etwas zuleide tun kann, opfert sich am Ende für die einzige Liebe seines Lebens. Mit der Charakterisierung des in England immer noch recht bekannten "Frauenmörders" konnte ich mich trotz seines Gentlemantums und Edelmuts nicht anfreunden. Zu schwach, zu fad, zu passiv. Dagegen sind die Frauenzimmer richtige Furien: hohl, oberflächlich, machtgeil. Außer Ethel LeNeve. Aber die sieht ja auch aus wie ein Junge. 

Ein paar Logikfehler fielen mir auf, von denen mir besonders die Hutschachtel mit Coras Überresten Kopfzerbrechen bereitet hat. Müsste die nicht irgendwann anfangen, einen hmmm... üblen Geruch zu verströmen? Und wie kann eine zierliche Frau eine viel schwerere Frau auf die beschriebene Weise ermorden, zudem noch mit Fachkenntnissen, die man Dr. Crippen zuschrieb? Das war mir dann doch zu viel der künstlerischen Freiheit.

Berührt hat mich einzig das Nachwort des Autors, in dem er berichtet, dass sowohl Dr. Hawley Crippen als auch seine Geliebte sechzig Jahre später auf ihren Wunsch hin mit dem jeweiligen Foto ihrer großen Liebe bestattet wurden. Ich hoffe nur, die Anekdote ist nicht erfunden. (O;

Fazit: Mein vermutlich letztes Buch von John Boyne. Schade, trotz allem. Immerhin bin ich aus Ermangelung einer neuen Lektüre bis zum Schluss drangeblieben, was ich nach der ersten Hälfte ursprünglich nicht vorhatte, daher vergebe ich zwei Sterne.

 


👍👍



Donnerstag, 22. Juni 2017

Rezension "Der Engelmacher" von Stefan Brijs

Dieser Roman ist mein erster eines niederländischen Autors, und obwohl ich die Geschichte originell und über weite Strecken spannend fand, wird das in der nächsten Zeit wohl so bleiben. Nicht, dass ich ihn nicht verstanden habe oder madig machen möchte, aber das Thema war mir gegen Ende hin doch zu schwerverdaulich.

Inhalt: Herbst 1984. In das Dorf Wolfheim an der deutsch-belgischen Grenze zieht der sonderbare und stoische Arzt Dr. Victor Hoppe mit drei Säuglingen ein, welche die neugierigen Bewohner erst zu Gesicht bekommen, als der scheue, aber äußerlich markante Doktor zu einem Notfall gerufen und daraufhin von dem dankbaren Vater des Jungen zu einem Drink ins Gasthaus eingeladen wird. Er nimmt die Einladung widerwillig an und auf das Drängen der Bewohner die Kinder mit, die großes Erstaunen, aber auch Ekel auslösen: alle drei sehen genau gleich aus, nicht wie "normale" Babys und ähneln dem Doktor bis auf die im Kindesalter operierte Hasenscharte. Die Bewohner beschließen, Victor Hoppe bei der Erziehung zu helfen, doch der lehnt ab. Erst die pensionierte Lehrerin Charlotte Maenhout scheint gut genug als Kindermädchen für Michael, Raphael und Gabriel und unterrichtet die ungewöhnlich intelligenten Kinder Zuhause, denn sie besitzt fundierte Kenntnisse im Allgemeinwissen. Wissen - das wichtigste für Victor Hoppe. Käme er nur nicht immer in Konflikt mit seinem Glauben, der zu einer Katastrophe führt, die das eigentliche Drama erst einleitet...







Meinung: Der Engelmacher gliedert sich in drei Teile: Die Ankunft des Doktors in Wolfheim, seine Kindheit in streng katholischen Institutionen und seine Zeit an den Universitäten, an denen er auf eigene Verantwortung im Alleingang Zellforschung betreibt und damit Unmögliches scheinbar möglich macht. Immer wieder springt der Autor dabei in die Gegenwart; ein Kunstgriff, der gut gelöst ist, denn trotz der vielen Zeitebenen verliert man nie den Faden und kann den Geschehnissen gut folgen. Auch die persönliche Entwicklung von Victor Hoppe ist nachvollziehbar, der aufgrund eines Asperger-Syndroms (das in den 1980er Jahren noch weitgehend unbekannt war) weder Metaphern oder Gefühle noch Ironie zu deuten weiß und daher alles, was er hört und liest, wörtlich nimmt. Diese Charaktereigenschaft fand ich sehr spannend, denn sie hat mir geholfen, Victor Hoppe bis zuletzt zu verstehen, so schrecklich seine Motive und sein Handeln auch sind. Für Victors Denkweise, die Prägung in seiner Kindheit und seiner Gegenwart ergibt alles, was er tut, einen Sinn. Die Referenz an Victor Frankenstein fällt mir übrigens erst jetzt ein...

Der dritte Teil war es dann, der mir die Spannung ein wenig verhagelt hat. Dort geht es in der Hauptsache um religiösen Wahn, dem Victor anheimfällt, und das nicht nur als Konkurrent zum Schöpfer, sondern als eine Art Seelenverwandter von Jesus, der nach Victors Verständnis von Gott genauso missverstanden wurde wie er selbst von seinem Vater und allen, die nicht an seinen Erfolg glaubten. Das war für meine Begriffe ein bisschen zu weit hergeholt und irgendwie auch ziemlich grässlich. Die Figuren und vor allem Victors Denken waren jedoch trotz aller Kritik plausibel dargestellt, daher vergebe ich


👍👍👍  und ein halber 👍




Montag, 15. Mai 2017

Mads Mikkelsen "Die Jagd" (Jagten), 2012, von Thomas Vinterberg

Diesen Film habe ich mir mehrmals angesehen, auch in der Originalsprache Dänisch. Er wurde mehrfach prämiert, hat tolle Darsteller und erzählt eine ungewöhnliche Story mit ungeschönter Offenheit, und dennoch hat man als Zuschauer das Gefühl, nicht recht zu wissen, wie man den Film bewerten soll. Ich versuche es trotzdem.




Inhalt: Der 42-jährige Lukas lebt geschieden von Frau und Sohn in einem kleinen Dorf, in dem jeder jeden kennt. Es wird gerne Hygge gemacht, das Geheimrezept der glücklichen Dänen. Man trifft sich, lacht und trinkt miteinander und macht allerhand Blödsinn. Einer Arbeit geht Lukas neben Hygge natürlich auch nach: er ist Kindergärtner, nachdem die Schule, an der er unterrichtet hat, schließen musste. Seinen neuen Job liebt er und ist mit ganzem Herzen dabei. Vielleicht ein bisschen zu sehr, denn Clara - Tochter seines besten Kumpels Theo - verliebt sich in ihn. Sie macht ihm Geschenke und küsst ihn während einer ausgelassenen Spielrunde auf den Mund. Lukas stellt sie zur Rede, doch die Kleine ist beleidigt und hat außerdem einen großen Bruder, der mit einem Freund Internetpornos guckt. Das macht schlau. Sie erzählt der Kindergärtnerin Grethe etwas, das dem gutmütigen Lukas keiner zugetraut hätte. Die allmähliche Ausgrenzung und die oft handgreiflichen Drohungen der übrigen Bewohner scheinen berechtigt zu sein, als alle anderen Kinder plötzlich von ähnlichen Erfahrungen berichten. Hündin Fanny muss dafür mit dem Leben bezahlen, und das ist erst der Anfang.

Nur sein heimlich zu ihm ziehender Teenager-Sohn und dessen Patenonkel halten zu ihm und lassen sich von der allgemeinen Feindseligkeit nicht einschüchtern. Nachdem Lukas in U-Haft genommen wird, stellt sich heraus, dass das Haus, in dem er die Kinder missbraucht haben soll, keinen Keller hat, obwohl der von jedem Kind detailiert beschrieben wird. Aber ist das der Beweis für Lukas' Unschuld? Und wem glaubt man mehr? Einem Erwachsenen, der seine Unschuld beteuert, oder einem Kind, das sich schließlich aus Scham oder Angst nicht mehr erinnern kann und als Missbrauchsopfer betrachtet wird, selbst wenn es eingesteht, eine Dummheit erzählt zu haben?

Meinung: Wie bereits erwähnt, ist das Thema des Films eines, das Beklemmung hinterlässt und zum Nachdenken anregt. Nicht, weil Mads Mikkelsen als Lukas einfach gnadenlos sympathisch ist oder man die kleine Clara gern schütteln möchte, was nicht einmal der Fall ist. Sie erzählt eine Lüge, über deren Konsequenzen sie sich nicht bewusst ist; und wie sollte sie? Als sie später versucht, es wiedergutzumachen, verrennt sie sich dabei noch mehr.





"Die Jagd" ist kein Plädoyer für unschuldige *Täter* in einer ähnlichen Situation wie Lukas. Denn vielleicht hätte sich dann am Ende alles aufgeklärt und alle könnten sich wieder hyggelig zusammensetzen und die Sache vergessen. So aber leidet man mit Lukas und fragt sich während des gesamten Films, wie man sich an Stelle der Eltern verhalten hätte. Lukas jedenfalls erlebt die totale soziale Ausgrenzung, und das Misstrauen, das ihm seit der Geschichte mit Clara entgegenschlägt, bleibt. Kein noch so überzeugendes Argument oder Indizien seiner Unschuld können sein Stigma als vermeintlicher Kinderschänder ausradieren.

Der Schluss, der zeitlich zehn Monate nach seiner Anklage und Freilassung angesetzt ist, zeigt Lukas als stolzen Vater, der seinem Sohn zu dessen Reife eine Jagdflinte schenkt - ein Anlass, der, ganz im Zeichen von Hygge, ausgiebig gefeiert wird. Alles ist wieder gut: die Freundin ist zurückgekehrt, Lukas' Ruf wiederhergestellt. Scheinbar zumindest. Doch die jahrzehntelange Freundschaft zwischen Lukas und Theo und Hygge gehören der Vergangenheit an.

Fazit: Ein unter die Haut gehender, aber schwer verdaulicher Film mit grandiosen Schauspielern zwischen fünf und fünfzig, und ein ungewöhnlich sensibler und verletzlicher Mads Mikkelsen. Auch die schönen Bilder und der Soundtrack überzeugen. Trotz des sich nie einstellenden Hygge-Gefühls vergebe ich die volle Punktzahl.


👍👍👍👍👍




Freitag, 5. Mai 2017

Die Püppchen-Mama im Fangirl-Himmel

Fans der US-Serie "Turn - Washington's Spies" werden meine Aufregung verstehen, wenn sie sich die Fotos im Beitrag ansehen und die Abenteuer meines kleinen Major John André halbwegs verfolgt haben, der mittlerweile sogar einen eigenen Twitter-Account hat, auf dem er von seinen Reisen berichtet.

"Gotcha!"


 

Unter anderem besucht er mit seiner Adoptivmama Holly des öfteren die Drehorte der Serie in Colonial Williamsburg und ist dort bereits zu einem den Schauspielern fast ebenbürtigen Bekanntheitsgrad aufgestiegen.

Am ersten Mai sind beide wieder dorthin gefahren in der Hoffnung, ein paar der Hauptdarsteller zu treffen, die gestern den allerletzten Drehtag hatten. Die lange Wartezeit wurde belohnt: nach zwei Stunden trafen His Excelleny George Washington (Ian Kahn) ein, sein Adjutant und André-Gegenspieler Ben Tallmadge (Seth Numrich), dessen Kumpel Caleb Brewster (der sehr herzliche Australier Daniel Henshall, der sein Püppchen-Doppelgänger über Twitter kennengelernt hat) und später auch der John André-Kollaborateur Benedict Arnold (Owain Yeoman).


"Haven't seen that one before, have I?"

 

 Eigentlich war ich nie wirklich ein Fan von Ben / Seth - irgendwie war er mir zu glatt und zu hübsch - aber seit dem Selfie oben bin ich es! Denn kaum hatte er das Püppchen entdeckt und als John André erkannt, riss er es der völlig überrumpelten Holly aus der Hand, nahm sein Smartphone und schickte ein Foto von sich und dem kleinen Major an seinen leider seit Staffel 3 nicht mehr anwesenden Kollegen JJ Feild!!! Dieses Selfie wurde danach noch einmal von Hollys Smartphone aufgenommen, damit die Fans und natürlich meine Freundin auch etwas davon haben.

Ich habe fast geheult vor Rührung, als Holly es mir erzählt hat... alle waren begeistert und entzückt von meinem kleinen Major, der ja nun fast am Ziel seiner Reise war, nämlich seinem großen Vorbild vorgestellt zu werden. Das beweisen auch die Fotos, die ich mit freundlicher Genehmigung von Holly hier poste.


"Phew! I'm safe. Holly won't let him capture me again."


Schon ziemlich verrückt, denn ich habe nicht wirklich daran geglaubt, dass die Schauspieler mal mit einer meiner "Turn"- Kreationen auf Tuchfühlung gehen. Wenn ich die Bilder betrachte, regt sich schon ein bisschen Stolz auf meine Arbeit und Bewunderung für meine Freundin, die als Besitzerin meines Püppchens zur Premiere der vierten und letzten Staffel gehen wird und sich das Treffen mit den Stars mehr als verdient hat!


"Pointing with fingers is not polite, General."


 

Holly und der kleine Major setzen auf jeden Fall ihre Reisen ins historische Amerika fort, wobei André demnächst vermutlich einen Zwischenstopp in Europa machen muss, um sich divenmäßig die kunstvolle Frisur richten zu lassen, die nach zwei Jahren Sturm- und Drangzeit doch etwas in Unordnung geraten ist. Eigentlich hatte ich ihm auch angeboten, sich ein bisschen mehr herauszuputzen, nachdem er nun so berühmt ist, aber er meinte, Abzeichen und Epauletten seien ihm auf seiner abenteuerlichen Mission nur hinderlich.


"Look at that sneaky traitor smile!"




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Freitag, 31. März 2017

Review "Rain Man" (1988)

Dieser Film ist einer meiner Lieblingsfilme seit Jahren. Wie oft ich ihn gesehen habe, weiß ich nicht, aber fast sämtliche Dialoge kann ich auswendig. Wahrscheinlich hat er meine Liebe für "buddy movies" genauso geprägt wie das Motiv der Roadmovies, und trotzdem ist er so viel mehr. Gestern habe ich ihn mir nach langer Zeit wieder angeschaut, und er hat nichts von seinem Charme und Zauber verloren, auch wenn er mittlerweile schon fast dreißig (!) Jahre alt ist. Das 1980er Jahre-Flair, bestehend aus Yuppie-Style, rosa Jogginghosen und Föhnfrisuren hat das Ganze irgendwie authentischer wirken lassen und trug viel dazu bei, dass ich mir wie auf einer kleinen Zeitreise vorkam.


Die geniale Geschichte ist simpel und schnell erzählt. Charlie Babbitt (Tom Cruise in seiner besten Rolle) ist ein skrupelloser Luxuskarossen-Händler in Los Angeles, geht lieblos mit seiner Freundin Susanna (Valeria Golino) um, schikaniert alle, die sich ein Bein für ihn ausreißen und merkt es nicht einmal. Auf dem Weg nach Palm Springs zum Wochenendurlaub erhält er die Nachricht, dass sein Vater verstorben ist, mit dem er sich seit langem überworfen und keinen Kontakt mehr hat. Unverzüglich fliegt er an die Ostküste in der Hoffnung auf ein fettes Erbe. Doch alles, was er erhält, ist ein 1949 Buick, der ihn perfiderweise an die unglückselige Trennung von Daddy erinnert, und die preisgekrönten Rosenbüsche. Die drei Millionen Dollar Vermögen sollen an eine Stiftung gehen, von der ein unbekannter Nutznießer profitiert. Charlie findet heraus, dass sich hinter diesem Nutznießer sein autistischer Bruder Raymond (Oscar-prämiert: Dustin Hoffman) verbirgt, der seit seinem zwanzigsten Lebensjahr in der Anstalt Wallbrook in Cincinnati für geistig Behinderte lebt, und von dem Charlie nichts wusste. Raymond als Druckmittel gegen den Anstaltsleiter Dr. Bruner benutzend, plant er, mit dem Bruder nach L.A. zu fliegen. Kurzerhand kidnappt er ihn, weil ihm schließlich immerhin "die Hälfte zusteht".

Doch Raymond weigert sich, in ein Flugzeug zu steigen und hegt auch sonst Misstrauen gegen schnelle Verkehrswege: die Reise wird im Buick auf der Landstraße von Ost nach West durchgezogen. Susanna, die mit Charlies Plan nicht einverstanden ist und ohnehin die Nase voll hat von ihrem egoistischen Freund, macht Schluss, und so bleibt Charlie nichts anderes übrig, als drei Tage mit dem absonderlichen Raymond alleine unterwegs zu sein. Drei abenteuerliche Tage, in denen er allmählich lernt, seinen Bruder zu verstehen, seine ungewöhnlichen Fähigkeiten zu nutzen und ihn sogar zu lieben, als er erfährt, dass Raymond sein imaginärer Freund "Rain Man" war, der ihn als Baby beruhigt hat, wenn er sich vor etwas fürchtete. Und selbst wenn Raymond nicht auf "normale Art" zeigen kann, was er empfindet, entwickelt er ebenfalls eine Zuneigung zu seinem neuen "Oberboss".

Meinung: Es gab eine Phase, da fand ich einige Szenen und das Ende kitschig. Heute sehe ich das nicht mehr so. Im Gegenteil: anders als viele weitere Filme, die sich mit Behinderungen befassen, hat "Rain Man" wenig Sentimentales an sich, was vor allem an der großartigen Leistung von Tom Cruise liegt. Charlie Babbitts etwas robuste und erfrischende Art, Raymond so zu behandeln wie jeden in seinem Umfeld, und seine kaum merkliche "change of heart" ist etwas, das mir sehr gut gefällt. Auch seine Findigkeit im Ungang mit Raymond und die erstaunliche Geduld, die er von Anfang an aufbringt - nicht ohne sich gelegentlich über die festgefahrenen Rituale aufzuregen ("Dieser Autismus ist ein Haufen Scheiße! Und du kannst mir nicht erzählen, dass du da nicht irgendwie übertreibst!") - machen ihn für mich zum Star des Films. Ihm unterlaufen Fehler, die die Ärzte in Wallbrook nie gemacht hätten, weil sie Raymond - einen Behinderten - mit Samthandschuhen anfassen und ihn nicht fordern wie Charlie Babbitt. Aber er erkennt den Menschen in Raymond; und mehr noch, seine Familie, die er nie hatte. Dass er am Ende ohne die anderthalb Millionen und vor allem ohne Raymonds Vormundschaftsrecht dasteht, ist bitter, doch Charlie Babbitt hat dennoch gewonnen: einen Bruder und seelische Reife.

Sehr interessant sind übrigens auch die Extras auf der DVD. Besonders beeindruckt hat mich die Schilderung des Co-Drehbuchautors von Eltern mit autistischen Kindern, die nach dem Anschauen des Films auf ihn zugingen und erzählten, dass die Geschwister, die sich bisher für den autistischen Bruder/die Schwester geschämt hatten, nun stolz darauf seien, ihn / sie zu beschützen, wie der coole Charlie Babbitt/Tom Cruise seinen Bruder Raymond/Dustin Hoffman. Ich glaube, dass man das große Spektrum des Asperger/Autismus-Syndroms heute etwas anders bzw. differenzierter betrachtet, die Wissenschaft weiter und die Porträtierung von Raymond ein Mix aus vielen ist. Trotzdem liebe ich diesen Film immer noch. Er ist anrührend, leise, tiefsinnig, dramatisch, humorvoll und an keiner Stelle langweilig. Außerdem sieht man viel von den USA, staunt oft, wie dörflich und gemütlich es in vielen Orten zugeht und ist fast traurig, wenn man im Abspann zum wehmütigen Soundtrack von Hans Zimmer noch einmal die Schnappschüsse sieht, die Rain Man mit seiner Kamera auf der denkwürdigen Reise geknipst hat.







Fazit: Ein heimlicher Klassiker für die ganze Familie. Wer ihn nicht kennt, sollte das unbedingt nachholen.

Bewertung:

👍👍👍👍👍



Mittwoch, 29. März 2017

Frühlingsaktion: Die Ebook-Preise purzeln!

Endlich kommt wieder die Sonne, und mit ihr die Balkon-Lesezeit. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber sobald die ersten Sonnenstrahlen warm genug scheinen, nutze ich jede freie Minute draußen. Oft auch auf dem Balkonliegestuhl mit einem Buch in der Hand und einem Fruchtsaftgetränk auf dem kleinen Metalltisch daneben. Oder einem Becher "Ben & Jerry's" Cookie Dough. Yummy!




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 Christines Romane

Ich freue mich über Feedback!



Dienstag, 21. März 2017

El Orfanato: "Das Waisenhaus" von J. A. Bayona (2006)

In Spanien haben Grusel- und Horrorfilme Tradition. Dank namhafter Regisseure wie Gulliermo del Toro haben sie in den letzten Jahren wieder Aufwind erhalten und finden auch beim internationalen Publikum Anklang. Nicht nur "Pans Labyrinth" oder "Crimson Peak" haben das Zeug zum Gruselklassiker, sondern auch "Das Waisenhaus", bei dem del Toro als ausführender Produzent mitgewirkt hat. Das sieht man dem Film auch an - und vielleicht macht ihn gerade das für mich so besonders, denn das Setting, Musik und die Bilder erinnern stark an das märchenhaft anmutende Markenzeichen des spanischen Regisseurs.

Inhalt: Die ehemalige Waise Laura (Belén Rueda), Ende dreißig, erfüllt sich einen Herzenswunsch und zieht mit ihrem Mann Carlos und dem adoptierten Sohn Simon in das Haus ihrer Kindheit: ein schon lange leerstehendes Waisenhaus am Strand, das sie mit Carlos renoviert, um noch ein paar mehr Pflegekinder aufnehmen zu können, hat sie doch selbst bis zu ihrer Adoption eine glückliche Zeit mit ihren fünf Freunden dort verbracht.
 
Doch während der Einweihungsfeier gerät die Idylle aus dem Ruder: Simon, der sich gern mit imaginären Freunden umgibt, will Laura die versteckte Wohnung seines neuen Kumpels Tomas zeigen, statt die neuen Kinder zu begrüßen. Laura verliert die Nerven und ohrfeigt Simon, der ohnehin ziemlich merkwürdig und rebellisch ist, seit er Tomas' Bekanntschaft geschlossen hat. Kurz darauf sieht sie einen kleinen Jungen mit einem Sack über dem Kopf, der sich ihr gegenüber ebenfalls recht aggressiv verhält, als sie ihn anspricht. Danach sind er und auch Simon spurlos verschwunden. Noch seltsamer: Außer Laura scheint den schauderhaft maskierten Jungen niemand gesehen zu haben.

Eine monatelange Suche nach Simon beginnt, der an HIV leidet und ohne Medikamente nicht lange überlebensfähig ist. Laura sieht ihn zuletzt in der Bucht, in der er angeblich ein paar Tage zuvor mit Tomas gespielt hat, doch die Polizei kann ihn nicht finden. Außerdem taucht eine gruselig vertrocknete alte Frau auf, die sich vom Jugendamt ausgibt und Auskunft über Simon verlangt, in Wahrheit aber darauf aus ist, sich Zugang zum Haus zu verschaffen, um eine Tat zu vertuschen, die dreißig Jahre zurückliegt...

Für Laura gibt es da klar einen Zusammenhang, aber fast alles, was sie eigenmächtig in die Wege leitet, wird als das Hirngespinst einer verzweifelten Mutter gedeutet. Selbst der sanftmütige Carlos zerbricht an ihrer Hartnäckigkeit, Simon zu finden und zieht vorübergehend aus. Zeit für Laura, sich mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen. Was sie buchstäblich in den Tiefen des Hauses findet, ist der Alptraum jeder Mutter - und ihre Erlösung.





Meinung (Vorsicht: leichte Spoiler!): Dieser Film hat alles. Wirklich alles, was Fans von echtem, subtilem und zugleich handfestem Grusel gern sehen: Ein unheimliches Haus mit dunkler Vergangenheit, zwielichtige Erscheinungen (sind sie echt oder existieren sie nur in Lauras Phantasie und der von Geraldine Chaplin, die hier einen kurzen, aber obligatorischen Auftritt als Medium hat?), spannende Figuren und symbolträchtiges Spiel(-zeug), eine originelle und mystische Handlung und so große Gefühle, dass ich am Ende ganz ungeniert laut geschluchzt habe. Das Peter Pan-Motiv spielt eine Rolle, denn alle "imaginären" Kinder, mit denen Simon sich befreundet, werden nie erwachsen. Sie sind wild und wollen spielen, so wie früher mit ihrer Freundin Laura. Die hat nicht mehr mitbekommen, dass im Waisenhaus damals ein missgestalteter Junge versteckt worden war, den ihre Freunde in die Bucht gelockt und ihn aufgefordert hatten, den Sack vom Kopf zu nehmen. Aus Scham traut sich Tomas nicht und ertrinkt, als die Flut kommt.

Das Schicksal des kleinen Tomas hat mich neben der Familientragödie am meisten berührt, aber es gibt viele Momente und Details im Film, da möchte man einfach nur überwältigt applaudieren. Originaliät, schöne Bilder und nicht zuletzt die getragene Musik von Fernando Velazques machen den Film zu einem meiner All-Time-Favorites. Auch die Schluss-Szene mit Carlos und seinem wiedergefundenem Sankt Antonio-Amulett ist einfach nur wow. Taschentücher bereithalten!


Bewertung: 

👍👍👍👍👍




Freitag, 10. März 2017

"Kong - Skull Island" mit Tom Hiddleston (2017)

Und wieder mal eine Rezension aus der Rubrik "Filme, die ich wegen Tom Hiddleston gesehen habe und die die Welt trotzdem nicht braucht":





Zum Inhalt, der dürftig vorhanden ist: In den 1970er Jahren macht sich eine Gruppe von Wissenschaftlern in Begleitung von Militärs und einer Fotografin auf, um eine bisher unbekannte Insel im Südpazifik zu erforschen. Beim Anflug mit Hubschraubern holt sie ein Riesenaffe vom Himmel, und fortan ist die dezimierte Gruppe auf der Insel gestrandet, wo sie um ihr Überleben kämpfen muss. Denn außer Kong befinden sich noch fußlose Echsen, niedliche Baumstümpfe in Insektenform, Kraken und Spinnen auf der Insel, die alle ziemlich fies auf Beute aus sind.

Als die Gruppe sich aufteilt, stößt die Gruppe um James Conrad (Tom Hiddleston) auf den Veteranen Marlowe, der im 2. Weltkrieg über der Insel abgestürzt ist und bei den Einheimischen lebt, die Kong wie einen Gott verehren, ansonsten aber nur mit versteinerten Gesichtern herumstehen. Der andere Teil, angeführt von Colonel Packard (Samuel L. Jackson), hat weniger Glück. Denn aus irgendeinem Grund besteht Packard darauf, dem Affen den Garaus zu machen, und verhält sich dabei wie die Axt im Walde - oder die Machete im Dschungel in diesem Fall. Conrad und die Fotografin Wesley (Brie Larson) machen derweil intimere Bekanntschaft mit Kong, als sie einen Fluß auskundschaften und urplötzlich der Affe vor ihnen auftaucht. Als er an Wesleys Hand schnuppert, fangen beide an zu weinen, und der geneigte Zuschauer erkennt zweifellos die Geburt zweier Ökos. Denn von jetzt ab hat Kong zwei Beschützer, die er eigentlich gar nicht braucht, aber hey, der Film soll ja auch irgendwie eine Botschaft haben dürfen. Wesley und Conrad stellen sich Packard in den Weg ("Kong verteidigt nur sein Revier!"), als er Kong eine Falle stellt und ihn anschließend in die Luft sprengen will. Aber eigentlich müssten sie das gar nicht, denn es gibt ja noch den gemeinsamen Feind, nämlich eine seltsam deformierte Echse, die einfach nicht totzukriegen ist.

Meinung: Ich habe selten einen dümmlicheren, platteren und langweiligeren Fantasy-Actionfilm gesehen. Da hilft es nicht, dass Tom Hiddleston heroisch über Riesenaffen-Friedhöfe rennt und kleine hässliche Flatterviecher mit der Machete köpft (und dabei eine höchst unkleidsame Gasmaske vorm Gesicht hat). Die Protagonisten sterben wie die Fliegen und keinen kümmerts, die Figuren bleiben flach und bei den Special Effects hat das Budget nicht ausgereicht, um der grässlich-ekligen Echse zumindest ein Paar Hinterfüße zu gönnen.

Wer auf abstürzende Hubschrauber, überdimensionale Affen, Spinnen und würgende Dinosaurier steht, der könnte eventuell auf seine Kosten kommen, denn gefühlte anderthalb Stunden sieht man nichts anderes in dem Film. Die restliche halbe Stunde wird mit Phrasen gefüllt wie "Er war einer unserer Besten!", "Sag mir, dass das keine gute Idee war" - "Das war keine gute Idee" oder "Wir müssen hier weg!" oder auch "Wir sind hier, um unsere Lieben zuhause vor Kreaturen wie dieser zu schützen!"

Dazwischen kommt mal so kurz ein bisschen was wie Spannung auf, wenn Conrad von seinem noch heroischeren Daddy erzählt oder Wesley einem kugeligen Wasserbüffel helfen will, sich von einem auf ihn herabgestürzten Flugzeugwrack zu befreien. Alles in allem ist Skull Island aber ein Film, den man sich selbst als Tom Hiddleston-Fan ersparen kann.

 Bewertung:



👍


P.S. Ich muss ihn wirklich mögen, den Tom. Irgendwie sind seine filmischen Ausrutscher nämlich auch recht liebenswert.



Sonntag, 5. März 2017

"Haunted" - Haus der Geister (1995)

Gemeinsam mit einigen Uralt-Klassikern war dieser Film wohl mein Einstieg ins Gruselgenre und hat meine Vorliebe für Schauergeschichten geprägt. Vor langer Zeit schon gesehen, habe ich die (leider qualitativ ausbaufähige) DVD mal wieder ausgegraben. Und irgendwie mag ich "Haunted" immer noch, was besonders den tollen Hauptdarstellern (allen voran Aidan Quinn mit seinem verwunderten Kinderblick) und der unheimlichen Atmosphäre geschuldet ist.





Inhalt: Amerika/England, 1925. Der Psychologieprofessor David Ash (Aidan Quinn) glaubt nicht an Übersinnliches, seit er als Kind seine Zwillingsschwester Juliet bei einem Unglück verloren hat, an dem er sich schuldig fühlt. In seinen Vorlesungen und auf Seáncen tut er alles, um den Schwindel um Tote im Jenseits zu widerlegen, die Kontakt zu den Lebenden aufnehmen möchten. Als ein Hilferuf von Nancy Webb (Anna Massey) aus Edbrook Hall in England kommt, reist er dorthin, um die alte Frau von ihren angeblichen Geistern zu befreien. Mit ihr im Anwesen leben drei Geschwister, die sich in jeder Hinsicht sonderbar benehmen. So ist Simon ein alberner Kindskopf, der nur wüste Streiche im Kopf hat, und der distanziert-joviale Robert (Anthony Andrews aus "Brideshead Revisited") scheint eine inzestuöse Beziehung zu Christina (Kate Beckinsale) zu unterhalten.

Und nicht nur das mutet sonderbar an in Edbrook Hall. Außer der überspannten "Nanny" und den spinnerten Eigenheiten der verschworenen Drei sieht und erlebt David einiges, was ihn an seinem rationalen Wissenschafterverstand (ver-)zweifeln lässt. Zu allem Überfluss verliebt er sich natürlich in die betörend schöne Christina und handelt sich damit nicht nur Roberts Eifersucht ein: Christina ist besitzergreifender, als David vermutet hätte... und warum geistert Davids Schwester Juliet eigentlich auf dem Anwesen herum?

Meinung: "Haunted" ist klassischer Grusel. Kein Klischee wird ausgelassen. Ein traumatisierter Protagonist wird in ein unheimliches Umfeld geworfen, das er mit allen Mitteln und seiner Vernunft  zu erklären versucht, und auch die geschwisterliche Überliebe ist in Schauergeschichten ein beliebtes, weil verstörendes Stilmittel (aktuelles Beispiel: Crimson Peak). Die Unfälle wie Gaslampenexplosion und brennender Keller, von denen David auf Edbrook Hall Zeuge wird, deuten auf die Vergangenheit des Spukhauses hin, und Nanny - obwohl hilflos und verängstigt und alles andere als über den Dingen schwebend - gehört schon selbst fast zum uralten Inventar. Ihre gequälte Erscheinung allein jagt einem bereits eine Gänsehaut über die Arme.

Einige Ungereimtheiten gibt es, bei denen ich mich als Zuschauer gefragt habe, wie das denn möglich ist (Sex mit Gespenstern - hallo?) - aber hey, es ist eine Geistergeschichte. Da ist praktisch alles erlaubt, oder? Und wenn der Film eine so überzeugend spooky Atmosphäre versprüht, Aidan Quinn mit seinen großen blauen Augen blinzelt und er am Ende sicher an der Hand seiner Schwester das zerstörte Anwesen verlässt, bevor sie sich endgültig mit weisen Worten von ihm verabschiedet, bin ich am Rand eines emotionalen Ausbruchs.

Fazit: Ein sehenswerter Film, wenn man es mit der Realität nicht so genau nimmt und sich einfach mal gut unterhalten und gruseln möchte.

Bewertung:
👍👍👍👍
 



Donnerstag, 16. Februar 2017

Review "Die Königin und der Leibarzt" (A Royal Affair)

In Dänemark gehört die tragische Affäre zwischen Königin Caroline Mathilde (1751-1775) und dem deutschen Arzt Johann Friedrich Struensee (1737-1772) zum Kulturgut. Hierzulande wurde sie immerhin anno 1955 unter dem Titel "Herrscher ohne Krone" verfilmt.

Die Geschichte zur neuen Version von 2012 klingt klischeebeladen und wie aus einem Groschenroman, und man mag kaum glauben, dass sie sich höchstwahrscheinlich exakt so abgespielt hat, wie es im Film dargestellt wird. Trotzdem gehört er zu meinen momentanen Lieblingsfilmen. Die atmosphärische Ausstattung, die tollen Schauspieler und vor allem ein überragender und sexy  Mads Mikkelsen in der Rolle von Johann Struensee sorgen dafür, dass ich als Zuschauer die damalige Zeit miterlebe und mittendrin bin. Vielleicht liegt der Charme des Films auch an der emotionalen Kraft der Bilder, von denen jedes wirkt wie ein Gemälde.

Handlung: Dänemark, 1769. Die aus England stammende Caroline von Hannover (Alicia Vikander) wird mit dem dänischen Prinzen Christian VII. (Klasse: Mikkel Boe Følsgaard) verheiratet. Die Ehe ist nicht glücklich, denn Christian stellt lieber vollbusigen, ordinären Animierdamen nach und ist auch ansonsten wenig zartfühlend. Da er obendrein von oft vulgärer und kindischer Natur ist, bescheinigen ihm der Hof und seine Stiefmutter Juliane ein umnachtetes Gemüt. Während einer Reise durch Europa lernt Christian den deutschen Arzt Struensee kennen, der anonyme Pamphlete gegen Adel und Kirche verfasst und ein Anhänger Voltaires ist. Da Struensee ihn ernstnimmt, fühlt sich Christian erstmals im Leben verstanden. Sofort entwickelt er große Zuneigung zu dem nicht nur in medizinischen Belangen progressiven Struensee. Er ernennt ihn zu seinem Leibarzt und lässt ihn später sogar die Regierungsgeschäfte übernehmen - sehr zum Verdruss des hofstaatlichen Rates.



"Don't touch the paper! It's poisoned."

 

Doch nicht nur die Geschäfte vertraut er ihm an - er soll seine lethargische Ehefrau von ihrer Melancholie heilen und sie "lustig machen". Das gelingt Struensee schneller als der Aufstieg zum König von Preußen. In den Nächten teilen Caroline und Johann das königliche Bett miteinander, bei Tag bestimmen Christian und Johann neue Gesetze und Dekrete zum Wohl des Volkes. Adel und Klerus kochen vor Wut.

Als die Affäre durch eine innige verräterische Geste während eines Spaziergangs durch den Park von Stiefmama Juliane entdeckt wird, sieht der Adel seine Chance gekommen, den Spieß umzudrehen, das Land vor ketzerischer Aufklärung zu bewahren und die alten Zustände wiederherzustellen.


Dieses Ziel verfolgen sie mit Härte und schweren Konsequenzen für die königliche Familie und Struensee. Mit einer Lüge schüchtern die ehemaligen Ratsherren und Grafen den König ein und zwingen ihn dazu, Struensee verhaften zu lassen. Ohne sein Wissen und mit der Hoffnung auf Begnadigung wird dieser gemeinsam mit einem Freund im Frühling des Jahres 1772 einen Kopf kürzer gemacht. Am Ende versinkt Dänemark wieder ins finstere Mittelalter und Christian VII. in völlige Umnachtung. Die nach Celle verbannte Caroline stirbt an Scharlach. Ihre beiden Kinder von zwei Vätern sieht sie nie mehr wieder. Doch ihr Sohn führt Jahre später Struensees angefangenes Werk fort und verhilft seinem Land zu Gleichberechtigung und Freiheit.

Meinung: Wo Mads Mikkelsen mitmischt, kann ich nicht unparteiisch sein. (O; Als Schauspieler und Typ finde ich ihn einfach unwiderstehlich! Die Rolle des Dr. Struensee - verständnisvoll, charismatisch, sinnlich, ambivalent, analytischer Beobachter und ermutigender Berater  - passt ihm wie maßgeschneidert. Außerdem hat er mich bisher noch nie enttäuscht in irgendeinem Film. Und ich merke, dass ich doch ein olles Fangirl bin...

Auch der junge Mikkel Boe Følsgaard  - preisgekrönt für Christian VII., mit dem er sein Filmdebut gab - beeindruckt in jeder Szene, sei er unflätig, frivol, unsicher oder kindlich eifersüchtig auf jeden, der Struensee zu nahe kommt.

Fazit: Obwohl eindeutig als Kostümfilm konzipiert, wirkt der Film an keiner Stelle angestaubt, manchmal sogar verblüffend aktuell. Wer sich zudem gern von einem grandiosen Mads Mikkelsen und schönen Bildern vom historischen Dresden und Kopenhagen verzaubern lassen und einen Blick in die Geschichte werfen möchte, dem sei "Die Königin und der Leibarzt" aufs Wärmste empfohlen.


Bewertung: volle Punktzahl


👍👍👍👍👍

  






Bildquelle: Amazon


Mittwoch, 1. Februar 2017

Literarische Identifikationsfigur - ja oder nein?

Neulich fand ich auf Facebook einen Beitrag, der mich nachdenklich gemacht hat. Die Autorenkollegin Moa Graven schrieb, dass sie keine besonders gute Rezension für einen Krimi erhalten hat, weil ihre Romane "unvorhersehbare Wendungen" hätten, mit denen der Rezensent nichts anfangen konnte bzw. sich davon überrumpelt fühlte, da die Handlung nicht in sein Denkschema passte. Ich fand das sehr schade und konnte Moa (die erfolgreich Ostfrieslandkrimis veröffentlicht) gut nachempfinden in ihrer Traurigkeit, eine schlechte Kritik für Originalität erhalten zu haben. Und mir stellte sich die Frage: Braucht ein Roman Vorhersehbarkeit und vor allem: muss sich der Leser / die Leserin mit den Protagonisten identifizieren können, damit Handlung und Figuren nachvollziehbar werden?

Klar, als Kinder wollten wir alle wie Pippi Langstrumpf sein. Ich zumindest. Das lag vor allem am kleinen Onkel und Herr Nilson, mit denen sie ihre Villa Kunterbunt geteilt hat. Viel weniger daran, wie sie war, auch wenn ich das toll fand. Manchmal aber schon ein bisschen nervtötend mit ihrer altklugen Art. Jedenfalls war sie keine Identifikationsfigur wie heute zum Beispiel für viele LeserInnen Claire Randall aus Dianas Gabaldons Highlandsaga. Claire sieht toll aus, findet sich selbst aber unansehnlich, sie ist tough und schlagfertig und trotzdem weich wie Wachs in den Händen ihres geliebten Jamie. Identifiziert sich frau deshalb so sehr mit ihr? Sind viele Frauenromane nach Schema F gestrickt, weil die Autorinnen genau wissen, wie man die Gefühlswelt einer Leserin kitzelt, die nur allzu gerne ihren Alltag mit Fantasiewelten würzt, in die sie Romane wie die von Frau Gabaldon oder "Shades of Grey" entführen? Ich bin skeptisch, denn das wäre doch - unter uns - ziemlich oberflächlich.

Als Autor hat man es nicht leicht. Einerseits sollen Charaktere und Handlung für den Leser nicht fremd sein, andererseits erwartet man eine erfrischende Geschichte, die nicht bereits vorher in zig Variationen auf den Markt kam. Oder etwa nicht? Auch hier macht sich Skepsis breit, wenn ich an die vielen Nachfolger von Harry Potter und Shades of Grey denke. Wahrscheinlich muss die Frage jeder Autor und jeder Leser für sich selbst beantworten.

Was mich betrifft, so schätze ich noch nie dagewesene Ideen sowohl plot- als auch figurentechnisch. Eine literarische Identifikation brauche ich nicht. Im Gegenteil. Das liegt nicht nur daran, dass in meinen eigenen Romanen kaum Frauen eine größere Rolle spielen (die keine bis wenig autobiografische Züge aufweisen) oder ich generell zufrieden bin mit dem, was und wie ich bin. 

Es gefällt mir, Charaktere kennenzulernen, die ganz anders handeln, als ich es getan hätte. Die mir gar nicht ähnlich sind und gerade deswegen trotzdem sympathisch und liebenswert. Oder aufgrund ihrer Erfahrungen durchtrieben. Vielleicht an sich zweifeln. Die mich überraschen. Genau wie die Handlung mich überraschen darf. Wenn ich vorhersagen kann, wie der Roman endet, warum sollte ich ihn dann mit Feuereifer lesen? Schließlich möchte ich Neues erfahren, andere Sichtweisen ergründen. Und im besten Fall sogar daraus lernen. Aber vor allem will ich gut unterhalten und inspiriert werden. Und das werde ich durch neue Impulse.

Wie seht ihr das? Lest ihr lieber "Altbewährtes" mit einer Figur, die euch ähnelt oder betretet ihr auch gern mal unerforschte Pfade? Ich würde mich sehr über eure Meinung im Kommentarbereich oder auf meiner Fanpage freuen.




Sonntag, 22. Januar 2017

Hannibal, die Serie (2013-2015)

Eine Weile hat es gedauert, bis ich mit "Hannibal" warm wurde. Trotz Mads Mikkelsen. Obwohl ich Serien nicht konsumiere, schaue ich mir gern welche an, da es - wie schön! - Fortsetzungen gibt. Wenn einem Figuren und Geschichte gefallen und zum Mitdenken und Interpretieren anregen, kann es (fast) nichts Unterhaltsameres geben.




Hannibal ist so eine Serie. Sie hat einige Gemeinsamkeiten zu "Sherlock", der allerdings für meinen Geschmack bereits in der dritten Staffel stark nachgelassen hat. Auch in Hannibal geht es um die Beziehung zweier Außenseiter, die voneinander nicht lassen können. Das Interessante für mich dabei sind weder die grotesken Fälle noch die inflationären Splatter-Elemente (durch die Hannibal Lecter gelegentlich seine Zuneigung zu FBI-Profiler Will Graham ausdrückt), sondern vielmehr der psychologische Aspekt, der schon allein durch Hannibals Beruf als ehemaliger Chirurg und praktizierender Psychologe gegeben ist. Doch ein Klient bringt seine kühle Professionalität ins Wanken: als Will Graham (Hugh Dancy), von seiner Arbeit beim FBI überfordert, bei Hannibal Therapiestunden nehmen muss, erkennt Hannibal einen Seelenverwandten in dem welpenhaft plüschigen, oft missverstandenen, aber um die Ecke denkenden Will, der sich selbst als Asperger-Autist beschreibt. Seine damit einhergehenden Fähigkeiten sind es, die das FBI auf ihn aufmerksam machten, da er ein hohes Maß an Beobachtung und Empathie besitzt und sich in die Denkweise eines Killers / Verbrechers hineinversetzen kann. Hannibal ist fasziniert.

Seine Faszination geht so weit, dass er eine Freundschaft zu Will anstrebt, die diesem gar nicht behagt - ahnt er doch als Einziger von Hannibals dunkler Seite, die ihn in fiebernden und wirren Alpträumen verfolgt. Er ist von dem charismatischen Psychotherapeuten wider Willen beeindruckt und unfähig, sich dessen manipulativem Einfluss zu entziehen. Wenn man Mads Mikkelsen seinen Hannibal spielen sieht, kann man ihm das auch kaum verdenken.

Nach außen hin kultiviert, elegant und souverän, besitzt Hanni-Mads eine Anziehungskraft, die er nicht nur bei Will skrupellos einsetzt, sondern bei allen, die ihm beim Erreichen seiner Ziele nützlich sein können. Anders als Will werden die übrigen Opfer allerdings selten bis gar nicht verschont.





Vielleicht ist die Serie hauptsächlich "Sick-Shit", mit den sehr kontroversen Themen und Gemetzeln, und bisweilen geht mir der übertrieben werbeästhetische Anspruch des Erfinders Bryan Fuller auf den Senkel und stiehlt Zeit, aber ganz ehrlich - "Hannigram" macht für mich die Serie sehenswert. Ich finde es recht mutig, eine solch ungewöhnliche Beziehung  in einer Fernsehserie zu porträtieren, selbst wenn es nie zu eindeutig körperlicher Intimität kommt. Mads Mikkelsen meistert die Gradwanderung vom unnahbaren Narzissten über den "antisozialen Gesellschaftsmensch" zum besitzergreifenden Welpen-Beschützer mit Bravour und einem unschlagbar charmanten Akzent.

In jeder Szene zwischen den beiden Männern flirrt die Luft vor Spannung. Es muss gar nicht viel passieren oder gezeigt werden, um zu verdeutlichen, dass es in Hannibal um eine zerstörerische Liebe geht, die keine Zukunft hat und die dennoch berührt, etwa wenn Hannibal zu epischen Klängen seine Gefühle für Will offenbart. Irgendwie tun einem dann beide leid, denn trotz Hannibals wüsten Neigungen bleiben sowohl er als auch Will nachvollziehbare Charaktere in ihrem Handeln.

Leider sieht es momentan für die Serie düster aus - die dritte Staffel war die vorläufig letzte, obwohl eine Miniserie nach den Motiven von Thomas Harris' "Das Schweigen der Lämmer" angedacht wird. Vielleicht war das Thema zu blutig-brisant und wurde zu ernst genommen, vielleicht haben sich viele Zuschauer geekelt (ich mich oft auch), aber ich hoffe sehr, dass es in nicht allzu ferner Zeit eine Fortsetzung gibt, in der beide Protagonisten das dramatische Finale überlebt haben.









Montag, 2. Januar 2017

"Nach der Hochzeit" (2006) Review

Dank dem sexy großen Dänen (nicht zu verwechseln mit dem alten Schweden!) Mads Mikkelsen sehe ich in letzter Zeit recht viele europäische Filme und stelle fest, dass man es in der alten Welt oft ebenso gut versteht, Filme zu drehen wie in der neuen. Besonders die ruhigen, tiefsinnigen haben es mir angetan, und "Nach der Hochzeit" ist mit Sicherheit einer davon. Er war mein Silvesterfilm, und das Kontrastprogramm zur Knallerei draußen bereits von Mitternacht hat mir irgendwie gut gefallen.




Die Handlung beginnt in Indien, was zunächst ein bisschen befremdlich wirkt. Jacob Petersen ist dort in einem Waisenhaus engagiert, in dem er von Kollegen respektiert und von den Kindern heiß geliebt wird (wen wundert's?). Seine Chefin überbringt ihm die Nachricht, er müsse für kurze Zeit zurück nach Dänemark, um dort einen Deal mit einem Multimillionär in Spenderlaune abzuschließen. Widerwillig tut Jacob, was verlangt wird, feiert doch sein besonderer Schützling in ein paar Tagen seinen achten Geburtstag. Doch was tut man nicht alles für eine großzügige Spende?

Als er in Dänemark ankommt, versteht Jacob die Welt nicht mehr: Scheinbar spontan wird er zur anstehenden Hochzeit der Millionärstochter eingeladen, die sich als Tochter seiner Jugendliebe und jetzigen Ehefrau des jovialen Jorgen herausstellt. Durch eine peinsame Rede während der Hochzeit wird Jacob klar, dass er der leibliche Vater von Anne sein muss. Wütend und um seine Rechte als liebender und treusorgender Vater betrogen, spricht er mit Helene, die ihm zu verstehen gibt, sie habe ihm die Schwangerschaft verschwiegen und einen anderen geheiratet, weil sie wusste, dass Jacob selbst sich nicht um das Kind kümmern würde.

Doch die Arbeit im Waisenhaus hat Jacob verändert, und er beginnt, sich für Anne zu interessieren, die ebenfalls ziemlich geflasht ist von ihrem neuen Papa. So sehr, dass Annes Ehemann aus Frust kurz nach der Hochzeit fremd geht. Und noch mehr Katastrophen bannen sich an: Jorgen, der philantropische Millionär, ist todkrank, hat es jedoch vor seiner Familie verschwiegen; genauso wie den Plan, den er mit Jacobs Rückkehr verfolgt...

Meinung: Ja, es stimmt, der Film klingt vorhersehbar. Ist er auch, wenngleich es ein mehr oder weniger offenes Ende gibt. Was ihn so besonders macht, sind die durchweg fantastischen und emotionalen Leistungen der Schauspieler (einzig auf die melodramatische Szene, in der Jorgen von seinem Elend übermannt wird, hätte ich gern verzichtet) und die vielseitigen Talente von Mads Mikkelsen. Egal, ob er verletzt guckt, mit seiner Filmtochter in inniger Umarmung das Tanzbein schwingt oder beleidigte Achtjährige tröstet: der Mann veredelt jeden mittelmäßigen Streifen, ob europäisches Autorenkino oder Megablockbuster. Und mittelmäßig ist "Nach der Hochzeit" auf keinen Fall.




Bewertung: 



👍👍👍👍



Samstag, 17. Dezember 2016

Stephen King made in Germany: Die Tür (2009). Ein Magical Thriller mit Mads Mikkelsen

Ich liebe Mads Mikkelsen. In letzter Zeit ist er meine Nummer Eins. Das geht soweit, dass ich mir sogar die Serie Hannibal besorgt habe, obwohl das Thema so gar nicht mein Ding ist. Mystery schon eher, und darum habe ich nicht gezögert, mir diesen Film anzuschauen, auch wenn Jessica Schwarz und Heike Makatsch in einer kleinen, aber bedeutenden Gastrolle nicht gerade glänzen (Vorsicht: Subjektive Meinung!).





Die Handlung: Der Maler David Andernach und seine Frau Maja (Jessica Schwarz) haben sich nicht mehr viel zu sagen. Abwechselnd passen sie auf die kleine gemeinsame Tochter Leonie auf und leben ansonsten aneinander vorbei. Als David seine Pflichten als Vater vernachlässigt und stattdessen auf einen Seitensprung bei der flippigen Gina (Heike Makatsch) vorbeischaut, geschieht das Unglück: Leonie - notorisch mit ungebundenen Schnürsenkeln unterwegs - fällt in den Pool, wobei sich ihre Schnürsenkel derart verheddern, dass sie nicht mehr an die Wasseroberfläche gelangt. David kommt zu spät und kann nur noch ihren leblosen Körper bergen.

Fünf Jahre später haben sich Maja und David schon lange getrennt. David plagen Schuldgefühle und die Trauer um Leonie, Maja letzteres und Hass und Verbitterung auf den Exmann. Da erhält David unverhofft eine zweite Chance: er findet eine magische Tür, die ihn in der Zeit zurückkatapultiert; genau an den Tag, an dem Leonie ertrinkt. Er rettet sie, doch die Tat hat ihren Preis: er ist gezwungen, den ersten David umzubringen, um nicht aufzufliegen. Sein Geheimnis hütet er gut, doch Leonie ist misstrauisch, hat sie Paps Zwei doch heimlich dabei beobachtet, wie er Paps Eins zur Strecke bringt. Als David seinem besten Freund und Malerkollegen Max die Tat beichtet, glaubt dieser ihm nicht, bis er den im Garten verbuddelten ersten David findet. Bevor er der Polizei davon berichten kann, wird er vom Nachbarn kaltgestellt, der wie David die magische Tür kennt und ihm von einer Parallelwelt erzählt, in der die Zweitausgaben der gesamten Dorfbewohner allmählich das Zepter übernehmen...

Meinung: Die Geschichte klingt spannend, dramatisch und mysteriös und hält im Großen und Ganzen, was sie verspricht. Von Mystery allerdings hatte ich fast ein bisschen zu viel des Guten: weder wurde erklärt, weshalb die Parallelmenschen ihre Vorgänger auslöschen wollen (die Behauptung, die Neuen seien "besser", fand ich *meh*), noch warum es auch für mehr Leute als David nötig war, die magische Pforte zu durchqueren und vor allem, warum sie derart kriminell handeln mussten. Schließlich hat keiner der befreundeten Nachbarn ein ähnliches Trauma erlebt wie David und Maja, so dass für mich die allgemeine Anziehungskraft der Tür nicht wirklich nachvollziehbar war - insbesondere, wenn es darum geht, bei der Ankunft in die Vergangenheit als erstes sein eigenes Leben auszulöschen, das eigentlich gar nicht mehr das eigene ist. Irgendwie... mysteriös.

Aber ganz ehrlich: wen jucken Plotlücken, wenn Mads Mikkelsen blankzieht, tieftraurig guckt, einmal lächelt, die schicke Ponyfrisur zurechtstutzt und das Drehbuch bzw. seine Textpassagen komplett in passablem Deutsch (!) absolviert? Mich nicht. Daher vergebe ich trotz Erklärungsbedarf und einer bestenfalls mittelmäßigen Jessica Schwarz


👍👍👍 und ein halber  👍






Dienstag, 22. November 2016

"The Creeping Flesh" Gothic Horror vom Feinsten mit den Gentlemen des Gruselkinos

Der deutsche Titel  lautet "Nachts, wenn das Skelett erwacht" und klingt nach trashigem 1970er Jahre-Horror. Gedreht 1972, also lange nach den glorreichen Hammer-Movies aus den 1950ern, habe ich nicht allzu viel erwartet. Aber ich muss sagen, ich habe mich sehr gut unterhalten und auch wenn der Film nicht wirklich gruselig ist mit seinen damaligen Tricktechniken und dem unvermeidlichen Pappmachee-Charme, fand ich die Darsteller überzeugend und die Geschichte ziemlich originell.


Story: 1893: Der Forscher und Wissenschaftler Emmanuel Hildern (Peter Cushing) bringt von einer seiner Forschungsreisen ein monströses Skelett aus Neuginea mit ins viktorianische England. Er findet mit Hilfe alter Bücher heraus, dass dieses Skelett das Böse in sich trägt und beginnt damit, ein Serum dagegen zu entwickeln. Sollte er erfolgreich sein, könnte er - so glaubt Emmanuel - die Menschheit vom Bösen befreien. Das hat auch einen persönlichen Grund: seine Frau wurde wahnsinnig und vegetiert seit Jahren in der Irrenanstalt seines Halbbruders James (Christopher Lee) vor sich  hin. Emmanuels Tocher Penelope weiß davon nichts und glaubt, ihre Mutter sei schon lange tot. Tatsächlich erhält Emmanuel nach seiner Rückkehr die Nachricht, dass seine Frau kürzlich verstorben ist. Er versucht, es vor Penelope geheimzuhalten, doch sie erfährt davon und regt sich dermaßen darüber auf, dass Emmanuel fürchtet, sie könnte wahnsinnig werden wie die Mutter. Er spritzt ihr das Serum, in der Hoffnung, dass es das "Böse" besiegt und Penelope vom Wahnsinn verschont bliebt.

Dummerweise ein Schnellschuss, denn das Böse lässt sich nicht mit einer kleinen Spritze aufhalten. Penelope entwickelt kriminelle Energie und bringt zwei Männer um, bevor sie zu Onkel James ins Irrenhaus gebracht wird. James findet heraus, woran sein Bruder arbeitet, und ist selbst interessiert an dem mysteriösen Knochenfund. Er lässt es aus Emmanuels Labor stehlen, was aber ziemlich schiefgeht (merke: nur ein knochentrockenes Skelett ist ein gutes Skelett). Nachdem das wiederauferstandene Böse seinen linken Mittelfinger von Emmanuel zurückfordert, den dieser für Proben analysiert hat, verliert Emmanuel den Verstand und landet in einer Zelle im Irrenhaus seines ehrgeizigen Bruders... und es bleibt mehr oder weniger dem Zuschauer überlassen, wer von den beiden Brüdern der Wahnsinnige ist.

Mir hat der Film gut gefallen, was nicht zuletzt an den beiden großen Herren des britischen Horrorkinos liegt. Mit welcher Überzeugung und Ernsthaftigkeit die beiden in einem relativ dünnen Plot spielen, das macht einfach Spaß. Und es ist einer der wenigen Filme, die den Charme der Hammer-Filme in die 70er gerettet haben. Zudem wartet "The Creeping Flesh" mit sämtlichen Zutaten klassischer Gothic-Geschichten auf, die in den überwiegend klamottigen 1970er Jahren eigentlich gar nicht mehr in Mode waren. Dadurch wirkt der Film erfrischend zeitlos, sogar fast modern und ein bisschen, als könnte er heute noch ohne allzu große Veränderungen ein Remake vertragen. Dann allerdings leider ohne die beiden charismatischen Hauptdarsteller - und das gäbe schon einen Stern weniger.

Fazit: Wirklich empfehlenswert für alle, die mehr auf Atmosphäre als auf Gemetzel stehen und sich nicht an antiquierten Tricktechniken stören.


Bewertung: 

👍👍👍👍👍
 



Freitag, 18. November 2016

Arty Farty: High-Rise von Ben Wheatley (2015) Review

Nachdem ich den Film im Kino verpasst habe, habe ich das Anschauen heute auf DVD nachgeholt. Hauptgrund war Tom Hiddleston (den neckischen Trailer mit den Stewardessen im Flur fand ich herrlich!), und normalerweise verzeihe ich einem Film einiges, wenn mir zumindest einer der Darsteller sympathisch ist. Aber High Rise schafft es nicht mal ansatzweise, eine einigermaßen schlüssige Story zu erzählen, was vielleicht auch an der eher zähen Buchvorlage (Achtung Gesellschaftskritik im 70er Jahre-Stil!) liegen kann. Nach einer halben Stunde habe ich das Ende herbeigesehnt, und das passiert mir wirklich nicht oft. Ich mag bizarres Kino und habe nichts gegen Satire, aber hier hatte ich echt das Gefühl, einen eigentlich zehnstündigen Arthaus-Film anzuschauen, den man auf gnädige zweieinhalb Stunden zusammengeschnitten hat.





Zur Story (soweit es eine gibt): England, in den 1970er Jahren. Der Arzt Robert Laing zieht in ein modernes Hochhaus, das irgendwie eine Klassengesellschaft repräsentiert: ganz unten der Pöbel, oben die Superreichen. Er selbst lebt im 25. Stock, also irgendwo dazwischen. Auf dem Dach hat sich der Architekt Royal (Jeremy "Ich bin alt aber sah mal toll aus und möchte, dass der Zuschauer sich dessen bewusst ist" Irons) eingenistet, nebst Gattin, Pferd und Schaf. Laine macht schnell Bekanntschaft  mit beiden Seiten: er besucht Parties der Upper Class, bei denen psychedelische ABBA-Lieder gespielt werden, und fängt auch rasch mal ein paar Affären an, weil Freie Liebe und so. Als im Gebäude der Strom ausfällt und / oder der Pool für private Vergnügungen genutzt wird, sorgt das für Unmut, und es liegt Revolte in der Luft. Der Frust entlädt sich, als Laing einem Kollegen mitteilt, unheilbar krank zu sein und dieser sich aus dem 39. Stock stürzt.




Statt  freier Liebe entfesselt dieses Ereignis das Tier im Menschen, und plötzlich gehen alle aufeinander los. Laing prügelt sich im Supermarkt um einen Eimer Farbe, weil es dort außer Hundefutter und verfaultem Obst sonst nichts mehr wirklich Brauchbares gibt. Nachdem er seine Wohnung (Achtung Metapher!) himmelblau angestrichen hat, treibt er es mit der hochschwangeren Bewohnerin aus der untersten Etage. Deren Mann (Luke Evans mit den haarigsten Koteletten ever) stellt derweil Royal nach, um eine Enthüllungsstory über ihn zu drehen. Am Schluss sind alle tot und Laing grillt einen Hund auf seinem Balkon. Klingt seltsam, ist es auch. Spaß hatten die Beteiligten bestimmt, mir als Zuschauer ging es aber irgendwie so wie einem Erwachsenen mitten im Kindergeburtstag. Wer auf zusammenhanglose Szenen, pseudo-intellektueller Sozialkritik und Retro-70er Jahre-Flair steht, kommt vielleicht noch ein bisschen auf seine Kosten. Ein neckisch die Hüften schwingender Tom Hiddleston mit einer Combo Stewardessen hat mir jedenfalls nicht ausgereicht.


Bewertung:


👍 und ein halber👍




für den goldigen Hiddles und seinen Luxusbody, von dem man in diesem Film erstaunlicherweise mal nicht die blanke Hinterseite sah (hätte in dem Fall aber auch nichts mehr gerettet).