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Montag, 21. Dezember 2015

Weihnachtsaktion: "Das Bildnis des Grafen" fast geschenkt!

Für meine Fans, Leser und Follower habe ich mir für dieses Jahr eine besondere Aktion ausgedacht, ganz ohne Quizzfrage. Das Ebook zum "Bildnis des Grafen" gibt es über die Vorweihnachttage (21. Dez. - 24. Dez.) zu einem Sonderpreis von € 2,99.




Die 500 Seiten starke Geschichte passt ganz gut zur Jahreszeit und ist - wenn ich ehrlich bin - in aller Bescheidenheit mein Lieblingsbuch von mir. Es vermischt Grusel, Krimi, Historisches, Psychologie und Familiengeheimnisse auf originelle Weise und verblüfft immer wieder mit überraschenden, aber durchdachten Wendungen. Und es bietet einen Abstecher in die Anfänge des 20. Jahrhunderts, das für mich eine sehr spannende Epoche war, besonders vor dem Hintergrund des ersten Weltkrieges und der vielen technischen Neuerungen, auf die die Menschheit zugesteuert ist. Es war ein großes Vergnügen, diese Zeit schriftstellerisch zum Leben zu erwecken und dabei meine Interessen einzubauen, von denen ich hoffe, dass sie den einen oder anderen genau so inspirieren.

Wenn die Leseprobe unter "weitere Informationen" gefällt, dürft ihr euch gerne zu Amazon durchklicken und dort das Ebook vom 21. - 24. Dezember zum Sonderpreis herunterladen. Viel Spaß beim Schmökern und euch allen eine gesegnete und besinnliche Weihnachtszeit!






Im Lauf des Tages suchte Valentine das Gartenhaus auf. Beim ersten Versuch, es zu öffnen, rastete der Riegel ein, um sich beim zweiten Mal ganz einfach anheben zu lassen. Valentine warf einen Blick über die Schulter. Wo Renoir steckte, wusste er nicht, aber er gedachte sicherzugehen, dass ihn niemand beobachtete. Staub rieselte ihm entgegen, als er die Tür aufmachte. Hinter ihm krachte der Riegel zu, was ihn nicht weiter beunruhigte. Dem jungen Mann durfte er wohl trauen. Das Interieur, von simpler Bauart, bestand aus einem Sofa unter einem Flickenüberwurf unter dem einzigen großen Fenster, Regalen rings um die Wände, in denen Metallbüchsen ihrer langwierigen Prozedur des Aufdrehens harrten, einer Truhe und einer hölzernen Sitzgelegenheit nebst einem Tisch. In all ihrer Kargheit hatten die Möbel doch etwas Gemütliches. Ein Rondell diente als Kochstelle, primitiv ausstaffiert mit einem Gaskocher auf einem Servierwagen, aber immerhin praktisch. Der Primuskocher würde zudem Wärme verbreiten, so dass man auch im Winter recht passabel über die Runden käme.

Der Anblick der Dosen verursachte ihm eine vorübergehende Übelkeit, gepaart mit einem heftigen Schwindel. Konzentriert knetete er seine Stirn, bis die Unpässlichkeit nachließ. Die Couch war gemacht, schien nicht oft gebraucht zu werden. Er setzte sich darauf und hüpfte eifrig, um die Federn quietschen zu hören. Still war es in der Laube, viel zu still, das erinnerte ihn an Tod, dem er mehrmals buchstäblich ins Auge geblickt hatte. Beherbergte sie tatsächlich einen Menschen? Dazu sah es viel zu sauber aus, keinerlei Gebrauchsgegenstände flogen herum, und es roch ekelerregend muffig nach Moder und Staub. Gegenüber reizte ihn die Truhe, die aussah, als habe sie ein Geheimnis zu verbergen. Beherzt langte er hinüber, hob den Deckel an und wunderte sich, dass er nicht klemmte. Bis zum Rand war sie mit Spielzeug und anderen Habseligkeiten gestaut, die herausquollen. Er kannte ein paar davon; sie gehörten seiner Schwester. Diese unheimliche Entdeckung zu machen, ging über seinen Horizont. Eilends schmiss er sie heraus, sortierte sie unmotiviert auf der Erde nach Farbe und Länge. Er hielt eine dunkelblaue, mit Spitzen verzierte Bluse gegen das Licht und verengte die Augen. Ein Kleidungsstück, in dem ihre Lieblingspuppe, Charlotte im Matrosenkleid, eingewickelt war. Was hatte das zu bedeuten? Er kauerte sich auf den Boden, hatte keine Ahnung, was er davon halten sollte. Hoffentlich kam bald die Nacht, denn der einzige, der ihm über dieses Rätsel Aufschluss geben konnte, war der totgeglaubte Carrick Escaray. Er sank in sich zusammen, das Gesicht zur Erde. Quälende Gedanken keimten in seinem Unterbewusstsein, zwängten ihm Schuldgefühle darüber auf, dass er als einziger von ihnen noch am Leben war. Vor Erschöpfung flatterten seine Augenlider, und er spürte, wie er langsam ins Niemandsland abdriftete, wo die altvertrauten Bilder des Grauens ihn in ihre Klauen schlossen.

Über dem Fenster erschien eine Gestalt und klopfte an das Glas; der Riegel knarzte, als Renoir ihn anhob. Valentine schrak auf; mit einem Satz stemmte er sich auf die Füße, er öffnete in einem stummen Ausruf den Mund. Der Franzose wartete draußen, wo mittlerweile die Dunkelheit eingekehrt war; seine Augen sprachen Bände. Entzückt war er keinesfalls über Valentines Abstecher, das konnte auch er aus ihnen lesen. Trotzdem gewährte ihm Valentine Einlass; Renoir musste sich bücken, um einzutreten. Schweigend bohrte er die Hände in die Taschen seines Lodenmantels, musterte den Jüngeren. Da fiel Valentine auf, dass er immer noch die Holzgliederpuppe umfasste. Und doch konnte er sie nicht loslassen; als sei sie mit seiner Hand verwachsen. Renoir ließ sich auf das Sofa nieder, Valentine vor sich, schaute er zu ihm auf. Wie blass der Junge plötzlich aussah, das krasse Gegenteil von heute Morgen. Irgendetwas musste ihm böse zugesetzt haben.

„Ich habe Sie gesucht. Gute Verstecke gibt es hier allenthalben, darum nehmen Sie es mir nicht krumm, wenn ich erst jetzt auf eine heiße Spur gestoßen bin.“ Der ungewohnte Sarkasmus ließ ihn bitter klingen. „Sagen Sie, hat es überhaupt einen Sinn mit uns? Haben Sie Angst vor mir? Oder weshalb sperren Sie sich in diesem Schuppen ein?“

Der Junge sagte nichts, hockte sich neben den Doktor und nestelte in der schon gewohnten Manier an seinen Ärmeln herum. „Ist es das Haus?“, bohrte Renoir weiter. Ersteres durfte er offensichtlich ausschließen. „Flößt es Ihnen Furcht ein? Ich muss gestehen, das würde ich gar nicht so abwegig finden. Es ist ein sehr altes Gemäuer, und als solches ein wenig sonderbar, nicht? Man – bildet sich Dinge ein, die gar nicht da sind. Vermutlich tun Sie – tun wir das, um den eigenen Schmerz zu verdrängen. Indem wir uns mit dem Elend anderer Leute befassen, kommt unserem eigenen weniger Bedeutung bei.“

Aufgeregt rückte Valentine ein Stück näher heran, während er die Puppe auf Renoirs Schoß legte, womit er ihm ganz sicher etwas klar machen wollte. Aber was? Natürlich! Sie erinnerte ihn an seine Schwester, die zum Zeitpunkt des Unglücks vier gewesen war; Whitehurst hatte es ihm erzählt, überhaupt hatte er sich merkwürdig detailverliebt über das Kind geäußert, wo er ansonsten kurz und lapidar Renoirs Fragen beantwortet hatte. Jedes Mädchen in diesem Alter besaß eine oder mehrere Puppen. Mit Spielzeug kannte Renoir sich nicht besonders aus, doch dieses Exemplar war eine aufwendig hergestellte Bru; in Frankreich fabrizierte man ihre Porzellanköpfe und bemalte sie individuell, um sie teuer ins Ausland zu exportieren. Wem immer sie gehört hatte, die Besitzerin musste zur gehobenen Bürgerschicht oder zum Adel gezählt werden. Wahrscheinlich hatte Valentine eine Nachlassquelle der Escarays entdeckt. An peinsame Erinnerungen zu rühren, wollte Renoir momentan unterlassen. Vielleicht dann, wenn er sich soweit gefangen hatte, dass er darüber redete. „Sie ist wunderschön. Trotzdem sollten wir von diesen Dingen die Finger lassen, mein Junge. Es ist besser, wir lassen alles so, wie es ist, sonst heimsen wir uns nur zusätzlichen Ärger ein. Kommen Sie mit mir ins Haus zurück?“