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Freitag, 16. Oktober 2015

Liveübertragung aus dem Barbican Theatre: Hamlet ~ der Rest ist Weinen

Mit Spannung von mir erwartet - hauptsächlich deshalb, weil ich Fan des Hauptdarstellers bin - wurde Hamlet mit Benedict Cumberbatch, seit August im Programm des Barbican Theatre in London. Gestern war der *große* Tag. Der Tag der Liveübertragung in sämtliche Kinos in der ganzen Welt, u.a. auch in meiner Nähe.

Überrascht habe ich vor Ort festgestellt, dass nicht nur ein Kinosaal zur Übertragung diente, sondern fast der komplette Cineplex. Ziemlich unvorteilhaft in der Pause, wenn man stundenlang hinter den anderen, erstaunlich zahmen "Cumberbabes" in der Schlange vorm Damenklo steht. Glücklicherweise habe ich in weiser Voraussicht wenig getrunken und mich stattdessen über einen Eimer Popcorn her gemacht, der Hamlets Weltschmerz mit knisterndem Gemampfe gedämpft hat (ich Kulturbanause, ich!).

Ganz ehrlich: ich bin vermutlich einer der wenigen Cumberbatch-Fans, der sich kritisch über den Abend äußert. Das lag nicht an dem tollen, wandelbaren Bühnenbild, der abwechslungsreichen Kostümierung oder den großteils unleugbar überzeugenden Schauspielern - allen voran ein erstaunlich muskulöser, quirliger und fast agressiver Hamlet / Cumberbatch. Nein, es lag an dem Stück selbst, und teilweise an dem übertriebenen Gehabe mancher Darsteller wie z. B. Ophelia und den diversen Körperflüssigkeiten, mit denen ich meinen nach der Pause leeren Popcorneimer hätte füllen können.

Zu viel Tränen, Rotz und wieder Tränen, oder vielleicht waren die Schauspieler einfach überwältigt von der millionenfachen Aufmerksamkeit, die ihnen in den dreieinhalb Stunden zuteil wurde. Vielleicht lag es auch an Meister Shakespeare selbst und daran, dass ich Hamlet als eines seiner düstersten Stücke empfinde, die mit keiner befriedigenden Lösung aufwarten.

In meinen Teenagerjahren habe ich mich intensiv mit Hamlet beschäftigt, langatmige CDs von Aufnahmen der Gründgens-Inszenierung mit Maximillian Schell angehört und sogar den berühmten Monolog auswendig gelernt. Damals fand ich den grüblerischen, melancholischen Dänenprinzen faszinierend und nachvollziehbar. Heute wirkt er auf mich wie ein großes Emo-Kind, dem man sein Spielzeug weggenommen hat und das hilflos einer unglücklichen Verkettung von Umständen gegenübersteht. Sein Jammern und Weinen macht es nicht besser, und das, was mitunter mutig und witzig anmutet, wird schnell in Selbstzweifeln erstickt. Ein Macher ist Hamlet in der Tat nicht. Und dabei wird er von Mr. Cumberbatch mit so viel Verve porträtiert, dass er schon beinahe unfreiwillig komisch ist in seiner abgrundtiefen Verzweiflung und seinen Eskapaden beim Versuch, den giftmischerischen Heiratsschwindler respektive seinen geschwätzigen Onkel Claudius eines Verbrechens zu überführen, das ja auch wirklich von kapitaler (Wider-)Natur ist.

Glaubwürdiger in derselben Rolle, weil weitaus elegischer und trübsinniger, ist für mich ausgerechnet der Hamlet in einer Komödie, die in England als Klassiker gilt, nämlich ein unvergleichlich lethargischer Iain Glen in  Tom Stoppards Verfilmung von "Rosencrantz & Guildenstern are dead". Eigentlich tut es mir ein bisschen leid, das zu sagen, denn wie gesagt, ich fand Mr. Cumberbatch toll, und das, was er da seit Monaten ohne Unterbrechung auf der Bühne zeigt, verdient Achtung und Respekt und vor allem auch Lob. Psychisch und auch physisch ist sein Hamlet eine Meisterleistung.




Alles in allem war ich nach der deprimierenden  Tour-de-Force jedoch froh, das Kino verlassen zu können. Eine Erfahrung war es wert, aber kein Must-See. Zumindest nicht für mich.


Bildquelle: Pinterest