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Freitag, 22. Mai 2026

"Damals war es Friedrich" ~ Hans Peter Richter

 Damals war es, in der vierten Klasse, als ich das Buch zum ersten Mal als Schullektüre gelesen habe. Erstaunlich eigentlich, dass es so früh war. Denn diese Geschiche trifft, und ganz sicher auch die Herzen und Gedanken von Neun-bis Zehnjährigen. Nicht, weil man weiß (oder wissen sollte), dass der Zweite Weltkrieg mit dem Holocaust das düsterste Kapitel der deutschen Geschichte ist und mehr als sechs Millionen Juden Existenz und Leben auf grausamste Weise verloren haben. Sondern weil hier ganz selbstverständlich eine Freundschaft beschrieben wird, die so alltäglich beginnt, dass das folgende Grauen sich erst nach und nach entwickelt, aber schon im Kleinen spürbar wird.

 



 

Inhalt: Der namenlose Ich-Erzähler und Friedrich Schneider sind nur eine Woche entfernt voneinander geboren und wachsen im selben Haus in einem Dorf auf. Sie werden Freunde, gemeinsam eingeschult, und sie unternehmen viel zusammen. Auch die Eltern lernen sich näher kennen und schätzen. Doch der 1. April 1933 bringt Veränderungen. Plötzlich ist Friedrichs Familie dem Vermieter Resch ein Dorn im Auge, und auch auf der Arbeit wird Herr Schneider ohne Angabe von Gründen gekündigt. 

Die Freundschaft der Jungs bleibt bestehen, trotz der Unannehmlichkeiten und Verleumdungen, die Friedrich hinzunehmen hat. Er folgt sogar stolz der Einladung seines Freundes zum sogenannten Jungvolk, doch dort erwartet ihn eine Überraschung, die auch dem Leser den Atem stocken lässt. 

Absurde Verbote und Angst bestimmen das Leben der bisher so freundlichen und unauffälligen Familie Schneider. Der Vater des Erzählers rät Herrn Schneider, Deutschland zu verlassen, doch dieser weiß nicht, wohin. All seine Verwandten seien Deutsche, die seit Generationen hier heimisch sind. Im Lauf des Gesprächs will der enttäuschte Herr Schneider wissen, weshalb sein Nachbar der Partei beigetreten ist. Der Vater des Erzählers gibt zu, dass es ihnen seitdem besser geht; er habe Arbeit und mehr Geld, um seiner Familie gelegentlich etwas bieten zu können. Die Schultüte des Ich-Erzählers war seinerzeit nur mit gezuckertem Zwieback gefüllt. Öffnen durfte er sie erst zuhause, damit die Familie nicht als arm denunziert wurde. Man erkennt das Dilemma und den Teufelskreis.

Die Demütigungen und die Unsicherheit im Alltag, die Zerstörung ihrer Wohnung und der offene Hass sind zu viel für Frau Schneider. Bei einem Überfall der Nazis wird sie so schwer physisch und physisch verletzt, dass sie sich nicht davon erholt und an den Folgen der Misshandlung stirbt. Friedrich und sein Vater schlagen sich mit Lampenreparaturen durch - die Arbeit als Abteilungsleiter im Kaufhaus Herschel Mayer hat Herr Schneider durch die Enteignung der meist von Juden geführten Kaufhäuser erneut verloren. Auch kleinere Geschäfte, Arztpraxen und jüdische Schulen werden geschändet und geplündert. Die Familie des Erzählers steht dem Leid ihrer Nachbarn hilflos gegenüber. Zwar setzen sie sich ein, wo es ihnen möglich scheint, doch auch sie können nicht verhindern, dass Herr Schneider und ein bei ihm versteckter Rabbi abgeholt werden. Nur Friedrich bleibt zunächst unauffindbar... 

 



 

Meinung: "Damals war es Friedrich" geht unter die Haut und hallt lange nach. Das liegt neben der ernsten Thematik vor allem an der etwas distanziert wirkenden Erzählweise eines Heranwachsenden, der sich trotz seiner Freundschaft zu Friedrich der Faszination und der Sogwirkung eines unmenschlichen Regimes oft schwer entziehen kann; manchmal sogar ohne es bewusst zu wollen, mitmacht und sich unversehens in der Masse wiederfindet, die in den Straßen randaliert, um jüdisches Eigentum zu zerstören. Das hat mich wirklich nachdenklich gemacht. Dieser Junge hatte keinen Grund, zum Mitläufer zu werden, und soweit ich seine Gesinnung verstanden habe, auch nicht die Veranlagung dazu. Und trotzdem steigert er sich in einen Rausch, der ihn später beschämt. Die Stellen, in denen erwähnt wird, dass Mutter, Sohn und Vater Schneider vor Fassungslsigkeit und Hilflosigkeit weinen, sind wahrscheinlich auch deshalb so erschütternd, weil der Stil eher nüchtern gehalten ist.

Die Frage, weshalb es soweit kommen konnte in Deutschland, wird in diesem Buch gut beantwortet. Mit 125 Seiten ist es eher kurz und wenig detailreich, dafür aber umso eindringlicher. Früher hat Friedrich zur Schullektüre gehört, heute offenbar nicht mehr. Schade. Denn gerade jetzt wäre es wieder nötig, solche Bücher zu lesen. Das ist keine Frage von Schuld aufdrücken auf Generationen, die den Krieg nicht erlebt haben. Es ist die Erinnerung, dafür zu sorgen, dass so etwas Unmenschliches nie mehr wieder geschieht. 

Bewertung:  💫💫💫💫💫

 

 

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