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Dienstag, 17. März 2015

Das Phänomen "Passiver Protagonist"

Man erfährt und lernt ja so einiges, wenn man im Internet surft. Oft stolpert man dabei über Dinge oder Begriffe, die man noch nie gehört hat, die aber irgendwie neugierig machen. In Facebook z. B. lief mir gestern ein passiver Protagonist über den Weg.

Was um Himmels Willen ist das denn?! Ich kenne mich im Schreiben doch einigermaßen mit Protagonisten und Antagonisten aus, aber das? Noch nie gehört. Und dann die Feststellung dazu, dass der passive Protagonist in neunzig Prozent aller Romane einen festen (und verpönten) Platz besetzt. Ich musste unbedingt wissen, was es mit ihm auf sich hat. Ist er wirklich so schlimm, wie der Artikel impliziert?

Ehrlich gesagt, ich denke nicht. Obwohl ich in meinen eigenen Romanen mehr Frodos habe als Hamlets (für mich das klassische Beispiel eines passiven Protagonisten), hat Hamlet durchaus eine Daseins-Berechtigung. Nicht nur, weil man mit ihm fühlen kann, sondern auch, weil er - anders als der aktive Protagonist - kein makelloser Held ist und sich in den meisten Fällen von den Ereignissen um sich herum überrumpelt fühlt. Wie man sich selbst oft im richtigen Leben. Klar, jeder taucht gern in fremde Welten ab und fiebert mit dem Helden, erlebt atemberaubende Abenteuer an seiner sicheren Seite, die er in unerschrockener Kühnheit beeinflusst und meistert. Und noch lieber wäre jeder selbst gern ein bisschen mehr aktiver Protagonist. Aber hat der passive Protagonist nicht auch seine Vorzüge?

Mir fällt da mein eigener Roman "Vom Ernst des Lebens" ein. Auf den ersten Blick wäre der selbstbewusste Miles der aktive Protagonist, während der eher zögerliche und scheue Rupert den passiven Part (uiuiui - nicht missverstehen!) übernimmt. Allerdings stellt sich im Lauf der Geschichte heraus, dass Rupert durchaus den Lauf der Handlung beeinflusst; vielleicht genauso sehr wie sein gegensätzlicher Freund. Anfangs wirkt er neben Miles ängstlich und apathisch, aber er versteht es bereits im zweiten Kapitel, Unternehmungslust zu zeigen, mit der er dem Roman eine Wende verleiht, die es ohne sein beherztes Handeln nicht gegeben hätte. Überhaupt: ganz ohne das Eingreifen des Protagonisten - sei er aktiv oder passiv - erzählt sich keine Geschichte, oder? Mir zumindest fiele ad hoc kein Beispiel ein, in der eine Hauptfigur völlig lethargisch am Geschehen vorbeischwimmt. Selbst Hamlet greift zum Schwert (Giftpott? Sehr beliebt und das Mittel der Wahl in der Renaissance), wenn ich es richtig in Erinnerung habe.

Eine mir bekannte Figur gibt es jedoch, die tatsächlich wenig bis gar nichts zum Geschehen beiträgt. Edmund Talbot aus William Goldings "Rites of Passage" / "To the Ends of the Earth" (deutscher Titel "Äquatortaufe"). Er kommt als Aristokrat an Bord eines Schiffes, das nach Australien unterwegs ist, und wird Zeuge der "Animalisierung" auf engstem Raum während der strapaziösen Reise von Großbritannien nach Down Under. Dabei bleibt er stets Beobachter und folglich größtenteils distanziert. Seine einzigen Tätigkeiten beschränken sich auf seine Tagebucheintragungen, fast peinliche, der Handlung meist undienliche Ausrutscher oder verdutzte Blicke (sehr schön veranschaulicht von einem noch extrem jungen Benedict Cumberbatch in der Miniserie "To the Ends of the Earth" von der BBC aus dem Jahr 2005).

Und dennoch ist William Golding mit diesem Roman von 1989 ein moderner Klassiker gelungen. Ich glaube, gerade weil Mr. Talbot so unbeholfen und passiv wirkt und scheinbar kein Fettnäpfchen auslässt, gewinnt er Sympathien unter Lesern und Zuschauern. Viele können sich mit ihm besser identifizieren als mit dem forschen Helden, der die Geschichte zu seinen Gunsten in die Hände nimmt und stets auf den eigenen Vorteil bedacht ist oder die Geschicke einer Welt / eines Volkes lenken muss wie Frodo.

Vielleicht habe ich den Artikel aber auch völlig falsch verstanden. Dann bitte ich um Entschuldigung. Ich bin jedenfalls beim Durchlesen insgeheim ein bisschen froh gewesen, dass in all meinen Romanen kein Protagonist so passiv ist, dass man behaupten könnte, er sei überflüssig für die Story.