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Sonntag, 1. Juni 2014

Leseprobe aus meinem Roman "Milan"

"Milan" ist eine meiner ersten längeren Geschichten. Die Inspiration dazu flog mich während eines Aufenthaltes in Israel an (eingedenk des völlig anderen Themas im Roman klingt das eigenartig, ist aber tatsächlich so). Während der müßigen Stunden am Strand bzw. im Toten Meer las ich ein Buch, das vom Alltag und der Wahrnehmung einer schizophrenen Persönlichkeit handelt, und irgendwie fand ich es in jeder Hinsicht faszinierend: Stil, Sprache, regelwidrige Interpunktion und Handlung waren so ganz anders als alles, was ich bis dahin gelesen hatte.

Die Idee, etwas in der Art entstehen zu lassen, auf meine ganz eigene Weise und mit eigenen Erfahrungen und Einfällen verwoben, nahm langsam Gestalt an - erst in meinem Kopf und auf Notizzetteln, dann zuhause auf dem ausrangierten Computers meines Vaters, weil ich noch keinen eigenen besaß (Zeiten waren das!). Damals habe ich die Ich-Perspektive bevorzugt und mich daher entschlossen, durch die Augen meiner Protagonistin zu schreiben.




Die Geschichte ist mit Sicherheit kein Herzschmerz oder eine Liebestragödie, auch wenn es um eine Beziehung geht. Sie erzählt von den Ängsten und Defiziten einer jungen, traumatisierten Frau, die mit einem wesentlich älteren Mann, der als Theaterregisseur arbeitet, zusammenlebt und erkennt, dass sie seinem Intellekt, seiner Erfahrung und seiner Weltgewandtheit nicht gewachsen ist und doch von ihm profitiert; zumindest solange, wie sie seine Führung benötigt, die er ihr gerne, aber nicht ganz ohne Bedingungen oder schmerzlos gewährt. Ich habe ein Faible für zerrissene und ein bisschen verrückte Charaktere. Einiges über ihre Vergangenheit findet über Gespräche in Dialogform statt, und vieles lässt Milan rätselhaft distanziert erscheinen und die Erzählerin kindlich und in starker Abhängigkeit zu der Person, von der sie sich zum ersten Mal in ihrem Leben angenommen fühlt.

Obwohl die Beziehung alles andere als harmonisch verläuft und von Verlustängsten von seiten der jungen Frau geprägt ist, gelingt es Milan allmählich, ihr Selbstwertgefühl zu wecken, indem er sie (meist) so behandelt, wie sie behandelt werden möchte.

Leseprobe folgt wie immer nach "weitere Informationen".



Dreimal die Woche begleite ich Milan ins Theater, er hat mir dort eine Ausbildung als Kulissenmaler verschafft; dank seiner Beziehungen war das nicht schwierig, wenngleich Herr Schönberg anfangs dagegen war, er vertrat die Ansicht, dass, wer kein Text behalten kann, auch nicht fähig ist, ein Bild für die Bühne zu malen. Ich habe lange gebraucht, sein Vorurteil ins Wanken geraten zu lassen, entweder habe ich mich nicht getraut, mit Farbe und Form zu experimentieren, oder er fand meine Arbeit schon von vornherein schlecht, ohne sie penibel zu inspizieren, wie er das bei den anderen macht. Doch ich lerne, mich durchzusetzen, zuweilen muss Herr Schönberg meine Arbeitswut und meinen Experimentiereifer bremsen. Milan hat er neulich wissen lassen, dass ich tatsächlich begabt wäre, persönlich lobt er mich nie. Es macht mir nichts aus, ich finde meine Bilder gut, ich brauche keine Bestätigung von außen.
Gemeinschaftsbilder, wie sie für einen kompletten Hintergrund erforderlich sind, fallen mir schwer, ich kann nicht kreativ sein in einer Gruppe. Bei Diskussionen und Ideenaustausch halte ich mich zurück, da ich es nicht gewohnt bin, gemeinsam Probleme zu lösen, ich kann nicht über meinen Schatten springen, ich bin noch nicht soweit. Herr Schönberg hält mich für arrogant, er schiebt mit typische Lehrlingsaufgaben zu, als das Bild aufgestellt ist, soll ich auf die Klappleiter steigen und helfen, die Wand gerade zu stellen. Oben wird mir schwindlig, alles dreht sich, ich klammere mich an den Sprossen fest, wage kaum zu atmen. Meine Hände schwitzen, mein Herz rast.
Was ist, Fräulein Regisseur, ruft Herr Schönberg hinauf. Arbeitsverweigerung? Ich rühre mich nicht, mein Mund ist so trocken, dass ich nicht antworten kann. Murrend klettert Herr Schönberg nach oben, er steht hinter mir, umfasst meine Mitte, Schritt für Schritt nähern wir uns der Erde. Darfst halt nicht nach unten schaun, Spatzl, sagt Herr Schönberg brummig.

Da ich früher Feierabend habe als Milan, muss ich warten, in dem Raum, in dem er mit den Schauspielern probt, steht in der Ecke eine Holztruhe, ich setze mich darauf und sehe zu. Milan hat eine neue Regieassistentin, Herr Fiedler ist krankgeschrieben, sie soll ihn vertreten. Ich merke, dass sie oft andere Ansichten hat als Milan, einmal schreit sie ihn an, ich zucke zusammen, nie hätte ich es gewagt, Milan anzuschreien. Doch sie einigen sich schnell, sie lachen, Frau Müller legt ihre Hand auf Milans Brust.
Auf dem Weg zum Auto zieht mich Milan an sich, eng umschlungen gehen wir die Treppen zum Ausgang hinunter, er hat einen guten Tag, in der Öffentlichkeit zeigt er selten, dass wir ein Paar sind, er spricht auch nie mit Kollegen über mich. Er berichtet überschwänglich von Frau Müller, wie diszipliniert und konsequent sie arbeitet, so etwas hätte er mit Fiedler noch nie erlebt, vielleicht kann er ihm schonend den Gedanken an die Rente nahe bringen. Ich habe Mitleid mit dem schrulligen Herrn Fiedler, den ich ganz gerne mochte, trotz seiner Schwerhörigkeit, die besonders bei den jüngeren Akteuren Anlass zu Spötteleien gibt. Schwach sage ich: Aber er ist doch schon über fünfundzwanzig Jahre beim Theater. Zeit, aufzuhören, sagt Milan und verpasst mir einen Klaps auf den Po.

Wir sind zum Essen mit dem Intendant und Frau Müller verabredet, ich stehe Stunden vor dem Spiegel und schminke mein Gesicht, ich will unbedingt hübscher aussehen als Frau Müller. Milan ist entsetzt, er hat es nicht gerne, wenn ich mich hinter meinem Make-up verstecke, ich wasche alles wieder runter, nur Puder und Lippenstift ist erlaubt.

Im Restaurant sind wir die letzten, Herr Killinger hat seine Frau mitgebracht, Juilane Müller, die aussieht, als wäre sie in einen Farbtopf gefallen, ist alleine; ohne dazu aufgefordert worden zu sein, erklärt sie, im Moment solo zu sein, dabei präsentiert sie ein eingeübtes maskenhaftes Lächeln, das sie über den Tisch zu Milan schickt. Er lächelt zurück, ich habe ein flaues Gefühl im Magen, denke an Heidemaries Geschichten über seine angeblichen Affären; ich will ihn nicht verlieren. Frau Müller wirft mir von Zeit zu Zeit forschende Blicke zu, nur solange, bis ich aufschaue, dann weicht sie meinem Blick aus und macht eine beiläufige Bemerkung über das Essen oder den Wein. Beim Dessert, als alles Geschäftliche schon ausgeschöpft ist, hält sie es nicht länger aus: Eine reizende Tochter haben Sie, sagt sie, zu Milan gewandt. Ich höre zu kauen auf, eine Stille breitet sich am Tisch aus. Sie ist nicht meine Tochter, sagt Milan. Als hätten sie soeben das Startsignal zum Weiteressen erhalten, löffelt das Ehepaar Killinger eifrig ihre Quarkspeise, ich bekämpfe erfolglos einen Lachanfall. Hinterher schäme ich mich dafür, ich bitte Milan um Verzeihung. Warum entschuldigst du dich eigentlich ständig, fragt er. Seine Gleichgültigkeit trifft mich härter als jeder Vorwurf, ich bin beinahe bereit, ihm von meiner Angst zu erzählen, mein Zwiespalt entgeht ihm nicht: Willst du mir was sagen? Hastig schüttle ich den Kopf, ich glaube, er würde es doch nicht verstehen, er behandelt alle Frauen mit selbstverständlicher Freundlichkeit, auch Frau Müller. Er hebt mein Kinn an, ich muss ihn ansehen, er sagt: Ich brauche dich, das weißt du doch. Vor Erleichterung fange ich an zu weinen, er wiegt mich wie ein kleines Kind.

Der Vorfall mit Frau Müller macht mir auf erschreckende Weise deutlich, wie sehr ich mich auf Milan fixiert habe, es stimmt, was Heidemarie gesagt hat, ich bin abhängig von ihm. In einer Beziehung wollte ich immer Freiheiten offen halten, mich nicht emanzipieren, aber doch eine eigene Person sein. Was habe ich nur falsch gemacht, liegt es überhaupt an mir? Allem, was nach Sicherheit und Geborgenheit aussah, bin ich aus dem Weg gegangen, ich habe früh gelernt, mich nicht auf andere zu verlassen, bis ich Milan traf, er hat jemanden aus mir gemacht, den ich nie sein wollte. Leider sind Erkennen und Handeln zweierlei, ich bin nicht stark genug, zu handeln, ich bin Wachs in Milans Händen.