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Sonntag, 29. März 2020

Filme in Zeiten von Corona (II) "Perfect Strangers" (Miniserie, 2001)


Diese britische Produktion von Regisseur Stephen Poliakoff ist ein Juwel in unserer Sammlung und leider nur in der Originalsprache erhältlich. Leider deshalb, weil ich sehr viele Leute kenne, die diese Art von Filmen mögen, aber kaum oder wenig Englisch verstehen. Besorgt habe ich mir die DVD seinerzeit wegen meinem Lieblingsschauspieler JJ Feild, der allerdings einen sehr kleinen Auftritt hat. Dass Toby Stephens eine größere Rolle spielt und die beiden sogar Brüder mimen, habe ich erst beim zweiten Anschauen bemerkt.




Inhalt: Daniel Symon (Matthew MacFadyen) ist über ein Wochenende mit seinen Eltern (Michael Gambon und Jill Baker) zu einem großen Familientreffen in einem Londoner Hotel eingeladen, wo er Leute trifft, die er trotz Blutsbande zum ersten Mal sieht. Der Patriach Ernest und dessen Schwägerin Alice (Lindsay Duncan) haben das Fest akribisch und mit individuellen Terminen unter den Mitgliedern organisiert; Ernest und Stephen, der "Archivmann", interessieren sich für Ahnenforschung und möchten daher bei dieser Gelegenheit alles über ihre weitverzweigte Familie herausfinden. Letzterer ist dabei geradezu besessen von Familienstammbäumen und macht Ahnenforschung sozusagen zu seiner Berufung. Weshalb das so ist, erfährt der Zuschauer übrigens später in Stephens berührendem Teil der Symons-Familienereignisse.

Daniels Vater Raymond ist nicht begeistert vom Treffen, war sein Vater doch das schwarze Schaf, dessen Geld ihm zwischen den Fingern zerronnen ist, als Raymond als Nachfolger das Möbelgeschäft mit unkonventionellen Methoden weiterzuführen versucht hat. Innerhalb der Familie ist er daher der Pechvogel, dem absolut nichts gelingen will. Besonders deutlich wird das in seiner im betrunkenen Zustand gehaltenen Rede des "Familienkaraoke", die fast alle peinlich berührt, besonders den Sohn.

Umso faszinierter ist Daniel von seinen mondänen Cousins Rebecca (Claire Skinner) und Charles (Toby Stephens), die als Geschwister eine ungewöhnlich innige Beziehung zueinander pflegen. Schnell fühlt er sich trotz der Klassenunterschiede mit ihnen verbunden, während Charles und Rebecca ihn ebenfalls als Dritten im Bunde willkommen heißen und ihm sogar teuere Geschenke wie einen Ledermantel machen. Daniel kann sich die Großzügigkeit und Zuneigung der Upperclass-Geschwister nicht recht erklären, doch er spürt, dass ihnen beiden etwas fehlt. Was, wird ihm erst klar, als er die Kopie des Familienstammbaumes von Ernest genauer untersucht...

Überhaupt, die Familie. Das sind schon richtig schräge Vögel mit vielen Leichen im Keller. Da sind die drei alten Schwestern mit ihrem unerschöpflichen Vorrat an Keksen, die Daniel und seiner Mutter ihre fast unglaubliche Geschichte erzählen. Violet und Edith sollen im Krieg Wolfskinder gewesen sein, die stumme und apathische Grace leidenschaftlich verliebt?  Auch "Archivmann" Stephen lebt mit einem Geheimnis, von dem Daniel nichts wusste, und nicht zuletzt sein Vater Raymond und er selbst. An seine eigene Geschichte kann Daniel sich nicht einmal erinnern, doch während er denen seiner Verwandten lauscht, kommt er ihr nach und nach immer mehr auf die Spur. Und sie ist nicht weniger skurril als die der anderen...


Rebecca und Charles


Meinung: Einfühlsam, bittersüß, zum Nachdenken, perfekt inszeniert mit brillanten Darstellern und nicht zuletzt höchst unterhaltsam, das ist für mich "Perfect Strangers." Halb autobiografisch lässt Stephen Poliakoff die Episoden innerhalb der Familie Symon Revue passieren, und das mit einer Leichtigkeit und einem Gefühl für die vielen Protagonisten, dass man vor Ergriffenheit einfach mal kurz ein paar Tränchen fließen lassen möchte. Dafür sorgt auch der atmosphärisch komponierte Soundtrack. Anfangs wirken alle bis auf den bambiäugigen und sympathisch linkisch auftretenden Daniel ein bisschen gaga, doch im Lauf der Geschichten, die häufig einen tragischen und unerwarteten Verlauf nehmen, wird ihr Verhalten verständlich und die Figuren liebenswert, was selbst Daniel bemerkt.

Da ich selbst an solch groß organisierten Familientreffen teilgenommen habe, konnte ich mich sehr gut in Daniel hineinversetzen, auch wenn die Kontakte zu den Verwandten bei mir eher oberflächlich blieben, während Daniel neue Erkenntnisse und sogar Freunde gewinnt.

Wie gesagt, es ist schade, dass es diese kleine Serie nur auf Englisch gibt. Der Stoff, den sich Poliakoff vornimmt, ist keineswegs belangloses Geschwafel um britische Familientraditionen und -werten (was man erwarten könnte), sondern universell und wirklich toll umgesetzt. Ich glaube, jeden spricht etwas darin an oder man kann sich in einem der Symons wiederfinden. Denn irgendwie sind die "Perfect Strangers" gar keine Fremden, sondern Menschen wie du und ich.

Bewertung: Auch wenn JJ Feild als Richard ein echt hartes Schicksal widerfährt und er nur in Rückblenden und auf Fotografien auftaucht, verdient die Serie bei mir die volle Punktzahl von


 


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