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Montag, 23. März 2020

Filme in Zeiten von Corona (I) "The Yearling" (1946)

Über das Corona-Virus möchte ich mich hier nicht auslassen. Die Auswirkungen davon bekommt jeder von uns mehr als genug zu spüren. Von einer Ausgangssperre sind wir aufgrund einiger unvernünftiger Baggage nicht mehr weit entfernt - viele haben sich jedoch auch freiwillig und klaglos häusliche Quarantäne auferlegt. Obwohl ich in einem "Krisengebiet" wohne, ändert sich für mich vorerst nicht allzu viel; eine "Partylöwin" bin ich nie gewesen und schließe den Tag lieber mit einem Film und einem Glas Wein ab. In den dennoch harten Corona-Zeiten habe ich mir vorgenommen, nun einige Filme anzusehen, die schon lange in meinem Archiv stehen. Der erste ist "The Yearling" mit Gregory Peck (*Schmacht*), Jane Wyman und Claude Jarman Jr.




Inhalt: 1848: Der Farmer Ezra "Penny" Baxter lebt mit seiner Frau Ora und dem zwölfjährigen Sohn Jody in einem Sumpfgebiet Floridas, das die Familie gemeinsam bewirtschaftet und urbar zu machen versucht. Mit zur Plantage gehört ein kleiner Viehbestand und Jagdhunde zur Selbstversorgung. Das Leben der Baxters ist hart, besonders für Ora, die vor Jody drei Kinder verloren hat und dem "nichtsnutzigen" Sohn keine echte Liebe entgegenbringen kann / will, aus Angst, ihn ebenfalls zu verlieren. Ganz anders als Ezra, der den verträumt wirkenden Jody häufig zur Feldarbeit mitnimmt und trotz aller Anstrengung bemüht ist, ihm eine unbeschwerte Jugend zu ermöglichen.

Jody wünscht sich nichts mehr als einen Spielgefährten. Zwar hat er in dem in unmittelbarer Nachbarschaft wohnenden, fragilen und phantasievollen Fodderwing (ätherisch: Donn Gift) einen Freund, doch aufgrund der nicht unbeträchtlichen Entfernung sehen sich die beiden selten. Während eines Nachspiels von einem Tauschhandel mit Fodderwings Familie kommt zum zweiten Mal nach einer Bärenjagd Dramatik auf: Ezra wird von einer Klapperschlange gebissen und erschießt ein zufällig auftauchendes Reh, dem Jody als Erste-Hilfe-Maßnahme Herz und Leber entnehmen muss. Dabei entdeckt er später ein kleines Bambi, das verzweifelt nach seiner Mutter blökt. Jody überredet seine Eltern, das Kitz behalten und großziehen zu dürfen. Als er Fodderwing um einen besonderen Namen für den Findling fragen möchte, muss er beim Besuch der Nachbarn feststellen, dass der zarte, tierliebende Junge unerwartet verstorben ist.

Es gibt viele Tränen im "Yearling". Diese Szene und das darauffolgende Gebet, das Ezra während der Beerdigung des kleinen Fodderwing spricht, waren für mich neben der Schlussszene die bewegendsten. Einer von Fodderwings unzähligen Brüdern erzählt Jody, dass Fodderwing Jodys Reh "Flag" genannt hätte, und genauso heißt es fortan. Zunächst geht alles gut, und alle bis auf Ora, die den neuen Mitbewohner mehr oder weniger duldet, sind glücklich. Doch als Flag in die Pubertät kommt, wird er flegelhaft und vernichtet mehrmals die mühsam eingesäte und sorgsam abgesteckte Ernte. Sämtliche Maßnahmen wie hohe Zäune greifen nicht, so dass Ma Baxter irgendwann die Geduld verliert und Flag anschießt. Dabei verletzt sie ihn so schwer, dass Jody ihn erlösen muss. Zornig und hasserfüllt läuft er davon und irrt durch die Sümpfe. Nach vier Tagen, in denen er Hunger leidet und sich nach seinem Pa sehnt, kehrt er zurück und versöhnt sich mit den Eltern, nachdem er ein berührendes Mann-zu-Mann-Gespräch geführt hat. Ora, die nicht aufgehört hat, nach Jody zu suchen, schließt ihn erleichtert und zum ersten Mal liebevoll in die Arme.

Meinung: Altmodisch, nahezu antiquiert wirkt der Film, angefangen von der patriotisch-pathetischen Widmung an die amerikanischen Siedler im Vorspann über die Gottesfurcht der Familie bis hin zu der gewöhnungsbedürfig salbungsvollen deutschen Synchronisation - und dennoch sind es gerade diese Faktoren, die den besonderen Reiz von "The Yearling" ausmachen. Der gutaussehende Hauptdarsteller ist ohnehin einer davon (den Reizen), und seine Interaktion mit dem Jungen und auch die zu Jane Wyman ist glaubwürdig und trotz ihrem etwas rauen Umgang als Ehepaar vertraut, partnerschaftlich und liebevoll, fast zärtlich. Man nimmt den beiden ab, dass sie durch entbehrungsreiche und harte Zeiten gehen bzw. gegangen sind. Gregory Peck verkörpert das Idealbild des aufrechten, patenten Pioniers perfekt und vor allem sympathisch. Er ist nicht unfehlbar und manchmal sogar ein bisschen schlitzohrig, etwa beim Handel mit dem unbrauchbaren Hund, der folgenschwere Konsequenzen hat. Mit Ora und Jody, der anfangs etwas verwöhnt und weinerlich daherkommt, musste ich dagegen erst warm werden. Trotzdem sind die Schauspieler durch die Bank weg großartig und nachvollziehbar. Der außergewöhnliche Fodderwing, der nur einen kurzen Auftritt hat, bildet da keine Ausnahme.

Man könnte den Titel des Filmes auch auf Jody anwenden: im Jahr des Rehes verändert er sich, lernt Verantwortung zu übernehmen und wird erwachsen, als er die Entscheidung trifft, nicht zur See fahren zu wollen, sondern gemeinsam mit der Familie weiterhin die Farm zu betreiben.

Vielleicht erscheint "The Yearling" - immerhin über 70 Jahre alt und zu einer Zeit gedreht, die wir uns heute nicht mehr vorstellen können - für heutige Verhältnisse etwas zu schwülstig, zu fromm und ein wenig behäbig, und andererseits täte es uns allen gut, ein bisschen mehr wie die Familie Baxter zu sein und Gott zu danken für ein nicht immer leichtes, aber schönes Leben. Mir jedenfalls hat der Film so gut gefallen und mich so berührt, dass ich ihm die volle Punktzahl gebe.




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