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Dienstag, 1. Juli 2014

Mal Hü, mal Hott und Sapperlot! Deutschland im Viertelfinale

Kaum eine Stunde vergeht, in der ich derzeit nicht über Fußball-Schlagzeilen stolpere. Und das in merkwürdig ambivalenter Form.

"Das verstehen wir nicht, Jogi Löw!", "Was war das denn für ein Freistoß? - Thomas Müller erntet Spott und Häme", "Warum wir wackeln - zehn Analysen der deutschen Elf".

Oder: "Unsere Ballkünstler am Zaubern", "Warum wir Weltmeister werden müssen", "Der Titel ist Deutschland sicher!"

Bei einer so wankelmütigen Presse und ebensolchen Fans macht Jogi Löw zu Recht ein skeptisches Gesicht (aber wann macht er das eigentlich nicht?). Ehrlich, trotz Millionengage und Ruhm würde ich mit ihm oder seinem Team nicht tauschen mögen.

Ich gebe zu, das gestrige Spiel Deutschland - Algerien habe ich verfolgt und fand es ebenfalls nicht berauschend, und die Hopser von Müller auch ziemlich albern. Grazie und undurchschaubare Tricks habe ich allerdings auch nicht erwartet. Tatsächlich waren für mich die wechselnde Bandenwerbung und vor allem Jogis offensichtliche Aufregung am Spielfeldrand ungleich interessanter. Man sieht ihn ja sonst eher mit stoischer oder - wie gesagt - skeptischer Miene. Meiner Meinung hat der algerische Torwart eine mindestens genauso beeindruckende Leistung gezeigt wie der ständig gepriesene deutsche Keeper, und dennoch ist das kein Grund, dessen Stürmer- und Verteidigerkollegen niederzumachen, wenn sie das gegnerische Tor nicht treffen oder einen Sieg einfahren, bei dem das Ergebnis beruhigender ist als der steinige Weg dahin (Stichwort Xavier Naidoo).

Deutschland hat das Viertelfinale erreicht - was wollen Fans und Presse mehr? Für geschmeidigen und tänzerischen Fußball und extrem raffinierte Aktionen war das deutsche Team nie bekannt, das ist kein Geheimnis und wohl zu einem Teil Mentalitätssache. Muss man es zu etwas hochstilisieren, dessen Ansprüchen das Teutonentum nur höchst selten gerecht wird? Spielerische Eleganz, Leichtigkeit und ausgefeilte Strategien klingen toll im Fachjargon, aber nur weil die Mannschaft noch recht jung ist, bedeutet das nicht automatisch, dass sie diese "Zauberkünste" auf Kommando aus dem Ärmel schüttelt. Außerdem hat jeder (oder auch elf Männeken im Kollektiv) mal einen schlechten Tag.

Obwohl es mir letztendlich egal ist, wer den Titel und den ollen Pokal holt, bin ich jetzt, nach dem frühzeitigen Ausscheiden von Portugal, für mein Heimatland (trotzdem wird mich niemand "Schland" röhren oder sogar flüstern hören...). Wegen Jogi und seinem Friseur. Und weil ich der unkenden und launischen Pressefritzen und Fans einfach überdrüssig bin.