Translate

Donnerstag, 25. Juni 2026

Der Junge, der Träume schenkte ~ Luca de Fulvio

Das Buch habe ich aus dem Tauschregal im Schwimmbad geholt und mit wenig Begeisterung angefangen. Der Titel und das Cover fand ich nichtssagend, bestenfalls kitschig, wusste aber noch, dass der Roman bei seinem Erscheinen vor mehr als zehn Jahren zum Bestseller wurde. Also gab ich ihm eine Chance (voreingenommen, ich weiß...). 

 

 

 Inhaltsangabe: New York im Jahr 1909: Die junge Italienerin Cetta geht mit ihrem neugeborenen Sohn Natale (Christmas) nach Amerika, um in der Lower East Side der Armut zu entkommen. Doch der Big Apple erweist sich als gnadenloser Schmelztiegel voller Gewalt, Gangs und Prostitution. Inmitten dieser rauen Kulisse entfaltet sich über zwei Jahrzehnte ein fesselndes Drama um Gewalt, Überlebenskampf, Hoffnung und die Geburtsstunde des Radios und modernen Kinos.

Christmas Luminita ist der Angelpunkt der Geschichte. Geboren unter den denkbar schlechtesten Bedingungen als Sohn einer Prostituierten, wächst er in den Straßen von Manhattan auf. Obwohl er sich mit Kleinkriminalität durchschlagen muss, besitzt er ein unschätzbares Talent: Charisma und die Gabe, mitreißende Geschichten zu erzählen. Er gründet (zunächst als Bluff) die Bande der „Diamond Dogs“ und entdeckt im Laufe der Jahre die Macht der neuen Medien. Mit der Erfindung des Radios versucht er, den vom harten Alltag gezeichneten Menschen das zurückzugeben, was New York ihnen geraubt hat: ihre Träume. 

Nicht zuletzt möchte er durch die neuen Medien auch seinen eigenen Traum erfüllen, selbst wenn er unerreichbar scheint: die Liebe von Ruth Isaakson gewinnen. Ruth ist das krasse Gegenteil von Christmas – zumindest auf dem Papier. Sie stammt aus einer wohlhabenden, angesehenen jüdischen Familie und wächst behütet auf. Ihr Leben gerät aus den Fugen, als sie als Dreizehnjährige Opfer eines grausamen Überfalls wird. Dieses traumatische Ereignis hinterlässt tiefe psychische und physische Narben und isoliert sie von ihrer Umwelt. Als sich die Wege von ihr und Christmas durch seine Rettungsaktion kreuzen, entsteht trotz der unüberbrückbaren gesellschaftlichen Barrieren eine tiefe, zarte Verbindung, von der Ruth glaubt, sie nicht verdient zu haben. Sie kämpft darum, ihre eigene Stärke und Würde nach dem Trauma zurückzugewinnen. Dazu distanziert sie sich auch örtlich so weit wie möglich von Christmas. Ohne zu ahnen, dass ihr ehemaliger Peiniger zufällig denselben Weg gen Westen nimmt...

 


 

Meinung: Merkwürdigerweise habe ich beim Lesen etwas erlebt, was mir noch nie passiert ist: Nach anfänglichen Schwierigkeiten mochte ich die Geschichte und die Figuren und habe viel schneller gelesen, als ich es für möglich gehalten hätte. Der Mittelteil war trotz mancher Längen und überflüssigen Details wie die seitenlange Beschreibung des Aufstellens einer Funkantenne superspannend, doch gegen Ende habe ich mich ein bisschen gelangweilt. Von der respektlosen Gangstersprache voller Klischees gegenüber Juden, Iren, Schwarzen und Italienern habe ich mich nicht schrecken lassen und konnte sie als das nehmen, was sie ist: ein Stilmittel des Autors, um die Bandenkriminalität authentisch darzustellen. Aber ich wage zu behaupten, dass dieses Stilmittel heute im Zug der Woke-Bewegung nicht mehr durchgehen würde, ohne dem Autor Rassismus zu unterstellen - wenn es nicht schon vorher im Lektorat gestrichen werden würde. Allein das böse N-Wort kommt mehrmals vor. Und mir kam auch der Gedanke, dass man über real existierende Schauspieler und namhafte Produzenten der 1920er Jahre wohl nicht mehr so unbedarft fiktiv schreiben darf wie de Fulvio.

Ich habe jedenfalls etwas ganz anderes erwartet als das, was zwischen den gut 780 Seiten steckt, und war demzufolge doch positiv überrascht von der Erzählkunst und der Verknüpfung zwischen New York und Hollywood, und auch von den kleinen bittersüßen Momenten, die mich zum Nachdenken gebracht haben wie Mrs. Baileys Vogel im Käfig, der die ihm sich bietende Freiheit nicht annehmen konnte.

Fazit: Ein gewaltiges, sehr bildhaftes und phasenweise schonungsloses Buch, das zeigt, wie aus Armut und Elend durch die Kraft der Phantasie und der Liebe Hoffnung wachsen kann.

 

Bewertung: 💫💫💫 und ein halber 💫 

 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen