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Montag, 19. Januar 2026

Knitz "Pilzi" Columbus

 Alle unsere Katzen waren und sind etwas ganz Besonderes, egal, wie lang oder kurz wir sie in der Familie hatten - es wird keine(r) vergessen, und ich bin auch sicher, dass wir sie eines Tages alle wiedersehen. Die ganze liebenswerte Bande, die jetzt schon in Mamas himmlischem Garten herumtollt: Oskar, Boris & Ivanka, Moritz, Gino, Columbus & Joschi. Obwohl ich mit letztgenanntem eine besonders innige Beziehung hatte, möchte ich diesen Artikel unserem Pilzi widmen, der eher durch ein Unglück zu uns kam und zu so einem großen Glück für uns wurde.

 

Der ca. fünf Wochen alte Knitz in meinem Zimmer

 Knitz war in mehrerer Hinsicht eine Premiere für uns. Er war das erste und einzige schwarzweißgetigerte Kätzchen, das wir hatten, in einem entzückenden gestreiften Body und mit entsprechendem Käppchen auf. Er wurde von unserer damaligen Angestellten gebracht, nachdem sein Brüderchen auf dem Bauernhof von einem Pferdefuß erwischt worden war und Knitz dieses Schicksal erspart bleiben sollte. Er sollte auch die Lücke füllen, die der spurlos verschwundene Joschi hinterlassen hatte (aber zwei Jahre später zu unserer großen Freude und Überraschung wieder zurückkehrte). Ich war nicht sehr begeistert. Warum, weiß ich nicht mehr. Mir ist aber in Erinnerung, dass ich das obige Foto aufgenommen habe, als ich allein mit ihm zuhause war und ihn aus seinem Karton-Refugium im Esszimmer mit in mein Zimmer trug, wo er neugierig alles mit tappernden Schrittchen erkundete. Ich habe sehr geweint, als ich ihn beobachtet habe, und Abbitte geleistet, dass ich ihn nicht sofort willkommen geheißen habe. Er war so süß und goldig und ein zähes und widerstandsfähiges Kerlchen! Viel zu früh getrennt von seiner Mama, bekam er bei uns das Fläschchen. Mama hat sich sehr darum gekümmert, dass er gut gedieh und es ihm an nichts fehlte. Als Herbstkätzchen hatte er häufig Schnupfen (der damals noch nicht so ernst und effektiv behandelt wurde wie heute), doch es ging ihm gut; der Schnupfen hat ihn erst sehr viel später mehr beeinträchtigt. 

Ein paar Mal wurde er beim Tierarzt vorstellig, der ihm eine Vitaminspritze gab und beim ersten Besuch die "ermutigenden" Worte sprach: "Wenn Sie ihn ein Jahr haben, ist es lang." 

 

Im Garten im Rittersbruch

Wir hatten dreizehn Jahre miteinander, in denen wir so viel Spaß mit dem charakterstarken und etwas spröden Columbus hatten. Columbus ist sein richtiger Name, weil er ein kleiner Entdecker war, doch knitz war er auch, so dass sich die Bezeichnung als Rufname durchgesetzt hat. Auch wenn er liebevolle und viele Kosenamen hatte. Und ein tolles Leben. Wie alle unsere Katzen bis auf Toby und Mikkel war er Freigänger, entfernte sich aber nie weit vom Haus (zumindest tagsüber). Trotz seiner Unabhängigkeit zog es ihn zu Papa hin, der seine wichtigste Bezugsperson wurde, mit ihm spielte bis die Hände bluteten (bei Knitz' spitzen Krallen nach ca. fünf Sekunden), und auf dessen Bauch er in der Mittagspause schlief. Und der ihn nach dem Umzug in die Grabengasse auch mal spaßhalber an die Linde warf, wo er sich wie mit Saugnäpfen an den Stamm krallte und wieder zurückkam, um den Spaß von vorn beginnen zu lassen. 

Einmal bekamen ihn wohl böswillige und grausame Kinder in die Hände, denn er verlor einen Teil seines Schwanzes, nachdem er sich verletzt mit letzter Kraft auf unsere Terrasse geschleppt hatte und dort jämmerlich weinte. Mit meinem Fahrrad habe ich Hilfe geholt, das daraufhin gestohlen wurde, weil ich es in der Eile nicht abgeschlossen habe. Das war mir dann aber fast egal. Hauptsache, Knitz wurde geholfen. Eigentlich wollte der Tierarzt den Schwanz abnehmen, doch Mama hat Protest eingelegt. Seitdem hatte er einen kleinen Knick im Schwanz, der ihn in seinen Aktivitäten und uns nie gestört hat. 

 

Auf dem Twingo in der Grabengasse
 

Es gibt einige Geschichten über Knitz, die uns zum Lachen bringen. Weil er so schlau und gewitzt war, nannten wir ihn auch Knitzi Kniggings, nach Prof. Higgins aus "My Fair Lady". Eine dieser Anekdoten habe ich in meinem Buch "Shalom Mamele" erzählt, doch es gibt viele mehr. 

Zum Beispiel als er einer Passantin auf High Heels wie im Bann hinterhergefußelt ist und aus dem Laden die Klänge von "Je T'aime" erschallten. Ich war nicht dabei, doch es wurde mir so plastisch geschildert, dass ich die Szene förmlich vor mir sehe. Vermutlich hat Knitz die Frau von hinten mit Nicole verwechselt, die die Haare ähnlich trug. 

Mit Joschi, der wie gesagt wieder auftauchte, wurde der dominante Knitz nie wirklich warm, so dass der gutmütige Joschi, obwohl er die älteren Rechte hatte, sich ihm untergeordnet und wenn Knitz schlief, seine Nähe gesucht hat, indem er sich leise dazugelegt hat. Das war sehr rührend. Sie hielten zusammen, wenn es darum ging, das Revier zu verteidigen. Da hat sich Joschi meist hinter Knitz versteckt, um im Notfall eingreifen zu können. Ich weiß nicht, ob das je nötig war, musste aber lachen, als ich ihre Taktik mal beim Nachbarskater beobachten konnte. 

 

Knitz und Joschi halten ein Nickerchen

 

 Beide waren wie Familienmitglieder, selbst für die Eltern. Knitz verschwand irgendwann in die Nacht hinaus, und Nicole, die ihm die Tür öffnete, meinte später, gehört zu haben, wie er "Auf Wiedersehen" sagte. Er kam nicht wieder. Wir haben ihn lange gesucht, mit Handzetteln und Anschlagsblättern (damals waren wir noch nicht bei Facebook oder Tasso), ob er vielleicht wegen seiner Neugier versehentlich eingesperrt worden war. Wir waren von ihm gewohnt, dass er regelmäßig im Haus und im Laden war, so dass wir bald die Hoffnung aufgaben. 

Vermisst haben wir ihn sehr lange, und selbst jetzt kommen mir die Tränen. Er war ein großer und wichtiger Zeil in meinem Leben, weil er mir gezeigt hat, dass nicht nur schwarze und getigerte Katzen liebenswert sind. Der rote Toby ist ihm ein bisschen ähnlich im Körperbau, vom Temperament und mit den großen Ohren, und manchmal denke ich, es steckt ein Teil Knitz in ihm, der uns sagen will, dass er uns ebensowenig vergisst wie wir ihn. Und Mikkel erinnert uns in vieler Hinsicht an Joschi.

 

Montag, 12. Januar 2026

"Der Löwe Christian ~ unser verrücktes Leben mit einem Löwen in London" von Anthony Bourke & John Rendall

 Wirklich erinnern kann ich mich an den Medienrummel um den Löwen Christian nicht, war er doch weit vor meiner Zeit. Meine Plüschlöwin heißt seit Kindertagen allerdings Elsa, die mutmaßlich weitläufig mit Christian verwandt ist, darum habe ich wohl etwas davon aufgeschnappt. Die Geschichte von Christian, der 1969 gemeinsam mit seiner Schwester im Londoner Nobelkaufhaus Harrods als "Ware" angeboten wurde und von zwei australischen Studenten gekauft wird, die keine Ahnung im Umgang mit Wildtieren, aber dafür ein großes Herz haben, ist jedenfalls Kult.

 


 

Inhalt: Anthony "Ace" Bourke und John Rendall aus Sydney kommen in den späten 1960er Jahren nach England und arbeiten in Kensington/Chelsea in einem Antiquitätenladen. Als sie einen Abstecher ins Kaufhaus Harrods machen, entdecken sie in der Zooabteilung einen kleinen Löwen, den sie sofort ins Herz schließen. Trotz ihrer bescheidenen finanziellen Mittel erwerben sie Christian, der fortan die Sensation im Viertel ist. Vormittags gehen die drei zu einem weitläufigen Garten zum Spielen, später sorgt Christian für Heiterkeit, Begeisterung und kleine Verkehrsunfälle, wenn er majestätisch im Schaufenster sitzt und vorbeifahrende Passanten erschreckt. Er ist ein verblüffend sanfter und zugewandter Löwe, der Menschen freundlich begrüßt und Kinder liebt, Zuneigung gibt und empfängt und auch Aufmerksamkeit einfordert.  

Bei aller Liebe zu Christian vergessen Ace und John nie, dass sie sich geschworen haben, ihn irgendwann in die Freiheit auszuwildern, um ihm das Schicksal eines Zoos oder Zirkus zu ersparen. Schneller als gedacht ist es soweit, denn Christian wächst und gedeiht, und der Medienrummel, der mittlerweile um die Drei entstanden ist, empfinden die Männer als übertrieben. Nach langer Vorbereitungszeit und bangem Warten, wann es soweit ist, erhält Christian ein Ticket nach Kenia ins Auswilderungszentrum von "Löwenflüsterer" George Adamson, und somit die Chance, bei seinen Artgenossen ein Rudel aufzubauen.

 


 

 Meinung: Ich fand die Geschichte großartig. Unglaublich und fast wundersam. Der Löwe wurde nach seiner Auswilderung, die man als geglückt betrachtet, noch zweimal von Ace und John besucht, in den Jahren 1971 und 1972. Die erweiterte Neuauflage des Buches entstand nach dem Viralgehen eines Clips auf Youtube, der ihr Wiedersehen dokumentiert. Christian stellte den beiden seine neue Familie vor, doch seine alte hat er nie vergessen. Es war verblüffend, wie "menschlich" Christian sich oft verhielt. Die Unberechenbarkeit, die man Raubtieren nachsagt, musste er sich erst in Afrika aneignen, um zu überleben. Dort kam es dann leider manchmal zu unschönen Vorkommnissen, wie das halt so ist in der Tierwelt (und auch in der Menschenwelt). Doch das Christians Rudelfreund Boy erschossen werden musste, weil er nach Jahren der Nähe von Menschen und reibungslosem Zusammenleben einen afrikanischen Helfer angriff, war starker Tobak. Auch Christian - obwohl von gewinnendem und friedfertigen Wesen - zeigte nach der Eingewöhnungszeit in Afrika löwentypisches Verhalten und musste mit Vorsicht behandelt werden. Er hat offenbar irgendwann sein Territorium bei George Adamson verlassen, weil es ihm zu klein wurde; es ist nichts Gegenteiliges bekannt. Heute hätte man Christian einen Tracker angelegt, doch ich denke mal, die Technik war Anfang der 70er noch nicht soweit.

Bewunderswert sind jedenfalls der Mut und die Zielstrebigkeit der jungen Australier, dem Löwen ein gutes Leben zu ermöglichen. Dafür nahmen sie manchen "Ungemach" in Kauf, u. a. auch die Abgabe von Christian an eine Filmgesellschaft, die jedoch nur symbolischen Charakter hatte. Beide Männer sind / waren weiterhin mit Auswilderungsprogrammen beschäftigt und haben sich mit Ureinwohnerkunst befasst.

Was mich ein bisschen gestört hat, war die nüchterne und sachliche Erzählweise, denn es schimmert doch zwischen den Zeilen durch, dass Ace und John sehr an Christian hingen und nicht nur diesem der endgültige Abschied schwerfiel. Ein bisschen mehr Geschichten um Christian hätte ich mir gewünscht, die ins Detail gingen, und das gab es eigentlich keine. Dafür war der Stil zu allgemein gehalten. Was mich sehr berührt hat waren die Fotos in der Mitte des Buches, die Christian als Kinderstar für Werbung und als König in seinem Reich "World's End" und später in Kora / Kenia zeigen. Ich wünsche mir sehr, dass er noch ein schönes, langes Leben hatte in freier Wildbahn. Und dass er nun mit seinem Freund John Rendall im himmlischen Garten herumtollt und sich ganz viele Streicheleinheiten abholt, bis auch Ace durchs Tor tritt und sie wieder zusammen sind.

 

Bewertung:  🦁🦁🦁🦁 und ein halber 🦁

 




Donnerstag, 8. Januar 2026

Rezension "Der Klang des Pianos" ~ Elisabeth Büchle

 Mit Romanen über die Titanic kann man mich ködern. Die Zeit, das Setting, die menschliche Verstiegenheit, etwas praktisch Unzerstörbares zu bauen, das schon beim ersten "Test" untergeht und die unglaubliche Tragödie sind Komponenten, die mich magisch anziehen. Trotzdem: Nicht alles, was mit der Titanic zu tun hat, begeistert mich. Dieses Buch jedoch schon. Es hatte einen ähnlichen Effekt auf mich wie Eric Fosnes Hansens "Choral am Ende der Reise"

 


Inhalt: April 1912: Der junge ehrgeizige Instrumentenbauer Richard Martin aus Freiburg erhält von seinem Arbeitgeber Welte einen lukrativen Auftrag. Er soll pneumatisch selbstspielende Pianos und Orgeln in den Luxusliner RMS Titanic einbauen. Im Rahmen seiner Tätigkeit lernt er Norah Casey kennen, eine lebenslustige, energiegeladene und stets hilfsbereite Stewardess aus Irland, und wird zudem in die feinen Kreise der Upperclass eingeführt. Der Kontrast zwischen dem entbehrungsreichen, oft tristen und kriminellen, aber lustigen Leben in Belfasts dunklen Gassen und der vornehmen Gesellschaft macht es Richard schwer, sich für eine Seite zu entscheiden, zumal die schöne und wohlhabende Helena Andrews ein Auge auf ihn geworfen hat. Für den beruflich nach Höherem strebenden Richard das Ticket zum Glück. Doch da ist auch Norah, die nicht nur durch ihre Grübchen fasziniert und in etwas verwickelt zu sein scheint, das männlichen Beistands bedarf.

Ihre Tätigkeit als Stewardess auf der Titanic wird von einer dringenden Nachricht an sie vereitelt, während Richard als unfreiwilliger Passagier mit Norahs Bruder Adam und dessen Freund Dylan die Überfahrt nach New York antritt. 

 

David_Do / Pixabay

Meinung: Eigentlich lese ich Liebesgeschichten nicht so gern. Diese hat mir gut gefallen, da sie durch das zwar eher hintergründig, aber doch präsente Thema des Glaubens nicht kitschig oder zu aufdringlich war. Die Kapitel sind mit fortlaufender Dauer wechselseitig; das heißt man erfährt etwas von Norah, wie sie ihren Kriminalfall in Belfast mit Hilfe ihrer zahlreichen Freunde löst, und im nächsten Kapitel Richards "Abenteuer" auf der Titanic, deren Pomp und Weitläufigkeit zu untypisch männlicher Orientierungslosigkeit führt. Gut, dass der Matrose Adam und Heizer Dylan sich auskennen. Zwar sparen sie nicht mit gutmütigen Scherzen auf Kosten des korrekten Deutschen, doch Richard fühlt sich gut aufgehoben. 

Als er erfährt, dass Nora in gefährlicher Mission von Bord musste, ist er zwar beunruhigt, kann jedoch nur hoffen und beten, dass sie sich nicht zu Dummheiten hinreißen lässt. Er lernt einige Passagiere kennen und genießt die Reise, bis ihn mitten in der Nacht eine Vollbremsung des Schiffes weckt...

Ich war lieber mit Richard unterwegs als bei Nora mit ihren Freunden, weil ich ihr verzwicktes Dilemma aus Bordellen und einem Kunstraub nicht wirklich verfolgen konnte und mir das alles ein bisschen an den Haaren herbeigezogen vorkam. Vor allem die Sache mit der sogenannten "Doppelgängerin" wirkte recht konstruiert. Ich fand das Buch dennoch sehr spannend und habe mich darauf gefreut, jeden Abend ein paar Kapitel zu lesen. Die Figuren waren bis auf die etwas klischeehafte Helena sympathisch und nachvollziehbar. Informativ waren die Erklärungen zu historischen Personen und technischen Details des Schiffes im Anhang. Da hat die Autorin viel Herzblut einfließen lassen.

Ein paar Geschichten wie die der selbstlosen Heizer, zu denen der fiktive Dylan gehörte, haben mich fast zu Tränen gerührt. Ein gut recherchiertes Buch mit einer ungewöhnlichen Geschichte, dem ich vier White Stars vergebe.

 

Bewertung: ✩✩✩✩

 

 

Dienstag, 6. Januar 2026

Furchtlos zum Himmel ~ Leseprobe.

 Weshalb ich dieses Buch einige Zeit nicht mochte, verstehe ich nicht mehr, seit ich es im letzten Sommer von vorne bis hinten durchgelesen habe. Über 590 Seiten in weniger als einer Woche, so spannend und toll fand ich es. "Klar", werden viele sagen. "Du bist schließlich die Autorin." So klar ist das gar nicht. Denn man selbst ist mit seinen Werken in der Regel am kritischsten.

 


Diese Geschichte ist unter meinen älteren zu finden, so dass mich mein wohlwollendes Gesamturteil vom letzten Jahr verblüfft hat. Denn vieles, was man in jugendlichem Überschwang fabriziert, ist einem oft später peinlich. 

Wie akribisch, wie ausführlich und auch dramatisch ich diese Reise mit dem verbundenen Wagnis beschrieben habe, ohne in Person oder Zeit dabeigewesen zu sein, das ist schon erstaunlich. Da war ich in der Tat von mir beeindruckt... 

Die Leseprobe verlinke ich hier mal: *Klick* 

Ich wünsche viel Spaß und würde mich unheimlich freuen, wenn der doch recht lange Ausschnitt von diesem außergewöhnlichen Männerabenteuer Lust auf mehr macht...

 

Freitag, 2. Januar 2026

Fairlight ~ Leseprobe

 Seit "Fairlight" ein so tolles neues Cover hat, mag ich es noch mehr als vorher. Die Idee, beide Brüder auf den Umschlag zu drucken, fand ich grandios. Zwar sehen beide Männer nicht unbedingt so aus, wie ich sie mir vorstelle, doch sie kommen dem schon recht nahe. Eine Freundin meinte, sie sähen wie Brüder aus, ohne dass sie den Inhalt des Romans kannte. Das hat mich natürlich sehr gefreut!

Der folgende Text ist eine Leseprobe, denn die habe ich in letzter Zeit etwas vernachlässigt. Der neunzehnjährige Florey besucht seinen durch Stacheldraht verletzten Bruder Francis, dem es ein Dorn im Auge ist, dass Florey sich mit einem der zufälligen Besucher auf Fairlight House angefreundet hat. Dafür hat er durchaus seine Gründe... doch die kann er dem Bruder nicht erklären, ohne ihn zu verunsichern.

 

 

Leise wie eine Katze stahl sich Nellie Whitcombe in den Stall und die Leiter hinauf; Finnigan schaufelte sinnlos einen Ballen Heu nach dem nächsten von einer Ecke in die andere, die beiden Paddys waren nirgends zu sehen. Sie atmete auf; den rohen Stallknechten begegnete sie mit Bedacht. Ihre Witze trafen nicht unbedingt den Nerv eines weiblichen Geschöpfes. Sie mochte nicht so verzärtelt wirken wie die feinen Stadtdamen, doch auch sie besaß Gefühle, die schnell verletzt wurden. Zwar war auch Francis mitunter ein regelrechter Kindskopf, aber dabei vom Liebreiz eines Jungen, nie beleidigend oder grob, während Jones und O’Teale mit Vorliebe Anspielungen auf ihren mageren Körper in gehässiger Manier zum besten gaben, die sie nicht selten Hals über Kopf in ihre Kammer flüchten ließen, wo sie stundenlang ihre vermeintliche Unattraktivität betrauerte.

Oben auf dem Speicher lag, halb verdeckt von Stroh, der kleine Eugene. Obwohl nur wenige Jahre jünger als sie, löste sein Anblick wie immer mütterliche Instinkte in ihr aus. Sachte rüttelte sie an seiner Schulter. Florey schlug nach ihr, wie man eine lästige Fliege vertreibt; er war noch nicht vollständig wach.

"Master Eugene!"

"Hm?"

"Master Francis will Sie sehen. Er sagt, es tut ihm leid."

Flink war Florey auf den Beinen. "Geht es ihm gut?"

Nellie zuckte die Achseln. Francis zog es, wie alle Fairlights, vor, still vor sich hinzuleiden.

 


Die abenteuerliche Mischung der Gerüche aus Blut, Eiter, Salbe und scharfem Whisky in Francis' Zimmer veranlasste Florey dazu, zum Fenster zu rennen und es sperrangelweit aufzureißen, bevor er sich auf den Bruder konzentrierte. Er sah so verletzlich aus in dem großen Bett, ein wenig wie tot. Die Scheu vor Kranken ließ Florey an die Tür zurückweichen. Es verstörte ihn, seinen großen Bruder in solch einer Lage zu sehen; seine Welt geriet ins Wanken, als er Francis' bleiches, eingefallenes Gesicht betrachtete.

"Florey“, lächelte Francis; plötzlich blitzte der alte Francis hervor, ein schelmischer, sorgenverbergender Gefährte, mit dem man Pferde stehlen konnte. "Komm her zu mir und mach' nicht so ein Gesicht, als läge ich im Sterben."

Die Schranke in Floreys Denken brach; ungestüm warf er sich auf Francis, umhalste ihn und weinte laut.

"Was ist denn? Nicht... lass das Weinen. Sonst weine ich mit und hasse mich dafür."

"Oh, Francis! Bestimmt straft mich Gott, weil ich Dobbs' Bekehrungsgerede satt habe und weil ich so schlecht bin! Ich will nie mehr etwas tun, das dir nicht gefällt."

Das Gewicht des Knaben auf der Brust schmerzte; Francis bedeutete ihm, sich aufzusetzen. Er schaute ihn emphatisch an und strich ihm das Haar aus dem Gesicht. "Das ist Blödsinn. Ich liebe dich so wie du bist, das weißt du doch. Du sollst dich nicht ändern. Ich bin derjenige, der Abbitte leisten muss. Es tut mir leid, dich geschlagen zu haben. Es ist nur – verflucht, ich habe solche Schmerzen, Florey, ich möchte mit dem Schädel an die Wand, nur um sie für eine Sekunde zu vergessen. Wenn ich zu heftig reagiere, liegt das nur daran, verstehst du? Außerdem, Florey, und das ist sehr, sehr wichtig, was ich dir jetzt sage, deshalb spitz' die Ohren: bitte gehe nicht mehr mit diesem Raeburn alleine irgendwo hin. Du würdest mir das Herz brechen. Ich hatte Angst um dich, als ihr weg wart."

"Du hattest Angst? Wegen Dr. Raeburn?"

Francis nickte, in seinen Augen flackerte es.

"Das musst du nicht. Er ist wirklich nett –"

Ein ungehaltenes Zischen ließ Florey verstummen, er streichelte die Hand seines Bruders und wartete darauf, dass Francis sich beruhigte. Schließlich schluckte dieser und schloss die Augen.

"Ich weiß, dass er nett ist. Gerade deshalb musst du aufpassen. Nette Menschen sind selten das Vertrauen eines anderen wert. Sie verfolgen eine eigennützige Absicht, wenn sie sich freundlich gebärden. Bitte gib mir dein Versprechen, Florey."

"Welches Versprechen? Ehrlich, Francis, ich verstehe dich nicht ganz..."

Francis ballte die Hände zu Fäusten; er hatte schon damit angefangen, ihm Florey abspenstig zu machen, dieser Raeburn. Da kannte er sich wohl aus. Francis schalt sich einen Narren; der Name hätte ihm gleich zu Beginn etwas sagen müssen. Aber Raeburn war kein auffälliger Familienname, und es war neblig gewesen, so dass Francis nicht in der Lage gewesen war, das Gesicht des Doktors zu manifestieren. Zudem lagen sechzehn Jahre dazwischen. Die markante Stimme und die einfühlsamen Hände allerdings ließen keinen Zweifel offen. Wahrscheinlich hatte Francis ein bisschen mit dem Feuer spielen wollen. Kleine Sünden bestraft der Herr sofort, wie Pfarrer Dobbs – um Bibelsprüche nie verlegen - so schön zu sagen wusste. War es eine Sünde, drei Fremden Obdach zu gewähren? In Zukunft würde er niemanden mehr aufnehmen. Flehend nahm er Floreys Hände in die seinen.

"Es ist egal, ob du es verstehst oder nicht! Ich möchte nicht, dass du weiteren Umgang mit ihm pflegst."

Aus Rücksicht auf Francis' desolate Verfassung tendierte Florey zur Kapitulation.

"In Ordnung. Du musst dich nicht aufregen. Ich liebe dich, Francis." Er beugte sich vor, um den Bruder auf die Stirn zu küssen; in diesem Moment betrat Thorpe schwungvoll den Raum.

"Oh, ich – ich gedachte nicht –"

"Sie stören nicht“, half ihm Francis. "Ich warte seit einer Ewigkeit auf einen von euch elenden Kurpfuschern. Haben Sie Morphium dabei?"