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Montag, 12. Januar 2026

"Der Löwe Christian ~ unser verrücktes Leben mit einem Löwen in London" von Anthony Bourke & John Rendall

 Wirklich erinnern kann ich mich an den Medienrummel um den Löwen Christian nicht, war er doch weit vor meiner Zeit. Meine Plüschlöwin heißt seit Kindertagen allerdings Elsa, die mutmaßlich weitläufig mit Christian verwandt ist, darum habe ich wohl etwas davon aufgeschnappt. Die Geschichte von Christian, der 1969 gemeinsam mit seiner Schwester im Londoner Nobelkaufhaus Harrods als "Ware" angeboten wurde und von zwei australischen Studenten gekauft wird, die keine Ahnung im Umgang mit Wildtieren, aber dafür ein großes Herz haben, ist jedenfalls Kult.

 


 

Inhalt: Anthony "Ace" Bourke und John Rendall aus Sydney kommen in den späten 1960er Jahren nach England und arbeiten in Kensington/Chelsea in einem Antiquitätenladen. Als sie einen Abstecher ins Kaufhaus Harrods machen, entdecken sie in der Zooabteilung einen kleinen Löwen, den sie sofort ins Herz schließen. Trotz ihrer bescheidenen finanziellen Mittel erwerben sie Christian, der fortan die Sensation im Viertel ist. Vormittags gehen die drei zu einem weitläufigen Garten zum Spielen, später sorgt Christian für Heiterkeit, Begeisterung und kleine Verkehrsunfälle, wenn er majestätisch im Schaufenster sitzt und vorbeifahrende Passanten erschreckt. Er ist ein verblüffend sanfter und zugewandter Löwe, der Menschen freundlich begrüßt und Kinder liebt, Zuneigung gibt und empfängt und auch Aufmerksamkeit einfordert.  

Bei aller Liebe zu Christian vergessen Ace und John nie, dass sie sich geschworen haben, ihn irgendwann in die Freiheit auszuwildern, um ihm das Schicksal eines Zoos oder Zirkus zu ersparen. Schneller als gedacht ist es soweit, denn Christian wächst und gedeiht, und der Medienrummel, der mittlerweile um die Drei entstanden ist, empfinden die Männer als übertrieben. Nach langer Vorbereitungszeit und bangem Warten, wann es soweit ist, erhält Christian ein Ticket nach Kenia ins Auswilderungszentrum von "Löwenflüsterer" George Adamson, und somit die Chance, bei seinen Artgenossen ein Rudel aufzubauen.

 


 

 Meinung: Ich fand die Geschichte großartig. Unglaublich und fast wundersam. Der Löwe wurde nach seiner Auswilderung, die man als geglückt betrachtet, noch zweimal von Ace und John besucht, in den Jahren 1971 und 1972. Die Neuauflage ds Buches entstand nach dem Viralgehen eines Clips auf Youtube, der ihr Wiedersehen dokumentiert. Christian stellte den beiden seine neue Familie vor, doch seine alte hat er nie vergessen. Es war verblüffend, wie "menschlich" Christian sich oft verhielt. Die Unberechenbarkeit, die man Raubtieren nachsagt, musste er sich erst in Afrika aneignen, um zu überleben. Dort kam es dann leider manchmal zu unschönen Vorkommnissen, wie das halt so ist in der Tierwelt (und auch in der Menschenwelt). Doch das Christians Rudelfreund Boy erschossen werden musste, weil er nach Jahren der Nähe von Menschen und reibungslosem Zusammenleben einen afrikanischen Helfer angriff, war starker Tobak. Auch Christian - obwohl von gewinnendem und friedfertigen Wesen - zeigte nach der Eingewöhnungszeit in Afrika löwentypisches Verhalten und musste mit Vorsicht behandelt werden. Er hat offenbar irgendwann sein Territorium bei George Adamson verlassen, weil es ihm zu klein wurde; es ist nichts Gegenteiliges bekannt. Heute hätte man Christian einen Tracker angelegt, doch ich denke mal, die Technik war Anfang der 70er noch nicht soweit.

Bewunderswert sind jedenfalls der Mut und die Zielstrebigkeit der jungen Australier, dem Löwen ein gutes Leben zu ermöglichen. Dafür nahmen sie manchen "Ungemach" in Kauf, u. a. auch die Abgabe von Christian an eine Filmgesellschaft, die jedoch nur symbolischen Charakter hatte. Beide Männer sind / waren weiterhin mit Auswilderungsprogrammen beschäftigt und haben sich mit Ureinwohnerkunst befasst.

Was mich ein bisschen gestört hat, war die nüchterne und sachliche Erzählweise, denn es schimmert doch zwischen den Zeilen durch, dass Ace und John sehr an Christian hingen und nicht nur diesem der endgültige Abschied schwerfiel. Ein bisschen mehr Geschichten um Christian hätte ich mir gewünscht, die ins Detail gingen, und das gab es eigentlich keine. Dafür war der Stil zu allgemein gehalten. Was mich sehr berührt hat waren die Fotos in der Mitte des Buches, die Christian als Kinderstar für Werbung und als König in seinem Reich "World's End" und später in Kora / Kenia zeigen. Ich wünsche mir sehr, dass er noch ein schönes, langes Leben hatte in freier Wildbahn. Und dass er nun mit seinem Freund John Rendall im himmlischen Garten herumtollt und sich ganz viele Streicheleinheiten abholt, bis auch Ace durchs Tor tritt und sie wieder zusammen sind.

 

Bewertung:  🦁🦁🦁🦁 und ein halber 🦁

 




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