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Freitag, 28. März 2025

Adieu, Annchen!

Es ist merkwürdig. Seit Mama nicht mehr da ist, verliert die Welt. Sie verliert nicht nur an Freude und Licht, sondern auch an Menschen, die einen langen Weg in meiner Lebenslinie gegangen sind. Überraschend starb am 19. mein Onkel, der noch im Januar in einem Restaurant mit Geburtstagstafel seinen 90. gefeiert hat - und das relativ rüstig. 

Ich war sehr traurig, als meine Tante am nächsten Morgen anrief, um es uns mitzuteilen. Sie waren 65 Jahre lang verheiratet, eine lange Zeit. Und dann wurde knapp eine Woche später eine Karte bei uns eingeworfen, die mich genauso traurig machte. Sie unterrichtete uns vom Heimgang von Mamas bester und längster Freundin. Das war fast noch surrealer. Und ich habe gemerkt, es tut nicht nur bei den nächsten Verwandten weh. 

 


Annchen war Mama sehr ähnlich in ihrer Art, unkonventionelle Wege zu gehen, und auch in ihrer Herzlichkeit - obwohl sie ursprünglich aus Norddeutschland kommt. Sie und ihr Mann Peter sind mit Mama und Papa jahrelang gewandert, waren auf diversen Friedensbewegungen und haben sich einfach gut verstanden. Ich erinnere mich an eine gemeinsame Wanderung mit ihrem Sohn Martin, in den ich ein bisschen verliebt war und der leider früh verstorben ist. Oder an ein Open Air-Konzert in Ulm, das meine Schwester und ich mit ihrem jüngsten Sohn Achim und dessen Kumpel besuchten. 

Vermutlich wissen es nur noch wenige, doch aufgrund ihrer Initiative wurde das "Bücherland", der hiesige Buchladen, Anfang der 1980er Jahre ins Leben gerufen. Literatur war ein Steckenpferd von ihr. Sie recherchiert zu dem Findling Kaspar Hauser, der "ihr fünftes Kind" wird. In einem Briefroman beschreibt sie ihre Nachforschungen zu Kaspar, und wird auf viele Vorträge zu dem Thema eingeladen.

Im Sommer waren wir manchmal eingeladen auf ihrem idyllischen Grundstück im Grünen, das sich einige Kilometer entfernt von der Stadt befindet, in der sie wohnten, und in dem sie sich ein bisschen wie im Paradies fühlen konnten, da es weit abseits von weiteren menschlichen Behausungen lag. Da gab es auch Kaulquappen, deren Entwicklung zu winzigen Fröschen wir beobachtet haben, wo wir Erbsen auspuhlten, und wo wir durch die Gegend gestreift sind. All das hat einen nostalgischen Rotgelb-Filter, wenn ich es nun Revue passieren lasse. 

Letztes Jahr kurz vor Weihnachten rief mich Annchen an, um mir mitzuteilen, wie sehr ihr mein Buch "Shalom Mamele" gefallen hat, das ich ihr im Frühjahr überreicht habe, und wie gut und lebendig ich Mama beschrieben habe. "Genauso war sie!" sagte sie mir, und ich habe mich so sehr gefreut. Manche andere Freundinnen waren nämlich überrascht von meinem Buch und meinten, sie hätten Mama nicht ganz so erlebt. Das zeigt vielleicht, wie eng die beiden befreundet waren, und vor allem, wie lang. Annchen und Mama hatten viele gemeinsame Interessen, z.B. die Naturapotheke Gottes. Das Buch nach Maria Treben lag stets griffbereit auf ihrem Wohnzimmertisch, und auch bei Mama stand es im Regal. Auch politisch fanden sie einen Konsens. Mama hat Annchen oft besucht, um in ihrem Garten Feldblumen zu pflücken und sich mit ihr auszutauschen. Bis zuletzt machte sie den kleinen Spaziergang durch die Schrebergartenanlage zu Annchens und Peters Bungalow am Rand der Stadt.

 

Annchens Garten

 

Wir waren auf der Trauerfeier, die im kleinen Familien- und Bekanntenkreis stattfand, und ich musste weinen. Ein weiterer Teil meiner Kindheit geht mit Annchen. Mein Kontakt zu ihr war nicht intensiv, aber durch Mama war sie immer präsent. Ähnlich lebenslustig, fürsorglich und liebevoll. Sie hat immer dafür gesorgt, dass ihr Peter am Nachmittag ein Bierchen trinken und dabei aus dem Fenster auf die Straße sehen konnte. Sie wird mir fehlen. 

Ich glaube, Mama hat schon am Himmelstor auf sie gewartet. Vielleicht gehen sie jetzt gemeinsam durch blühende Wiesen mit Kräutern, die sie sammeln und begeistert einander zeigen. Und ich wünsche ihrer Familie und vor allem Peter, dass sie Trost und Kraft im Gedanken finden, sich an einem schöneren Ort wiederzusehen.

 

Samstag, 15. März 2025

Trauer, wie lange?

Es fällt mir unglaublich schwer, mich an die Situation ohne Mama zu gewöhnen. Nie hätte ich mir vorstellen können, dass es das irgendwann einmal gibt, und wenn, dann erst, wenn beide Eltern weit über Neunzig sind und ich dann auch nicht mehr taufrisch und bereit für die Ewigkeit. Mama selbst wollte gut über Hundert werden. 

Eigentlich war mein Wunsch immer, dass wir alle mitsamt unseren Katzen von einem goldenen Wagen abgeholt werden würden wie einst der Prophet Elias in der Bibel. Das habe ich auch Mama erzählt, als es ihr schon nicht mehr so gut ging. Sie hat nicht gelacht. Es hat sie getröstet. Und wie gern hätte ich gehabt, dass dieser Wunsch in Erfüllung geht! Dass es nicht nach des Menschen Willen geht, sondern Gottes, das weiß ich nun. Selbst wenn dieser Wunsch niemandem schadet und man darum bittet.

 



Bald kommt der Frühling wieder, und ich empfinde keine Freude darüber. Mein Alltag, der früher eher unabhängig war, hat sich gewandelt. Und ich weine öfter. Immer noch. Manchmal wegen Kleinigkeiten. Dinge, die mich an Mama erinnern und an die ich mit Wehmut denke. Lieder, die sie gern gehört hat. Ihre schönen Hände, ihre gepflegten, unlackierten Fingernägel mit den hellen Halbmonden. Das Streicheln, wenn sie manchmal meine Hand nahm. Früher mochte ich das nicht immer; jetzt sehne ich mich danach. Nach ihrer jugendlich klingenden Stimme, in der oft ein Lachen mitschwang. Und nach ihrem unerschütterlichen Humor, der auch in schwierigen Zeiten da war und uns andere ermutigt hat. 

Aber nicht nur die Erinnerung bringt mich zum Weinen, sondern auch die Welt an sich, die mir jetzt unsicherer und unfreundlicher vorkommt ohne sie. Mitunter glaube ich sogar, dass Gott sie uns nahm, damit sie die Zwistigkeiten hier nicht mehr erleben muss, die ihr als sensibler Mensch zweifelsohne zugesetzt hätten. Zum Beispiel das Massaker am 7. Oktober 2023 in dem israelischen Kibbuz oder der jetzt salonfähige Antiamerikanismus wegen eines tatkräftigen Präsidenten, der immerhin Bewegung in viele Angelegenheiten bringt, die längst angepackt gehören. Aber wir hätten ja uns gehabt, um damit gemeinsam fertigzuwerden.

Viele meinen, es sei für mich besonders schwer, weil ich Mamas "Sorgenkind" gewesen sei. Das stimmt nicht. Es ist für uns alle schwer. Immer noch gehe ich nicht auf den Friedhof. Es kommt mir nicht richtig vor, richtig surreal, und ich bin froh, dass Nicole sich um die Bepflanzung dort kümmert, obwohl auch ihr der Gang nicht leichtfällt. Mama ist nicht mehr dort, das wissen wir alle. 

Sie lebt jetzt bei Jesus. Und ich bin sicher, wir sehen sie wieder. Doch bis dahin fehlt mir erst mal die Freude am Leben. Sie kommt auch nach nun anderthalb Jahren nicht wieder, was mich bedenklich stimmt und doch nicht wundert. Der Verlust von Mama verändert mich, macht mich ernster und nachdenklicher, vielleicht auch trauriger im Allgemeinen. Und manchmal fast depressiv, wogegen ich mich aber wehre, auch wenn es Tage gibt, an denen mir alles sinnlos erscheint. Ich möchte sie gern wieder umarmen, ihren heimeligen Duft einatmen und von ihr hören, dass alles gut ist. Kind sein. Das konnte ich bei Mama. Nirgends sonst. Um so vieles muss man sich kümmern, regelmäßig kochen, viel mehr putzen, der Job im Rolloshop, der wohl bald nicht mehr in der Form ausgeführt werden wird wie in den letzten Jahren, da sich vieles in der Firma verändert. Ich hoffe, dass er mir auf die eine oder andere Weise trotzdem erhalten bleibt, denn er bietet ein bisschen Ablenkung und beschäftigt mich.

 


Gern würde ich schreiben, dass ich mit schönen Gefühlen und in Liebe an Mama denke. Dass ich das Leben trotz des Verlustes noch genießen kann. Zumindest Ersteres trifft zu. Ich bin dankbar dafür, dass sie mich so lange begleitet hat. Ich wollte keine andere Mama haben. Es gibt keine Situation, von der ich sagen müsste, dass ich als Kind darunter gelitten oder sie sich falsch verhalten hätte. Und das ist etwas ganz Seltenes innerhalb von Familien. Im Gegenteil, sie hat uns immer unterstützt, wenn wir nach Hilfe fragten, uns aber auch zur Eigenständigkeit erzogen. Und später waren wir mehr Freundinnen als Mutter und Töchter. 

Ich bereue ein wenig, dass ich sie generell selten in die Arme genommen habe. Oder dass ich sie nicht mehr gesehen habe am letzten Tag im Krankenhaus. Vielleicht hätte ich doch wenigstens noch einmal Adieu sagen sollen, später. Doch ich konnte nicht. Ich möchte sie lebendig in Erinnerung behalten, mit ihrem herzlichen Lachen und ihrer Warmherzigkeit. Das versteht sie bestimmt. Aber es macht mich traurig, wie alles gelaufen ist. Auch wenn sie jetzt im Himmel ist und sich freut an Dingen, die sie hier nie zur Vollkommenheit erlebt hat; davon bin ich überzeugt. Möchte es sein, denn einen anderen Weg, sie wiederzusehen, gibt es nicht. Ich weiß, dass viele mich auslachen für diese Überzeugung. Genauso sicher weiß ich aber, dass sie wahr ist. Das gibt mir Hoffnung und Trost. Auch für Nicole und Papa. 



Freitag, 7. März 2025

Anderthalb Jahre nach Mama...

"Wie geht es euch eigentlich so ohne Elvira?" Das werden wir merkwürdigerweise nicht oft gefragt. Vielleicht weil man ahnt, dass es immer noch weh tut. Dass es vermutlich nie aufhören wird und wir sie vermissen. Jeden Tag. 

 

Happy Times im Sommer 2021

Es wird besser nach einem Jahr, hat man uns gesagt. Ich weiß nicht, ob das die Regel ist oder davon abhängt, wie eng und herzlich das Familienleben war. Unseres war gerade in den letzten Jahren durch die gemeinsamen Wanderungen und Corona sehr aufeinander abgestimmt. Das hatten wir schon während unserer "Bastel-Wirth"- Zeit perfektioniert, wenn dort auch eher auf beruflicher Basis. Doch auch in persönlichen Angelegenheiten konnten wir uns aufeinander verlassen und haben uns ergänzt. Dass es für Freunde und Bekannte schwer ist, darüber zu reden, ist darum verständlich. Es fehlt der kommunikative Teil, der Mittelpunkt, der Mama nun einmal war. Sie hat viel bewirkt durch ihre offene Art und dafür gesorgt, dass häufig Gäste im Haus waren, wenn auch in jüngster Zeit nicht mehr so sehr. Aber wie leer das Haus nun ohne sie geworden ist, schmerzt schon. Allerdings möchte ich nicht jammern, denn auch wir drei pflegen nun für unsere Verhältnisse intensiv Kontakte und gehen mehr raus, wenngleich wir dazu oft über unsere Schatten springen müssen (ach ja, der alte innere Schweinehund...).

 

Unterwegs im Herbst 2024

 

Aber es ist schön, Freunde zu haben. Menschen, die sich nach uns erkundigen und zum Kaffee kommen oder einfach mal anrufen. Papa hat über Facebook durch mein Buch "Shalom Mamele" eine nette Frau kennengelernt (nur freundschaftlich, versteht sich), und es tut ihm gut, mit ihr zu telefonieren - beinahe täglich. Da hat er Nicole und mich ziemlich überrascht. Aber es ist auch wichtig, sich mit jemandem im gleichen Alter auszutauschen. Nachdem es ihm körperlich in den letzten Monaten nicht gut ging, hat er nun mit einem Physioprogramm begonnen, das er diszipliniert durchzieht. Mittlerweile absolviert er sogar ein Workout an digital abgestimmten Geräten. Zweimal in der Woche geht er hin, was uns sehr stolz macht. Er merkt auch die Fortschritte und sagt, dass es ihm gut tut. Auf Anraten seiner Therapeutin zog sogar ein Hometrainer bei uns ein, auf den auch Nicole und ich uns gelegentlich schwingen. Durch das tägliche Kochen sind ein paar Pfunde zu viel auf den weiblichen Hüften, die wieder runter müssen. Papa dagegen sollte wieder etwas zunehmen. Aber ich glaube, da ist er auf einem guten Weg. Manchmal kommt er mir am stärksten von uns dreien vor, obwohl ich glaube, dass es - wie bei uns Töchtern - von Tag zu Tag wechselt. Heute war er beim Friseur. Auch das sind Kleinigkeiten, aber Schritte, für die wir dankbar sind. 

Nicole ist ebenfalls sehr tapfer. Sie sagt, Mama will nicht, dass wir in Trauer versinken und das Leben für uns nun keine Perspektive mehr bietet. Leider kommt es mir oft so vor. An die neue Situation wird sich wohl niemand von uns gewöhnen, aber man muss versuchen, damit zu leben und auch wieder Freude zuzulassen. Wenn es auch kleine Dinge sind.

 


 

Eines davon ist Roman, Mamas Römertopf. Ich würde am liebsten jeden Tag damit kochen, doch es ist recht zeitaufwendig, da er lange im Ofen stehen muss. Ich habe mich bereits an Kirschenplotzer rangewagt, von dem ich nicht wusste, dass es ihn auch als Auflauf gibt. Er hat allen geschmeckt, auch unserem Besuch. 

Schwierig für uns alle ist immer noch die Frage, warum und wie Mama gehen musste. Ich sagte gestern zu Nicole, dass es ihr so ungemäß war, sich nicht von uns zu verabschieden, kein Wort (oder nur wenige) mehr in den Wochen auf der hiesigen Intensivstation mit uns zu wechseln. Das ist mir immer noch rätselhaft. Ich merke dann, dass ich es nicht verarbeiten kann, den Schmerz und das Gefühl des Versagens, weil wir Mama ins Krankenhaus gebracht haben. Hätte Gott - wenn er sie nicht heilt - dann nicht wenigstens dafür sorgen können, dass sie dort nicht so würdelos behandelt wurde? Aus menschlicher Sicht wird es lange brauchen, bis ich damit klarkomme. Und ich hoffe, dass dieser Zeitpunkt nicht allzu fern ist. Oft tröste ich mich damit, dass sie das alles nicht mehr interessiert und sie jetzt ein Leben hat, von dem sie hier auf der Erde nur träumen konnte, obwohl sie so gern hier war. Doch das ändert leider nicht die Tatsache, dass ich mich mit unnötigen Fragen quäle. Nicht mehr so häufig wie zu Beginn, aber doch immer wieder. Und dann immer wieder in Tränen ausbreche. Wofür ich mich schäme. Denn ich weiß, Mama ist dann traurig. Zumindest würde sie es gern anders sehen. Ich glaube auch, dass sie sich über jedes echte Lachen von uns freut. Oder über Papas Tatkraft. Die Wohnung, die Nicole so schön gestaltet und putzt.

 

Mamas Segenswunsch für 2005

Eigentlich darf ich das gar nicht denken geschweige denn schreiben, aber ich sehne mich danach, in einer Welt zu sein, in der es Liebe und Frieden im Überfluss gibt. Da, wo Mama jetzt ist. Es ist merkwürdig, dass andere auf solche Eröffnungen oft ärgerlich bis geschockt reagieren. Ich finde, es ist ok, sich mit dem Ewigen Leben zu befassen. Wenn man es selten bis nie tut, wird man so kalt überrascht wie wir vor anderthalb Jahren. Aber wer sich vorbereitet auf ein sorgenfreies und glückliches Dasein mit Gott in der Ewigkeit - ohne es herbeizuführen, natürlich - der hat doch einen Halt, wenn alles um einen herum aus den Fugen ist.