In
der hintersten Ecke einer Zoohandlung, weit weg von den singenden
Kanarienvögeln und den leuchtend grünen Prachtwellensittichen, stand ein
kleiner, schmutziger Käfig. Darin saß Pico.
Pico war
ein Wellensittich, den auf den ersten Blick niemand mochte. Sein
Gefieder, das ein stolzes Himmelblau hätte sein sollen, war stumpf und
lückenhaft. Er litt unter einer chronischen Gefiederstörung, die ihn
ständig zerzaust aussehen ließ, und ein leichter Tick ließ seinen Kopf
ein wenig schief stehen.
Die Kunden gingen an ihm vorbei. "Der sieht aber krank aus", sagten die einen. "Ob der noch lange macht?", tuschelten die anderen. Man nannte ihn im Laden hinter vorgehaltene Hand den "hässlichen Pico". Sogar die anderen Vögel in der Voliere schienen ihn zu meiden; er wurde oft von den Futterplätzen weggeschubst und verbrachte seine Tage schweigend auf einer einsamen Stange. Pico war diffamiert – als schwach, als unansehnlich, als ein "Sorgenkind", das nur Arbeit macht.
Eines Nachmittags betrat Frau Wagner den Laden. Sie galt als eine etwas verschrobene, aber aufmerksame Dame mit einem Herz für Wesen, die das Leben gezeichnet hatte. Als ihr Blick auf den schiefen Kopf und die kahlen Stellen von Pico fiel, sah sie nicht die Krankheit. Sie sah die Intelligenz in seinen kleinen schwarzen Knopfaugen und die Einsamkeit in seiner Haltung.
"Ich nehme den Blauen dort hinten", sagte
sie bestimmt. Der Verkäufer war überrascht und versuchte sie zu warnen:
"Wissen Sie, er singt nicht und er wird wohl nie wieder richtig fliegen
können." Doch Frau Wagner lächelte nur.
In
Frau Wagners kleiner, sonnendurchfluteter Wohnung änderte sich alles.
Es gab keine drängelnden Artgenossen und keine gaffenden Passanten mehr.
Pico bekam frischen Thymian, hochwertiges Futter und – was am
wichtigsten war – Zeit.
Frau Wagner sprach stundenlang mit ihm. Sie nannte ihn ihren "Himmelsstürmer". Zuerst blieb Pico misstrauisch. Er saß tagelang nur da und beobachtete. Doch die Wärme der Wohnung und die liebevolle Zuwendung bewirkten ein kleines Wunder. Obwohl sein Gefieder nie ganz nachwuchs und er beim Hüpfen immer noch ein wenig wackelte, begann Pico eines Morgens zu zwitschern. Es war kein gewöhnlicher Wellensittich-Gesang; es war eine leise, komplexe Melodie, die fast wie ein Flüstern klang.
Pico wurde zum Mittelpunkt in Frau Wagners Leben. Er lernte, auf ihrer Schulter zu sitzen, während sie las, und knabberte sanft an ihrem Ohrläppchen. Die "Krankheit", die ihn früher zum Außenseiter gemacht hatte, war nun nur noch ein Teil seiner einzigartigen Persönlichkeit. Die Leute, die Frau Wagner besuchten, sagten nicht mehr: "Was für ein kranker Vogel." Sie sagten: "Was für ein mutiger kleiner Kerl." Pico hatte bewiesen, dass ein zerzaustes Gefieder nichts über den Glanz der Seele aussagt. Er war endlich angekommen – in einem Zuhause, in dem er nicht trotz, sondern gerade wegen seiner Besonderheiten geliebt wurde.
Bild und Text: Christine Wirth
