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Montag, 1. September 2014

Unbeliebte "Fremdwörter" und YOLO

Immer, wenn ich an Fremdwörter in Büchern und Romanen denke oder darauf stoße, fällt mir das Zitat des Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki ein, der - auf seine Autobiografie angesprochen - sinngemäß sagte: "Ich schlage im Duden nach, um das Synonym für das jeweilige Fremdwort in allgemein verständlicher Form niederzuschreiben." Man kann über ihn denken, was man will, und ganz sicher war er auf seinem Gebiet ein eher unbequemer Zeitgenosse, doch hier hat er weise gehandelt.

Es ist schon witzig: in der Alltagssprache und auf dem Smartphone verwenden wir bedenkenlos *Denglisch* und auch einfache oder vulgäre Ausdrücke, die jeder, der die deutsche Sprache und einigermaßen Englisch bzw. Computerdeutsch beherrscht, auch versteht. Aber wenn es zu Büchern bzw. Klassikern kommt, in denen das eine oder andere Fremdwort gebraucht wird oder eine aus der Mode gekommene Redewendung, kratzen wir uns erst einmal verständnislos am Kopf. Klar, als Leser will man nicht ständig das Wörterbuch neben der Lektüre liegen haben - sofern die "schwierigen" oder veralteten Ausdrücke dort überhaupt aufgeführt sind.

Unsere Sprache hat sich im Lauf der Jahrzehnte und gerade im Zeitalter der Abkürzungen und des SMS-Syndroms ziemlich gewandelt, und das nicht unbedingt zum Besseren. Wenn ich ganz ehrlich bin, muss ich sagen, dass die Sprache ein wenig verarmt durch den Minimalismus, der sich mir als Paradox im Zeitalter der globalen Kommunikation aufdrängt.

Nun bin ich kein Verfechter von Altdeutsch. Goethe und Schiller klingen heutzutage tatsächlich antiquiert, und wie musste ich lachen, als ich eine Comic-Version von Faust ins heutige Deutsch übersetzt fand, die mittlerweile schon wieder altbacken wirkt wie einer von Gretchens Zöpfen (leider finde ich die Ausgabe nicht mehr auf Amazon). Trotzdem und gerade deshalb finde ich es gut und wichtig, dass die Ursprungssprache in alten oder historischen Romanen erhalten bleibt. Nicht nur, weil der Autor sie seinerzeit so niedergeschrieben hat, sondern weil sie ein Werk authentisch macht.

Von einigen Lesern meines Romans "Das Bildnis des Grafen" erhalte ich den Hinweis, dass es ihnen genauso ging wie oben von mir beschrieben. Darauf folgte meist der gutgemeinte Rat, doch ein Glossar am Ende des Buches anzubringen. Möglicherweise wäre das eine gute Idee gewesen, da mitunter auch kurze Sätze in Französisch zwischen den Protagonisten fallen (drei oder vier, schätzungsweise). Ich habe mich allerdings gefragt, weshalb manche den "Grafen" als mit Fremdwörtern gespickten Wälzer empfinden, denn es gibt nicht viele davon im gesamten Roman, der immerhin über 500 Seiten dick ist. Beim Durchlesen fielen mir die Wörter "kredenzen" (ein Getränk überreichen), "Chaiselongue" (Sofa), "distinguiert" (vornehm) und "desavouieren" (bloßstellen, erniedrigen) auf.





Die Geschichte spielt um die Jahrhundertwende im vorigen Jahrtausend, als diese Begriffe ganz selbstverständlich gebraucht wurden, und zudem muss ich gestehen, dass ich "kredenzen" nicht mit dem Stempel *anno dazumal* versehen hätte.

Vielleicht bin ich aber auch einfach gern ein bisschen altmodisch, selbst was meine Sprachauswahl und meinen Wortschatz in historischen Romanen betrifft. Ich mag es, meinen Schreibstil der jeweiligen Zeit anzupassen. Nicht ständig natürlich, denn ich bin weder Goethe noch Schiller und schreibe zudem Geschichten, die den modernen Leser fesseln mögen und nicht den ewiggestrigen. Dennoch ist für mich als Autor und auch Leser die Sprache ein Stilmittel, das es mir ermöglicht, völlig in die mir zunächst unbekannte Epoche einzutauchen und sie nachzuerleben. Umgangsformen von heute oder hippe Jugendsprache würden mir dieses Vergnügen ziemlich verleiden.

Außerdem macht es mich zuweilen ein wenig traurig, wenn ich mir die Entwicklung der deutschen Sprache ansehe und erkenne, wie viel sie von der Poesie der Dichter und Denker verloren hat. Einem kleinen Teil der nicht mehr so häufig verwendeten Wörter hauche ich darum umso lieber Leben ein, um sie zumindest in meinen Romanen nicht ganz der Vergessenheit zu überantworten.

Unter uns - ich schlage gern mal im Duden oder Fremdwörterlexikon nach, wenn ich dabei etwas lernen und meinen Wortschatz bereichern / meine Mitmenschen mit Wissen verblüffen kann. (O:

P.S: YOLO = You only live once, für die UHUs unter uns.