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Dienstag, 13. Oktober 2026

"Vor hundert Sommern" ~ Katharina Fuchs

Der Roman „Vor hundert Sommern“ von Katharina Fuchs ist ein emotionaler Generationenroman, der die Geschehnisse von der Weimarer Republik über die NS-Zeit bis in die Gegenwart miteinander verknüpft. Die Handlung wird in zwei zeitlichen Ebenen erzählt und stützt sich teilweise auf die eigene Familiengeschichte der Autorin. Ich habe ihn meiner Tante zum Geburtstag geschenkt und ihn mir ausgeliehen, nachdem sie mir begeistert von der Geschichte erzählt hat. 

 


 

 Handlung: Im Jahr 2024 räumen die Bibliothekarin Anja und ihre neunzehnjährige Tochter Lena die Wohnung von Anjas Mutter Elisabeth aus, die nach einem Schlaganfall vor kurzem widerwillig in ein Pflegeheim gezogen ist. Dabei stoßen sie auf rätselhafte alte Fotografien und Dokumente aus der Vergangenheit, über die in der Familie jahrzehntelang eisern geschwiegen wurde. Selbst eine alte Pistole taucht auf. Lena, die sich ohnehin oft als Außenseiterin fühlt und sich stark mit Themen wie Veganismus und Umweltschutz in der heutigen Gesellschaft auseinandersetzt, versucht gemeinsam mit ihrer Mutter, Licht ins Dunkel zu bringen. 

Auslöser für das lange verschwiegene Familiengeheimnis ist Großtante Clara, deren Lebensgeschichte den historischen Handlungsstrang ab den 1920er Jahren prägt. Clara arbeitet zunächst unter schwierigen Bedingungen als Flaschenspülerin in einer Brauerei, bevor sie sich dank einer Begegnung mit Hunde-Liebhabern ihren großen Traum erfüllt und einen eigenen, erfolgreichen Hundesalon in Berlin aufbaut. Die leidenschaftliche Bekanntschaft des aus Russland geflohenen Adeligen Aleksej, einem überzeugten Kommunisten, stellt sich als schicksalhaft und folgenschwer heraus. Mathilde, Claras Schwester und Elisabeths Mutter, erkennt ebenfalls die Zeichen der Bedrohung. Und muss einen bitteren Entschluss fassen...

Durch die schrittweisen Enthüllungen von Elisabeth begreifen Anja und Lena, wie stark Schuld, Scham, Angst und das Gespenst der Vergangenheit über Generationen hinweg bis in die heutige Zeit nachwirken. Der Roman spannt damit einen Bogen darüber, wie historische Entscheidungen und der Umgang mit Unrecht das Leben der Nachfahren beeinflussen, und bricht am Ende das jahrzehntelange Tabu des Schweigens. 

 

Lena und Findelhund Finn

 

Meinung: Eigentlich sind Frauenromane - also Romane aus weiblicher Perspektive - nicht so mein Ding. Aber der Enthusiasmus meiner Tante, deren Hobby die Ahnenforschung ist, hat mich neugierig gemacht. Zudem hat es mich sehr gefreut, dass ich mit der Geschichte ihren Lesegeschmack so gut getroffen habe. Überrascht hat mich "Vor hundert Sommern" besonders in seiner Aktualität, wo sogar Namen und Krisen aus Politik und Wirtschaft Erwähnung finden. 

Durch die zurückhaltende und oft unsichere Lena wird das Universitätsleben nach dem Massaker im Kibbuz Nir Oz am 7. Oktober 2023 beschrieben, das unverhohlen seine antisemitische Fratze zeigt, wo immer es möglich ist. Und es ist erschreckend oft möglich, wird sogar verharmlost. Dozenten, die sich kritisch zur pro-palästinensischen Bewegung unter Studenten und Lehrern äußern, werden entlassen, jüdische Mitarbeiter ebenfalls. Anjas Kollegin Esther muss aus Sicherheitsgründen von Bremen nach Frankfurt ziehen, als sie den aufkommenden Judenhass am Arbeitsplatz der Unibibliothek und auch im Alltag zu spüren bekommt. Sehr viel besser ergeht es ihr dort auch nicht. 

Durch die antisemitischen Vorfälle an ihrer Uni fühlt Lena sich hilfloser und mehr zwischen den Stühlen als sonst, denn sie ahnt, dass sie nichts unternehmen kann auf dem Berliner Campus, ohne selbst zur Zielscheibe zu werden. Zum Glück hat sie Finn gefunden, einen großen grauen Hund, der ihr wie ein zweiter Schatten folgt. Da wundert es nicht, dass Lena - inspiriert durch die Biografie ihrer Urgroßtante Clara - Spaß am "Dog Grooming" (Professionelle Hundepflege) findet und ihr ungeliebtes Studium über Bord werfen will, indem sie selbst ein Start-Up plant, nämlich die Eröffnung eines Hundesalons. Vielleicht war das ein Punkt, der mir nicht so gut gefiel, denn später rückt sie von diesem Plan wieder ab. Allerdings wird ihr durch die Familiengeschichte klarer, wo sie ihren Platz im Leben hat, und sie findet den Partner, nach dem sie sich sehnt. Das war dann doch positiv und hat mich mit dem konventionellen Werdegang etwas versöhnt. Vielleicht eröffnen Lena und David ja nach dem Studium ihren Hundesalon. 

Meine Lieblingsfigur war aber Anja, Lenas Mutter. Ich fand sie mutig und auch taff; nicht nur, weil Eisbaden zu ihrem morgendlichen Fitnessprogramm gehört, das sie sogar genießt. In ihren späten Fünfzigern wagt sie nach langer Unsicherheit einen Neuanfang, der ihr unverhofft über den Weg läuft, nachdem ihre Beförderung in der Bremer Universitätsbibliothek durch eine von ihr gestellte Anzeige gegen unbekannt abgelehnt wurde. 

Fazit: Eine lohnenswerte Lektüre, die in ihrer Aktualität verblüfft, vielleicht auch erschreckend ist, aber mit neutralem Verständnis die politische Situation beleuchtet und Vergleiche zum dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte zieht. Ich würde mir wünschen, dass Bücher wie dieses an Schulen und Universitäten zum Pflichtprogramm gehörten.

 

Bewertung:  💫💫💫💫

 

 

 

Freitag, 28. August 2026

Hoch zu Ross oder das Reiterdenkmal: Opa Paul und Opa Karl

Selten spricht man von seinen Großeltern. Manchmal kennt man sie nicht gut genug, oder man findet es ganz normal, dass sie eher im Hintergrund bleiben. Meine beiden Großväter haben es neulich geschafft, "viral" zu gehen. In einer Facebookgruppe, in der es um frühes Reiten und Pferde geht. 

 

Opa Paul mit Pfeil (koloriert)

 

Besonders dieses Foto sorgte für Wirbel und überwiegend große Bewunderung; ich glaube, kein anderer Beitrag auf Facebook von mir ging dermaßen durch die Decke. Manche argwöhnten gar, das Bild sei KI-generiert. Vielleicht müsste man dazu wissen, dass Opa Paul ein sehr souveräner und mutiger Reiter war und Pferde lebenslang seine Leidenschaft blieben. Er war sportlich und muskulös bis ins hohe Alter, und er hat hin und wieder gern ein bisschen angegeben, schon immer. Von den von ihm gerittenen Pferden hat er viel erzählt, als ich begann, mich für Pferde zu interessieren, aber leider habe ich diese Geschichten vergessen. Pfeil und auch Jugol viele Jahrzehnte später waren etwas Besonderes für ihn. Das Original des Fotos oben, völlig verblasst, an den Seiten gerissen und geklebt, war sein Erkennungsfoto an der Zimmertür im Seniorenheim, in dem er nur wenige Tage blieb, bevor meine Mama ihn aufgrund einiger für ihn typischen Eskapaden nach Hause zurückholte. 

Dass die Proportionen verzerrt seien, kann ich nicht unterschreiben, und ich habe ein gutes Auge für Anatomie, da ich viel gezeichnet habe. Es ist ein gut getroffenes und dynamisches Foto, vermutlich ungewöhnlich für die Zeit und vor allem vor dem Hintergrund des Krieges. Die Pferderassen waren schwerer und robuster als heute, denn sie wurden auf Kraft und Ausdauer gezüchtet. Pfeil war - soweit ich mich erinnere - ein Oldenburger. Treu und verlässlich, aber auch temperamentvoll und dominant, mit einem ausgeprägten Sturkopf. Im Letzteren war er meinem Opa also ähnlich... daher ist diese Pose nichts, wozu man ihn zwingen musste.

 

Opa Karl mit Kamerad  (KI-koloriert)

 

Ganz anders war mein Opa Karl, der nie viel sprach, zurückhaltend war und selten lachte. Zumindest habe ich ihn als sehr kleines Mädchen so erlebt. Er starb, als ich sieben war. Meine Erinnerung ist somit eher schemenhaft, aber trotzdem blieb er mir mit seiner Art und auch einem Geschenk in Form eines geflockten lebensgroßen Kunststoffeichhörnchens mit buschigem Schwanz aus der Kur gut im Gedächtnis.

Als Schreiner baute er im Krieg Flugzeughallen in Dänemark, der Tschechoslowakei und in Italien. Hinter ihm sieht man eine davon. Mit natürlichen PS hatte er es nicht in seinem zivilen Leben, eher mit Autos und Motorrädern, und mein Papa meinte scherzhaft, dass er nur zum Spaß auf den zufrieden wirkenden Rappen stieg. Aber irgendwie konnte ich mir "zum Spaß" bei Opa Karl nicht vorstellen, zumal er recht professionell im Sattel sitzt. Den Namen des Pferdes habe ich leider nicht herausbekommen. Es scheint ein Trakehner oder Hannoveraner und noch recht jung zu sein. Ehrlich gesagt, war das Foto eine Überraschung für mich. Andererseits - der Opa fuhr im Ort noch in Faschingsumzügen auf dem schwindelerregenden Hochrad. Dann meistert man ein braves Pferd doch auch easy, oder? Es scheint sich jedenfalls wohlzufühlen unter ihm. Er mochte Katzen und sie ihn; die Familie hatte immer welche, die ihm ums Kinn schmusten (um den Bart kann ich nicht sagen - beide Opas waren zeit ihres Lebens glattrasiert).

Opa Karl hatte Glück: nach einer eingefangenen Malaria geriet er in amerikanische Gefangenschaft, durfte aber bald wieder zurück in die Heimat.

Es war erstaunlich, was ich durch die Kommentare auf die Fotos erfahren habe. Zum Beispiel vom Schicksal der Kriegspferde, von denen die meisten nicht nach Hause zurückkehrten. Das war sehr traurig. Meinen beiden Opas wurde jedoch eine gute Hand mit Pferden bescheinigt, das hat mich gefreut. Und da die Fotos wirklich schön sind, habe ich sie jetzt unverwüstlich für die Nachwelt auf meinen Blog gesetzt... denn meine Großeltern waren interessante Menschen. Wie eigentlich jeder Mensch eine Geschichte zu erzählen hätte. Ich bedauere es heute noch, dass ich lachend mit den Worten "Die wird viel zu dick, Opa!" abgelehnt habe, als Opa Paul vorschlug, als Ghostwriterin seine Biografie zu schreiben. 

 

 

Mittwoch, 22. April 2026

Kaspar Hauser - Mythos und das Kind Europas

Vermutlich habe ich es bereits erwähnt: durch Mamas Freundin Annchen, in deren Nachlass ich viele Bücher über den Findling Kaspar Hauser fand (unter anderen auch ihr eigenes in Briefen an ihn), habe ich mich ein bisschen in dieses faszinierende Thema eingefuchst. Die Recherchewerke, die ich mir als Erstes zur Brust nahm, haben mich jedoch nicht halb so begeistert wie "Briefe an Kaspar Hauser", denn aufgrund ihres Alters sind sie oft ermüdend, konfus und trocken verfasst.

 

Lest dieses Buch! / Gemini
 

Weil man in ihm lange einen badischen Erbprinzen vermutet hat (die letzte DNA-Analyse war 2024, allerdings ohne zufriedenstellendes Ergebnis), bewegt man sich als Leser u.a. in Adelskreisen, was für mich als Laie hin und wieder verwirrend wurde mit den vielen Namen und royalem Gedöns. Tatsächlich hat Annchen zwar eine andere Theorie verfochten, doch sie ist nicht weniger blaublütig: ihrer Meinung nach war der unter mysteriösen Umständen in Nürnberg zu Pfingsten 1828 aufgetauchte junge Mann ein Sohn Napoleon Bonapartes und Marie Louises von Österreich. Schon die Nennung der Mutter löste einen Aha-Effekt aus, hatte man bei Kaspar doch einen geheimnisvollen Zettel in Spiegelschrift gefunden mit den Initialen M.L.Ö.  

Annchen wurde mit ihrem Buch auf Veranstaltungen des Kaspar Hauser-Freundeskreises eingeladen, der sich wohl in Nürnberg und Ansbach traf, die Orte, an denen Kaspar wohnhaft war und wo Unterlagen, persönliche Ggegenstände und Kleidungsstücke von ihm aufbewahrt werden. Ich weiß noch, dass sie sich besonders gefreut hat, als man ihre Theorie nach ein paar Jahren des Klinkenputzens in Fachkreisen erörterte und man Annchen auf Einladungen aus ihrem Werk vorlesen ließ. Als ich sie damals zusammen mit Mama traf, schien es fast, als seien die Mittel zur Entmystifizierung des großen Rätsels seit fast 200 Jahren zum Greifen nah. Denn eins muss ich nun, da ich das Buch wieder bewusster und sachverständiger lese, betonen: Aus den Fingern gesaugt hat sich Annchen ihre Version mitnichten. Sie fußt auf den erstaunlichen Tatsachen, die man über Kaspar Hauser gemeinhin kennt und die kaum jemand anzweifeln wird, wie etwa das Versteck im dunklen Verlies (wobei ich noch nicht genau weiß, wie Annchen dazu steht...).

 

Pfiffig und wissbegierig: Annchen Kröger

Dass man ihn zuweilen auch als Schwindler betrachtet, der Aufmerksamkeit suchte und sich dann, als sie nachzulassen drohte, aus Frust darüber selbst umbrachte, ist eine kaum ernstzunehmende Spekulation. Jedenfalls bin ich gerade fleißig am Lesen und jeden Abend gespannt auf den nächsten Brief von Susanne/Annchen an Kaspar. Noch ist er als Dreijähriger bei seiner Mutter, doch es scheint mir, dass beide bald durch die Unruhen - das erschütterte Europa nach Napoleons verlorenem Russlandfeldzug, nach dem der Kaiser selbst nach Elba verbannt wird - getrennt werden und der kleine Napoleon François (Kaspars Taufname laut Annchen) verschleppt wird und dann lange Zeit in Dunkelheit mit seinen Holzpferdchen verbringen muss. 

So oder so, es ist schon schlimm, was man dem Kind angetan hat. Erstaunlicherweise scheint der Name Kaspar Hauser nicht mehr zum Allgemeinwissen zu gehören; viele, denen ich von meiner neuen "Leidenschaft" erzähle, kennen ihn und seine aufsehenerregende Geschichte gar nicht. Vielleicht rückt er in zwei Jahren zum 200sten Jubiläum wieder mehr ins kollektive Gedächtnis mit Fernsehdokumentationen und Verfilmungen. 

Bis dahin kann ich guten Gewissens Annchens Buch "Briefe an Kaspar Hauser - Für Frieden und Gerechtigkeit in Europa" empfehlen. Auf Amazon kostet die Ausgabe um die 40,00 Euro, doch wer interessiert ist, kann sich auch an mich wenden. In meinem Besitz habe ich einen Karton mit neuen ca. 20 Exemplaren, die ich gerne zum Pauschalpreis inklusive Porto von 10,00 Euro pro Stück deutschlandweit verschicke. Nicht nur, um Annchen einen Gefallen zu tun. Sondern weil ihr Buch und ihre Forschungsarbeit zum Thema lesenswert ist, nicht nur für Hauser-Experten. Bei Interesse meldet euch im Kommentarbereich.

Was wirklich geschehen ist damals mit Kaspar, wo er herkam und warum er beiseite geschafft werden musste, das wissen nur der Himmel, Kaspar selbst und seit letztem Jahr auch Annchen, die ihr "fünftes Kind" mittlerweile bestimmt persönlich kennengelernt hat. Sie hat sich mit so viel Herzblut dem Nürnberger Findling gewidmet, dass ich mir durchaus vorstellen kann, dass sie der unbequemen Wahrheit mit ihrem Buch ein Stück näherkam.

  

 

Donnerstag, 8. Januar 2026

Rezension "Der Klang des Pianos" ~ Elisabeth Büchle

 Mit Romanen über die Titanic kann man mich ködern. Die Zeit, das Setting, die menschliche Verstiegenheit, etwas praktisch Unzerstörbares zu bauen, das schon beim ersten "Test" untergeht und die unglaubliche Tragödie sind Komponenten, die mich magisch anziehen. Trotzdem: Nicht alles, was mit der Titanic zu tun hat, begeistert mich. Dieses Buch jedoch schon. Es hatte einen ähnlichen Effekt auf mich wie Eric Fosnes Hansens "Choral am Ende der Reise"

 


Inhalt: April 1912: Der junge ehrgeizige Instrumentenbauer Richard Martin aus Freiburg erhält von seinem Arbeitgeber Welte einen lukrativen Auftrag. Er soll pneumatisch selbstspielende Pianos und Orgeln in den Luxusliner RMS Titanic einbauen. Im Rahmen seiner Tätigkeit lernt er Norah Casey kennen, eine lebenslustige, energiegeladene und stets hilfsbereite Stewardess aus Irland, und wird zudem in die feinen Kreise der Upperclass eingeführt. Der Kontrast zwischen dem entbehrungsreichen, oft tristen und kriminellen, aber lustigen Leben in Belfasts dunklen Gassen und der vornehmen Gesellschaft macht es Richard schwer, sich für eine Seite zu entscheiden, zumal die schöne und wohlhabende Helena Andrews ein Auge auf ihn geworfen hat. Für den beruflich nach Höherem strebenden Richard das Ticket zum Glück. Doch da ist auch Norah, die nicht nur durch ihre Grübchen fasziniert und in etwas verwickelt zu sein scheint, das männlichen Beistands bedarf.

Ihre Tätigkeit als Stewardess auf der Titanic wird von einer dringenden Nachricht an sie vereitelt, während Richard als unfreiwilliger Passagier mit Norahs Bruder Adam und dessen Freund Dylan die Überfahrt nach New York antritt. 

 

David_Do / Pixabay

Meinung: Eigentlich lese ich Liebesgeschichten nicht so gern. Diese hat mir gut gefallen, da sie durch das zwar eher hintergründig, aber doch präsente Thema des Glaubens nicht kitschig oder zu aufdringlich war. Die Kapitel sind mit fortlaufender Dauer wechselseitig; das heißt man erfährt etwas von Norah, wie sie ihren Kriminalfall in Belfast mit Hilfe ihrer zahlreichen Freunde löst, und im nächsten Kapitel Richards "Abenteuer" auf der Titanic, deren Pomp und Weitläufigkeit zu untypisch männlicher Orientierungslosigkeit führt. Gut, dass der Matrose Adam und Heizer Dylan sich auskennen. Zwar sparen sie nicht mit gutmütigen Scherzen auf Kosten des korrekten Deutschen, doch Richard fühlt sich gut aufgehoben. 

Als er erfährt, dass Nora in gefährlicher Mission von Bord musste, ist er zwar beunruhigt, kann jedoch nur hoffen und beten, dass sie sich nicht zu Dummheiten hinreißen lässt. Er lernt einige Passagiere kennen und genießt die Reise, bis ihn mitten in der Nacht eine Vollbremsung des Schiffes weckt...

Ich war lieber mit Richard unterwegs als bei Nora mit ihren Freunden, weil ich ihr verzwicktes Dilemma aus Bordellen und einem Kunstraub nicht wirklich verfolgen konnte und mir das alles ein bisschen an den Haaren herbeigezogen vorkam. Vor allem die Sache mit der sogenannten "Doppelgängerin" wirkte recht konstruiert. Ich fand das Buch dennoch sehr spannend und habe mich darauf gefreut, jeden Abend ein paar Kapitel zu lesen. Die Figuren waren bis auf die etwas klischeehafte Helena sympathisch und nachvollziehbar. Informativ waren die Erklärungen zu historischen Personen und technischen Details des Schiffes im Anhang. Da hat die Autorin viel Herzblut einfließen lassen.

Ein paar Geschichten wie die der selbstlosen Heizer, zu denen der fiktive Dylan gehörte, haben mich fast zu Tränen gerührt. Ein gut recherchiertes Buch mit einer ungewöhnlichen Geschichte, dem ich vier White Stars vergebe.

 

Bewertung: ✩✩✩✩

 

 

Dienstag, 6. Januar 2026

Furchtlos zum Himmel ~ Leseprobe.

 Weshalb ich dieses Buch einige Zeit nicht mochte, verstehe ich nicht mehr, seit ich es im letzten Sommer von vorne bis hinten durchgelesen habe. Über 590 Seiten in weniger als einer Woche, so spannend und toll fand ich es. "Klar", werden viele sagen. "Du bist schließlich die Autorin." So klar ist das gar nicht. Denn man selbst ist mit seinen Werken in der Regel am kritischsten.

 


Diese Geschichte ist unter meinen älteren zu finden, so dass mich mein wohlwollendes Gesamturteil vom letzten Jahr verblüfft hat. Denn vieles, was man in jugendlichem Überschwang fabriziert, ist einem oft später peinlich. 

Wie akribisch, wie ausführlich und auch dramatisch ich diese Reise mit dem verbundenen Wagnis beschrieben habe, ohne in Person oder Zeit dabeigewesen zu sein, das ist schon erstaunlich. Da war ich in der Tat von mir beeindruckt... 

Die Leseprobe verlinke ich hier mal: *Klick* 

Ich wünsche viel Spaß und würde mich unheimlich freuen, wenn der doch recht lange Ausschnitt von diesem außergewöhnlichen Männerabenteuer Lust auf mehr macht...

 

Dienstag, 4. Juli 2023

"Du bist Ich - Die Geschichte einer Täuschung" ~ Joan Aiken

Von Joan Aiken habe ich vor langer Zeit mit Ohrenschmerzen im Bett und einer Kanne Kaffee "Fanny und Scylla" verschlungen. Eingedenk der Tatsache, dass mich "Du bist Ich" nicht so wirklich vom Hocker gehauen hat, würde ich heute vermutlich dabei einschlafen. Was ja auch nicht das Schlechteste ist, wenn man das Bett hüten muss... Erzählen jedenfalls kann Joan Aiken.



 Inhalt: England, um 1815. In einem Mädchenpensionat lernen sich die Amerikanerin Alvey Clement und die Engländerin Louisa Winship kennen. Charakterlich sind sie völlig verschieden, doch äußerlich sehen sie sich zum Verwechseln ähnlich. Obwohl beide sich nicht gut verstehen, gelingt es der beharrlichen und zielstrebigen Louisa, Alvey dazu zu überreden, zu Louisas Familie nach Northumberland zurückzukehren und sich als Louisa auszugeben, während diese eine Passage gen Indien nimmt, um Missionarin zu werden. Alvey dagegen möchte Schriftstellerin werden und hat - laut Louisa - auf Birkland Hall die besten Voraussetzungen, ihren Roman in Ruhe zu Ende zu schreiben. Dabei bedenken beide junge Damen weder die Liebe noch die vielzitierten Irrungen und Wirrungen - und die nichtsahnende Waise Alvey alias Emmy sieht sich plötzlich mit Familienbande konfrontiert, denen sie sich zunächst am liebsten entziehen möchte. Mit der Kriegsheimkehr von Bruder James in Begleitung seines Freundes und Militärarztes Guy Fenway entstehen noch mehr Probleme. Nicht nur, dass Alvey droht, ihr Herz zu verlieren - eine Trägodie am Löwenteich überschattet ihren gesamten Aufenthalt auf Birkland Hall, in den sie sich nach und nach mit viel Einfühlungsvermögen integriert und die Gunst der Familie Winship gewinnt. Und nicht zuletzt gewinnt sie selbst Kenntnis davon, dass das Leben oft anders ist als in Romanen. Zumindest nicht immer so lustig und vergnüglich wie das ihres Protagonisten Lord Love, mit dem sie am Ende den großen Coup landet (ich war ein bisschen neidisch...).


geralt /  Pixabay

Meinung: Zuerst hatte ich eine Art "Doppeltes Lottchen" erwartet, da die Ausgangssituation ähnlich ist. Aber natürlich ist Erich Kästners Klassiker ein Kinderbuch und nimmt daher schon einen ganz anderen, etwas einfacheren Lauf. Die Verstrickungen in "Du bist Ich" sind sehr viel tragischer und komplexer. Allerdings war mir außer Alvey keine der Figuren wirklich sympathisch. Die eigensüchtige Louisa war das eine Übel, aber ihre Familie fand ich auf ihre eigene Weise auch recht eintönig und schrecklich - jeder verurteilt und hasst der/die/das, was anders und ein bisschen unbequem ist, wie z.B. Parthie, die unausstehliche Schwester Louisas, von denen sie übrigens eine Menge hat.

Für den miesepetrigen Vater Sir Aydon zählen Mädchen gar nichts (bis Alvey auftaucht), und seine beiden Söhne betrachtet er als Schwächlinge, weil sie sich nicht seinen Plänen unterordnen wollen bzw. können. Teilweise war es schwierig, die Verwandtschaftsverhältnisse zu durchschauen. Aber das nur nebenbei. In weiten Strecken habe ich den Erzählstil genossen und bin länger am Buch gesessen, als ich eigentlich sollte (bin momentan sehr eingespannt); das hat mich doch überrascht. Das Ende allerdings war meiner Meinung nach ziemlich vergeigt. Spannung kam überhaupt nicht mehr auf, und wenn schon, dann gab es nur eine kleine Wendung, die ich an anderer Stelle in einen Spoiler setzen würde. Leider gibt es diese praktische Funktion auf meinem Blog nicht, so dass ein Weiterlesen nicht empfehlenswert ist, wenn ihr euch das Buch noch zulegen möchtet. 

Spoiler: Dass Alvey zum Schluss auf alles verzichtet, was ihr zunächst erstrebenswert schien und sie sogar einen Antrag ablehnt, der ihr Sicherheit für die Zukunft verheißen hätte, war schon ein Ding. Das hätte ich von einem Roman, der eher so vor sich hinplätschert, nicht gedacht. Vielleicht zeigt ihr Entschluss die Reife und Emanzipation, die sie sich auf dem Jahr in Birkland Hall aneigenen musste, um als Familienmitglied der Winships akzeptiert zu sein. Und das, obwohl fast jeder sofort gespürt hat, dass dieses Mädchen nicht Louisa sein kann. Die kehrt übrigens noch einmal zurück, denn auch bei ihr kommt es anders, als man denkt.

Fazit: Ein historischer Schmöker, der einem die Zeit von damals nahebringt und durchaus lesenswert ist. Wäre das Ende generell nicht so lahm (vor allem, was das Rätsel um den Löwenteich betrifft), würde ich vier Sterne vergeben. 

 

Bewertung: 💫💫💫 und ein halber 💫



Freitag, 30. Juli 2021

"Fairlight" oder "Ein Spiel zu viel" ~ welches darf's sein?

 Anlässlich der neuen, peniblen Word-Überarbeitung meiner Manuskripte, die sogar Dinge anstreicht, die nicht einmal unbedingt der Lektor / die Lektorin beanstanden würde (künstliche Intelligenz, Big Brother Bill Gates?), verlose ich zwei meiner historischen Romane, nämlich "Fairlight" und "Ein Spiel zu viel" als etwas ältere Exemplare und mit leichten Gebrauchsspuren.



Ihr müsst mir einfach im Kommentarbereich mitteilen, welches Buch euch am meisten interessieren würde. Die jeweiligen Beschreibungen findet ihr, indem ihr die hinterlegten Links im ersten Absatz anklickt. 

Ich möchte dazu sagen, dass beide Geschichten und besonders "Fairlight" etwas speziell sind, da es um Themen geht, die im Mainstream selten anzutreffen sind. 

Vielleicht sind sie gelegentlich auch nicht mehr politisch korrekt - die Brüder, um die es in "Fairlight" in der Hauptsache geht, stammen aus Ungarn und dort aus dem Volk der Sinti und Roma. Ihr wisst, auf welches Wort ich anspiele. Wobei ich persönlich es nicht als abwertend empfinde. Die ganze Debatte um Begrifflichkeiten, Regenbögen und Gendern ist für mich größtenteils ohnehin ein bisschen übertrieben. Aber das ist ein anderes Thema.

 Ich versende deutschlandweit - leider nicht ins Ausland.

Die Romane sind natürlich auch als ebook erhältlich.



Donnerstag, 24. Juni 2021

Eine australische Ikone: Phar Lap

Schon seit einiger Zeit kenne ich die Legende von Phar Lap (1926 - 1932), dem australischen Rennchampion, der seinerzeit weltweit für Schlagzeilen sorgte. Das liegt daran, dass ich Pferde im Allgemeinen faszinierend finde und auch das Land, aus dem Phar Lap stammt (wobei er genaugenommen in Neuseeland geboren wurde).  

Jetzt habe ich endlich sein "Biopic" gesehen, das 1983 gedreht wurde, und es hat mich irgendwie - wenn überhaupt emotional berührt - traurig gemacht.

 


 Der Film selbst wirkte auf mich bis auf die Atmosphäre und das Setting nicht wirklich toll; daran war zum großen Teil die schlechte Synchro schuld, die den Lippenbewegungen der mir unbekannten Schauspieler völlig hinterherhinkte. Was mich aber wirklich verstört und fassungslos zurückgelassen hat, war die Habgier der Menschen, für die das arme Pferd Rennen lief. Es gab keine Schonung von Trainer Harry Telford, der zudem total unsympathisch dargestellt wurde, und auch fast alle anderen, die mit Phar Lap zu tun hatten, meinten es nicht gut mit ihm. Ausnahmen waren nur sein Stallbursche Tom Woodcock und sein australischer Jockey Jimmy Pike. Doch sie können nichts ausrichten gegen die Neider und die harten Trainingseinheiten.

Bereits auf heimatlichem Boden kommt es zu Attentatversuchen, als Phar Lap ein wichtiges Turnier gewinnen oder zugunsten seiner Konkurrenten am besten gar nicht daran teilnehmen soll. Sein legendäres Talent, fast jedes Rennen für sich zu entscheiden, wird auch im weit entfernten Amerika zur Kenntnis genommen, und so reist er gemeinsam mit Tom Woodcock und seinem Besitzer David Davis dorthin, um in Mexiko und Kalifornien anzutreten. Immer wieder ist er schon vorher aufgrund der Profitgier und den Schikanen seiner Besitzer, Buchmacher und Rennveranstalter krank, erschöpft oder leidet unter gespaltenen Hufen; trotzdem gibt es kein Pardon und keine Pause: Rennen um Rennen läuft das Wunderpferd, von denen es über dreißig von insgesamt 55 in seiner Karriere gewinnt. Und das scheinbar aus eigenem Willen, nachdem er als Fohlen eher "ein Reinfall" zu werden drohte und als "Missgeburt" bezeichnet wurde (so ein schönes Pferd, das kann doch nicht sein!).

Sein qualvoller Tod in Kalifornien kurz nach einem Rennen gibt bis heute Rätsel auf, obwohl ich finde, dass es gar nicht verwunderlich ist, wenn ein Tier, das so geschunden wird, nicht lange leben kann. Lange dachte man, er wäre absichtlich vergiftet worden, doch spekuliert bzw. vermutet wird heute, nach einer DNA-Analyse der Mähne aus dem Jahr 2008, dass Tom Woodcock als neuernannter Trainer in den USA die Dosierung des von Harry Telford speziell gemischtem Futter falsch angesetzt hat. Telford glaubte nämlich, dass Arsen und Strychnin (!) als Bestandteil des Heus appetitanregend wirken.

 

Sein Denkmal im Geburtsort Timaru

 

Zwar ist Phar Lap bis heute vor allem in Australien bekannt, wo er sorgsam präpariert im Museum in Melbourne bewundert werden kann, doch ich hätte dem sanften Riesen ein ruhigeres und vor allem artgerechtes Leben gewünscht. Und viel Liebe, die er zumindest im Film nicht bekommen hat. Alles, was zählte, waren Leistung und das Geld, das damit gescheffelt wurde. Sein Ruhm, gemeinsam mit Errol Flynn und Vegemite als typisch australische Errungenschaft angesehen zu werden, war teuer erkauft. 

"Live fast, die young" trifft nicht nur auf zweibeinige Promis zu. Und wenn man es so sieht, wäre es besser für Bobby / Phar Lap (thailändisch für "schneller Blitz") gewesen, keine Legende zu werden.



Mittwoch, 8. Juli 2020

Am Lesen: Robinson Crusoe von Daniel Defoe

​Angeregt durch eine wirklich schöne Ausgabe von 1984 habe ich beschlossen, einen Klassiker anzufangen, den ich schon lange lesen wollte, bin ich doch großer Südsee-Fan und mag Bücher und Filme zum Thema historische Schiffe. Ich bin nun auf Seite 40 und hin und hergerissen. Einerseits machen mir die Schachtelsätze und das rasante Erzähltempo ein wenig zu schaffen, andererseits finde ich es erstaunlich und lehrreich, wie die Menschen im 17. Jh. gelebt haben und was für Weltanschauungen sie hatten - ganz anders als heute.


oskripacuk / Pixabay


Auch was man bereits auf wenigen Seiten alles erfährt, macht mich staunen. Ich hatte z.B. nicht gewusst, dass es auch Sklaven unter Weißen gab, die sowohl von Weißen als auch von Schwarzen "gehalten" wurden, oder dass die schwarzen Sklaven als wertvoller erachtet wurden und mit Schmuck und Perlen erkauft, während die weißen meist von Freibeutern gekapert und häufig auf ensprechenden Märkten in Hafenvierteln verschachert wurden.


Robinson selbst ist bisher kein wirklicher Sympathieträger, im Gegenteil. Er weidet sich am Todeskampf eines Löwen, den er vom Wasser aus erschießt und ihm danach - wenn er ihn dummerweise schon nicht braten kann - das Fell abzieht. Auch seine Ausdrucksweise würde modernen Menschen die Haare zu Berg stehen lassen. Es ist von Negern und Mohren die Rede (da gab es offenbar tatsächlich einen Unterschied); etwas, das heute schwer geahndet wird. Wobei ich finde, dass man es mit der political correctness in einigen Bereichen übertreibt. Ich bin nicht sicher, ob man Klassiker diesbezüglich generell unverändert lässt oder ob meine Edition doch schon etwas angestaubt ist - denn nebenbei: was wäre Schillers Mohr ohne seine Schuldigkeit getan zu haben? Mir würde nicht einmal das politisch korrekte Synonym einfallen...


Kurzum, der Erzählstil und Robinsons Verhalten wirken höchst befremdlich; zumindest jetzt noch. Ich bin gespannt, ob das Tempo beschaulicher wird, wenn Robinson auf seiner Insel festsitzt. Auf jeden Fall hat der Roman schon jetzt ein besonderes Flair, das vor allem geschichtlich nicht uninteressant ist. Man fragt sich unwillkürlich, ob der Mensch in drei Jahrhunderten zu gefühlig geworden ist und in früheren Zeiten eine gewisse Härte vonnöten war, um überleben zu können. Das soll nicht heißen, dass ich Robinsons / Defoes Anschauungen verstehe (besonders der unfaire Löwenkampf hat mich empört), doch da mich die Geschichte bisher sehr an Errol Flynns Jugendjahre in seiner Biografie von 1959 erinnert, versuche ich, urteilsfrei zu lesen, ohne mir den Spaß an der unbestreitbar abenteuerlichen und originellen Geschichte nehmen zu lassen.

Auf jeden Fall bleibe ich dran. Vielleicht lernt Robinson ja noch von Freitag, dass die Hautfarbe nichts mit Hilfsbereitschaft und Respekt zu tun hat. Das ist sogar sehr wahrscheinlich und das Vorhersehbarste, sieht man davon ab, dass Robinson am Ende doch noch gerettet wird. Ganz wie seine reale Inspiration, der Seemann Alexander Selkirk, der zwar aufgrund von Streitigkeiten auf eine Insel verbannt, aber von dem berüchtigten Piratenkapitän Woode Rogers nach vier Jahren auf derselben 1709 gefunden und zur Zivilisation zurückgeführt wurde.



Dienstag, 11. Februar 2020

"Ein Spiel zu viel" ~ Leseprobe ~ (II)

Es ist mal wieder Zeit für eine Leseprobe. Diesmal aus" Ein Spiel zu viel", meinem Roman über eine Clique junger Schauspieler zu Beginn des 20. Jahrhunderts in England.

Vor der Veröffentlichung hatte ich lange überlegt, in welchem Genre die Erzählung am besten aufgehoben wäre  - und bin mir bis heute nicht ganz schlüssig. Historisch verbürgte Elemente werden weniger beleuchtet, dafür die Beziehung der fünf jungen Männer untereinander und ihre jeweiligen Charaktere. Ein zentraler Punkt in der Geschichte ist die Verbindung des impulsiven Galen zu dem charismatischen "Anführer" der Truppe, Irving Van Sander, und wie sie sich wandelt, als Galen etwas über ihn herausfindet, das lange Zeit ein Geheimnis bleibt und die bis dahin mehr oder weniger harmonische Gruppendynamik verändert.





Insofern bezeichne ich den Roman gern als historischen Psycho-Thriller, auch wenn es keinen Serienmörder im engen Sinn oder allzu blutige Szenen gibt. Vielmehr handelt der Roman von Verlustängsten und wohin sie jemanden treiben können, der sich seiner selbst nicht sicher ist und Bestätigung in der seelischen und physischen Abhängigkeit Anderer sucht. Oder wozu man fähig ist, wenn man jemanden nicht loslassen kann.

In der ausgewählten Leseprobe kehrt Galen zum zweiten Mal zu seinem früheren Adoptivvater Raphael Blake zurück, nachdem er einige persönliche Sachen geholt hat, um für einen längeren Zeitraum bei ihm zu wohnen und eine Schuld abzuarbeiten. Beide wissen nicht eindeutig um die Identität ihres Gegenübers, da sie durch unglückliche Umstände recht früh wieder voneinander getrennt wurden und Galen als Sechsjähriger in den Gassen Londons verschwand. Erst nach und nach lernen sie sich besser kennen. Wenn das der eifersüchtige Irving wüsste...



Samstag, 17. November 2018

"Versailles" Serie über den Sonnenkönig Louis XIV

Herumgeschlichen bin ich um "Versailles" ja schon früher - und ich meine nicht damals als Fünfzehnjährige während des Schüleraustausches in Frankreich. Die drei Staffeln umfassende Serie hat mich nach "Turn: Washington's Spies" irgendwie angeschrien, geguckt zu werden. Da ich aber weder besonders frankophil bin noch die Schauspieler kenne, bin ich standhaft geblieben.




Bis ich Ende Oktober den Auftrag erhielt, den Bruder des Königs gemeinsam mit seinem lebenslangen Liebhaber als Püppchen herzustellen. PNs gingen hin und her, und irgendwann schreibt mein Kunde (auch ein Turn-Fan): "You should watch the show. It's so good!"

Empfohlen bekommen, getan. Anfangs eher wenig begeistert, hatte ich mehr Mühe, die ungewohnten französischen Namen zu behalten als der etwas zähen Story zu folgen, die sich vor allem um Hofintrigen und einen zügellosen und geltungssüchtigen Sonnenkönig (George Blagden) in seinen ersten eigenmächtigen Regierungsjahren dreht, in denen er rebellisch sein Schloss außerhalb der Stadt Paris verlegt und seinen gesamten Hofstaat zwingt, mit ihm dort zu leben.






Und plötzlich, nach etwa der Hälfte der ersten Staffel, hat es geklickt. Ich kann nicht genau mal sagen, was es war, das mich zu einem so großen Fan der Serie gemacht hat, dass ich es kaum erwarten kann, bis die dritte und letzte Staffel auf blu-ray erscheint. Die bombastische Anfangssequenz, die tollen Perücken und die üppige Ausstattung sind es wohl nicht, obwohl es unbestreitbar dazugehört. Auch die Geschichte bietet (vorerst) keine Überraschungen oder besonders emotionalen Momente. Aber die Schauspieler sind fantastisch!

Nach kurzer Eingewöhnungszeit sind mir besonders das "odd couple" Phillippe und der Chevalier de Lorraine ans Herz gewachsen. Die zwei haben etwas Erfrischendes in ihrem Umgang miteinander, das ich so in einer Serie noch nicht gesehen habe, zumal auf albernes "Rumgetucke" komplett verzichtet wird. Ihre Beziehung erlebt Höhen und Tiefen, die sogar in Duellierversuchen ausartet. Trotz Philippes Homosexualität musste er nach höfischer Etikette nämlich verheiratet sein, was zuweilen sehr am vorgetäuschten Selbstbewusstsein des frivolen Chevaliers nagt. Überhaupt: die Figuren sind nicht immer das, was sie zunächst scheinen. Auch der von sich selbst überzeugte Louis zweifelt tief im Inneren und wird im Lauf der Zeit menschlicher, wenn auch nicht unbedingt sympathisch. Muss aber auch nicht sein. Das wäre vielleicht langweilig. Obwohl - (verkappte) Schurken und vor allem Giftmischer gibt es in Versailles mehr als genug. Und was die wahren Romanzen angeht, so werden sie unter den Höflingen nur dezent angedeutet (außer die von Monsieur und dem Chevalier) oder bleiben unerfüllt. Auch etwas, das ich als Schnulzenbanause sehr schätze. Umso bittersüßer sind dann die ernstgemeinten, die nicht sein dürfen.

Gleich nach Turn avanciert "Versailles" zu meiner Lieblingsserie. Ein bisschen grenzwertig empfinde ich die dargestellte Gewalt bei Folterszenen, die von dem stoischen Polizeichef Fabien Marchal (meinem heimlichen Liebling) angewendet wird. Teilweise musste ich weggucken, während mich die traurigen Szenen tatsächlich häufig zu Tränen gerührt haben. Besonders kurios: als Henriette, Philippes erste Frau und Lieblingsmätresse des Königs, mit einer rätselhaften Vergiftung im Sterben liegt und offen ihre Angst vor dem Tod eingesteht, musste ich ein Taschentuch holen, obwohl sie eine der Figuren war, mit der ich die gesamte erste Staffel lang nicht warm wurde. Die Königin dagegen - ein Kind von Traurigkeit trotz heißblütiger spanischer Abstammung - hat irgendwie mein Mitgefühl. Sie ist die einzige, die sich dem dekadenten Treiben auf Versailles bisher hartnäckig verweigert und den Klerus in den abgeschiedenen Palast holt, und das, fürchte ich, wird noch schwerwiegende Konsequenzen haben.

Ich freue mich jedenfalls, die zweite Staffel zu Ende zu sehen und dann Ende des Monats mit der dritten und leider letzten anzufangen. Allerdings habe ich die Erfahrung gemacht, dass geplant abgeschlossene Serien qualitativ meist besser sind als solche, die man bis zur Ödnis ausschlachtet. Eine klare Empfehlung von mir!





Dienstag, 10. April 2018

Zum 106. Jahrestages des Untergangs der "Titanic": Rezension zu "Choral am Ende der Reise" von Erik Fosnes Hansen

Dieses Buch habe ich bereits vor längerer Zeit gelesen, und auch die folgende Rezension ist nicht mehr taufrisch, denn mit "Choral am Ende der Reise" wurde mein Interesse an der R.M.S. Titanic erst so richtig geweckt. Das war, wenn ich mich recht erinnere, schon vor fast zehn Jahren. Trotzdem möchte ich das Buch aus gegebenem Anlass noch einmal vorstellen und wünsche ihm viele Leser. Denn es ist ein supertoller, mit viel Liebe zum Detail geschriebener Roman, halb fiktiv und halb real, der sich vor allem mit den Musikern an Bord befasst, die nach dem Eisbergzusammenstoß fatalistisch und tapfer weitergespielt haben. Ganz zuletzt nicht mehr heiter und beschwingt, sondern im Angesicht des nahenden Endes "Nearer my God to Thee", während um sie herum das Chaos ausbrach.


Funkraum der "Titanic" (nachgestellt). Quelle: Maidesigns/Pixabay


Kurzbeschreibung: Am 10. April 1912 gehen im englischen Southampton sieben Musiker an Bord der Titanic, des größten Luxusdampfers der Zeit, der mehr als 2000 Menschen auf einer Jungfernfahrt nach New York bringen soll. Das Ende der Reise ist bekannt, doch nie wurde diese Jahrhundertkatastrophe so unmittelbar, lebendig und spannend erzählt wie in den Lebensgeschichten der Protagonisten in den Untergang.

Inhalt: Die Geschichte beginnt mit dem Abschied des Kapellmeisters Jason Coward von dem nebelverhangenen London. Er resümiert dabei über seine Kindheit, und es scheint, als ahne er, dass es sich um einen Abschied für immer handelt. Der frühe Tod seiner Eltern hat ihn bitter und einsam werden lassen. Sein einziger Freund und Weggefährte ist der schnell aufbrausende Russe Alex Bjeschnikow, mit dem er viele Jahre als Schiffsmusiker arbeitete und der ihn auch diesmal wieder begleiten wird. Trotz der langen Freundschaft weiß Jason nicht viel über ihn.

Nach Jasons bewegender Geschichte folgt ein Brief von Alex an dessen Bruder, der ihn seit seiner Flucht vor den Unruhen in Russland im Jahr 1905 für tot hält. Im Brief drückt Alex die Sehnsucht aus, frei sein zu wollen, sich niemandem beugen zu müssen, was auch sein größter Wunsch für den Bruder ist.

Dieses kurze Intermezzo des Briefes leitet drei weitere fiktive Biografien ein: Die des drogenabhängigen, sich zu Höherem berufen gefühlten Spot, des melancholischen, jungen David Bleiernstein, der mit der Geige einer unglücklichen Liebe an Bord geht und die des verrückten Italieners Petronius, der einen konstruktiven Geist in seinem Kontrabass vermutet. Es wird klar, dass sich sieben ruhelos Gestrandte gefunden haben, nur um gemeinsam unterzugehen...

Meinung: Die Geschehnisse bis zur Katastrophe an Bord der Titanic sind Alltag auf einem Luxusdampfer und dienen lediglich als Rahmenhandlung, in die die Vorgeschichten der Musiker eingebettet sind. Wer also mit einer historisch belegten, sich über 500 Seiten hinziehenden Seefahrt rechnet, wird möglicherweise enttäuscht werden. Dennoch habe ich selten in so kurzer Zeit ein so umfangreiches Buch gelesen. Die Figuren sind - wenngleich erfunden - sehr plastisch dargestellt, vom besonnenen Kapellmeister bis hin zu den weniger skizzierten Musikern, dem Bratschisten Jim und Cellisten Georges, dem die Ehre zuteil wird, den Namen des Schiffes für seine Kollegen zu erläutern.

Erschüttert hat mich das historisch verbürgte Ende, da ich mich nie zuvor mit der "Titanic" auseinandergesetzt habe. Das Orchester wurde zum Spielen bis in letzter Minute angehalten, um eine Panik zu vermeiden. Viele vornehme Passagiere sind aus purer Bequemlichkeit oder Leichtsinn umgekommen, während die Passagiere dritter Klasse unbedingt auf die Rettungsboote wollten und aufgrund ihres "niedrigen Ranges" nicht durften, so dass die Boote teilweise halbleer zu Wasser gelassen wurden.

Fazit: Ein ungewöhnliches, magisches und aufwühlendes Buch, das ich bestimmt noch mehrmals lesen werde!

Bewertung:
👍👍👍👍👍



Sonntag, 19. November 2017

Neue Lieblingsserie: Poldark (2015 - ?)

Lange habe ich mich trotz der interessanten Zeitperiode und der offenbar riesigen Fangemeinde gesträubt, die Neuauflage von "Poldark" nach den Romanen von Winston Graham aus den 1940er Jahren zu gucken. Ich fand, dass die Geschichte eher banal klang (Landadliger kehrt vom Krieg in Übersee heim und bringt sein verwahrlostes Gut auf Vordermann), und zudem war mir der Schauspieler Aidan Turner (die Hauptfigur Ross Poldark) als Zwerg Killi im Hobbit in eher durchschnittlicher Erinnerung. Das glutvolle Latino-Aussehen, naja, davon sollen andere schwärmen; ich steh' ja generell eher auf den nordischen Typ. Und auch nicht so wirklich auf Romanzen.

 


Vor kurzem gab es bei Amazon ein Triple-Angebot über die ersten Staffeln neuer Serien. Wir wählten Taboo, Königin Victoria und Poldark. Das erste war ein ziemlicher Reinfall, und ganz ehrlich, auf die Queen habe ich seit Poldark keine Lust mehr.

Ich warte jetzt sehnsüchtig auf Staffel 3 als DVD / Bluray-Box mit englischer und deutscher Tonspur, würde am liebsten die ersten beiden Staffel gleich nochmal gucken und überrasche damit mich selbst. Warum finde ich die Serie eigentlich so klasse, denn ganz ehrlich: viel Spannung und Unvorhergesehenes geschieht in Poldark nicht. Ganz im Stil des 18. Jahrhunderts wird geliebt und gelitten, geheiratet (freiwillig und unfreiwillig), intrigiert, geboren und gestorben, und man kann ziemlich sicher sein, dass keine fantastischen oder übersinnlichen Phänomene diese Routine und die Idylle von Cornwall auf Dauer trüben. Was mich aber doch sehr beeindruckt hat, waren neben den atmosphärischen Bildern und der Ausstattung vor allem die sorgfältig ausgearbeiteten und authentisch handelnden Charaktere. Und - ich gebe es zu - die wechselhafte Geschichte von Ross und Demelza.

Mit der bodenständigen Bergmannstochter kam endlich mal eine fiktive Frauenfigur, die ich mag. Sie sieht apart aus und hat eine natürliche Ausstrahlung, und sie liebt ihren ihr gegenüber manchmal unverständig reagierenden Ross, lässt sich aber nichts gefallen, ist kein Zuckerpüppchen und hat ihren eigenen Kopf. Zugleich ist sie verletzlich und braucht ihren Mann, den sie als ihren Seelenverwandten betrachtet und umgekehrt. Eitel Sonnenscheint herrscht bei den Poldarks darum keineswegs, doch ich freue mich immer auf Szenen, in denen sich die beiden necken und respektvoll miteinander umgehen, ohne den jeweils anderen auf ein Podest zu heben. Lebensnah, halt. So, wie eine Ehe sein sollte. Diesbezüglich macht Ross am Ende der zweiten Staffel Demelza eine bewegende Liebeserklärung.

Auch die weiteren Figuren sind mir ans Herz gewachsen. Besonders der gutherzige und erstaunlich progressive Landarzt Dwight Enys (Luke Norris) hat mich im Sturm erobert. Ich hoffe ja, dass ihm als frischgebackener Marineoffizier in der nächsten Staffel nichts allzu Schlimmes passiert; der Tod von Ross' Cousin Francis war schon ein richtiger Schock, dabei gehören er und seine Frau (und Ross' erste Liebe) Elisabeth eher zu den etwas statischeren Charakteren, mit denen ich nicht allzu viel anfangen konnte. Und doch, mit einem Trost an Demelzas Zweifel kurz vor dem tragischen Unfall im Bergwerk hat er es geschafft, mich zu Tränen zu rühren. Vielleicht ist das das Geheimnis, was für mich den Reiz der Serie ausmacht. Jede Figur hat ihre Fehler, aber auch Stärken, und vor allem: sie haben das Herz am rechten Fleck. Alle, bis auf den fiesen George Warleggan (Jack Farthing). Aber selbst er handelt nachvollziehbar in seinem Neid auf Ross und hat nicht nur dunkle Seiten, ist er doch ebenso wie sein Erzrivale für Elisabeth entflammt.

Viele Szenen und Dialoge überwältigen in ihrer Schönheit und Weisheit, ohne in Kitsch abzudriften, denn man spürt, dass die Charaktere tatsächlich meinen, was sie sagen oder tun. In anderen Serien wäre das wohl ein biederes und wenig zugkräftiges Konzept, doch bei Poldark funktioniert es. Ich freue mich jedenfalls sehr, nach Turn: Washington's Spies wieder eine Serie gefunden zu haben, bei der ich richtig mitfiebern kann. Von der tollen Landschaft Cornwalls will ich gar nicht erst reden; für viele Zuschauer ist sie der heimliche Star der Show.

Poldark ist nicht nur Unterhaltung auf hohem Niveau vor eindrucksvoller Kulisse, sondern irgendwie genauso erdverbunden wie die meisten ihrer Darsteller. Und das tut schon mal ganz gut bei dem ganzen Effekt-Overload mit Welten-Retten-Gedöns und dem Schenkelklopf-Sarkasmus der neuen Serien und Filme auf dem Markt. Liebenswert altmodisch eben.








Freitag, 30. Juni 2017

Der freundliche Mr Crippen ~ John Boyne

Eigentlich weiß ich nicht, weshalb ich dieses Buch gelesen habe, nachdem "Haus der Geister" eine solche Pleite für mich war. Vielleicht, weil John Boyne meist ungewöhnliche Themen in der Vergangenheit aufgreift, ohne dabei penetrant und trocken in jedem zweiten Satz in historische Details zu gehen. Der Stoff und die Zeit, in denen seine Romane spielen, interessieren mich, und so habe ich Dr. Crippen doch noch eine Chance gegeben.

Inhalt: Juli 1910. Im belgischen Antwerpen bricht die SS Montrose zu einer Atlantiküberquerung nach Kanada auf. An Bord sind Mr Robinson und sein Sohn Edmund, die schon bald das Misstrauen der übrigen Passagiere und des Käptains erregen. Tatsächlich fliegt die Maskerade der beiden früh auf, nachdem Käptain Kendall die beiden im Dunkeln erwischt und feststellt, dass die Robinsons nicht das sind, was sie zu sein scheinen. Spekulationen nehmen ihren Lauf, und als Scotland Yard - alarmiert durch den vagen Verdacht, Crippen hätte seine Frau getötet - die Verfolgung aufnimmt, scheint das Schicksal des freundlichen Mr Robinson besiegelt.




Meinung: Die Geschichte beruht auf einem wahren Fall, von dem Boyne in Rückblenden und von der Überfahrt gleichermaßen mit künstlerischer Freiheit erzählt. Das ist an sich nicht verwerflich, im Gegenteil. Doch leider gewinnen die detailverliebt beschriebenen Charaktere nicht an Tiefe, geschweige denn dass ich Sympathie für sie empfunden habe. Die verschiedenen Erzählperspektiven sollten anscheinend für Spannung sorgen; mich haben sie oft verwirrt und ein bisschen geärgert. Allerdings gewöhnt man sich mit der Zeit daran. Nicht gewöhnt habe ich mich an die Vorhersehbarkeit der Story und die plumpen "tierischen" Vergleiche (grinsende Katze beim Anblick einer Schale Milch, schielende Ratte auf der Suche nach Käse, Känguru mit Verdauungsproblemen, um nur ein paar zu nennen). Auch war mir vieles zu ausführlich; unfreiwillig komische und unwichtige Dinge wie "schmerzverzerrte Augen" oder weitschweifende Details, die nicht im Entferntesten der Handlung dienen, haben mich gestört (wobei erstgenannter Kritikpunkt vielleicht auf das Konto des Übersetzers geht).

ACHTUNG SPOILER: Eingedenk des Frauenbildes, das Boyne in diesem Roman vermittelt, überrascht es nicht weiter, wer der wahre Mörder von Crippens unausstehlicher Gattin Cora ist. Der duldsame, langweilige Doktor, der keiner Fliege etwas zuleide tun kann, opfert sich am Ende für die einzige Liebe seines Lebens. Mit der Charakterisierung des in England immer noch recht bekannten "Frauenmörders" konnte ich mich trotz seines Gentlemantums und Edelmuts nicht anfreunden. Zu schwach, zu fad, zu passiv. Dagegen sind die Frauenzimmer richtige Furien: hohl, oberflächlich, machtgeil. Außer Ethel LeNeve. Aber die sieht ja auch aus wie ein Junge. 

Ein paar Logikfehler fielen mir auf, von denen mir besonders die Hutschachtel mit Coras Überresten Kopfzerbrechen bereitet hat. Müsste die nicht irgendwann anfangen, einen hmmm... üblen Geruch zu verströmen? Und wie kann eine zierliche Frau eine viel schwerere Frau auf die beschriebene Weise ermorden, zudem noch mit Fachkenntnissen, die man Dr. Crippen zuschrieb? Das war mir dann doch zu viel der künstlerischen Freiheit.

Berührt hat mich einzig das Nachwort des Autors, in dem er berichtet, dass sowohl Dr. Hawley Crippen als auch seine Geliebte sechzig Jahre später auf ihren Wunsch hin mit dem jeweiligen Foto ihrer großen Liebe bestattet wurden. Ich hoffe nur, die Anekdote ist nicht erfunden. (O;

Fazit: Mein vermutlich letztes Buch von John Boyne. Schade, trotz allem. Immerhin bin ich aus Ermangelung einer neuen Lektüre bis zum Schluss drangeblieben, was ich nach der ersten Hälfte ursprünglich nicht vorhatte, daher vergebe ich zwei Sterne.

 


👍👍



Freitag, 5. Mai 2017

Die Püppchen-Mama im Fangirl-Himmel

Fans der US-Serie "Turn - Washington's Spies" werden meine Aufregung verstehen, wenn sie sich die Fotos im Beitrag ansehen und die Abenteuer meines kleinen Major John André halbwegs verfolgt haben, der mittlerweile sogar einen eigenen Twitter-Account hat, auf dem er von seinen Reisen berichtet.

"Gotcha!"


 

Unter anderem besucht er mit seiner Adoptivmama Holly des öfteren die Drehorte der Serie in Colonial Williamsburg und ist dort bereits zu einem den Schauspielern fast ebenbürtigen Bekanntheitsgrad aufgestiegen.

Am ersten Mai sind beide wieder dorthin gefahren in der Hoffnung, ein paar der Hauptdarsteller zu treffen, die gestern den allerletzten Drehtag hatten. Die lange Wartezeit wurde belohnt: nach zwei Stunden trafen His Excelleny George Washington (Ian Kahn) ein, sein Adjutant und André-Gegenspieler Ben Tallmadge (Seth Numrich), dessen Kumpel Caleb Brewster (der sehr herzliche Australier Daniel Henshall, der sein Püppchen-Doppelgänger über Twitter kennengelernt hat) und später auch der John André-Kollaborateur Benedict Arnold (Owain Yeoman).


"Haven't seen that one before, have I?"

 

 Eigentlich war ich nie wirklich ein Fan von Ben / Seth - irgendwie war er mir zu glatt und zu hübsch - aber seit dem Selfie oben bin ich es! Denn kaum hatte er das Püppchen entdeckt und als John André erkannt, riss er es der völlig überrumpelten Holly aus der Hand, nahm sein Smartphone und schickte ein Foto von sich und dem kleinen Major an seinen leider seit Staffel 3 nicht mehr anwesenden Kollegen JJ Feild!!! Dieses Selfie wurde danach noch einmal von Hollys Smartphone aufgenommen, damit die Fans und natürlich meine Freundin auch etwas davon haben.

Ich habe fast geheult vor Rührung, als Holly es mir erzählt hat... alle waren begeistert und entzückt von meinem kleinen Major, der ja nun fast am Ziel seiner Reise war, nämlich seinem großen Vorbild vorgestellt zu werden. Das beweisen auch die Fotos, die ich mit freundlicher Genehmigung von Holly hier poste.


"Phew! I'm safe. Holly won't let him capture me again."


Schon ziemlich verrückt, denn ich habe nicht wirklich daran geglaubt, dass die Schauspieler mal mit einer meiner "Turn"- Kreationen auf Tuchfühlung gehen. Wenn ich die Bilder betrachte, regt sich schon ein bisschen Stolz auf meine Arbeit und Bewunderung für meine Freundin, die als Besitzerin meines Püppchens zur Premiere der vierten und letzten Staffel gehen wird und sich das Treffen mit den Stars mehr als verdient hat!


"Pointing with fingers is not polite, General."


 

Holly und der kleine Major setzen auf jeden Fall ihre Reisen ins historische Amerika fort, wobei André demnächst vermutlich einen Zwischenstopp in Europa machen muss, um sich divenmäßig die kunstvolle Frisur richten zu lassen, die nach zwei Jahren Sturm- und Drangzeit doch etwas in Unordnung geraten ist. Eigentlich hatte ich ihm auch angeboten, sich ein bisschen mehr herauszuputzen, nachdem er nun so berühmt ist, aber er meinte, Abzeichen und Epauletten seien ihm auf seiner abenteuerlichen Mission nur hinderlich.


"Look at that sneaky traitor smile!"




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Donnerstag, 16. Februar 2017

Review "Die Königin und der Leibarzt" (A Royal Affair)

In Dänemark gehört die tragische Affäre zwischen Königin Caroline Mathilde (1751-1775) und dem deutschen Arzt Johann Friedrich Struensee (1737-1772) zum Kulturgut. Hierzulande wurde sie immerhin anno 1955 unter dem Titel "Herrscher ohne Krone" verfilmt.

Die Geschichte zur neuen Version von 2012 klingt klischeebeladen und wie aus einem Groschenroman, und man mag kaum glauben, dass sie sich höchstwahrscheinlich exakt so abgespielt hat, wie es im Film dargestellt wird. Trotzdem gehört er zu meinen momentanen Lieblingsfilmen. Die atmosphärische Ausstattung, die tollen Schauspieler und vor allem ein überragender und sexy  Mads Mikkelsen in der Rolle von Johann Struensee sorgen dafür, dass ich als Zuschauer die damalige Zeit miterlebe und mittendrin bin. Vielleicht liegt der Charme des Films auch an der emotionalen Kraft der Bilder, von denen jedes wirkt wie ein Gemälde.

Handlung: Dänemark, 1769. Die aus England stammende Caroline von Hannover (Alicia Vikander) wird mit dem dänischen Prinzen Christian VII. (Klasse: Mikkel Boe Følsgaard) verheiratet. Die Ehe ist nicht glücklich, denn Christian stellt lieber vollbusigen, ordinären Animierdamen nach und ist auch ansonsten wenig zartfühlend. Da er obendrein von oft vulgärer und kindischer Natur ist, bescheinigen ihm der Hof und seine Stiefmutter Juliane ein umnachtetes Gemüt. Während einer Reise durch Europa lernt Christian den deutschen Arzt Struensee kennen, der anonyme Pamphlete gegen Adel und Kirche verfasst und ein Anhänger Voltaires ist. Da Struensee ihn ernstnimmt, fühlt sich Christian erstmals im Leben verstanden. Sofort entwickelt er große Zuneigung zu dem nicht nur in medizinischen Belangen progressiven Struensee. Er ernennt ihn zu seinem Leibarzt und lässt ihn später sogar die Regierungsgeschäfte übernehmen - sehr zum Verdruss des hofstaatlichen Rates.



"Don't touch the paper! It's poisoned."

 

Doch nicht nur die Geschäfte vertraut er ihm an - er soll seine lethargische Ehefrau von ihrer Melancholie heilen und sie "lustig machen". Das gelingt Struensee schneller als der Aufstieg zum König von Preußen. In den Nächten teilen Caroline und Johann das königliche Bett miteinander, bei Tag bestimmen Christian und Johann neue Gesetze und Dekrete zum Wohl des Volkes. Adel und Klerus kochen vor Wut.

Als die Affäre durch eine innige verräterische Geste während eines Spaziergangs durch den Park von Stiefmama Juliane entdeckt wird, sieht der Adel seine Chance gekommen, den Spieß umzudrehen, das Land vor ketzerischer Aufklärung zu bewahren und die alten Zustände wiederherzustellen.


Dieses Ziel verfolgen sie mit Härte und schweren Konsequenzen für die königliche Familie und Struensee. Mit einer Lüge schüchtern die ehemaligen Ratsherren und Grafen den König ein und zwingen ihn dazu, Struensee verhaften zu lassen. Ohne sein Wissen und mit der Hoffnung auf Begnadigung wird dieser gemeinsam mit einem Freund im Frühling des Jahres 1772 einen Kopf kürzer gemacht. Am Ende versinkt Dänemark wieder ins finstere Mittelalter und Christian VII. in völlige Umnachtung. Die nach Celle verbannte Caroline stirbt an Scharlach. Ihre beiden Kinder von zwei Vätern sieht sie nie mehr wieder. Doch ihr Sohn führt Jahre später Struensees angefangenes Werk fort und verhilft seinem Land zu Gleichberechtigung und Freiheit.

Meinung: Wo Mads Mikkelsen mitmischt, kann ich nicht unparteiisch sein. (O; Als Schauspieler und Typ finde ich ihn einfach unwiderstehlich! Die Rolle des Dr. Struensee - verständnisvoll, charismatisch, sinnlich, ambivalent, analytischer Beobachter und ermutigender Berater  - passt ihm wie maßgeschneidert. Außerdem hat er mich bisher noch nie enttäuscht in irgendeinem Film. Und ich merke, dass ich doch ein olles Fangirl bin...

Auch der junge Mikkel Boe Følsgaard  - preisgekrönt für Christian VII., mit dem er sein Filmdebut gab - beeindruckt in jeder Szene, sei er unflätig, frivol, unsicher oder kindlich eifersüchtig auf jeden, der Struensee zu nahe kommt.

Fazit: Obwohl eindeutig als Kostümfilm konzipiert, wirkt der Film an keiner Stelle angestaubt, manchmal sogar verblüffend aktuell. Wer sich zudem gern von einem grandiosen Mads Mikkelsen und schönen Bildern vom historischen Dresden und Kopenhagen verzaubern lassen und einen Blick in die Geschichte werfen möchte, dem sei "Die Königin und der Leibarzt" aufs Wärmste empfohlen.


Bewertung: volle Punktzahl


👍👍👍👍👍

  






Bildquelle: Amazon


Montag, 12. September 2016

Rezension "Der Kastrat" von Richard Harvell

Kurzbeschreibung Amazon: Hoch in den Schweizer Alpen, zu Beginn des 18. Jahrhunderts, nimmt eine unglaubliche Geschichte ihren Anfang: Moses Froben erblickt als uneheliches Kind das Licht der Welt. Der Dorfpfarrer muss fürchten, als Vater entlarvt zu werden, und stößt den Jungen in einen Gebirgsbach. Moses wird gerettet und kommt in die Abtei St. Gallen, wo er zum Meistersänger des Chores heranreift. Dann wird er kastriert, damit seine Engelsstimme erhalten bleibt. Und Moses feiert Erfolge auf Europas Bühnen. Aber ein Geheimnis bleibt: Wie kam der weltbekannte Kastrat zu einem Sohn?

›Der Kastrat‹ ist die hinreißende Lebensbeichte eines unwahrscheinlichen Liebhabers, eines Mannes mit der Stimme eines Engels, dessen Gehör zum tragischen Fluch wie auch zum größten Segen seines Lebens wurde.



Inhalt und Meinung: Zunächst einmal etwas zum Klappentext, und das wird der einzige Kritikpunkt sein, den ich anzubringen habe: Er klingt reißerisch und wird den leisen und doch lauten Tönen des Romans nicht gerecht. Jedes Kind, das der Zielgruppe von Lesern angehört, weiß, dass Kastraten keine solchen zeugen können, und es ist daher auch beileibe kein Geheimnis, dass Moses das Kind eines anderen "Sohn" nennt. Aber die Mutter ist nicht irgendeine; es ist Amalia Riecher, geborene Duft, die Liebe seines Lebens. Doch vor lauter Begeisterung greife ich vor. Allerdings ist es gar nicht leicht, diesen ungewöhnlichen und doch so klar und einfach erzählten Roman - die fiktive Biografie des Erzählers Moses - zu beschreiben.

Die Geschichte beginnt mit Moses' tauber Mutter, die in einem Schweizer Bergdorf die Glocken läutet und im Glockenturm wohnt. Der Klang ist etwas Besonderes für sie, weil sie ihn im ganzen Körper spüren kann - eine Eigenschaft, die sie ihrem kleinen Sohn weitergibt, der namenlos bleibt, bis er von den Mönchen Nikolai und Remus aus einem reißenden Fluss gerettet und adoptiert wird. Vor allem mit Nikolai freundet sich der schweigsame Junge an, er bewundert ihn und wird von ihm beschützt, als er im Kloster von St. Gallen ein neues Zuhause findet. Genauer gesagt, wird er dort geduldet; die Chorknaben verspotten ihn aufgrund seiner schönen Stimme und finden in ihm ein Opfer ihrer grausamen Streiche. Der Chorleiter erkennt Moses' Stimmwunder und fördert ihn; als er zehn Jahre alt ist, lässt er ihn heimlich kastrieren, damit er seine Stimme nicht verliert.

Erst Jahre später findet Nikolai es heraus und rächt sich furchtbar an Chorleiter Ulrich, der fortan des Klosters verstoßen wird, ebenso wie die beiden Mönche. Moses erhält die "Gnade", Novize zu werden, da sich für ihn laut Aussage des Abtes die Frage nicht stellt, ob er weltlicher Liebe entsagen kann. Außerdem würde ihn ohnehin keiner haben wollen. Aber es gibt jemanden: Amalia Duft, die Moses bereits seit Kindertagen kennt. Doch Moses schämt sich. Er ist ein "halber Mann mit dem Gesicht eines Engels" und daher darf Amalia ihn bei ihren heimlichen nächtlichen Treffen nicht ansehen. Trotzdem kann man in jeder Zeile lesen, wie sehr sich die beiden lieben. Für mich wurde schon bald klar, dass Amalia recht früh um Moses' Geheimnis wusste und ihn dennoch zu keiner Zeit deswegen verachtet oder belächelt hat - ebenso wie Moses ganz sicher war, dass Amaila trotz eines steifen Beines die Frau seines Lebens ist.

Und das war für mich irgendwie der Schlüssel und die Schönheit des Buches. Ohne großes Gewese oder Kitsch wird eine Liebesgeschichte erzählt, die tief zu Herzen geht und trotz der oft schlimmen Dinge, die Moses widerfahren, mit Humor und (Selbst-)Ironie gewürzt ist. Als Moses unter beschwerlichen Bedingungen nach Wien reist, um die dort reich verheiratete Amalia ausfindig zu machen, musste ich über seine Unerfahrenheit und seinen Sinn fürs Unpraktische manchmal schmunzeln, und man möchte ihn manchmal einfach in die Arme nehmen und ihm übers Haar streichen. Mir gefallen Protagonisten, die nicht perfekt, aber liebenswert und gelegentlich auch unsicher sind, und Moses ist einer der wenigen dieser Sorte. Er trifft einen weiteren "Bruder des Messers", seinen Maestro, der ihn zum professionellen Opernsänger ausbildet. Doch Amalia verliert Moses nie aus den Augen.

Im wahren Leben, das er im Rückblick seinem Sohn erzählt, ist er eher schweigsam und ein stiller Beobachter von Klängen, oft ungeschickt und weltfremd, doch der Autor Richard Harvell schreibt ihn in poetischen, eloquenten und anrührenden Sätzen nieder, lässt ihn ein wenig wie einen Sonderling wirken und dann doch wieder wie jemand, der das möchte, was alle wollen und dafür bereit wäre, auf alle Reichtümer und Gaben dieser Erde zu verzichten. Da ihm und Amalia kein langes Glück beschieden ist (das ich den beiden von Herzen gegönnt hätte), liebt er ihren Sohn wie seinen eigenen.

Fazit: Ein toller Roman, unaufdringlich, gefühlvoll, ungekünstelt und trotzdem von großer Sprachgewalt, die mich als Leser am Ende sprachlos gelassen hat. Eine absolute Leseempfehlung!



Bewertung:               👍👍👍👍👍



Mittwoch, 15. Juni 2016

Sommeraktion: "Das Bildnis des Grafen" für € 2,99 !

Eigentlich ist mein historischer Schauerroman ja eher ein Herbst- und Winterschmöker. Aber mal ehrlich, der Sommeranfang hat ziemlich viel vom Herbst mit seinen unerwarteten Regengüssen und niedrigen Temperaturen. Was ist also schöner, als sich bei Schmuddelwetter mit einer Decke und einer Kanne Kaffee oder Tee aufs Sofa einzukuscheln und dabei ein dickes, spannendes Buch zu lesen, das einen in eine andere Welt entführt?




Bis zum 19. Juni (danach wird es heiß, ganz bestimmt, und ihr könnt mit eurem Kindle nach Balkonien oder den Strand umsiedeln!) läuft auf Amazon mein Angebot, bei dem ihr das ebook zum Grafen zur Hälfte des regulären Preises erstehen könnt. Den Link gibt es unten im Widget - einfach draufklicken.




Freitag, 11. März 2016

Ein (teutonisch schwerfälliges) Versprechen (2013) - Review

Nach meinem Empfinden schlechte Filme rezensiere ich eigentlich ungern - vor allem, wenn mehrere Schauspieler darin mitwirken, die ich generell gerne sehe, wie in "Ein Versprechen" Rebecca Hall und Alan Rickman als Ehepaar. Das hätte trotz des großen Altersunterschiedes reizvoll sein können. War es aber nicht. Die beiden hatten kaum miteinander zu tun; dafür schiebt sich ein vampiristisch blutleerer Typ zwischen sie, dem Lachen oder eine Mimik überhaupt zu zeigen offenbar wehtut und der so arrogant und plump agiert, dass ich ihn an der Stelle der Fabrikantengattin sofort hochkant rausgeworfen hätte aus meinem Leben.

Wirklich, einer banalen und behäbigen Dreiecksgeschichte wie dieser aus der Feder des deutschen Schriftstellers Stefan Zweig hätte es gutgetan, der jungen Frau Charlotte Hoffmeister wenigstens einen charismatischen Liebhaber zur Seite zu stellen und kein Bübchen, das höchstens Teenagerherzen höher schlagen lässt, denen der blasse Richard Madden aus "Game of Thrones" ein Begriff ist (und der dort vielleicht besser spielt - das kann ich nicht beurteilen). Aber jetzt mal der Reihe nach

Inhalt: Deutschland, 1912. Ein junger blutleerer Typ namens Edward Friedrich bewirbt sich in der Gießerei des wohlhabenden Carl Hoffmeister und steigt schon bald zu dessen Privatsekretär auf. Was niemand weiß: der Chef ist todkrank und möchte seine "Schwäche" vor den Angestellten und seiner Familie geheimhalten. Nur Friedrich weiß "zufällig" durch einen Herzanfall in der Fabrik davon. Er verliebt sich außerdem in die lebensfrohe Gattin des Großindustriellen und macht sich im Kreis der Familie Hoffmeister bald lieb Kind unentbehrlich.

Carl bleiben die Avancen und begehrlichen Blicke, die zwischen Friedrich und Charlotte fallen, nicht verborgen. Er schickt Friedrich für zwei Jahre nach Mexiko, damit er dort die Fortschritte des neuen Werks überwacht. Der Krieg in Europa verzögert das Wiedersehen. Doch eigentlich stellt der altruistische und selbstlose Carl die Liebe der beiden auf die Probe, denn er gesteht Charlotte auf dem Sterbebett, dass es von Anfang an sein Plan gewesen war, die zwei vor dem Hintergrund seiner tödlichen Krankheit zusammenzubringen (Ach nee jetzt!).





Meine Meinung: Abgesehen davon, dass mir der Jüngling so überhaupt nicht gefiel, gibt es zum Film selbst wenig zu sagen. Die Ausstattung war schön und üppig, wie man das von Hollywood-Kostümfilmen gewöhnt ist, und dennoch ist der Nachgeschmack fade wie der ganze Film. Nichts Überraschendes geschieht, nichts Emotionales oder Berührendes (einzige Ausnahme: Charlotte schreckt von einem Alptraum hoch und wird von Carl liebevoll zurück in den Schlaf gewiegt), und wie sollte es auch, wenn das Drehbuch von deutscher Biedermeierei nur so strotzt und einer der Hauptdarsteller sich einzig darauf konzentrieren muss, sich gut in Szene zu setzen. Von ihm hätte ich gern weniger gesehen und stattdessen mehr von Alan Rickman. Es war nicht seine Glanzrolle, und in der Tat konnten weder er noch Rebecca Hall den Film retten, aber er ist ein toller Schauspieler, der Besseres verdient gehabt hätte als neben einem hölzernen Brad Pitt der Neuzeit zum Statisten zu verkommen.

Fazit: Langweilige Literaturverfilmung. Wechselt zwischen deprimierend, melodramatisch, schwerfällig und ist absolut kein Spaß. Hätte ich vorher gewusst, dass es sich um die Verfilmung eines Werkes von Stefan Zweig handelt, dessen Bücher in der Schule Pflichtlektüre sind (warum auch immer), ich hätte die Finger davon gelassen - trotz Rickman / Hall, die eine gute Chemie gehabt hätten, wäre man mehr darauf eingegangen. Allerdings wurde bei der öden Vorlage wahrscheinlich nicht mal Potential verschenkt...



Bewertung: 
👍👍



Dienstag, 23. Februar 2016

"Das Bildnis des Grafen" ~ Buchtrailer

Sollte es eine Geschichte von mir geben, die ich als *mein Baby* bezeichne, so wäre das ohne Überlegung "Das Bildnis des Grafen". Nicht, weil es mein Debütroman ist oder ich am längsten von allen meinen Romanen daran gefeilt habe. Sondern weil ich eine Geschichte erzählen wollte, die bis heute für mich am dichtesten ist und am meisten Atmosphäre hat.

Es ist eine Mischung aus Krimi und Schauerroman; etwas, das ich in dieser Form eigentlich gar nicht kenne. Natürlich tauchen sowohl für Krimileser als auch Gruselfans bekannte Elemente auf, und dennoch glaube ich, dass ich Klischees und deren Falltüren ganz gut umschifft habe.




Es tut mir daher ein bisschen leid, dass gerade dieser Roman auf Amazon zwei miserable Rezensionen abbekommen hat, die in meinen Augen nicht wirklich fair und fundiert geschrieben wurden. Dass Meinungen unterschiedlich sind, akzeptiere ich und wäre an sich kein Problem - als Autor muss man mit Kritik umzugehen lernen. Trotzdem merke ich an den Verkaufszahlen, dass diese vernichtenden Kritiken das Leseverhalten beeinflussen und sich Interessenten evtl. davon abgeschreckt fühlen.

Ich würde mich freuen, wenn der Trailer den einen oder anderen davon überzeugen kann, sich auf einen Roman einzulassen, der mit verschiedenen Genres spielt und vor allem eines will: eine originelle Geschichte abseits des Mainstream vermitteln und den Leser in eine vergangene Epoche führen, in der die Menschen zwischen Fortschritt und dem traumatischen Niedergang der Traditionen durch den Ersten Weltkrieg ihr seelisches Gleichgewicht wiederfinden mussten. Wer Freude an gut recherchierten, historischen Krimis in zeitgenössischer Sprache hat und bereit ist, über ein paar Phänomene zu staunen, die überwiegend das Fantasy- und Grusel-Genre prägen, liegt mit "Das Bildnis des Grafen" ganz bestimmt nicht verkehrt.