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Donnerstag, 10. September 2026

Nostalgie. Oder warum ich gern in die Vergangenheit schaue...

 Ja, es ist mir ein bisschen peinlich: ich bin Nostalgikerin. Besonders seit drei Jahren. Seit ich Mama verlor und somit keine Kindheit mehr habe. Denn vorher, da durfte ich hin und wieder Kind sein, selbst als Erwachsene. Mit Mama reden, sich eine Tasse Kaffee bringen lassen, um Rat fragen... das war für mich Kindheit. Leider gibt es sie nicht mehr, und das ist ein weitaus größerer Schmerz als es sich viele vorstellen können, die in der glücklichen Lage sind, beide Eltern noch zu haben. Ich bin froh, dass ich noch Papa habe. Aber es ist doch anders, wenn die Mama fehlt. Besonders, so glaube ich, für Töchter, die eine so gute Beziehung zu ihr hatten wie meine Schwester und ich.

 

Der erste Schultag mit selbstgemachter Zuckertüte
 

Auch wenn ich generell eher nostalgisch bin und frühere Zeiten evtl. verkläre (das will ich gar nicht abstreiten), so hat sich dieses Gefühl in den letzten drei Jahren verstärkt. Ich denke, ich bin genug Realist, um dennoch nach vorn zu schauen, aber irgendwie hilft es mir, in "der guten alten Zeit" zu schwelgen. Zugegeben, es macht mich oft auch traurig. Wir sind nicht mehr komplett ohne Mama, und die Zeit mit ihr war so wertvoll. Schade, dass man das dann doch erst im Nachhinein realisiert. Wobei ich immer dankbar war für meine Eltern. Und wenn ich zurückblicke, bin ich oft erstaunt über unser abwechslungsreiches und auch aufregendes Leben. Erst mal glaubt man, nicht viel erreicht zu haben, bis man genauer darüber nachdenkt, und einzelne Episoden sich als ungewöhnlicher herausstellen als man bisher dachte.

 

Auf Borkum

 

Vieles berichte ich in meinem Buch "Shalom Mamele". Hätte ich mir dazu mehr Zeit gelassen, wären mir bestimmt noch viele weitere Geschichten eingefallen. Einige Freunde und Bekannte regten nach der Lektüre dazu an, meine eigene Biografie zu schreiben. Ich glaube aber, dass es über mich nicht allzu viel mehr zu sagen gibt als im Buch. 

In der letzten Zeit blättere ich gern in alten Fotoalben, stöbere durch lose Fotos in Kisten und entdecke dabei so manche Schätze. Auch die Alben von Opa, die er uns ausdrücklich vererbt hat, habe ich gesichtet. Da bin ich besonders beeindruckt. Eigentlich ist sein ganzes langes Leben in diesen Alben dokumentiert. Er hat gern fotografiert, ist viel gereist und war selbst keineswegs kamerascheu, sondern konnte sich gut in Szene setzen. Und dabei hat er selbstsicher gelächelt, die Hände in die Hüften gestemmt und ein Knie fotogen und sportsmännisch angewinkelt. Wenn wir unbewusst posiert haben wie er (Mama, meine Schwester und ich), mussten wir oft verlegen lachen über das vorherrschende Keller-Gen. Trotzdem - heute sehe ich das milder. Ich finde sogar, dass dieses selbstbewusste Posieren ganz gute Fotos macht. Jedenfalls ist Opa immer gut drauf, im doppelten Sinne... 

 

Launiges Familientreffen am Sonntag auf der Terrasse

 

An unser altes Haus denke ich ebenfalls oft, das mit dem weitläufigen Garten ein kleines Paradies am Ende einer Sackgasse war, die in einen großen Platz mündete, auf dem wir im Kreis unermüdlich Fahrrad fuhren oder unsere selbstgebastelten Marionetten spazieren führten. Den Himmel stelle ich mir hin und wieder wie dieses Haus vor. Mit Menschen, die sich gut kennen und miteinander gern Gemeinschaft haben, aber auch wieder in ihre eigenen Wohnungen zurückkehren können. Im Idealfall solche, die ich bereits als Kind kannte. Vor kurzem starb der Vater meiner Sandkastenfreundin, die ich als Vierjährige in der Nachbarschaft kennengelernt hatte. Wir waren auf der Beisetzung, und ich habe etwas Erstaunliches bemerkt: Die Stücke, die gespielt wurden in der Friedhofskapelle, waren so, wie ich ihn bzw. seinen Musikgeschmack in Erinnerung hatte: Elvis Presley, James Last, Ricky King. Als wäre die Zeit stehengeblieben bei den Nachbarn. Und manchmal denke ich, wenn sie in meiner Kindheit stehengeblieben wäre, wäre das nicht das Schlimmste gewesen. Blöd, ich weiß. Aber ich empfinde es tatsächlich so, seit Mama nicht mehr da ist. Mir fehlt sie als Ermutigerin und zuverlässige Hilfe bei Herausforderungen, beruflich und privat. 


Sichtlich stolz auf die Reiterfräuleins 

 

In speziellen Facebookgruppen poste ich Beiträge von früher, und es erstaunt mich, dass es viele Menschen gibt, die auch nostalgisch veranlagt sind. Die sich nach Zeiten ohne Smartphone sehnen, obwohl man heute nicht mehr darauf verzichten kann. Vieles war auch damals nicht leicht, und trotzdem hatte man das Gefühl, dass der Alltag unbeschwerter war mit weniger Information und Reizüberflutung. Die steigende Anzahl von Autisten und ADHS-lern kommt nicht von ungefähr. Ständig glaubt man, etwas zu verpassen, und gleichzeitig wird gemahnt, den Augenblick zu genießen. Allein das zeigt, wie schwierig und paradox die Welt in den letzten Jahren geworden ist. Ich möchte nicht moralisieren oder jammern, denn die Uhr zurückdrehen geht nicht. Aber ein bisschen träumen und sich an Schönes erinnern, diesen Luxus gönne ich mir. Denn eine schönere, freiere Kindheit und Jugend hätte ich mir nicht wünschen können. Das ist mein kleiner persönlicher Schatz. Und ich weiß, der ist nicht selbstverständlich.