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Sonntag, 24. Mai 2026

"Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" ~ Judith Kerr

Mit dem Buchtitel bin ich quasi aufgewachsen, ohne dass ich je näheres Interesse an dem Inhalt bekundet hätte. 1971 erschienen, wurde es zwei Jahre später in Deutschland als erster Teil einer Trilogie über eine Auswandererfamilie veröffentlicht. Worüber es ging, habe ich erst jetzt mit Erstaunen festgestellt, denn ich war auf etwas Ähnliches gefasst gewesen wie in fast allen anderen Romanen über den Zweiten Weltkrieg. Aber erstaunlicherweise hat dieser Jugendbuchklassiker wenig bis nichts Moralisierendes. Eine Mahnung zwischen den Zeilen ja, aber so subtil, dass die Zielgruppe es am besten in Begleitung von Erwachsenen liest. Vielleicht war "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" auch einmal Schullektüre; ich selbst weiß nichts davon.

 


 

Inhalt:  Zunächst eine Anmerkung: da der Roman autobiografische Züge hat, nenne ich die im Buch namenlose Familie der Einfachkeit halber Kerr.

Die Familie Kerr lebt in einem vornehmen Haus in Berlin. Die Mutter ist Komponistin, der Vater renommierter Theaterkritiker und Schriftsteller. Und auch ein vorausschauender Mann: Im Gegensatz zu vielen anderen erkennt er kurz vor Hitlers Wahl zum Kanzler die Zeichen der Zeit und emigriert mit seiner Familie in die Schweiz. Alle glauben nur an ein vorübergehendes Exil, und so lässt Anna ihr rosa Kaninchen aus ganz frühen Kindertagen zurück. In der Schweiz erlebt die Großstadtfamilie erst einmal einen Kulturschock. Doch die Menschen dort sind nett, und sie gewinnen bald Freunde, lernen Switzerdytsch und integrieren sich in das beschauliche Landleben. Auch wenn Anna hin und wieder gern nach Berlin zurückkehren möchte, ist es für sie am wichtigsten, dass die Familie zusammenbleibt. Denn wer keine Heimat mehr hat, sollte bei denen bleiben, die es gut mit einem meinen und einander lieben. 

Es kommen jedoch auch deutsche Gäste in die Pension, in denen die Kerrs logieren. Da Annas Vater berühmt ist, weiß man von der Herkunft der Familie, was bald zu Spielverbot mit anderen Kindern führt. Aber die Kerrs sind eine selbstbewusste Familie, die sich von dummen Nazis nicht einschüchtern lässt. Trotzdem überlegen sie, weiter nach Frankreich zu ziehen. Die Neutralität der Schweiz ist nicht immer gewährleistet, und der Vater verdient schlechter als in Deutschland, wo inzwischen seine Bücher verbrannt werden und ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt ist. Wieder müssen Anna und ihr Bruder Max eine neue Sprache lernen in Paris; und auch die Mutter, die lieber nach England gegangen wäre, tut sich schwer. Zudem hat sie keine Haushaltshilfe mehr und ist am Verzweifeln mit den heranwachsenden Kindern, die Kleidung brauchen. Zum Glück lernen sie auch hier hilfsbereite Menschen kennen. Außerdem hält aus Berlin Onkel Julius - eigentlich ein Freund des Vaters - mit ihnen Kontakt, um zu berichten, was in Deutschland passiert. Als sich die Lage zuspitzt und keine Briefe mehr kommen, wagt die Familie mit einem Filmmanuskript des Vaters im Gepäck den Sprung über den Ärmelkanal...

 

  

 

Meinung: Wie bereits erwähnt, wusste ich gar nicht, auf was ich mich einlasse im Buch, und war dann tatsächlich positiv überrascht von der unaufgeregten, kindlichen Erzählweise Annas, mit der sie tagebuchartig das Leben in verschiedenen Ländern wiedergibt. Es geschieht nichts unbedingt Dramatisches bis auf die scheinbar ferne Politik in Deutschland, und ich gebe zu, das habe ich irgendwie genossen. Wobei mir bei der fast banalen Art der Handlung etwas schleierhaft ist, weshalb das Buch zum Klassiker avancierte. Andererseits erkennt man schon, dass vor allem die Mutter sich plagt mit dem neuen Leben; die Eltern sind Künstler und demzufolge eher unpraktisch veranlagt. Eine Frau, die weder kochen noch den Haushalt führen kann, war zur damaligen Zeit wohl nicht üblich. Umso schöner, dass sich der unbeholfen gearbeitete Strickpullover als robustestes Kleidungsstück herausstellt. Auch Bruder Max bekommt das "Anders-Sein" zu spüren, während Anna erstaunlich gut mit der Situation als Flüchtling umgeht.

Was mir aufgefallen ist, und was ich doch etwas merkwürdig fand: Anna erklärt ihrer Freundin Elsbeth zwar schon zu Beginn, dass ihre Familie nicht besonders religiös ist; dennoch habe ich es vermisst, dass in Bezug zum Judentum ein Wort fällt. Vielleicht wollte Judith Kerr damit darauf aufmerksam machen, dass die Kerrs eingebürgerte Deutsche waren, es zwischen Menschen keine kulturellen Konflikte geben sollte und wir alle gleich sind, doch ein bisschen habe ich den jüdischen Witz und Bräuche / Feste vermisst. Vielleicht war die Familie tatsächlich soweit assimiliert, dass sie statt Chanukka Weihnachten feiert und die Bar-Mitzwa des dreizehnjährigen Max ausfiel - wahrscheinlich blieb keine Zeit dazu auf der Flucht. Diesem kleinen Kritikpunkt zum Trotz empfand ich den fast heiteren und kindlich-optimistischen Ton des Buches als wohltuend. Das Kaninchen hat Anna nie wiedergesehen. Ob ich die Fortsetzung in England lese, weiß ich noch nicht. Sympathisch war mir die Familie auf jeden Fall. Ein wenig hat sie mich an unsere erinnert. Vor allem die toughe Mama, die sich nicht unterkriegen lässt. Auch wenn meine ein As im Handarbeiten war... 

Bewertung:  💫💫💫💫

 

 

Freitag, 22. Mai 2026

"Damals war es Friedrich" ~ Hans Peter Richter

 Damals war es, in der vierten Klasse, als ich das Buch zum ersten Mal als Schullektüre gelesen habe. Erstaunlich eigentlich, dass es so früh war. Denn diese Geschiche trifft, und ganz sicher auch die Herzen und Gedanken von Neun-bis Zehnjährigen. Nicht, weil man weiß (oder wissen sollte), dass der Zweite Weltkrieg mit dem Holocaust das düsterste Kapitel der deutschen Geschichte ist und mehr als sechs Millionen Juden Existenz und Leben auf grausamste Weise verloren haben. Sondern weil hier ganz selbstverständlich eine Freundschaft beschrieben wird, die so alltäglich beginnt, dass das folgende Grauen sich erst nach und nach entwickelt, aber schon im Kleinen spürbar wird.

 



 

Inhalt: Der namenlose Ich-Erzähler und Friedrich Schneider sind nur eine Woche entfernt voneinander geboren und wachsen im selben Haus in einem Dorf auf. Sie werden Freunde, gemeinsam eingeschult, und sie unternehmen viel zusammen. Auch die Eltern lernen sich näher kennen und schätzen. Doch der 1. April 1933 bringt Veränderungen. Plötzlich ist Friedrichs Familie dem Vermieter Resch ein Dorn im Auge, und auch auf der Arbeit wird Herr Schneider ohne Angabe von Gründen gekündigt. 

Die Freundschaft der Jungs bleibt bestehen, trotz der Unannehmlichkeiten und Verleumdungen, die Friedrich hinzunehmen hat. Er folgt sogar stolz der Einladung seines Freundes zum sogenannten Jungvolk, doch dort erwartet ihn eine Überraschung, die auch dem Leser den Atem stocken lässt. 

Absurde Verbote und Angst bestimmen das Leben der bisher so freundlichen und unauffälligen Familie Schneider. Der Vater des Erzählers rät Herrn Schneider, Deutschland zu verlassen, doch dieser weiß nicht, wohin. All seine Verwandten seien Deutsche, die seit Generationen hier heimisch sind. Im Lauf des Gesprächs will der enttäuschte Herr Schneider wissen, weshalb sein Nachbar der Partei beigetreten ist. Der Vater des Erzählers gibt zu, dass es ihnen seitdem besser geht; er habe Arbeit und mehr Geld, um seiner Familie gelegentlich etwas bieten zu können. Die Schultüte des Ich-Erzählers war seinerzeit nur mit gezuckertem Zwieback gefüllt. Öffnen durfte er sie erst zuhause, damit die Familie nicht als arm denunziert wurde. Man erkennt das Dilemma und den Teufelskreis.

Die Demütigungen und die Unsicherheit im Alltag, die Zerstörung ihrer Wohnung und der offene Hass sind zu viel für Frau Schneider. Bei einem Überfall der Nazis wird sie so schwer physisch und physisch verletzt, dass sie sich nicht davon erholt und an den Folgen der Misshandlung stirbt. Friedrich und sein Vater schlagen sich mit Lampenreparaturen durch - die Arbeit als Abteilungsleiter im Kaufhaus Herschel Mayer hat Herr Schneider durch die Enteignung der meist von Juden geführten Kaufhäuser erneut verloren. Auch kleinere Geschäfte, Arztpraxen und jüdische Schulen werden geschändet und geplündert. Die Familie des Erzählers steht dem Leid ihrer Nachbarn hilflos gegenüber. Zwar setzen sie sich ein, wo es ihnen möglich scheint, doch auch sie können nicht verhindern, dass Herr Schneider und ein bei ihm versteckter Rabbi abgeholt werden. Nur Friedrich bleibt zunächst unauffindbar... 

 



 

Meinung: "Damals war es Friedrich" geht unter die Haut und hallt lange nach. Das liegt neben der ernsten Thematik vor allem an der etwas distanziert wirkenden Erzählweise eines Heranwachsenden, der sich trotz seiner Freundschaft zu Friedrich der Faszination und der Sogwirkung eines unmenschlichen Regimes oft schwer entziehen kann; manchmal sogar ohne es bewusst zu wollen, mitmacht und sich unversehens in der Masse wiederfindet, die in den Straßen randaliert, um jüdisches Eigentum zu zerstören. Das hat mich wirklich nachdenklich gemacht. Dieser Junge hatte keinen Grund, zum Mitläufer zu werden, und soweit ich seine Gesinnung verstanden habe, auch nicht die Veranlagung dazu. Und trotzdem steigert er sich in einen Rausch, der ihn später beschämt. Die Stellen, in denen erwähnt wird, dass Mutter, Sohn und Vater Schneider vor Fassungslosigkeit und Hilflosigkeit weinen, sind wahrscheinlich auch deshalb so erschütternd, weil der Stil eher nüchtern gehalten ist.

Die Frage, weshalb es soweit kommen konnte in Deutschland, wird in diesem Buch gut beantwortet. Mit 125 Seiten ist es eher kurz und wenig detailreich, dafür aber umso eindringlicher. Früher hat Friedrich zur Schullektüre gehört, heute offenbar nicht mehr. Schade. Denn gerade jetzt wäre es wieder nötig, solche Bücher zu lesen. Das ist keine Frage von Schuld aufdrücken auf Generationen, die den Krieg nicht erlebt haben. Es ist die Erinnerung, dafür zu sorgen, dass so etwas Unmenschliches nie mehr wieder geschieht. 

Bewertung:  💫💫💫💫💫

 

 

Freitag, 15. Mai 2026

Der Bastian ~ Fernsehserie mit Horst Janson (1972)

Abends schauen wir Fernsehen zu dritt. Da ist es nicht immer einfach, jedem Geschmack gerecht zu werden. Nach "Der Alte" mit Siegfried Lowitz, "Derrick" und ein paar uralten Tatort-Folgen haben wir jetzt den Bastian entdeckt. Und finden die Serie aus der Feder von Barbara Noack toll in ihrer Unaufgeregtheit, mit der sie den turbulenten Alltag des Langzeitstudenten Bastian (ein erstaunlich junger Horst Janson) erzählt. Eine wichtige Rolle in seinem Leben spielt auch seine Oma, Martha Guthmann, die zu unserem heimlichen Liebling avanciert ist. Die renommierte Schauspielerin Lina Carstens war damals 80 Jahre alt, und sie wirkt so rüstig, unternehmungslustig und pfiffig, dass man sie einfach liebhaben muss.

 


 

Die einzelnen Folgen sind ca. 25 Minuten lang, so dass wir auch gern mal zwei am Stück angucken. Leider gibt es nur eine Staffel mit 13 Folgen, aber das ist das einzige Manko. Was uns besonders gut gefällt, ist natürlich der Nostalgiefaktor. München erkennt man schon noch, und trotzdem sah es so viel anders aus als heute (Marthas nach Schweden emigrierter Schwager Alois beklagt den technischen Fortschritt allerdings schon damals und fühlt sich fremd in seiner ehemaligen Heimat). Die U-Bahn war relativ neu und wurde wohl extra zum Olympiajahr '72 fertiggestellt - die Olympiade wird tatsächlich in zwei Folgen thematisiert. Süß, als Oma Guthmann das U-Bahn-Cruisen als neues Hobby entdeckt und dadurch zu spät zu einer Verabredung für den von Bastian verhassten Hosenkauf kommt. 

Was Bastian von vielen aktuellen (und vermutlich auch damaligen) Serien unterscheidet, ist, dass nichts wirklich Dramatisches geschieht. Es bleibt trotz aller Situationskomik und prekären Lagen, in die Bastian sich manövriert, irgendwie bayrisch gemütlich... und das, wo der Schauspieler und auch Lina Carstens gar keine Bayern sind. 

Weitere wichtige Figuren sind die ledige Susi (Monika Schwarz) mit neugeborenem Baby, die auf Wohnungssuche ist (schon damals schwer in München, doch mit Säugling ohne Vater ein Ding der Unmöglichkeit), und die Ärztin Katharina Freude (Karin Anselm), in die Bastian sich während eines Krankenhausbesuchs verliebt hat und ihr ziemlich hartnäckig auf den Fersen bleibt, obwohl sie findet, dass er zu jung für sie sei und außerdem ein "Traumtänzer". Zwar gehen sie in den Bergen wandern und kommen sich dort so nahe, dass Bastian den Eltern vorgestellt wird, doch da ist auch noch Bastians älterer und fleißiger Bruder Karli (Friedrich von Thun), der laut Bastian "viel eher dein Typ ist". Zu dumm, dass der aufgrund einer verbotenen Nacht-und Nebelaktion von Bastian und Susi auch noch die Bekanntschaft von Dr. Freude macht...

 

Das Baby im "Bäckerei-Wespenschutz"-Glaskasten

 

Das Flair, das "Der Bastian" verbreitet, ist für Nostalgiker wie mich einfach nicht zu toppen. Schlaghosen, Plastik allerorten (pfui eigentlich!), Bastians grüne, rostangefressene Ente, schrille Farben in der engen, vollgestopften Mansarde, die Bastian oft unfreiwillig teilen muss, und auch der Stachus, der aussieht wie auf einer Postkarte von der Wochenendkaffeefahrt der Großeltern in den 1970er Jahren, das sind kleine Highlights, auf die ich mich besonders freue. 

Natürlich ist auch Horst Janson ein Hingucker und unglaublich jung mit der blonden Mähne und der schlaksigen Figur, die zu der Zeit fast alle Schauspieler und Schlagerstars pflegten (was bestimmt nicht so leicht war, wie es aussah - andererseits war Fast Food noch nicht so omnipräsent wie heute. Man kommt trotzdem auf den Gedanken, es war in den 70ern eine Art Schönheitsideal für Männer um die Dreißig). Und irgendwie wünscht man sich, es gäbe mehr Bastians auf der Welt - Menschen, die das Leben nicht so ernstnehmen, nicht so pedantisch und tragisch und dabei ihr schelmisches, entwaffnendes Lächeln bewahren.

Vielleicht wirkt die Serie gemessen am aktuellen Fernsehgeschmack etwas brav und manche Szenen behäbig, doch wer auf ständige Action, Mord, Drama und Spannung verzichten kann und stattdessen gern in Nostalgie der Familienunterhaltung schwelgt und die frühen Siebziger (noch einmal) erleben will, für den ist der leichtlebige Bastian Guthmann mit seiner sich in alles einmischenden Oma Pflichtprogramm. Zu streamen gibt es die Serie in der ZDF-Schatzkiste auf Amazon Prime. Oder - für die Hardcore-Nostalgiker - ganz klassisch auf DVD.

 

Bewertung: 💫💫💫💫💫 

 

Bilder: Amazon

 

Dienstag, 12. Mai 2026

Meine Homepage "Romane von Christine Wirth"

 Lange Zeit habe ich sie nicht gepflegt, meine virtuelle Visitenkarte. Es gab nicht viel, was man an ihr ändern kann, sind erst einmal die Seiten für jedes Buch und die dazugehörige Leseprobe erstellt. So langsam, aber sicher schlief sie ein, und selbst automatische, aber besorgt klingende Mails meines Anbieters, ich solle doch wieder einmal meine Homepage besichtigen, liefen ins Leere. Ich hatte keine Lust und kein Interesse mehr, sie up to date zu halten, nachdem die Preise pro Jahr saftig angezogen wurden. Das Premiumpaket wechselte zu Basic, und dabei blieb es. Bleibt es bis heute, denn alles, was auf der Ansicht stört, ist die Werbeanzeige des Seitenanbieters am Anfang. Vielleicht stufe ich sie irgendwann wieder hoch, wenn sich meine finanzielle Lage entspannt hat.

 

Das Vorstellungsfoto mit den Burschis


Aber ich sah es selbst ein: eine vernachlässigt wirkende Homepage mit verschiedenen Schriftarten und -größen ist kein adäquates Aushängeschild für einen Autor respektive das Fräulein Autorin. Noch dazu, wo ich prinzipiell auf eine gute Optik und Grafik in jeglichen Bereichen Wert lege. 

Außerdem fiel mir auf, dass ich "Shalom Mamele" meinem Sortiment noch gar nicht zugefügt und vorgestellt hatte. Das musste nachgeholt werden, wenn ich auch Gründe hatte, es lange hinauszuzögern. Ich weiß nicht, ob es verstanden wird, doch für mich war es immer so, dass die Werbung gerade für dieses Buch mich unheimlich traurig macht und ich es nicht öffentlich irgendwo stehen haben möchte, wenn es sich vermeiden lässt. Ähnlich empfinde ich auch auf dem Friedhof. Es wirkt so endgültig. Daher bin ich auch froh, dass wir Mamas Namen auf einer kleinen, aber feinen Schiefertafel mit Foto stehen haben, und nicht in Bronzelettern auf dem wuchtigen Stein des Familiengrabes. Komisch, ist aber so. 

Trotzdem bin ich über meinen Schatten gesprungen und habe unserer Familienchronik fast zweieinhalb Jahre nach Erscheinen eine Unterseite auf der Homepage gewidmet. Auch die Schrift habe ich überall angepasst und die Fotos erneuert. Die ersten sind tatsächlich anno Tobak. Und die Cover waren ohnehin nicht mehr aktuell gewesen. 

 

Mein Büchersortiment
 

Ursprünglich hatte ich damit geliebäugelt, die Seite komplett neu aufzuziehen und eventuell auch den Anbieter zu wechseln. Aber günstiger wurde keiner in meiner engeren Auswahl. Sobald ich die "kostenlosen" probiert habe und sie individuell gestalten wollte (ohne KI und mit meinen eigenen Buchtiteln), wäre ein Jahresabo fällig gewesen, das vielleicht etwas billiger war als das meines Anbieters, aber potzblitz - ich kam einfach mit der sogenannten Userfreundlichkeit nicht zurecht! Das hat mich ein bisschen deprimiert, denn es heißt doch, es sei kinderleicht, gerade mithilfe von KI Webseiten zu erstellen. Pustekuchen! Ich glaube, am sinnvollsten sind da immer noch die Webdesigner, wenn man sie sich leisten kann. Mit meiner alten Homepage und dem Dashboard habe ich mich trotz jahrelanger Abstinenz einigermaßen durchgewurschelt, auch wenn sich da viel geändert hat. Die Designvorlagen sind aber immer noch dieselben - nicht mal neue sind dazugekommen. Macht aber nichts. Mein altes "Taube mit Herz", das ich schon damals etwas anders gestaltet habe, gefällt mir immer noch gut. 

 

Das offizielle Autorenfoto

Ich bin froh, dass ich nach ein paar Tagen ein Ergebnis hatte, das, wie ich finde, ansprechend und aussagekräftig ist und zu mir passt. Wenig Schickschnack, aber trotzdem irgendwie verspielt und lebendig. Über Besucher freue ich mich: 

Romane von Christine Wirth 

 



 

 

 

Mittwoch, 6. Mai 2026

Nachlassverwalter bei Annchen & Peter

 Von Annchen und Peter, den ältesten Freunden meiner Eltern, habe ich bereits berichtet. Anfang dieses Jahres folgte Peter wenig überraschend seiner Annchen, und ich hoffe sehr, dass sie beide im Himmel wieder vereint sind. Es waren (und sind) ganz besondere Menschen, die Mama bis zuletzt in ihrem Bungalow am Rand der Stadt besucht hat. 

 

Annchen und Peter in Ansbach

 

Als wir auf Peters Trauerfeier waren, schlug uns ihr jüngster Sohn vor, uns im Haus umzusehen, ob wir etwas finden, das uns gefällt. Dazu übergab er uns den Schlüssel mit den Worten: "Die Sachen sind alt, aber vielleicht ist noch das eine oder andere dabei, das euch interessiert." Geehrt von so viel Großzügigkeit und Vertrauen (wir kannten uns nur flüchtig), gingen wir bald darauf hin; den Weg durch die Schrebergärten, den wir so oft mit Mama gemacht hatten. Ich muss zugeben, es war ein merkwürdiges Gefühl. Beim ersten Mal waren wir fast zu ehrfürchtig, um uns genau umzusehen. Man merkt auch, dass sie sehr bescheiden waren in diesem Leben, obwohl der zweistöckige, doppelhälftige Bungalow von innen noch mehr Eindruck macht als von außen. Mit vier Jungs, die dort aufgewachsen sind, war Geräumigkeit schließlich das A und O. 

Wir haben die abgesprochenen Rattankorbsessel für unsere Lounge reserviert und ein paar Kleinigkeiten wie ein japanisches Teeservice und ein rotes Holzpferd, wohl aus Schweden. Dann hockten wir in die am Kachelofen integrierte Essbank und waren irgendwie überwältigt von der Stille im Haus, in dem sonst Annchen munter plauderte und Peter zufrieden und lächelnd neben ihr saß.

 

Beklommen am Ofen mit Dekovögelchen
 

Erst nach ein paar weiteren Besuchen wurden wir mutiger, fragten Freunde und Bekannte, ob wir sie mitnehmen dürften ins Haus zwecks Haushaltsauflösung. Und es fanden sich unter ihnen neue und stolze Besitzer von Staubsaugern, technischen Geräten, Büchern über chinesische Heilmethoden und und und... einer fragte mich sogar, ob man das *wirklich* alles ungestraft mitnehmen könne...? 

Immer, wenn wir dort waren, fanden wir neue und brauchbare Dinge, die wir entweder selbst verwenden konnten bzw. als Erinnerungsstücke in Ehren halten, oder an Nachbarn weitergaben. Obwohl es nicht viel aussah im Haus, waren wir verblüfft über die Ausbeute. Als ehemalige Buchhändlerin hatte Annchen so viele Bücher, dass unseren Freunden der Mund offenstehen blieb. Einige Heimatbücher habe ich an eine Grundschulfreundin in Hamburg geschickt, die sich sehr gefreut hat, ihre alte Stadt literarisch erkunden zu können. Doch was uns ein bisschen Kopfzerbrechen bereitete, waren die Möbel. Besonders die Rattancouch im Wohnzimmer war zu edel für den drohenden Container. Mitnehmen wollte sie jedoch keiner; war sie doch recht sperrig, und außerdem hat ja fast jeder schon ein Sofa und eine Wohnzimmereinrichtung.

 

Das Sofa. Ein TV-Set gab es nicht.
 

Das Dreamcenter, das gebrauchte Möbel abholt und in einem Sozialkaufhaus zum Verkauf anbietet, wurde mir öfter empfohlen, aber irgendwie scheute ich den Aufwand. Je leerer die Wohnung an Gebrauchsgegenständen wurde, desto mehr befasste ich mich mit dem Inventar. Meist schöne Möbel aus hellem Holz, und durchaus gepflegt; nicht zu vergessen die Couch als Prunkstück mit passendem Tisch und Sesseln. Vor kurzem habe ich das Dreamcenter doch kontaktiert und Fotos geschickt, mit wenig Hoffnung auf eine Antwort. Denn mittlerweile wird dort nicht jedes potentiell gespendete Stück mehr aufgenommen. Positiv überrascht war ich demzufolge, als sich der Chef meldete; die Möbel seien fast alle interessant für sie, wo könne man sie denn abholen? Für den nächsten Tag machten wir einen Termin aus, und ich war so froh, wenigstens einem Teil der Einrichtung eine neue Chance zu geben. Die drei Jungs, die die Sachen im Sprinter verstauten, mussten ganz schön schnaufen und schwitzen. Doch sie haben ihre Sache gut und routiniert gemacht, selbst das Abschlagen der Schränke und Betten. Es stellte sich heraus, dass der Chef unsere Eltern kannte, aber nicht mitbekommen hatte, dass Mama nicht mehr da ist. Das tat ihm sehr leid, man konnte es sehen. Zum Abschied hat er mich zweimal in den Arm genommen, nachdem wir und die Kollegen noch ein bisschen über unsere Bastel-Wirth-Zeiten geredet hatten; es ist irgendwie auch schön zu wissen, dass der Laden einen so bleibenden Eindruck hinterlassen hat, obwohl er schon seit über zehn Jahren nicht mehr existiert. 

Für mich hinterlassen auch Annchen und Peter einen bleibenden Eindruck. Durch den Einblick in ihr Haus sind sie Nicole und mir noch einmal nähergekommen; mehr vielleicht als zu Lebzeiten. Das war sehr eigenartig. Das Foto von ihnen fand ich in der Wohnzimmerschrankwand und möchte es gern behalten. Genauso habe ich sie in Erinnerung; so heiter und ohne Bitterkeit, auch wenn es das Schicksal nicht immer gut mit ihnen meinte. Es gibt viel zu wenig solcher Menschen. Auch ihre Nachhaltigkeit, ihre Zufriedenheit und ihr Zusammenhalt in der Beziehung sind beispielhaft. Und ich mochte auch ihre unkonventionelle Art, die Unerschrockenheit, neue Wege zu erkunden, die Annchen mit Mama gemein hat. Ich finde, man sieht ihnen an, dass sie ein glückliches, wenn auch nicht sorgenfreies Leben gelebt haben. 

 

Die Fensterfront im Obergeschoss
 

So allmählich heißt es dann Abschied nehmen. Ich war gern in dem Haus. Hätte nie gedacht, dass das bloße Umsehen darin doch eine Aufgabe wurde, nämlich den Nachlass respektvoll mitzuverwalten. Es war nicht viel Mühe, aber es freut mich, dass wir ein bisschen helfen konnten. Ich habe bei anderen Menschen gesehen, wie deren Nachlass achtlos in Containern landete, und diese Menschen waren stolzer auf ihre Besitztümer als Annchen und Peter. Sowas tut selbst mir als weitgehend Unbeteiligtem weh. Darum war es mir eine Ehre, für die Dinge von Freunden ein neues Zuhause zu suchen.