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Mittwoch, 6. Mai 2026

Nachlassverwalter bei Annchen & Peter

 Von Annchen und Peter, den ältesten Freunden meiner Eltern, habe ich bereits berichtet. Anfang dieses Jahres folgte Peter wenig überraschend seiner Annchen, und ich hoffe sehr, dass sie beide im Himmel wieder vereint sind. Es waren (und sind) ganz besondere Menschen, die Mama bis zuletzt in ihrem Bungalow am Rand der Stadt besucht hat. 

 

Annchen und Peter in Ansbach

 

Als wir auf Peters Trauerfeier waren, schlug uns ihr jüngster Sohn vor, uns im Haus umzusehen, ob wir etwas finden, das uns gefällt. Dazu übergab er uns den Schlüssel mit den Worten: "Die Sachen sind alt, aber vielleicht ist noch das eine oder andere dabei, das euch interessiert." Geehrt von so viel Großzügigkeit und Vertrauen (wir kannten uns nur flüchtig), gingen wir bald darauf hin; den Weg durch die Schrebergärten, den wir so oft mit Mama gemacht hatten. Ich muss zugeben, es war ein merkwürdiges Gefühl. Beim ersten Mal waren wir fast zu ehrfürchtig, um uns genau umzusehen. Man merkt auch, dass sie sehr bescheiden waren in diesem Leben, obwohl der zweistöckige, doppelhälftige Bungalow von innen noch mehr Eindruck macht als von außen. Mit vier Jungs, die dort aufgewachsen sind, war Geräumigkeit schließlich das A und O. 

Wir haben die abgesprochenen Rattankorbsessel für unsere Lounge reserviert und ein paar Kleinigkeiten wie ein japanisches Teeservice und ein rotes Holzpferd, wohl aus Schweden. Dann hockten wir in der am Kachelofen integrierten Essbank und waren irgendwie überwältigt von der Stille im Haus, in dem sonst Annchen munter plauderte und Peter zufrieden und lächelnd neben ihr saß.

 

Beklommen am Ofen mit Dekovögelchen
 

Erst nach ein paar weiteren Besuchen wurden wir mutiger, fragten Freunde und Bekannte, ob wir sie mitnehmen dürften ins Haus zwecks Haushaltsauflösung. Und es fanden sich unter ihnen neue und stolze Besitzer von Staubsaugern, technischen Geräten, Bücher über chinesische Heilmethoden und und und... einer fragte mich sogar, ob man das *wirklich* alles mitnehmen könne...? Immer, wenn wir dort waren, fanden wir neue und brauchbare Dinge, die wir entweder selbst verwenden konnten bzw. als Erinnerungsstücke in Ehren halten, oder an Nachbarn weitergaben. Obwohl es nicht viel aussah im Haus, waren wir verblüfft über die Ausbeute. Als ehemalige Buchhändlerin hatte Annchen so viele Bücher, dass unseren Freunden der Mund offenstehen blieb. Einige Heimatbücher habe ich an eine Grundschulfreundin in Hamburg geschickt, die sich sehr gefreut hat, ihre alte Stadt literarisch zu erkunden. Doch was uns ein bisschen Kopfzerbrechen bereitete, waren die Möbel. Besonders die Rattancouch im Wohnzimmer war zu edel für den drohenden Container. Mitnehmen wollte sie jedoch keiner; war sie doch recht sperrig, und außerdem hat ja fast jeder schon ein Sofa und eine Wohnzimmereinrichtung.

 

Das Sofa. Ein TV-Set gab es nicht.
 

Das Dreamcenter, das gebrauchte Möbel abholt und in einem Sozialkaufhaus zum Verkauf anbietet, wurde mir öfter empfohlen, aber irgendwie scheute ich den Aufwand. Je leerer die Wohnung an Gebrauchsgegenständen wurde, desto mehr befasste ich mich mit dem Inventar. Meist schöne Möbel aus hellem Holz, und durchaus gepflegt; nicht zu vergessen die Couch als Prunkstück mit passendem Tisch und Sesseln. Vor kurzem habe ich das Dreamcenter doch kontaktiert und Fotos geschickt, mit wenig Hoffnung auf eine Antwort. Denn mittlerweile wird dort nicht jedes potentiell gespendete Stück mehr aufgenommen. Positiv überrascht war ich demzufolge, als sich der Chef meldete; die Möbel seien fast alle interessant für sie, wo könne man sie denn abholen? Für den nächsten Tag machten wir einen Termin aus, und ich war so froh, wenigstens einem Teil der Einrichtung eine neue Chance zu geben. Die drei Jungs, die die Sachen im Sprinter verstauten, mussten ganz schön schnaufen und schwitzen. Doch sie haben ihre Sache gut und routiniert gemacht, selbst das Abschlagen der Schränke und Betten. Es stellte sich heraus, dass der Chef unsere Eltern kannte, aber nicht mitbekommen hatte, dass Mama nicht mehr da ist. Das tat ihm sehr leid, man konnte es sehen. Zum Abschied hat er mich zweimal in den Arm genommen, nachdem wir und die Kollegen noch ein bisschen über unsere Bastel-Wirth-Zeiten geredet hatten; es ist irgendwie auch schön zu wissen, dass der Laden einen so bleibenden Eindruck hinterlassen hat, obwohl er schon seit über zehn Jahren nicht mehr existiert. 

Für mich hinterlassen auch Annchen und Peter einen bleibenden Eindruck. Durch den Einblick in ihr Haus sind sie Nicole und mir noch einmal nähergekommen; mehr vielleicht als zu Lebzeiten. Das war sehr eigenartig. Das Foto von ihnen fand ich in der Wohnzimmerschrankwand und möchte es gern behalten. Genauso habe ich sie in Erinnerung; so heiter und ohne Bitterkeit, auch wenn es das Schicksal nicht immer gut mit ihnen meinte. Es gibt viel zu wenig solcher Menschen. Auch ihre Nachhaltigkeit, ihre Zufriedenheit und ihr Zusammenhalt in der Beziehung sind beispielhaft. Und ich mochte auch ihre unkonventionelle Art, die Unerschrockenheit, neue Wege zu erkunden, die Annchen mit Mama gemein hat. Ich finde, man sieht ihnen an, dass sie ein glückliches, wenn auch nicht sorgenfreies Leben gelebt haben. 

 

Die Fensterfront im 2. Stock
 

So allmählich heißt es dann Abschied nehmen. Ich war gern in dem Haus. Hätte nie gedacht, dass das bloße Umsehen darin doch eine Aufgabe wurde, nämlich den Nachlass respektvoll mitzuverwalten. Es war nicht viel Mühe, aber es freut mich, dass wir ein bisschen helfen konnten. Ich habe bei anderen Menschen gesehen, wie deren Nachlass achtlos in Containern landete, und diese Menschen waren stolzer auf ihre Besitztümer als Annchen und Peter. Sowas tut selbst mir als weitgehend Unbeteiligtem weh. Darum war es mir eine Ehre, für die Dinge von Freunden ein neues Zuhause zu suchen.