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Montag, 7. Juni 2021

Filme in Zeiten von Corona (VIIII): "Johnny" (2010)

 Ok. Dieses Review wird schwierig. Denn erstens wollte ich den Film eigentlich nicht anschauen, weil er von einem an Leukämie sterbenden Kind handelt, zweitens erwies er sich als eine emotionale Tour de Force und drittens war er zu gut, um nicht darüber zu schreiben. Klingt sonderbar? Ist es irgendwie auch. Und trotzdem möchte ich ihn hier vorstellen in der Hoffnung, dass er viele (nicht nur gläubige) Zuschauer findet. Mich hat er berührt wie selten ein Film.



Inhalt: Der aufgeweckte und bibelfeste Johnny ist Waisenjunge, seit er denken kann. Vermitteln lässt er sich aufgrund seiner Krankheit nicht, obwohl er sich nichts sehnlicher wünscht als eine Familie. Statt aber mit seiner Situation zu hadern oder in Selbstmitleid zu versinken, findet er einen Sinn im Leben: Gott - davon ist er überzeugt - hat ihn, wie alle Menschen, für eine besondere Mission auserwählt. Er ist freundlich, pfiffig und liebevoll mit seinen Freunden und hat immer Zeit für sie. 

Als sich sein Zustand verschlechtert, überweist ihn sein Arzt Dr. Miller (Lee Majors) an den Kollegen und Freund Drew Carter (Mel Fair), der das Besondere an Johnny erkennt und die Gelegenheit sozusagen beim Schopf packt: Er könnte ihn mit nach Hause nehmen und seiner Frau (Musetta Vander) damit über den Verlust des eigenen Sohnes hinweghelfen, der bei einem Autounfall starb, an dem die Mutter beteiligt war. Meint er zumindest. Doch Julia ist voller Schuldgefühle und Verbitterung und wirft ihrem Mann Rohheit vor, will er doch anscheinend, dass Robbie ersetzt wird und die Eltern und die kleine Kayla (Aubyn Cole) mit einer weiteren familiären Tragödie fertigwerden müssen. Wird Johnny dennoch seine Aufgabe erfüllen können?

Meinung: Natürlich kann er. Klischee und Tränendrücker, sagen jetzt bestimmt einige. Und haben mit dem zweiten recht. Die Klischees werden verblüffend geschickt vermieden, was vor allem dem großartigen Jerry Phillips zu verdanken ist und den Worten, die ihm der Drehbuchautor in den Mund legt. Obwohl erst elf / zwölf Jahre alt, weiß Johnny, dass Gott ihn bedingungslos liebt und man nicht gut sein muss oder möglichst viele gute Taten tun, um Gott zu gefallen. Man muss ihn nur machen lassen, seine eigenen Talente nutzen, nach ihm fragen und ihn zum Kumpel haben. Das tut Johnny, und auf diese Weise erobert er seine Mitmenschen - selbst die, die ihn anfangs nicht mögen oder ihn in der Pause auf der neuen Schule zusammenschlagen. Als Johnny in der Klasse von Gott erzählt, applaudiert der Rowdy, der die Prügelei angezettelt hat und entschuldigt sich später bei ihm mit der Begründung, dass er es mutig findet, wenn jemand so vertraut über Gott spricht, was er noch nie zuvor gehört hätte. Johnny selbst nimmt die Entschuldigung gelassen an.

Ein Spruch, den Lee Majors seinem Kollegen Drew Carter mit auf den Weg gibt, hat mir gut gefallen: "Jesus ist ein Gentleman, Drew. Wenn du ihm nicht öffnest, kommt er nicht herein." Johnny ist offen für Jesus, zu dem er eine innige Beziehung hat - selbst inniger als die zu seiner neuen Familie, die ihn - Überraschung - letztlich doch komplett akzeptiert und adoptiert.

Geweint habe ich viel während des Films. Leicht anzusehen war er nicht, wirklich nicht. Es gibt eine Szene, in der Julia in Robbies Zimmer, das sie unverändert gelassen hat seit dessen Tod, Johnnys Football auf dem Schoß hält und sich mit ihm wiegt, während Johnny im Krankenhaus um sein Leben kämpft. Dieser Schlüsselmoment und auch der Brief der kleinen Schwester Kayla bringen mich jetzt noch fast zum Heulen. Damit möchte ich nicht sagen, dass zu dick aufgetragen wurde - ich fand den Film so wahr, dass es mir einfach mehrmals fast das Herz gebrochen hat. Und außerdem ist Johnny trotz seinem besonderen und tiefen Glauben ein Kind, das Spaß hat am Leben und auch Angst vorm Sterben, wenngleich er sicher ist, dass Jesus ihn abholt.

Gefehlt hat mir ein bisschen der herzliche Kontakt zur neuen Familie Carter. Abgesehen davon, dass Johnny mit Julia eine harte Nuss knacken muss, war eigentlich nur Kayla diejenige, die sich Zeit genommen hat für ihn. Oder aber die Filmdauer reichte nicht aus für entsprechende Szenen. Und wenn ich genau darüber nachdenke, war das vielleicht sogar beabsichtigt und kein Manko. 

 


 

Der Trailer wird dem Film nicht so ganz gerecht. Es lohnt sich, sich selbst ein Urteil zu bilden und "Johnny" anzusehen, der sehr ungewöhnlich wirkt und trotzdem authentisch. Ich werde es vermutlich nicht mehr tun, dazu war er emotional zu anstrengend, aber lege ihn uneingeschränkt jedem ans Herz, der sich nicht berieseln, sondern anrühren lassen möchte von Johnny und seiner Sicht auf die Welt, die so schön wäre, wenn alle Menschen sich lieben und einander verzeihen würden wie von Gott gedacht.


Bewertung: 💫💫💫💫💫

 


Montag, 2. Januar 2017

"Nach der Hochzeit" (2006) Review

Dank dem sexy großen Dänen (nicht zu verwechseln mit dem alten Schweden!) Mads Mikkelsen sehe ich in letzter Zeit recht viele europäische Filme und stelle fest, dass man es in der alten Welt oft ebenso gut versteht, Filme zu drehen wie in der neuen. Besonders die ruhigen, tiefsinnigen haben es mir angetan, und "Nach der Hochzeit" ist mit Sicherheit einer davon. Er war mein Silvesterfilm, und das Kontrastprogramm zur Knallerei draußen bereits von Mitternacht hat mir irgendwie gut gefallen.




Die Handlung beginnt in Indien, was zunächst ein bisschen befremdlich wirkt. Jacob Petersen ist dort in einem Waisenhaus engagiert, in dem er von Kollegen respektiert und von den Kindern heiß geliebt wird (wen wundert's?). Seine Chefin überbringt ihm die Nachricht, er müsse für kurze Zeit zurück nach Dänemark, um dort einen Deal mit einem Multimillionär in Spenderlaune abzuschließen. Widerwillig tut Jacob, was verlangt wird, feiert doch sein besonderer Schützling in ein paar Tagen seinen achten Geburtstag. Doch was tut man nicht alles für eine großzügige Spende?

Als er in Dänemark ankommt, versteht Jacob die Welt nicht mehr: Scheinbar spontan wird er zur anstehenden Hochzeit der Millionärstochter eingeladen, die sich als Tochter seiner Jugendliebe und jetzigen Ehefrau des jovialen Jorgen herausstellt. Durch eine peinsame Rede während der Hochzeit wird Jacob klar, dass er der leibliche Vater von Anne sein muss. Wütend und um seine Rechte als liebender und treusorgender Vater betrogen, spricht er mit Helene, die ihm zu verstehen gibt, sie habe ihm die Schwangerschaft verschwiegen und einen anderen geheiratet, weil sie wusste, dass Jacob selbst sich nicht um das Kind kümmern würde.

Doch die Arbeit im Waisenhaus hat Jacob verändert, und er beginnt, sich für Anne zu interessieren, die ebenfalls ziemlich geflasht ist von ihrem neuen Papa. So sehr, dass Annes Ehemann aus Frust kurz nach der Hochzeit fremd geht. Und noch mehr Katastrophen bannen sich an: Jorgen, der philantropische Millionär, ist todkrank, hat es jedoch vor seiner Familie verschwiegen; genauso wie den Plan, den er mit Jacobs Rückkehr verfolgt...

Meinung: Ja, es stimmt, der Film klingt vorhersehbar. Ist er auch, wenngleich es ein mehr oder weniger offenes Ende gibt. Was ihn so besonders macht, sind die durchweg fantastischen und emotionalen Leistungen der Schauspieler (einzig auf die melodramatische Szene, in der Jorgen von seinem Elend übermannt wird, hätte ich gern verzichtet) und die vielseitigen Talente von Mads Mikkelsen. Egal, ob er verletzt guckt, mit seiner Filmtochter in inniger Umarmung das Tanzbein schwingt oder beleidigte Achtjährige tröstet: der Mann veredelt jeden mittelmäßigen Streifen, ob europäisches Autorenkino oder Megablockbuster. Und mittelmäßig ist "Nach der Hochzeit" auf keinen Fall.




Bewertung: 



👍👍👍👍



Samstag, 17. Dezember 2016

Stephen King made in Germany: Die Tür (2009). Ein Magical Thriller mit Mads Mikkelsen

Ich liebe Mads Mikkelsen. In letzter Zeit ist er meine Nummer Eins. Das geht soweit, dass ich mir sogar die Serie Hannibal besorgt habe, obwohl das Thema so gar nicht mein Ding ist. Mystery schon eher, und darum habe ich nicht gezögert, mir diesen Film anzuschauen, auch wenn Jessica Schwarz und Heike Makatsch in einer kleinen, aber bedeutenden Gastrolle nicht gerade glänzen (Vorsicht: Subjektive Meinung!).





Die Handlung: Der Maler David Andernach und seine Frau Maja (Jessica Schwarz) haben sich nicht mehr viel zu sagen. Abwechselnd passen sie auf die kleine gemeinsame Tochter Leonie auf und leben ansonsten aneinander vorbei. Als David seine Pflichten als Vater vernachlässigt und stattdessen auf einen Seitensprung bei der flippigen Gina (Heike Makatsch) vorbeischaut, geschieht das Unglück: Leonie - notorisch mit ungebundenen Schnürsenkeln unterwegs - fällt in den Pool, wobei sich ihre Schnürsenkel derart verheddern, dass sie nicht mehr an die Wasseroberfläche gelangt. David kommt zu spät und kann nur noch ihren leblosen Körper bergen.

Fünf Jahre später haben sich Maja und David schon lange getrennt. David plagen Schuldgefühle und die Trauer um Leonie, Maja letzteres und Hass und Verbitterung auf den Exmann. Da erhält David unverhofft eine zweite Chance: er findet eine magische Tür, die ihn in der Zeit zurückkatapultiert; genau an den Tag, an dem Leonie ertrinkt. Er rettet sie, doch die Tat hat ihren Preis: er ist gezwungen, den ersten David umzubringen, um nicht aufzufliegen. Sein Geheimnis hütet er gut, doch Leonie ist misstrauisch, hat sie Paps Zwei doch heimlich dabei beobachtet, wie er Paps Eins zur Strecke bringt. Als David seinem besten Freund und Malerkollegen Max die Tat beichtet, glaubt dieser ihm nicht, bis er den im Garten verbuddelten ersten David findet. Bevor er der Polizei davon berichten kann, wird er vom Nachbarn kaltgestellt, der wie David die magische Tür kennt und ihm von einer Parallelwelt erzählt, in der die Zweitausgaben der gesamten Dorfbewohner allmählich das Zepter übernehmen...

Meinung: Die Geschichte klingt spannend, dramatisch und mysteriös und hält im Großen und Ganzen, was sie verspricht. Von Mystery allerdings hatte ich fast ein bisschen zu viel des Guten: weder wurde erklärt, weshalb die Parallelmenschen ihre Vorgänger auslöschen wollen (die Behauptung, die Neuen seien "besser", fand ich *meh*), noch warum es auch für mehr Leute als David nötig war, die magische Pforte zu durchqueren und vor allem, warum sie derart kriminell handeln mussten. Schließlich hat keiner der befreundeten Nachbarn ein ähnliches Trauma erlebt wie David und Maja, so dass für mich die allgemeine Anziehungskraft der Tür nicht wirklich nachvollziehbar war - insbesondere, wenn es darum geht, bei der Ankunft in die Vergangenheit als erstes sein eigenes Leben auszulöschen, das eigentlich gar nicht mehr das eigene ist. Irgendwie... mysteriös.

Aber ganz ehrlich: wen jucken Plotlücken, wenn Mads Mikkelsen blankzieht, tieftraurig guckt, einmal lächelt, die schicke Ponyfrisur zurechtstutzt und das Drehbuch bzw. seine Textpassagen komplett in passablem Deutsch (!) absolviert? Mich nicht. Daher vergebe ich trotz Erklärungsbedarf und einer bestenfalls mittelmäßigen Jessica Schwarz


👍👍👍 und ein halber  👍






Montag, 29. August 2016

Review "Wuthering Heights" (1992) nach Emily Bronte

Momentan versuche ich mich an den englischen Klassikern. Es ist ein bisschen beschämend, wenn man als quasi anglophile Autorin die Brontes und Jane Austen nur vom Hörensagen kennt. Das im Titel genannte Buch habe ich tatsächlich irgendwann mal angefangen zu lesen - und wieder aufgegeben. So sehr es wohl zu Recht ein Klassiker ist, konnte es mich nicht wirklich fesseln. Da ich aber wie die Brontes eine Vorliebe habe für einsame, schaurige Gegenden, menschliche Abgründe und dramatische Wendungen, habe ich es bequemerweise mit der Verfilmung probiert, die sich nahe an die Vorlage hält. Ralph Fiennes als Heathcliff hat seinen Teil dazu beigetragen, aber nicht wirklich geholfen, was mein Verständnis für den Stoff respektive meine Begeisterung entfacht hätte. Ich glaube fast, es ist für mich kein Versäumnis, bei britisch-literarischem Allgemeinwissen nicht zu punkten. Außer für den unwahrscheinlichen Fall, ich säße mal bei einer Quizsendung auf dem heißen Stuhl.

 

 

Die doch recht simple Handlung hat sich mir nicht im Detail eingeprägt, leider. In Emily Brontes Roman geht es um Rache und alles verzehrende Liebe, die doch keusch bleiben muss, und ich fragte mich die ganze Zeit, weshalb, waren Catherine Earnshaw (Juliette Binoche) und Heathclifff doch gar keine leiblichen Geschwister, nicht einmal entfernt miteinander verwandt. Warum die Tussi ihn nicht haben wollte und stattdessen den faden Edward geheiratet hat, blieb mir ein Rätsel. Immerhin haben sich beide in schwülstigen Ergüssen seit Kindesbeinen ihre Liebe zueinander geschworen, und was macht's, dass Heathcliff ein Zigeuner ist? Oder habe ich etwas Wichtiges verpasst?


Jedenfalls kommt seine Rache für die stumme Zurückweisung über die gesamte Familie, wenn er nicht gerade die Diva spielt und sich gekränkt zurückzieht. Die Sprache fand ich gewöhnungsbedürftig, die Dialoge fast zu symbolträchtig für alles Kommende ("Wenn du mich noch einmal küsst, Heathcliff, dann sterbe ich." - und so war es.). Catherine segnet das Zeitliche natürlich im Kindbett wie alle anderen schwangeren Frauen im Roman. Siebzehn Jahre später ergreift Heathcliff die Gelegenheit, ihre Tochter zu kidnappen, nachdem er sich bereits Hareton, den Sohn von Catherines leiblichem Bruder Hindley, unter den Nagel gerissen hat, seines Zeichens legitimer Erbe von "Wuthering Heights", was dieser jedoch nicht weiß. Ziemlich perfide, vor allem, da Heathcliff Catherines Tochter aus Habsucht mit seinen eigenen Spross zwangsverheiratet, der dem frühen Tod geweiht ist wie alle Protagonisten. Denn Heathcliffs Handeln bleibt nicht ungesühnt: als ein zufälliger Besucher von einer merkwürdigen Erscheinung des Nachts im Anwesen berichtet, weiß er sofort, dass es sich um Catherines Geist handelt, die ihn zu sich lockt. Sein Ende wird als Unfall dargestellt, und für Catherines Catherine und Hindleys Hareton beginnt ein neues Leben... (und *das* wäre doch skandalöser als eine Verbindung zwischen Catherine Earnshaw I. und Heathcliff, oder? Immerhin sind die beiden Cousin und Cousine.)

Nun muss ich mir ein wenig weibliche Oberflächlichkeit zugestehen: Trotz der schlecht sitzenden Perücke oder den lieblos angeknüpften Extentions war Ralph Fiennes ein Hingucker in dem zeitgenössischen Gehrock. Außerdem war er zu Prä-Voldemort-Zeiten einer der international gefragtesten Schauspieler auf der Bühne und im Film, und auch das hat seinen Grund. Der verschlossene und eifersüchtige Heathcliff agiert und reagiert nicht sympathisch, aber nachvollziehbar, während mir Catherine wie eine Parodie einer Frau vorkam, die in den 1800ern unabhängig dargestellt werden sollte. Viel zu aufdringlich und spöttisch, und dabei keine Spur mitfühlend, finde ich, hat sie ihr Schicksal selbst heraufbeschworen. Sympathiepunkte gab es bei mir keine. Dass ihre Tochter charakterlich in diesselbe Kerbe schlägt, war mir ein bisschen zu klischeebeladen. Schwamm drüber. Sobald sie Haretons Kind zur Welt gebracht hat, wird sie eh ins Gras beißen... wetten?

"Wuthering Heights" war mir zu morbid und zu wenig hoffnungsvoll, obwohl ich immer noch glaube, dass ich Emily und Charlotte gern mal zum Tee eingeladen hätte und wir nett miteinander hätten plaudern können. Mir gefällt, dass sie glaubwürdig Männer wie Heathcliff und Mr. Rochester aus "Jane Eyre" porträtieren, die Fehler und Unsicherheiten hatten, was selbst heute noch - besonders für weibliche Schriftsteller - eher die Ausnahme ist. Auch die unheimlichen Elemente finden meine Zustimmung und wecken mein Interesse an ihren Werken. Insofern liegen die Brontes mir näher als z.B. Jane Austen mit ihrem perfekten Mr. Darcy. Aber um mir da ein genaues Urteil bilden zu können, werde ich wohl mal einen ihrer Romane lesen müssen. Oder eine der unzähligen BBC-Verfilmungen anschauen.

Bewertung:
👍👍👍







Freitag, 15. Juli 2016

Review "Der Mann ohne Gesicht" (1993) ~ Mel Gibson - Leichte Spoiler -

Filme wie diesen muss man suchen. Eine Perle, die heute kaum jemand mehr kennt, und Mel Gibsons Regiedebüt (für die Küken unter uns: der Michael Fassbender der 1980er und 1990er Jahre), ist "Der Mann ohne Gesicht" eine Charakterstudie zweier Menschen, die sich aufgrund ihrer Andersartigkeit und der Reaktion auf ihr soziales Umfeld finden und sich gegenseitig helfen. Das Thema ist nicht neu, und dennoch habe ich es selten so sensibel und zugleich unterhaltsam umgesetzt gesehen.



Inhalt: Sommer 1968: Der zwölfjährige Charles lebt mit seinen beiden nervigen Halbschwestern und der heiratswütigen Mutter in einem Küstenort in der Nähe von Boston. Aufgrund gelegentlicher Absencen und Konzentrationsschwäche gilt er als geistig minderbemittelt und besteht die Prüfung zur weiterführenden Schule nicht. Da er jedoch unbedingt aufs College möchte, lernt er durch einen Zufall oder die Fügung den ehemaligen und schroffen Lehrer Justin McLeod (Mel Gibson) kennen, der in einem großen Haus am Rande der Stadt mit Hund und Pferd ein Eremitendasein führt. Nicht zu Unrecht, wie sich herausstellt. McLeods Vergangenheit und die Brandnarben an Gesicht und Körper stempeln ihn zum Freak und "Matschkopf" ab, und der Dorfklatsch tut ein Übriges. Charles "Chuck" Norstadt lässt sich weder von Gerüchten noch von der abweisenden Art McLeods einschüchtern, und bald entwickelt sich eine Freundschaft, von der beide profitieren. Chuck findet eine Vaterfigur in McLeod, während dieser neuen Lebensmut schöpft. Doch die Beziehung der beiden ungleichen Außenseiter bleibt nicht ohne Aufsehen und Folgen...

Meinung: Allein die Zeit, in der die Geschichte spielt, finde ich faszinierend. Retrocharme, wenn er gut gemacht ist, kann ich mich nicht entziehen. Und er war gut gemacht! Eine Citroen DS, niedliche, altmodische Küstenwohnungen, bunte Mode, das sommerliche Setting und Flower Power-Flair tragen viel zur Atmosphäre bei, und die Schauspieler wirken ebenso authentisch. Besonders Mel Gibson als McLeod liefert eine Glanzleistung. Zwar hat der Mann durchaus keinen Grund zum Lachen, doch man spürt als Zuschauer, dass er sich mit der Situation abgefunden hat, wenn auch recht widerwillig. Er gibt sich die Schuld an dem Unfall, der zu seiner Entstellung führte, meidet Gesellschaft und geht erst nach Geschäftsschluss im Krämerladen einkaufen, um niemanden zu begegnen.

Durch Chuck lernt er allmählich wieder, sich gebraucht und akzeptiert zu fühlen. Umgekehrt geht es dem Jungen genauso; seine Zuneigung zu dem älteren Mann hat fast schwärmerische Züge, und auch das war schön und unschuldig porträtiert von dem damals vierzehnjährigen Nick Stahl. Gelegentlich war er mir ein bisschen zu aufgedreht, aber naja, Chuck ist ein Prepubertierender mit Geltungsbedürfnissen, und er hat mit McLeod viel nachzuholen, was er in seinen harten ersten Lebensjahren nicht erfahren durfte. Ein wenig Klischee wie die idealisierte und dann zerstörte Vater-Sohn-Beziehung musste auch rein, aber da der Film so toll ist, war das völlig ok. Weniger toll fand ich die etwas zu schwülstige Musik von James Horner, der damals wohl schwer gefragt war. Da wären moderne Evergreens passender gewesen - bestimmt gibt es welche, die melancholisch genug sind ("Moon River" zum Beispiel, das auf einer Party gespielt wird). Oder etwas weniger Schweres.

Gänsehautmomente gab es viele. Sehr berührend ist die Szene, in der McLeod im Rahmen von Charles' Prüfungsvorbereitungen Shakespeares "Kaufmann von Venedig" zitiert, und ich glaube, ich muss die Szene youtuben.





Am allerbesten gefallen hat mir allerdings das Haus - fast schon eine Villa - in der Mel Gibson haust. Und die psychologische Komponente des Films. Nicht nur, dass sich zwei "Freaks" fanden - sie haben ihre Ängste und Schwächen mit gegenseitiger Hilfe überwunden und konnten ihrem Leben Sinn geben. Gut daran war auch, dass McLeods Vergangenheit relativ offen bleibt und man als Zuschauer nicht genau weiß, wie und wo er sein neues Leben begonnen hat und ob er am Ende kein Eremit mehr ist. Trotzdem ein stilles, hoffnungsvolles Feel-Good-Movie mit der richtigen Balance zwischen Unterhaltungs- und Besinnlichkeitsfaktor, ohne in Kitsch abzudriften.

Fazit: Hätte für mich das Zeug zum Klassiker. Aber das hat ja dann "Braveheart" ein paar Jahre später geschafft.

Bewertung:

👍👍👍👍 und ein halber  👍




Sonntag, 12. Oktober 2014

The Deep Blue Sea ~ "Weit wie das Meer" (2011)

Woran erkennt frau untrüglich, dass sie einen Schauspieler mag? Sie schaut plötzlich Filme an, die sie unter normalen Bedingungen nicht einmal mit der Kneifzange aus dem Kaufregal geholt hätte. So geschehen vor kurzem bei "Deep Blue Sea", mit Tom Hiddleston (*Schmacht*) und Rachel Weisz in den Hauptrollen.

 



Im Grunde bin ich absolut kein Liebesfilm-Fan, doch irgendwie war ich durch die Inhaltsangabe von diesem verführt zu glauben, die Geschichte einer unerlaubten Liasion in den 1950er Jahren könne mich überraschen und ähnlich berühren wie "Das Ende einer Affäre" mit Ralph Fiennes und Julianne Moore. Außerdem - Tom Hiddleston! Auf den ersten Blick so gar nicht mein Typ und äußerlich eher britisch Gentleman-mäßig blass wie Leslie Howard (wer erinnert sich nicht an Rhet Butlers schärfsten Konkurrenten in "Vom Winde verweht"?), fiel er mir erst in den Marvel-Verfilmungen als schwarzhaariger Schurke Loki auf.

Ich weiß nicht, was es ist, das ihn zumindest im Internet zu einem so begehrten Frauenschwarm macht. Die stattliche Größe von 187 cm? Der - zugegeben - perfekte und langgliedrige Body? Die leuchtend blauen Kinderaugen über den hohen Wangenknochen und sein Lachen? Der Oxfordakzent? Das alterslose und doch irgendwie gezeichnete Bubengesicht mit dem clownesken Ausdruck, der in Sekundenschnelle von traurig zu heiter wechseln kann? Seine elegisch schlanke Erscheinung, die an mütterliche Instinkte appelliert? Oder weil er sich ganz nebenbei für eine bessere Welt einsetzt und offenbar ein Kavalier der alten Schule ist? Auf jeden Fall hat er eine Leinwandpräsenz, die schier unwiderstehlich ist und bei mir nach drei Filmen gewirkt hat.

Leider nicht so richtig bei "Deep Blue Sea". Der Film war, um es kurz zu machen, eine Qual. Er basiert auf dem Theaterstück eines bereits verstorbenen Dramatikers (keine Wertung hier!) namens Terence Rattigan, und genauso muffig und miefig wurde es für die Leinwand übernommen - sechs Jahrzehnte nach seiner Entstehung.

Die profane Handlung: Die Richtersfrau Hester hat ein Verhältnis mit dem Piloten Freddie, der ihr das Gefühl gibt, als Frau begehrt zu sein im Gegensatz zu ihrem liebenden, aber mehr väterlich agierenden Ehemann. Als dieser Hester bei einem verfänglichen Telefongespräch mit ihrem Liebhaber belauscht, verweigert er ihr die Scheidung, die sie obendrein wohl gar nicht gewollt hätte, da Freddie ihr nicht die Sicherheit gibt, die sie von Gatte William gewohnt ist. Dennoch ist sie bereit, mit Freddie über alle Berge zu verschwinden, bis dieser sie brüsk zurechtweist und ihr unverblümt zu verstehen gibt, dass er sie nicht liebt und als Ehemann ohnehin versagen würde. Schweren Herzens lässt Hester nach langem Hin und Her ihren Geliebten am Ende ziehen und steht mit leeren Händen da. Doch immerhin ist da noch der langweilige William, der auf eine gemeinsame Zukunft hofft. Wahrscheinlich kehrt sie zu ihm zurück, obwohl sie Freddie verspricht, sich zu emanzipieren.

Meinung: Zu viel Kunstgedöns, kalte und trist ausgeleuchtete Bilder, zu wenig, dafür plakative Dialoge und ausgewalzte bedeutungslose und dann wieder symbolträchtige Szenen, die fast schmerzhaft anzusehen sind. Im Theater mag so etwas noch funktionieren, hier strapaziert es die Geduld der Zuschauer und zerrt an den Nerven, etwa wenn in einer Rückblende im U-Bahn-Schacht während eines Bombenalarms minutenlang "Molly Malone" von einem der Schutzsuchenden (immerhin passabel!) gesungen wird und in das alle miteinfallen. Ganz zu schweigen von dem grässlichen allgegenwärtigen Geschrammel, das man kaum als Soundtrack bezeichnen kann. Rachel Weisz hat in ihrer Rolle bei mir trotz gelegentlichem Verständis wenig punkten können - wahrscheinlich, weil die Protagonisten außer Simon Russell Beale als gehörnter, aber blutleerer Ehemann recht emotionslos und kalt geblieben sind. Nicht einmal der Hallodri Freddie hat mich überzeugt, obwohl man Tom Hiddleston außer einem blendenden Aussehen auch keineswegs Talent absprechen kann. Allerdings wurde zu viel und zu laut geschrieen. Das ist ganz ok auf der Bühne - für einen eher leisen Film wie diesen zu melodramatisch nach meinem Empfinden.

Die große Weisheit und Moral von der Geschicht' lautet: "Wahre Liebe lässt dem anderen Freiheiten und ihn ziehen, wenn er gehen möchte". Das hat bestimmt vor sechzig Jahren noch beeindruckt - heute kann ich nur müde darüber gähnen. Genau wie über die nahezu neunzig Minuten vorher.

Fazit: Nur etwas für Hardcore-Hiddleston-Fans oder Liebhaber von uralten, angestaubten Schwarzweiß-Theaterstücken, die man manchmal 1:1 auf der Mattscheibe am Nachmittag vorbeiflimmern sehen kann.


 Bewertung inklusive Hiddles-Bonus

  👍👍


Samstag, 4. Oktober 2014

Black Beauty in Zeiten des Krieges: "Gefährten" (War Horse) von 2011

Filme von Steven Spielberg sind für mich persönlich keine Empfehlung, außer es geht um "Schindlers Liste" , "Indiana Jones" oder "Der weiße Hai". Die fand ich großartig. Alle anderen, die ich kenne, sind mir zu schwülstig.





Die Geschichte des Wunderpferdes Joey macht da keine Ausnahme. Wie in fast allen Spielberg-Blockbustern entwickeln dort Tiere und Kinder besondere Fähigkeiten, die sie aus heiterem Himmel anfallen. Bei ersteren fehlt nur noch, dass sie sprechen können, und Spielberg-Kinder bzw. -Jugendliche gehen mir auf die Nerven mit ihrer altklugen Art und dem Gefühl, den dummen Erwachsenen überlegen zu sein. Die wiederum sind oft abgrundtief und hassenswert böse, so wie der feiste Grundstücksvermieter, der sich Joey unter den Nagel reißen will und den rechtschaffenen Bauern droht, ihnen im Falle einer Verweigerung die Existenz zu entziehen. Klar, das gehört zu Spielbergs Erfolgsrezept und ist sein Markenzeichen, doch ich bin vielleicht zu sehr Realist, um mich davon begeistern zu lassen. Oder ich würde gerne mal vernünftige Erwachsene in Spielberg-Filmen sehen.

"Gefährten" habe ich mir gestern auf Pro7 angeschaut, weil Benedict Cumberbatch und sein Kumpel Tom Hiddleston sich extrem sexy und hoch zu Ross ein Duell liefern, das natürlich das intelligente, pfeilschnelle und makellose Wunderpferd für sich entscheidet. Und ich muss leider sagen, dass das Rennen für mich das einzige Highlight war, bevor in den nächsten Minuten sowohl Captain Cumberbatch als auch dessen Untergebener Hiddleston das Zeitliche segnet, die beide nicht nur vor ihrem heldenhaften Ausscheiden blass bleiben wie der Rest der menschlichen Darsteller. Danach wie auch davor musste ich mehrmals ein Gähnen unterdrücken.

Die beschwerliche Odyssee des Hengstes Joey hat mich merkwürdigerweise weitgehend kalt gelassen. Das lag nicht an der Leistung des Pferdes, sondern am für mich sehr unglaubwürdigen Drehbuch und den naseweisen Kindern, durch deren Hände er geht. Ich kann mir kaum vorstellen, dass bei dieser banalen Geschichte selbst bei Kate Middleton die königliche Zurückhaltung flöten ging. Aber die Briten und die Royals im Besonderen haben ja eine erstaunlich enge Beziehung zu ihren Haustieren, wie auch "Gefährten" beweist - die bösen Deutschen schinden nämlich die treuen Gefährten des Menschen zu Tode, während Engländer und Franzosen sie als gleichberechtigte Kameraden behandeln und trotz Armut bereit sind, dafür ein Vermögen springen zu lassen. Für den klugen Hengst sowieso, denn jeder merkt sofort, wie charismatisch und besonders er ist. Bay Beauty statt Black Beauty eben.

Ja, ich gebe es zu: der Film hat emotionale Momente, und als der Schwarze, der sich ehemals zwischen den Beinen von unter Mr. Cumberbatch profilieren durfte, in "deutscher Gefangenschaft" vor Erschöpfung zusammenbricht und Joey sich besorgt und fragend schnobernd über ihn beugt, flossen die Tränchen tatsächlich ein wenig. Oder als Joey sich im Niemandsland kopflos im Stacheldraht verheddert. Das waren Szenen, die mein ehemaliges Reiterherz berührt und empört haben. Und ich war doch froh, dass es für das Pferd und den viel zu gefühligen, halbwüchsigen Besitzer Albert am Ende ein Wiedersehen und eine Heimkehr in einer effekthascherischen "Vom-Winde-verweht"-Kulisse kam, bei der das Pferd wehmütig-weise in die Ferne blickt, während seine Menschen sich trunken vor Glück und Wiedersehensfreude in den Armen liegen.

Aber auch das schien mir zu dick aufgetragen, wobei ich Melodramen durchaus nicht rundweg abgeneigt bin. Leider übertreibt es Spielberg dabei häufig, und wo die Stimmung aufgelockert werden soll, gelingt das meist nur mit Witzen und Zufällen, die so vorhersehbar sind, dass Spielberg noch überraschen könnte, wenn er darauf verzichten würde.

Fazit: Ein für viele Zuschauer tränenreiches Hollywood-Melodram, das man nicht gesehen haben muss, aber gerade bei Pferdefreunden und "Hiddlebatch"-Liebhabern (trotz der Miniauftritte) hoch im Kurs steht. Und da ich in gemäßigter Form beides bin, gibt es von mir mit gutem Willen, den ich gerne zeigen möchte, drei Sterne.


  👍👍👍