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Freitag, 30. September 2022

Theo Thede - Eine Geschichte über die einzigartigen Träume und Talente in jedem von uns ~ Martin Hahn / Franziska Vinzis

 Aufmerksam geworden bin ich auf dieses wunderschön gestaltete Bilderbuch durch die Illustratorin Franziska Vinzis, mit der ich auf Facebook verbunden bin. Ich fand das Cover und die Zeichnungen so entzückend, dass ich es gleich bestellt habe. Am nächsten Tag konnte ich es in meiner örtlichen Buchhandlung abholen und war total fasziniert von der ornamentalen Goldumrahmung. Auch die Geschichte von Theo berührt und macht nachdenklich. Guter Gesprächsstoff für Klein und Groß.



 

Inhalt: Der kleine Junge Theo Thede lebt im Land der Tiere bei Familie Wombat. Das Elefantenmädchen Emma ist seine beste Freundin. Sie will Malerin werden und ihre Bilder verkaufen. Theo ist beeindruckt, weiß er doch selbst nicht, was er später einmal machen soll. Alle um ihn herum scheinen zu wissen, was sie gern tun, was sie begeistert und wo ihre Talente liegen. Als ihm bewusst wird, dass er so gar keinen Plan für sein Leben hat, lässt er erst mal den Kopf hängen. Da kommt der weitgereiste Eisbär Onkel Thede zu Besuch. In einem Gespräch mit ihm erkennt Theo, dass Samen säen wohl auch ein Talent ist - und das macht er doch wirklich sehr gern! Er liebt es, zu säen und zu beobachten, wie die Samen durch sein Zutun groß und zu wohlschmeckenden Früchten werden. In der Nacht darauf hat er einen Traum von einem Acker mit einem Schatz darauf, den er fortan entschlossen ist, zu suchen und zu heben. Auf seiner Reise durch die Welt besteht er Gefahren, begegnet vielen Tieren, einem Hirten mit einem Buch und stellt fest, dass auch die kleinen Dinge groß werden und andere glücklich machen - etwa der köstliche Honig die Bären, die dafür aus allen Teilen der Erde angereist kommen und geduldig Schlange stehen, um ein Töpfchen zu ergattern. 

 


 

Meinung: Ich würde die Geschichte für Kinder im Schulalter ab ca. acht Jahren empfehlen, denn sie ist schon sehr komplex, in manchen Bereichen speziell, zieht Parallelen zum aktuellen Hype der sozialen Medien und wirft Fragen auf. Wer ist der Hirte, der Theo aus den Fängen des Schakals der Dunkelheit rettet und ihm verspricht, seine Bestimmung zu finden? Was ist das lebendige Wasser in der Wüste? Da ist auch Wissen der Eltern gefragt. 

Mich selbst hat Theos Reise begeistert, was vor allem an den liebevollen Zeichnungen lag. Die Symbolik in vielen beschriebenen Szenen lohnt es, ergründet zu werden, denn gerade das macht "Theo Thede" zu einem anspruchsvollen Kinderbuch. 

 



Was die Frage der Bestimmung und den Begabungen angeht, hatte ich zunächst ein bisschen Schwierigkeiten (dieser Artikel gibt Aufschluss darüber, weshalb). Doch nachdem ich länger darüber nachdachte, war klar, dass Theo ebenfalls nie daran dachte, etwas Großes, Weltbewegendes auf die Beine zu stellen. Dass es sich später so entwickelt, ist einzig seiner auf den ersten Blick "banalen" Freude zu verdanken, etwas wachsen zu lassen. Mithilfe des Hirten und dem Buch, das dieser ihm als Ratgeber mit auf den Weg gibt, gelingt es Theo, Großes zu bewegen. Er schließt Freundschaft mit dem fremden Mädchen Marie und kann gemeinsam mit ihr noch Größeres bewirken. All das ergibt sich erst im Laufe seiner Reise. 

Genauso ist es auch im richtigen Leben: Gemeinsam ist man stärker und kommt zum Ziel. Vielleicht nicht auf geradem Weg, aber wenn man unbeirrt bleibt und sich von Rückschlägen nicht entmutigen lässt so wie Theo, dann hat jeder etwas von dem, weswegen man auf der Erde ist. Mit Leistung hat es nichts zu tun, wie das schöne, altbekannte Beispiel am Anfang des Buches zeigt, als es um die Versetzung in die nächste Klasse geht. Da taten mir alle leid, die keine Affen waren - sie bleiben buchstäblich sitzen und haben keine Chance auf ein Vorwärtskommen, obwohl sie ihr Bestes gegeben haben, der Aufgabe zu entsprechen. 

Nein, das, was man gut kann, ist es, was dich und andere weiterbringt. 

Theos Botschaft finde ich sehr wichtig. Ich werde das Buch allein schon wegen dem schönen Einband und der Zeichnungen in Ehren halten und auch gern verleihen. 

Zu beziehen ist das Buch direkt bei Entfalt-Media oder über den Buchhandel. Eine klare Empfehlung für Geburtstage und Weihnachten!

 

Bewertung: 💫💫💫💫💫

 

 

 

Dienstag, 20. September 2022

Queen Elizabeth und ich...

 ...haben auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam. Ich bin nicht einmal Fan der königlichen britischen Familie und interessiere mich weder für ihre Skandälchen noch für einen Prinzen. Der trotz ihrer 96 Jahre doch relativ unerwartete Tod der Queen am 8. September hat mich dennoch erschüttert. Tatsächlich habe ich am nächsten Tag auch ein bisschen geweint und getrauert, als ich es habe sacken lassen. 

 

 

Warum mich ihr Tod so traurig gemacht hat, konnte ich nicht einmal genau sagen. Viele, die wie ich nicht britisch, extrem anglophil und / oder Fans der Monarchenfamilie sind, meinen, es läge daran, dass sie eben immer da war. Man kennt es nicht anders, und das ist ungewohnt und verursacht Unbehagen. Auch auf nichtbritischem Boden. Sicher mit ein Grund. Siebzig Jahre als Staatsoberhaupt sind eine lange Zeit. Aber ich fand noch einen zweiten Grund, der für mich persönlich mehr Gewicht hat. Obwohl ich wie erwähnt kein Fan bin, mochte ich die Queen und ihren verstorbenen Ehemann Prinz Philip schon zu deren Lebzeiten, wobei Prinz Philip mit seinem skurrilen Humor, der oft politisch unkorrekt gefärbt war (vermutlich ohne böse Absicht), noch einen Tick cooler wirkte als Elizabeth. 

Während seiner Beisetzung unter Corona-Auflagen letztes Jahr sah man die Queen ganz allein in der Loge sitzen, und ich dachte mir, dass - obwohl man ihr von außen nichts anmerkte - sie ihn bestimmt sehr vermissen wird. Er war derjenige, der alles mit ihr geteilt hat, buchstäblich immer hinter ihr stand und sie zum Lachen gebracht hat. Diese unverbrüchliche Treue und Liebe waren etwas, das mich sehr beeindruckt hat. Man stellt sich die Engländer immer ziemlich distanziert vor, und als Königin und Prinzgemahl haben Elizabeth und Philip in der Öffentlichkeit ja auch selten bis nie Gefühle gezeigt. Trotzdem hatten sie wohl viele gemeinsame Interessen (z.B. Dudelsackklänge, Hunde und Reiten) und waren ein eingespieltes Team, das viel gemeinsam erlebt und gemeistert hat.

 


Und was vielleicht am wichtigsten ist: Sie nahmen sich selbst nicht so ernst oder wichtig wie andere Königsmitglieder, die durch die Regenbogenpresse geistern. 

Was nicht das Verdienst der Queen schmälert, mit ganzer Kraft ihrem Volk gedient zu haben. Irgendwie scheint sie jeden angesprochen zu haben, von Working Class bis Upper Class, selbst im nun bröckelnden Commonwealth hatte sie Respekt, und sie hat es schon als junges Mädchen vor ihrer Zeit als Regentin verstanden, den Briten in Krisenzeiten Mut zu machen. Davon sollten sich die Politiker mal eine Scheibe abschneiden, die aktuell die schlimmsten Horrorszenarien orakeln. 

Es lag wohl an ihrem Glauben, dass Queen Elizabeth eine so imponierende und würdevolle Persönlichkeit war, die zwar nie Interviews gab, aber immer für Versöhnung, Zusammenhalt und Unerschütterlichkeit stand. Ein Fotograf meinte, sie habe von innen heraus gestrahlt und jeden Raum erhellt, den sie betreten hat. Menschen wie sie werden fehlen in zukünftigen Generationen. Menschen, die tatkräftig und entschlossen sind und dabei warmherzig, freundlich, demütig und humorvoll bleiben. Ganz ehrlich, ich gebe es zu: viel wusste ich nicht über diese kleine große Frau, bis ich ein paar Dokumentationen anlässlich ihres Todes gesehen habe, nach denen ich das Bedürfnis hatte, mich voller Sympathie und in stiller Ehrfurcht zu verneigen. 



Für meine Tränen habe ich mich nicht geschämt, nachdem mir klar wurde, dass es so bald keine zweite Queen mehr geben wird - eine Queen, die mir trotz ihrer anerzogenen Etikette zutiefst mütterlich und menschlich erschien und das Beste aus ihrem Monarchendasein gemacht hat. 

Und wie Paddingtonbär möchte ich sagen: "Thank you, Ma'am. For everything."

 







Donnerstag, 15. September 2022

Milan ~ eine Leseprobe

Eine meiner ersten Geschichten war "Milan", welche die Beziehung zwischen einem erfolgreichen Theaterregisseur und seiner wesentlichen jüngeren Partnerin beleuchtet.
Sie ist ein wenig bis ziemlich altmodisch, da sie in den 1970er angesiedelt ist; ein Jahrzehnt, in dem Frauen erstmals gegen ihre Rolle als Vollzeit-Mama und Hausfrau aufbegehrten, Selbstverwirklichung suchten und die erste Ausgabe der "Emma" erschien. Und weil die Erzählerin alles andere ist als selbstbewusst. In ihren frühen Zwanzigern, macht sie sich viele Gedanken und lernt mit Milan, ihre traumatische Kindheit aufzuarbeiten. Die beiden haben ein recht ambivalentes Verhältnis; sie ist nicht einmal sicher, ob sie ihn liebt oder nur braucht, um sich weiterzuentwickeln auf dem Weg in ein selbstbestimmtes Leben. Was sie über sich und Milan herausfindet, lässt sie weitere Schritte gehen, die sie zu Beginn ihrer Beziehung nicht gewagt hätte.
 
 

 


Obwohl "Milan" mit 236 Seiten eher eine Kurzgeschichte ist, erlebt die Ich-Erzählerin Höhen und Tiefen an der Seite ihres rätselhaften, aber unerschütterlichen Liebhabers und Mentors.

Hier kommt die Leseprobe (diesmal ohne Jump Break, da sie relativ kurz ist). Für moderne Ohren klingt sie wahrscheinlich ein bisschen sexistisch von Milans Seite und blondchen-naiv von Seiten der jungen Frau. Doch ich versichere, zumindest Milan ist nicht so, wie es scheint.


***


Er bleibt immer ein Rätsel, er hat keine Geschichte in dem Sinn wie ich eine habe, ich glaube, niemand kennt ihn wirklich, nicht einmal Maria. Die Sache mit Frederic ist alles, was ich von ihm weiß, wirklich weiß, alles andere haben Leute zusammengedichtet, die ihm nur flüchtig auf der Straße begegnet sind, die ein liebenswürdiges Grüß Gott mit ihm gewechselt haben, um sich hinterher verstohlen anzuschubsen: War das nicht-?

Ich kenne weder seine Vergangenheit noch seine Ziele, vermuten kann ich viel, aber die führen nicht zum gegenseitigen Verständnis, wahrscheinlich versteht keiner von uns beiden den anderen, wobei Milan der größere Heuchler ist. Ich gebe mir schon gar keine Mühe mehr, ihn zu verstehen. Doch ich will wissen, warum er mich fesselt, und was würde ich tun, falls er mich gehen lässt. Bin ich nicht im Gegenteil froh darüber, von ihm beherrscht zu werden? Jemanden zu haben, der über einen wacht, der aufpasst, dass man keine Fehler macht, und wenn doch, einen tröstet in der Not? Muss jede Beziehung nicht darauf hin wachsen, nicht umsonst heißt es in der Bibel "Die Frau sei dem Mann Untertan". Oder ist es altmodisch, deute ich es falsch? Wie denkt Milan darüber? Bei nächster Gelegenheit werde ich ihn fragen.

Milan: Wie kommst du jetzt wieder darauf, ich habe jetzt wirklich keine Zeit, ich muss dieses Buch zu Ende schreiben, vielleicht ein andermal -
Ich: Aber es steht dort ganz klar, dass die Frau sich dem Mann unterordnen soll. Ich kann das einfach nicht glauben, gerade in unserer Zeit -
Milan: Meinetwegen schließ dich der Frauenbewegung an.
Ich: Das ist nicht, worauf ich hinauswollte; ist es zuviel verlangt, zu fragen, was du davon hältst?
Milan: Der liebe Gott wird seine Gründe gehabt haben, dieses Gesetz zu erlassen. Ich maße mir nicht an, klüger zu sein als Gott.
Ich: Also hat es noch Gültigkeit für dich?
Milan: Du musst zugeben, es ist kein schlechtes Gesetz für die Männer. Es würde mich interessieren, warum dich das beschäftigt.
Ich: Ich habe viel Zeit, viel mehr als ich bräuchte, da ist es mir doch wohl erlaubt, mich mit unnützen Dingen zu befassen.
Milan: Wer spricht denn von unnützen Dingen, ich finde es gut, dass du dir Gedanken machst, aber musst du ausgerechnet jetzt darüber debattieren?
Ich: Willst du mich behalten?
Milan: Ich halte dich nicht. Ich halte niemanden.
Ich: Dann lasse ich mich halten von dir.
Milan: So wird es wohl sein.

Was ist so schlimm daran, Geborgenheit zu suchen, ist es verachtenswert, sich auf andere zu stützen, schwach zu sein, manchmal still in den Armen des anderen zu weinen, sei es aus Freude oder Unglück. Ich schäme mich nicht mehr meiner Tränen, er nimmt sie gelassen hin, doch begreift sie nicht, er ist eben anders. Unsere Gespräche bringen mich fast immer zum Weinen, ich weine mit oder ohne Tränen, doch jedes Mal enden sie schmerzlich, jedes Mal lässt er mich in eine Leere fallen, aus der es kein Entrinnen gibt. Doch ich will nicht ungerecht sein, denn er ist der einzige, dem ich alles anvertraue, niemandem sonst könnte ich erzählen, was ich ihm erzählt habe, und von niemandem sonst könnte ich mich ohne Vorbehalte berühren lassen.


xxolaxx / Pixabay

Freitag, 19. August 2022

Leseprobe "Ein Spiel zu viel" (III)

 Manchmal gönne ich mir den Spaß und lese in meine eigenen Bücher rein. Viele davon sind nun nicht mehr ganz taufrisch, und trotzdem gefallen mir meine Geschichten en gros noch immer. 

"Ein Spiel zu viel" ist kein einfaches Buch. Es geht um Eifersucht, Verlustangst, das Verselbständigen einer Gruppendynamik und um einen Vater und seinen Adoptivsohn, die nach Jahren wieder aufeinandertreffen - der Vater Raphael Blake dabei ohne Ahnung, dass es sich um seinen unangepassten, ein wenig psychotischen Sohn handelt, der diesen durch eine Verkettung von Umständen wiedersieht und der mittlerweile als Theaterschauspieler ein Pseudonym angenommen hat. 



Bei der Einordnung des Genres habe ich mich seinerzeit etwas schwergetan. Es ist am ehesten vermutlich ein historischer Psycho-Thriller der unblutigen Art, in dem fünf junge Schauspieler einen Trip nach Sherborne im Südosten des Landes machen, wobei Irving Van Sander, der "Anführer" der Clique, damit eine recht perfide Absicht hegt. Der "Landurlaub" stellt sich als wenig erholsam für alle Beteiligten heraus, denn Irving sinnt auf Rache für seinen Liebhaber Galen und fürchtet zugleich, ihn an Raphael Blake zu verlieren. 

Von Blakes leiblichem Sohn Zachary, der seinen verschollenen Bruder aus Gründen schon lange sucht, erfuhr Irving, dass Galen dessen Adoptivsohn war und von Blakes Frau misshandelt und verstoßen wurde. Blake selbst glaubt, er sei tot.

Das Cover hat sich mittlerweile geändert und sieht so aus: *Klick*

Hier kommt die Leseprobe, in der Raphael zum ersten Mal vage dämmert, wen er möglicherweise als Gast bei sich aufgenommen hat. 

Sonntag, 14. August 2022

Eine Biografie von Francis und Eugene "Florey" Fairlight aus meinem Roman Fairlight.

 Viele Autoren geben ihren Charakteren eine Biografie, bevor sie beginnen, die Handlung weiterzuentwickeln. Manche machen sich akribisch Angaben zu Herkunft, Größe und Aussehen der Protagonisten, was bisweilen hilft, keine Widersprüchlichkeiten über das Äußere der Figur im Manuskript niederzuschreiben (schon oft gelesen, dass aus grünen Augen auf einmal blaue wurden?). Ganz so gründlich bin ich nie gewesen, doch auch ich habe eine genaue Vorstellung davon, wie meine Figuren aussehen und woher sie stammen.

 In meinen gebundenen Manuskripten mit der Rohfassung finden sich einige Skizzen, meist von meiner Schwester angefertigt, die meinen Geschmack und meine Interessen auf vielen Gebieten teilt. Ich war etwas gerührt, als ich neulich "Fairlight" durchgeblättert habe und dort diese Zeichnung auf der ersten Seite fand. Nicht nur optisch sind die beiden jungen Männer perfekt eingefangen, auch ihr jeweiliger Charakter und ihr Temperament kommen fantastisch zur Geltung.


Francis und Florey, ©Nikky Wirth


Francis, der ältere, ist mit Anfang Dreißig ein Zyniker; eine Eigenart, die sich mit der Teilnahme als Soldat im Ersten Weltkrieg wohl verstärkt hat. Er gibt sich Fremden gegenüber unnahbar, fast feindselig, ist aber impulsiv und vor allem besitzergreifend in Bezug auf seinen jüngeren Bruder Eugene, als dessen Beschützer er sich nicht nur gefällt, sondern diesen Schutz auch als Notwendigkeit sieht. Denn Florey ist nicht "normal". Schon als Junge fällt er durch Pyromanie und paranoides Verhalten auf, das später von den zufällig auf Fairlight House gestrandeten Medizinern als Schizophrenie diagnostiziert wird. 

Beide sind nicht die biologischen Söhne von Chester Fairlight, der mit zwei weiteren Söhnen auf dem großen Anwesen lebt, doch ihre Herkunft bleibt lange Zeit im Dunkeln. Florey lernt erst spät die englische Sprache, und auch Francis spricht sie als Jugendlicher nur gebrochen. Innerhalb der Familie lösen die Exoten seit ihrer rätselhaften Ankunft zwiespältige Gefühle aus - vor allem der unberechenbare und doch weltfremde Florey muss viel einstecken, sowohl vom Alten als auch von den Geschwistern. Mit Neunzehn ist er eigentlich bereits erwachsen, aber häufig handelt er wie ein Kind, das keine Regeln kennt. Austeilen kann er auch und ist sich seines Status als gutsituierter Fairlight-Spross besonders im Umgang mit den Dienstboten wohlbewusst. Doch seine Arroganz resultiert aus Unsicherheit und der Tatsache, dass er auf Fairlight keine Zuneigung erfährt außer der von Francis. Und die ist nicht immer rein brüderlich und manchmal ziemlich anstrengend. Allerdings vergöttert Florey seinen launischen Bruder trotz dessen Fehler und der mitunter derben Art, die in Sekundenschnelle zu fast zärtlichen Liebesbekundungen wechseln kann.


Aleviva-Medien / Pixabay

Auch wenn Francis bei einigen Lesern und Leserinnen Unverständnis weckt, war er mir beim Schreiben am nächsten. Ich mochte ihn von Anfang an, eine seit früher Kindheit gebrochene Seele, deren Gefühle sich nicht steuern lassen und in manchen Szenen hochgehen wie eine Granate (der etwas unglückliche Vergleich vor dem Hintergrund des Krieges sei mir verziehen). Mir gefallen störrische Figuren wie er, die im tiefsten Inneren ein weicheres Herz haben, als sie es vor anderen zuzugeben bereit sind.

Wer mehr über die beiden erfahren möchte, kann sich das Buch als Print oder Ebook bei Amazon bestellen.



Samstag, 13. August 2022

"Wiedersehen in Hannesford Court" ~ Martin Davies

Selten, dass ich einen Roman lese, der, mal wieder als "typisch britisch" beschrieben, mich dermaßen im Dunkeln gelassen hat, dass ich das Buch leicht verärgert zugeschlagen habe. Vielleicht war aber das, was im Klappentext stand, gar nicht das Wesentliche, sondern die Tatsache, dass es eine Vorgeschichte dazu gibt, in der sämtliche Figuren Mitwisser sind außer dem Protagonisten. Dann hätte der Plot bedingt etwas wahrlich Raffiniertes.



 

Inhalt: England, 1919: Captain Tom Allen, ein Freund der Familie Stanbury, kehrt aus dem Krieg zurück und erhält eine Einladung nach deren Anwesen Hannesford Court in Devon, um dort den Jahreswechsel zu feiern. Er erhält außerdem einen Brief von Freddie Masters, ebenfalls ein Freund der Familie, in dem er gebeten wird, den Tod des deutschen Professors Schmidt genauer zu untersuchen, der sich kurz vor Ausbruch des Krieges während des Rosenballs der Stanburys ereignet hat. Auch die Gesellschafterin Anne Gregory trifft dort ein, die Tom in die delikate Natur seiner Mission einweiht. Der Besuch weckt viele Erinnerungen, viele unausgesprochene Gefühle und Dinge, die man den gutbetuchten und distinguierten Stanburys nicht zugetraut hätte... und dann muss Tom auch noch einen Nachruf auf Harry beim Gedenkgottesdienst zum besten geben, obwohl er den ältesten Stanbury-Sohn kaum kannte.

 

Alice_Alphabet / Pixabay

Meinung: Erzählt wird die Geschichte abwechselnd von Tom Allen und Anne Gregory, was ich bisweilen ein bisschen irritierend fand. Auch mit den Zeitabschnitten bin ich nicht so ganz klar gekommen - was war Pre-WW1 und was Post-WW1, welches Ereignis dazwischen. Um das zu unterscheiden, muss man wohl ziemlich flott und aufmerksam sein beim Lesen, und ganz ehrlich, ich war es nicht wirklich, dazu war mir das Ganze zu viel Geplätscher mit Bällen, Jagdausflügen und Müßiggang der Reichen. 

Das Buch ist trotzdem recht unterhaltsam geschrieben, auch die Stanburys und die Schrecken des "Great War" sind gut dargestellt. Sympathisch war mir indes niemand; nicht der gutmütige Tom, nicht die scheinbar unscheinbare Anne, und schon gar nicht die Familie Stanbury. 

Überhaupt, die Verwandtschaftsverhältnisse und Geklüngel waren - nach alter englischer Tradition - ziemlich verzwickt, am Ende dann aber schlüssig. Vielleicht war die Aufforderung Freddie Masters', den Tod des Professors aufzuklären, nur ein Vorwand, denn ich war, was das betraf, nicht schlauer als am Anfang. Ansonsten gab es wenig Überraschungen: den verbitterten jüngeren Sohn, der nun das Anwesen erben wird und es dabei abgrundtief hasst, ihm gegenüber die unwiderstehlichen Geschwister, die jeden um den Finger wickeln und von denen der gefallene Bruder nun in den Heldenstatus gehoben wird. Ich fand das ein bisschen zu konstruiert, zu flach. Zumal Harry, um den es in der Hauptsache geht, als nur Nebenfigur auftaucht und für den Leser kaum greifbar wird. Ich glaube, er spricht nicht einmal einen einzigen Satz. Das war schade, weil ich gerne mehr über ihn gewusst hätte, dem geborenen Siegertypen, der Schwierigkeiten gekonnt umschifft und in der Regel charmant, aber auch entschlossen seine Ziele erreicht. 

Psychologisch betrachtet, ist der Roman nicht uninteressant, und auch geschichtlich hat er mich überzeugt. Allerdings waren in der Geschichte zu viele angefangene Fäden, die ich gern zu Ende gesponnen gesehen / gelesen hätte. 

 

Bewertung: 💫💫💫


Sonntag, 7. August 2022

A walk down memory lane - die Gartenstadt.

 ... sagt der Engländer, wenn er sich auf die Spuren der eigenen Vergangenheit bzw. Kindheit begibt. Und genau das habe ich getan. Wortwörtlich. Nicht, dass ich nicht öfter in Stadtvierteln unterwegs bin, zu denen ich liebevolle Erinnerungen knüpfe. Aber irgendwie führten mich meine Schritte an diesem faulen, heißen Sonntagmorgen in die sogenannte Gartenstadt, obwohl ich eigentlich woanders hinwollte. Und mit einem Hauch von Wehmut habe ich festgestellt, dass in dieser Gegend ein bisschen die Zeit stehengeblieben ist.


Detail eines alten Brunnens

 

Uralte Sandsteingemäuer, Einfamilienhäuser mit 1960er- und 1970er Jahre-Flair und enge, altmodische "Schleichwege" zwischen den Häusern und Spielplätzen lassen das Viertel anders wirken als die übrigen Gebiete der Stadt. Heimeliger und sicher. Fast wie aus der Zeit gefallen. Ein wenig wie früher, als ich mich mit meinen Freundinnen dort verabredet hatte. Viele von ihnen wohnten nämlich in der Gartenstadt (wofür ich sie gelegentlich beneidete, obwohl wir auch ein großes Grundstück mit Garten hatten). Und merkwürdigerweise hat vieles auch noch denselben Charme. Bisher wurde die Gegend von den Bausünden der 2000er Jahre verschont.


Schee, gell?

 

Natürlich gibt es hier und da auch Neuerungen, die in einer so altmodischen Umgebung dann aber auch erstaunlich massiv und störend ins Auge fallen. Etwa ein kastenförmiger Anbau des kleinen Häuschens von Bekannten, von dessen Interieur ich als Kind entzückt war (ich weiß noch, dass es eine Art eingerahmtes Podest im Wohnzimmer gab, wo gelegentlich Kaffee im kleinen Kreis getrunken wurde). Manchmal würde ich die Häuser meiner inzwischen erwachsenen Freundinnen gern wieder besuchen. Die meisten wohnen allerdings nicht mehr hier, und vielleicht sind auch deren Familien weggezogen, wenngleich ich den Vater einer Freundin noch ab und zu in der Stadt radeln sehe. 

Attraktiv ist die Gartenstadt vermutlich nicht mehr wirklich in ihrer Stetigkeit, die viele vermutlich als spießig bezeichnen würden. Außerdem liegt sie ziemlich steil am Hügel mit teilweise langen Haustreppen und bietet wenig Wohnraum, dafür mehr Grünflächen, mit denen der moderne Mensch nicht mehr viel anfangen kann oder will. 




In meinem Viertel wohnen mittlerweile sehr viele Migrantenfamilien, was vielleicht auch einer von mehreren Gründen dafür ist, dass ein hässlicher Betonklotz nach dem anderen hochgezogen und das, was ich von früher kannte, plattgemacht wird. Alles sieht seelenlos und grau aus - kein Vergleich mit den schnuckeligen Häusern und dem ewigen Hinterhofcharme der Gartenstadt. Ich hoffe, dass das dort noch lange so bleibt.



Dienstag, 19. Juli 2022

Hitze oder "Schaukelsommer"? Lasst uns mal übers Wetter sprechen.

 Bestimmt bekommt es jede/r mit, der Nachrichten hört und Social Media nutzt: Der Sommer wird zur unberechenbaren Bedrohung. Und ich frage mich, warum eigentlich. Hat Panikpapst Karl L. nach Corona nun auch das Klimazepter übernommen? Wird nach dem Virus nun auch die Sonne die Menschheit nach und nach dezimieren? Gibt es eine Spritze dagegen? 

Spaß beiseite. Mal als "Hitzewelle" und dann wieder als "Schaukelsommer" tituliert, macht man aus den heißen Tagen im Jahr meines Erachtens eine größere Katastrophe, als sie ist. Heiße, trockene Sommer gab es nämlich bereits vor hundert Jahren. Der heißeste wurde - wenn meine Quelle aus den Radionachrichten stimmt - in den 1940er Jahren gemessen.

 

NickyPe / Pixabay


Ganz klar, der Klimawandel ist da und nicht zu verharmlosen (genau wie Corona auch, von der jetzt trotz steigender Inzidenz kein (Medien-)Mensch mehr spricht). Aber das wusste man bereits vor vierzig Jahren, wobei ich hier nur einen Beweis anführen möchte, der im folgenden Song von 1983 auftritt. Ich kenne die politische Gesinnung von Peter Schilling nicht, doch damals demonstrierten nicht nur die Grünen für einen sensibleren Umgang mit der Erde. Viel gebracht hat es leider nicht, und irgendwann geriet das Ansinnen einiger "Ökofreaks" in Vergessenheit, bis Greta Thunberg auftauchte.





 Es ist wichtig, dass das Bewusstsein (erneut) geschärft wird für das, was rund um den Globus geschieht: Naturkatastrophen, Gletscherschmelze, Regenwaldrodung. Denn all diese Dinge holen uns ein, wenn sich nichts ändert. Da ist nicht nur die Politik zum Handeln aufgefordert, sondern jeder Einzelne. Gerade darum finde ich, ist es mit rotblinkenden Hitzewarnungen auf Smartphonedisplays nicht getan. Der Hitze kann man ein Schnippchen schlagen, wenn man ausreichend Wasser trinkt, sich am besten im Schatten oder in der verdunkelten Wohnung aufhält und nicht ständig darüber lamentiert. Der nächste Regen kommt bestimmt... oder doch nicht? Keiner weiß es so genau, und genau hier hakt es auch. Ich weiß es auch nicht. Ein Patentrezept dafür, wie man die Entwicklung aufhält, gibt es nicht. Und selbst wenn, so bezweifle ich, dass es praktisch durchführbar wäre. Man müsste auf so vieles verzichten. Vielleicht sogar das Internet runterfahren - was für ein Jammer! Die gesamte Weltwirtschaft läge brach, und das wäre nur die Spitze des Eisbergs, um beim Thema zu bleiben.


jasongillman / Pixabay


Eines ist klar: der Klimawandel (den es übrigens immer gab - man denke an die verheerende Eiszeit) ist uns Menschen gefährlich, nicht aber der Natur. Die überlebt und regeneriert. Der Natur sind wir Menschen piepegal. Wenn wir uns für die Umwelt einsetzen, dann tun wir das letztendlich für uns. Daher sollte jeder überlegen, wie er in kleinen Schritten anfängt, weniger Müll zu produzieren, weniger Wasser und Strom zu verbrauchen (sehr aktuell auch durch den Ukrainekrieg) und auf Dinge verzichten, die nicht wirklich sein müssen. Warum das so schwer ist, verstehe ich irgendwie nicht. 

Na gut, es gibt vieles, was ich nicht verstehe. Auch die Panik vor dem Sommer nicht. Ich liebe heiße, träge Sommertage seit meiner Kindheit und kann mich an "schlimmere" erinnern. Mit vernünftigen Maßnahmen und Einschränkungen sollte ein Sommer mit weit über 30°C keine lebensbedrohliche Situation sein, und sie ist es auch nicht. Vielleicht liegt es eher daran, dass immer mehr Menschen - und nicht nur ältere - medizinisch "überversorgt" sind, so dass der Körper mit kleineren Anstrengungen nicht mehr Schritt halten kann. Und dass sich viele der Natur hilflos ausgeliefert fühlen, statt sich als Teil von ihr zu sehen. Vielleicht eine gewagte These, aber zum Nachdenken auf jeden Fall nicht aus der Luft gegriffen (huch, ich mag meine pfiffigen Wortspiele).

In diesem Sinn nehme ich jetzt ein kühles Fußbad.



Dienstag, 12. Juli 2022

Neue Freiheit Nr. 2

 Nachdem meine beiden Katerchen Mikkel und Toby den Balkon zum Outdoor-Katzenreich erklärt haben (auf dem Geländer zwischen den Pflanzkästen hat jeder von ihnen mittlerweile seinen eigenen Logenplatz, der vor allem abends fleißig genutzt wird), wurde Ende letzten Monats endlich auch der Vorgarten katzensicher gemacht. Nach Jahrzehnten ohne Begrenzung zur Straße gibt es nun wieder einen Zaun, der auch den direkten Nachbarn ausnehmend gut gefällt und nach ihren Worten den Garten aufwertet, der vorher ein bisschen vernachlässigt gewirkt hat. 

 

Interessantes unter dem Balkon.

 Und wir sind happy nicht nur für die Burschis, sondern auch deswegen, weil der Bereich vor dem ehemaligen Laden nun einen etwas privateren Anstrich bekommen hat, der schon lange fällig war. Mussten wir uns doch vor allem im Sommer über ungebetene nächtliche Gäste unter der Linde wundern, die häufig ihren Müll im Garten ließen oder den Baum sogar als Pinkelplatz nutzen, wenn nebenan Straßenfeste bis spät in die Nacht stattfinden.

 

Bull of the Woods

 

An schönen Tagen fußeln Mikkel und Toby bereits am Morgen eifrig nach draußen. Mir kommen sie dabei oft vor wie kleine Jungs, die am Tag vorher ein faszinierendes Spiel erfunden haben und es so bald wie möglich weiterspielen möchten. Denn obwohl wir dachten, es wäre ihnen bald langweilig, immer im selben Stück "Urwald" herumzustreifen, ist das nicht der Fall.


Mikkel geschickt beim Steine "schurcheln".


Wir sorgen zwar für einiges an Abwechslung und Neues im Garten wie eine Vogeltränke (keine Sorge, es kam noch kein gefiederter Freund zu Schaden, und das wird auch so bleiben), ein improvisierter Katzenpool und Kartontunnels, aber das Schönste für beide ist es, im Freien zu balgen oder sich gegenseitig hinter Farnen und zwischen Sträuchern zu erschrecken. Da immer jemand von uns dabei ist, haben wir oft viel zu lachen, wenn sie ihre Eskapaden und Luftsprünge aus dem Stand zum Besten geben. Sogar Passanten bleiben stehen, um ihnen eine Weile zuzusehen oder Leckerlis vorbeizubringen. 

Trotz Zaun kommt man leichter ins Gespräch mit Leuten als vorher, die neugierig näherkommen, einfach nur zuschauen oder auch Interesse am Gebäude bekunden, das sie nur als ehemaliges Bastelgeschäft kennen (und das gibt es bereits seit fast zehn Jahren nicht mehr in dieser Form).

 


 

Heute neu hinzugekommen zu unserem Katzenwundergarten ist ein solarbetriebener Krugbrunnen, der bis jetzt allerdings wider Erwarten keine große Beachtung findet. Ich freue mich trotzdem darüber, denn ein Brunnen im Garten wollte ich schon lange haben. Und dieser ist von der Größe und Handhabung einfach (und) toll und außerdem sehr dekorativ, ohne kitschig zu sein.



 Es ist eine richtige Aufgabe und völlig anders, Wohnungskatzen zu unterhalten im Vergleich zu unseren vorigen Freigängern, die sich ihre Abenteuer selbst gesucht haben, vorzugsweise in der Dunkelheit. Aber wir sind uns einig, dass wir Toby und Mikkel einen geschützten Raum bieten möchten, auch um unserer Nerven willen. 

Mit dem Vorgarten und seinen Verstecken zum Toben und Ausruhen haben wir einen ordentlichen Coup gelandet und hoffen, dass es so bleibt. Schließlich möchte Mensch und Tier im Sommer an die frische Luft, und es käme mir nicht richtig vor, die Burschis an der Tür kratzend im Haus zu lassen, während wir unter der Linde unseren Sommerkaffee schlürfen oder Eis essen.




Sonntag, 19. Juni 2022

"Des Fremden Kind" ~ Alan Hollinghurst

 Merkwürdigerweise scheine ich dieses Jahr hauptsächlich Bücher zu lesen, die mich zunächst absolut nicht fesseln können. Dieses hier gehört eindeutig dazu. Epochal, gemächlich, kunstvoll, very british - das sind die Attribute, die mir dazu einfallen. Und das weder im eindeutig positiven noch negativen Sinn. Zunächst hatte ich Schwierigkeiten, mich einzulesen. Das lag an den teils bemüht, teils amüsant verkünstelten Sätzen und der Tatsache, dass es - bis auf den früh verstorbenen Dichter Cecil Valance - keine ausdrücklichen, durchgängigen Hauptprotagonisten gibt. Und selbiger liegt nach dem ersten Teil bereits untätig  in einer Marmorgruft der Kapelle von Corley Court, dem Sitz der Familie Valance, das während des Romans einige Metamophosen durchläuft.

 


 

 Der Inhalt: gliedert sich in fünf Teile, die mich in Erzählstruktur und Aufbau erheblich verwirrt haben. Teil Eins beginnt mit dem aristokratischen und unglaublich weltmännischen und geheimnisvollen 22-jährigen Cecil Valance - in Cambridge bereits eine Legende -, der kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges auf Wunsch seines Kommilitonen und Liebhabers George Sawles dessen Familie auf dem Anwesen Two Acres besucht, Schwester Daphne ein Gedicht widmet und ihr somit den Kopf verdreht. Darum ranken sich mehr oder weniger die folgenden, jeweils mindestens eine Dekade später spielenden Teile, in denen es um wenig Cecil und mehr verzwickte Verwandtschaftsverhältnisse und noch mehr scheinbar unzusammenhängende Personen geht. Und um die Befindlichkeiten junger Männer, die in verbrämter Weise Scham empfinden, wenn sie sich in das gleiche Geschlecht verlieben. Very british, eben. Dass der Autor Cecil noch mit der Bloomsbury Group und Lytton Strachey in Verbindung bringt, hat mich ebenfalls ziemlich verwirrt, bis mir klar wurde, dass das wohl der künstlerischen Freiheit geschuldet ist.

Meinung: In seiner Weitschweifigkeit und Liebe zum Detail bei selbst den nichtigsten Kleinigkeiten erinnert mich "Des Fremden Kind" sehr an "Brideshead", das ich mir als Buch erspart, dafür aber die langweilige Verfilmung angesehen habe. 

 


 

Einen Spannungsbogen sucht bzw. erwartet man auf den fast 700 Seiten vergebens. Dennoch habe ich mich nach anfänglichen Hürden, in die Geschichte hineinzufinden, einigermaßen gut unterhalten gefühlt und wollte wissen, was es mit Cecil auf sich hatte. Licht ins Dunkel bringt nach etlichem Vorlauf der junge Bankangestellte Paul Bryant, der eine Biografie über den fast in Vergessenheit geratenen Dichter schreiben möchte und dazu Zeitzeugen fast über siebzig Jahre nach dessen Ableben befragt. Zuvor ergeht sich der Roman in mal amüsanten, mal anstrengenden Beschreibungen über Architektur bzw. deren Ex-und Interieur und Parties und der Vergangenheit, was - wie ich fand - nach erstem Befremden gut zu lesen war, da nicht ohne Witz und Hintersinn. Obwohl so gut wie nichts passiert und man keine Gelegenheit entwickeln kann, zu irgendeiner Figur etwas wie Sympathie zu entwickeln (dafür werden sie zu grob angerissen, und es sind überdies viel zu viele, die man auseinanderklamüsern muss), mochte ich den Roman auf eine verquere Weise, die ich mir selbst nicht erklären kann. Normalerweise hätte ich nach dem spannungsarmen ersten Teil die Segel gestrichen - spätestens, als ich mit dicken Fragezeichen in den Augen Teil Zwei begonnen habe. 

Doch etwas an "Des Fremden Kind" hat mich fasziniert. Vielleicht die englische Atmosphäre durch die Jahrzehnte, die der Autor gekonnt einfängt. Die Charaktere bleiben dagegen eher blass. Und selbst das passt irgendwie ins Bild. Kunstvoll skurrile Begebenheiten, ein Eigenleben von Dingen und der Geist des Vergangenen sind wichtigere Zutaten als Charakterstudien. Langweilig, sollte man meinen. Ist es irgendwie auch. Und trotzdem voller Wehmut und mit Gespür für jede vorgestellte Figur. Einen Satz möchte ich anbringen, der symptomatisch ist für den gesamten Roman und vielleicht zeigt, was ich mit kunstvoll skurril meine: 

"Für drei, vier Sekunden, die möglicherweise eine ekstatische Minute lang waren, bekam Paul eine seltsame und intensive Ahnung vom Leben dieser ihm unbekannten Frau, das seins nie wieder kreuzen würde, und das hypnotische Detail ihres abstehendes Etiketts zeigte ihm vieles, was ihr selbst gar nicht bewusst war."

Das Ende hat  mich dann doch enttäuscht und unbefriedigt zurückgelassen. Aber für die heißen, müßigen Sommertage in der letzten Woche war es keine uninteressante Lektüre.


Bewertung: 💫💫💫



Donnerstag, 9. Juni 2022

Mal ein bisschen Personality...

In den neuneinhalb Jahren, in denen ich nun meinen Blog führe, fällt mir auf, dass ich selten etwas von mir persönlich erzähle. Ob das überhaupt interessiert, weiß ich nicht, aber ich lese immer gern von Leuten, die mich auf irgendeine Art gut unterhalten haben, und ich hoffe, ich tue das für einige mit meinem Blog. Also werde ich mal eine Art "Über mich"-Artikel starten.

 

Katzenliebhaberin mit Herz & Seele.

 

Geboren wurde ich im letzten Jahrtausend, als das Internet Privathaushalten noch unvorstellbar fern war. Mittlerweile kann ich mir fast nicht mehr vorstellen, dass es eine solche Zeit überhaupt gab. Was irgendwie auch traurig ist, denn ich bin froh und dankbar für eine mehr oder weniger harmonische Kindheit mit Spielen im Freien und ohne Smartphone und sonstigem technischen Schnickschnack. Mittlerweile bin ich in einem Alter, in dem man diese Zeit vermutlich romantisch verklärt. Trotzdem habe ich oft das Gefühl, dass man bis vor zwanzig Jahren noch weniger sorgenvoll gelebt hat oder sich nicht so viele Gedanken um jeden Sack Reis gemacht hat, der in China umfällt, das sowieso immer näher rückt im Globalismus. Aber das ist rein subjektiv.

 

Blumen mag ich! Egal welche.

 

Früher habe ich Blumen und der Natur im Allgemeinen wenig Beachtung geschenkt bzw. sie als selbstverständlich angesehen. Jetzt wird mir immer bewusster, dass man als Mensch ein Teil des großen Ganzen ist und man daher respektvoll und achtsam mit den Mitgeschöpfen umgehen muss, klein, groß, Tier oder Pflanze. Obwohl in einem solchen Bewusstsein und mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn aufgewachsen, fällt es mir in manchen Bereichen schwer, mich daran zu halten. Ich esse sehr gern Fleisch. Nicht häufig, aber zum Frühstück gibt's in der Regel eine Scheibe Kochschinken mit Tomate oder Gurke auf Toast. Ich versuche, Biomarken im Supermarkt zu vertrauen, die das Tierwohl hervorheben, doch wirklich überzeugt bin ich nicht. Daher kaufe ich meinen Schinken vorzugsweise auf dem Wochenmarkt beim Metzger meines Vertrauens, wo ich die Aufzucht der Tiere nachverfolgen kann. Am liebsten wäre ich ohnehin Veganer oder wenigstens Vegetarier, aber dafür schmeckt Fleisch einfach zu gut... 😞


Wandern ist ein großes Hobby.

 Ich reise nicht (mehr) viel. Zumindest Fernreisen waren seit Jahren keine mehr drin. Nicht, weil ich es mir nicht leisten könnte. Irgendwie mag ich keine langen Strecken mit dem Flugzeug zurücklegen, nur um mich ereignislose Wochen am Strand zu fläzen oder andererseits als Tourist jede Sehenswürdigkeit abzuklappern, um kulturell möglichst alles erlebt zu haben. Obwohl ich Leute toll finde, für die Fliegen nicht viel anders ist als Radfahren - ob beruflich oder privat - möchte ich nicht mit ihnen tauschen. Wandern dagegen gibt mir viel. Da wären wir wieder bei der Achtung der Natur und den Wundern der Schöpfung. Über die kann man wirklich nicht genug staunen. 

Prinzipiell glaube ich, dass Sprüche wie "Reisen bildet" und "Bildung ist alles" überbewertet werden. Viel wichtiger sind für mich Wertschätzung und emotionale Intelligenz - Empathie, die von Herzen kommt. Ach so, und Lesen natürlich. Fernsehen auch.


Life is a roller coaster... äh, Kettenkarussell.


Mit meinem Leben, wie es bisher verlaufen ist, bin ich im Großen und Ganzen zufrieden. Manches hab' ich verpasst, anderes hätte ich besser gelassen, und die beste Zeit war für mich in meinen Zwanzigern, wenngleich man ja so gern sagt "The best is yet to come", und ich diesbezüglich die Hoffnung nicht fahren lassen möchte. 

Trotzdem war für mich die Zeit der ersten eigenen Wohnung eine besondere Epoche. Das merke ich immer, wenn ich Musik aus dieser Zeit höre. Mein Lieblingsradiosender ist allerdings seit ein paar Jahren SWR4, der internationale Oldies bis zurück zu den 1950ern spielt und Schlager aus den 1970ern bis heute. Dann verfalle ich immer ein bisschen der Nostalgie, zu der ich ohnehin neige, oft zu meinem eigenen Leidwesen, denn *so* alt fühle ich mich noch nicht, dass ich die alten Zeiten bejubeln müsste. Trotzdem ist es wohl so, dass ich eine derjenigen wäre, die eine Rückkehr zu mehr Menschlichkeit und dafür weniger Technik und überflüssiger täglicher Information begrüßen würden. Denn ganz ehrlich, die Reizüberflutung und Schreckensmeldungen von überall her machen viele von uns depressiv und krank; mitunter ohne dass wir es merken oder die Ursache erkennen.

 

Mach' mal Pause.

 

Irgendwie bin ich tief drinnen doch ein analoges Mädel, das mit den kleinen Dingen happy ist und sich gelegentlich wünscht, in eine Zeitmaschine steigen zu können.

 

 

 


Sonntag, 15. Mai 2022

"Die Schlange von Essex" ~ Sarah Perry

 Eine Rezension hierzu wird schwierig. Eigentlich mochte ich den Roman nicht. Zu behäbig, zu viktorianisch unterkühlt und dabei hin und wieder doch unpassend poetisch-kryptisch mit manchmal lustigen Vergleichen, die mich wider Willen begeistert haben. Die Geschichte war dann doch irgendwie originell und auch hintersinnig, sobald man sich an den etwas bemühten Stil und die langen Klammersätze gewöhnt hatte.



 

Inhalt: Die junge, forscherfreudige Witwe und zudem Hobby-Paläontologin Cora Seaborne kommt mit ihrem sonderbaren Teenagersohn Francis (heute weiß man: er wäre ein Aspergerkandidat) und der resoluten Haushälterin Martha - die mehr eine Freundin ist - nach Essex, um dort die legendäre Seeschlange aufzuspüren, die das Dorf Aldwinter mit mysteriösen Todesfällen und Aberglauben in Atem hält. Statt den erhofften Ichthyrosaurus oder ein zeitgenössisches Seeungeheuer zu finden, begegnet sie dem Pfarrer William Ransome. Dieser ist glücklich verheiratet mit der zarten, alles verstehenden Stella und hat drei Kinder. Dennoch und trotz ihrer unterschiedlichen Meinungen und Ansichten verlieben sich Cora und Will ineinander. 

Der Roman wurde mit Tom Hiddleston und Claire Danes in den Hauptrollen als Miniserie gedreht (warum auch immer).




Meinung: ist gespalten wie die Zunge einer Schlange. Wie gesagt, ich hatte über lange Strecken Schwierigkeiten, bei Stange zu bleiben und nicht vor lauter Langweile einzuschlafen. Die abrupten Briefwechsel sämtlicher Protagonisten haben mich etwas gestört ("aus dem Lesefluss gerissen" wäre zu viel gesagt), und vor allem das "Head hopping" der Erzählweise bin ich nicht mehr gewohnt. Früher war es ganz normal, aus verschiedenen Perspektiven auf einer einzigen Seite zu lesen, aber heute wirkt das angestaubt und auch verwirrend. Ich musste mehrere Sätze zweimal lesen, um sie zu verstehen, was auch dem beliebten Stilmittel der ellenlangen Klammersätze zu verdanken war. 

Ich nehme an, Sarah Perry hat ihre Vorbilder in Donna Tartt und anderen populären Schriftsteller(innen) der frühen 2000er, als ein blumiger Erzählstil nicht hoch genug geschätzt werden konnte. Denn genauso weitschweifig, detailverliebt und trotzdem irgendwie ereignislos bleibt "Die Schlange von Essex". Als sich gegen Ende doch noch zaghaft eine Wende anbahnt, ist sie nicht einmal besonders überraschend. Eher banal. Und das nicht nur in Bezug auf den Titel. Schade, nahm die Geschichte immerhin noch ein bisschen Fahrt auf. Aber auf etwas wirklich Ungewöhnliches wartet der Leser vergebens.

Alles ist irgendwie gedämpft, stets ist von Nebel die Rede und von unausgesprochenen Gefühlen und von Charakteren, die mir nicht wirklich nahe kamen - vielleicht nicht ohne Grund. Bis - erstaunlicherweise - auf das "Odd Couple" Luke Garrett und George Spencer, wobei ich Ersteren zu Beginn mega-unsympathisch fand. Cora mochte ich überhaupt nicht. Ich konnte mir irgendwie kein Bild von ihr machen. Was vermutlich daran lag, dass sie zwar emanzipiert und burschikos daherkommt und ihr Herz auf der Zunge trägt, aber andererseits in der gesamten Geschichte distanziert bleibt bis zu dem Moment, als Will (endlich!) ihren Rock hochhebt. Und selbst da erfahren wir nur in Wills Erinnerung, wie hingebungsvoll sie war.

Fazit: Wer es ruhig und ohne Drama mag oder eine fein formulierte Einschlafhilfe sucht, dem kann ich dieses Buch empfehlen. Manche Passagen haben mich berührt und sind auch ein wenig das Spiegelbild zu dem, was die menschliche Natur aus Unerklärlichem macht. Oder dass der Verstand und die Forschung für viele Menschen die einzige Wahrheit sind, während es viel mehr gibt als das, was man mit Wissen ergründen kann. Da war die Autorin erfrischend urteilsfrei und fern von Klischees, denn auch der Pfarrer ist kein Dummkopf.

 

Bewertung: 💫💫💫



Dienstag, 3. Mai 2022

Ein Gespenst auf Freiersfüßen (1947) mit Rex Harrison und Gene Tierney

 Diesen Film wollte ich schon lange sehen und war umso erfreuter, als ich sah, dass er im Fernsehen lief. Leider habe ich die ersten Minuten, in denen die attraktive Witwe Mrs. Muir gemeinsam mit ihrer kleinen Tochter die "Spukvilla" bezieht, verpasst, aber dennoch möchte ich ein Review schreiben, da der Film in seiner herzerwärmenden, undramatischen Schlichtheit gerade das Richtige für mich war.



Inhalt: Anfang des 20. Jahrhunderts: Die junge Witwe Lucy Muir zieht von London mit ihrer kleinen Tochter Anna (Nathalie Wood) in eine "Spukvilla" an der englischen Küste. Trotz der Warnung des Maklers kauft sie das Haus und macht sich sogleich mit Tochter und der treuen Haushälterin Martha dort heimisch. 

Von der raubeinigen und unmanierlichen Erscheinung des toten Vorbesitzers und Erbauers, dem knurrigen Seekapitän Daniel Gregg (Rex Harrison), lässt sie sich nicht schrecken, obwohl er sämtliche Vorinteressenten erfolgreich vergraulen konnte. Man munkelt, er habe Selbstmord gegangen, doch in Wahrheit beruht sein Tod auf einem dummen Unfall mit dem Gashebel, den er selbst verursacht hat. Mit widerwilligem Respekt lässt er Mrs. Muir vorerst im Haus bleiben, unter der Bedingung, dass sein Porträt im Schlafzimmer hängenbleibt (pikant, pikant). 

Als sie in Finanznot gerät und in Gefahr, die Villa nicht länger halten zu können, hat Capt. Gregg die rettende Idee: er spinnt "ungeschminktes" Seemannsgarn aus seinem bewegten Leben, das er Mrs. Muir diktiert und unter dem Pseudonym "Capt. X" veröffentlicht werden soll. Mit einem Tipp des Captains kann Mrs. Muir das Buch "Blut und Mut" in einem Verlag unterbringen, bei dem sie den Autorenkollegen Miles Fairley (George Sanders) kennen- und lieben lernt. Obwohl der Captain schwer eifersüchtig ist, will er dem Glück nicht im Weg stehen, erkennt er doch, dass es für seine Liebe zu Lucia ("Nur Frauen, die sich erniedrigen lassen, heißen Lucy!") keine Chance geben kann. Bevor er geht, redet er Lucy ein, dass sie ihn und die Zusammenarbeit am Buch nur geträumt hat (wie edel!).

 Miles Fairley ist jedoch nicht nur ein Blender, was sein literarisches Werk angeht (unter "Onkel Neddy" schreibt er Kinderbücher für Leser, die er als "Monster" bezeichnet), sondern auch was Frauen betrifft. Enttäuscht trennt sich Mrs. Muir von ihm, als sie die Wahrheit erfährt und lebt seitdem ein Leben ohne Partner an ihrer Seite. Anna heiratet einen Kapitän, und auch deren Tochter wird die Frau eines Seekommandanten. Erst spät wird Mrs. Muir klar, dass sie sich ihr ganzes Leben lang nach Daniel Gregg gesehnt hat, der seinerzeit auch ihrer Tochter erschienen ist, um ihr blutrünstige Piraten-Gute-Nacht-Geschichten zu erzählen. Als Lucy / Lucia schließlich hochbetagt in ihrer Villa stirbt, ist das Happy End zum Greifen nah. Und irgendwie fast so schön wie bei Kate und Leo. Nur Martha hat mir leidgetan...



 Meinung: Ich liebe solche Geschichten! Auf den ersten Blick unrealistisch, aber doch zum Nachdenken und voller Wärme und sogar Tiefgang. Auch ein bisschen wehmütig. Und ich mochte Rex Harrison in der Rolle, an der er sichtlich Spaß hatte und in der er mich optisch an Toby Stephens in "Black Sails" erinnert hat. Auch Gene Tierney und "Shere Khan" George Sanders können überzeugen (letzterer hatte offenbar ein Abo für leichtlebige Charaktere, kenne ich ihn doch als Jack Favell in einer ähnlichen Rolle). 

Natürlich ist ein fast 75 Jahre alter Film gesellschaftlich und politisch nicht up-to-date, und über manche Dialoge würde die Mehrheit der modernen Zuschauer/innen sicher die Augen verdrehen und die Hände ringen. Denn dass ein gewaltiges Epos wie "Blut und Mut" nicht aus der Feder einer Frau fließen kann, bewahrheitet sich ja letztendlich, da Mrs. Muir nur als "Ghostwriter" fungierte. Und das war nur eine wirklich *in your face* veraltete Sichtweise, zu der sich noch einige andere gesellen in dem Film. Da ich nicht zu den empfindsamen Gemüter*innen (😜) gehöre und auch gern mal old-school-movies sehe, in denen die Geschlechter noch klassisch unterschieden werden, war mein Fernsehabend ungetrübt und auch nicht allzu gruselig. Wie gesagt, genau das Richtige für den gestrigen Abend.

 

Bewertung: 💫💫💫💫💫




Dienstag, 26. April 2022

Happy Birthday, Mikkel & Toby!

 Unsere Purzelchen (aus denen mittlerweile "die Burschis" geworden sind) feiern dieser Tage ihren ersten Geburtstag. Wann genau, wissen wir leider nicht, da das Datum nicht schriftlich festgehalten ist bzw. sie aus Katzenwürfen stammen, die auf der Straße gefunden wurden. Anfang Juli kamen sie dann über die Tierpersion und mithilfe einer lieben Freundin zu uns.

 

Muskelpäckchen Mikkel

Erstaunlich ist, wie unterschiedlich sie sich entwickelt haben. War Mikkel zu Beginn noch ein wenig strubbig, tolpatschig und kleiner als Toby und an dessen Rockzipfel, so ist er heute ein stattlicher, athletischer Kerl mit großem Katerkopf und breiten Pratzen. Er liebt es, possierlich mit seiner Stoffmausi zu spielen, auf dem Schaukelstuhl zu schlafen oder über Umwege auf die Sauna und in den Zwischenraum der offenen Decke zu springen, um dort stundenlang unsichtbar zu bleiben, bis ein schmeichelndes "Mikkel!" in Kombination mit dem Geraschel der Leckerli-Tüte ihn wieder hervorlockt. Überhaupt verfügt er über eine enorme Sprungkraft. Ein zwei-Meter-Kartonstapel bewältigt er ohne Hilfsmittel außer den Krallen. Und sein Revier durchstreift er majestätisch wie ein König.


Toby, das Goldmännchen


Bei Toby hatten wir lange die Befürchtung, dass er nicht genug frisst, da er im Vergleich zu Mikkel sehr zart und leicht ist und sich feinsinnig wählerisch gibt. Selbst mit zwölf Monaten sieht er noch wie ein Kätzchen aus mit den großen Ohren und dem spitzen Gesicht. Wir glauben inzwischen, dass eine Abessinier in ihm steckt - zumindest teilweise. Das erklärt auch seine unbändige Neugier, die uns manchmal ein paar Nerven kostet - etwa, wenn er wie ein roter Blitz nach draußen entwischt ist. Glücklicherweise hören beide sehr gut auf ihre Namen und fühlen sich in fremdem Territorium etwas überfordert, so dass sie wieder umkehren. Trotzdem möchten wir den Vorgarten durch einen Zaun katzensicher machen, weil der Balkon scheinbar nicht mehr ausreicht.

 

Rundumaussicht auf dem Balkon

 

Nach zehn Monaten mit den beiden können wir es uns ohne sie gar nicht mehr vorstellen. Auch wenn ihre Sehnsucht nach Unbekanntem nicht so leicht zu stillen ist (was man gut verstehen kann und ich es mir dennoch nicht so stressig vorgestellt hatte), würden wir sie auf keinen Fall hergeben. Vielleicht gelingt es uns ja, ihren ohnehin recht großen Wirkungsbereich noch zu erweitern. Schließlich sollen die beiden glücklich und zufrieden sein. Oder, wie es in der Werbung so treffend hieß: "Ist die Katze gesund, freut sich der Mensch."


Der Lieblingsplatz



Sonntag, 17. April 2022

Frohe Ostern!

 Mit dieser wundervollen Skizze möchte ich frohe Ostern wünschen. Seit Jahren ist es eine Zeichnung, die mich berührt wie selten ein Bild. Das liegt vor allem an der Ausdruckskraft und auch der Symbolik zwischen Jesus und dem Lamm, dessen Blut vergossen wird. Und gleichzeitig fühlt das Lämmchen sich geborgen auf dem Arm des guten Hirten, der Jesus / Gott ist. Man sieht, wie zufrieden es ist und zu lächeln scheint.

 



 Jesus ist bereits gekreuzigt worden, was das Mal an seiner Hand beweist; wahrscheinlich begegnet er dem Lämmchen kurz nach seiner Auferstehung. Und er ist froh und erleichtert, dass alles überstanden ist. Denn - und ich finde, man kann es in der Skizze deuten - leicht war es für den Sohn Gottes nicht, sich zu Unrecht verspotten und zum Tode verurteilen zu lassen. Da war Jesus doch auch Mensch, der Ängste ausstehen musste. Umso größer ist die Tat, die er vollbracht hat, um uns ewiges Leben im Himmel zu schenken. 

"Vater, wenn es dein Wille ist, dann lass diesen bitteren Kelch des Leidens an mir vorübergehen. Aber nicht was ich will, sondern was du willst, soll geschehen." Lukas 22, 42 (Übersetzung: Hoffnung für alle).

Und was geschehen ist, war und ist so wunderbar, dass man es gern in Anspruch für sich nehmen kann, jeder einzelne von uns.

 

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Die Künstlerin Katherine Brown besitzt eine Website, auf der ihre wunderschönen Drucke zu erwerben sind.



Donnerstag, 14. April 2022

"Das Geheimnis der Schwestern" ~ Victoria Holt

 Dieses Buch hat mich sofort an Daphne Du Mauriers Klassiker "Rebecca" erinnert, und tatsächlich ist es der Geschichte in groben Zügen ähnlich. Die düstere Atmosphäre eines Herrenhauses in Cornwall, mysteriöse Begebenheiten, undurchsichtige Liebesaffären, der Erzählstil und die Protagonistin Favel waren nur einige Gemeinsamkeiten, die mir auf die Schnelle einfallen. Trotzdem oder gerade deshalb fand ich den Roman lesenswert und bis zum Schluss nur in manchen Punkten vorhersehbar. Von dem trashigen 1960er Jahre Cover habe ich mich nicht abschrecken lassen.



Inhalt: Die junge Favel Farington lebt behütet mit ihrem Vater auf Capri, bis eines Tages ein attraktiver Fremder aus Cornwall das Atelier besucht, in dem der Vater seine Kunstwerke verkauft. Roc Pendorric verliebt sich in Favel und nimmt sie als seine Braut mit nach Cornwall, nachdem der Vater bei einem Schwimmunfall stirbt. 

Auf dem sanierungsbedürftigen Pendorric lernt Favel die übrige Familie kennen, die sie mehr oder weniger wohlwollend aufnimmt - besonders die Zwillinge Lowella und Hyson bringen der jungen Braut zwiespältige Gefühle entgegen. Und dann ist da noch das Gerede über Barbarina, Rocs Muttter, die in Pendorric zu Tode stürzte und nun als ruheloser Geist darauf sinnt, dass eine andere ihren Platz einnimmt. Obwohl Favel pragmatisch veranlagt ist und auch die anderen den Spuk als Legende abtun, kann sie bald nicht mehr anders, als ihn ernstzunehmen, denn irgendjemand aus Pendorric scheint es auf ihr Leben abgesehen zu haben. Könnte es Roc selbst sein, der nach Favels Recherchen nicht planlos nach Capri kam, wie er Favel zunächst glauben machte?

Als sie sich als reiche Erbin herausstellt und gemeinsam mit der ernsten Hyson in der Gruft der Pendorrics eingesperrt und nur durch "einen Zufall" geretttet wird, verdichtet sich Favels Argwohn gegen ihren Ehemann, der zudem kein Kind von Traurigkeit ist und Favel mehr als einmal Grund zur Eifersucht und zu Misstrauen gibt mit seinem sonderbaren Verhalten.

 

diego_torres / Pixabay

 

Meinung: Wider Erwarten ("Naja, probieren wir's mal damit") mochte ich das Buch mit seiner dichten, vielschichtigen Geschichte und den überraschenden Wendungen sehr. Der etwas angestaubte, ausführliche Erzählstil ließ Bilder von Landschaften und Personen in meinem Kopf lebendig werden, angefangen vom heißen Italien bis zum windumtosten Cornwall und dessen raue Bewohner, die alle ein wenig versponnen, aber vor allem rätselhaft wirken. 

Auch Favel - charakterlich ein bisschen wie das namenlose Lämmchen aus der schon erwähnten Rebecca - fand ich interessant. Sie lässt sich zwar nicht einschüchtern von den Ereignissen auf Pendorric, ist aber keine toughe Powerfrau und zeigt auch ihre weibliche, verletzliche Seite. Mit Roc, der sich in ihrer Gegenwart charmant, liebevoll und auch leidenschaftlich gibt, weiß sie nicht, woran sie ist, und das weckt Unsicherheit. Ist er auch so bei den anderen Frauen im Dorf, die ihn samt und sonders anhimmeln? Und hat er es nur auf ihren Reichtum abgesehen, von dem Favel selbst nichts ahnte, als die beiden heirateten? Irgendwann verdächtigt sie ihn gar des Mordes an ihrem geliebten Vater. Wenn da nicht noch andere wären, die Grund hätten, Favel aus dem Weg zu räumen, um die Legende von Pendorric weiterleben zu lassen...

Fazit: Spannend, ein bisschen unheimlich und lebendig erzählt, hat mich "Das Geheimnis der Schwestern" gut unterhalten. Die Kapitel waren ein wenig zu lang, aber das ist mein einziger Kritikpunkt; vielleicht ging mir der Schluss etwas zu schnell, doch alles in allem kann ich den Roman allen empfehlen, die Cornwall, Spukgeschichten und tragisch verflochtene Familienschicksale lieben.


Bewertung: 💫💫💫💫

 

 

Dienstag, 12. April 2022

A walk down memory lane - alte Fotoalben.

 Was ich am Wochenende festgestellt habe: ab einem gewissen Alter macht das Blättern in alten (analogen!) Fotoalben sentimental. Im besten Fall ein wenig melancholisch. 

Bei meinen Eltern stehen nicht viele Fotoerinnerungen im Regal. Hauptsächlich wurden Schnappschüsse aus den 1960er bis 1990er Jahren aufbewahrt. Später hat man wohl nicht mehr so viel fotografiert oder scheute im Zeitalter der Digitalkamera den Aufwand. Und irgendwie ist das ja auch verständlich. Trotzdem schade, dass Erinnerungen nicht mehr so liebevoll handgemacht festgehalten werden wie in jenen Fotoalben. 

 


Besonders eindrucksvoll fand ich dieses Bild, das leider einen so starken Rotstich aufweist, dass ich es schwarzweiß bearbeitet habe. Es zeigt meinen Papa und mich mit Kater Oskar auf der heimischen Terrasse an einem Sommerabend und versinnbildlicht mehr als Worte meine Kindheit. Wenn ich es betrachte, weckt es so viele Gefühle - das an heißen Sommertagen (die ich geliebt habe trotz meiner sonnenempfindlichen Haut), das Gefühl von Geborgenheit und die ungestüme Liebe zu dem gutmütigen Oskar, der schwarz war, ohne als Unglückskatze zu gelten oder verschmäht zu werden aufgrund seiner Fellfarbe (dass es heute weitgehend so ist, wusste ich bis vor kurzem nicht, erklärt aber, warum die bildschönen schwarzen Katzen seltener bzw. unbeliebter werden).



Hier ein Schnappschuss aus... (Tusch!) dem berühmten Skiort Gstaad in der Schweiz. Ohne Schnee. Der beste Freund meines Vaters hatte uns als Familie damals eingeladen, mit ihm, seiner Frau und der kleinen Tochter den Urlaub zu verbringen. Ich finde, das Motiv wirkt wie aus einer Reisewerbung. 

Die Berge haben uns so gut gefallen, dass wir - vor die Wahl gestellt, ob Meer oder Berge - uns immer für letzteres entschieden. Was aber vielleicht auch daran liegt, dass meine Eltern ein paar Jahre in Rosenheim gelebt haben. Jedenfalls sind wir immer noch richtige Bergfexe, auch wenn wir nicht mehr so steile Hügel erklimmen. 

Im Rückblick auf meine Kindheit beschleicht mich ein wenig das traurige Gefühl, dass eine durchschnittliche Kindheit bis zu den 2000er Jahren ohne Internet glücklicher war - im Allgemeinen. Man folgte keinen Influencern oder wollte einer werden, sondern war viel draußen und hat sich mit anderen getroffen, um harmlos und ganz ohne political correctness und Zensur zu spielen. Computer gab es zwar auch schon, aber ich kann mich erinnern, dass es ein gesetztes Zeitlimit fürs Zocken gab, an das man sich zu halten hatte. Außerdem nahm der PC prinzipiell eher eine untergeordnete Rolle im Alltag ein.

 

Picknick im Wallis

 

Manchmal wünsche ich mir tatsächlich die gute alte Zeit zurück. Haltet mich für ewiggestrig, aber ich bin der Ansicht, dass früher doch einiges besser war. Vielleicht werde ich aber auch nur ein bisschen altersweise, wer kann das sagen?