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Freitag, 28. Mai 2021

Filme in Zeiten von Corona (VIII): "The keeping hours" (2017) ~ Mystery mit Lee Pace

 Das Fernsehprogramm interessiert mich im Allgemeinen nicht besonders, aber vor kurzem lief ein Film, der mich sehr beeindruckt hat. Lee Pace, seines Zeichens edler Thranduil aus den Hobbit-Filmen, und außerdem mein süßer Kuchenbäcker aus "Pushing Daisies" spielte die Hauptrolle in "The keeping hours" - übrigens weder Horrorgeschichte noch Mystery Thriller, wenn man's genau nimmt. Aufgrund der eher schlechten Kritiken war ich skeptisch, um dann nicht zum ersten Mal festzustellen, dass man sich zu Filmen und Büchern immer eine eigene Meinung bilden sollte.

 

 

Inhalt: Mark (Lee Pace) und Elizabeth (Carrie Coon) sind seit dem Unfalltod ihres kleinen Sohnes Jacob geschieden. Sieben Jahre sind seitdem vergangen. Als Mark endlich das ehemalige Haus verkaufen möchte und zu diesem Zweck eine Aufräumaktion startet, erlebt er den Schock seines Lebens: Im Haus geschehen seltsame Dinge, und er glaubt, den verstorbenen Jacob darin spielen zu sehen. Die chaotischen Vormieter meinten, es spuke dort, weshalb auch bald eine Frau in Amy Winehouse-Optik bei Mark anklopft, die sich als Medium anbietet, um mit Jacob in Kontakt zu treten. Doch eine Vermittlung ist nicht nötig: schon am nächsten Tag begegnet Mark seinem kleinen, unbeschwert plappernden Sohn, der sich eine Modelleisenbahn wünscht und auch sonst wenig verändert scheint. 

Zwischen Entgeisterung und Hoffnung hin und her gerissen kontaktiert Mark Elizabeth, die inzwischen eine neue Familie hat, um ihr von Jacob zu berichten. Zunächst tut sie seine Aufregung als Folge seines jetzt unmäßigen Alkoholkonsums ab, doch auch sie kann Jacob zwar nicht berühren, aber ihn sehen und mit ihm zusammen sein. 

 

 

 

Mark kündigt seinen Job in New York City und zieht vorläufig wieder ins alte Haus, wo er mit Elizabeth auf ihren gemeinsamen wiedergefundenen Sohn "aufpasst". In den nächsten Tagen sind die zuvor schuldbeladenen Eltern glücklich. Allmählich kommen sich beide sogar wieder näher. Videoclip-Ästhetik, Strandidylle und sogar ein Schäferstündchen folgen. Doch Jacob hat etwas auf dem Herzen, das er seiner Familie mitteilen möchte und das der Grund ist, weshalb er nicht gehen kann und stattdessen im Haus festsitzt. Erst wenn alles geklärt ist, kann er in die nächste Dimension weiterreisen.

Elizabeth entdeckt unter den Sachen im Speicher ihre "To-Do-Liste", die sie nach Jacobs Geburt angefertigt hatte. Zusammen unternehmen sie nun, was verpasst wurde und im Rahmen des Möglichen liegt. So basteln sie z.B. einen altmodischen Sonnenfänger aus Granulat - eine Szene, die zur Schlüsselszene wird, als Jacob seiner Mutter sagt, dass er den Knopf gedrückt habe. Elizabeth und auch der Zuschauer sind der Meinung, er habe den Backofen angeheizt, doch Jacob geht es um etwas ganz anderes. Etwas, das er schließlich Mark erzählt, der aus allen Wolken fällt. Es trifft ihn noch härter, als Jacob ihm wie nebenbei den baldigen Tod seiner Mama voraussagt, indem sie in absehbarer Zeit mit ihm "Zug fahren" wird. Und tatsächlich ist Elizabeth unheilbar krank...

   Meinung: Zugegeben, es klingt nach Klischee und ist auch ein bisschen vorhersehbar. Trotzdem hat mich der Film in seiner Tiefe, Unaufdringlichkeit und Zartheit so berührt, dass ich am Ende ein wenig weinen musste. Die Darstellungen von allen Schauspielern, selbst die des hundeliebenden Winehouse-Mediums und die Nachbarin mit ihrem Sohn Dash, der Kindergeburtstage kindisch findet und sie nur seiner Mutter zuliebe feiert, waren toll und nachvollziehbar. Das Ende ist fast genauso rätselhaft wie der Rest der verbleibenden Stunden, und doch findet Mark einen neuen Weg, mit der Trauer umzugehen. Es geht weniger um Schockeffekte oder Grusel als vielmehr um das Loslassen-Können und Vergeben, und das ist eine Thematik, die mich anspricht. Besonders wenn sie so gut und auch bittersüß in Szene gesetzt wird wie hier. 

 



    Fazit: Ein Film mit übersinnlichen Elementen, der nachdenklich macht, und der von Schuld erzählt, die eine Familie zerstört und die doch keine war. Wirklich sehenswert!


Bewertung: 💫💫💫💫



Donnerstag, 20. Mai 2021

Wandern mit der Family ~ eine neue Leidenschaft

Letztes Jahr hatte ich es schon mehrmals erwähnt: Corona hat uns zu hiesigen Backpackern gemacht. Heißt, wir checken das Wetter, suchen uns eine Wanderroute in der Umgebung aus (anfangs ganz old school mit Karte, jetzt mit einer App auf dem Smartphone), verstauen ein üppiges Picknick in unsere zweieinhalb Rucksäcke und los geht's. Meist erst im Auto, dann zwischen sechs und acht Kilometern zu Fuß. Wenn Petrus uns nicht allzu gnädig gestimmt ist, kommen auch ein paar Knirpse - Taschenregenschirme - ins Gepäck. Die haben wir bisher allerdings kaum gebraucht. Was immer mit dabei ist, ist meine Handykamera. Seit ich nun doch ein Smartphone mein eigen nennen kann, fotografiere ich damit unheimlich gern. Ein Muss auf unseren Touren ist immer das Selfie-To-Go, das mittlerweile von jedem souverän in Kauf genommen wird. Manchmal sogar mit Grimassenschneiden. Und natürlich haben wir uns alle vier mit robusten, aber schicken und bequemen Wanderschuhen ausgestattet.


Wir in Bad Rappenau bei Heilbronn, 8. Mai 2021

 

Unsere Touren führen uns an die verschiedensten Orte, und oft sogar dahin, wo ich selbst noch nie gewesen bin. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass es keine zehn Kilometer von meinem Wohnort entfernt ein gigantisches Mausoleum eines seinerzeit berühmten Unternehmers gibt, das unseligerweise nach der Reichspogromnacht im Jahr 1938 geplündert und geschändet wurde. Zwischen 1980 und 2012 wurde es in Teilen rekonstruiert und wiederhergestellt. 

Heute kann man es sogar von innen besichtigen, was wir uns zunächst nicht trauten, bis vorbeigehende Passanten uns darauf aufmerksam machten, dass das Tor geöffnet werden kann. Angesichts der Popularität des Steinsfurter Wohltäters und dem Schicksal seiner verschollenen Urne, der seiner Frau und der seiner Pflegerin wurde ich richtig ehrfürchtig, wozu auch die Erhabenheit des Mausoleums beigetragen hat, das mitten im Wald fast ein bisschen exotisch, weil orientalisch, wirkt. 

Wenige hundert Meter weiter in den Wald hinein liegt dann ein großer Judenfriedhof, auf dem Herr Weil nicht bestattet werden durfte, weil er auf eine Kremation bestand. Darum ließ er auch die Grabstätte errichten, die aber mehr für fröhliche und gesellige Zwecke mitkonzipiert worden war. Wie unfassbar traurig, dass daraus nichts wurde. Immerhin steht nun vor dem Mausoleum, das dem Jerusalemer Tempel nachempfunden ist, ein großer Tisch mit zwei langen Bänken. Vielleicht um Herr Weils seligen Angedenkens. Das wäre zumindest eine kleine "Entschädigung", wenn man davon überhaupt sprechen kann. 

 

Blick vom Inneren des Mausoleums, Waibstadt.

 Jedenfalls hätte ich mir gewünscht, dass der Mann, der viel für die Region und die Menschen getan hat, nicht in Vergessenheit geraten und mehr gewürdigt worden wäre. Ein kleiner, nach ihm benannter Weg in den Wald hinauf erinnert an ihn, aber ich finde, man hätte die neu renovierte Stadthalle nach ihm benennen sollen. "Hermann-Weil-Halle", das klingt irgendwie fast episch.

So auf den Spuren der Vergangenheit zu wandeln finde ich total interessant. Auch die Eltern erzählen auf den Wanderungen gern über ihre Kindheit und was man damals noch alles hatte bzw. entbehren musste. Oder dass nicht alles schlechter war, nur weil es weniger Komfort gab. Beinahe unvorstellbar, dass in den 1950 / 60er Jahren fast jeder Haushalt Vieh wie Hühner und mindestens eine Sau besaß und damit weitgehend Selbstversorger war, zumindest auf dem Dorf. Apropos Nostalgie: auf selbigem Trip waren wir vor kurzem, als wir von Stebbach nach Gemmingen gewandert sind, dem Geburtsort meiner Mama. Das fand ich sehr süß und rührend, wie sie sich über alles gefreut und uns gezeigt hat, wo die Nachbarn und Bekannten gewohnt hatten. Und dann trafen wir tatsächlich noch jemand von früher!


Kurz übers Feld, auch in Waibstadt.

 Insgesamt sind die Wanderungen durch Wald und Flur für jeden von uns ungeheuer bereichernd. Wir sehen viel Neues und Ungewöhnliches, tauschen uns aus, lernen dazu, haben Spaß mit unseren Fotos und den Wald-Selfies, trainieren unsere Ausdauer und freuen uns auf die zünftige Brotzeit, ein Highlight unserer Touren. Mittlerweile nehmen wir auch Kaffee und Kekse mit neben den belegten Broten / selbstgebackenen Brötchen, Gemüse, Eiern und Snacks und mit Traubensaft gemischtem Wasser, denn manchmal verfliegt die Zeit schneller als es uns lieb ist. Aber wir haben es nie eilig. Im Gegenteil. Nur können wir es oft gar nicht abwarten bis zu den Wochenenden, wo dann die nächste Wanderung geplant wird. Für mich ist das sehr erstaunlich, weil ich vorher immer eher dachte, Wandern sei irgendwie eine spießige Sache. So blöd kann man sein. Wer sich gut mit seiner Familie versteht und sie trotzdem besser kennenlernen möchte, dem kann ich Wandern wärmstens empfehlen. Komisch, dass die meisten Leute, wie wir, erst seit der Pandemie darauf gekommen sind, als Familie gemeinsam etwas zu unternehmen. Vielleicht dehnen wir sie in Zukunft sogar mehr in den Schwarzwald aus und machen eine Ganztagestour. Dort gibt es nämlich auch fast magische Orte. Und wenn mich nicht alles täuscht, öffnen demnächst auch wieder Gaststätten und Restaurants, falls wir mal unser Picknick vergessen oder zu wenig vorbereiten. Letzeres war jedoch noch nie der Fall. 

 

These shoes are made for walking...

 

Nicht nur, dass Wandern ein tolles Erlebnis ist; irgendwie hat es auch etwas Philosophisches und Gemütliches an sich. Häufig sind wir zu viert auf weiter Flur, sehen Eichhörnchen, Rehe und winzigkleine Mäuschen durchs Unterholz oder an den Bäumen hochflitzen. Oder wir sitzen auf einer verlassenen Bank mitten im Nirgendwo, während wir einträchtig unseren Proviant mampfen oder in die Luft gucken. Dann ist das ein wenig ein Gefühl, als ob alles ganz friedlich wäre und die Welt stillsteht. In der hektischen und auch leider sehr unruhigen Zeit überall schätzt man Momente wie diese umso mehr.

Wanderführer für die Umgebung sind ja jetzt schwer im Kommen; obwohl ich Bücher und Karten aufgrund der Haptik bevorzuge, finde ich die WanderApp Komoot besonders praktisch. Man kann sogar Routen speichern und archivieren. Oder ganz neue entdecken.




Sonntag, 16. Mai 2021

Fazit: 2. Leserunde "Das Bildnis des Grafen" (06. April - 15. Mai 2021)

 Fertig ist sie, die Runde meines Debütromanes auf dem Büchertreff. Und vorab kann ich sagen, dass sie ganz gut gelaufen ist dafür, dass ich die ganze Zeit über ein eher mulmiges Gefühl hatte. Ich glaube, es lag daran, dass über das Buch selbst wenig diskutiert worden ist und stattdessen mehr Dinge zur Sprache kamen, mit denen die Teilnehmer nicht einverstanden waren, sei das ein "fehlerhaftes" Handeln einer Figur oder wie unsympathisch dieser und jener in der diskutierten Szene rüberkommt. Merkwürdigerweise habe ich wenig Positives zu Stil, Sprache und allgemein gehört, und das hat mich dann doch ein bisschen verunsichert bzw. mich glauben lassen, der Roman sei für die Runde langweilig. 

 


 

Hauptsächlich wurden eben Dinge angesprochen, die nicht so gut gefielen. Vielleicht war es deshalb in der Regel recht still. 

Am Ende habe ich doch noch ein paar Fragen gestellt, um herauszufinden, was meine Mitleserinnen gut und weniger gut fanden. Eigentlich mache ich das nicht, und trotzdem ist die Leserunde auf die Art doch zu einem guten Abschluss gekommen. Besonders schön war, dass eine Teilnehmerin schrieb, sie hätte durch "Das Bildnis des Grafen" Interesse am Judentum bekundet und möchte sich weiter mit dem Thema befassen. Überhaupt scheint der historische Aspekt mit der interessanteste gewesen zu sein, denn er wirft ein völlig neues Licht auf die Beziehung und Verflechtung der Familien Escaray und Whitehurst.

Das "Mystische" war ein wenig zu viel, "Grusel" zu wenig (ich finde viele Szenen richtig gruselig, ehrlich gesagt, besonders die mit Valentine und Carrick...), und die kriminologische Komponente hat sich logisch und gut aufgeklärt - wenn auch das Ende ein bisschen zu rosarot war. Auch das kann ich nicht gänzlich nachvollziehen; aber um nicht zu spoilern, werde ich an dieser Stelle nicht verraten, weshalb. Oh, und was mich doch sehr froh gemacht, tatsächlich erleichtert hat, war, dass alle einträchtig meinten, es hätte außer den Bösen keine wirklich unsympathische Figur in der Geschichte gegeben. Der junge Valentine ist auf Platz Eins in der Punkteskala, gefolgt von Renoir und dem Constable Melvin Gilfeather und Lilian Grimby. Letztere sind sogar zu besonderen Lieblingen einer Teilnehmerin avanciert. 

Irgendwie hat mir die Behauptung, meine Charaktere seien samt und sonders anstrengend, zu schaffen gemacht. Vor allem, da bisher der Psychologe Gaspard immer an vorderster Front der Sympathieträger stand und sich einige auch ein wenig in ihn verliebt haben. Ich persönlich möchte nämlich kein Buch lesen, in dem mir kein einziger Protagonist emotional nahekommt.



Das, was am Ende nicht so gefallen hat, wurde gut begründet, so dass es für mich akzeptabel und  auch nachvollziehbar war. Wie gesagt, ist es normal, dass man nicht jeden Leser dort abholen kann, wo er gerade steht, und auch, dass nicht jede/r einen Harry Potter schreiben kann und will. 

Ich glaube, dass ich Fragen, die anfielen, gut beantwortet habe und auch selbst einiges aus der Runde mitnehmen konnte. Insofern bin ich zufrieden. Da das Format und die Unhandlichkeit des Printbuches bemängelt wurden, empfehle ich weiteren Interessierten an meinem historischen Gruselkrimi allerdings die ebook-Ausgabe. (O;


Bilder: Christine Wirth


Montag, 10. Mai 2021

Ich bin ein Glückskind (weil Gewinner von Michael Wolffsohns neuem Kinder- und Jugendbuch)!

 Wie im vorigen Post bereits erwähnt, habe ich Ende April auf Facebook bei einer Buchverlosung von Michael Wolffsohns "Wir sind Glückskinder - trotz allem" teilgenommen und unter vielen Bewerbern eines von zehn signierten Exemplaren gewonnen, das mir am Samstag zugesendet wurde. Ich war total happy, denn ich schätze Herr Wolffsohn und seine ruhige Art sehr. Tatsächlich war meine erste verfasste E-mail an ihn, nachdem er im TV in einer Diskussion Fakten erläutert hat, die viele Zuschauer wütend gemacht haben und die ihm aufgrund seiner Auslegungen drohten. Seine freundliche Antwort an mich (die ich schon kurz darauf erhielt) habe ich in ausgedruckter Form immer noch. 

Auch einige seine Sachbücher über den Nahost-Konflikt habe ich gelesen. Er versteht es, auch Laien komplizierte Sachverhalte verständlich zu erklären.



Die "Glückskinder" möchte ich auf dem Büchertreff ab 31. Mai lesen und diskutieren, sofern sich genügend Teilnehmer/innen finden. Da ich gemerkt habe, dass viele jüngere Leute eigentlich nur vom Zweiten Weltkrieg und der Shoa aus der Schule wissen, hoffe ich sehr, dass die Runde realisiert werden kann und auch Leser dabei sind, die sich vorher wenig bis gar nicht mit der Geschichte und Kultur des Judentums und der Juden befasst haben. Ich glaube, dieses für Jugendliche konzipierte, mit 240 Seiten nicht allzu umfangreiche Werk wäre ein guter Einstieg dafür. Herr Wolffsohn räumt schon zu Beginn anhand seiner Familie mit ein paar Mythen auf. Essen alle Juden eigentlich kein Schweinefleisch? Die Saalheimers (Wolffsohns Familie mütterlicherseits) jedenfalls lieben "fränkische Blauzipfel", und das nicht mit Rinderersatz. Und Thea geht sogar auf eine katholische Schule, in der überdies Protestanten zugelassen sind! Sehr fortschrittlich für die 1930er Jahre. Wer hätte es gedacht: der Davidstern ist gar kein typisch jüdisches Symbol, sondern wurde auch von Brauereien gern als Erkennungsmerkmal in Gaststätten angebracht.

 Natürlich geht es nicht immer heiter zu für die "Glückskinder", denn "wie in jedem Leben eines jeden Menschen gibt es Freude und Leid". Das Hauptthema bildet der Zweite Weltkrieg, der plötzlich alles zerstört und viele - Juden sowie Nichtjuden - zum Auswandern bewegt. Auch die Saalheimers mit ihren drei kleinen Töchtern müssen gehen, obwohl sich Vater Justus Deutschland verbunden fühlt und sich anfangs nicht vorstellen kann, dass er wie seinerzeit Moses seine Familie vor dem wahnsinnigen ägyptischen Pharao schützen und befreien muss, indem er 1939 nach dem damaligem British-Palästina, sozusagen das gelobte Land, emigriert, in dem er kein Wort versteht.


Tel Aviv, die vorerst neue Heimat

 

Viel gelesen habe ich noch nicht und hebe mir das Buch bis Ende des Monats auf, aber ich habe den Eindruck, dass Michael Wolffssohn mit seiner Erzählkunst und einfachen Ausdrucksweise zugleich viele Leser ansprechen wird, die das Thema nur aus dem trockenen Geschichtsunterricht kennen, mit Zahlen statt Schicksalen und Gesichtern dahinter. Angereichert ist die Biografie seiner Familie mit Fotos aus Privatbesitz. 

Wer uns bei der Leserunde begleiten will und gerne diskutiert, ist herzlich eingeladen, sich hier anzumelden: *Klick*



Freitag, 7. Mai 2021

2. Leserunde zu "Das Bildnis des Grafen" (06. - 28. April 2021) ~ Teil IIII

Also, das Enddatum ist nun nicht mehr aktuell. Macht aber nichts. Es ist nicht so, dass ich in Zeitdruck wäre bei der Leserunde. Wenn ich mich auch hin und wieder doch dabei ertappe, wie gern ich die Diskussion ein bissl anstoßen würde - ich hätte keine Hemmungen, wenn es nicht mein eigener Roman wäre, da bin ich ziemlich sicher. So wirkt es irgendwie doof, daher lasse ich es sein.

Wir nähern uns dennoch dem Schluss, wobei ich nicht weiß, ob alle noch dabei sind, das Buch abgebrochen oder schon ausgelesen haben.

 

 

Momentan posten wir zu zweit, und ich hoffe, dass die weiteren zwei Teilnehmer noch kommentieren. Renoir steht nicht besonders gut da, weil er nach persönlichem Empfinden seinem jungen Patienten etwas "überzubraten" versucht. Eigentlich kann man ihm das gar nicht mal verübeln, denn er ist ziemlich überzeugt davon, auf der richtigen Fährte zu sein und das Geheimnis um Valentines Trauma zu lüften. Er weiß schließlich nicht das, was der Leser weiß: wäre es so, wie Renoir vermutet, würde die Geschichte vorhersehbar und ohne Clou verpuffen. Und das ist natürlich nicht im Sinn der Autorin. 

Mit dem treuen Butler Patrick Alguire betritt eine Figur die Bühne, die durch ihr Wissen und dem engen Kontakt zu Carrick Escaray von besonderem Interesse ist für Renoir, nachdem die anderen Dorfbewohner abweisend und schroff auf ihn und seine Neugier reagiert haben. Doch Patrick ist eine harte Nuss und nicht leicht zu knacken. Nicht aus Loyalität oder weil er zum "verrückten Einsiedler" geworden ist, sondern weil er Angst hat. Wovor, muss sich erst noch herausstellen.

 


Ich bin gespannt, wie das Ende bewertet wird und das Buch überhaupt, denn bisher habe ich zwar zur Handlung und zu Charakteren einige Meinungen gehört (ich glaube herausgelesen zu haben, dass Carrick und Valentine zumindest jetzt ein paar Sympathiepunkte einheimsen konnten), nicht aber, wie die Geschichte auf den einzelnen Leser wirkt. Was hoffentlich nicht vergessen wird, ist, dass "Das Bildnis des Grafen" auch mit Schauerelementen spielt, die sich rational nicht unbedingt erschließen, in sich jedoch Sinn ergeben und für Fans von Gruselromanen durchaus plausibel klingen. Na, falls diesbezüglich Fragen auftauchen: ich beantworte sie gern.

Meine nächste Leserunde ist übrigens schon geplant: Ab 31. Mai lese ich auf dem Büchertreff mit anderen Interessierten "Wir waren Glückskinder - trotz allem" von Michael Wolffsohn. Das Buch (mit Signatur) habe ich im Rahmen einer Facebook-Verlosung des dtv-Verlags unter Mitwirkung des Autors gewonnen. Ich Glückskind war total platt und habe mich wahnsinnig gefreut. Nun warte ich ungeduldig auf die Zusendung. Natürlich ist jede/r herzlich eingeladen, mitzulesen und zu diskutieren. Einfach den Link anklicken.


Samstag, 1. Mai 2021

Duran Duran und JoSi ~ eine Freundschaft fürs Leben


Oktober 2011

 Ich bin ja zugegebenermaßen von Männerfreundschaften fasziniert. Besonders von solchen, die ein Leben lang halten und von zwei grundverschiedenen Typen gepflegt werden. So wie die zwischen den Musikern Simon Le Bon und John Taylor, ihres Zeichens Frontmann bzw. Bassist der englischen Popgruppe Duran Duran aus Birmingham. Früher war ich Fan von ihnen und habe immer geglaubt, dass die beiden sozusagen Rivalen um die Gunst ihrer weiblichen Anhänger seien; waren doch sowohl der charismatische Sänger Simon als auch der schüchterne, hübsche und niedliche John häufig auf Solo-Postern in einschlägigen Teeniemagazinen abgebildet. Und in der Tat kam ihr Verhältnis eher unterkühlt rüber in den öffentlichen Medien und Zeitschriften. Während ihrer Soloprojekte "Arcadia" und "Powerstation" gingen sie getrennte Wege, wenn John auch im Videoclip zu "The Flame" einen Gastauftritt hat.

 

Der New Romantic Look (1980)

 Ich fand die angebliche Rivalität bedauerlich, denn ich mochte beide recht gern und hätte mir gewünscht, sie würden sich ebenso mögen. Da gingen oft ein wenig die Teenagerphantasien mit mir durch. Und jedes Schulterklopfen, Ins-Ohr-Geflüster und Umarmen in Videoaufnahmen oder auf Konzerten wurde mit Freuden und einem quietschenden "Wie süüüüß!" zur Fangirl-Kenntnis genommen. 


 

Erst später, als es mich schon nicht mehr wirklich interessierte, erfuhr ich eher zufällig im Internet, dass es bei den zweien sozusagen von Beginn ihrer Bekanntschaft im Frühjahr 1980 bis heute *prickelt*. Für Le Bon war Taylor "der schönste Mann, den ich je gesehen hatte". In schlaflosen Nächten sann er darüber nach, wie er den unnahbaren Nigel erobern könnte. Mit Mädchen "war das ja etwas ganz anderes". Doch eigentlich waren die schlaflosen Nächte umsonst um die Ohren geschlagen, denn den von Minderwertigkeitskomplexen geplagten, ernsten Nigel John Taylor ließen die Gegensätzlichkeit des extrovertierten Londoner Schauspielstudenten und dessen ungewohntes Interesse an seiner Person regelrecht aufblühen und gaben ihm wohl auch ein gewisses Maß an Selbstbewusstsein. 


1984: Bodycheck hinter den Kulissen....


Le Bon schrieb Songs für Taylor, wenn es ihm schlecht ging und er sich zum Heulen fühlte, was oft der Fall war, weil er mit dem Megahype nicht zurechtkam, den Duran Duran in den 1980er Jahren als erste "neue" Boy-Band und Lieblingsgruppe von Prinzessin Di auslöste. Ob zu Recht, mag ich heute nicht mehr beurteilen. (O; Obwohl ich ein paar ihrer schrägen, unverwechselbaren Lieder immer noch gern höre, vor allem das innovative Debütalbum, kommt mir meine Schwärmerei von damals übertrieben vor und wie aus einem anderen Leben (der einzige Trost ist, dass es bestimmt nicht nur mir so geht).


 

Auch Kleidertausch und Partnerlook war angesagt, denn beide haben mit knapp 190 cm fast dieselbe Statur. Irgendwie sind sie durch die Jahre hindurch immer ein nett anzuschauendes Pärchen ohne Berührungsängste gewesen, das sich scheinbar in guten und schlechten Zeiten aufeinander verlassen kann und deren Freundschaft wohl auch therapeutische Wirkung hat; etwa, wenn Le Bon Taylor an dessen launischen Tagen mit aufs Motorrad nimmt oder auf einen wochenlangen Segeltörn in die Ägäis. Manchmal gehen ihre Ausflüge und Abenteuer allerdings anders aus als erhofft; Mitte der 1990er hatten die beiden einen schweren Autounfall über eine Böschung mit Überschlag, den sie wundersamerweise unverletzt überstanden haben. Ich könnte mir vorstellen, dass so ein Glück im Unglück zwei Menschen noch mehr zusammenschweißt.


...und davor auf der Sing Blue Silver-Tour

 

Als sie sich kennenlernten, waren sie Anfang Zwanzig. Heute sind sie um die 60 und immer noch "verliebt" und total relaxed zusammen. Das imponiert mir, gerade weil ich aufgrund der distanziert wirkenden Art von beiden in der Öffentlichkeit annahm, sie hätten sich nichts bis wenig zu sagen. 

Aber vielleicht war das damals noch eine andere Zeit, und man war nicht gar so freizügig mit gleichgeschlechtlichen Zuneigungsbeweisen vor Publikum, standen die fünf teilweise stark geschminkten Jungs von Duran Duran doch trotz früher Heirat der einzelnen Bandmitglieder unter Generalverdacht, "vom anderen Ufer zu sein". 

Jedenfalls beweisen auch alte Bilder aus den Anfangszeiten der Band, dass Gegensätze sich anziehen. Und zwar anscheinend von dem Moment an, als Simon Le Bon mit hautengen pinkfarbenen Leopardmusterhosen bei den Gründern John Taylor und Nick Rhodes zum Vorsingen antanzte, bis in die 2020er hinein. Beide sind übrigens treue Ehemänner (nehme ich zumindest an...) mit Familie.

 

Man versteht sich. Immer noch.
 

 Irgendwie schade, dass ich von dieser speziellen Freundschaft und ungewöhnlichen Seelenverwandtschaft so spät gelesen und gehört habe bzw. ich nicht mehr für Popstars schwärme. Eine Verbindung wie die von JoSi wäre eine tolle Inspiration für einen Roman gewesen.


Bildquelle: Pinterest