Der Roman „Vor hundert Sommern“ von Katharina Fuchs ist ein emotionaler Generationenroman, der die Geschehnisse von der Weimarer Republik über die NS-Zeit bis in die Gegenwart miteinander verknüpft. Die Handlung wird in zwei zeitlichen Ebenen erzählt und stützt sich teilweise auf die eigene Familiengeschichte der Autorin. Ich habe ihn meiner Tante zum Geburtstag geschenkt und ihn mir ausgeliehen, nachdem sie mir begeistert von der Geschichte erzählt hat.
Handlung: Im Jahr 2024 räumen die Bibliothekarin Anja und ihre neunzehnjährige Tochter Lena die Wohnung von Anjas Mutter Elisabeth aus, die nach einem Schlaganfall vor kurzem widerwillig in ein Pflegeheim gezogen ist. Dabei stoßen sie auf rätselhafte alte Fotografien und Dokumente aus der Vergangenheit, über die in der Familie jahrzehntelang eisern geschwiegen wurde. Selbst eine alte Pistole taucht auf. Lena, die sich ohnehin oft als Außenseiterin fühlt und sich stark mit Themen wie Veganismus und Umweltschutz in der heutigen Gesellschaft auseinandersetzt, versucht gemeinsam mit ihrer Mutter, Licht ins Dunkel zu bringen.
Auslöser für das lange verschwiegene Familiengeheimnis ist Großtante Clara, deren Lebensgeschichte den historischen Handlungsstrang ab den 1920er Jahren prägt. Clara arbeitet zunächst unter schwierigen Bedingungen als Flaschenspülerin in einer Brauerei, bevor sie sich dank einer Begegnung mit Hunde-Liebhabern ihren großen Traum erfüllt und einen eigenen, erfolgreichen Hundesalon in Berlin aufbaut. Die leidenschaftliche Bekanntschaft des aus Russland geflohenen Adeligen Aleksej, einem überzeugten Kommunisten, stellt sich als schicksalhaft und folgenschwer heraus. Mathilde, Claras Schwester und Elisabeths Mutter, erkennt ebenfalls die Zeichen der Bedrohung. Und muss einen bitteren Entschluss fassen...
Durch die schrittweisen Enthüllungen von Elisabeth begreifen Anja und Lena, wie stark Schuld, Scham, Angst und das Gespenst der Vergangenheit über Generationen hinweg bis in die heutige Zeit nachwirken. Der Roman spannt damit einen Bogen darüber, wie historische Entscheidungen und der Umgang mit Unrecht das Leben der Nachfahren beeinflussen, und bricht am Ende das jahrzehntelange Tabu des Schweigens.
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| Lena und Findelhund Finn |
Meinung: Eigentlich sind Frauenromane - also Romane aus weiblicher Perspektive - nicht so mein Ding. Aber der Enthusiasmus meiner Tante, deren Hobby die Ahnenforschung ist, hat mich neugierig gemacht. Zudem hat es mich sehr gefreut, dass ich mit der Geschichte ihren Lesegeschmack so gut getroffen habe. Überrascht hat mich "Vor hundert Sommern" besonders in seiner Aktualität, wo sogar Namen und Krisen aus Politik und Wirtschaft Erwähnung finden.
Durch die zurückhaltende und oft unsichere Lena wird das Universitätsleben nach dem Massaker im Kibbuz Nir Oz am 7. Oktober 2023 beschrieben, das unverhohlen seine antisemitische Fratze zeigt, wo immer es möglich ist. Und es ist erschreckend oft möglich, wird sogar verharmlost. Dozenten, die sich kritisch zur pro-palästinensischen Bewegung unter Studenten und Lehrern äußern, werden entlassen, jüdische Mitarbeiter ebenfalls. Anjas Kollegin Esther muss aus Sicherheitsgründen von Bremen nach Frankfurt ziehen, als sie den aufkommenden Judenhass am Arbeitsplatz der Unibibliothek und auch im Alltag zu spüren bekommt. Sehr viel besser ergeht es ihr dort auch nicht.
Durch die antisemitischen Vorfälle an ihrer Uni fühlt Lena sich hilfloser und mehr zwischen den Stühlen als sonst, denn sie ahnt, dass sie nichts unternehmen kann auf dem Berliner Campus, ohne selbst zur Zielscheibe zu werden. Zum Glück hat sie Finn gefunden, einen großen grauen Hund, der ihr wie ein zweiter Schatten folgt. Da wundert es nicht, dass Lena - inspiriert durch die Biografie ihrer Urgroßtante Clara - Spaß am "Dog Grooming" (Professionelle Hundepflege) findet und ihr ungeliebtes Studium über Bord werfen will, indem sie selbst ein Start-Up plant, nämlich die Eröffnung eines Hundesalons. Vielleicht war das ein Punkt, der mir nicht so gut gefiel, denn später rückt sie von diesem Plan wieder ab. Allerdings wird ihr durch die Familiengeschichte klarer, wo sie ihren Platz im Leben hat, und sie findet den Partner, nach dem sie sich sehnt. Das war dann doch positiv und hat mich mit dem konventionellen Werdegang etwas versöhnt. Vielleicht eröffnen Lena und David ja nach dem Studium ihren Hundesalon.
Meine Lieblingsfigur war aber Anja, Lenas Mutter. Ich fand sie mutig und auch taff; nicht nur, weil Eisbaden zu ihrem morgendlichen Fitnessprogramm gehört, das sie sogar genießt. In ihren späten Fünfzigern wagt sie nach langer Unsicherheit einen Neuanfang, der ihr unverhofft über den Weg läuft, nachdem ihre Beförderung in der Bremer Universitätsbibliothek durch eine von ihr gestellte Anzeige gegen unbekannt abgelehnt wurde.
Fazit: Eine lohnenswerte Lektüre, die in ihrer Aktualität verblüfft, vielleicht auch erschreckend ist, aber mit neutralem Verständnis die politische Situation beleuchtet und Vergleiche zum dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte zieht. Ich würde mir wünschen, dass Bücher wie dieses an Schulen und Universitäten zum Pflichtprogramm gehörten.
Bewertung: 💫💫💫💫


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