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Montag, 20. Juli 2026

"Das Mädchen mit dem roten Zopf" (The Redhead of Auschwitz) ~ Nechama Birnbaum

Ein Buch, das mich zum Weinen gebracht hat. Mehrmals und fast immer, wenn ich es zugeklappt habe. Aber auch das wichtigste von meiner Leseperiode über den Zweiten Weltkrieg. Im Zentrum steht die Lebens- und Überlebensgeschichte von Rosi Grünstein während des Holocausts. Es handelt sich um ein biografisches Porträt, das auf den realen Erinnerungen der Protagonistin basiert und von ihrer Enkelin Nechama Birnbaum niedergeschrieben wurde. 

 

 

Inhalt: Rosi wächst in dem kleinen Ort Crasna im ungarisch-rumänischen Grenzland auf. Ihr Leben als Kind und Jugendliche ist nach dem Tod des geliebten Vaters und Ehemanns besonders stark von familiärer Nähe, Traditionen und einer unbeschwerten Jugend geprägt, obwohl der Krieg bereits vor der Tür steht. 

Mit dem Einmarsch der Nationalsozialisten bricht diese Welt radikal zusammen. Rosi und ihre Familie werden von einem Tag auf den anderen mit weiteren Juden der Stadt verschleppt. Ihre Stationen führen sie durch mehrere Konzentrations- und Vernichtungslager, wo man sie systematisch demütigt. Symbolisch dafür steht das Abrasieren von Rosis markantem rotem Haar, das sie vom Tate, dem verstorbenen Vater, geerbt hat. Sie verliert im Lauf dieser Zeit einen Großteil ihrer Familie und wird Zeugin unvorstellbarer Grausamkeit und Brutalität. Gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester Lea gelingt es ihr jedoch, eine innere Stabilität zu bewahren und sich zu ermutigen, durchzuhalten. Sie klammert sich an schöne Erinnerungen der Vergangenheit und schwört sich, nach Hause zurückzukehren und sich nicht brechen zu lassen. Um den Leser so nah wie möglich an das Geschehen heranzuführen, ist das Buch aus der Perspektive von Rosi verfasst. Man erlebt das Grauen und den Triumph durch die Befreiung direkt durch ihre Augen. 

 

Rosi und Lea, erstellt mit KI

Meinung: Selten hat mich eine Lebensgeschichte so mitgenommen wie die von Rosi Grünstein, die 96-jährig vor ein paar Jahren in New York starb. Ich bin nicht unvorbelastet mit dem Thema und habe schon einiges an Lektüre und auch Filme / Dokumentationen durch, die mich nächtelang nicht schlafen ließen. Aber oft musste ich innehalten, und mitunter hatte ich das Gefühl, nicht weiterlesen zu können, ohne laut zu weinen oder zu schreien vor Wut und Fassungslosigkeit. 

Sie sind mir total ans Herz gewachsen, Rosi, Lea, der kleine, kluge und lustige Jecheskel, der Sejde (Opa), und vor allem die Mama, die mich in vielen Dingen an meine eigene erinnert hat. Die wollte, dass Rosi und Lea zusammenbleiben, nachdem man sie und den jüngeren Bruder (der unerlaubt zur Mama in die Reihe läuft) von den beiden Schwestern trennt. Diesen Wunsch erfüllen die beiden ihrer Mama. Was sie erleben auf diesem Weg durch die Hölle von Auschwitz, Bergen-Belsen und anderen "Arbeitslagern", was sie erleiden, davon kann sich kaum jemand einen Begriff machen, der "nur" hört, dass Hitler und die Nazis sechs Millionen Juden getötet haben. Einzelschicksale sind eindringlicher, schrecklicher, unbequemer und darum wichtiger als bloße Zahlen im Geschichtsunterricht. 

Das Buch ist wunderschön aufgemacht. Besonders schön fand ich die passenden Psalmverse zu Beginn eines jeden Kapitels. Ich war wenig erstaunt, zu erfahren, dass Rosi trotz der grauenvollen Ereignisse, die ihre Familie zerstört haben, nie an Gott gezweifelt hat, und dass ihre Enkelin Nechama ihn in ihrer Danksagung auf den letzten Seiten hervorhebt. Ohne deine Hilfe, schreibt sie, wäre dieses Buch nie zustande gekommen.

 Fazit: Ein erschütterndes, aber ungemein wichtiges Buch, das in den höheren Klassen zur Schullektüre gehören sollte. Denn Rosi war sehr entsetzt und auch verletzt, als sie hörte, dass viele junge Menschen mit dem Begriff "Holocaust / Shoa" nichts mehr anzufangen wissen. Überwunden hat sie ihr Trauma nie - aber den Mut gehabt, ein neues Leben zu wagen. Unbedingte Leseempfehlung! L'chaim, Rosi!

 

 Bewertung:  💫💫💫💫💫

 

 

Montag, 13. Juli 2026

"Trümmerkind" ~ Mechthild Borrmann

 "Trümmerkind" von Mechtild Borrmann ist ein bewegendes Familiendrama mit starken Kriminalelementen. Das Buch verknüpft das Schicksal eines Findelkindes im zerstörten Nachkriegshamburg mit der Vertreibung einer Gutsbesitzerfamilie und einer Spurensuche fast fünfzig Jahre später.

 


Inhalt: Der Anfang: Mitten im bitterkalten Nachkriegswinter kämpft die Familie Dietz ums nackte Überleben. Der Vater wird vermisst, die Mutter Agnes versucht mit ihren Kindern Hanno und Wiebke durch Steineklopfen und Schwarzhandel durchzukommen. Eines Tages macht Hanno in den Trümmern eine grausame Entdeckung: Er findet die nackte Leiche einer ermordeten Frau. Ganz in der Nähe entdeckt er einen völlig verängstigten, etwa dreijährigen Jungen, der sehr gut gekleidet ist. Hanno behält den Leichenfund aus Angst für sich, aber die Familie nimmt den traumatisierten Jungen bei sich auf. Da er monatelang kein Wort spricht, nennen sie ihn einfach Joost. Er wächst als vollwertiges Familienmitglied bei den Dietzens auf. 

Der zweite Strang erzählt die Geschichte der wohlhabenden Familie Anquist auf ihrem Gut in der Uckermark. Als die Rote Armee heranrückt, muss die Familie fliehen. Auf der chaotischen Flucht wird die Familie auseinandergerissen, traumatisiert und verliert sich aus den Augen.

Dazwischen immer wieder Erzählstrang Nr. 3: Die Anwältin Anna Meerbaum begibt sich in den 1990er Jahren auf die Suche nach den Wurzeln ihrer Familie. Ihre Mutter Clara verhält sich seit jeher extrem distanziert, ist dem Alkohol verfallen und schweigt eisern über die Vergangenheit. Als es um Rückübertragungsansprüche des alten Familienguts in der Uckermark geht, fängt Anna an, nachzuforschen und stößt dabei auf ein dunkles Familiengeheimnis und ein tödliches Verbrechen aus den Tagen des Kriegsendes.

 

 

deti6 / Pixabay

Meinung: Die verschiedenen Zeitebenen, die in recht kurze Kapitel eingeteilt sind, haben mich anfangs genervt - zumal ich zuvor ein Buch in der Hand hatte, das ähnlich strukturiert war und ich aus diesem Grund abgebrochen habe. Doch bei "Trümmerkind" dachte ich, dass es sich wahrscheinlich lohnt, dranzubleiben. Es gibt viel Lektüre über den Zweiten Weltkrieg und seine Gräuel, aber eher selten erfährt man, was mit den "normalen" Deutschen während und nach dem Krieg geschah. Dass sie sehr gelitten haben unter Armut, den Allierten (vor allem den Russen) und auch von diesen vertrieben wurden oder ihr Besitz beschlagnahmt, um Fremde darin wohnen zu lassen. So geht es der Familie Anquist in der Untermarck mit ihrer Pferdezucht und dem Gutshof. Tochter Clara behält einen kühlen Kopf, nachdem Vater Heinrich mutmaßlich getötet wurde, und bemüht sich um eine Einwanderung nach Spanien, wo die Familie Freunde hat. Alfred Brandner und seine Tochter Luise, vertrieben aus dem Sudetenland, schließen sich ihnen an. Als Clara langsam einen Verdacht hat, welches Spiel die beiden treiben, ist es schon fast zu spät... 
 
Unglaublich spannend war das Buch, das offenbar auf wahren Biografien basiert, wie die Autorin in den Danksagungen anmerkt. Ich war oft berührt und konnte mir gut vorstellen, dass Joost - obwohl er in einer guten Familie aufwuchs - aus allen Wolken fiel, als man ihm 1967 seine Adoption offenbart. Doch seine wahre Herkunft bleibt nach wie vor im Dunkeln. Durch einen Zufall lernt er in den 90er Jahren Anna Meerbaum kennen, die sich wie er für das alte verfallene Gusthaus interessiert, wobei sein Interesse zunächst - er ist Architekt - rein beruflich ist. Anhand von Fotos und Josef, einem noch lebenden Zeitzeugen, kommen sie der Wahrheit immer näher, die es wirklich in sich hat. Ich wusste schon recht bald, dass hier mit verdeckten Identitäten gespielt wird, aber das hat mein Lesevergnügen nicht geschmälert. Allerdings - ein Feelgoodbuch ist "Trümmerkind" nicht.
 
Fazit: Mechthild Borrmann zeigt eindringlich, wie die Traumata der Kriegs- und Nachkriegsgeneration (Verlust, Vertreibung, Schweigen) bis in die Enkelgeneration hineinwirken – und wie Habgier die Moral der Menschen in extremen Notzeiten beeinflussen kann.

Bewertung: 💫💫💫💫


Mittwoch, 1. Juli 2026

Leseprobe "Fairlight"

 "Fairlight? Dann wird das nächste Anwesen Fairlight House sein, oder? Ja, es stimmt, man erzählt sich so einiges über den kauzigen Alten und seine Brut. Erwachsene Söhne, allesamt ledig. Der Jüngste ist wohl schwachsinnig. Mich soll's nicht wundern bei der Familie. Regelrechte Eigenbrötler. Wo hat man so etwas schon erlebt?"

"Es mag Ihnen ungewöhnlich scheinen, doch sehen Sie sich um“, erwiderte John Raeburn mit einem müden Grinsen. "Mindestens zehn Meilen bis zur nächsten Stadt, kein idealer Ort für Brautschauen, geschweige denn für eine Frau."

"Ja“, pflichtete Thorpe eifrig bei und knipste sein charmantestes Lächeln an. Er war ein im klassischen Sinne gutaussehender Mann und wusste um seine Anziehungskraft auf die holde Weiblichkeit, was er jedoch zu befangen und wohlerzogen war, auszureizen. Infolgedessen war er mit vierunddreißig Jahren der begehrteste Junggeselle in ganz Huddersfield.

"Die Lady Clayton soll es hier so unerträglich gefunden haben, dass sie freiwillig aus ihrem tristen Dasein schied, und sie war bei Gott keine zartbesaitete Seele. Wenn nur die Hälfte wahr ist von dem, was man munkelt, muss das eine wirklich verrückte Sippschaft sein."

Edward kicherte. "Genie und Wahnsinn liegen ja oft nahe beieinander. Oder wie Shakespeare so schön formuliert: 'Der Wahnsinn hat Methode.' Wenn Sie meine Meinung hören wollen, Gentlemen, die haben nicht nur Lady Claytons Leiche im Keller. Schade um die Frau. Ein Fluch soll seitdem auf dem Haus liegen, naja, das übliche Getratsche."

Ein donnerndes Krachen, verursacht durch ein weiteres Schlagloch, beendete die müßige Konversation abrupt, Vaughan fluchte deftig und machte ebenso sinnlose wie verzweifelte Anstalten, das Lenkrad aus der Verankerung zu reißen. Weiß der Himmel, was er damit bezweckte, dachte Raeburn mit einem Anflug von Zorn. Nicht zum ersten Mal fühlte er sich an einen kleinen linkischen Buben erinnert, der aus Trotz oder Ärger über seine eigene Unfähigkeit denselben an unschuldigen Opfern, im konkreten Fall an dem schmucken Phaeton, ausließ. Ein Kindskopf, dieser Vaughan. Und so ein unbeherrschtes Subjekt wollte approbierter Doktor werden. Raeburn kam sich vor wie auf einer Narrengesellschaft, Thorpe war nicht unbedingt ein ernsthafterer Zeitgenosse, ein Dandy. Doch vielleicht wurde er, Raeburn, mit Ende Vierzig langsam alt. Fest stand jedenfalls, dass sie sich verspäten würden, und zwar um wenigstens einen vollen Tag. Es gab wenig, was der Doktor so sehr hasste wie Unpünktlichkeit.

Den Kollegen amüsierte die Situation offenbar; er lachte und klopfte Vaughan auf die Schulter. "Nicht aufregen, Edward, alter Knabe. Sie ruinieren Dr. Sedgleys Eigentum."

"Das ist nicht mehr nötig." 

 


 

Die raue Stimme, die von oben erscholl, ließ die drei zusammenzucken, Edward schrie leise auf. Spielend das Gefälle einer rutschigen Anhöhe nehmend, tänzelte ein prächtiger Rappe auf den Pfad, ein nervöses, schäumendes Tier, das von einem fast zierlich gebauten Mann meisterlich in Schach gehalten wurde. Er mochte Anfang Dreißig sein, vielleicht etwas jünger. Seine zerrissene Uniform war schmutzbespritzt, ebenso die hohen Füße seines verausgabten Pferdes, dessen Nüstern vom schnellen Lauf rot glühten. Auffallend waren die schlanken Hände und die bogenförmig geschwungenen Brauen des Reiters, die ihm ein merkwürdig trauriges und zugleich listiges Aussehen verliehen. Apart und nahezu hübsch war auch das von spärlichen Bartstoppeln eingerahmte, jungenhafte Gesicht mit den feinen Zügen, in dem die haselnussbraunen Augen irgendwie manisch glänzten. Er trug das dunkle Haar im Nacken kurz und an den Seiten länger, wie die Mehrheit der Herren seines Alters; ein starker Kontrast zu seinem übrigen, eher ungepflegten Äußeren. Das spöttische Lächeln, mit dem er die Gestrandeten bedachte, drückte auf beunruhigende Art Mitleid aus. Er schien Gefallen daran zu finden, sie einzuschüchtern. Eine kurze Musterung genügte, um den ängstlichen Vaughan zum Stottern zu verleiten, welcher beherzt zu einer Erwiderung auf den Kommentar ansetzte und ehrfürchtig verstummte, als der Reiter das – wie ihm vorkam – haushohe Ross bedrohlich auf ihn zulenkte und in schallendes Gelächter ausbrach. Edward spürte, wie ihm der Schweiß den Kragen hinunterrann und errötete. Rasch betupfte er seine Stirn mit einem Taschentuch und bezog Deckung hinter dem Heck des Autos. Thorpe fasste sich als erster.

"Was ist nicht nötig, Sir?"

Der Soldat wandte sich Thorpe überrascht zu, offenes Unverständnis über das Nachhaken des Gentlemans bekundend. Er postierte sein Pferd so, dass es sich wenige Zentimeter vor dem jungen Arzt versammelte. Dann beugte er sich vor, in der Absicht, direkt an dessen Ohr zu sprechen.

"Den Wagen zu ruinieren. Er ist bereits ruiniert. Von Technik verstehe ich nicht viel, aber ich glaube, ich erkenne das Geräusch einer gebrochenen Vorderradachse, wenn ich es höre."

Die Worte entlockten Vaughan, dem Übeltäter der Misere, ein abgrundtiefes Stöhnen.

"Ist er krank?" erkundigte sich der Reiter, nonchalant in Edwards Richtung nickend. "Das täte mir leid."

"Er ist nicht krank“, ließ sich Raeburn vernehmen. "Besäßen Sie die Freundlichkeit, uns die Straße nach London zu zeigen? Ich fürchte, wir haben uns gründlich verfahren."

"Oh, damit wollen Sie nach London? Ich gäbe mein letztes Hemd, um das zu sehen. Sind Sie Mechaniker, Zauberkünstler oder beides in einer Person?"

Souverän ignorierte Raeburn die letzte zynische Frage, der Mann war ihm entschieden zu neugierig. Er hatte sich noch nicht einmal vorgestellt.

"Möglicherweise gibt es in der Nähe ein Wirtshaus, wo wir die Achse austauschen könnten."

Wieder lachte der Fremde. "Wissen Sie, wo Sie sind? Hier gibt es weit und breit nichts außer Wald und Flur."

Thorpe wagte einen Vorstoß. "Was ist mit dem Fairlight Anwesen? Wohnt dort niemand?"

Ein strenger Zug bildete sich um die schmalen Lippen des Soldaten. Er versetzte dem Tier einen rohen Schlag mit den Zügeln und riss es um die Hinterhand. 

"Das ist mein Ziel. Wenn Sie möchten, begleiten Sie mich", erbot er sich, plötzlich die Höflichkeit selbst.