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Donnerstag, 30. Juli 2026

"Der dunkle Garten" ~ Tana French

Inhalt: Der Roman erzählt die Geschichte von Toby, einem jungen Mann aus Dublin, der sich selbst stets als absolutes Glückskind betrachtet hat. Das schlägt jedoch um, als er in seiner eigenen Wohnung von Einbrechern überfallen und schwer misshandelt wird. Er überlebt nur knapp und leidet fortan unter körperlichen Nachwirkungen, Ängsten und massiven Gedächtnislücken. Um Abstand zu gewinnen und sich zu erholen, zieht er gemeinsam mit seiner Freundin Melissa in das alte Anwesen der Familie, wo er sich um seinen unheilbar kranken Onkel kümmert.
 
 
 

 
Die scheinbare Idylle stürzt ein, als die Kinder seiner Cousine beim Spielen im Garten einen menschlichen Schädel im Stamm einer alten Ulme entdecken. Die Polizei schaltet sich ein und identifiziert den Toten als einen ehemaligen Schulkameraden von Toby. Je weiter die Ermittlungen fortschreiten, desto mehr gerät das Bild von Tobys harmonischer Jugend ins Wanken. Wegen seiner veränderten Wahrnehmung und der Lücken in seiner Erinnerung erlebt der bis dato unkomplizierte junge Mann eine tiefe Identitätskrise und fragt sich schließlich selbst, ob er oder jemand aus seinem engsten Familienkreis etwas mit dem Verbrechen zu tun hat. Das Buch entwickelt sich so zu einem psychologischen Verwirrspiel über Privilegien, verdrängte Wahrheiten und das brüchige Fundament der eigenen Erinnerung. 
 
 
 
dawnslene / Pixabay

 
 
Meinung:  Die ersten 200 Seiten von knapp 800 waren zäh. Ich kann mich entsinnen, dass ich das Buch schon einmal abgebrochen hatte, weil ich nicht hineinfand. Diesmal habe ich Toby Hennessey in Hugos dunklem Garten eine größere Chance eingeräumt, die sich zunächst auch gelohnt hat. Ich fand die Geschichte um den Ich-Erzähler Toby und seine Cousinen Susanna und Leon, die viel Zeit im "Ivy House" schon als Kinder verbrachten, spannend und ausgeklügelt. Die Charaktere ebenfalls, und voller Leben. Man konnte sich das Familienleben dort gut vorstellen - in der Vergangenheit und der Gegenwart. Und dann das Rätsel um das alte Haus, im Garten, der unerwartete Fund... Da haben Briten irgendwie ein Händchen für. Bald habe ich mich an "Es scheint die Sonne noch so schön" erinnert gefühlt, mit dem Unterschied, dass sich alles moderner anfühlte - Internet, Taxi-App, Smartphones... und das bereits in einem Buch, das vor fast zwanzig Jahren erschienen ist.
 
Und kaum war ich dabei, sämtliche Personen sympathisch zu finden - selbst das Trio Infernale, das durchaus nicht aus Sympathieträgern besteht  - wurde meine Euphorie gedämpft. Die Psychologie hinter der Geschichte und vor allem Tobys, der bis zu dem nächtlichen Überfall stets ein vom Glück begünstigter Sonnyboy zu sein scheint, war mir dann irgendwie zu vertrackt bzw. zu konstruiert. Zu *cleverclever*.
 
Ich habe eigentlich darauf gewartet, dass Zusammenhänge hergestellt werden zwischen dem Überfall, der grausigen Entdeckung und Hugos Hobby Geneaologie, denn gerade letzteres nahm einen großen Teil des Romans ein, der dann doch ohne Konsequenzen im Sand verpufft. Als der Überfall aufgeklärt wurde, hatte ich die Vorgeschichte schon fast wieder vergessen, weil sie so nebenbei erwähnt worden war.  
 
Vielleicht hat die Autorin Spaß daran, ihre Leser auf falsche Fährten zu führen und psychologische Kniffe anzuwenden, die mir mitunter zu motivationslos (kein echter Grund für ein Motiv) vorkamen, zu plakativ und abstrus obendrein. Schade, denn der Mittelteil hat mir gut gefallen. Daher gibt es immerhin drei mittelprächtige Sterne.
 
 
 
Bewertung: 💫💫💫 
 
 
 
 
 
 

Montag, 9. März 2026

"Ein Spiel zu viel" als kostenloser Download

 Anlässlich des neuen Covers, das nun doch noch einige Veränderungen durchlaufen hat, möchte ich auf eine Aktion aufmerksam machen, die bei "Shalom Mamele" höchst erfolgreich war: der kostenlose Download meines Buches auf Amazon. Ich würde mich sehr freuen, wenn Irving & Co. annähernd so viele interessierte Leser/innen gewinnen würde wie meine Biografie über Mama. 

 

 

"Ein Spiel zu viel" erzählt die Geschichte einer Theaterschauspiel-Clique im Jahr 1902, deren Anführer Irving Van Sander einen perfiden Plan ausklügelt, um seinen Geliebten Galen Asquith nicht teilen zu müssen, wie er befürchtet. Was an sich ziemlich merkwürdig wirkt - erst einmal. Denn Galen hat keinen neuen Partner, doch durch einen Kollegen erfährt Irving von seinem ehemaligen Adoptivvater, der ihn aufnahm, als man Galen als Baby in den Londoner Docks ausgesetzt hatte. Allein das ist dem eifersüchtigen und narzisstischen Irving ein Dorn im Auge; gemeinsam mit seinen Freunden Dashiell, Christopher und seinem jüngeren Bruder Orest reist er nach Dorset, wo Mr. Blake als Farmer nach dem Ausstieg als Inspector von Scotland Yard seinen Vorruhestand genießt. 

Irving schickt den ahnungslosen Orest zu ihm, um Kontakt herzustellen und mehr über Raphael Blake herauszufinden. Außerplanmäßig nimmt Orest nach mehreren Treffen Galen mit zu ihm, ohne zu wissen, wie die Beziehung zwischen dem überspannten Schauspieler und dem unerschütterlichen Mr. Blake geartet ist. Blake selbst erkennt Galen nicht, den er tot glaubt. Galen indes erinnert sich sehr wohl an ihn, ist sich aber nicht sicher, ob im Guten oder im Schlechten. Immerhin gab es nach ihm Blakes leiblicher Sohn Zachary, der ihm Blakes Gunst seiner Ansicht nach entzogen hat... und der im Burenkrieg in Afrika sein Leben ließ - allerdings nicht in Ausübung seiner Pflicht als Soldat. 

 Insgesamt ist "Ein Spiel zu viel" recht episch angelegt und auch etwas verzwickt; das ist eine Spezialität von mir, die ich nicht ablegen kann. 😇 

Im markierten Link könnt ihr die bereitgestellte Leseprobe abrufen, die wie immer ziemlich lang ist auf Amazon. Wenn euer Interesse geweckt ist an einer Geschichte um Charakterköpfe, Geheimnisse, Psychologisches und Historisches und auch den Dreh einer Gruppendynamik, dann zögert nicht, es herunterzuladen, denn die Zeit ist bis zum 12. März begrenzt. Ich freue mich sehr darüber und verdiene keinen Cent daran... 😏

 

 

Freitag, 19. August 2022

Leseprobe "Ein Spiel zu viel" (III)

 Manchmal gönne ich mir den Spaß und lese in meine eigenen Bücher rein. Viele davon sind nun nicht mehr ganz taufrisch, und trotzdem gefallen mir meine Geschichten en gros noch immer. 

"Ein Spiel zu viel" ist kein einfaches Buch. Es geht um Eifersucht, Verlustangst, das Verselbständigen einer Gruppendynamik und um einen Vater und seinen Adoptivsohn, die nach Jahren wieder aufeinandertreffen - der Vater Raphael Blake dabei ohne Ahnung, dass es sich um seinen unangepassten, ein wenig psychotischen Sohn handelt, der diesen durch eine Verkettung von Umständen wiedersieht und der mittlerweile als Theaterschauspieler ein Pseudonym angenommen hat. 



Bei der Einordnung des Genres habe ich mich seinerzeit etwas schwergetan. Es ist am ehesten vermutlich ein historischer Psycho-Thriller der unblutigen Art, in dem fünf junge Schauspieler einen Trip nach Sherborne im Südosten des Landes machen, wobei Irving Van Sander, der "Anführer" der Clique, damit eine recht perfide Absicht hegt. Der "Landurlaub" stellt sich als wenig erholsam für alle Beteiligten heraus, denn Irving sinnt auf Rache für seinen Liebhaber Galen und fürchtet zugleich, ihn an Raphael Blake zu verlieren. 

Von Blakes leiblichem Sohn Zachary, der seinen verschollenen Bruder aus Gründen schon lange sucht, erfuhr Irving, dass Galen dessen Adoptivsohn war und von Blakes Frau misshandelt und verstoßen wurde. Blake selbst glaubt, er sei tot.

Das Cover hat sich mittlerweile geändert und sieht so aus: *Klick*

Hier kommt die Leseprobe, in der Raphael zum ersten Mal vage dämmert, wen er möglicherweise als Gast bei sich aufgenommen hat. 

Samstag, 4. April 2020

Filme in Zeiten von Corona (III): "Sag kein Wort" (2001)

Eigentlich hatte ich diesen Film aus der Kategorie "typische Psychothriller aus den 1990/2000ern" bereits aussortiert, um ihn zum Verkauf anzubieten. Warum, wurde mir jetzt wieder klar.



 

Inhalt: Die achtjährige Tochter des New Yorker Psychologen Nathan Conrad (irgendwie creepy in der Rolle: Michael Douglas) wird von Sean Bean und Komplizen entführt. Zur Freigabe wollen die Gangster kein Geld in Millionenhöhe, sondern eine Zahl aus dem Kopf von Elizabeth (ein bisschen nervig wie immer, dann aber auch wieder überzeugend: Brittany Murphy), einer jungen Frau, die nach einer scheinbar grundlosen Attacke auf einen Mann in der Psychiatrie sitzt und vor sich hindämmert. Conrad hat acht Stunden Zeit, ihr den Code zu entlocken, sonst wird er seine Tochter Jessie nie wiedersehen. Der Anfang ist schwierig, doch Elizabeth fasst Vertrauen zu Nathan (warum auch immer), und er hat bessere Karten als der Kollege (Oliver Platt), dessen Freundin ebenfalls entführt wurde - weil auch er Kontakt zu Elizabeth hat und sie ursprünglich seine Patientin ist. Im Gegensatz zum Kollegen erweist sich Conrad  trotz aller Druckmittel cool und patent. Am Ende gelingt es ihm, den Spieß umzudrehen und in einem Westernmäßig inszenierten Showdown den Kopf der Bande zu überwältigen. Es ist wahrscheinlich kein Megaspoiler, wenn ich an dieser Stelle verrate, dass Sean Bean ein Ende findet, das an Horror kaum zu überbieten ist.





Meinung: Obwohl ich Michael Douglas ganz gern sehe und ihn für einen tollen Schauspieler halte, hätte ich mir als Erstes eine andere Besetzung gewünscht. Gefunkt hat es zwischen Douglas und Murphy gar nicht - ihr Verhältnis als Arzt und Patientin war trotz Händchenhalten und tröstenden Umarmungen so klinisch und karg wie die unglaublich versiffte Anstalt, in der Elizabeth untergebracht war (Ehrlich, *das* sollte eine Einrichtung aus dem 21. Jahrhundert sein?!).

Und ständig tanzte mir Harrison Ford vor Augen, der in den zwei besagten Jahrzehnten den Archetyp des aufrechten, guten und gewitzten Amerikaners gepachtet hatte und wahrscheinlich eine bessere Figur als Psychiater abgegeben hätte. Im Vergleich mit Mr. Ford war Michael Douglas meiner Meinung nach die klassische Fehlbesetzung. Dazu gehörte auch die jovial-anbiedernde "Guter-Onkel-Masche", mit der er Patienten jeden Geschlechts und Frau und Tochter umgarnt. Fand ich echt zu plakativ für einen Psychologen, beinahe schon gruselig. Apropos Frauen: die müssen neben tough vor allem sexy sein. Sowohl die ermittelnde Polizistin als auch die zur Untätigkeit verdammte Mrs. Conrad im Bett mit Gipsbein sahen aus wie einem Hochglanzmagazin entsprungen, mit den weiblichen Kurven an den richtigen Stellen. Da bekam ich fast ein bisschen Komplexe. Die Zeiten haben sich zum Glück auch in Hollywood ein wenig geändert.

Die Story an sich ist temporeich und auch ziemlich originell. Was sich hinter der Zahlenkombination verbirgt, derer Sean Bean & Co. habhaft werden wollen, und wie es zudem dazu kam, da musste ich tatsächlich den Hut ziehen. Allerdings gab es für mich auch einige Lücken im Plot, etwa woher die Gauner wussten, dass Elizabeth sich die Zahl gemerkt hatte. Vielleicht bin ich bei der Szene aber auch einfach mal kurz eingenickt oder war für kleine Mädchen.

Jedenfalls bin ich von Michael Douglas ein besseres und subtileres Spiel gewöhnt.

Bewertung: Kein Reißer, obwohl ich mir vorstellen kann, dass es viele Fans dieser Art Filme gibt, auch wenn sie ein bisschen angestaubt wirken. Ich meine mich zu erinnern, dass mich "Sag' kein Wort" beim ersten Mal Anschauen recht gut unterhalten hat, daher



👍👍👍


Dienstag, 11. Februar 2020

"Ein Spiel zu viel" ~ Leseprobe ~ (II)

Es ist mal wieder Zeit für eine Leseprobe. Diesmal aus" Ein Spiel zu viel", meinem Roman über eine Clique junger Schauspieler zu Beginn des 20. Jahrhunderts in England.

Vor der Veröffentlichung hatte ich lange überlegt, in welchem Genre die Erzählung am besten aufgehoben wäre  - und bin mir bis heute nicht ganz schlüssig. Historisch verbürgte Elemente werden weniger beleuchtet, dafür die Beziehung der fünf jungen Männer untereinander und ihre jeweiligen Charaktere. Ein zentraler Punkt in der Geschichte ist die Verbindung des impulsiven Galen zu dem charismatischen "Anführer" der Truppe, Irving Van Sander, und wie sie sich wandelt, als Galen etwas über ihn herausfindet, das lange Zeit ein Geheimnis bleibt und die bis dahin mehr oder weniger harmonische Gruppendynamik verändert.





Insofern bezeichne ich den Roman gern als historischen Psycho-Thriller, auch wenn es keinen Serienmörder im engen Sinn oder allzu blutige Szenen gibt. Vielmehr handelt der Roman von Verlustängsten und wohin sie jemanden treiben können, der sich seiner selbst nicht sicher ist und Bestätigung in der seelischen und physischen Abhängigkeit Anderer sucht. Oder wozu man fähig ist, wenn man jemanden nicht loslassen kann.

In der ausgewählten Leseprobe kehrt Galen zum zweiten Mal zu seinem früheren Adoptivvater Raphael Blake zurück, nachdem er einige persönliche Sachen geholt hat, um für einen längeren Zeitraum bei ihm zu wohnen und eine Schuld abzuarbeiten. Beide wissen nicht eindeutig um die Identität ihres Gegenübers, da sie durch unglückliche Umstände recht früh wieder voneinander getrennt wurden und Galen als Sechsjähriger in den Gassen Londons verschwand. Erst nach und nach lernen sie sich besser kennen. Wenn das der eifersüchtige Irving wüsste...



Mittwoch, 3. Oktober 2018

Leseprobe "Ein Spiel zu viel" (I)

Seit Raphael Blake, ehemaliger Inspector bei Scotland Yard, zwei geheimnisvolle junge Männer in sein Haus eingeladen hat, ist es vorbei mit dem beschaulichen Landleben.


Pixabay, PublicDomainPictures

Leseprobe: 


Im Allgemeinen schlief Orest nach dem Genuss eines medizinischen Cocktails traumlos und lange. Es verwunderte ihn daher nicht, gegen Mittag eine hastig gekritzelte Nachricht von Irving auf dem Tisch vorzufinden, in der er ihm mitteilte, dass sie zum See gefahren seien auf der Suche nach Abkühlung. Wenn er Lust hätte, könne er nachkommen, aber ihm persönlich wäre es lieber, er würde bei Mr. Blake ‚nach dem Rechten schauen. ‘
Nach einem erfrischenden Bad lechzte er förmlich und fühlte nichtsdestoweniger eine unerklärbare Angst in sich aufsteigen, als er den gestrigen Tag Revue passieren ließ. Zuerst Galens Anfall und die sonderbare Art, wie er Mr. Blake abgefertigt hatte, dann Irving mit seinen Vermutungen... er wäre nicht in der Lage, ihnen heute so früh zu begegnen, vor allem nicht Irvings fragender Miene.
Auf Mr. Blake dagegen freute er sich; er konnte selbst nicht begreifen, weshalb. Flugs stieg er in seine Beinkleider, knöpfte das Hemd zu, das er Mr. Blake schuldete und verließ das Wirtshaus ohne Frühstück. Mrs. Langrish rief ihn energisch zurück, sie hatte ihm auf Irvings Geheiß ein Lunchpaket geschnürt. Orest bedankte sich pflichtbewusst, um sich anschließend ohne weitere Verzögerung auf das Fahrrad zu schwingen, das vor dem Haus noch so verdreht dalag, wie Galen es verlassen hatte. Mit fremden Gütern ging er nicht besonders sorgfältig um, dann aber auch nicht mit seinen eigenen Sachen, was der Grund dafür war, dass er nicht viel mehr sein eigen nannte als die Fetzen auf seinem Leib. Reichtum verdirbt den Charakter, zitierte er oft, wenn man ihn darauf ansprach.

Bevor er auf dem Gehöft eintraf, ahnte er, dass etwas geschehen war, das die Bürger und Nachbarn in Unruhe versetzte; Bauern und einfache Bürger rotteten sich auf der Straße zusammen und vertieften sich in hitzige Debatten. Mehrmals schnappte er den Namen Raphael Blake auf, war jedoch zu schüchtern, sich durch die Gruppe zu winden und der Sache auf den Grund zu gehen. Die vage Befürchtung, ihm könne etwas geschehen sein, löste Panik in ihm aus, und so radelte er halsbrecherisch weiter.
Er lehnte das Rad an die Hauswand und erklomm die Stufen. Vor der Haustür prallte er zurück: Rotbraune Markungen strotzten wie Artefakte auf dem alten Holz, auch der Türgriff war voll klebriger Farbe. Einen Moment überfiel ihn die Reminiszenz an den Auszug aus Ägypten und das Pessachfest, das anlässlich der Verschonung der israelitischen Sklaven gefeiert wurde. Um zu unterscheiden zwischen ihnen und den Tyrannen, hatte Gott die Haustüren seines Volkes mit Blut gekennzeichnet, nur schien es in diesem Fall auf perverse Weise umgekehrt.
Der gepflasterte Hinterhof war gesäubert worden, aber wenn man genau hinsah, konnte man rote Farbe in den Ritzen zwischen den Steinen erkennen. Der Besitzer war nirgends zu sehen. Überhaupt schien das Anwesen wie ausgestorben; kein Blöken, Gackern oder Wiehern begrüßte ihn, die Stille tat beinahe weh.
All seine Sinne geschärft, wagte er es eigenartigerweise nicht, Mr. Blake zu rufen. Während er den Zaun passierte stutzte er abermals. Das bis zur trockenen Erde abgeäste Gras war ebenfalls mit Farbe beschmiert; Schwärme von Mücken fielen darüber her. Da erst dämmerte ihm, dass es sich nicht um Farbe, sondern um eine biologische Flüssigkeit handelte, die auf dem gesamten Grundstück in Spuren verteilt war. Bestürzt drückte er die Hand auf den Mund, sein anderer Arm ruderte, als er einer Ohnmacht nahe das Gleichgewicht zu verlieren drohte. Sie hatten Mr. Blake etwas angetan! Wie hatte er nur so leichtgläubig Irvings Trank akzeptieren können. Mit Logik war ihr Plan rasch zu durchschauen, doch bar jeglicher Beweise würden sie davonkommen: Heimlich hatten sie sich in den Morgenstunden aufgemacht und ihn zu Tode gefoltert, danach spülten sie die Indizien mit dem brackigen Wasser eines Badesees fort. Aufgrund der Hitzewelle schöpfte keiner Verdacht, der sie planschen sah. Aber warum hatten sie Galen mitgenommen? Hatte Irving ihn letztendlich doch eingeweiht, weil er ihm am Tag zuvor eventuell ein Geständnis abgepresst hatte, wo er und Orest gewesen waren? Galen war bei seinen Freunden als äußerst skrupellos bekannt, an Ausdauer und Kampftaktik Irving weit überlegen. Anders als dieser bezeichnete er sich nicht als Gentlemankämpfer, der weder kratzte noch biss und die Regeln einer Prügelei respektierte. Wenn Galen rang, dann mit dem gesamten Körpereinsatz; der Gegner, der sich zuvor über seine Schmächtigkeit mokiert hatte, besaß von vorneherein nicht den Hauch einer Chance, unabhängig von seiner Konstitution.
Aus dem Stall näherte sich eine Gestalt, die er aus den Augenwinkeln nur als Schatten registrierte. Instinktiv begann er Luft zu holen, um einen Schrei auszustoßen, als die Silhouette hinter ihn trat, welche ihm grob den Mund verschloss und ihm den Arm um die Mitte legend ein Stück vom Boden hievte.
„Schschscht... nicht schreien, mein Junge.“ Das sonore, leicht nuschelnde Organ war nicht Irvings und auch nicht Mr. Blakes, er verrenkte die Augäpfel und erhaschte einen enormen Nasenrücken wie einen Erker in einem schwammigen Gesicht hervorspringen. Sobald der Reverend Orests erlahmenden Widerstand registrierte, ließ er ihn herunter. Aufgeregt kippte Orests Stimme über, als er zu sprechen begann.
„Mr. de Vere... Reverend. Was ist passiert? Wo ist Mr. Blake?“
De Vere schüttelte den Kopf. „Beim Abdecker, ein paar Lämmer entsorgen.“
Ein Stein fiel Orest vom Herzen. Er lebte, und er hatte Schafe geschlachtet. Das Natürlichste der Welt für einen Farmer. Eimer und Putzlumpen aufnehmend beachtete de Vere ihn nicht weiter und machte Anstalten, den Hausaufgang zu reinigen. Orest stiefelte hinterher, obwohl der Mann nicht harmloser wirkte als bei ihrer ersten Begegnung.
„Wann wird er wiederkommen?“
„Bald. Er ist seit fünf Uhr auf den Beinen. Der arme Mann. Als hätte er es nicht schon schwer genug... heute Nacht hat irgendein Verrückter einige der Lämmer abgeschlachtet und ein wahres Blutbad angerichtet. Überall hat er es hingeschmiert, wie in einem grässlichen Hexenritus. Unter den Kadavern waren auch Tiere, die ihm anvertraut wurden. Das ist das Schlimmste an der Sache.“ Während er das sagte, verschmälerte er die Augen in einer Weise, die Orest glauben ließ, er verdächtige ihn dieser Aktion. Ganz falsch lag er damit wohl nicht; er war sich fast hundertprozentig sicher, dass Irving dahintersteckte. Indigniert wich er einen Schritt zurück; de Vere schrubbte die Klinke und hatte ihn zu diesem Zweck grob geschubst. Da er ihn jetzt nicht ansah, tastete sich Orest weiter vor.
„Wird die Polizei davon erfahren?“
„Wenn es nach mir ginge, schon. Mr. Blake will jedoch keinen unnötigen Wirbel veranstalten; er meint, wenn es bei einem einmaligen Ereignis bliebe, würde er davon absehen. Er ist viel zu milde, wenn Sie mich fragen. Dieses Pack rechnet doch mit seiner Untätigkeit.“
In diesem Augenblick bog Mr. Blake um die Hausecke, er sah müde und verzweifelt aus. Orest wandte sich um, plötzlich zappelig vor Angst. Nur noch wenige Zentimeter von ihm entfernt bohrte Blake die Hand in seine Schulter, seine Finger brannten wie glühendes Eisen und dirigierten ihn in Richtung der Straße.
„Ich will Sie nie mehr auf meinem Grundstück sehen.“
„Warum?“ quiekte Orest, er erkannte seine eigene Stimme nicht wieder. Blake nickte de Vere zu. „Ich weiß nicht, wovon Sie reden...“
„Sie können gehen, Reverend. Ich muss ein Wörtchen mit meinem neuen Freund reden.“
Devot deutete der Geistliche einen Diener an und verschwand von der Bildfläche. Auch ihm schien Blake Respekt einzuflößen. Steif und merkwürdig kleinlaut wie ein armes Sünderlein stand Orest vor Mr. Blake. Etwas verständnisvoller als eben bat dieser ihn ins Haus.
Drinnen goss er ihm eine Tasse schwarzen Kaffees ein, der auf dem Herd vor sich hingeköchelt hatte und bereits einen angebrannten Nachgeschmack nachwies, aber Orest war dankbar für eine Tasse des starken Gebräus.
„Sicher hat Ihnen de Vere mitgeteilt, was geschehen ist. Ich habe hier keine Feinde, darum glaube ich, dass der Täter jemand von außerhalb sein muss. Ich wollte Sie nicht belasten, aber es ist schwer zu begreifen, weshalb jemand so etwas Sinnloses und Barbarisches tut. Ich weiß nicht, aus welchem Grund... wissen Sie, zuerst glaubte ich, es sei etwas Persönliches, doch ich bin mit keinem der Nachbarn zerstritten. Im Gegenteil, sie sind alle sehr hilfsbereit. Und selbst wenn ich Ärger hätte, gäbe es andere, vernünftige Maßnahmen, ihn aus der Welt zu räumen. Folglich muss ein Irrer sein Unwesen treiben. Das könnte für die umliegenden Gehöfte böse Konsequenzen haben.“
Orest zog einen Stuhl hinter sich, ohne Mr. Blake aus den Augen zu lassen. Trotz seines miserablen Gefühls bezüglich Irvings gedachte er sich zu vergewissern, dass Mr. Blake nicht ihn für den Täter hielt. Es war ihm auf einmal wichtig, das zu beweisen
„Was ist mit Ihrem Hund? Hat er gar nichts bemerkt?“
Zeichen innerer Abgekämpftheit spiegelten sich in Blakes Grimasse, und er massierte seine Nasenwurzel. Orest bewunderte seine Ruhe.
„Meist lasse ich ihn oben auf den Moorweiden, wo er dringender gebraucht wird. Hier sind die Tiere eigentlich in Sicherheit. Wir sind mitten im Dorf; normalerweise kein Ort, an dem Verbrecher ungehindert operieren können. Der Täter muss etwas vom Schlachten verstehen und die Tiere sofort getötet haben; ich habe keinen Laut gehört. Er hat ihnen professionell die Kehlen durchtrennt und sie ausbluten lassen.“
Orest zog unbehaglich die Schultern zusammen, er fühlte sich schuldig. Eines war klar: Irving machte reinen Tisch, wie es seine Gewohnheit war. Schächten konnte er, darin hatte er es als Metzgergeselle zum Meister gebracht wie auf jedem Gebiet. Die Anekdoten, die er ihm zu Dutzenden im Detail erzählt hatte, wenn er abends nach Hause kam, hatten Übelkeit und Appetitlosigkeit in dem kleinen Bruder hervorgerufen, was Irving in seinem Eifer, den Meister an Geschick zu übertreffen, ganz und gar nicht verstehen konnte. Falls es gekonnt ausgeführt wurde, litten die Tiere entgegen der weitläufig verbreiteten Ansicht nicht, sondern waren sofort tot. Was daran abstieß, war einzig das Blut, das aus religiösen Gründen abzufließen hatte. Als der Meister erfuhr, dass sich sein Stift im Schächten übte, feuerte er ihn fristlos.
„Kann ich Ihnen irgendwie helfen? Wir wollten den Zaun streichen. Galen kommt nicht, aber ich kann es auch alleine tun.“
„Das ist nett, aber nicht nötig. Ich werde mir Zeit lassen und nachdenken. Es ist nicht so einfach, jetzt zur Tagesordnung überzugehen. Wo ist Ihr Freund?“
„Ihm geht es heute nicht gut“, log er, aber dann wiederum wusste er ja nicht, ob es nicht doch stimmte; schließlich hatte er heute noch keine Gelegenheit gehabt, sich nach Galens Wohl zu erkundigen.
„Schade.“ Echtes Bedauern lag in diesem Wort. „Bestellen Sie ihm Grüße.“




Samstag, 22. Juli 2017

Keine Nacht dir zu lang ~ Barbara Vine

Nachdem mich "Es scheint die Sonne noch so schön" so beindruckt hat, habe ich mir ein paar mehr Romane von Barbara Vine/Ruth Rendell gegönnt. Von "Keine Nacht dir zu lang", dem nächsten,  wurde ich nicht enttäuscht.




Inhalt: Suffolk, Anfang der 1990er Jahre: Der 25-jährige Tim Cornish - gutaussehend, aber wenig an Beziehungen zu Mädchen oder Herzensangelegenheiten überhaupt interessiert - belegt einen "Creative Writing"-Kurs. Sein schwuler Dozent bietet ihm eine Wohngemeinschaft mit seinem Untermieter Dr. Ivo Steadman an. Für Tim eine Offenbarung, denn er fühlt sich sofort von dem etwas älteren Mann angezogen. Gegen seine Gewohnheit lässt er alle Schüchternheit fahren und küsst ihn schon beim ersten Treffen auf den Mund. Seine Gefühle werden erwidert. Nach ernsthaften Zweifeln über die Existenz seiner sexuellen Begierden meint Tim, die wahre Liebe endlich gefunden zu haben. Die kühlt allerdings ab, als Ivo sich in den nächsten Wochen als etwas herablassend ihm gegenüber herausstellt und ihm während eines gemeinsamen Essens fast beiläufig seine Gefühle offenbart. Er liebe Tim und wolle nie mehr ohne ihn sein. Tim, an seine Freiheit gewöhnt, fühlt sich plötzlich gefangen.

Auf einer von Ivo beruflich bedingten Kreuzfahrt durch Alaska und einem Aufenthalt ohne ihn in Seattle kommt ihm der Gedanke, sich von Ivo zu trennen. Isabel, zunächst nur eine Reisebekanntschaft, verstärkt diesen Wunsch. Im Gegensatz zu Ivo engt sie ihn nicht ein, sie ist gebildet wie Ivo, ohne dabei lehrerhaft zu sein und ihn wie ein launisches Kind zu behandeln (das Tim strenggenommen allerdings auch ist). Seine Liebe zu Isabel und die Verzweiflung und Angst vor einem eifersüchtigen Ivo treiben ihn zu einem Schritt, über den er später tiefe Reue empfindet. Zuhause angekommen, beginnt er, sich die Geschehnisse von der Seele zu schreiben - und wird dabei immer wieder von Ivo verfolgt.

Meinung: Dieser Roman zählt erstaunlicherweise zu den weniger beliebten der Autorin, was für mich nicht wirklich nachvollziehbar ist. Der kluge Aufbau der Geschichte, ein angenehmer und hin und wieder humorvoller Stil, Spannung bis zuletzt, und die Aha-Erlebnisse im letzten Drittel sind die Zutaten, die mich über einem Buch die Zeit vergessen lassen. Auch mochte ich den an der Oberfläche kühlen Ivo sehr, obwohl er tatsächlich etwas arrogant und vielleicht fast so narzisstisch wirkt wie der Haupterzähler Tim Cornish. Der sieht aus wie ein junger Robert Redford (eine Umschreibung, die mich ein bisschen gestört hat), und hatte daher schon im Vorfeld schlechte Karten bei mir. Ein bisschen zäh war der Mittelteil, in dem sich Tim in seiner Liebe zu Isabel irgendwie zum Deppen macht und sich in Alkohol und Selbstmitleid suhlt.

Auf einen Punkt, der von vielen Kritikern angeprangert wird, möchte ich eingehen: ganz sicher hat die Autorin mit "Keine Nacht dir zu lang" kein Plädoyer für Heterobeziehungen schreiben wollen. Dafür ist die Geschichte zu komplex, zu vielschichtig und zu wenig analytisch bzw. beurteilend im Hinblick auf die Beziehungen Ivo/Tim und Tim/Isabel. Wie Tim selbst in seiner Beichte sagt, würde er der wahren Liebe kein geschlechtliches Label aufdrücken wollen. Die Überraschung darüber, warum er sich letztendlich in beide verliebt hat, ist Barbara Vine gut gelungen. Ich dachte in diesem Augenblick: das war's, Peng! Die Story ist erzählt. Und trotzdem gab es noch einige weitere Wendungen und unausgesprochene Geheimnisse, auf die ich nie gekommen wäre.


arvid97 / Pixabay


Psychologisches Geschick, seelische Abgründe und eine auf den ersten Blick gewöhnliche und doch so originelle Dreiecksbeziehung haben den Roman zu einem großen Lesevergnügen für mich gemacht.


Bewertung:  

👍👍👍👍  und ein halber 👍





Sonntag, 15. September 2013

Roman Nr. 6

Geschafft! Nachdem ich mich noch einmal nervenaufreibend mit dem Layout und dem Format meiner Geschichte "Ein Spiel zu viel" beschäftigt habe, gibt es sie nun als ebook beim Kindle-Verlag und als Taschenbuch von Create Space.

Eigene Exemplare muss ich allerdings erst ordern - so neu ist das Buch noch. Ich bin mir gar nicht sicher, ob das Cover der hier abgebildeten Printausgabe authentisch ist. Gefallen tun mir beide.




Das Genre lautet nun "Historisch / Fiktiv". Zugegeben, besonders aussagekräftig ist das erst mal nicht. Ich würde es trotzdem als historischen Psychothriller bezeichnen, denn es geht in der Hauptsache darum, wie sich eine Gruppendynamik drehen kann und wie abhängig die Clique - in diesem Fall ein paar weltfremde Schauspieler - von ihrem Anführer werden kann.

In "Ein Spiel zu viel" führt die Unstimmigkeit der Truppe zu einer dramatischen Wende der Ereignisse. Was wie ein harmloser Sommerurlaub beginnt, endet mit Konsequenzen für alle Beteiligten.

Wichtig sind mir dabei auch Charakterstudien der einzelnen Figuren und ihre Beziehung zueinander. Ich liebe es, mich mit menschlichen Abgründen und ihren Ursprüngen zu befassen und Charaktere zu erfinden, die ihre Macken haben und zuweilen völlig verrückt wirken. Bei den Schauspielern konnte ich mir zudem hin und wieder ein gewisses Maß an fast übertriebener Dramatik erlauben, das mir riesig Spaß gemacht hat.