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Donnerstag, 30. Juli 2026

"Der dunkle Garten" ~ Tana French

Inhalt: Der Roman erzählt die Geschichte von Toby, einem jungen Mann aus Dublin, der sich selbst stets als absolutes Glückskind betrachtet hat. Das schlägt jedoch um, als er in seiner eigenen Wohnung von Einbrechern überfallen und schwer misshandelt wird. Er überlebt nur knapp und leidet fortan unter körperlichen Nachwirkungen, Ängsten und massiven Gedächtnislücken. Um Abstand zu gewinnen und sich zu erholen, zieht er gemeinsam mit seiner Freundin Melissa in das alte Anwesen der Familie, wo er sich um seinen unheilbar kranken Onkel kümmert.
 
 
 

 
Die scheinbare Idylle stürzt ein, als die Kinder seiner Cousine beim Spielen im Garten einen menschlichen Schädel im Stamm einer alten Ulme entdecken. Die Polizei schaltet sich ein und identifiziert den Toten als einen ehemaligen Schulkameraden von Toby. Je weiter die Ermittlungen fortschreiten, desto mehr gerät das Bild von Tobys harmonischer Jugend ins Wanken. Wegen seiner veränderten Wahrnehmung und der Lücken in seiner Erinnerung erlebt der bis dato unkomplizierte junge Mann eine tiefe Identitätskrise und fragt sich schließlich selbst, ob er oder jemand aus seinem engsten Familienkreis etwas mit dem Verbrechen zu tun hat. Das Buch entwickelt sich so zu einem psychologischen Verwirrspiel über Privilegien, verdrängte Wahrheiten und das brüchige Fundament der eigenen Erinnerung. 
 
 
 
dawnslene / Pixabay

 
 
Meinung:  Die ersten 200 Seiten von knapp 800 waren zäh. Ich kann mich entsinnen, dass ich das Buch schon einmal abgebrochen hatte, weil ich nicht hineinfand. Diesmal habe ich Toby Hennessey in Hugos dunklem Garten eine größere Chance eingeräumt, die sich zunächst auch gelohnt hat. Ich fand die Geschichte um den Ich-Erzähler Toby und seine Cousinen Susanna und Leon, die viel Zeit im "Ivy House" schon als Kinder verbrachten, spannend und ausgeklügelt. Die Charaktere ebenfalls, und voller Leben. Man konnte sich das Familienleben dort gut vorstellen - in der Vergangenheit und der Gegenwart. Und dann das Rätsel um das alte Haus, im Garten, der unerwartete Fund... Da haben Briten irgendwie ein Händchen für. Bald habe ich mich an "Es scheint die Sonne noch so schön" erinnert gefühlt, mit dem Unterschied, dass sich alles moderner anfühlte - Internet, Taxi-App, Smartphones... und das bereits in einem Buch, das vor fast zwanzig Jahren erschienen ist.
 
Und kaum war ich dabei, sämtliche Personen sympathisch zu finden - selbst das Trio Infernale, das durchaus nicht aus Sympathieträgern besteht  - wurde meine Euphorie gedämpft. Die Psychologie hinter der Geschichte und vor allem Tobys, der bis zu dem nächtlichen Überfall stets ein vom Glück begünstigter Sonnyboy zu sein scheint, war mir dann irgendwie zu vertrackt bzw. zu konstruiert. Zu *cleverclever*.
 
Ich habe eigentlich darauf gewartet, dass Zusammenhänge hergestellt werden zwischen dem Überfall, der grausigen Entdeckung und Hugos Hobby Geneaologie, denn gerade letzteres nahm einen großen Teil des Romans ein, der dann doch ohne Konsequenzen im Sand verpufft. Als der Überfall aufgeklärt wurde, hatte ich die Vorgeschichte schon fast wieder vergessen, weil sie so nebenbei erwähnt worden war.  
 
Vielleicht hat die Autorin Spaß daran, ihre Leser auf falsche Fährten zu führen und psychologische Kniffe anzuwenden, die mir mitunter zu motivationslos (kein echter Grund für ein Motiv) vorkamen, zu plakativ und abstrus obendrein. Schade, denn der Mittelteil hat mir gut gefallen. Daher gibt es immerhin drei mittelprächtige Sterne.
 
 
 
Bewertung: 💫💫💫 
 
 
 
 
 
 

Donnerstag, 5. März 2026

Fairlight ~ eine Überlegung

 Wie ihr wisst, ist es für Selfpublisher nicht so einfach, ein Buch zu promoten. Es braucht einen langen Atem und Geduld, und beides habe ich nicht im Überfluss. Umso mehr freut es mich, wenn meine Romane gut ankommen und trotz einem vielleicht etwas sperrigen Thema begeisterte Rezensionen erhalten. So wie "Fairlight". Tatsächlich hat dieser Roman zwar nicht allzu viele Bewertungen, dafür aber im Durchschnitt die besten von allen meinen zehn Büchern. Was mich überrascht, denn... es geht um Abgründe. Abgründe, die zum Zeitpunkt des Schreibens noch in die Buchwelt passten bzw. es noch keine Trigger-Warnungen gab, weil man nicht jede Befindlichkeit berücksichtigte und den Lesern/Verbrauchern mehr Selbständigkeit und Stabilität zutraute. Und den Schriftstellern freiere Hand ließ, ohne woke Zensur.

 


"Fairlight" handelt in erster Linie davon, sich von Zwängen und festgefahrenen Gewohnheiten zu befreien, die für den psychisch belasteten Florey nicht zu durchbrechen sind, obwohl er unglücklich ist und sich nach Freiheit sehnt. Dasselbe gilt für seinen älteren Bruder Francis. Der ist - wie Florey - beileibe kein Sympathieträger. Oft wirkt er roh, unberechenbar und animalisch. Doch er hat einen weichen Kern, und natürlich einen Grund für seine Wesensart. Sein Bruder ist sein Ein und Alles. Dabei überschreitet Francis Grenzen, die auf den ersten Blick befremdlich anmuten. Vielleicht werden seine Motive nicht einmal gegen Ende ganz klar; eine Leserin schrieb mir, er hätte wenig Verständnis bei ihr hervorgerufen. Im Gegenteil. Am Schluss empfand sie fast so etwas wie Abscheu. Das kann ich verstehen. Denn Francis ist machtlos gegen seine Gefühle. Er kontrolliert und beschützt, gibt den harten Geschäftsmann auf Fairlight, ist misstrauisch gegenüber den Besuchern, feindselig und impulsiv, und zuweilen auch grausam. Seine Emotionen, die er selten zeigt, konzentrieren sich dafür in überbordenden Maß auf Florey, der sie zwar schätzt, aber nicht einordnen kann. So wie Francis von allen, die mit ihm zu tun haben, schwer einzuordnen ist.

 

 

 Geschwisterliebe und verbotene sexuelle Begierden sind kein Thema, das ein Wohlgefühl hervorruft. Ich hatte damals meine düstere, etwas morbide Phase und würde meine Phantasie in dieser Richtung heute etwas zügeln. Dennoch gefällt mir die Geschichte aus psychologischer Sicht immer noch. Francis' Liebe reicht weit in die Vergangenheit, in der er jemanden verloren hat, mit dem er schlimme Zeiten durchmachen musste, der ihm Halt gab und das Gefühl, gebraucht zu werden. Das alles ist ziemlich komplex, und wie fast jedes meiner Bücher sollte man "Fairlight" aufmerksam lesen, um die Zusammenhänge zu verstehen. 

Die Besucher, denen Francis unterwegs begegnet und die er ins Anwesen einlädt, weil sie aufgrund einer Wagenpanne nicht mehr weiterfahren können, sind so etwas wie ein Wink des Schicksals für die Brüder. Mit ihrer Anwesenheit, und ganz besonders mit der von John Raeburn, ändert sich einiges auf Fairlight. Es scheint, als ob Francis das beabsichtigt hat, und trotzdem fällt es ihm schwer, Florey seine eigenen Entscheidungen treffen zu lassen, der sich Dr. Raeburn nach einiger Zeit öffnen kann. Veränderungen ängstigen ihn im Allgemeinen, doch er erkennt in dem Fremden bald einen Freund, dessen Geduld und Umgang mit ihm zwar strapaziert werden, aber unerschöpflich und von schmeichelhaftem Interesse sind. Eitel und launisch sind nämlich beide Brüder, doch Florey verzeiht man seine schlechten Eigenschaften vermutlich eher, weil er hilfloser wirkt als der "bossy" Francis. 

Die Geschichte erzählt die einer dekadenten Familie, zu der nicht nur die beiden gehören, sondern zwei weitere Brüder und ein despotischer Vater, der nicht nur eine Leiche im Keller hat. Kein einfaches Buch also, aber wie schrieb eine Rezensentin so treffend: 

"Diese Geschichte ist für mich ein Crescendo. Ein Pferd, das erst gezähmt werden muss, bevor man den wilden Ritt wagen kann. Ich liebe es."

Würdet ihr einen solchen Ritt wagen? Oder sind die Themen zu düster und zu pikant? Zur Beschreibung und Bestellung des Buches: *Klick*

 

Freitag, 2. Januar 2026

Fairlight ~ Leseprobe

 Seit "Fairlight" ein so tolles neues Cover hat, mag ich es noch mehr als vorher. Die Idee, beide Brüder auf den Umschlag zu drucken, fand ich grandios. Zwar sehen beide Männer nicht unbedingt so aus, wie ich sie mir vorstelle, doch sie kommen dem schon recht nahe. Eine Freundin meinte, sie sähen wie Brüder aus, ohne dass sie den Inhalt des Romans kannte. Das hat mich natürlich sehr gefreut!

Der folgende Text ist eine Leseprobe, denn die habe ich in letzter Zeit etwas vernachlässigt. Der neunzehnjährige Florey besucht seinen durch Stacheldraht verletzten Bruder Francis, dem es ein Dorn im Auge ist, dass Florey sich mit einem der zufälligen Besucher auf Fairlight House angefreundet hat. Dafür hat er durchaus seine Gründe... doch die kann er dem Bruder nicht erklären, ohne ihn zu verunsichern.

 

 

Leise wie eine Katze stahl sich Nellie Whitcombe in den Stall und die Leiter hinauf; Finnigan schaufelte sinnlos einen Ballen Heu nach dem nächsten von einer Ecke in die andere, die beiden Paddys waren nirgends zu sehen. Sie atmete auf; den rohen Stallknechten begegnete sie mit Bedacht. Ihre Witze trafen nicht unbedingt den Nerv eines weiblichen Geschöpfes. Sie mochte nicht so verzärtelt wirken wie die feinen Stadtdamen, doch auch sie besaß Gefühle, die schnell verletzt wurden. Zwar war auch Francis mitunter ein regelrechter Kindskopf, aber dabei vom Liebreiz eines Jungen, nie beleidigend oder grob, während Jones und O’Teale mit Vorliebe Anspielungen auf ihren mageren Körper in gehässiger Manier zum besten gaben, die sie nicht selten Hals über Kopf in ihre Kammer flüchten ließen, wo sie stundenlang ihre vermeintliche Unattraktivität betrauerte.

Oben auf dem Speicher lag, halb verdeckt von Stroh, der kleine Eugene. Obwohl nur wenige Jahre jünger als sie, löste sein Anblick wie immer mütterliche Instinkte in ihr aus. Sachte rüttelte sie an seiner Schulter. Florey schlug nach ihr, wie man eine lästige Fliege vertreibt; er war noch nicht vollständig wach.

"Master Eugene!"

"Hm?"

"Master Francis will Sie sehen. Er sagt, es tut ihm leid."

Flink war Florey auf den Beinen. "Geht es ihm gut?"

Nellie zuckte die Achseln. Francis zog es, wie alle Fairlights, vor, still vor sich hinzuleiden.

 


Die abenteuerliche Mischung der Gerüche aus Blut, Eiter, Salbe und scharfem Whisky in Francis' Zimmer veranlasste Florey dazu, zum Fenster zu rennen und es sperrangelweit aufzureißen, bevor er sich auf den Bruder konzentrierte. Er sah so verletzlich aus in dem großen Bett, ein wenig wie tot. Die Scheu vor Kranken ließ Florey an die Tür zurückweichen. Es verstörte ihn, seinen großen Bruder in solch einer Lage zu sehen; seine Welt geriet ins Wanken, als er Francis' bleiches, eingefallenes Gesicht betrachtete.

"Florey“, lächelte Francis; plötzlich blitzte der alte Francis hervor, ein schelmischer, sorgenverbergender Gefährte, mit dem man Pferde stehlen konnte. "Komm her zu mir und mach' nicht so ein Gesicht, als läge ich im Sterben."

Die Schranke in Floreys Denken brach; ungestüm warf er sich auf Francis, umhalste ihn und weinte laut.

"Was ist denn? Nicht... lass das Weinen. Sonst weine ich mit und hasse mich dafür."

"Oh, Francis! Bestimmt straft mich Gott, weil ich Dobbs' Bekehrungsgerede satt habe und weil ich so schlecht bin! Ich will nie mehr etwas tun, das dir nicht gefällt."

Das Gewicht des Knaben auf der Brust schmerzte; Francis bedeutete ihm, sich aufzusetzen. Er schaute ihn emphatisch an und strich ihm das Haar aus dem Gesicht. "Das ist Blödsinn. Ich liebe dich so wie du bist, das weißt du doch. Du sollst dich nicht ändern. Ich bin derjenige, der Abbitte leisten muss. Es tut mir leid, dich geschlagen zu haben. Es ist nur – verflucht, ich habe solche Schmerzen, Florey, ich möchte mit dem Schädel an die Wand, nur um sie für eine Sekunde zu vergessen. Wenn ich zu heftig reagiere, liegt das nur daran, verstehst du? Außerdem, Florey, und das ist sehr, sehr wichtig, was ich dir jetzt sage, deshalb spitz' die Ohren: bitte gehe nicht mehr mit diesem Raeburn alleine irgendwo hin. Du würdest mir das Herz brechen. Ich hatte Angst um dich, als ihr weg wart."

"Du hattest Angst? Wegen Dr. Raeburn?"

Francis nickte, in seinen Augen flackerte es.

"Das musst du nicht. Er ist wirklich nett –"

Ein ungehaltenes Zischen ließ Florey verstummen, er streichelte die Hand seines Bruders und wartete darauf, dass Francis sich beruhigte. Schließlich schluckte dieser und schloss die Augen.

"Ich weiß, dass er nett ist. Gerade deshalb musst du aufpassen. Nette Menschen sind selten das Vertrauen eines anderen wert. Sie verfolgen eine eigennützige Absicht, wenn sie sich freundlich gebärden. Bitte gib mir dein Versprechen, Florey."

"Welches Versprechen? Ehrlich, Francis, ich verstehe dich nicht ganz..."

Francis ballte die Hände zu Fäusten; er hatte schon damit angefangen, ihm Florey abspenstig zu machen, dieser Raeburn. Da kannte er sich wohl aus. Francis schalt sich einen Narren; der Name hätte ihm gleich zu Beginn etwas sagen müssen. Aber Raeburn war kein auffälliger Familienname, und es war neblig gewesen, so dass Francis nicht in der Lage gewesen war, das Gesicht des Doktors zu manifestieren. Zudem lagen sechzehn Jahre dazwischen. Die markante Stimme und die einfühlsamen Hände allerdings ließen keinen Zweifel offen. Wahrscheinlich hatte Francis ein bisschen mit dem Feuer spielen wollen. Kleine Sünden bestraft der Herr sofort, wie Pfarrer Dobbs – um Bibelsprüche nie verlegen - so schön zu sagen wusste. War es eine Sünde, drei Fremden Obdach zu gewähren? In Zukunft würde er niemanden mehr aufnehmen. Flehend nahm er Floreys Hände in die seinen.

"Es ist egal, ob du es verstehst oder nicht! Ich möchte nicht, dass du weiteren Umgang mit ihm pflegst."

Aus Rücksicht auf Francis' desolate Verfassung tendierte Florey zur Kapitulation.

"In Ordnung. Du musst dich nicht aufregen. Ich liebe dich, Francis." Er beugte sich vor, um den Bruder auf die Stirn zu küssen; in diesem Moment betrat Thorpe schwungvoll den Raum.

"Oh, ich – ich gedachte nicht –"

"Sie stören nicht“, half ihm Francis. "Ich warte seit einer Ewigkeit auf einen von euch elenden Kurpfuschern. Haben Sie Morphium dabei?"

 

Freitag, 19. Dezember 2025

Das Bildnis des Grafen: Carrick Escaray und sein treues Pferd Gospodin

An früherer Stelle habe ich bereits von meinen Erfahrungen bei der Bilderstellung mit KI berichtet. Meine Cover entstanden so, meist mit einer handgezeichneten Vorlage als Basis. Dasselbe habe ich nun mit meinen Grafen ausprobiert, nur so als Spielerei. Und ich bin derart begeistert von den Ergebnissen, dass ich sie hier teilen möchte. 

 


 

Auf dem Foto ist Carrick wohl noch etwas jünger als wie zur Zeit, in der der Roman spielt. Aber schon immer hat er ein besonderes Verhältnis zu seinem Gospodin, der bereits weit über zwanzig Jahre alt ist, als Dr. Renoir und Valentine seine Bekanntschaft machen. Gospodin nimmt dem Psychologen einen Teil seiner Arbeit ab und erleichtert den kommunikativen Zugang zu dessen jungen Patienten. Das fällt sogar Dr. Renoir auf. Während sie das Moor durchqueren, wird Gospodin zu einem wichtigen Partner, der Valentine das erste Mal seit langer Zeit zum Sprechen ermutigt. 

Pferde spielen in "Das Bildnis des Grafen" und in "Fairlight" eine kleine, aber feine Rolle. Nach Katzen und Löwen sind sie meine Lieblingstiere von klein auf. Ihre Kraft und Schönheit haben mich immer fasziniert, und nicht zuletzt war ich durch eine pferdebegeisterte Verwandtschaft schon als kleines Mädchen in Ställen und bin um geduldige und standfeste Pferdebeine herumgewuselt.

 Carrick und Gospodin sind ein eingespieltes Team, doch im Roman sieht man sie nur ein einziges Mal zusammen, in dem sie Notiz voneinander nehmen, und selbst dann ist Valentine sich nicht sicher, nur geträumt zu haben. Im Stall begrüßen sich Herr und "Herr" herzlich, wobei Valentine zum ersten Mal bemerkt, dass Gospodin kein junger Spund mehr ist und Anzeichen von Gebrechlichkeit zeigt, die sonst nicht in Erscheinung treten. 

Es geht ohnehin ein bisschen unheimlich zu auf Escaray Hall. Beide Besucher - Dr. Renoir und Valentine - können oft ihren Augen und Ohren nicht trauen und schieben die unerklärlichen Vorkommnisse auf ihre traumatischen Kriegserfahrungen. Sie ahnen nicht, dass das Schloss des Grafen nicht so verlassen ist, wie es scheint... oder sitzen sie doch einem Spuk auf?

 


Hier ist besagte Stelle als Leseprobe:  

Bevor er sich den Tod holte, würde er das Pferd versorgen und dann wieder ins Haus schlüpfen. Wie dumm er war. Bestimmt träumte er, selbst da dieser Traum realistischer ausfiel als die Halluzinationen, das Inferno der Granaten und der permanenten Artillerie, von der er halb taub wurde. Am Gatter der geräumigen Box, die Valentine für Gospodin vorsah, lungerte die Silhouette eines rauchenden Gentleman herum. Der Wallach spielte verrückt, er warf den Kopf auf und ab und tänzelte auf ihn zu, wobei er gefährlich mit der Hinterhand ins Schlittern geriet. Auf einmal bemerkte Valentine dessen Gebrechlichkeit, seine steifen Beine und die Stichelhaare im stumpfen Fell. Skrupel plagten ihn, weil er den greisen Gaul so zur Eile angespornt hatte. Aber er war ihm gar nicht so hinfällig, mitleiderregend erschienen, ganz im Gegenteil, er selbst hätte ein gemächlicheres Tempo vorgezogen. Seit er abgestiegen war, war der Wallach in Sekundenschnelle gealtert. Der Herr, sich bewusst, dass Rauchen im Stall einer Sünde gleichkam, trat gewissenhaft seine Zigarette aus, wandte sich dann dem Klepper zu und fasste nach der Kandare, um ihn in seiner Ausgelassenheit zu bremsen. 

 „Was ist denn? Du tust so, als sähest du mich zum ersten Mal seit hundert Jahren wieder. Wirst dir noch die Beine brechen ... Ist ja gut, mein Alter ...“Er streifte mit den Lippen das ausdrucksvolle Pferdegesicht, schmuste mit ihm wie mit einem lieben Freund. Die markante Strähne in seinem Haar drapierte sich wie ein Zeichen der Solidarität über das schaumbeflockte, genüsslich zuckende Maul. Da das Nasenbein des Tieres ebenfalls weiß gesprenkelt war, wurde Valentine die Harmonie zwischen Herr und Ross plastisch vor Augen geführt. Es verband ihn wohl weit mehr mit dem Gaul als der bloße Nutzen eines Reittiers. Schließlich blickte er auf und winkte Valentine zu sich heran, der am Eingang wie angenagelt war.

„Danke, dass du ihn ein bisschen bewegst. Das tut ihm gut.“

 

 

 

Freitag, 7. Mai 2021

2. Leserunde zu "Das Bildnis des Grafen" (06. - 28. April 2021) ~ Teil IIII

Also, das Enddatum ist nun nicht mehr aktuell. Macht aber nichts. Es ist nicht so, dass ich in Zeitdruck wäre bei der Leserunde. Wenn ich mich auch hin und wieder doch dabei ertappe, wie gern ich die Diskussion ein bissl anstoßen würde - ich hätte keine Hemmungen, wenn es nicht mein eigener Roman wäre, da bin ich ziemlich sicher. So wirkt es irgendwie doof, daher lasse ich es sein.

Wir nähern uns dennoch dem Schluss, wobei ich nicht weiß, ob alle noch dabei sind, das Buch abgebrochen oder schon ausgelesen haben.

 

 

Momentan posten wir zu zweit, und ich hoffe, dass die weiteren zwei Teilnehmer noch kommentieren. Renoir steht nicht besonders gut da, weil er nach persönlichem Empfinden seinem jungen Patienten etwas "überzubraten" versucht. Eigentlich kann man ihm das gar nicht mal verübeln, denn er ist ziemlich überzeugt davon, auf der richtigen Fährte zu sein und das Geheimnis um Valentines Trauma zu lüften. Er weiß schließlich nicht das, was der Leser weiß: wäre es so, wie Renoir vermutet, würde die Geschichte vorhersehbar und ohne Clou verpuffen. Und das ist natürlich nicht im Sinn der Autorin. 

Mit dem treuen Butler Patrick Alguire betritt eine Figur die Bühne, die durch ihr Wissen und dem engen Kontakt zu Carrick Escaray von besonderem Interesse ist für Renoir, nachdem die anderen Dorfbewohner abweisend und schroff auf ihn und seine Neugier reagiert haben. Doch Patrick ist eine harte Nuss und nicht leicht zu knacken. Nicht aus Loyalität oder weil er zum "verrückten Einsiedler" geworden ist, sondern weil er Angst hat. Wovor, muss sich erst noch herausstellen.

 


Ich bin gespannt, wie das Ende bewertet wird und das Buch überhaupt, denn bisher habe ich zwar zur Handlung und zu Charakteren einige Meinungen gehört (ich glaube herausgelesen zu haben, dass Carrick und Valentine zumindest jetzt ein paar Sympathiepunkte einheimsen konnten), nicht aber, wie die Geschichte auf den einzelnen Leser wirkt. Was hoffentlich nicht vergessen wird, ist, dass "Das Bildnis des Grafen" auch mit Schauerelementen spielt, die sich rational nicht unbedingt erschließen, in sich jedoch Sinn ergeben und für Fans von Gruselromanen durchaus plausibel klingen. Na, falls diesbezüglich Fragen auftauchen: ich beantworte sie gern.

Meine nächste Leserunde ist übrigens schon geplant: Ab 31. Mai lese ich auf dem Büchertreff mit anderen Interessierten "Wir waren Glückskinder - trotz allem" von Michael Wolffsohn. Das Buch (mit Signatur) habe ich im Rahmen einer Facebook-Verlosung des dtv-Verlags unter Mitwirkung des Autors gewonnen. Ich Glückskind war total platt und habe mich wahnsinnig gefreut. Nun warte ich ungeduldig auf die Zusendung. Natürlich ist jede/r herzlich eingeladen, mitzulesen und zu diskutieren. Einfach den Link anklicken.



Freitag, 12. Februar 2021

Leserunde zu "Das Bildnis des Grafen"

 Wer hätte es gedacht?! Mein Roman "Das Bildnis des Grafen" tritt zum zweiten Mal nach 2013 als Kandidat einer Leserunde auf dem Büchertreff an! Initiiert wurde sie von einer Teilnehmerin der "Jane Eyre"-Leserunde, nachdem ich angeboten hatte, das Buch als Autorin zu begleiten. In den Fokus bzw. ins Bewusstsein rückte der immerhin über zehn Jahre alte Graf durch die positive Meinung einer Leserin, die den kostenlosen Download genutzt hat. Sie wird leider nicht an der Leserunde teilnehmen, da sie schon über die Hälfte gelesen hat und nicht warten möchte (was ich verstehe). Jedenfalls vielen herzlichen Dank dafür!

 Ich werde mich ein wenig mehr zurückhalten als beim ersten Mal; zumindest nehme ich es mir vor (in die Tat umzusetzen ist nicht immer so einfach, vor allem, wenn Fragen auftauchen, die ich ganz gerne beantworten würde, die aber nicht gezielt an mich gerichtet sind... (O;)

 


Ich freue mich unheimlich auf die LR, die Ende März / Anfang April startet. Mir ist es ganz recht, dass der Zeitpunkt noch etwas hin ist, denn ich muss mich erst wieder ein bisschen "einlesen", auch wenn das vielleicht albern klingt. Es ist schon merkwürdig, dass man selbst als Schriftstellerin zuweilen vergisst, wie genau die Geschichte abläuft, die aus der eigenen Feder geflossen ist. Außerdem ist sie gar nicht so einfach und setzt Offenheit in Richtung Mystik und den jüdisch-christlichen Glauben voraus, der gelegentlich mit historischem Hintergrund thematisiert wird. Und dann gibt es noch den kriminalistischen Aspekt, der neben der Psychologie den Kern der Geschichte bildet und aus dem Hauptprotagonisten Renoir so etwas wie einen Ermittler wider Willen bzw. einen Seelenklempner auf Abwegen macht. Man muss schon sehr aufmerksam lesen und am Ball bleiben. 

Ein Buch für zwischendurch ist "Das Bildnis des Grafen" garantiert nicht. In erster Linie ein Kriminalroman, birgt es doch manche phantastische Elemente, die verschieden interpretierbar sind. Da Valentine, der heimgekehrte junge Soldat, unter postraumatischen Belastungsstörungen leidet, könnte man sie auch als Halluzinationen bzw. Visionen betrachten. Insgesamt ist alles auf den ersten Blick geheimnisvoll und rätselhaft, selbst für den hinzugezogenen französischen Psychologen, der eigentlich nur vom Earl geschickt wurde, um aus Valentine wieder "einen Menschen und anständigen Erben zu machen". Erst nach und nach kommt Licht ins Dunkel. 

Überdies streift der Roman neben der Solidarität des gemeinsam Erlebten auch den emotional wachsenden Zusammenhalt von Arzt und Patient, der nicht selten in beinahe zärtlichen Gesten gipfelt und Renoir an seiner Professionalität als Therapeut zweifeln lässt. Manche Leser/innen haben diese Handlungen als homoerotisch gedeutet. Dazu möchte ich sagen, dass es für meine traumatisierten Figuren wichtig ist, nach der Zeit der emotionalen Abstumpfung im Krieg menschliche Nähe zu erfahren, unabhängig vom Geschlecht. Weder Renoir noch Valentine sind ineinander verliebt, doch sie lernen durch den jeweils anderen, Gefühle wieder zuzulassen und zu vertrauen. Beide sind durch eine ähnliche Situation gegangen, so dass es mir richtig schien, die Grenzen von Alter und Stand zwischen ihnen ein bisschen zu verwischen. Vielleicht sind sie am ehesten Seelenverwandte oder - wie Renoir es ganz zu Beginn ihrer Bekanntschaft für sich selbst ausdrückt - Verbündete. Nicht nur im Hinblick auf das Familiengeheimnis, das es zu enträtseln gilt.

 

Valentine

Ich weiß, dass der Roman bei einigen Lesern und Leserinnen nicht so gut ankam, wie ich mir das gewünscht hätte und er auf Amazon neben guten Rezensionen leider auch recht schlechte Kritiken bekommen hat. Vielleicht bin ich deshalb auch ein bisschen aufgeregt, obwohl dies mittlerweile die dritte Leserunde mit einem meiner Romane ist und ich daher kein Lampenfieber mehr haben sollte und ich natürlich mit Kritik umgehen kann. Trotzdem scheint der Graf für Kontroverse unter den Lesern zu sorgen. Einerseits finde ich das ganz gut, andererseits halten gerade die schlechten Meinungen viele davon ab, der Geschichte eine Chance zu geben. Und obwohl auch Frauenfiguren wie Lilian und Pauline eine tragende Rolle spielen, liegt das Augenmerk auf der Beziehung zwischen dem Psychologen Gaspard Renoir und seinem Patienten Valentine Whitehurst. Nicht, dass das ein Manko wäre, doch ich stelle immer wieder fest, dass weibliche Leser gern eine Frau durch eine Geschichte begleiten. Ich hoffe, eine Identifikationsfigur fehlt nicht allzu sehr...




Dass mein Trailer bei einigen Usern die Neugier geweckt hat, freut mich besonders. Ich hoffe sehr auf eine rege Teilnahme und dass sich jeder gut unterhält. Auf dem Büchertreff kann man sich *hier* anmelden. Demnächst wird es dann einen Thread geben, auf dem die Leserunde stattfindet. Interessierte sind herzlich willkommen! Den Roman gibt es bei Amazon als Print und ebook. Mitglieder von Kindle Unlimited können ihn kostenlos herunterladen.



Freitag, 12. August 2016

Review "Eine dunkle Begierde" ~ A Dangerous Method (2011)

Zurzeit durchlaufe ich meine "Fassy-Phase". Das hat nichts mit Michael Fassbenders stahlblauen Augen zu tun oder damit, dass ich ihn als Schauspieler besonders toll fände. Vielmehr - so denke ich - sind Heimatgefühle mit im Spiel: Michael Fassbender wurde als Sohn eines Deutschen in der Stadt geboren, in der ich gerne bummeln gehe, nur knapp 30 km von meinem Wohnort entfernt. Da macht es mich schon ein bisschen stolz, dass er mittlerweile zur internationalen Schauspielriege gehört. Und na ja, er ist nicht mein Typ mit dem seltenen Nussknackerlächeln, aber hässlich nun auch wieder nicht...^^




Gestern habe ich mir "Eine dunkle Begierde" angeschaut, ein Semi-Biopic über die Beziehung von Sigmund Freud (ein nicht zu erkennender Viggo Mortensen) und Carl Gustav Jung (Michael Fassbender). Mitmischen musste durfte auch Keira Knightley, die ich leider so gar nicht abkann. Vielleicht ist sie für viele Männer die neue Audrey Hepburn, aber ich finde sie übertrieben in jedem Film, den ich bisher mit ihr gesehen habe. Auch als die frühere Jung-Patientin und spätere Psychoanalytikern Sabina Spielrein macht sie keine rühmliche Ausnahme. Gewissenhaft hysterisch und irgendwie trotzdem steif und unglaubwürdig porträtiert sie Spielrein, die sich in Jung verliebt und zu dessen Mätresse sie wird. Eigentlich wollte Jung sie mit der von Freud entwickelten "Sprechtherapie" heilen, doch der Schuss geht nach hinten los: seit sie als Kind geschlagen wurde, steht sie auf Demütigungen und lässt sich am Nachmittag gern mal von Jung mit dem Rasierriemen verdreschen. Der tut das zwar eher widerwillig, kann aber nicht von Fräulein Spielrein lassen (ganz unter uns: die gleichgültige Eleganz, mit der Fassy Frau Knightley den Hintern versohlt, hätte ihn für mich zu einem Uber-Christian Grey qualifiziert). Trotz Frau und vier Kindern trifft er sie immer wieder mehr oder weniger heimlich (Achtung Wortspiel!).

Sigmund Freud weiß lange nichts davon, doch er hält Jung ständig unter die Nase, dass aller Ursprung und die Muster menschlichen Verhaltens stets in der Sexualität zu finden seien - eine Theorie, die Jung zu simpel erscheint und die letztendlich zum Bruch zwischen ihm und seinem großen Vorbild führt; schließlich sollte es mehr geben, was die Welt im Innersten zusammenhält. Als Jung endgültig eigene Wege und auf die Suche nach dem Innersten geht, erhält Freud noch einmal Besuch von Sabina und muss eingestehen, dass Frauen eventuell auch ganz passable Psychoanalytiker abgeben könnten.

Die letzte Begegnung zwischen ihr und Jung verläuft weniger bravourös: sie ist jetzt die toughe Superfrau, während er ihr immer noch nachweint und einen unzureichenden Ersatz aufgetrieben hat, nämlich eine weitere Patientin. Und vielleicht - vielleicht hat das Innerste doch mit dem Instinkt zu tun...

Meinung: Ein bisschen fad, langweilig und profan war's. Von einem Werk des innovativen und kontroversen David Cronenberg habe ich mir mehr versprochen (warum eigentlich?). Schöne Innenaufnahmen, tolle Kostüme und die liebliche Bodenseelandschaft - gedreht wurde in Überlingen und Konstanz - machen den Kohl nicht fett.

Auch waren die Dialoge teilweise verwirrend für psychologische Laien, dann wiederum zu oberflächlich und politisch, und wirkliches Interesse konnte keiner der drei Protagonisten bei mir wecken - das macht für mich immer ein gutes Biopic aus: wenn ich mehr über die dargestellten historischen Persönlichkeiten wissen möchte.

Fazit: Malerische Kulisse, eine nervige Keira Knightley und ein bisweilen zu behäbig erzählter Film, in dem die Thematik und die Beziehung zwischen Freud und Jung für mich nicht wirklich ausgereizt wurden. Da hätte man mehr draus machen können.

Bewertung: 

                                ganz knappe drei

 👍👍👍



Freitag, 23. Januar 2015

Leseprobe "Fairlight" (III)



"Fairlight" ist eine meiner früheren Geschichten. Damals war ich fasziniert von allem, was britisch ist, von der Belle Epoque, opulent ausgestatteten Filme darüber und dem Ersten Weltkrieg. Allerdings vermeide ich es, zu detailliert auf Schlachtenszenen einzugehen. Der Krieg bildet nur die Rahmenhandlung und die Zeitspanne, in der einige meiner Romane spielen. Manchmal dient er dazu, meine Protagonisten zu dem gemacht zu haben, was sie nun sind, oder um Traumata aufzudecken und pathologisches Verhalten zumindest teilweise zu erklären.

Im engeren Sinn eine Familiengeschichte, handelt "Fairlight" von abgelegenen Herrenhäusern, deren unheimlichen und rätselhaften Bewohnern und drei dort zufällig gestrandeten Medizinern, von denen einer, Dr. John Raeburn, ganz besonderes Interesse an dem jüngsten der Fairlight-Brüder hegt und später herausfindet, dass es für seinen Beschützerinstinkt tatsächlich einen tiefer gehenden Grund gibt.

Das Thema ist nicht ganz leicht zu verdauen, düster wie die Atmosphäre des Buches und die Sprache gelegentlich ein bisschen altmodisch. Dazu stehe ich - ich mag es nicht, wenn in historischen Romanen modernes bzw. hippes Deutsch verwendet wird oder Ausdrücke darin vorkommen, die auf keinen Fall in die entsprechende Periode passen. Das nimmt nach meinem Empfinden die Glaubwürdigkeit.




Zur Leseprobe geht es unter "weitere Informationen"


Samstag, 21. Juni 2014

In Treatment ~ Preisgekrönte US-Serie mit Gabriel Byrne

 Als jemand, der zwar gerne Serien schaut, aber mitnichten ein Junkie selbiger ist, ist es nie leicht, eine Serie zu finden, an der ich dranbleibe bzw. die mich interessiert. Am liebsten mag ich natürlich TV-Shows, in denen meine Lieblingsdarsteller ihr Können beweisen und möglichst oft zu sehen sind. Außerdem sollten sie einige Qualitätsansprüche erfüllen wie knifflige Puzzles, psychologische Raffinesse, kein Schenkelklopfer-Humor, Drama und einer gewissen Tiefe nicht entbehren, soweit die bei Serien möglich und nötig ist; berieseln lasse ich mich anderswo. Alle diese Kriterien finde / fand ich in einer guten Mischung bei "Sherlock", "House MD" und dann doch mehr in Klassikern und Evergreens wie "Bonanza" und "Unsere kleine Farm". Letztere zwei tragen zu Unrecht das Label *Heile-Welt-Serie*, denn es geht dort in vielen Episoden ordentlich ans Eingemachte.

 


Neu entdeckt habe ich "In Treatment" aus dem Jahr 2008 mit Gabriel Byrne, der seit Jahren zu meinen Favoriten unter den Schauspielern zählt und für mich nicht nur aufgrund seines guten Aussehens den noch so schlechtesten Film sehenswert macht. In besagter Serie, die auf einem israelischen Format basiert, spielt er den Psychologen Paul Weston (und das - aw! - immer noch mit dem charmanten irischen Akzent), und ich war spätestens nach der dritten Episode hin und weg und hätte mich sofort freiwillig therapieren lassen von einem so attraktiven Doktor (geschmunzelt habe ich ja über die obligatorische Kleenex-Box auf dem Tisch zwischen Seelenklempner und Patient).

Jede Episode ist ca. 25 Minuten kurz, und es passiert nicht viel außer Patientengespräche, in denen Paul ziemlich gefordert, manchmal provoziert und - surprise, surprise! - sogar von einer sexy Endzwanzigerin begehrt wird, die ihn und seine Eheprobleme bald durchschaut. Actionfans werden meine Begeisterung nicht so wirklich nachvollziehen können. Dr. Paul Weston hört zu, stellt Fragen und kreuzt in einer typischen Handbewegung die Finger vor dem Mund. Man ist sozusagen mittendrin in den Sitzungen und erlebt trotz des ruhigen und kammerspielartigen Aufbaus der Serie einige Überraschungen. Die Patienten lernt der Zuschauer in den ersten Folgen einzeln in Pauls Sprechzimmer kennen. Sie tauchen zu einem späteren Zeitpunkt (der nächsten Sitzung nach ca. vier Folgen) wieder auf, um von ihren Fortschritten oder Rückschlägen zu erzählen. Nicht immer ist Paul dabei so neutral, wie man es von einem professionellen Psychiater erwartet. Tatsächlich lässt er am Ende einer anstrengenden Woche Frust bei seiner Mentorin und früheren Ärztin Gina ab (Diane Wiest, die freundliche Avon-Beraterin aus "Edward mit den Scherenhänden"), denn auch Seelenklempner sind nur Menschen.




In Deutsch ist die Serie meines Wissens nach nicht erhältlich, obwohl ich recherchiert und herausgefunden habe, dass sie eine Zeit lang auf 3sat lief - vielleicht mit Untertiteln. Eigentlich ist es ja auch viel schöner, dem melodiösen Akzent von Mr. Byrne zu lauschen; irgendwie macht ihn das als Psychiater noch anziehender.^^

Die zweite und dritte Staffel stehen jedenfalls schon auf meinem Wunschzettel. Ich will unbedingt wissen, wie es mit der rebellischen sechzehnjährigen Sophie (toll gespielt von der Australierin Mia Wasikowska) weitergeht, die mit zwei durch einen Autounfall verursachten Gipsarmen in Pauls behaglich-wohnliche Praxis kommt und der die Mutter und Sozialarbeiter Selbstmordtendenzen attestieren, die sie vehement abstreitet. Bin gespannt, ob Dr. Weston sie knacken kann, bevor sie ihn mit einer unvorhergesehenen Aktion in Teufels Küche bringt oder vielleicht gar nicht mehr zum vereinbarten Termin erscheint. Teenager sind ja bekanntlich unberechenbar, Weltschmerz hin oder her. Apropos unberechenbar: bei der heißen Laura (Melissa George) wird es nicht lange dauern, bis sie Paul um den kleinen Finger gewickelt hat...

Für mich ein wirklicher Geheimtipp mit überzeugenden Schauspielern und lebensnahen Geschichten. Schade, dass "In Treatment" nach der dritten Staffel eingefroren wurde. Andererseits ist das Konzept auf Dauer wahrscheinlich nicht der Quotenrenner gewesen.

EDIT am 26. Juni: Hier ist übrigens meine Lieblingsszene (Spoileralarm!): *Klick*