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Montag, 23. Februar 2026

Rezension "Mondzauber" ~ Inger Edelfeldt

"Mondzauber" habe ich als Jugendliche gelesen. Mehrmals. Ich habe es geliebt, dieses Buch, das von den beiden Außenseiterinnen Kim und Juliane handelt. Der Stil, das fiel mir beim jetzigen Lesen auf, hat mich als angehende Schreiberin schwer beeinflusst. Habe ihn dann aber mit dem Austritt vom Teenageralter wieder abgelegt. Und es wundert mich, dass der Roman im Zuge der wieder aufkommenden Fantasy-Welle mit Vampiren, Werwölfen und Gestaltenwandlern nicht neu aufgelegt wurde. Vielleicht weil er dann doch ein bisschen zu realistisch / alltäglich ist und es genug Jugendbücher zum Thema gibt.

 


  

Inhalt: Die Erzählerin Kim Lagergren wird von ihren Altersgenossen mehr oder weniger geduldet oder ausgenutzt; richtige Freundinnen hat sie nicht, dazu hält sie sich selbst für zu "anders". Das ändert sich, als Juliane Lind neu in die Klasse kommt. Sie wirkt auf die "gewöhnlichen" Mädchen so unnahbar und arrogant, dass Kim Zeuge mehrerer Mobbingattacken gegen sie wird. Als sie sich endlich einen Ruck gibt und mit Juliane ins Gespräch kommt, erkennen sich die beiden allmählich als Seelenverwandte, die an schwarzer Magie interessiert sind. Sie nennen sich "Schwestern der Verdammnis", schließen einen Pakt und halten Séancen ab. Doch bald wissen sie nicht mehr, was Spaß oder Ernst ist... Als Julianes Peinigerin Gunilla, Anführerin der Mädchenclique, eines Tages nicht mehr in die Schule kommt und lange fort bleibt, machen sich die beiden trotz deren Unausstehlichkeit Sorgen. Hat ihr Zauber am Ende etwas bewirkt, das sie nicht beabsichtigt hatten?

Meinung: Ein Buch, das ich als Kind toll fand, trotz des brisanten Themas Okkultismus, kann ich auch als kindgebliebene Erwachsene nicht so schlecht finden. Ich mochte Kim und Juliane sofort in ihrer schrulligen Art. Sie sind albern und kindisch, schwärmen für unerreichbare "knusprige Junker", geben sich ihren Phantasien hin und idealisieren die Menschen, auf die sie ein Auge werfen, nach ihren makaberen Vorstellungen. Alles, was man als Teenie eben so macht (außer Beatles und Santana hören; das kam mir für zwei moderne Vierzehnjährige komisch vor. Andererseits habe ich in dem Alter auch die Rolling Stones, Bryan Ferry und David Bowie gehört).

Dazu sind sie alles andere als typisch und banal, und begeben sich auf gefährliche Wege, die ihnen zunächst nicht als gefährlich bewusst sind.

 

Pixabay / KI

 
Als Kim nach ihrem Teufelspakt und einer Voodoo-Session nicht schlafen kann und Alpträume hat, bittet sie Gott und Jesus Christus (!), sie zu retten. Dieses kleine, aber inbrünstige Gebet war für mich das Highlight des Buches. Ein Sinneswandel findet bei beiden Mädchen nicht sichtbar statt; genauso, wie auch die gegenseitige Anziehungskraft, fast schon erotischer Natur, ganz vampirmäßig verbrämt wird (Stichwort Dracula). Aber etwas ändert sich danach. Auch Juliane empfindet Reue über das, was die zwei getan haben. Sonderbar und sich treu bleiben sie trotzdem. Immerhin sind sie keine Schwestern der Verdammnis mehr. Und vielleicht - das ließ die Autorin offen - vielleicht finden sie irgendwann den Pfad von der Dunkelheit ins Licht. 

Ein bisschen mehr Klarheit hätte "Mondzauber" gutgetan, mehr Haltung zum Thema. Wird sich das Verhalten von Kim und Juliane ändern, haben sie ihre Lektion gelernt? Wahrscheinlich wollte die Autorin nicht belehrend sein oder ist selbst fasziniert von solchen Gedanken. Als erwachsener Leser war mir das Ende jedenfalls zu schwammig. Meinen Kindern würde ich es nicht zu lesen geben. Dennoch gibt es drei gute Knoblauchzehen.  

Bewertung: 💫💫💫



Samstag, 13. Mai 2023

Rezension "Daddy Langbein" ~ Jean Webster

 Offenbar ein Jugendbuchklassiker im englischsprachigen Raum, kannte ich diesen Brief-Roman aus dem Jahr 1912 vorher nicht, wenngleich der Begriff "Daddy Longlegs" natürlich bekannt ist und ich ihn auch mit Fred Astaire in Verbindung bringen konnte, der in einer Verfilmung des Stoffes mitgewirkt hat. Oder mit Tom Hiddleston, den man in Kollegenkreisen aufgrund seiner langen Gliedmaßen ebenfalls als Weberknecht tituliert.

 


Inhalt: Die phantasievolle und gewitzte Jerusha Abbott ist eine "alte" Waise im John-Grier-Heim. Mit achtzehn Jahren übernimmt sie sämtliche Pflichten, indem sie sich um die jüngeren Kinder kümmert und Wäsche bügelt. Bis sie eines Tages zur Heimleiterin zitiert wird, die ihr eröffnet, dass ein reicher Gönner sie zur Schriftstellerin ausbilden und sie dabei finanziell unterstützen möchte. Daher erhält sie einen Platz am College. Die einzige Bedingung, die der anonyme und großzügige Spender stellt, besteht darin, dass Jerusha ihm regelmäßig schreibt und ihn über ihre Fortschritte, Gedanken und Freizeitaktivitäten informiert, ohne eine Antwort zu erwarten oder Fragen zu stellen. 

Das tut Jerusha auf ihre ganz eigene Art: witzig, frech, offenherzig, manchmal sogar vertraulich und philosophisch knöpft sie sich jedes Thema vor, das sie beschäftigt, um Daddy Langbein daran teilhaben zu lassen. Sei das ihre Schule, die Ferien, Freundinnen, Weberknechte, Jane Eyre, Religion, das unbekannte Land Männer oder gar der Sozialismus. Nur der Sekretär des Gönners weist sie gelegentlich in die Schranken mit einer schriftlichen Anweisung als Reaktion. Sie kennt weder den richtigen Namen noch Stand, Aussehen oder Alter ihres "Daddys", und trotzdem entwickelt sie durch ihre Briefe eine so innige Beziehung zu dem Unbekannten, wie sie sie als Waise nie hatte. Außerdem setzen sie einen Reifeprozess in Gang, der aus dem aufmüpfigen Mädchen eine junge, selbstbewusste Dame macht.


Die Adirondacks /  renee_burnell  Pixabay


Meinung: Sämtliche Kapitel bis auf das erste sind in Briefform verfasst, was es mir oft schwergemacht hat, dranzubleiben. Bei aller Originalität und erfrischender Formulierungen der jugendlichen und unwissenden Schriftstellerin in spe zieht sich das ewige "Lieber Daddy Langbein" auf Dauer dann doch, und man würde zur Abwechslung gern aus einer anderen Perspektive oder ein "normales" Kapitel lesen. Zumal Jerusha nie auf eine Antwort hoffen darf, nicht einmal, wenn sie ihm droht, sich seinen Anweisungen und Wünschen zu widersetzen. Und das war etwas ermüdend. Man merkt auch, dass der Roman einer Zeit entstammt, in der Frauen wenig zu sagen hatten und sich für bestimmte Dinge nicht interessieren durften. In dieser Hinsicht ist Jerusha verblüffend modern und auch weise. Sie erkennt, dass der Augenblick wichtiger ist als Vergangenheit oder Zukunft. Dass Glücklichsein nicht von materiellem Reichtum abhängt und Aufgeben keine Option ist (ihre Manuskripte werden mehrmals vom Verlag zurückgeschickt). Und dass Gönner eines Waisenhauses nicht immer dem gängigen Klischee entsprechen. 

Ich mochte das Büchlein trotz seiner Längen, weil mir Jerusha irgendwie sympathisch war und nicht eine der schnippischen, altklugen Gören, denen man in "Mädchenromanen" häufig begegnet. Ihre Abenteuer sind zwar nicht besonders aufregend und erinnern mich an meine eigenen frühen Tagebucheinträge, doch ihre Gedanken zu abstrakten Dingen wie Politik und Gesellschaft fand ich bemerkenswert. Wie gesagt, vor allem für die Zeit der Entstehung des Romans. Die Zeichnungen, mit der Jerusha / Judy gelegentlich ihre Briefe versieht, sind ebenfalls ein liebevoller Einfall der Autorin.

Man bezeichnet "Daddy Longlegs" auch als einen Liebesroman für Jugendliche. Quasi ein antiquierter Young Adult. Ich werde jetzt nicht spoilern, warum, aber auch das war rührend und erfrischend, fast ein kleiner Gänsehautmoment. Obwohl es natürlich Andeutungen gab.

Fazit: Ein nett zu lesendes Buch, das man am besten als Zweitbuch zur Hand hat, wenn das erste gerade ein bisschen schwierig ist.

 

Bewertung: 💫💫💫 und ein halber 💫

 


Freitag, 3. März 2023

"Nemi und der Hehmann" ~ Wieland Freund und Hanna Jung

 Zurzeit lese ich am liebsten Kinder- und Jugendbücher älteren Datums (wobei dieses aus dem Jahr 2019 recht aktuell ist). Merkwürdigerweise sagen sie mir mehr als Neuerscheinungen, gleich welchen Genres. Ein naturverbundenes und umweltbewusstes ist "Nemi und der Hehmann", das ich irgendwie einzigartig finde im Aufbau mit den verschieden großen Schriften. Zugleich wirken die Geschichte und die entzückenden Illustrationen von Hanna Jung ein bisschen skurril; etwas, das ich sehr mag. 



Erworben habe ich das Buch auf einem Kinderflohmarkt letzten Sommer. Das Cover ist mir sofort ins Auge gesprungen, und der Preis war fast geschenkt. Da musste ich einfach zugreifen.

Inhalt: Auf dem Schulweg hört Nemi plötzlich ein lautes "Heh!" aus dem nahen Wald an der Bushaltestelle. Sie beschließt, dem Ruf zu folgen und entdeckt nach langem Suchen den Hehmann, ein Wesen aus dem Wald, das Größe und Aussehen verändern kann. Meist ist er ziemlich brummig, denn er hat wenig zu lachen, ist durch seinen Wald doch der Bau einer Straße geplant. Das gefällt dem Hehmann gar nicht, und auch dem kleinen Mädchen bringt er zunächst Misstrauen entgegen. Keiner erinnert sich mehr an ihn, klagt er ihr, und bald wird er auch sich selbst vergessen haben. 

Nemi ermutigt ihn, ihr seine Geschichten und Lieder über den Wald und die Tiere zu erzählen; eine Bitte, der er freudig überrascht nachkommt. Doch sein Gedächtnis ist nicht das Beste nach all der Zeit, in der niemand mehr auf ihn geachtet hat, so dass er des öfteren verzagt und nicht weiter weiß. Eifrig hilft ihm Nemi, sein Gedächtnis aufzufrischen, indem sie malt und sich Notizen selbst über die kleinsten Wunder der Natur macht, wie etwa einen Spinnfaden im Morgentau.

Von einer alten Frau, der sie immer wieder auf ihren Streifzügen durch den Wald begegnet, erfährt sie, dass der Hehmann früher zum Allgemeinwissen  gehört hat und nun nur noch von wenigen wahrgenommen wird, da sich der Mensch durch Fortschritt und Technik immer mehr der Natur entfremdet. Das merkt auch Nemi, deren Schwester nur Augen für das Smartphone hat. Da wird klar: Der Hehmann ist vom Aussterben bedroht! Umso entschlossener ist sie, dem Hehmann wieder zu Popularität zu verhelfen.

Meinung: Idee und Zeichnungen fand ich sehr liebenswert und ungewöhnlich. Für den kindlichen Leser war allerdings zu wenig Spannung in der etwas wehmütig angehauchten Geschichte, die sich über sieben Tage erstreckt. Um Kindern die Natur näherzubringen, ist es sinnvoll, das Buch gemeinsam zu lesen und in den Wald zu gehen, um die dortige Fauna und Flora besser kennenzulernen, zu beobachten und zu bestimmen. Das ist übrigens auch für Erwachsene ein Abenteuer. Und wer weiß, wenn man ganz leise ist, kann man vielleicht sogar ein leises "Heh!" aus den Büschen heraushören.

Fazit: Ein amitioniertes Buch mit wirklich bezaubernden Zeichnungen, das eher für Jugendliche und Erwachsene gedacht ist. Für mich als visueller Mensch war es ein besonderer Genuss, die Bilder zu bewundern, die über den ganzen Text verteilt sind und in ihrer Detailfülle verblüffen.

 

Bewertung für Erwachsene: 💫💫💫💫

Bewertung für Kinder:  💫💫💫




Mittwoch, 1. März 2023

"Leo und das ganze Glück" ~ Synne Lea

 Die ungewöhnliche Freundschaft von Leo und Mei aus der lyrischen Feder der norwegischen Autorin Synne Lea war nominiert für den Jugendliteraturpreis 2014 - und das merkt man ihr an. Den Einstieg fand ich sehr schwierig, denn lange weiß man bei der kryptisch geschilderten Beziehung nicht, worum es geht. Außer dass die Ich-Erzählerin Mei eine leidenschaftliche Läuferin ist und wohlbehütet aufwächst, während Leo mit einem verkürzten Bein genau das Gegenteil von Mei ist. Licht und Dunkelheit, so wird es im wenig aufschlussreichen Klappentext beschrieben.




Bis ca. Seite 70 war ich versucht, das Buch wegzulegen, da mich der verschnörkelt-verschwurbelte Stil an "Die Bücherdiebin" von Markus Zusak erinnert hat, die ich abgebrochen habe, weil ich den Stil als bemüht und zu blumig empfand. Ich mag es nicht, wenn Dinge und Elemente in schwülstigen Beschreibungen durch Taten Leben eingehaucht bekommen, außer im Märchen. Und ein Märchen ist "Leo und das ganze Glück" überhaupt nicht. Aber es wurde dann besser zu lesen, nicht mehr so sperrig, oder ich hatte mich daran gewöhnt. 

Handlung: Mei und Leo sind Nachbarn und etwa zehn Jahre alt. Mei sieht sich ein bisschen als Beschützerin von Leo, der nur selten aus dem Haus geht, sommers wie winters eine rote Wollmütze trägt und Käfer sammelt (die mich anfangs etwas erschreckt haben, da sie die Abschnitte markieren und bei Schummerlicht lebensecht wirken).

Gemeinsam bauen sie ein Baumhaus, das vermutlich das "ganze Glück" symbolisiert. Leo und Mei übernachten sogar in den Wipfeln und sägen die unteren Äste ab, damit niemand sonst ihren geheimen Ort entdeckt. Vergeblich, denn Leos Vater findet sie und hangelt sich an der Strickleiter nach oben, um Leo zu fassen zu bekommen und zu bestrafen. Und spätestens da merkt man als Leser, dass etwas nicht stimmt (wenngleich Leos Vater schon zuvor unangenehm auffällt). Denn Leo springt bzw. lässt sich aus großer Höhe fallen.

 

Mikewildadventure / Pixabay

 

Im Krankenhaus besucht Mel den im Koma liegenden Leo drei Nächte lang, in denen sie hofft, dass er bis dahin wieder aufwacht und alles wie früher ist. Der folgende Abschnitt hat mir übrigens am besten gefallen, trotz der Tatsache, dass ein Krankenhaus unbeweglich ist:

"Das Zimmer, in dem Leo liegt, summt und vibriert leise wie ein Schiff. Ich weiß nicht, ob es der Tag draußen oder das Krankenhaus ist, das sich bewegt, aber eines von beiden treibt davon."

Aber wie früher kann es nicht mehr werden, besonders nicht für Leo. Ich war mir am Schluss nicht sicher, ob ich Bedauern empfinden sollte oder Erleichterung.

 ~

Fazit: Als Jugend- und vor allem Kinderbuch halte ich "Leo und das ganze Glück" für nicht unbedingt geeignet. Dazu ist es zu lyrisch, zu wenig ausführlich und in vielen Dingen zu *erwachsen*. Eine Zehnjährige würde sich wahrscheinlich nicht so poetisch ausdrücken. Aber auch die Thematik (häusliche Gewalt und evtl. sogar sexueller Missbrauch) halte ich für schwierig in Romanen für junge Leser. 

Insgesamt gibt es dreieinhalb Käfer / Sterne für das schön gestaltete Cover und die Originalität. Ein ähnliches Buch habe ich nämlich noch nie gelesen.


Bewertung: 💫💫💫 und ein halber 💫



Freitag, 24. Februar 2023

Rezension "Es geschah im Nachbarhaus" ~ Willi Fährmann

 Dieses Jugendbuch entdeckte ich in einer Bücherkiste am Straßenrand. Nach einem kurzen Blick auf den Klappentext nahm ich es mit und fing bald an, mich damit zu beschäftigen. Die Thematik ist schwer verdaulich, und obwohl es im ausgehenden 19. Jahrhundert spielt, traurigerweise immer noch aktuell. Denn Vorurteile gegenüber "Anderen" sind trotz des "toleranten" Rucks in der Gesellschaft genauso präsent wie jeher.



Inhalt: Der Autor schildert einen "Kindsritualmord" in einer Stadt, der auf einer wahren Begebenheit aus Xanten beruht. Nach ein wenig Recherche fand ich heraus, dass der wirkliche Mann, den man 1891 so übel verleumdet hat, Adolf Buschhoff hieß und sogar mit einer Mordanklage bedroht wurde. Das Perfide daran: Er beteuerte, dass er nichts mit dem Tod des fünfjährigen Johann Hegmann zu tun hatte, und dennoch wollte man ihn schuldig sehen, weil er Jude war. Die Schikanen und Verleumdungen, denen er ausgesetzt war, hatten letztendlich sein Leben und das seiner Familie zerstört. 

Zur Geschichte: Der dreizehnjährige Sigi ist der Sohn des Viehhändlers Bernhard Waldhoff, der Geschäfte mit Juden und Nichtjuden in der ländlichen Stadt tätigt. Die Familie gilt als ehrlich, rechtschaffen und hat viele Freunde. Ihren Glauben halten sie zwar nicht geheim, doch keiner stört sich daran, auch wenn häufig die Frage gestellt wird "Warum seid ihr denn so anders?" 

Sigis Schwester Ruth ist mit Gerd liiert, einem Nichtjuden, der sie heiraten möchte. Doch als ein toter Junge in der Scheune eines Nachbarn gefunden wird, behauptet man, sie hätte einen schweren Sack über die Straße aus dem Hoftor der Waldhoffs gezerrt. Auch Sigi bekommt den Unmut der Bewohner zu spüren: Fremde Jungs verprügeln ihn, weil er ihnen nicht verrät, wo sein Vater wohnt. Zum Glück hält sein Freund Karl Ulpius zu ihm, der ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden hat. Aber auch er kann nicht verhindern, dass sich über den Waldhoffs erst fast unmerklich, dann unverhohlen Unheil zusammenbraut: beim eigentlich geselligen Schützenfest schlägt die Stimmung um und es kommt zu einem Eklat. Später wird ihr Haus mit Steinen beworfen und demoliert. Frau Waldhoff wird verletzt, Sigi vom Schulunterricht ausgeschlossen.

Als der Vater in Untersuchungshaft kommt, bessert sich die Lage etwas, doch Ruth muss eine bittere Enttäuschung hinnehmen.


MrsBrown / Pixabay


Bei all dem Schlimmen, das der Familie Waldhoff widerfährt, lernt Sigi jedoch auch den Wert von wahrer Freundschaft kennen: Karl und dessen Vater halten zu den Waldhoffs und verraten sie auch nicht, als sie aus der Stadt fliehen, in der sie als deutsche Bürger unbescholten lebten, verwurzelt waren und ein Geschäft aufgebaut hatten. 

Aufgrund der Ereignisse ändert Karl seinen Berufswunsch und wird Lehrer, der es sich zur Aufgabe macht, die tragische Geschichte der Waldhoffs als Mahnung an Schulen zu schildern. Der Epilog hat mich besonders betroffen gemacht. 

"Als in der Kristallnacht 1938 die Synagogen brennen, ist Karl siebenundfünfzig Jahre alt. In siebenunddreißig Lehrerjahren hatte er über sechshundert jungen Menschen das Schicksal der Waldhoff-Familie erzählt. Trotzdem ereignete sich die Nacht des Schreckens und der Schuld, und Schlimmeres geschah. Zu wenige Menschen waren wie Karl Ulpius."

Meinung: So schockierend das Buch ist, zeigt es vor allem eins: aus der Geschichte wird nicht gelernt. Dennoch gibt es Hoffnungsschimmer und Menschen wie Karl, der sich von der Hetze gegen die Waldhoffs nicht beirren lässt. Sigi bleibt sein Freund, und gerade die Randgeschichten, in denen diese Freundschaft zum Tragen kommt, haben mir gut gefallen. Der Stil ist eher nüchtern und knapp - ein typisches Element früherer Jugendbücher (es erschien erstmals im Jahr 1968) -, doch wenn Hannah Waldhoff ihrem Herd und den Küchenutensilen Auf Wiedersehen sagt und Karl die flüchtende Familie nachts ein Stück begleitet, um beim Abschied von Sigi das begehrte Hirschhornmesser geschenkt zu bekommen mit der Bitte, ihn doch noch irgendwann auf den Glockenturm mit hinaufzunehmen, dann sind diese Momente umso anrührender. 

Obwohl als Schullektüre empfohlen, kannte ich "Es geschah im Nachbarhaus" bisher nicht. Ich hoffe aber, dass ein so wichtiges Buch nie in Vergessenheit gerät.

 

Bewertung: 💫💫💫💫💫



Sonntag, 28. Juli 2019

Der Weg nach Camelot (Gwydion, Band I) ~ Peter Schwindt

Mal wieder mache ich einen Abstecher in den Jugendbuchsektor. Und muss sagen, dass ich nach der enttäuschenden Wolfgang Hohlbein-Trilogie um die Sage von König Artus wirklich positiv überrascht bin.

Von Anfang an empfindet man Sympathie mit dem jugendlichen Protagonisten Gwyn, dem Schweinehirt aus Cornwall, dessen sehnlichster Wunsch es ist, Ritter zu werden und in der legendären Tafelrunde zu dienen, die jeder eigentlich nur für ein Märchen hält. Es ist erstaunlich, wie häufig der Ausgangspunkt dieser Geschichten sich ähnelt und was jeder Autor nach seiner eigenen Phantasie daraus weiterstrickt.






Inhalt: Als Gwyn eines Abends vom Schweinehüten nach Hause kommt, findet er sein Dorf verwüstet vor. Die Sachsen haben seine Familie überfallen, zu der außer Gwyns Vater sein älterer Bruder Elwin und Schwester Muriel gehören. Elwin wird den Hof erben, also stiehlt sich Gwyn heimlich fort, da es ihn ohnehin in die weite Welt hinaustreibt. Unterwegs begegnet er dem alten und etwas tollpatschigen Humbert Llwanwick, der einst davon träumte, einer von Artus' Gefolgsleuten zu werden, jedoch in Ungnade fiel.

Gwyn schließt sich ihm mehr oder weniger freiwillig als Knappe an und erlebt Abenteuer, die ihn manchmal wünschen lassen, zu seinem geruhsamen Leben als Bauernbub zurückkehren zu können. Welcher Wunsch ist wohl stärker, nachdem er sich am Ziel seiner Träume glaubt, nämlich an Artus' Hof Ruhm einzuheimsen und dessen Enkelin Aileen zu gewinnen? Und was hat Ritter Humbert mit Gwyns verstorbener Mutter Valeria zu tun, deren Namen er in seiner Todesstunde rief? Kann der böse Mordred, der in dieser Reihe Vater einer Tochter ist, daran gehindert werden, den Untergang Camelots herbeizuführen und somit das bedrohte Britannien wieder in die Dunkelheit stürzen?


Meinung: "Der Weg nach Camelot" von Peter Schwindt ist der Auftakt zu einer vierteiligen Reihe, die man auf jeden Fall an einem Stück lesen sollte. Denn in Gwyns jungem Leben gibt es einige Geheimnisse, die im ersten Band aufgerollt, aber nicht gelöst werden. So kann ich es kaum abwarten, zu erfahren, was es mit Ritter Llanwick und Valeria auf sich hat. Das Rätsel um Gwyns Einhorn-Medallion scheint mir da weniger knifflig, obwohl sich der Zauberer Merlin in der Hinsicht sehr bedeckt gibt.

Das Buch ist spannend und jugendgerecht geschrieben, wobei letzteres mich teilweise etwas gestört hat, etwa wenn Gwyns Knappenkameraden sich betont schnippisch und männlich geben oder die toughe Aileen auf Mordreds schwerfälligem Schlachtross das sächsische Heer austrickst. Aber Schwamm drüber, Großmäuligkeit und weiblicher Heldenmut sind bei (literarischen) Teenagern schließlich keine Seltenheit. Gut gefallen hat mir Gwyn, der eigentlich immer besonnen handelt und sich nicht ins Bockshorn jagen lässt.

Ein Wermutstropfen, der mich allerdings nicht davon abhält, den zweiten Band in Angriff zu nehmen, ist die Tatsache, dass Artus bereits ziemlich alt sein muss bzw. Gwyn nicht einmal wusste, dass der König noch lebt. Ich mag die Vorstellung eines jungen, frischen Königs, der erst später altern darf, wenn die Reihe sich dem Ende zuneigt.

Allerdings hat es damit sicher auch etwas Mysteriöses auf sich. Vielleicht haben Artus und seine Tafelrunde noch eine zweite Chance erhalten und doch bereits den heiligen Gral sichergestellt, der Ewiges Leben verheißt. Das und mehr gilt es nun herauszufinden.


Bewertung:
👍👍👍👍

Freitag, 13. Juli 2018

Artussagen ~ Waldtraut Lewin

Dieses Buch habe ich während meines diesjährigen Münchenaufenthalts gekauft, da es mir zufällig in der Jugendbuchabteilung vom Hugendubel in die Hände fiel. Aufmerksam wurde ich darauf schon vorher, allein deshalb, weil ich gerade sehr von den Tafelrundenrittern um den charismatischen Artus Pendragon fasziniert bin. Folglich blieb mir gar nichts anderes übrig, als es zu schnappen und zur Kasse zu gehen.



 

Obwohl es eindeutig für jüngere Leser gedacht ist, hat mir der Crashkurs in Sachen Artus gut gefallen. Waldtraut Lewin bezieht sich in ihren Erzählungen auf die gebräuchlichsten Varianten der Abenteuer und Familientragödien von Edelmännern und Burgfräuleins. Der mehr sachliche und kurz gehaltene Stil hat mich anfangs etwas irritiert, doch nach all den anderen Romanen, die ich zum Thema gelesen habe und immer noch lese, trug er dazu bei, die Geschichte in Gänze zu verstehen, die sich im Lauf der Jahrhunderte mehrfach - je nach Gutdünken und Phantasie des Autors - gewandelt hat. Und das ist auf knapp 350 Seiten große Kunst.

Lewins Erzählung gliedert sich in Artus' skrupelloser Zeugung durch Uther Pendragon und Morgaine, seinem Verhältnis zu seinem "Milchbruder" Kay, der Erziehung durch den Zauberer Merlin und seiner verantwortungsvollen Jugend, in der er nicht immer der besonnene Herrscher und König ist, der er später sein wird. Da traten für mich tatsächlich noch einige Überraschungen zutage, zum Beispiel die, wie er an das legendäre Excalibur gelangt und es in jugendlichem Leichtsinn wieder verliert, um mit einem neuen Schwert seinen Ruhm anzutreten. Auch seine Halbschwestern Morgause und Morgan finden ihren Platz und werden geschickt in die doch recht komplexen Familienverhältnisse eingewoben. Als Artus fünfzehn ist, erfüllen sich Merlins düstere Prophezeiungen, denn er schläft mit Morgause, die ihn mit ihrem Zauberbann belegt (oder es zumindest vorhat) - eine Blutschande, die sich sechsundzwanzig Jahre später bitter rächen wird. Überhaupt der Sex - der war erstaunlicherweise recht unverblümt für ein Jugendbuch. Vielleicht bin ich da aber auch nicht mehr auf dem neuesten Stand.

Recht lustig und fast grotesk sind im Mittelteil die Abenteuer (Aventurien) meines Lieblings Gawain und Lancelot. Ich dachte bisher immer, "Die Ritter der Kokosnuss" sei ein typischer Monty Python-Streich, aber scheinbar geht es in den britischen Sagen wirklich so absurd zu. Ersterer muss nämlich gegen ein angriffslustiges Bett und einen Löwen kämpfen, um vierhundert Jungfrauen zu befreien, und der schöne und unbesiegbare Lancelot landet versehentlich sogar mit einem Mann im Schlafgemach. Seine wahre Liebe gilt allerdings natürlich Guinevere, Artus' bildhübscher Gattin. Auch diese Tatsache trägt zum Untergang von der Vision Artus' eines vereinigten Britanniens bei, denn sein Sohn Mordred wiegelt das getreue Volk gegen die Menage à trois auf, die ein offenes Geheimnis ist. Bald kann Artus nicht mehr die Augen davor verschließen und muss handeln - leider zu spät. Doch im Gegensatz zu Mordred, Gawain, Lancelot (der sein eigenes Grab sehen wird - eine zweifelhafte Ehre!) und Guinevere bleibt er nach dem Chaos im Land unauffindbar und damit unsterblich.

Prawny / Pixabay

Fazit: Ein gelungener Roman für groß und klein über einen sympathischen Herrscher und seine Gefolgsleute, der das frühe Mittelalter jugendgerecht und doch erfrischend universell aufbereitet. Gut auch, dass ich endlich weiß, was die Suche nach dem Heiligen Gral bedeutet und warum sie von Lancelot und Artus, einem doch recht pragmatisch denkenden Mann, dennoch ins Leben gerufen wurde. Ein bisschen schade fand ich, dass Artus letztlich an sich zweifelt und sich als Versager fühlt, weil er den Erwartungen, besonders seinen eigenen, nicht gerecht wurde und auch viele Fehler begangen hat, die er sich nicht verzeiht. Allerdings gibt es in der Legende nun mal kein Happy End, auch wenn Waldtraut Lewin nicht selten einen humorvollen Ton anschlägt.

Ein Muss für jeden, der die Artus-Sage knackig und trotzdem lückenlos serviert bekommen möchte. Und das Cover ist klasse, dafür gibt's noch einen Bonus-Stern!

Bewertung:
👍👍👍👍👍

Dienstag, 12. Mai 2015

Rezension Paperboy / Wörter auf Papier ~ Vince Vawter

Dieses mit ca. 220 Seiten eher schmale Büchlein für Jugendliche wurde mir von meiner Bloggerkollegin Frau Seitengeraschel empfohlen, die nicht nur meine Liebe zu Büchern teilt, sondern darüber hinaus auch einen ähnlichen Geschmack betreffs Büchern. Jedenfalls kennt sie einige meiner (literarischen) Vorlieben genau; daher habe ich mich unbesehen dazu hinreißen lassen, den Roman zu kaufen, der als Reminiszenz an 'Wer die Nachtigall stört' gefeiert wird.




Inhalt: Der elfjährige Victor Vollmer übernimmt in den Ferien einen Monat die Zeitungsroute seines Freundes Arthur, der bei Verwandten auf der Farm den Urlaub verbringt. Zunächst freut sich Victor darauf, denn er kann gut werfen - Baseball und, wie er feststellt - auch Zeitungen. Doch jeden Freitag ist Zahltag; der Tag, an dem die Zeitungsjungen ihren Wochenlohn einfordern. Das bedeutet, Victor muss reden. Wenn er etwas nicht mag, dann das, und er hat guten Grund dazu: Victor stottert. Doch Beobachtungsgabe, Mitgefühl und eine fast philosophische Weisheit, die ihm seine resolute aber herzensgute und lebenserfahrene Nanny *Mam* Nellie und später sein Kunde Mr. Spiro vermitteln, helfen ihm, an seiner Aufgabe zu wachsen. Am Ende des Sommers ist er zwar kein anderer Mensch, aber er hat viel über das Leben gelernt.

Meinung: Vince Vawter erzählt eine semibiografische Geschichte in Memphis der 1950/60er Jahre trotz fehlender Kommata so anrührend und plastisch, dass ich mir bei einigen Szenen verstohlen ein Tränchen aus dem Gesicht gewischt habe. Den Ich-Erzähler muss man einfach mögen; er ist ein Junge, der sich Gedanken macht über sich und die Welt und den Umgang miteinander. Warum werden Leute, die anders sind, verlacht oder berühren "normale" Leute in peinlicher, bestensfalls mitleidiger Weise? Warum dürfen Schwarze nur in Begleitung von Weißen vorne im Bus sitzen oder in den Zoo gehen? Und ist es nicht viel wichtiger, was der Mensch sagt, als wie er es sagt?

Mir gefielen alle Charaktere von der unglücklichen Faye Worthington bis Big Sack sehr gut, doch bemerkenswert fand ich auch, dass sich nicht alles um Victors Handicap dreht und er sich dabei ertappt, wie ungerecht er manchmal selbst handelt und urteilt, wenn er nur die Oberfläche sieht. Die spätere Freundschaft zu TV-Boy war für mich daher eines der heimlichen Highlights im Roman. Dazu trägt Mr. Spiro nicht unerheblich bei, ein einstiger Weltumsegler, der sich mit Büchern umgibt, gewählt spricht und seinem "Messenger" und "stuttering poet" das Gefühl gibt, ernst genommen zu werden.

Anrührend in verschiedenen Aspekten war für mich ebenfalls die Vater / Sohn-Beziehung, die zwar nicht den Zentralpunkt des Romans bildet (sofern dieser überhaupt vorhanden ist), aber in ihrer Ehrlichkeit und den Bemühungen des Vaters, seinem Sohn eine gute Zeit zu schenken, wohl gerade in den 1950er Jahren eher ungewöhnlich war und den Leser bewegt.

Ich habe die englische Ausgabe gelesen und mich hin und wieder doch gefragt, wie wohl ein Roman ins Deutsche übersetzt wurde, in dem es hauptsächlich um Sprache und damit verbundene Assoziationen und Redewendungen geht. Allein die fehlenden Kommata hätten mich bei einer Übersetzung wohl genervt; hier hat es nach der Erklärung einfach gepasst.

Fazit: Ein lesenswerter, über weite Strecken beschaulicher, atmosphärischer Roman ohne große Dramatik, ohne einer politischen Botschaft oder dem plakativen Aufruf zu mehr Toleranz - und doch steckt von jedem etwas darin; und vielleicht sogar ein bisschen mehr.

Übrigens: wusstet ihr, dass Darth Vader-Stimme und Schauspiel-Legende James Earl Jones Stotterer war?

 
 
Bewertung:               👍👍👍👍👍