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Samstag, 11. April 2026

Kurzgeschichte: Picos Weg ins Glück

In der hintersten Ecke einer Zoohandlung, weit weg von den singenden Kanarienvögeln und den leuchtend grünen Prachtwellensittichen, stand ein kleiner, schmutziger Käfig. Darin saß Pico.
Pico war ein Wellensittich, den auf den ersten Blick niemand mochte. Sein Gefieder, das ein stolzes Himmelblau hätte sein sollen, war stumpf und lückenhaft. Er litt unter einer chronischen Gefiederstörung, die ihn ständig zerzaust aussehen ließ, und ein leichter Tick ließ seinen Kopf ein wenig schief stehen.

 


Die Kunden gingen an ihm vorbei. "Der sieht aber krank aus", sagten die einen. "Ob der noch lange macht?", tuschelten die anderen. Man nannte ihn im Laden hinter vorgehaltene Hand den "hässlichen Pico". Sogar die anderen Vögel in der Voliere schienen ihn zu meiden; er wurde oft von den Futterplätzen weggeschubst und verbrachte seine Tage schweigend auf einer einsamen Stange. Pico war diffamiert – als schwach, als unansehnlich, als ein "Sorgenkind", das nur Arbeit macht.

Eines Nachmittags betrat Frau Wagner den Laden. Sie galt als eine etwas verschrobene, aber aufmerksame Dame mit einem Herz für Wesen, die das Leben gezeichnet hatte. Als ihr Blick auf den schiefen Kopf und die kahlen Stellen von Pico fiel, sah sie nicht die Krankheit. Sie sah die Intelligenz in seinen kleinen schwarzen Knopfaugen und die Einsamkeit in seiner Haltung.

"Ich nehme den Blauen dort hinten", sagte sie bestimmt. Der Verkäufer war überrascht und versuchte sie zu warnen: "Wissen Sie, er singt nicht und er wird wohl nie wieder richtig fliegen können." Doch Frau Wagner lächelte nur.

In Frau Wagners kleiner, sonnendurchfluteter Wohnung änderte sich alles. Es gab keine drängelnden Artgenossen und keine gaffenden Passanten mehr. Pico bekam frischen Thymian, hochwertiges Futter und – was am wichtigsten war – Zeit.

Frau Wagner sprach stundenlang mit ihm. Sie nannte ihn ihren "Himmelsstürmer". Zuerst blieb Pico misstrauisch. Er saß tagelang nur da und beobachtete. Doch die Wärme der Wohnung und die liebevolle Zuwendung bewirkten ein kleines Wunder. Obwohl sein Gefieder nie ganz nachwuchs und er beim Hüpfen immer noch ein wenig wackelte, begann Pico eines Morgens zu zwitschern. Es war kein gewöhnlicher Wellensittich-Gesang; es war eine leise, komplexe Melodie, die fast wie ein Flüstern klang.

Pico wurde zum Mittelpunkt in Frau Wagners Leben. Er lernte, auf ihrer Schulter zu sitzen, während sie las, und knabberte sanft an ihrem Ohrläppchen. Die "Krankheit", die ihn früher zum Außenseiter gemacht hatte, war nun nur noch ein Teil seiner einzigartigen Persönlichkeit. Die Leute, die Frau Wagner besuchten, sagten nicht mehr: "Was für ein kranker Vogel." Sie sagten: "Was für ein mutiger kleiner Kerl." Pico hatte bewiesen, dass ein zerzaustes Gefieder nichts über den Glanz der Seele aussagt. Er war endlich angekommen – in einem Zuhause, in dem er nicht trotz, sondern gerade wegen seiner Besonderheiten geliebt wurde.

Bild und Text: Christine Wirth 

 

Montag, 6. Oktober 2014

Offenes Ende und Unhappy Ending ~ anregend oder ärgerlich?

Vielleicht kennt der eine oder andere dieses Gefühl: man ist gerade so mittendrin in der spannenden Lektüre, fiebert nägelkauend den letzten Seiten entgegen, um zu erfahren, wie alles ausgeht... man überspringt vor Aufregung ein paar Sätze... stutzt, und hängt plötzlich ohne Vorwarnung in der Luft. Die so spannende Lektüre endet mit einem offenen Schluss bzw. einem fiesen Cliffhanger. Verblüfft liest man den letzten Abschnitt ein zweites und drittes Mal, doch die Buchstaben und der Sinn, der erst mal keiner zu sein scheint, bleiben die gleichen. Nichts mit eindeutiger Auflösung, kein Happy End (jedenfalls kein offensichtliches), keine weiteren Erklärungen.


 

Sind dem Autor die Ideen ausgegangen? Wusste er selbst nicht, worauf er hinauswollte und hat er gehofft, dass der Leser klüger wäre? Als Schriftsteller und Fan von offenen Enden kann ich, wenn ich von mir selbst ausgehe, versichern, dass keine der angeführten Vermutungen der Fall ist. Im Gegenteil: Romane mit offenen Enden trauen dem Leser viel zu, nehmen ihn sozusagen mit unter die Decke desjenigen, der sich die Geschichte ausgedacht hat. Für mich sind offene Enden richtige Schätze, denn es gibt sie nicht häufig in der Belletristik. Ich fühle mich nach Beendigung einer solchen Lektüre angeregt, noch einmal genau über das Gelesene nachzudenken, mich damit auseinanderzusetzen. Und meist erkenne ich, dass es dem Autor um mehr ging, als nur eine unterhaltsame Story zu erzählen. Oft steckt ein tieferer Sinn hinter einem scheinbar offenen Ende, die Aufforderung, sich selbst ein Bild zu machen. Eigeninterpretation ist gefragt. Vielleicht kommt man nicht zum selben Schluss wie der Autor, aber ist das so unbedingt nötig? Jeder Mensch denkt und interpretiert schließlich auf seine Art.

Dasselbe gilt für die allgemein unbeliebten "Unhappy Endings". Wo keines ist, hat der Autor etwas bezweckt. Manchmal geht es nicht anders, und ein von den Lesern geliebter Charakter muss sterben oder nimmt sonstwie ein schreckliches Ende. Ja, es stimmt, und ich habe es selbst schon erlebt: wenn man sich allzu sehr hineinbegeben hat in die Geschichte und die Figuren fast Freunde geworden sind, tut das ziemlich weh. Ich bange schon jetzt um das Schicksal eines Protagonisten in einer Trilogie, deren letzter Teil gerade in der Mache ist. Noch bin ich unsicher, ob ich ihn mir nach Erscheinen antun möchte, ohne mich vorher rückzuversichern, dass alles gut wird.

Aber mal ehrlich: oft ist das Leben in Romanen nicht so viel anders als in der Realität, und manchmal sind auch in Phantasiewelten die Helden nicht unsterblich, egal ob wir Fantasy, Krimis, Liebesromane oder Erzählungen bevorzugen. Wäre in Büchern alles rosarot wie in denen, deren pastellzarte Coverfarbe schon verrät, wie sie ausgehen, dann könnte ich aufhören, zu lesen und zu schreiben. Denn mich langweilt eine vorhersehbare Geschichte genauso wie eine, in denen ich als Leser alles haarklein erklärt bekomme, als sei ich nicht fähig, mir eigene Gedanken dazu zu machen. Natürlich interpretiert auch das jeder nach seiner Fasson (die Bücher und meine Schlussfolgerung), und ich finde es auch völlig ok, wenn jemand gern Heile-Welt-Bücher liest, um dem tristen Alltag zu entfliehen und sich mit den Protagonisten zu freuen, nachdem diese Liebeskummer und Herausforderungen meistern mussten und siegreich daran gewachsen sind. Mir persönlich laufen solche Bücher zu sehr nach Schema F ab. Was aber nicht heißt, dass ich ihnen das Existenzrecht abspreche: Leser glücklich zu machen, ist immerhin ein erfreulicher Nebeneffekt des Schreibens und für viele Autoren das größte Ziel.

Meine eigenen Werke beinhalten nach meinem Verständnis keine offenen Enden (aber glückliche meist schon), doch tatsächlich wurde mir das in "Vom Ernst des Lebens" *zur Last gelegt*, was übrigens nicht als Kritik zu verstehen war. Darin sehe ich ein weiteres Plus des offenen Endes: eigentlich ist das Buch für mich sowie für meine Leser abgeschlossen, und dennoch bleibt mir die Möglichkeit, mich irgendwann an einem zweiten Teil zu versuchen, der aufgrund der Beliebheit meiner beiden Protagonisten Miles und Rupert bereits eine Stammleserschaft hätte. 

 

 

In diesem Sinn bleibe ich neugierig und offen wie manche Enden...