Seit "Fairlight" ein so tolles neues Cover hat, mag ich es noch mehr als vorher. Die Idee, beide Brüder auf den Umschlag zu drucken, fand ich grandios. Zwar sehen beide Männer nicht unbedingt so aus, wie ich sie mir vorstelle, doch sie kommen dem schon recht nahe. Eine Freundin meinte, sie sähen wie Brüder aus, ohne dass sie den Inhalt des Romans kannte. Das hat mich natürlich sehr gefreut!
Der folgende Text ist eine Leseprobe, denn die habe ich in letzter Zeit etwas vernachlässigt. Der neunzehnjährige Florey besucht seinen durch Stacheldraht verletzten Bruder Francis, dem es ein Dorn im Auge ist, dass Florey sich mit einem der zufälligen Besucher auf Fairlight House angefreundet hat. Dafür hat er durchaus seine Gründe... doch die kann er dem Bruder nicht erklären, ohne ihn zu verunsichern.
Leise wie eine Katze stahl sich Nellie Whitcombe in den Stall und die Leiter hinauf; Finnigan schaufelte sinnlos einen Ballen Heu nach dem nächsten von einer Ecke in die andere, die beiden Paddys waren nirgends zu sehen. Sie atmete auf; den rohen Stallknechten begegnete sie mit Bedacht. Ihre Witze trafen nicht unbedingt den Nerv eines weiblichen Geschöpfes. Sie mochte nicht so verzärtelt wirken wie die feinen Stadtdamen, doch auch sie besaß Gefühle, die schnell verletzt wurden. Zwar war auch Francis mitunter ein regelrechter Kindskopf, aber dabei vom Liebreiz eines Jungen, nie beleidigend oder grob, während Jones und O’Teale mit Vorliebe Anspielungen auf ihren mageren Körper in gehässiger Manier zum besten gaben, die sie nicht selten Hals über Kopf in ihre Kammer flüchten ließen, wo sie stundenlang ihre vermeintliche Unattraktivität betrauerte.
Oben auf dem Speicher lag, halb verdeckt von Stroh, der kleine Eugene. Obwohl nur wenige Jahre jünger als sie, löste sein Anblick wie immer mütterliche Instinkte in ihr aus. Sachte rüttelte sie an seiner Schulter. Florey schlug nach ihr, wie man eine lästige Fliege vertreibt; er war noch nicht vollständig wach.
"Master Eugene!"
"Hm?"
"Master Francis will Sie sehen. Er sagt, es tut ihm leid."
Flink war Florey auf den Beinen. "Geht es ihm gut?"
Nellie zuckte die Achseln. Francis zog es, wie alle Fairlights, vor, still vor sich hinzuleiden.
Die abenteuerliche Mischung der Gerüche aus Blut, Eiter, Salbe und scharfem Whisky in Francis' Zimmer veranlasste Florey dazu, zum Fenster zu rennen und es sperrangelweit aufzureißen, bevor er sich auf den Bruder konzentrierte. Er sah so verletzlich aus in dem großen Bett, ein wenig wie tot. Die Scheu vor Kranken ließ Florey an die Tür zurückweichen. Es verstörte ihn, seinen großen Bruder in solch einer Lage zu sehen; seine Welt geriet ins Wanken, als er Francis' bleiches, eingefallenes Gesicht betrachtete.
"Florey“, lächelte Francis; plötzlich blitzte der alte Francis hervor, ein schelmischer, sorgenverbergender Gefährte, mit dem man Pferde stehlen konnte. "Komm her zu mir und mach' nicht so ein Gesicht, als läge ich im Sterben."
Die Schranke in Floreys Denken brach; ungestüm warf er sich auf Francis, umhalste ihn und weinte laut.
"Was ist denn? Nicht... lass das Weinen. Sonst weine ich mit und hasse mich dafür."
"Oh, Francis! Bestimmt straft mich Gott, weil ich Dobbs' Bekehrungsgerede satt habe und weil ich so schlecht bin! Ich will nie mehr etwas tun, das dir nicht gefällt."
Das Gewicht des Knaben auf der Brust schmerzte; Francis bedeutete ihm, sich aufzusetzen. Er schaute ihn emphatisch an und strich ihm das Haar aus dem Gesicht. "Das ist Blödsinn. Ich liebe dich so wie du bist, das weißt du doch. Du sollst dich nicht ändern. Ich bin derjenige, der Abbitte leisten muss. Es tut mir leid, dich geschlagen zu haben. Es ist nur – verflucht, ich habe solche Schmerzen, Florey, ich möchte mit dem Schädel an die Wand, nur um sie für eine Sekunde zu vergessen. Wenn ich zu heftig reagiere, liegt das nur daran, verstehst du? Außerdem, Florey, und das ist sehr, sehr wichtig, was ich dir jetzt sage, deshalb spitz' die Ohren: bitte gehe nicht mehr mit diesem Raeburn alleine irgendwo hin. Du würdest mir das Herz brechen. Ich hatte Angst um dich, als ihr weg wart."
"Du hattest Angst? Wegen Dr. Raeburn?"
Francis nickte, in seinen Augen flackerte es.
"Das musst du nicht. Er ist wirklich nett –"
Ein ungehaltenes Zischen ließ Florey verstummen, er streichelte die Hand seines Bruders und wartete darauf, dass Francis sich beruhigte. Schließlich schluckte dieser und schloss die Augen.
"Ich weiß, dass er nett ist. Gerade deshalb musst du aufpassen. Nette Menschen sind selten das Vertrauen eines anderen wert. Sie verfolgen eine eigennützige Absicht, wenn sie sich freundlich gebärden. Bitte gib mir dein Versprechen, Florey."
"Welches Versprechen? Ehrlich, Francis, ich verstehe dich nicht ganz..."
Francis ballte die Hände zu Fäusten; er hatte schon damit angefangen, ihm Florey abspenstig zu machen, dieser Raeburn. Da kannte er sich wohl aus. Francis schalt sich einen Narren; der Name hätte ihm gleich zu Beginn etwas sagen müssen. Aber Raeburn war kein auffälliger Familienname, und es war neblig gewesen, so dass Francis nicht in der Lage gewesen war, das Gesicht des Doktors zu manifestieren. Zudem lagen sechzehn Jahre dazwischen. Die markante Stimme und die einfühlsamen Hände allerdings ließen keinen Zweifel offen. Wahrscheinlich hatte Francis ein bisschen mit dem Feuer spielen wollen. Kleine Sünden bestraft der Herr sofort, wie Pfarrer Dobbs – um Bibelsprüche nie verlegen - so schön zu sagen wusste. War es eine Sünde, drei Fremden Obdach zu gewähren? In Zukunft würde er niemanden mehr aufnehmen. Flehend nahm er Floreys Hände in die seinen.
"Es ist egal, ob du es verstehst oder nicht! Ich möchte nicht, dass du weiteren Umgang mit ihm pflegst."
Aus Rücksicht auf Francis' desolate Verfassung tendierte Florey zur Kapitulation.
"In Ordnung. Du musst dich nicht aufregen. Ich liebe dich, Francis." Er beugte sich vor, um den Bruder auf die Stirn zu küssen; in diesem Moment betrat Thorpe schwungvoll den Raum.
"Oh, ich – ich gedachte nicht –"
"Sie stören nicht“, half ihm Francis. "Ich warte seit einer Ewigkeit auf einen von euch elenden Kurpfuschern. Haben Sie Morphium dabei?"






































