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Freitag, 30. Januar 2026

"Das deutsche Herz" ~ Adolf Schmitthenner

Mit dem deutschen Herz beschäftige ich mich seit November letzten Jahres. Meine beste Freundin spielte die Hauptrolle Ursula von Sternenfels im gleichnamigen Theaterstück. Meine Schwester und ich waren an der Kulissengestaltung beteiligt, und als meine Tante davon erfuhr, borgte sie mir das Buch, das seit vielen Jahren zu ihrer Lieblingslektüre gehört. Es ist übrigens nur noch antiquarisch zu haben, da es wenige Auflagen gibt, wenngleich Adolf Schmitthenner als Heimatromancier ziemlich erfolgreich war (und auch ein bisschen Ähnlichkeit mit Zeitgenosse und Kollege Karl May hat).

 

Als Junkerin auf der Burg (KI)

 

"Das deutsche Herz" ist sein bekanntestes Werk und handelt von Friedrich von Hirschhorn, dem letzten Ritter hier in der Gegend am Neckar. Der regionale Bezug war sowohl für meine heimatverbundene Tante als auch für das Theaterstück attraktiv. Sogar mein Wohnort wird im Buch genannt, denn auch er stand wie 106 weitere Dörfer unter der Verwaltung des Ritters.

Friedrich ist ein guter Lehnsherr, daher auch sein Beiname "das deutsche Herz". Er behandelt seine Frau Ursula gut und wie seinesgleichen (nicht selbstverständlich, schon gar nicht um 1600), und er tritt für Religionsfreiheit ein, obwohl er dem evangelischen Glauben angehört. Insofern ziemlich modern und fortschrittlich. Doch er hat Pech, was sein Geschlecht betrifft: die Beußerin von Ingelheim, seine Großmutter, legt einen Fluch auf ihn, nachdem Friedrich ihren Sohn bei einem Fechtkampf tödlich verletzt. Nie soll ein Nachkomme überleben.

Damit nicht genug: Seine Kindheit birgt ein schreckliches Geheimnis, das von seinem Onkel, dem tollen Hans, angezettelt wurde, und das ihn zeitweise von seiner lieben Ursula entfremdet. Es geht drunter und drüber im deutschen Herz, auch politisch. Denn zu Friedrichs Zeit wütet der Dreißigjährige Krieg. Da habe ich ehrlich gesagt nicht viel verstanden, denn das Buch, das Ende des 19. Jahrhunderts geschrieben wurde, hat eine umständliche und recht komplizierte Sprache. Selbst meine Tante meinte, es sei schwer, den Einstieg zu finden. An den Stil habe ich mich nach und nach gewöhnt, doch die politischen Unruhen waren mir zusätzlich zum persönlichen Schicksal Friedrichs fast zu viel.

 

Die zweite Aufführung am 25. Januar

 

Denn es war schon starker Tobak, mit dem er und Ursula fertigwerden mussten. Ihr einziger erwachsener Sohn Hans rebelliert gegen den Vater und verliert im Krieg sein junges Leben, und weitere Kinder der beiden sterben entweder bei der Geburt oder als Säugling. Mir wurde da bewusst, wie entbehrungsreich und oft elend das Leben als Rittersfrau gewesen sein muss. Ursula hatte immerhin einen liebenden Ehemann, doch auch sie war an eheliche Pflichten gebunden, an denen sie laut Schmitthenner immerhin anscheinend Spaß und Leidenschaft fand. Doch wie viele Frauen gab es wohl, die nicht das Glück eines verständnis- und liebevollen Gatten hatten, der sie auf Augenhöhe behandelt, und die nur zum nicht endenwollenden Haushalt und als Gebärmaschine taugten? Das hat mich echt nachdenklich gemacht. 
 
Erbaulich ist die Lektüre keineswegs. Es gibt viele Tote, viele Unglücke und Geheimnisse und Dramen; Faktoren für ein gutes und spannendes Buch. Besonders, wenn man etwas über die lokale Geschichte im Mittelalter erfahren möchte.
 
 
Backstage mit der bezaubernden Ursula

 
Ich bin nicht so der Fan von (historischen) Lokalkrimis, auch wenn ich das Buch im Großen und Ganzen lesenswert fand. Bis zur Aufführung des Theaterstückes habe ich es nicht durchgelesen gehabt, macht aber nichts. Das Buch war durch die Politik und im Stück nicht auftauchender Figuren weit ausführlicher, als ich es gebraucht hätte. Trotzdem wollte ich es zu Ende bringen. Es war neben der schon erwähnten "Fluchsache" der Beußerin (die man heute mit Frau Wagner übersetzen würde) auch recht lehrreich. Traurig auch, denn ein Happy End gibt es nicht (ich glaube, das darf ich sagen ohne zu spoilern). Es zeigt, wie unversöhnlich Menschen schon damals sein konnten, und dass der Mensch, der gut sein will, nicht immer Gutes tut. Das war im Theaterstück gut zusammengefasst. Der arme Friedrich hat mir schon ein bisschen leidgetan. Seinem Schicksal konnte er nämlich nicht entrinnen, auch wenn der Fluch der Großmutter nicht viel mehr als ein Placeboeffekt war.
 

Bewertung: 💫💫💫

 

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