I solve crimes and blog about it

Dienstag, 31. März 2026

Ade, Mein Rollladenshop.de

Im verflixten siebten Jahr trennen wir uns, der Rollladenshop und ich. Seit Mitte des letzten Jahres weiß ich, dass die Teile, die wir bisher aus unserem Lager verschickt haben, komplett nach Berlin transferiert werden sollen und ich somit keinen Job mehr habe. Und trotzdem ist das Gefühl anders, wenn die Situation real wird. Letztes Wochenende war der Juniorchef aus Berlin da, um den Lagerbestand ordnungsgemäß einzukartonieren, zu beschriften und für den Transport vorzubereiten. Immerhin sind es über 600 km, die zurückgelegt werden im LKW. 

 

Im verpackten Kartongebirge vor leeren Regalen

 

Ganz ehrlich. Es trifft mich. Obwohl ich oft geschimpft habe und auch verstehen kann, warum es besser ist, alles an einem Ort zu haben. Und obwohl ich mich mit den technischen Details gar nicht so auskannte. Aber der Shop hat mir besonders nach Mamas unerwartetem Heimgang etwas Routine und Struktur gegeben. 

Jeden Tag, auch an Sonntagen, habe ich als erstes nach dem Frühstück die Bestellungen im Backoffice gecheckt, als Lieferschein ausgedruckt und dann die Artikel zusammengesucht, verpackt, die Pakete vermessen und gewogen und für den Versand etikettiert. Manchmal hatte ich Hilfe beim Verpacken, manchmal nicht. Die kleineren Teile waren kein Problem; bei den anderen, sperrigen oder denen, die zurechtgesägt werden sollten, musste ich halt warten, bis jemand Zeit hatte. Apropos Zeit: mir war immer wichtig, zeitnah zu senden und damit die Kundenzufriedenheit zu gewährleisten. Es ist nicht immer geglückt. Wir arbeite(te)n zu zweit, bestenfalls zu dritt, in der Zweigstelle; da war schon ziemlich was zu stemmen, denn das Geschäft floriert seit der Corona-Krise. Stemmen im wortwörtlichen Sinn, solange wir auch die maßgeschneiderten Rollläden angeliefert bekamen und - soweit der Kunde in der näheren Umgebung wohnte - auch ausfuhren. Bis in den Schwarzwald gingen unsere Touren. Das endete 2025, und nun ist auch das Zubehör dran. 

Angefangen hat es im September 2019 für mich. Da bestand der Shop bereits fünf Jahre (glaube ich). Ursprünglich als Hilfskraft eingestellt (nach meinem Verständnis), erweiterte sich mein Aufgabenbereich bald, und ich wurde offiziell die sogenannte Auftragsmanagerin. Das gefiel mir recht gut, denn nach einer eher untätigen Phase, in der ich aufgrund einer Depression nicht full time arbeiten konnte, war ich endlich mal wieder für etwas verantwortlich und ein "Rad im Getriebe".

 

Die neuen Kollegen, Ende 2021

 

Überfordert war ich eigentlich nie. Hatte Spaß mit Mikkel und Toby, die Büro und Werkstatt in Beschlag nahmen, ganz oben auf dem Endloskarton thronten und in Verpackungen raschelten, und irgendwie auch Spaß an der Arbeit mit SWR4 im Hintergrund, der Radiosender, den ich so zu schätzen gelernt habe. Auch wenn es nicht mein Traumjob war und ist. 

Noch kann ich mich ein bisschen wie im Urlaub fühlen (den ich lange nicht mehr hatte - wie lange, will ich gar nicht offenbaren!), doch es ist merkwürdig, nach all den Jahren Arbeitsleben auf einmal ohne Job dazustehen. Ich muss entsprechende Maßnahmen ergreifen, auf Ämter gehen, Formulare ausfüllen. All das ist totales Neuland für mich und auch ein bisschen einschüchternd. 

Erschwerend kommt meine Behinderung hinzu. Solange ich angestellt war, ging das gut über die Firma in der Familie, wo man meine Fähigkeiten besser einschätzen kann als anderswo. Tatsächlich hat mir das Ende meiner Arbeitszeit schon das heulende Elend beschert. Ich kam mir albern vor und habe mich in meinem Zimmer verkrochen, um niemanden sehen zu lassen, wie nah mir das geht. Es gab nicht zuletzt auch eine finanzielle Sicherheit. Mein Gehalt war nie riesig, doch beklagt habe ich mich nicht. Zu dem, was ich zum Leben brauche, hat es gereicht. (Ich höre aber Mama sagen, dass man manchmal auch ein bisschen mehr braucht... ich war ihr oft zu genügsam.)

 

Am Firmenrechner

 

Naja, ich denke, es wird irgendwie weitergehen. Wir haben schon viele Veränderungen gemeistert. Wobei ich im Rückblick ehrlich sagen muss, dass ich am liebsten noch unseren Kreativladen hätte, den wir 2013 schließen mussten und in dessen Räumen auch Büro und Lager vom Rollladenshop standen. Und dass Mama viel ermutigt hat, wenn wir vor neue Herausforderungen gestellt wurden, war ein wichtiger Faktor in Sachen "Wir schaffen das!" Richtig Fuß gefasst hat unsere Raumvermietung leider nicht in den zwölf Jahren, in denen wir sie anbieten, selbst da wir zufriedene, wiederkehrende Mieter haben.

.Ach so, da wäre noch mein "Nebenerwerb" als Autorin und Digital Creator auf Facebook. Zu meinem Pech läuft beides gerade nicht wirklich gut. Ich weiß nicht, wie ich meine Bücher noch vermarkten soll, damit ich mir eine Leserschaft aufbaue, was jetzt wichtiger wäre denn je. Zwar flattern ständig Emails über Strategien der Sichtbarkeit meiner Romane rein, aber nachdem ich einmal darauf eingegangen bin, kam mir das Ganze eigenartig und KI-generiert vor, angefangen beim Profilbild der Absender bis zum Inhalt der Mails. Vermutlich eine Art Abzocke. Die meisten kommen verdächtigerweise aus dem Ausland. Schade. Es wäre doch schön, wenn's mal jemand im Internet ehrlich meinen tät'. So wie ich im Rollladenshop. Den werde ich wirklich vermissen.

 

Montag, 23. März 2026

Bob und wie er die Welt sieht ~ James Bowen

 Als die Bob-Mania nach der Veröffentlichung vom "Bob dem Streuner" im Jahr 2013 ihren Höhepunkt erreichte, habe ich sie verpasst. Natürlich hörte ich davon, doch das Buch und die bald darauf folgende Verfilmung haben mich nicht wirklich interessiert. Vielleicht war mir der Hype zu groß. Vor kurzem las ich die Fortsetzung "Bob und wie er die Welt sieht", das ungelesen in meinem Verkaufsregal für Booklooker steht - eine Freundin hatte es mir mitgegeben. Die Geschichte hat mich berührt, ist sie doch mehr als die Biografie eines obdachlosen jungen Mannes und seiner zugelaufenen Katze.

 

Bob und James / Amazon
 

Inhalt und Meinung: Einen roten Faden gibt es in "Bob und wie er die Welt sieht" nicht (wenn man Bob nicht als solchen betrachtet); es sind kleine Episoden, die James' Leben mit seinem ungewöhnlichen Rotpelzchen beschreiben. Manchmal lustig, amüsant und heiter, oft aber auch schwermütig, nachdenklich machend und in gewisser Hinsicht auch tragisch und traurig. Man spürt, dass Bob ein Rettungsanker ist für den wenig selbstbewussten und drogengefährdeten James, der lange auf der Straße gelebt und wenig Freunde hat. 

Er ist Verkäufer der Obdachlosenzeitung "The Big Issue" in London, und schlägt sich damit durchs Leben. Es reicht oft gerade, um die Heizkosten und Bobs Katzenfutter zu begleichen. An schlechten Tagen nicht mal dann. Trotzdem sind James und Bob guten Mutes und ein tolles Gespann. Wenn es kalt und regnerisch ist, trägt Bob Schal, Mütze und hin und wieder eine stylische Plastiktüte gegen Kälte und Schneeflocken. Er ist James' zweiter Schatten, folgt ihm auf dessen Schulter oder an der Leine überall hin und erregt die Aufmerksamkeit von Passanten. Sogar einen eigenen U-Bahn-Ausweis kann er vorweisen. Wenn er in Stimmung ist, zeigt er kleine Kunststücke wie Tatzenabklatschen (High Five) und Leckerli jagen. Doch es gibt nicht nur wohlwollende Menschen - manche haben Böses im Sinn oder halten Bobs Naturtalent und die kleinen Tricks vor Passanten für Tierquälerei. Gut, dass sich James auf Bobs Menschenkenntnis verlassen kann. Er zeigt Skeptikern, dass sein Platz nirgendwo anders ist, und er warnt James vor Gefahren auf dem Heimweg durch das nächtliche London. Auch als Doktor ist auf ihn Verlass. Vor allem aber ist er das, was James als Fügung des Himmels beschreibt: Freund, Seelenverwandter und Beschützer. Und er lehrt den ehemaligen Junkie Verantwortung. Durch Bob gewinnt James wieder eine Perspektive und Mut zum Leben. 

Ein Leben, das bisher von der Straße und einer verkorksten Kindheit geprägt war. Nach der Scheidung der Eltern zieht der kleine James mit der Mutter nach Australien, wo er bereits auf die schiefe Bahn gerät. Mit Achtzehn kehrt er nach England zurück und lebt auf der Straße, oft ohne Dach über dem Kopf, und immer auf der Suche nach dem nächsten Schuss. Für seinen Vater ist er eine Enttäuschung. 

Erst als er den verletzten Bob gesundpflegt, der seitdem micht mehr von seiner Seite weicht, fühlt er sich nicht mehr als Versager. Denn das, was er Bob an Fürsorge und Liebe angedeihen lässt, gibt sein Rotpelzchen hundertfach zurück. "Jetzt übertreibt er aber!", dachte ich manchmal beim Lesen, aber dann wieder. "Warum nicht?" Warum soll ein Vierbeiner nicht dasselbe fühlen können für seinen Menschen wie dieser für die Katze? Bei James und Bob war es wohl eine ganz besondere Beziehung. Vielleicht hatte Bob tatsächlich einen Auftrag von oben.

 

Auch Toby mag Bob.


Die Frage, was sein wird, wenn Bob nicht mehr da ist, treibt James um, doch er hat solche Angst vor dem Gedanken, dass er ihn nie zu Ende denkt. Mehr als der unerwartete Reichtum durch die Medien, mehr als das neue Haus, das er mit dem Kater nach der Erfolgsveröffentlichung ihrer Geschichte bewohnt, beschäftigt ihn die Sorge um Bob. Leider - im Buch nicht zu erfahren, dafür bei Google - geschah Bob genau das, wovor James sich gefürchtet hatte. Während eines unbeobachteten Spaziergangs wurde er im Juni 2020 angefahren und tödlich verletzt. Der Fahrer beging Fahrerflucht. James' Trauer ist groß, und er rutscht wieder in die Drogenszene ab. Allerdings - umsonst soll Bobs Arbeit und Liebe für James nicht gewesen sein. Obwohl ihn sein Literaturagent fallenlässt (Menschen sind keine so treuen Freunde wie Tiere) und er das Haus verkaufen muss, fängt sich James bald, wird clean und engagiert sich heute für Tierschutz und Obdachlose. Ein bisschen wie die beiden jungen Männer mit ihrem Löwen Christian mehr als vierzig Jahre zuvor, deren Leben ebenfalls von einem Tier in derselben Stadt beeinflusst wurden und eine unerwartete Wende genommen haben.

Im Londoner Stadtteil Islington, ihrer "Wirkungsstätte", erinnert eine Statue mit Schal und Gedenktafel an den besonderen Kater. Doch in James' Herz bewahrt er sich auch ohne Denkmal einen Platz, den kein anderer einnehmen kann.

Fazit und Bewertung: Eine Biografie, die ans Herz geht und eine außergewöhnliche Geschichte erzählt. Daher gibt es 

😺😺😺😺

 

 

Freitag, 13. März 2026

Zum Thema Nachhaltigkeit

 Es liegt mir fern, mich mit diesem Artikel moralisch über andere zu erheben. Es folgt auch kein Aber... sondern einfach eine Beobachtung, die ich in den letzten Tagen gemacht habe. 

 

Die Geretteten
 

Auf einem Spaziergang schlenderten wir an einem Container für Altkleider vorbei, über den verteilt drei gestopft volle Säcke mit Kuscheltieren lagen, teilweise auf der Straße - vielleicht von ebenso neugierigen Passanten wie uns auseinandergepflückt. Wir untersuchten den Inhalt näher und stellten fest, dass die Plüschtiere so gut wie neu waren, größtenteils noch mit Etikett und die teuren Glubschis darunter (die ich eigentlich grässlich finde). Obwohl es nicht meine Art ist, schlug ich vor, ein paar mitzunehmen und zu retten vor der Schreddermaschine. Einen ganzen Sack trugen wir durch die Stadt. Zuhause wurden sie gesäubert und fürs Gruppenfoto aufgestellt; es sind wirklich goldige und unbespielt wirkende Tiere. Aber für den Eigenbedarf viel zu viele. Nach einer Weile fiel mir das Plüschtierheim ein, und wir packten zwei große Kartons, um sie zu verschicken. 

Am nächsten Tag gingen wir nochmal hin, um eine weitere Auswahl einzusammeln, doch sie waren wohl schon im Bauch des Containers oder fortgebracht worden. Stattdessen lagen andere Kindersachen herum, Kleidung, Schuhe in allen Größen, Taschen und sogar eine Babymatratze. Man macht sich seine Gedanken bei so einem Anblick. Warum wurden gute, noch brauchbare und auch schöne Dinge so rigoros entsorgt? Welche Geschichte steckt dahinter? Ist sie tragisch, stand ein Umzug in eine ferne Stadt an, sind die Kinder den Sachen entwachsen und finden Kuscheltiere kindisch, wurde ein Haushalt aufgelöst? Der Anblick war traurig und hat viel Sentimentalität in mir geweckt. Ich bin niemand, der Sachen hortet, aber ich würde doch mal im Bekanntenkreis fragen, wer etwas brauchen kann, wenn ich mich von etwas trenne, das anderen noch Freude machen könnte. Oder einen Karton mit "Zu verschenken" vor die Haustür stellen. Nach unserer Erfahrung wird der schnell leer, und viele Nachbarn sind dankbar.

 

Lumpi, der zum Lumpen werden sollte


Den kleinen Hund habe ich behalten, obwohl ich gerade dabei bin, mich selbst von vielen Dingen zu trennen, damit am Ende nicht so viel in die Tonne muss, das andere nicht wertschätzen. Gerade in letzter Zeit mache ich mir Gedanken darüber. Was anderen wertvoll ist, die Geschichten, die ein alter und einst geliebter Gegenstand wie der Hund erzählen könnte oder ein altes Möbelstück, interessiert dann keinen mehr. Schade eigentlich. Ich finde, wir sollten nachhaltiger mit den Sachen umgehen, mit denen wir uns tagtäglich umgeben. Da haben uns ältere Generationen, die Entbehrungen erlebt haben, vieles voraus. Oder liege ich falsch? 

 

 

Montag, 9. März 2026

"Ein Spiel zu viel" als kostenloser Download

 Anlässlich des neuen Covers, das nun doch noch einige Veränderungen durchlaufen hat, möchte ich auf eine Aktion aufmerksam machen, die bei "Shalom Mamele" höchst erfolgreich war: der kostenlose Download meines Buches auf Amazon. Ich würde mich sehr freuen, wenn Irving & Co. annähernd so viele interessierte Leser/innen gewinnen würde wie meine Biografie über Mama. 

 

 

"Ein Spiel zu viel" erzählt die Geschichte einer Theaterschauspiel-Clique im Jahr 1902, deren Anführer Irving Van Sander einen perfiden Plan ausklügelt, um seinen Geliebten Galen Asquith nicht teilen zu müssen, wie er befürchtet. Was an sich ziemlich merkwürdig wirkt - erst einmal. Denn Galen hat keinen neuen Partner, doch durch einen Kollegen erfährt Irving von seinem ehemaligen Adoptivvater, der ihn aufnahm, als man Galen als Baby in den Londoner Docks ausgesetzt hatte. Allein das ist dem eifersüchtigen und narzisstischen Irving ein Dorn im Auge; gemeinsam mit seinen Freunden Dashiell, Christopher und seinem jüngeren Bruder Orest reist er nach Dorset, wo Mr. Blake als Farmer nach dem Ausstieg als Inspector von Scotland Yard seinen Vorruhestand genießt. 

Irving schickt den ahnungslosen Orest zu ihm, um Kontakt herzustellen und mehr über Raphael Blake herauszufinden. Außerplanmäßig nimmt Orest nach mehreren Treffen Galen mit zu ihm, ohne zu wissen, wie die Beziehung zwischen dem überspannten Schauspieler und dem unerschütterlichen Mr. Blake geartet ist. Blake selbst erkennt Galen nicht, den er tot glaubt. Galen indes erinnert sich sehr wohl an ihn, ist sich aber nicht sicher, ob im Guten oder im Schlechten. Immerhin gab es nach ihm Blakes leiblicher Sohn Zachary, der ihm Blakes Gunst seiner Ansicht nach entzogen hat... und der im Burenkrieg in Afrika sein Leben ließ - allerdings nicht in Ausübung seiner Pflicht als Soldat. 

 Insgesamt ist "Ein Spiel zu viel" recht episch angelegt und auch etwas verzwickt; das ist eine Spezialität von mir, die ich nicht ablegen kann. 😇 

Im markierten Link könnt ihr die bereitgestellte Leseprobe abrufen, die wie immer ziemlich lang ist auf Amazon. Wenn euer Interesse geweckt ist an einer Geschichte um Charakterköpfe, Geheimnisse, Psychologisches und Historisches und auch den Dreh einer Gruppendynamik, dann zögert nicht, es herunterzuladen, denn die Zeit ist bis zum 12. März begrenzt. Ich freue mich sehr darüber und verdiene keinen Cent daran... 😏

 

 

Donnerstag, 5. März 2026

Fairlight ~ eine Überlegung

 Wie ihr wisst, ist es für Selfpublisher nicht so einfach, ein Buch zu promoten. Es braucht einen langen Atem und Geduld, und beides habe ich nicht im Überfluss. Umso mehr freut es mich, wenn meine Romane gut ankommen und trotz einem vielleicht etwas sperrigen Thema begeisterte Rezensionen erhalten. So wie "Fairlight". Tatsächlich hat dieser Roman zwar nicht allzu viele Bewertungen, dafür aber im Durchschnitt die besten von allen meinen zehn Büchern. Was mich überrascht, denn... es geht um Abgründe. Abgründe, die zum Zeitpunkt des Schreibens noch in die Buchwelt passten bzw. es noch keine Trigger-Warnungen gab, weil man nicht jede Befindlichkeit berücksichtigte und den Lesern/Verbrauchern mehr Selbständigkeit und Stabilität zutraute. Und den Schriftstellern freiere Hand ließ, ohne woke Zensur.

 


"Fairlight" handelt in erster Linie davon, sich von Zwängen und festgefahrenen Gewohnheiten zu befreien, die für den psychisch belasteten Florey nicht zu durchbrechen sind, obwohl er unglücklich ist und sich nach Freiheit sehnt. Dasselbe gilt für seinen älteren Bruder Francis. Der ist - wie Florey - beileibe kein Sympathieträger. Oft wirkt er roh, unberechenbar und animalisch. Doch er hat einen weichen Kern, und natürlich einen Grund für seine Wesensart. Sein Bruder ist sein Ein und Alles. Dabei überschreitet Francis Grenzen, die auf den ersten Blick befremdlich anmuten. Vielleicht werden seine Motive nicht einmal gegen Ende ganz klar; eine Leserin schrieb mir, er hätte wenig Verständnis bei ihr hervorgerufen. Im Gegenteil. Am Schluss empfand sie fast so etwas wie Abscheu. Das kann ich verstehen. Denn Francis ist machtlos gegen seine Gefühle. Er kontrolliert und beschützt, gibt den harten Geschäftsmann auf Fairlight, ist misstrauisch gegenüber den Besuchern, feindselig und impulsiv, und zuweilen auch grausam. Seine Emotionen, die er selten zeigt, konzentrieren sich dafür in überbordenden Maß auf Florey, der sie zwar schätzt, aber nicht einordnen kann. So wie Francis von allen, die mit ihm zu tun haben, schwer einzuordnen ist.

 

 

 Geschwisterliebe und verbotene sexuelle Begierden sind kein Thema, das ein Wohlgefühl hervorruft. Ich hatte damals meine düstere, etwas morbide Phase und würde meine Phantasie in dieser Richtung heute etwas zügeln. Dennoch gefällt mir die Geschichte aus psychologischer Sicht immer noch. Francis' Liebe reicht weit in die Vergangenheit, in der er jemanden verloren hat, mit dem er schlimme Zeiten durchmachen musste, der ihm Halt gab und das Gefühl, gebraucht zu werden. Das alles ist ziemlich komplex, und wie fast jedes meiner Bücher sollte man "Fairlight" aufmerksam lesen, um die Zusammenhänge zu verstehen. 

Die Besucher, denen Francis unterwegs begegnet und die er ins Anwesen einlädt, weil sie aufgrund einer Wagenpanne nicht mehr weiterfahren können, sind so etwas wie ein Wink des Schicksals für die Brüder. Mit ihrer Anwesenheit, und ganz besonders mit der von John Raeburn, ändert sich einiges auf Fairlight. Es scheint, als ob Francis das beabsichtigt hat, und trotzdem fällt es ihm schwer, Florey seine eigenen Entscheidungen treffen zu lassen, der sich Dr. Raeburn nach einiger Zeit öffnen kann. Veränderungen ängstigen ihn im Allgemeinen, doch er erkennt in dem Fremden bald einen Freund, dessen Geduld und Umgang mit ihm zwar strapaziert werden, aber unerschöpflich und von schmeichelhaftem Interesse sind. Eitel und launisch sind nämlich beide Brüder, doch Florey verzeiht man seine schlechten Eigenschaften vermutlich eher, weil er hilfloser wirkt als der "bossy" Francis. 

Die Geschichte erzählt die einer dekadenten Familie, zu der nicht nur die beiden gehören, sondern zwei weitere Brüder und ein despotischer Vater, der nicht nur eine Leiche im Keller hat. Kein einfaches Buch also, aber wie schrieb eine Rezensentin so treffend: 

"Diese Geschichte ist für mich ein Crescendo. Ein Pferd, das erst gezähmt werden muss, bevor man den wilden Ritt wagen kann.

Ich liebe es."

Würdet ihr einen solchen Ritt wagen? Oder sind die Themen zu düster und zu pikant? Zur Beschreibung und Bestellung des Buches: *Klick*